3 — Bleiben
— B L E I B E N —
Weh dem, der mit seinem Schöpfer hadert, eine Scherbe wie andere irdene Scherben. Jes. 45, 9
Josua führt das Volk vom ‚Berg der Trauer‘ (Nebo), wo man Mose‘s Grab nicht fand, bis fast zum Jarmuk-Fluß, weil rechts des Jordans gutgerüstete Stämme stehen. Was würde drüben auf sie lauern? Auch gibt es keinen guten Übergang. Gezwungen kehrt er wieder um. Südlich Jabes Gilead läßt er lagern. „Für kurze Zeit“, tröstet er die müden Menschen.
Er sitzt im Zelt, grübelnd, ob Gott helfen möge. Nu-Anim ist vor kurzem heimgegangen; mit ‚reicher Mühsal‘, tönt‘s in seinem Herzen nach. Ja! Aber hundert und fünf Jahre sind ein hohes Alter; selber ist er auch bald siebzig. Nicht weniger als sein Vater kümmert er sich um das Volk.
Unaufhörlich kommen Melder, von der Feindbewegung und vom letzten Zelt. Der Dank für viele Mühe ist nicht immer reich. Er hat nichts anderes erwartet; denn Mose erging es ebenso. Wenn — — In seine Grübelei hinein, wenige Minuten einer Pause, tritt ein junger Mann mit ehrerbietigem Gruß.
„Was gibt es, Sanhus?“ „Mein Vater sandte Botschaft.“ „Wo steht er jetzt?“ „Mit zwanzig Männern hart am Jordan. Fürst Pagiel ist hin zu ihm. Gegenüber, in der gleichen Höhe, liegt Jericho, das die Kanaaniter mit etwa tausend schwer Bewaffneter halten. Man führt Verstärkung zu. Manche Truppen setzen sich nach Norden ab. Vater meint, es gäbe jetzt Gelegenheit, den Jordan zu passieren. Er hat eine breite Furt gefunden.“
Josua atmet auf, „Schlag‘ dich durch; du bist treu und tapfer. Kahathael möge das Geringste melden lassen. Fürst Pagiel berufe ich zurück; ich halte einen Fürstenrat. Frage, ob wir — zunächst ‘— mit der Hälfte unserer Krieger überraschen könnten. Hier ist weit und breit kein Feind; die Hälfte hütet leicht das Lager. Erst ist Fuß zu fassen, bevor das Volk dem ungewissen Schicksal preiszugeben ist. Könntest du bis Abend wieder bei mir sein?«
„Ja, Herr.“ „Sanhus, du weißt — Gott allein ist unser Herr.“ „O ja“, erwidert jener ernst, „aber GOTT hat dich zu einem Herrn auf dieser Welt gesetzt. Die Fürsten reden wir ja auch mit ihrem Titel an.“ Josua erklärt: „Sie sind vom Geblüt her Fürsten.“ „So? Und du?“ ereifert sich der Junge. „Was steht denn höher: Gottes oder eines Menschen Haus?
Ich sah den Herrlichen[VH49], ebenso, wem Mose‘s Mantel wurde. Du trägst ihn! Unser Großfürst Hur stellt dich sehr hoch. ‚Nicht ‘vom Geblüt kommt die Erwählung‘, sagte er, obwohl er einem Fürstenhaus entstammt. Man hätte nur die Enkel beider Jakobsfrauen, nicht aber die der Mägde, zu den ‚Ersten unterm Volk‘ erhoben, woraus später dann die Fürsten wurden.
Hur entstamme Josephs erstem Enkel aus der Linie Rahels; Pharao hat ihn mit der Großfürst-Würde ausgezeichnet. Du, Josua, stammst vom ersten Enkel Rubens, dem ersten Sohne Jakobs ab. Demnach bist du unser erster Fürst. Allein — weniger aus dem Geblüt, vielmehr aus der Kraft des Geistes, vom Lichte aus, bist du nach Mose der Oberste vom ganzen Volk.“
Josua nickt freundlich: „Gewiß; nur macht man sich zu gerne einen Götzen. Um so fester ist der ‚EINE HERR‘ zu preisen!“ „Gut, also nenne ich dich öffentlich ‚Fürst Josua‘.“ „Kleiner Schwärmer!“ Und nach einer Pause: „Gehe nun, damit du bis zum Abend wiederkommen kannst.“ „Jawohl, Fürst Josua!“ Sanhus stellt sich wie ein Krieger hin. „Nicht im Zelt“, hebt Josua die Hand, „ich sei dir wie Fürst Hur ein Vater.“ Des Jünglings Dank kennt keine Worte, seine Augen strahlen hell.
