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Ruth 19 – Frohe Heimkehr. Alle Menschen sind Gottes Kinder. Gewissensfrage …

Frohe Heimkehr. Alle Menschen sind Gottes Kinder. Gewissensfrage eines Heiden. Labans Erkenntnis. Das Wort des Engels dazu

19. Kapitel

Bethlehem taucht auf, ein Bild der Freude die es kennen, von Orpa und Corusja still bewundert. Bescheiden, aber heimelig, da mag man gerne hausen. Ein Knecht, der auf dem Felde war, sieht über einer Bodenwelle einen Staub, rennt zu Hanea ins Haus, holt tief Luft und ruft: „Ich glaub‘, sie kommen!“ „Wer?“ „Unsere Leute, ich sah einen Wagen und mehrere Berittene.“

Hanea läuft mit hinaus, beschattet ihre Augen und nun taucht beim letzten Hügel Wagen und die Reiter auf. „Ja ja, sie sind es!“ rennt zurück, jagt, was sie sonst niemals tut, die Mägde hin und her und springt wieder auf den Weg. „O Gott, Dir danke ich! Hast sie alle wieder gut zurückgebracht!“

Die Knechte lassen ihre Arbeit liegen, man will die Ankommenden begrüßen und für die Tiere sorgen. Die Wiedersehensfreude und der Dank sind groß, daß die weite Reise gut vonstatten ging. Corusja fühlt sich wie zu Hause, lobt alles und schaut sich um. Hier kann man auch noch etwas lernen. Wie die Untergebenen schaffen, das ist wirklich staunenswert.

Auch Orpa fühlt sich wohl. Nebst Naemi, zu der sie weinend sagt: „Hier bist du zu Hause, gute Mutter, da merke ich, daß du Sehnsucht hattest“, schließt sie sich näher Hanea an. Andern Tags besichtigt man die Gärten, Felder und den Ort, Corusjas Leutseligkeit öffnet viele Herzen, die Männer von ganz Bethlehem kommen jeden Tag, um mit ihm zu sprechen.

„Wie ist es dir ergangen, Mutter Hanea?“ fragt Ruth am zweiten Tag; eher kam sie nicht dazu, es gab so vieles zu erzählen. „Warst lang allein. Die Fahrt war schön, meine Sehnsucht ist gestillt, nun will ich nimmer fort.“ „Auch nicht nach Jerusalem?“ „Das ist doch keine Reise“, lächelt Ruth, „das gehört zu Bethlehem. Wer sah sich nach dir um?“

„Fürst Pereztha war oft hier, auch andere Freunde, es ging alles besser, als ich dachte. Bloß einsam war es ohne euch, mir schlich die Zeit wie eine Schnecke. Schon nach vier Wochen ging ich jeden Tag zum nahen Hügel, stand lange hoffnungsvoll: heute kommen sie!“ „Und als wir kamen, da gerade warst du nicht bereit.“ Ruth drückt sich Hanea in den Arm.

„Es war Tageszeit, da hatte ich zu schaffen; dem Herzen nach war ich bereit vom Morgen bis zum Abend. Manche Nacht hab‘ ich gehorcht, ob ich euch nicht kommen hörte. Dieses Innere, diese Freude und Verbundenheit, die Liebe und die Treue zu einander sind die Gaben unseres Gottes, ins Herz gepflanzt als Speise unserer Seele. Sind wir allezeit bereit, den andern zu empfangen, dann sind wir auch bereit, GOTT zu empfangen!“

„Wie recht du hast, Mutter Hanea! Ich bin überglücklich, daß ich den wahren Gott gefunden habe, durch euch. Bin noch nicht lange hier, doch mir ist‘s, ich wäre immer hier gewesen. Dabei liebe ich mein Vaterland und will es achten, um der verstorbenen Mutter, um des lieben Vaters willen. Aber meine Seele muß wohl hier geboren worden sein, oder wie ich‘s nennen will: ehe ich zur Erde kam, hat mein Engel mich hierhergeführt und gesagt: ‚Das wird einmal deine Stätte, wo du wirken sollst!‘ Ob das wohl so stimmt?“

Naemi war hinzugetreten und hatte das Gespräch gehört. Sie nimmt Ruths beide Hände, freudigen Gefühls: „Du hast es wunderbar erkannt und mag es Wahrheit sein, daß du vor der Eingeburt hierher geleitet worden bist. Du darfst ein Werkzeug sein, selbst wenn‘s noch viele Jahre dauert, bis sich erfüllt, was ewig vorgesehen worden ist, von IHM, dem Herrn der Ewigkeit.

Bleibe treu in jener Demut, die vor dem Schöpfer gültig ist. Er sieht ins Innerste; äußere Gebärden gelten bei Ihm nichts! Ob sich einer bückt oder aufrecht stellt, das gilt nicht, wenn der Mensch es nicht wahrhaftig meint. Du kannst die Seele neigen, doch gen Himmel schauen, von woher uns jede Hilfe wird. Denn unser Herrgott wohnt in Seinem Himmel, Er kann wirken, was Er will! Er schafft ewig nur das Gute aus der guten Ewigkeit. Sein sind alle Dinge und auch wir sind sein! Daran wollen wir uns immer halten.“

Unbemerkt von den drei Frauen sind die anderen hinzugekommen. Sie lauschten still und nun sagt Boas: „Das war wiederum ein Wort aus Gottes lichter Höhe. O Naemi, nebst Gott sei auch dir gedankt! Wie froh bin ich, daß du mir die Ruth aus fremdem Lande brachtest. Ihre Stätte ist mir nicht mehr fremd und wir verschmelzen also, was Irrige noch immer scheiden: ein anderes Land mit Israel. Der Freund Corusja hat es uns bewiesen, daß es gar nichts Trennendes zu geben braucht. Er, der Sitte nach ein Heide und er glaubt, er ist wie wir ein Gotteskind.

