3 — Bleiben … Fortsetzung 1
Man schwur dir Treue, war — wie selten — gut geeint. Man fürchtete weniger Meinen als mehr Mose‘s Zorn, der nach ihrer Ansicht dir zur Seite steht. Genau so fürchten sich die Heiden; sie sind verzagter, als du ahnst.“ „Was soll ich mit der Hure Rahab tun? Wir billigten ihr Schonung zu.“ „Mit Recht! Nicht nur deshalb, weil sie deine Männer aus der Schlinge ließ; man nennt sie eine Hure, weil sie dem ‚Gott des Patriarchen‘ dient. Darum führte Ich durch einen Engel deine Leute in ihr Haus.“
„Es geschehe, ewigguter Gott.“ Josua beugt sich nieder. „Wie ich mich an Deine Füße klammere, so halte ich den Segen fest, den Du mir gegeben hast. Laß ihn über Israel und alle Heiden kommen, damit aus diesem Lande als Symbol des Lichtes DEINE WAHRHEIT über diese Erde gehe, bis ein breiter wenn auch schwerer Weg die Hingestürzten in das Empyreum leitet.“
„Ich habe diese Welt gesegnet“, sagt Gott tiefernst, im Blick die dunkelsanfte Glut des Schöpferfeuers. „Ich habe sie erkoren als die niedrigste der Welten. Ich steige ja in ihre Armut nieder; und dein Bild, aus guter Bitte aufgestiegen, wird zur Wahrheit werden!“ Der Herr legt Josua Seine Hände auf. Ihr sanfter Druck ist lang zu spüren, trotzdem Gott in der Gestalt gegangen ist. Zurück bleibt Seine Gnade in der Gegenwärtigkeit.
Eleasar, Ithamar, die Fürsten und einige der Ältesten versammeln sich. Man bespricht das Für und Wider. Josua beachtet jeden guten Rat. Zuletzt fragt Hur: „Was ist Gottes Wille? Was willst du morgen tun?“ Josua streicht über seine Stirn, und aus seinem Geiste holt er Gottes Rat hervor:
„Während unserer Wanderung hat das Volk viel Übles vor dem Herrn getan — nicht nur die Kleinen“, sagt er ernst. „Könnte Gott nicht an die vierzig Jahre noch vier Jahre hängen?“ „Noch was — ? Hat Er das gekündet?“ fragt man heftig. „Es wäre wohl Sein Recht“, fällt Ithamar ein. „Er kann uns weitere vierzig Jahre warten lassen, bis wir lernen, Sein Gesetz zu halten.“
„Das Gesetz des Lebens“, betont Josua. Manches Auge flimmert, und ein Ältester sagt: „Wenn wir nicht morgen Kanaan erringen, fällt der größte Teil des Volkes von dir ab!“ „So?“ Hur fragt‘s gedehnt. „Hast du schon die Listen fertig?“ „Listen?“ stottert jener. „Ich brauche keine; das Volk . . .“
„Schiebe keine Menge vor, wenn du der Rädelsführer bist!“ Josua steht auf. „Ich gehe an den Jordan, um die Lage zu erkunden.“ „Gehe nicht“, warnt Pagiel, „Gesindel lauert dort auf dich.“ „Woher weißt du das?“ Hur erschrickt und Eljasaph fleht: „Meide die Gefahr; wenn wir dich verlieren, sind wir auch vor Gott verloren.“ Die Fürsten Abida, Eliab, der Alten-Erste Abeldan, Altfürst Deguel und andere stimmen ein.
„Der ‚Listenschreiber‘ sagt, ich hetzte andere vor, aber selber sicherte ich mich.“ „Ist das wahr?“ Ithamar tritt auf den Hetzer zu. „Ich kreide dir es an, vor Gott, verlaß dich drauf!“ „Erhitze dich des Hetzers wegen nicht“, beruhigt Eleasar seinen Bruder. „Als Priester sollen wir . . .“ den bösen Leumund decken?“ Ithamar ist außer sich.
