Ja, es war Gott! Die heilige Nacht. Eine Fahrt nach Silo zur Bundeslade. Der Traum des Jorah
21. Kapitel
Man ist noch wie benommen von dem WORT, von der geweihten Stätte, Oft sieht man sich nur an und weiß nicht was man sagen soll. Bevor der Fürst ins Amt zu reiten hat, fragt er erst Naemi, ob und was er ihren Freunden künden soll. Die Freude ist zu groß, die kann man nicht für sich behalten.
Naemi holt sich einen Rat, nicht den eigenen. „Fühle vor“, sagt sie endlich, „weihe Herias, Selemech, Laban und Anacarias ein, der sich mit uns ohne Frage freuen wird: ‚Warum wir denn nicht?‘ Und er hilft, die Frage zu vermeiden. Führt uns der Herr, so kommen wir in Kürze hin und können dann darüber sprechen.“
„Dein Rat ist gut.“ Der Fürst drückt die alten Hände. „Mein Rat?“ lächelt sie. Da weiß er, was sie meint. Nach dem Tagwerk setzt man sich am Abend in den Innenhof und nun lösen sich die Zungen. Ruth hat wörtlich viel behalten, so daß Heleana sagt: „Wenn ich das nur auch so könnte! Allein, den Sinn von allem habe ich gemerkt.“ „Ich auch!“ ruft Orpa aus. „Es ist sicherlich das Wichtigste, wenn man das Erlebnis nie vergißt.“
„Beides gut, das Wörtliche und der Sinn“, lobt Isremia. „Ruth soll sagen, was sie weiß, das könnten wir den Freunden bringen.“ Boas steht rasch auf: „Ich hole Rollen und schreibe auf, was Ruth wiederholen kann.“
„Seht, euere Sprache habe ich inzwischen gut gelernt“, läßt sich Corusja wieder hören. „Wollt ihr mir eine gleiche Rolle schreiben? Ich glaube — hm — na ja“, ganz verlegen ist der liebe Heide, der so gläubig wurde, „es wird die höchste Gabe sein, die ich mit in meine Heimat nehme. Denn das sag‘ ich euch: ‚in der Grotte war ich winzig klein, ein Nichts geworden und hab‘ an mir herumgetastet, ob ich‘s bin, der das mit empfangen durfte.“ Er steht auf, geht hin und her und setzt sich wieder.
„Es war GOTT, der zu uns gesprochen hat, der Gott aller Menschen, der alles lenkt und leitet, bei dem es keine Unterschiede gibt ob Heide oder Israele, der allein das Herz besichtigt! Denn sonst — hm, früher war ich gar nicht gut, hab‘ das nur von mir gedacht. Durch euch, ihr lieben Leute, durfte ich das Wunder mit erleben. Nie werde ich die Nacht vergessen!
Sagt ihr nicht zu manchem ‚es ist heilig‘? Diese Nacht war davon angefüllt. Spüren kann ich das, bloß deuten und . . .“ „Das genügt, du treuer Freund“, sagt Naemi. „Wenn du das behältst, dann bewahrst du dir das Köstlichste von allem, was ein Mensch auf Erden je erleben kann. Wir auch!
Nimm das Fühlen mit nach Hause, deine Lieben werden es erkennen und ihr werdet selig sein. Da kannst du deine Strahlen senden. Wir tun gut, wenn wir bald den Fürst besuchen, hernach die Reise, Silo und — Golgatha!“ Das letzte Wort klingt wie ein Schluchzen, auch kennt man diesen Ausdruck nicht. Jene Höhe bei Jerusalem erhält erst später diesen Namen.
Golgatha? In die Seligkeit, die die ‚Heilige Nacht‘ den Menschen gab, ist ein greller Blitz hinein gefahren. „Was, o Naemi, bedeutet das?“ Ruths Augen glänzen naß. Da sagt die Alte leise: „Ich weiß es nicht, meine Tochter, ich hab‘ das Wort in mir gehört. Vielleicht erfahren wir es dort, wo Abraham sein größtes Opfer bringen wollte, was der Name zu bedeuten hat.