Jene Zeit wird kommen, wo die Unterschiede fallen, wo es nur noch Freunde gibt und . . .“ „. . . es wird einmal geschehen! Aber ach — wer errechnet diese Zeit? Es sieht in der Menschheit trübe aus!“ Ruth, auch prophetisch, deutet in das nahe Land. „Wie viel Haß herrscht oftmals unter einer Sippe, wieviel mehr noch zwischen unseren zwölf Stämmen, zwischen Volk und Volk!

Aber“, richtet sie sich auf, „das sei nicht erwogen, obgleich man es bedenken muß. Nicht am Nächsten ist es abzumessen, bei uns ist die Richtschnur anzulegen. Handeln wir nach Gottes weisem Rat und Willen, reißen wir die Schranken ein, lieben wir die Feinde wie die Freunde, dann sind wir ein Samenkorn für jene Zeit, daß Friede wird auf dieser armgemachten Welt!“

Bedrückt sieht Corusja seine Tochter an. Wie ist‘s möglich, daß sie ‚israelisch‘ wurde? Durch Elimelech weiß er ja: die Jordanier hatten Männer, die aus ‚ihres Gottes Geist‘ geredet und gehandelt haben; und eine Frau (Debora) soll auch gewesen sein, die von Gott geführt das Volk gerettet hat, damals innerlich und äußerlich. Soll seine Ruth, soll sie auch — — ?

„Ja“, sagt Naemi, die die Gedanken lesen konnte, „Ruth hat, wohl nicht voll prophetisch, ein Gesicht, weil sie sich vollen Herzens Gott ergeben hat. Sie wird die Ahne eines Königsreiches sein. Nicht umsonst, das darf mit gelten: du, Corusja, bist ein König und deine Väterglieder waren Städtekönige in Moabit. Das ist Gottes ewiges Regiment! Er braucht nicht zu warten, bis sich ein Weg entwickelt hat. Seine Strahlen fallen aus dem Licht herab auf diese Welt, ins Universum, das wir bloß als Himmel kennen.

Freue dich! Du bist mit eingeschlossen in des Lichtes Strahl, du und dein ganzes Haus. Du erlebst noch hier, was uns einen großen Segen bringen wird. Ich fühle es, nur weiß ich es noch nicht; denn Gottes Güte will uns überraschen, schenkt uns immer etwas Neues aus der Liebe Seiner Herrlichkeit. —

Nun kommt, das Abendmahl ist zubereitet, dann dürfen wir der Ruhe pflegen. Vorhin traf ein Bote ein, der für morgen Fürst Pereztha angemeldet hat. Ein paar Freunde kommen mit. Er wähnte, Hanea sei noch allein. Wie wird er sich jetzt freuen, weil wir wohlbehalten wiederkamen und ich glaube gern, daß die Jerusalemer mit Corusja bald ein gutes Bündnis schließen, was für beide Völker — wenigstens für eine Zeit — zum Frieden führen wird.“

„An mir soll‘s nicht mangeln“, fällt Corusja ein, „Ich stehe bei dem Landeskönig gut im Wort.“ „Auch dem Glauben nach?“ fragt Orpa bang. „Das freilich nicht, mein Kind. Er hängt an unseren Göttern fest. Ich würde nur verderben, spräche ich die Überzeugung aus: es gibt nur einen Gott, den Israel durch seine Patriarchen und seinem großen Mose kennen lernte!

Kommt nicht erst es auf einen Frieden an, der uns verbindet? Mag es nicht zuerst genügen, wenn einer angesprochen wird? Ein Sturm kann Gutes bringen, meistens ist er ein Zerstörer. So auch eine neue Bahn! Würde ich dem König meinen Glauben künden und ihn bitten, die Ein-Gott-Lehre einzuführen — oh!, ich käme in den Bann, der Krieg bräche aus, Leid und Tod wären der Tribut statt freudigen Bekennens! Wäre das der Wille Gottes?“

Corusja spricht jetzt so, als wäre er schon völlig umgewendet. Es spielt da keine Rolle, wenn noch ein Stückchen, alten Adams hängen bleibt. Isremia sagt: „Ich geb‘ dir recht, Corusja. Etwas übers Knie zu brechen kann gefährlich werden; es bringt uns nicht, was vorgesehen worden ist.

Ein offenes Bekenntnis kann eine Ära sicherlich umwälzen. Dann geht ein anderes voraus, an dem die Menschheit merkt: Altes stürzt zusammen, Neues steigt empor! Ob wir in solchem Zeitpunkt leben?, weiß ich nicht. Sicher ist die Umbruchszeit (Christus) noch fern. Es ist also besser, im kleinen Kreis zu wirken, wie Ruth es treffend sprach: wir, ein Samenkorn für jene Zeit, daß Friede wird auf dieser Welt‘!“

„Ich sehe Kreise“, Naemis Blick geht fern, „die sich ineinander schieben und entzweien, ein Kreis wie ein Jahrhundert. Viele Kreise bilden sich. Über jedem steht ein Gottesstrahl, erkannt, verneint von denen, die die Kreise füllen. Laßt uns diesen Strahlen unsere Herzen schenken, als ‚Samenkorn‘, das GOTT zu säen weiß, wie, wann und wo, nach Seinem hehren Willen.“

Ist nicht ein leises Wehen, als stünde EINER ungesehen da, der die Menschenkinder segnet?! Geht nicht ein Schauer über alle hin, weltlich wie ein Frösteln, weil gar manches abzulegen ist, geistig als die hohe Seligkeit: Gott ist bei uns?! Unwillkürlich fassen sie sich an den Händen, bilden einen Kreis und wissen nicht, daß sogar wenige Menschen ein Jahrhundert geistig füllen können durch die Gaben, die der Herr verliehen hat.