Josua, sinnierend, wundert sich, weil nicht schon wieder jemand kommt. Selten hat er Zeit, ein inneres Gespräch mit Gott zu halten. Es sind bis auf den heutigen Tag vierzig Jahre, daß Israel — unter Gottes Hand und von Mose angeführt — das Rote Meer durchzog. Bei ihm ist‘s auf den Tag genau das zehnte Jahr, seitdem er neben Mose dienen darf — Gott und Israel.
„Herr“, sagt er leise, „Du rechnest sehr genau; aber Kanaan ist fern, obwohl es mit dem Volke in vier Tagen zu erreichen wäre. Hast Du des Patriarchen Land uns zugesagt, warum dürfen sich die Heiden sträuben?“ Da tritt Gott ins Zelt, und wie ein Freund setzt sich der Herr ihm gegenüber. Schreck und Freude überstürzen Josua. Er springt auf.
„Bleibe sitzen! Ich will mit Meinem Sohne reden und blättere ihm auf, was ihn beschwert, weltlich zu verstehen; denn das hatte Mose auch. Aber weiß Mein Sohn, daß ICH ihn wählte und der Knabe das ‚Geblüt des Lichtes‘ künden sollte, so kann statt mancher Frage das Vertrauen walten. Oder nicht?“ Josua greift nach Gottes Hand und legt seine Stirn darauf.
„Herr, ich muß lernen, Fragen in Vertrauen umzutauschen. Laß mich aus Deinem Gnadenreichtum meine Mühsal dieser Zeit in Deine Hände geben.“ „Gib her“, erwidert Gott, „du sollst merken, daß Ich alles weiß und alles lenke!“ „Das ganz gewiß, mein guter Vater-Gott. Du siehst auch, ob und wie ich Dir vertraue.“ „Deshalb kam Ich ja zu dir, Mein Sohn.“
„Welche Gnade! Man murrt und wirft mir vor, wir wären vierzig Jahre ohne Heimat. Ich hätte gern an diesem Tage Dein Panier auf jenem Grund errichtet, den Du Abraham gegeben hattest. Wenn es gut geht, sind wir in vier Tagen drüben; ob aber festen Fußes, weißt nur Du allein.“
„Ich teile deine Sorge“, sagt Gott mild. „Wie — ? Du brauchst doch nicht besorgt zu sein?“ Wieder jenes gute Lächeln. „Wenn ICH deine Sorgen teile, meinst du nicht, daß mindestens die Hälfte (S. 126, 3) aller Last entfällt?“ „Ah, so ist das!“ Josuas Augen gehen über. „O Herr, Du bist doch der allerbeste Vater; es gibt keinen andern außer Dir!“
„So merke: Mancher wähnt, die Zeiten müßten sich nach seiner Uhr erfüllen, zumal wenn eine Offenbarung Menschenzeiten grenzt. An sich ganz recht. Du hast im guten Glauben an die vierzig Jahre noch vier Tage angehängt. Willst du zählen, wie oft das Volk sich von Mir abgewendet hat? und wieviel Gebote, auch wie oft sie übertreten wurden?“ „Wie oft? wieviel — ? Herr, ich weiß es nicht, es war — war leider oft.“
„Eben! Berechnete Ich vom Tausend Meinen Zehnt[VH50], so wären noch vier Jahre abzuwarten, ehe sich die Tore öffnen.“ „Herr!“ Ein erschreckter Ruf. „Man sagt es offen, bei mir wäre keine Gnade, es hätten sich die vierzig Jahre sonst erfüllt.“ „Laß die Schwätzer schwatzen! Aber möchtest du die Bürde übernehmen?“ Ein abgrundtiefer Seufzer, — und dann: „Mit Deiner Kraft.“ Da nimmt Gott des Menschen Hände in die Seinen; und es ist ein hohes Leuchten, das aus heilig-dunklen Augen bricht.
