Corusja rückt dem Glauben näher. In der Grotte von Bethlehem offenbart sich Gott
20. Kapitel
Noch ein paar Wochen sind verstrichen. Oft kommt der Landesfürst und angesehene Männer, aus der näheren Umgebung auch vom Volk, die einfacheren Leute. Es gibt herrliche Gespräche, der Kontakt wird immer fester, bis an einem Abend, als nur Pereztha unter ihnen weilt, Corusja plötzlich sagt:
„Kehre ich zurück, dann trage ich ein anderes Gewand, innerlich. Ihr Israelen habt mein altes weggenommen. Zwar darüber froh, weiß ich nicht, ob ich dafür danken soll. Ich muß dem Volk ein Moabiter sein, wie soll ich sonst mit ihm verbunden bleiben? Das hängt mir etwas an und somit . . .“
Sagt der Fürst: „Solltest keine Sorge darob haben. Recht hast du vom ‚inneren‘ Gewand. Das äußere kann bleiben, wenn in ihm der Mann des Rechts, der Treue und der Wahrheit steckt. Das nimmst du mit heim. Das Innere wird dir helfen, falls es nötig wäre, noch viel besser deine Städter zu regieren und dem Hauptregent ein Halt zu sein. Und vieles Gute mehr.
Der Glaube an den einen Schöpfer bleibt das Fundament von gutem Denken, Reden und Danach-Tun, was sich bei dir wunderbar gefestigt hat. Den Grundsamen streuten Elimelech und Naemi, und wir andern durften auch paar Körner streuen. Sei also nicht verzagt; dein Weg bleibt hell, man wird es merken, wie zu deiner schon vorhandenen Güte mancherlei hinzugekommen ist.
Daß du den Ein-Gott-Glauben nicht gleich ausposaunen kannst, ist gegeben. Gott sieht das besser als wir Menschen an. Wer nicht aus Angst den Mantel um sich hängt, aus Furcht vor Spott versagt, der kann sein heilig-schönstes Wissen wie ein Kleinod hüten. Man läßt es ab und zu erstrahlen, man spürt es leicht, wo es zu geschehen hat, wann man ‚leuchten‘ darf.
Unser Mose hat es auch gewußt. Erst bei der Rettung seines Volkes ließ er alle Geisteskräfte wirken. Vorher auch ein Sohn des dritten Patriarchen, von den Brüdern nach dem Nil verkauft. Er wurde der ‚geheime Rat‘ des Pharao (1. Mo. 41, 45). Eben das ‚Geheime‘ ist die stärkste Kraft. Nur sollte man den Glauben nicht zu jeder Zeit als nur geheim bekennen, da würden wir uns selbst betrügen. Wer könnte dann vor Gott bestehn?“
„Ich unterbreche“, meldet sich Corusja. „Wenn man auf diese Weise etwas kennt und leugnet, aus welchem Grunde immer, wie kann man da vor Gott bestehen? Kann das ein Mensch, der Ihn erst erkennen lernte? Ist Er auch die Güte und die Liebe, so ist er auch gerecht und ihr habt gesagt: ‚Er wird nicht immer streicheln.‘
Vielleicht ist das der größte Ausdruck Seiner Liebe, denn aus nur gestreichelten Kindern wird nicht viel. Denke ich an meine Unzulänglichkeit, an meine Schuld, vordem begangen, da sieht‘s dann windschief aus und Gott wird zu mir sagen: ‚Was willst du denn bei Mir? Gehe erst und mache alles wieder gut!‘ Und das — o nein — das kann kein Mensch, mindestens nicht alles.“ Es ist echte Trauer, die den Moabiter überfallen hat.
Naemi tröstet ihn. „Lieber Freund, mir geht‘s wie dir. Auch ich könnte nicht vor Gott bestehen. Schuld und Unzulänglichkeit sind ein breiter Graben, der nicht zu überspringen ist. Da muß man eine Brücke bauen, die heißes Flehen ist, der gute Gott möchte allzeit helfen, wenn wir nur den besten Willen aufzubringen wissen. Nicht der: ich will und man bleibt dann stehen. Das ist ein fauler Apfel und verdirbt den Magen unsrer Seele.