Seid nicht traurig, meine Lieben! Denken wir an diese Nacht, die Corusja richtig ‚heilig‘ nannte. Heilig soll sie für uns bleiben. Unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit sei Preis und Ehre, Lob und Dank in Ehrfurcht, Liebe und in Anbetung für immer dargebracht.“ Gemeinsam spricht man ein Gebet. — Dann folgt wieder mal die Welt.
Am nächsten Tage kommt aus Griechenland der Schimmel an. Es ist ein Erlebnis, zwar ein kleines Irdisches, als Isremia das Geschenk Corusja übergibt, im Hof. „Oh!“ Mehr weiß dieser vorerst nicht zu sagen. Alles läuft herzu, Knecht und Magd. Das Pferd schnaubt und tänzelt, doch der Lenker, der auf einem Braunen saß, weiß mit ihm umzugehen. „Bedenkt“, sagt er, „unser Weg war weit, auch Tiere müssen sich erst eingewöhnen. Morgen reite ich es zu, dann kannst du getrost und unbeschadet in den Sattel steigen.“ Dabei verneigt der Mann sich vor Corusja tief.
„Am liebsten gleich.“ „Lieber nicht“, warnt der Grieche. „Laß dem Tier erst eine Ruhe und die Nacht im fremden Stall.“ „Der Stand ist neben meinem Viergespann, und da das selber Griechen sind“, lacht Isremia, „hat er heimatliche Kameraden neben sich.“ Heleana küßt ihren Mann. „Ach du, immer hast du solche Scherze, als ob . . .“ „Es stimmt“, betont der Grieche. „Auch die Kreatur weiß es genau, was Freundschaft zu bedeuten hat — unter sich und bei den Menschen.“
„Bei den Herden weiden meistens mehrere beisammen“, sagt Hanea, „dachte nur nicht drüber nach. Nun sehe ich das auch so an.“ Corusja beschenkt den Griechen reich und dankt Isremia immer wieder. Ein kleiner Mannesstolz steigt in ihm auf. „Man wird sich wundern, wenn ich mit dem Renner angeritten komme. Ah — sollen sie! Dem Herrscher gebe ich es nicht!“ Die Sorge ist nicht unberechtigt, der streckt nach schönen Dingen gern die Hände aus.
„Ich gebe dir die Rolle mit, daß du das Pferd nicht weitergeben darfst, sonst hole ich‘s zurück. So zu deinem Schutz“, beruhigt Isremia. „Aha, du hast immer einen besten Rat!“ Wenn auch über das Ereignis Freude herrscht, steht dennoch ihre ‚Heilige Nacht‘ allein im Vordergrund; und am Abend, wie alle Tage, gibt es kein anderes Gespräch als das von Gottes offenbarter Herrlichkeit. —
Nun sind sie Gäste bei Pereztha. Sein Diener, ein pfiffiger Kerl, weist Bittsteller ab. „Tut mir leid“, sagt er freundlich, „kommt morgen wieder. Der Fürst hat Besuch. Einmal muß er neben seiner Müh und Plage eine Freude haben. Bitte, gönnt sie ihm.“ Dabei öffnet er des Hauses Tür nach außen.