„Es war nur eine Prüfungsfrage, Josua. Ich will Mose‘s wegen die vier Jahre teilen, daß nur zwei zu gelten haben.“ „Dank, Dank! Die werde ich schon schaffen.“ „Du fragst nicht, Josua, ob Ich nicht für dich, dem die Mühsal seines Lichtes Manteltasche füllt, gleichfalls teilen möchte?“ „Ach Vater, Du hast doch schon die Sorgen gnädiglich mit mir geteilt.“
„Schau an! So bleibe es bei Tagen: zehn für Meine Zehn Gebote. Das verschweige; du sollst die Murrer kennen lernen. Ins Gesicht hinein sind manche freundlich, hinterm Rücken heben sie die Faust. Wie ICH die öffne, lasse Meine Sorge sein. Du hast im Traum Mein Licht gesehen. Wie da des Auges Lid geschlossen ist, so sieht die Seele unter ihres Geistes Flügel Meine zugedeckte Herrlichkeit. Das ist für einen Menschen viel!
Aus dieser und noch anderer Schau gehst du deinen Beihilfweg. Und daß die Schwätzer sich in ihre Zunge beißen, sollen sie vor Jericho ‚ihr‘ Wunder haben. Es wäre besser, der GLAUBE würde wirken; aber um der Armut willen, aus ihrer Knechtschaft mitgebracht, will Ich ihnen gütig helfen.“
„Vater, meinst Du die Leibeigenschaft am Nil?“ „Nein; es ist die Seelenarmut und die Knechtschaft, Luzifer geleistet.“ „Da laß mich um so freudiger dem armen Volke dienen, als einen Dienst, der DIR gebührt.“ „Du bist und bleibst gesegnet, Josua.“ „Vater, willst Du eine andere Sorge auch mit teilen? Leider hängt die Welt an mir wie Pflöcke, die die Füße fesseln. Jericho ist stark befestigt, unsere Männer müde, und — wie soll ich denn die Menschen schonen, wenn sie ihre Waffen heben?“
„Ich sagte ja, daß Israel ‚sein‘ Wunder haben soll, deinetwegen. Mit dir wird einer kämpfen, dem die Welt nicht widersteht.“ „Ja, o Vater-Gott, DU bist der Eine!“ „Das auch, Mein Sohn; nur helfe Ich aus Meiner Ferne, die dir immer nahe ist. Und nahe wird ein Fürst der Himmelsheere sein. Darüber schweige auch; denn Ich prüfe, wer an meine Hilfe glaubt.
Am vierten Tag erhebst du Mein Panier vor Jericho; und danach am sechsten soll die Veste fallen, für Satanas ein Zeichen, daß jetzt am sechsten Schöpfungstage seine Veste fällt. Du willst kein Blut vergießen, wegen des Gebotes: Du sollst nicht töten! Siehe, wäre diesen Irrgegangenen ohne Leibestod zu helfen, so sei gewiß: es bedürfte nicht, die Stadt zu stürmen!
Sie ist ein Sodom, nur wird sie nicht wie Sodom sterben. Mit dem Tod ist manche Seele zu erretten — für die Ewigkeit. Sorge du, daß Israel nicht grausam wird. Wo man es heimlich tut, wird Meine Hand dazwischen fahren.
Ich habe Meine Heiden lieb. Überall gibt‘s Geister aus der Höhe und Wesen aus der Niederung. Von den Gefangenen lasse Männer sieben oder vierzehn, Knaben einundzwanzig Jahre dienen. Greise und Kinder sind zu schonen; aber junge Mädchen spanne auch mit ein. Tust du das, dann wird in Kanaan dein Name nicht vergessen, wie nicht der Name Abrahams.
Ich zeigte dir nach deinem Amtsantritt das Buch des Lebens, das im Sanktuarium aufgeschlagen liegt und sagte: ‚Laß das Buch des Gesetzes nicht von deinem Munde kommen, betrachte es Tag und Nacht, auf daß du haltest und tuest allerdinge nach dem, was darin geschrieben steht. Alsdann wird es dir gelingen in allem, was du tust, und wirst weise handeln können.‘ (Jos, 1, 8 )
LEBEN ist das höchste Lichtgesetz, die erste UR-Bedingung, die dem Kindervolke galt.
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