Nicht gleich ist‘s zu erkennen, Gott steckt den Kreis als einen Ring an Seine rechte Hand, bei jedem, die sich gemeinsam unter Seine Führung stellen, wissend: ‚Der Herr ist unser Gott, wir sind Sein Eigentum!‘ Glaubt man daran ohne Vorzugsstellung, fühlt man sich als Sonnenfünkchen einer Sonne, alsdann trifft es zu: der Ring an Gottes rechter Hand!, zur Offenbarung Seiner Herrlichkeit, zur Erhebung Seiner Kinder.

Still nehmen sie die Mahlzeit ein, zu der die Leute kommen, für die der Feierabend angebrochen ist. Die Müden gehen schlafen, die Familien sitzen noch ein Weilchen beieinander. Corusja läßt sich Naemis Bild erklären. Das tut Isremia, er legt Bilder bestens aus. Nach einer größeren Erläuterung fügt er an:

„Ein Kreis gleich hundert Jahren und in jedem geht die Menschheit auf und ab, hie und da im Frieden, bis Völker wieder sich entzweien und Kriege brausen über diese arme Welt. Ungezählte Kreise — und es ist gut, daß Gott allein die Zahlen kennt. Ihre Summe würde uns erschrecken, genauso, wenn wir lange Zeit voraus das Ende unseres Lebens wüßten.

Wie beseligend in der Trübsal dieser Welt: Gott hat der Menschen Auf und Ab in Seiner Schöpferhand! Es mag eine Sonne scheinen oder Stürme uns bedrohen, — wir sind eingehegt in Gottes Kreis, in Sein einzig Ganzes! Ihm ganz gehören kommt nicht aus uns, wir können es uns nur erbitten. Wir durften vorhin auch ein Ganzes bilden und hat keiner es gewollt; es war einfach da. Ebenso ist Gottes Güte da, daß Er bei uns war, ist und bleibt! Um Sein Bleiben wollen wir zu allen Zeiten bitten.“

Anderntags kommen Fürst Pereztha, Laban, Selemech und Herias. Es herrscht große Freude, des Erzählens nimmt kein Ende. Erst am Abend kommt man zu konkreten Fragen. „Wie steht das Regiment?“ „Auf dem Heimweg war es ab der Grenze friedlich, eine wahre Wohltat nach den bitterschweren, ungewissen Jahren.“

„Hast recht, Isremia“, gibt der Fürst Bescheid. „Gottes Hilfe! Daß sie aber für mich offenkundig ward, das — nun ja — man glaubt und zweifelt. Menschlich!“ Pereztha lacht ein wenig. „Das liegt dem Menschen im Geblüt“ ‚ sagt Boas, „weil uns die innigste Verbindung fehlt. Es mag an der Materie liegen oder an was weiß ich noch. Man hat den guten Willen, bloß reicht er nicht zu jenen Taten aus, die die Verbindung aus dem Glauben festigen.“

Naemi sagt dazu: „Wir spüren unsere Unzulänglichkeit, wenn man bei sich selber nichts beschönigt. Man zweifelt, ob Gott helfen wird, sobald wir Seine Hilfe brauchen. In dieser Hinsicht ist sogar ein Zweifel gut, der weit mehr gegen uns gerichtet ist als gegen Gottes nahe Hilfe. Sei daher nicht betrübt, Pereztha, gute Zweifel machen uns nicht selten stark.“

„Du erleichterst mich. Weißt du, wenn es möglich wäre, wie es die Zeit der Richterin ergab, dich möchte ich im Regiment zur Seite haben. Leider gibt es eine Menge Männer, die sowas niemals dulden würden. ‚Eine Frau? Muß er sich von einem Weib belehren lassen?‘ Diese Rede ginge durch das ganze Land.“ „Dem ist abzuhelfen“, sagt Corusja. „So? Und wie?“

Der Moabite lacht verschmitzt. „Man muß nicht alles auf die Tafel setzen. Bethlehem liegt in der Welt, von Jerusalem ist‘s sicher nicht weit her. Wenn also nötig, alsdann hole dir geheimen Rat, von unserer Seherin. Das dürfen deine engsten Freunde wissen, die andern geht‘s nichts an — denke ich!