Anacarias, Herias, Selemech und Laban sind zugegen. Erst wird von vielerlei geredet, man fällt nicht mit der Tür ins Haus; auch will Pereztha warten, ob die Freunde selber fragen. Er hatte bloß die ‚schöne Nacht‘ erwähnt, wobei Laban sagte: ‚In Bethlehem erlebt man immer etwas Schönes.‘ Man dachte an die Engel. Der Oberpriester hatte nichts gesagt. Freilich war das mit den Engeln wunderbar, sie sind als Boten Gottes Dessen Stimme. Er aber hatte aus Perezthas Blick gelesen: ‚Es war mehr!‘ Was — würde man erfahren. Nun stellt er die Frage:
„Als du kürzlich aus der uns lieben Stätte wiederkamst, sah dein Gesicht ganz anders aus, als üblich ist. Was geschah denn in der ‚schönen Nacht‘? Ich meine, jetzt kannst du die Zügel locker lassen und berichten, was geschehen war. Wir Jerusalemer dürfen sicher Näheres erfahren. Oder nicht?“
„Ihr sollt heute alles wissen, darum bat ich euch zu mir, wenn unsere Bethlehemer, denen ich die Nacht und ihre Herrlichkeiten zu verdanken habe, bei mir wären. Darüber wird Naemi reden können und ich bitte sie darum.“ „Nicht ich allein“, wehrt sie bescheiden ab, „denn was jeder für sich selbst empfunden hat, kann er selbst am besten wiedergeben.“
Sagt gleich Corusja stolz: „Ich nannte sie die ‚Heilige Nacht‘. Bitte“, winkt er Pereztha zu, „war sie denn nicht heilig?“ „Ja, und es freute mich, daß gerade du zur richtigen Benennung kamst:
eine — die Heilige Nacht!“
Man staunt. Boas holt eine Rolle vor und liest, was Ruth behalten hatte. „Das ist ja wörtlich!“ ruft der Fürst. „O Ruth, wie ist es möglich, daß du das kannst?“ „Ich weiß nicht“, erwidert sie, leicht errötend, „unser Engel — denn bloß dem Gedächtnis nach —“ Sie macht eine fragende Bewegung.
Anacarias streichelt ihren dunklen Scheitel. „Wenn ihr, die ihr diese Gnadennacht erleben durftet, es bestätigt, daß das Wörtliche so stimmt, dann ist es auch zu glauben. Nun — ob Wort für Wort, ob aber nur dem Sinne nach, spielt für mich keine Rolle. Was nützt der Buchstabe ohne wahrem Sinn?
Wir kennen manches, was ‚gesagt‘ worden ist. Und daran klammern sich die meisten und vergessen ganz, daß manches gar nicht wörtlich festzuhalten war. Nein!, man pocht darauf und das Echte geht dabei verloren. So aber wollen wir nicht tun! Denn daß Gott Sich herrlich offenbarte und als LICHT erschien, das allein ist zu beachten, das wollen wir behalten.“
„Das Geschriebene kann uns aber auch mit helfen“, meint Selemech bedächtig. „Wenn man es immer wieder lesen kann, bleibt es besser haften als ein Stützpunkt der Gedanken.“ „Auch meine Meinung“, läßt Herias sich hören. „Frage: weshalb . . .“ „Laß dich bitte unterbrechen“, hebt Anacarias eine Hand.
„Was du fragen willst, war auch mein Gedanke: Warum bin ich nicht dabei gewesen? O, ist es nötig, daß man stets zugegen ist, wenn der Herr ein Wunder tut? Es genügt die hohe Gnade, jetzt das Herrliche gehört zu und mir ist, als wäre ich dabei gewesen. Auch freut es mich, weil Pereztha es erleben durfte. Unser Bethlehem ist ein auserkorener Ort, bloß dort konnte es geschehen. Laßt uns dankbar sein, Selemech, Herias und Laban, denn auch wir sind in die Gnade eingeschlossen.“
Jeder nickt und die Freude glänzt in aller Augen. Laban lächelt vor sich hin und sagt: „Ich wollte gleichfalls fragen, unterdrückte aber das Bedenken, denn es war mir einfach ein echte Freude, daß dieses Heilige in Bethlehem geschah. Ganz bestimmt sind wir nicht ungesegnet.“
„Keinesfalls“, bestätigt Isremia. „Wer in tausend Jahren und noch später die Geschichte hört und freudig im Gemüt bewegt, dem ist es auch nicht anders, als würde er die Nacht im Augenblick erleben, so sich sein Herz daran erfreut.“
„Eigenartig war“, erzählt Naemi, „ich wußte nicht, was das Rufen gelten sollte: ‚Kommet in die Grotte!‘ Ich kann‘s nicht deuten. Glaubt es nur, wir hatten alle Freunde mitgenommen, wir trugen sie in unsrer Liebe hin, und ich bin gewiß: eure Seelen und noch viele waren mit zugegen, wie der Herr es sprach: ‚Viele ungesehen‘, und das nicht allein die Engel.“
Herias seufzt. „Ich bin‘s nicht wert gewesen, sonst hätte mich der Herr gerufen.“ „Herias!“, mahnt Boas, „denkst du denn, nur wir von Bethlehem sind von Gott bevorzugt worden? Kommt es darauf an, o sage mir: welcher Mensch ist solcher Gnade selber würdig? Da ist keiner, höchstens Gottes liebe Große, die hohen Engel, oder wer schon auf der Welt Besonderes geleistet hat. Ich will bloß Abraham und Mose nennen, Josua und.. .“ „.. . die Richterin Debora“, ergänzt der Oberpriester.