Es ist so gemeint: Gott sieht auf das Gemüt, ob das in Ordnung ist. Man kann aus reinen Rechtsgedanken sein Gemüt veredeln, auch wenn man nie etwas vom einen Gott vernommen hat. Wer aber weiß, daß es Ihn gibt, kann einzig durch den Glauben sein Gemüt zur Stätte reiner Lichtgedanken machen. Mit denen kann man wohl bestehen; denn gern deckt Gott das Ungenügend zu, das durch menschliches Versagen kommt. Und dieses wieder greift zurück in die Materie, der wir ja verhaftet sind, solang wir diese Welt bewohnen.
Wirf also deine Bürde über Bord, den Gedanken an das Einst, bevor du unsern Schöpfer der Unendlichkeit gefunden hattest. Im kindlichen Vertrauen können wir zu Ihm gelangen, im kindischen Begehren aber nicht! Damit wir nun den lieben Freund“, Naemi zeigt auf ihn, „ganz fest auf seine Geistesfüße stellen — noch ist ja der Abend hell und mild —‚ wollen wir zur Grotte gehen. Dort werden wir erleben, ob unsere Erkenntnis richtig war. Leider — wir Menschen sind zu rasch bereit, uns etwas auszudenken und sehen es hernach als Wahrheit an; und wie vieles kann mitunter fehlen, manches bloß aus unserm Wunsch hervorgegangen sein.“
Man steht eilig auf. Ruth und Heleana haken bei Naemi ein, Orpa geht mit Hanea, die Männer hinterdrein. Der Abend weicht der Nacht und Bethlehem, der kleine Flecken, liegt in tiefster Ruhe. Also bleibt das Heilige noch zugedeckt außer für die kleine Schar. Die Zeit muß für die Menschheit erst noch kommen, wo manches ‚Wunder‘ offenbar geschieht.
Sie wandern durch das große Feld. Noch ein paar kleine Hügel und man ist am Haine angelangt. Fern im Osten ziehen schon die Sterne auf. Man war auf dem Wege still gewesen, niemand sprach ein Wort. Die hehre Ruhe der Natur, das beseligende Warten, das man nicht ermessen kann —‚ ein Hauch der Heiligkeit läßt alles Weltliche verblassen, hat ihre Seelen dort hinaufgehoben, wo der Ewige den ‚Thron der Ewigkeit‘ für Sich errichtet hat. Und — das ewige Zuhause Seiner Kinder.
Corusja muß erst den Gedanken bannen: Was ist hier besonderes zu sehen? Orpa fröstelt vor Erregung, sie sucht Schutz bei Hanea. Über alle kommt das Frösteln als ein Vorgefühl: es kommt Herrliches über uns. Nur weiß der Mensch es nicht, er kann es ahnen, und das ist gut, das ist die wahre Seligkeit.
Sie stehen vor dem Eingang, der zum Inneren der Grotte führt, zum ‚Stall von Bethlehem‘, wie es später heißen wird. Zwei Schritte, unterm Vordach bleibt man stehen. Unerkannt und doch bemerkt ist‘s wie ein Strich: ‚Bis hierher und nicht weiter‘, mit dem Unterschied des gleichen Wortes an die Welt: ‚. . . sollst du kommen, hier sollen sich legen deine stolzen Wellen‘ (Hiob 38, 11). O nein, hier steht geschrieben:
‚Bis hierher sollst du kommen,
damit du Gottes Herrlichkeit erfährst!‘
Man hat sich unwillkürlich angefaßt, um sich zu stützen, wegen jener Gnadenlast, die auf sie niedertauen wird. Und als sie sich zum Inneren wenden, die Augen, nicht den Fuß, da sehen sie ein Licht gleich einer Form und dennoch nebelhaft. Eine Wärme haucht sie an, ein linder Strom, ach — so ganz unbeschreiblich, was Gottes Kinder spüren. In Ehrfurcht beugen sie sich nieder, knieen hin und schauen — schauen. Sie beben wie ein zarter Halm im Wind. Sie hören eine Stimme, so dunkelsanft, so wunderbar, als käme sie aus tiefstem Born, zugleich herab aus höchster Höhe, aus der die lieben Sterne freundlich niederblinken.
„Ihr Menschenkinder, höret, was euch widerfahren soll. Glaubet aber nicht, daß ihr deshalb höher steht, bevorzugt vor der Menge vieler Kinder. Es ist ein Gnadenakt, dem Universum geltend, dessen Herrlichkeit ihr nicht erträumen könnt. Dennoch ist‘s ein Lohn für eueren Glauben, und sind mit eingeschlossen, die gleich euch den Geist als Hüter vor die Seelentüre stellen.