In Ar-Moab habe ich erlebt. Erst gab mir Elimelech manchen Rat, später die Naemi. Frauen haben meist ein tieferes Gefühl, und dazu eine Sehergabe, ja — saget mir, soll ich solchen Rat nicht hören und befolgen, wenn es zum eigenen, zumal zum Wohl des ganzen Volkes ist? Posaunen setzte ich nicht an den Mund um zu verbreiten: Was ich tue, hat Naemi mir geraten! So handele, Landesfürst, und du gehst nicht fehl.“

Laban lacht und steckt die andern an. „Seht, ein fremder Freund und ist mit seinem Rat uns nahgerückt. Corusja, dir danke ich — für uns alle! Lasse uns ein Bündnis schließen“, packt er die Gelegenheit beim Schopf. „Laß uns Freunde werden, die einander voll vertrauen und auf vereinte Hilfe bauen können.“

„Das haben wir bereits besprochen und ich habe gern gewartet, bis von euch“, Corusja deutet auf den Fürsten, „der Antrag kam, damit für lange Zeit ein Friede werde zwischen Israel und Moabit. Wir haben uns befehdet und ihr dürft nicht sagen, es hätte nur an uns gelegen. Ihr habt unsere Grenzen oft verletzt. Ich beteuere: unser Landeskönig ist sehr friedlich eingestellt. Ihr habt zwar keine Könige, doch von euren Richtern, die wie ich die Kunde weiß — euch statt Könige regierten, waren manche schlecht. Denkt bloß an den Beraba, den letzten Lump.“

Herias bestätigt es. „Leider ist das so auf dieser Welt. Wer oben sitzt, streut Härte aus. Aber lassen wir das jetzt. Gleich vorab gesagt: der Fürst hat erwogen, die Grenzen zu bereinigen. Es liegt oft an den Zöllnern, die ihr Amt mißbrauchen und ich denke, daß das bei den Moabitern auch so üblich ist.“

„Hm“, gibt Corusja ungern zu, „fliegen Worte hin und her, greifen Törichte gleich zu den Spießen. Wir kamen an der Grenze zu solchem Zwischenfall. Da nicht zu klären war, wer angefangen hatte, bestrafte ich die unseren, Isremia im Verein mit Boas eure Zöllner. Der Streit entstand aus Langeweile, und da nahm ich mir es vor, die Zöllner öfters abzulösen.“

„Wir werden es genauso machen“, sagt Pereztha. „Auf diese Art sind Zank und Streit zu unterbinden. Nach Norden geht das freilich nicht, doch habe ich da treue Männer stehn, die mit aufs Jenseits dieser Grenzen achten. Wenn wir nun, Israel und Moabit, ein Bündnis haben, wird auch anderwärts es friedlich bleiben — hoffentlich für lange Zeit.“

An diesem Abend wird noch vieles festgelegt. Für Israel ist alles gültig, bei Corusja kommt es darauf an, ob sein König einverstanden ist. — Leider muß Pereztha wieder in sein Amt. Herias und Selemech begleiten ihn. Laban bleibt zurück, er will mit Corusja Weiteres besprechen: Wirtschaftliches, Güteraustausch und dergleichen, wobei besonders Isremia beizutragen weiß.

Laban, Isremia, Boas unternehmen mit Corusja einige Ritte, damit dieser Land und Leute kennen lernt. Sie besuchen Hebron, Michmas, den Jakobsbrunnen, den Teich Bethesda und anderes. Jerusalem und Silo sparen sie sich auf. Da sollen auch die Frauen mit, es soll für Orpa und Corusja eine letzte Freude werden, bevor sie wieder heimwärts reisen müssen.

Wiederum ein friedlich stiller Abend. Die Sterne stehen hoch. Man sitzt im Innenhof. Es wird über mancherlei gesprochen. Und wieder überrascht, weil Corusja tiefe Fragen stellt. Allerdings — er hat sich gut gewendet. Gerade stellt er eine neue Frage. „Ihr sprecht von Sünden. Das tut man bei uns nicht. Böse Taten sind Verbrechen, und Verbrecher werden abgestraft. Das ist menschlich. Ihr glaubt an Sünden wider Gott. Aber kann man GOTT betrüben? Den EINEN? Steht Er denn nach eurer Meinung nicht so hoch, daß auch Weltliches Ihn betreffen muß?“

Eine ernste Frage. Es ist Laban, der erwidert: „Vom Weltverstand betrachtet hast du recht, Corusja. Etwas Böses ist die Sünde, und ohne innere Verbindung, hier zu Gott oder unserem Geist, bleibt eine Untat dem Gericht der Welt belassen. Das gilt sogar vor Gott, denn ER hat das Gesetz gegeben: ‚Du sollst nicht töten, du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht stehlen‘; und was noch gegen Recht und Wahrheit ist. Das soll man nicht tun.

Wirkliche Verletzung des Gesetzes, das pur Gott betrifft, bleibt eine Sünde wider Ihn. Beispiel: Man weiß, daß Gott existiert, denn das Leben, die Natur und vieles andere zeugen ja von Ihm und Seinen Werken. Doch man will es nicht bekennen, weil man dann auch danach leben muß. Die Welt jedoch verlockt so sehr und lenkt den Sinn aufs Äußere, und dafür ist dann Gott zu unbequem. Leugnet man aus diesen Gründen, ist es eine Sünde wider Ihn; denn hierbei stehen sich der Mensch und Gott alleinig gegenüber.

Anders, wenn man dem Nächsten Unrecht tut, ihn bedroht, bestiehlt oder gar ermordet. Du denkst wie andere auch: Das ist eine Sache zwischen Mensch und Mensch. Oberflächlich angesehen ja! Denken wir ein wenig tiefer und fragen uns: woher kommen wir, wo kommt alles her? Der Gläubige weiß es aus der Überzeugung: Alle Dinge sind von Gott! Hat ER das Leben hergegeben, so ist Er der Grundeigentümer und hat kein anderer ein Recht, irgend jemanden zu schädigen oder gar ein Leben auszulöschen.