Der Abend naht, so viel hat man erzählt, sich ergänzt und manches mehr. „Ihr bleibt“, der Fürst meint die Bethlehemer, „es ist zu spät, um heimzukehren.“ „Ich muß zum Dienst bei meinen Priestern sein“, sagt Anacarias. Damals gab es nur ein Haus, die Synagoge, wo man Rat zu halten pflegte und darin dem Volke predigte. „Ich komme wieder, wartet nur a mich.“
Es wird auch ein schöner Abend. Boa berichtet: „Naemi hat noch vor, eine Fahrt nach Silo und zum ‚Beterhügel‘, wie wir den Ölberg nennen. Sie gab einen andern Namen an, doch werden wir die Wahrheit dort erfahren, was mit ihm und diesem Berg zusammen hängt. Wollen wir gemeinsam diese kleine Reise tun?, vielleicht besser in zwei Gruppen. Wir von Bethlehem und ihr von hier sollten uns zuerst in Silo treffen. Ihr wißt, leicht rennen viele Leute nach. Das soll sicher nicht geschehen.“
„So ist‘s, mein Sohn,“ Naemi breitet ihre Hände aus, als ob sie eine Gabe sammeln oder weitergeben wollte. „Und“, wieder sieht sie in die unbekannte Ferne, die es nicht auf Erden gibt, „in acht Tagen kommen wir nach Silo. Wir übernachten dort. Gott wird uns führen. Sein weiser Wille wird geschehen.“ —
Man ist in Silo angekommen. Verwunderlich, weil Josua nicht nach Jerusalem die Bundeslade bringen ließ, nicht Juda, sondern Ephraim erwählte. Gewiß, Silo liegt zentraler für die Stämme, die sich am Jordan weitgedehnt verbreiteten; aber das nur wird es nicht gewesen sein. Dem muß etwas Geistiges zugrunde liegen.
Man spricht darüber, als man im kleinen Herbergshaus die Nacht verbringt. Sie sind die einzigen Gäste und ungestört. Der Wirt ist beflissen, der Pereztha viel zu danken hat. Er war auch von Beraba bestohlen worden. Nun hat er das Verlorene zurückerlangt und er stört die Gäste nicht.
Anacarias hat den Ältesten der Priesterdiener eingeladen. Gern war der gekommen, nicht nur wegen einer Abwechslung. Anacarias ist im Gebiet viel mehr beliebt als bei den Neidern in Jerusalem. Jetzt wird die Frage aufgeworfen, weshalb Josua das kleine Silo für das Heiligste des Volks bestimmte. Keine Kunde liegt darüber vor, man hat auch nicht darüber nachgedacht. Nun ist es anders, nun will man wissen: warum — —
Der Älteste, namens Jorah, meldet sich zum Wort. „Ich dachte oft darüber nach, weil Silo diesen Ehrenplatz bekam. Vielleicht ist mein Bedenken nicht ganz recht, immerhin — wir halten unsere Welt für groß, doch in einem Traum sah ich das Schöpfungsall; mir wurden meine Augen aufgetan. Große Sonnen, Sterne und die Vielzahl aller Himmelslichter, größte und auch kleinste wurden mir gezeigt, auch unsre Welt. Wie staunte ich, sie war beinah winzig klein gegenüber mancher ungeheurer Sterne.