Ich brauche nicht zu sagen, wes Stimme ihr jetzt hört; ihr sollt selber wissen, wann der Herr Sich offenbart, so oder so, wie Ihm es wohlgefällt, zum Heil und Segen Seiner Kinder. Nichts tue Ich, das nicht dem höchsten Zweck zu dienen hat, was nicht zum Inhalt Meines Lebenssegens wird, von dem jeder haben kann, wer da nur will.
Euch steigt die Frage auf und Ich sehe sie auch gütig an, denn Meine Kinder dürfen immer fragen, obwohl nicht stets und manchmal die gewünschte Antwort nicht erfolgt. Aber Antwort gibt der Herr zu jeder Zeit — nach SEINER Weise. Nun eben: warum offenbart sich uns der Herr, uns wenigen, hier an diesem Ort? Einmal habt ihr schon ein Wort von Mir durch eine Tochter unter euch gehabt; ihr ‚Engel‘ hatte es gebracht. O seht:
Die Erlösung für das eine Kind, das sich aus Meinem Himmel stahl, mit ihm seine Schar, wird Zug um Zug geführt und nicht, daß dann und wann etwas geschieht. Noch vor der Untat streckte Ich die Hände aus, um aufzufangen, was da fallen wollte, außerhalb des Urzentrums des Lichtes und der Herrlichkeit. Allein — wo der Aufprall werden würde, lagen Meine Vaterhände schon bereit, und der Sturz, der das Leben hätte nehmen müssen, ward gemindert. Für die Abgestürzten unbemerkt, stellte Ich als Schöpfer sie auf ihre Füße, wohl auf ihrem dunklen Grund, auch mit Gebrechen mancher Art behaftet, aber lebend mit der Möglichkeit, gesund und frei zu werden, sobald sich eines aus dem Kerker führen ließ.
Um sie anzurühren, bedarf es allewege Meines Tuns, was zwar nur selten offenbar geschieht, jedoch dann und wann, damit der Oberste der Finsternis erkennen muß: ein Sträuben nützt ihm nichts und die Fesseln seiner armen Freiheit muß er fühlen, wie sollte ihm einst die Erlösung winken? Ein solcher Wink erfolgt in dieser Nacht! Er muß es sehen, daß Mir viele Kinder — denn ungesehen ist ein Heer der Treuen hier bei euch — im Liebesdienst gehorsam sind. Es nagt an seinen Stricken, mit denen er sich, selbst umwunden hat, wissend und geleugnet, gespürt und abgetan.
Draußen steht er auf dem kahlen Stein, und vom Inneren dringt Mein Licht heraus und — die Erlösung! Auch euch, die ihr noch auf dieser Erde lebt, bin Ich wie verborgen und doch herrlich offenbar, tönt Meine Stimme aus dem Innersten des Vaterherzens, aus der Tiefe und der Höhe bis nah an euch heran. Noch ist der Schlußakt der Erlösung zugedeckt, im Innersten verwahrt; bloß Strahl um Strahl dringt dort hinaus, wo das Final geschehen wird.
Ihr dürft wissen, wie Meine Engel, die bereits durch die Materie gingen und die noch kommen werden bis ans Ende dieser Welt, bin Ich jetzt im Innersten erschienen, an der Stelle, wo sich Meine Liebe wie ein Kind gebären lassen wird, und wird wandeln zu der Stätte, wo der Schlußakt für den ganzen Fall erfolgt.
Mein Innerstes, Ureigenstes, kann zwar niemand schauen, wie als Bildnis dargestellt. Nur den Schein seht ihr, nur die Wärme Meiner Liebe ist zu spüren. Aber saget selbst: ist das Maß der offenbarten Herrlichkeit zu überbieten? Ihr bekennt ein stilles ‚Nein‘; ungesprochener Dank und Ehrfurcht fluten zu Mir her, es ist, als würdet ihr im Wachen träumen.
So bin Ich einst aus Meinem Licht als UR herausgetreten mit jenem Lichtanteil, der für Meine Kinder, die Ich werden lassen wollte, vorgesehen war, hatte Mir vom Innersten, von Meiner Selbst-Schau eine Form gegeben und die Stätte zubereitet, wo die Scharen wohnen sollten im Vaterhaus, das unvergänglich ist.