Du hattest Beraba erwähnt, so als bösen Richter. Und das war er auch. Vielen Leuten nahm er ihre Habe weg, hat sie gequält, bis sie flüchten mußten, hat viele töten lassen. Er hat also gegen Lebende gesündigt. Weil jedoch aus Gott das Leben kommt, ist und bleibt die Todes-Sünde wider GOTT bestehen. Er fordert auch die Abrechnung von allen Übeltätern.

Sieh, wenn alles Ungut bloß die Welt beträfe, dann hätte als ein hohes Beispiel nicht der Himmel mit dem Richter abgerechnet. Noch kannst du das nicht ganz verstehen, doch viele ernste Männer sind die Zeugen dessen: Gott sandte Seine Engel als die Rächer! Hätte Gott das Recht der Abrechnung den Menschen überlassen, so hätte Er die Engel nicht geschickt. Da GOTT als Grundeigentümer alles Lebens über Seine Eigentümer wacht, wobei das bewußte Leben an der ersten Stelle steht, deshalb hat der Richter gegen Gott gesündigt. Das siehst du sicher ein, nicht wahr?“

„Hm, das muß ich erst einmal verkraften. Vielleicht nicht ganz richtig: Wenn ich einem Armen etwas schenke und er wird bestohlen, so hätte ich das Recht, die Diebe zu bestrafen. Schließlich war es ja mein Eigentum, das ich hergegeben habe. Oder nicht?“ Corusja zieht die Schultern etwas schief, sein Beispiel kommt ihm selber komisch vor.

„Du hast sogar recht“, bestätigt Laban. „Hältst du also ferner deine Hände über solchen Armen, damit er nicht zu Schaden kommt, da ist es auch dein Recht, die Übeltäter vor Gericht zu fordern. Nun übertragen wir das auf den Schöpfer aller Lebensdinge. Wie ein Dieb im eigentlichen Sinne dich bestohlen hat, was erstlinig dem Geber und dann erst dem Empfänger gilt, also ist wohl einzusehen: kommen alle guten Gaben von dem Herrn, dann bleibt jede Ungerechtigkeit, alle bösen Taten, vom kleinsten Diebstahl bis zum Mord, die Sünden wider Ihn, dem Gebenden!

Geklärt, ob man Gott betrüben kann. Es gibt ein Ja und Nein. Ist kein Widerspruch, mein Freund“, Laban legt Corusja eine Hand auf dessen Schulter. „Das ‚Ja‘ ist leicht gezeigt. Geht letzten Endes jede Sünde wider Gott, von dem wir alle Lebensdinge haben, alsdann muß die Sünde ihn betreffen.“

„In dem Zusammenhang verstehe ich das auch; doch ein GOTT ist hoch erhaben. Wie mag Ihm denn das weltliche Gewirre in die Ohren kommen, daß es Ihn betrüben muß? Habe viel bei euch gelernt, geb‘ ich zu, und denke mir, daß euer Gott, den ich — na ja — hm — lieben lernte, viel zu hoch und heilig ist, als daß Er Sich mit weltlichem Getriebe abzuquälen braucht.“

„Das tut er nicht! Als der ewig Souveräne steht Er wirklich viel zu hoch, als daß das Menschliche das HEILIGE der Gottheit trifft. Nicht ganz leicht der Unterschied: Es gibt in der Gottheit keine Spaltung, und Selber spaltet Er Sich nie! Wieso gibt es dann ein Ja und Nein? Da müßten doch zwei Teile in der Gottheit existieren! Wir lassen uns in Seine Höhe ziehen, und dort ist es zu erkennen, was an sich sehr schwierig ist.

Gott ist, weil ewig heilig, immer souverän, unberührbar durch die Dinge jener Werke, hier das Kindervolk gemeint, also davon, was wir selbst verschuldet haben. Weil Er aber doch der Richter über alles Leben, über Soll und Haben ist, so steht die Türe zu den Kindern bei Ihm offen.

Er sieht nicht bloß, Er nimmt alles an! Hier beginnt die Sünde wider Ihn, nicht bloß jene gegen Seine Heiligkeit, was ein anderes betrifft, sondern gegen das ‚Gesetz des Lebens‘. Gott kann Sich verschieden zeigen und Er tut es auch, jenachdem, wie weit ein Kind sich Ihm vertraut, wie weit es sich von Ihm entfernt. Bei Ihm in Seiner Heiligkeit gilt allgemein das ‚Nein‘. Mit nichts wird Er betroffen. Er bleibt stets ER SELBST !

Zeigt Er Sich, und ich wüßte nicht, wann jemals Er Sich vor dem Kindervolk verbirgt, das Er Sich zu Seiner Freude schuf, so ist, wenn man es so nennen darf, der offenbarte Gottheitsteil auch offen und nimmt die Sünden aller armen Kinder an. Täte Er es nicht, und Er hat die Macht dazu, so bliebe jede Untat ungesühnt und würde ewig auf dem Täter, untrennbar von dessen Seele, lasten.

Das ergäbe eine Gott-Entfernung und niemals würden Sünder frei von ihrer Last, nie kämen sie ins Vaterhaus zurück, blieben fern der Gnade, aller herzlichen Erbarmung, mit der sich Gott als VATER zu den Kindern neigt! Wäre das für uns das Ende, alsdann würden wir für immer ausgelöscht! Umsonst hätte Sich der Herr Sein Volk geschaffen, umsonst das Heiligtum gerichtet, die Herrlichkeit des‘ Empyreums aufgetan!