Ich sprach weinend: O weh, was ist sie denn im Himmelsraum? Ein Staubkorn, mehr doch nicht! Da hörte ich die Stimme: ‚Wähnst du, daß nur das Große vor dem Schöpfer gilt? Müßten dann die Menschen, auf die die Großen meist verächtlich blicken, gleichfalls vor dem Herrn nichts gelten? Wenn auch die großen Sonnen und die Sterne, die du niemals übersehen kannst, die Herrlichkeit des Schöpfers rühmen, so sieht Sein Auge nicht zuletzt aufs Kleinste und Geringste, ob ein Mensch, ob eine Welt, das bleibt sich gleich!
Ich zeige dir den Fall.‘ An mir zog das Bild vorbei. ‚Und‘, sprach die Stimme weiter, ‚wenn die Erbarmung Gottes hilft, was längst begonnen hat, bis einst der letzte Abschluß kommt, dann neigt Er Sich zum Niedrigsten herab, weil auf diese Weise alle in die Liebe der Erlösung einzuschließen sind.
Gott geht durch Seine Himmelsräume und kehrt auch ein auf euerer Welt. Du weißt‘s vom Patriarchen und von anderen, wie oft Er kam. Wenn jedoch das Letzte der Erlösung für den ganzen Fall zu setzen ist, wird Er wie ein Mensch in zugedeckter Herrlichkeit, die Er niemals von Sich trennt, erscheinen. Nie begibt ER Sich der Hoheit Seiner Wesensherrlichkeit, auch wenn das Äußerliche der Gestalt dem Menschen gleicht — gering und arm.
Ins Niedrigste steigt Er herab, um es ins Vaterhaus zurückzubringen. Dazu dient Ihm euere kleine Welt, die der euch unbekannte Mittelpunkt des Falles ist. ‚Josua hat davon gewußt, doch er sollte das Geheimnis hüten. Er wählte auf Geheiß den kleinen Ort, und ins Kleine, was du noch erfährst, kommt Gott auf diese Welt. Natürlich bleibt des Reiches Herrlichkeit im Reich; doch die Strahlen fallen ins Unendliche, dessen Grenzen bloß der Schöpfer kennt und die für Ihn die Grenzenlosigkeit der Allmacht sind.‘
Ich wachte ganz benommen auf, wollte alles niederschreiben, doch mir zitterte die Hand. Da fiel mir ein: Josua sollte das Geheimnis hüten. Es ist jetzt das erstemal, daß ich diesen Traum erzähle. Ich hörte in der letzten Nacht: ‚Denen, die du morgen triffst, sollst du deinen Traum enthüllen. Sie werden ihn bewahren, weil sich erst das Werk des Höchsten offenbart. Später, wenn die Zeiten der Materie abgelaufen sind bis auf den letzten Rest, wird vieles und auch dein Traum enthüllt.“
Tief ergriffen hat man zugehört und keiner denkt: warum hat der kleine Diener das erlebt, weshalb ich — wir — denn nicht? Keinem steigt solch eine Frage auf. Das Herrliche allein nimmt vom Gemüt Besitz. „Jorah“, sagt Anacarias nach einer Weile herzlich, „willst du mit mir kommen? Dich möchte ich in meiner Nähe wissen, da hätte ich den Ehrlichsten von allen neben mir.“ Der Priester überlegt, wehrt jedoch bescheiden ab:
„Dank für die Ehre, Oberpriester, ich weiß sie sehr zu würdigen. Aber schau: mir ist das Dienen bei der Bundeslade, im Gezelt, das Mose einst errichtete, Josua ungefährdet hierher brachte, in mein Herz gewachsen. Kannst du mich verstehen, mir verzeihen?“ „Nichts ist zu verzeihen und wie gut versteh‘ ich dich. Hier hast du einen Wahrheitstraum gehabt, hier bist du zu Hause. Doch von nun an werde ich noch öfters kommen, nicht bloß zu den Festlichkeiten, wo ich den Dienst verrichten muß.