Nicht anders hier! Im ‚Vorraum Meiner Wesensherrlichkeit‘ kommt Mein Wort zu euch, habt ihr viel von Mir gesehen, was euere Seelen jetzt ertragen können, dazu ein feines Flimmern für den Dunklen, der draußen auf dem nackten Felsen steht. Er sieht Mich nicht, er hört Mich nicht, trotzdem bin ich ihm gewahr geworden. Das ist ein Akt von all den ungezählten, eine Himmelsleitersprosse, auf der die Hingefallenen empor getragen werden durch die heilige Barmherzigkeit, die für sie ERBARMUNG heißt.
Längst ist vom Inneren zum Äußeren der GANG gebahnt, der einmal zu begehen ist — von MIR! Der Dunkle hat sein Herz verhärtet und so es pocht, wie jetzt in diesem Gnadenaugenblick, da spricht er böse Worte, um sich zu betäuben. Noch fehlt euch ein Erkenntnislicht, deshalb erst das Verborgene und ihm dann das Offenbare nachzufolgen hat. So höret zu; in der hohen Mitternacht der heiligen, will Ich es euch künden.
Bedenkt ihr nicht, daß jedes Ding ein Gegenüber braucht? Könntet ihr den Himmelsdom erkennen, stündet ihr nicht unter ihm auf eurer Welt? Braucht das Wasser keine Ufer? In einem Hause ist man nicht geborgen, hätte es die Mauern nicht. Wie nun schon in der Materie, so klein, um wieviel köstlicher gestaltet sich das alles in dem Reich, gleich Meinem ewig Innersten, als Mein eigenstes UR-Sein zu betrachten.
Da steht zuerst das heilige Dual: Ich und Mein Werk! Das freilich gilt nur Mir und wird nie ein Kind in vollem Maß verstehen, braucht es auch nicht, wie sich das Geheime einst gebildet hat. Trotzdem enthülle Ich so viel davon, als Mein Kindervolk den Segen daraus haben soll: die Anschauung, soweit gegeben ist.
In der Spiegelung vom heiligen Geheimnis, dem Grundstock jeder Offenbarung, stellte Ich das Volk als Mein Dual Mir gegenüber, um mit Mir vertraut zu sein, ohne Hemmung — die Ehrfurcht ausgenommen, Mir zu begegnen und mit Mir zu reden, wie das Kinderherz begehrt — obendrein aus Meiner Liebe eingepflanzt.
Daraus ergab sich Inneres und Äußeres als jenes Kraftbewußtsein, mit dem Ich einem Kinde zu begegnen weiß. Ihr seht euch selbst dem Äußeren nach, doch im Inneren lebt ein anderes, was stets zu prüfen ist, ob so gut als möglich Ordnung herrscht. Der Impuls, getränkt vom LEBEN, ist der einzigwahre Innenpunkt, aus dem alles strömt und zu dem alles wieder fluten muß, um neue Kraft zu haben. Ohne diesen Strom vom Inneren zum Äußeren und zurück kann nichts bestehen, was da Leben heißt: die Existenz!
Also ging Ich, wie gesagt, aus Mir heraus, aus dem unzugänglichen Mittelpunkt der heiligen UR-Wesenheit. Ich trennte diese für Mich Selbst, um so den Kindern, die da werden sollten, zu begegnen, daß sie Mich lieben könnten, wie Ich sie liebte, bevor ein Hauch des Lebens für das Äußere sie betraf. Für das Innere — wohlgemerkt! — brauchte nichts zu werden, denn alles war in Mir, wie ein Samenkorn in seiner Frucht.
Bin Ich aber GOTT, so sah Ich auch, ob bei der Herausstellung eigenpersönlicher Kindgedanken sich stets der Weg im Licht erhalten ließ. O ja, jeder Weg ließ sich erhalten, sogar in dem den Kindern zugebilligten Freiheitsraum. Ja, um sie Mir anzugleichen, blieb die Freiheit im Gehege, die eigenpersönliche Entwicklung aber stellte Ich hinaus.
Keineswegs außerhalb des Vaterhauses, das Ich zuvor geschaffen hatte, doch ein wenig wie von Mir entfernt, wie sollten sie sonst aus sich selbst den Weg der Liebe zu Mir finden, freudig gehen und gehorsam sein? Das obendrein zu ihrer Seligkeit, für die es keine Grenzen gab. Im kleinsten Spiegel zeigt das die Materie an.