Weil Er einen Herzteil für die Sünden offenhält, in der Materie begangen — im Lichte gibt es keine Sünde —‚ so geht jede wider Ihn. Trotz unmeßbarer Heiligkeit neigt Er Sich herab, daß alles zu Ihm dringt, was niedrig, falsch und böse ist. So nimmt Er es an, so läßt Er Sich betreffen (Kreuz), um für die Kinder abzugelten, was sie selber niemals ganz entgelten können.

Solange wir auf Erden leben, werden wir das heilige Mysterium nicht durchschauen; doch zu ahnen ist die große Güte Gottes, wie es Mose lehrte: ‚Wie hat Er die Leute so lieb!‘ Vielleicht ist Seine Liebe einmal eine Opfertat, daß Er der hingefallenen Kinder Lasten auf Sich nimmt; und jede Untat, sei sie größer oder klein, ist ein Fall, ein Sturz ins Dunkel unserer Seelentiefe.

Aus dieser hebt der Herr uns hoch, nimmt uns an die Vaterhand und führt uns in Sein Licht, wenn wir bekennen: ‚Herr, vor DIR habe ich gesündigt und Unrecht getan!‘ So ist das ‚Ja‘ die rechte, das ‚Nein‘ die linke Schöpferhand. Er wird nicht betrübt, Er läßt Sich betrüben, um unsertwillen, daß man einstens selig wird in Seinem Reich der Herrlichkeit!“

„Laban, das war . . .“ Ein junger Bursche tritt herein und ergänzt, als ob er mitten unter ihnen weilte, „. . . ein Wort, zu dem der Herr Sein ‚Amen‘ gibt. Wer das erkennt und glaubt, kann viel Weltliches überwinden, wird frei von jener Schuld und Sünde, die die Menschen nicht zu machen brauchten, gäbe man sich Mühe, ließe sich erheben, wie es Laban richtig sprach.

Aber viele, wenn sie schon an einen Schöpfer glauben, möchten Ihn auf ihren armen Stand herunterzerren. Er soll so sein wie sie, Er soll auch Fehler haben. O, wer so denkt, dem geht der Lichtverband verloren und mag er Tag und Nacht die Hände heben oder beten — im Grunde spricht ein solcher mit sich selbst.“ Der Jüngling läßt sich bei Naemi nieder, indem er weiterspricht:

„Euch gebietet jene echte Ehrfurcht, die der Inbegriff der Liebe Gottes ist, Ihn über euch zu wissen und gläubig schaut ihr auf. Es steht nicht in euerm Sinn, Gott neben euch zu haben, doch in Seiner Güte ist Er immer da. Nicht so, wie die Zeiten kommen werden, daß Gott auch rein menschlich wäre und als solcher Sich zu überwinden hätte. Wenn das, wäre Er denn dann ein GOTT?!

Ihr verneint und tut recht daran. Ob der Heilige Sich göttlich zeigt, ob Er einmal als ein Mensch erscheint — immer ist und bleibt Er Gott! Die Materie, die ER zur Rettung der Gefallenen schuf, hat an Ihm keinen Teil. Ich sage euch, weil aus diesem Haus“, er legt eine Hand auf Ruths Scheitel, „ein äußerlicher Weg sich zeigt, aus dem eine reine Magd (Maria) geboren wird: das ist bloß die äußere Gestalt, in der Sich Gott erkennen läßt und durch welche Er den Schlußstein der Gesamterlösung setzt (Golgatha). Sonst — ? Niemals wird in ihr das Göttliche gemindert sein (Kol. 2, 9), nie kann die Materie Ihn beflecken!!

Aber wenn die Menschen mehr und mehr in Finsternis verfallen, da sucht man an Ihm das, was beim Menschen, nicht bei GOTT vorhanden ist. Ihr fragt betrübt, wenn die besagte Grunderlösung statt gefunden hat, wie mag hernach noch solches üble, Denken kommen? Euch ist zu melden, was die Reife dieser Zeit noch nicht ergibt, die allgemeine Menschheit meine ich. Und so achtet auf.

Es ist freilich nur ein Gleichnis; mit des Himmels Worten, die zu sagen wären, würdet ihr es nicht verstehen. In einem großen Bottich sammelt sich das Wasser, es wird viel hineingeworfen, und manches fällt oft selbst hinein.

Alles sinkt bis auf den Grund und sammelt sich zu Unrat an. Ist der Bottich dann zu säubern, schöpft man erst das Wasser aus, das bald trüb und schmutzig wird. Zuletzt ist‘s purer Schlamm, der zu entfernen ist. Sinnbild der Materie, die dem Bottich gleicht.

Gott gab in ihn Sein reines Wasser. Das bedeutet Seine Hilfe und mit durch Seines Lichtes Kinder, die in die Materie steigen, um zu helfen, sie zu reinigen. Ihre Hilfe erstreckt sich nicht auf Gott, sondern auf die Dinge, die sich angesammelt haben, von Inkarnierten durch Sünden und die Schuld hineingeworfen, durch die Hingefallenen extra arg verschlammt.

Gott hat längst begonnen, das Gefäß zu reinigen und allmählich greift Er auf den Grund. Bevor jedoch der ärgste Rest herauszuheben ist, bringt ER den Schlußstein der Erlösung dar, ohne die der Rest nicht auszuschöpfen wäre. Wohl — Er kann es auch mit Seiner Macht und ein Teilchen waltet mit, soweit die Materiellen es ertragen können, ohne dabei zu vergehen.