Morgen kommen wir zur Bundeslade. Ich kann‘s bestimmen, wollen aber keinen Anstoß geben. Es könnte jedermann die Schau verlangen, den Vorhang wegzuschieben und hier einzutreten, wie das morgen mit den Freunden werden soll. Du bist der Amtsälteste, es darf dir keine Bürde werden, keiner darf da schimpfen: ‚Du brichst das Recht, das Mose angeordnet hat!‘
Sie vergessen: nicht bloß Mose stand in Gottes Hütte, auch Josua und mancher Fürst, sogar ein Knabe, wie wir wissen. Es fiel kein Brand herab. Wie du im Traum erlebtest: das Kleinste sucht der Herr Sich aus, um Seiner ganzen Kinderschar im Himmel und auf Erden zu begegnen. Was schlägst du also vor?“
„Es trifft sich gut“, erwidert Jorah. „Außendienst ist morgen, wo wir in die Orte gehen, das Wort zu lehren, Kranke zu betreuen. Ich bestimme, wer wohin zu gehen hat. So fällt nicht auf, bleibe ich am Ort, obendrein — ich habe letzthin oft den Außendienst versehen. Es wird immer abgewechselt, jeder soll einmal zu Hause bleiben. Es geht aber jeder gern, unsere Leute sind gefällig und die Ephraimer haben eine offene Hand.“
Anacarias lacht und Pereztha sagt: „Das ist schön, die Priester im Gebiet sind keine reichen Leute. Fällt eine Gabe ab, so ist‘s ganz recht. Da Gottes Hütte nicht inmitten Silo steht, fällt es auch nicht auf, wenn wir zu ihr kommen und außerdem nicht alle auf einmal. Zur Einhaltung des öffentlichen Rechts ist‘s besser, so wir keinen Anstoß geben „Richtig“, bestätigt Anacarias. „Ich als Oberpriester kann die Hütte jederzeit betreten und komme morgen früh. Ich will die Brüder segnen, das heißt: nicht ich, sondern will den Segen sprechen, wie Gott dem Mose anbefahl: ‚Der HERR segne dich!‘ Ihr andern kommt im kleinen Abstand nach.“ —
Wundersame Dämmerung herrscht in Gottes Raum, den Er ‚gestiftet‘ hat. Anacarias und Jorah stehen vor der Bundeslade, die andern bei der Vorhangtür. Gottes ATMA weht sie an, und nie noch waren Herzen mehr davon erfüllt als immer hier, an diesem Ort. Andachtsvolles Schweigen füllt das Gezelt. Corusja kniet sich nieder, als erster, so überwältigt ist er von der Bundeslade, die in ihrer Herrlichkeit erstrahlt. Und der Friede! Wer kann von ihm berichten? Bloß fühlen kann man ihn, im Herzen tief bewegen, mit Freudentränen danken, daß man ‚das‘ erleben darf.
Bald knieen alle nieder. Anacarias hält ein feierliches Amt; er ist noch erschüttert von dem Traum, den Jorah hatte. Heute kommt ihm Gottes Hütte anders vor als sonst. Dabei sind vier Heiden unter uns, denkt er, die nie den Raum betreten dürften. Heiden — ? Gottes Kinder! Naemi eine Seherin, Ruth ebenfalls. Und wie gläubig wurden sie, Corusja und die Orpa. Sie haben ja ein Recht, herzuzutreten, wie — ja, wie vor Gottes liebes Angesicht.
Aller Augen sind genäßt. Erst auf dem Rückweg lösen sich die Zungen. „Das vergeß ich nie“, sagt der Moabite, „ich nehme herrliche Geschenke mit, die inneren, meine ich, die —“ Er kann das nicht in Worte kleiden. Stumm drückt jeder seine Hand. Man kommt gegen Abend nach Jerusalem und es fällt nicht auf, denn Pereztha reitet öfter ins Gebiet, immer mit Begleitung. Man gönnt sich einen Ruhetag, erst dann will man zum Beterhügel gehen. Was werden sie daselbst erleben — — —
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