Heute habt ihr Herrliches erlebt und wähnt, niemals wäre das zu überbieten. Euere Seligkeit ist demnach an der Grenze des Gefühles angelangt. Wisset ihr, was morgen kommt? Es fiele euch sehr schwer zu sagen: ach, immer seliger sind wir geworden, weil ihr Mich nicht kränken wollt, das Frühere wäre eben nicht so gut gewesen wie das Spätere. O, Meine Gaben bleiben sich in Ewigkeiten gleich, wie ICH in Ewigkeiten stets der Gleiche bin und bleibe!
In Hinsicht der Entwicklung, um euch Mir anzugleichen, nicht Mir gleich zu werden, das ist streng zu unterscheiden, steigern sich die Gaben, richtiger die Fähigkeit, um aus einem kleinen Geist- und Seelen-Embryo ein reifes Kind zu werden, dahingehend, alle Gaben zu erkennen, aufzunehmen und lebensmäßig zu verwerten, soweit Ich Meinen Kindern das Gehege der Entwicklung schuf.
Diese Grenze — sie ist vorhanden, weil sonst ein Geschöpf in sich zerfiel, hätte es die Grenzenlosigkeit, die ICH besitze —‚ ist von euch nicht auszuschöpfen, denn sie ist innerhalb der heiligen UR-Grenzenlosigkeit! Ihr sagt oft: von Ewigkeit zu Ewigkeit, und es stimmt, weil eine Ewigkeit allein dem Werk als eine Zeit gegeben ward. In Mir ist eine solche im Vergleich für euch die Sekunde eurer Erde, seitdem sie wurde und solang sie noch bestehen wird.
Unfaßbar für euch, und doch ist da ein leises Freuen, der Funke des Gefühls, das selig macht. Daraus ist mit zu entnehmen, wie aus Innerem ein Äußeres wurde und Ich in zugedeckter Vorschau sah, daß in der Entwicklung eines Kindes auch ein Abweg werden kann — nicht muß! Ein Muß setzte ja voraus, daß ICH es wollte, und niemand trüge eine Schuld, der auf solchen armen Abwegpfad geriet.
Daß trotzdem es geschah, wisset ihr vom hingestürzten Kind samt Anhang. Es fiel vom Innersten des Reichsgeheges, aus dem Vaterhaus. Es lief in seine Fremde. Da es nichts vom Lichtreich sich erhalten, alles aufgegeben hatte, ging es in die eigene Nacht hinaus. Demnach das Herrliche, der Inhalt der Erlösung, daß einmal seine Nacht vor Meinem Lichte fliehen muß.
Seiner Nacht gegenüber stehen die gesegneten Nächte Meiner unbegrenzten Herrlichkeit. Deshalb ließ Ich Nächte für die Kinder werden — auch im vorhinein, als Ruhezeiten, die es im Vaterhause gibt, nur nicht vergleichbar mit den Nächten der Materie. Immerhin ist‘s auch ein Spiegelbild.
Gute Menschen ruhen sanft in einer Nacht, böse werden hin und her geworfen. Das Üble ihrer Seele lastet schwer auf dem Gemüt. So auch sind die Unterschiede einer heilig-guten Nacht und jener, die das Fallkind eingehandelt hatte. Also ist es bloß in seiner Nacht noch anzusprechen.
Den Kindern zu dem hohen Zeichen, wie die Erlösung werden sollte, vom Gnadenreichtum Meines Herzens, wählte Ich, solang das eine ferne steht, die Nächte der Materie, um Auftakte herzustellen, aus dem Innersten die Herrlichkeit hinauszutragen, damit alle Meiner Wunder innewerden, die Ich tue, so und so, wie es Meinen Kindern dienlich ist.
Wunder sind Meine Tatsachen!
Auch beim letzten für den Schlußstein wird die Nacht gewählt, in der ein Kind aus Meiner Liebe wird! Hier!“ Eine Hand zeigt auf den Boden. „Wenn die Zeit gekommen ist, und es tagt im armen Kind, dem Hauptschuldner aller Schulden, dann wird das Kind der Liebe sich als Menschensohn mit jenen Worten offenbaren:
‚Es ist vollbracht!‘
Aber merkt: wie lang ein Weg vom Licht ins Dunkel war, so lang währt er zurück! Ob Meine Gnade und Erbarmung manche Zeit zu kürzen weiß, sei der Zukunft überlassen. Ihr versteht, weshalb Ich einen Akt und nachts die Gnadenworte euch zu wissen gab, warum der Dunkle draußen steht, außerhalb des Gnaden-Ortes, jedoch außerhalb der GNADE nicht! Wenn das, so stünde er nicht dort, könnte trotz der Abwehr es nicht spüren, was er spürt. Ja, er merkt das Doppelte der Nacht: seine eigene und die der Welt. — Nun habt ihr viel gehört, und jene mit, die durch die Materie mit glaubensvollen Herzen, mit der Treue, Liebe und der Wahrheit wandern. Mein Segen spannt sich wie ein Bogen über alles, was da LEBEN heißt. Ihr seht die Regenbogen als ein Wunder der Natur, die das Zeichen Meines Bundes und der Gnade sind. Ihr könnt sie sehen, wo aber ihre Enden sind, das seht ihr nicht. So unerschöpflich ist das Wunder Meiner Gnade!!