Jener Schlußstein dringt hinab bis auf den Grund und der Schlamm wird aufgewühlt. So läßt sich der letzte Rest allein beheben, ebenso ist das Gefäß zu reinigen. Zu dieser Zeit bricht das herein, von dem man meinen kann: alles geht zu Grunde. Der Mensch, die Ethik und der Glaube, alles Gute stirbt!

Doch wieder dient als Sinnbild dessen, daß Gott Sich bloß das Äußere überzieht, um den Materiellen Seinen Lichttribut zu opfern. Aber Ihm bleibt er zu eigen, über Raum und Zeit hinweg. Durch die Manifestation der Restmaterie, inkarniert in denen, die aus der letzten Tiefe hochgehoben werden, wird — zwar schwerlich einzusehen — der widerliche Schlamm gelöst, durchwässert, bis im Anbruch jener hehren Feierabendstunde, von der ihr noch nichts wissen könnt, der ganze Fall gereinigt ist, die Materie aufgehoben werden kann. Dann ist sie nicht mehr nötig. Allein das Reich der Schöpferherrlichkeit wird ewig sein!

Zuvor, dem Hinweis nach, wird die Menschheit dieser Erde viel vom Licht verlieren, weil sie selber sich zu hoch erhebt, materiell und auch dem sogenannten Glauben nach, und weil sie dadurch Gott zu sich hernieder ziehen will. Mit Worten ist das möglich; was aber ist ein Wort, dem keine guten Taten folgen? Niemals wird es einem Menschen möglich sein, von sich aus Gott, den Heiligen, zu sich herabzuziehen, nicht mal zu erbitten!

O — Gott braucht nicht erst zu kommen, um da zu sein! Von Sich aus ist Er bei allen, die an Ihn glauben und bei denen, die Seine Hilfe für die Seele brauchen. Wäre es dann also nötig, Gott neben Sich zu stellen?, Ihn anzusehen, als wäre Er nebst Seiner Gottheit auch ein Erdenmensch?

Ist Er die Gottheit ewig Selbst, die keiner Änderung bedarf, der Mensch hingegen samt Materie vergänglich ist und allein sein Geist samt Seele aus der Gottheit leben bleibt, wie hernach müßte oder soll der Schöpfer die Vergänglichkeiten in Sich tragen? Nicht einmal vorübergehend wird das je geschehen!

Ein Akt geschieht, weil Er der EINE ist, wird Er, wenn Er wie ein Mensch die Welt betritt, der Menschen wegen so wie sie erscheinen, Sich ihretwegen wie ein Mensch gebärden, was doch bloß die äußere Gestalt betrifft. Und diese zieht Er ja nicht Seinetwegen an. Er könnte so erscheinen, wie ich jetzt bei euch bin; doch die, um die es letzten Endes geht, würden nie wie ihr den Sinn begreifen, Ihn niemals anerkennen und somit nicht mit in die hehre Grund-Erlösung einzuschließen sein.

Ihr wähnt, was für ein Sinn es wäre, daß ihr alles wissen, aber keinen Einfluß auf die Zukunft haben könnt, in der das geschehen wird. Liebe Freunde, Laban hatte recht gesagt, ihr solltet euch in Gottes Höhe ziehen lassen. Kräfte, die aus dem Lichte kommen, selbst wenn sie nur die ‚Lehre‘ sind, bleiben in den Menschen haften, deren Geist die Seele überstrahlt.

Diese Kräfte bleiben über einen Erdentod hinaus bestehen. Nicht nur so, daß sie dann zu senden wären, wenn sich jene Zeit erfüllt. Jetzt schon nimmt die Dunkelheit der Menschen, ja sogar der armen Wesen, die noch in ihrem Abgrund schmachten, davon auf, zwar weniger bewußt oder gar gewollt; aber aus der Kraft des heiligen Geschehens werden diese Strahlen immer wirksam sein.

Ihr braucht nichts anderes zu tun, als die arm an Leib und Seele sind, in euere Liebe einzuschließen. Tut ihr das, dann gehen durch euch Gottes Strahlen bis auch zum Grund. Und selber habt ihr da den Segen, den der HERR zu geben weiß! Gottes Strahlen wirken keineswegs allein durch Menschen, denn Er braucht niemand, um das zu tun, was Ihm in Seiner Liebe wohlgefällt. Aber gern gebraucht Er euch und uns, die Himmlischen und Irdischen; damit schließt Er alle in den Segen ewiger Erlösung ein!“

Welch Odem weht die Menschen an; man hebt die Herzen hoch. Naemi wie auch Ruth haben ihren Helfer auf dem Weg nach Bethlehem erkannt. Laban, Boas, Isremia sehen in ihm jenen einen, der mit den Richter richten half. Beraba mußte stürzen, um einst einzusehen, wieviel an Schuld er abzugelten hat. Läßt der Himmel jemand fallen, so ist das die hohe Retterhand des Herrn.

Orpa und Corusja ahnen nicht, wer der Jüngling wäre und der Mann muß kämpfen, um die Wahrheit in sich aufzunehmen. Orpa, einstmals in die tiefere Erkenntnis etwas eingeweiht, denkt: er ist nicht von unserer Welt. Indessen hat sich Ruth ihm in den Arm geworfen, aus Freude, Dank und Jubel heftig schluchzend, weil er wiederkam, nach dem sie immer eine Sehnsucht hat.