Noch sei euch gesagt, daß das Gespräch am Abend richtig war und von Mir gesegnet. Ihr ruht in Meiner Hand. Gesegnet sollt ihr sein und beim nächsten Gang vom Ende der Erlösung etwas wissen. Mit euch gesegnet ist das ganze Kindervolk, auch die Armen, auch die Fernen. Friede sei mit euch!“
Stille. So hehr, wie Sterne ihre hohen Bahnen ziehen, friedlich nieder leuchten, manches Herz zu trösten wissen, so wundersam ist‘s in der Grotte. Die Gestalt enteilt und ist doch da, ungesehen. Ja, sie wartet, helfend alle Gnadenlast zu schleppen, bis die Menschen aus des Lichtes Bahn erwachen, zurück zu ihrer Welt gefunden haben, auf der sie ja noch leben müssen. Da sehen sie den Führer-Engel, als hätte er sie nie verlassen.
„Kommt! Euer Fuß verläßt die Stätte, euere Herzen nicht. Noch seid ihr Menschen, die des Schlafs bedürfen für gar manchen Tag der Plage; aber jene Freude, die Gottes Gnade euch beschert, die hört nimmer auf, wie ewig nicht die Gottesherrlichkeit vergeht. Immer wird sie bei euch sein.“
Unendlich sanft berührt der Engel jeden einzelnen. Sie erwachen, ohne wirklich wach zu werden. Was gilt ihnen ihre arme Welt?, das Getriebe, das die Menschen sich erdenken, um sehr groß zu sein? Sie glaubten, hatten sich GOTT anvertraut, und nun ist es ihnen, als wären sie erst jetzt zu Ihm gelangt, wären frei von allem, was die Welt so niederdrücken kann.
Sie merken nicht, wie sie aus ‚Gottes Grotte‘ gehen, am kargen Fels vorbei, auf dem der Dunkle stand, beinah zaghaft, aber mit der Bitte: ‚Vater, führe dieses Kind zurück!‘ Der Engel lächelt, und als sie an Naemis Türe angekommen sind, ist er verschwunden.
Ferne Röte kündet einen neuen Tag. Es ist keiner fähig, über das ‚Geheime Wort‘ zu sprechen. Man muß es im Gemüt bedenken, man sagt ‚überschlafen‘. Nein — ‚überwachen‘, das Heil in sich verschließen. Kein Weltlicher darf rauben, was ihnen als ein heiliges Geschenk zuteil geworden ist. Vorausgesagt — bis an ihres Erdenlebens Ende hat es keiner je verloren.
Boas bittet Fürst Pereztha in sein Haus. „Den engsten Freunden könnten wir die Nacht berichten.“ „Das denk‘ ich auch; was aber kann man sagen? Sind unsere Worte nicht zu arm, zu seicht, um — ach, ich finde keine Worte!“
Isremia tröstet, der mit Heleana noch bei Boas wohnt. „Gott sprach in unserer Sprache, jedes Wort konnten wir verstehen. So bin ich gewiß, daß Er uns zur rechten Zeit die rechten Worte gibt, damit die Freunde auch die Gnade haben.“
„Gewiß“, gibt Pereztha zu. „Aber wenn wir bringen, was uns widerfahren ist, werden sie betrübt und nicht ganz ohne Recht uns fragen. ‚Weshalb hat der Herr uns nicht mit hingeführt, nicht gerufen, um das Herrliche selber zu erleben?‘ Das bedrückt mich um der Treue willen, die sie uns, besonders mir in meinem Amt bewahren.“
„Daran hab‘ ich nicht gedacht“, bekennt Boas. „Doch das Heilige für sich allein behalten? Wie soll man sich entscheiden?“ „Fragen wir Naemi“, meint der Fürst, „was sie ratet, soll geschehen.“
NEUOFFENBARUNG