Naemis Tränen laufen auch. Hanea faßt nach den hellen Händen und Heleana, nicht das Höchste einer Gottesoffenbarung kennend, rückt näher zu. Gern möchte sie ein wenig neben diesem Hellen sitzen, als ob sie dadurch reifer würde, um mit Isremia in dem einen Glauben Hand in Hand zu gehen.

In die Stille, die nach dieser Lebenslehre schwingt, räuspert sich Corusja. „Darf ich fragen, wer du bist? Nämlich so ein Junge, kaum sechzehn Jahre alt und nun das — eine hohe Lehre, habe bloß nicht viel davon verstanden. Wo, o lieber Junge, hast du diese Weisheit her? Deine Worte flossen wie ein Strom. Höchstens alte weise Lehrer könnten sowas bringen. Ach so“, unterbricht er sich, „hier geht es anders zu als anderwärts auf unserer Welt, und wer weiß — Manches habe ich erkannt, nur fehlt viel, um alles anzunehmen. Bitte, kläre mich doch über dein Geheimnis auf.“

„Das kann ich schon“, erklingt es freundlich, „aber deine Tochter Ruth soll sprechen, eben deshalb, weil sie neben allen anderen die Jüngste ist.“ Helles, liebes Lachen. „O“, sagt Ruth und schmiegt sich fester an den Jüngling an, „mir wäre lieber, du würdest deine Schleier lüften.“ „Rede“, spricht der Engel herzlich, „und da wird sich zeigen, daß auch durch euch Menschen Gott Sein Licht und Seine Offenbarung kommen läßt.“

Ruth hatte von der Reise mit Naemi schon berichtet, daß ein Engel ihr Begleiter war, wobei Corusja dachte: Ruth sieht alles in der Phantasie, das darf man nicht so wörtlich nehmen. Jetzt wiederholt sie erweiternd den Bericht, zeigt anschließend auf den Hellen und greift abermals nach dessen Händen.

„Glaub‘ es mir, lieber Vater, er ist ein Engel. Hast doch selbst gefragt, woher solch Junge diese Weisheit hat, jenes Herrliche der Rede. Kein Mensch kann das so bringen, woran zu erkennen ist, daß er nicht von unsrer Erde stammt; und kein alter Lehrer dieser Welt könnte geben, was er lehrte.

Orpa, lasse dich umarmen, es wird durch deine Seele gehn.“ Gottes Bote zieht Orpa an sein Herz und alsbald weint sie laut: „Oh, wie ist mir denn zu Mute? Das Leid, um meinen früh verstorbenen Gatten tragend, ist auf einmal weggewischt. Selig bin ich und befreit!“ Sie mag sich gar nicht lösen, obwohl jeder eine solche Seligkeit genießen will.

Ruth führt nun Heleana hin und die erlebt das gleiche Glück, ein solches, das die Welt nicht hat, Corusja hustet wieder, es drängt und würgt in ihm, gern würde er bestätigen, daß Außerordentliches vor sich ging. Was aber lebenslange Überzeugung war, das läßt sich nicht auf einmal überwinden, als ob es niemals seinen moabiter Sinn erfüllte. Und nun —

„Wenn viele eine Sache anerkennen, weltlich undurchsichtig, muß man prüfen: könnte es nicht Wahrheit sein? Ich bin ein Heide, wie ihr Israelen Andersgläubige bezeichnet. Könnte aber nebensächlich sein, ob man an einen oder etwa mehrere Götter glaubt, die von mir von jeher nicht gestaltlich angesehen wurden. Für mich waren unsre Götter Kräfte und die liebte ich. Ist Kraft nicht etwas Gutes? Der Mensch braucht zu allem Tun und Wirken eine Kraft. Warum soll das demnach böse sein?“

„Böse ist das nicht!“, sagt der Engel, „denn auch Gott hat viele Kräfte; nur werden sie nicht in Personen dargestellt. Sieh, wenn du ein Bäumlein pflanzt, bedarf es keiner großen Kraft. Fällst du aber einen starken Baum, dann brauchst du deine ganze Manneskraft, bei stärksten kann sogar ein einzelner das nicht bewältigen. Bist du deshalb mehrere Personen? Du verneinst es gern. Nicht anders ist es mit den Kräften Gottes.

Daß ihr und viele andere Völker, absolut nicht alle von der Welt, die Kräfte als Personen angesehen habt, schadet an sich nichts, nur euere Verehrung, die ihr den Gestalten, allein von Menschenhänden hergestellt, geopfert habt. Da zeigt sich jener Unterschied zwischen euerem Vielgott- und dem Eingott-Glauben. Das siehst du jetzt auch ein, nicht wahr?“

„Es dämmert“, lacht Corusja, „mir fällt ein, was mich Elimelech und Naemi lehrten. Ja ja, wirst wohl ein Bote deines — hm — meines Gottes sein, und ich danke dir, hast mir die Augen aufgetan. Nun erst bin ich richtig froh, weil ich mit hierher gekommen bin.“ Er drückt den Jüngling heftig an die Brust, und wie gut, daß so ein Himmlischer mehr verträgt als ein starker Mann der Welt.

„Ich komme noch einmal zu euch, dann ist die Mission für mich bei euch zu Ende. Das Weitere könnt ihr unter Gottes Fittichen erfüllen und wird‘s nicht mangeln, daß ihr immer Seine Gnade habt.“ Der Engel geht. Die Menschen bleiben lang beisammen, still in sich gekehrt. Erst am nächsten Abend nehmen sie die Lehre vor, besprechen sie und sind froh, wenn Gott Seinen Boten nochmals kommen läßt.

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