„Es sind doch andere, er nicht allein“, glättet Josua die Wogen. „Was die Gefahr betrifft, — nun, Mose hielt sich nie zurück, wenn es um das Ganze ging. Gott hat mir das Amt gegeben, aus Mose‘s Hand in meine Hand hinein; also werde ich wie Mose handeln. Zu euerer Beruhigung: zwei Fürsten können mich begleiten.“ Er wird schnell umringt, manche kommen aber zögernd her. Nun — sie mögen ängstlich sein, sucht Josua sie zu entschuldigen. Er erwählt sich Abida und Pagiel. „Großfürst Hur wird mich vertreten. Hier die Vollmacht“, er übergibt ihm Mose‘s Ring.
„Nimm Krieger mit“, bittet Eljasaph besorgt. Josua beschwichtigt ihn: „Guter Freund, ein Haufe fällt gleich auf.“ „Wann kommst du wieder?“ Nahessons Frage entspringt keiner Sorge. „Das ist schwer zu sagen“, gibt Josua kurz Bescheid. „Werden wir dann ziehen?“ „Das kommt drauf an, Melaon. Wenn du nun weiterhetzen willst, — ich habe nichts dagegen; hetze dich bloß nicht ins Grab!“ Bedrückt geht man auseinander. —
Josua dringt bis zu Kahathael vor, der sich entsetzt. „Du bist ebenso gefährdet“, erwidert Josua. Er, Kahathael und ein Pfadfinder durchwaten nachts die Furt. Sie ist seicht; man käme mit den Wagen durch. Aber schwer beladen — ? Kinder, Kranke müßten fahren; und die Flußsenken sind an manchen Stellen schlammig. Immerhin — — Daß Gott auch ihm die Fluten teilen würde, kommt ihm nicht in seinen Sinn — aus Bescheidenheit.
Drüben ist die Ausfurt gut; sie zieht sich bis zur nächsten Höhe und in guter Breite hin. Man hatte Josua bespitzelt, ob und wann er wiederkäme. Einer, der nachts mit Melaon gelauert hatte, sagt plötzlich: „Josua ist Gottes Mann; er führt uns weiter, das zeigt sein Wiederkommen an. Mag es noch ein Weilchen dauern, was schadet das? Mir widerstrebte deine Sache, Melaon, ich halte mich jetzt straff an Josua.“
„Verrate mich nur gleich!“ Melaon unterdrückt die Angst, Josua könne es erfahren. Jener lacht verächtlich: „Nicht nötig, ihn zu unterrichten. Den unterrichtet Gott, wie Er es mit Mose tat.“ Noch wogt es heftig hin und her, als man erfährt, Josua gäbe nicht das Aufbruchzeichen. Wer weiß denn, daß einer noch an den vier Tagen Gottes fehlt? — ?
„Gott ist nicht mit ihm!“ „Hüte deine Zunge, Elender!“ „Warum sind wir nicht schon drüben?“ „Unter Mose wären wir . . .“ „Den habt ihr mehr geärgert, als aufgeschrieben werden darf!“ Bis in die tiefe Nacht hinein wird gehetzt und Partei genommen. Hur meldet sich sehr spät bei Josua. „Komm“, sagt er, „es gibt blutigen Tumult, wenn du dich nicht zeigst.
Josua wirkt versonnen. „Laß die Schwätzer schwatzen‘, sprach der Herr. Ich soll über Seine Anweisung vier Tage schweigen, des Volkes wegen. Du weißt, unter Volk meine ich stets alle.“ „Richtig! Leider schieben Großgemachte unseren Kleinen alles in die Schuhe.“ „Höre an, Freund Hur:
Gott rechnete in strenger Güte ab, wie ich‘s nie erfahren habe.“ Er berichtet das Gespräch. „Vier Tage hieß Er einbehalten, erst am vierten soll ich ziehen, ohne Volk, Morgen gebe ich‘s bekannt. Am sechsten Tag danach soll Jericho umgangen sein, am zehnten Israel den Jordan überqueren.“
Hur umarmt Josua stürmisch, „Morgen ist der vierte Tag; wäre es nicht gut, es zu sagen, um ein Blutbad zu vermeiden?“ „Ich soll die Treiber kennen lernen und Israel Vertrauen finden, zum Herrn und auch zu mir. Darum soll ich schweigen. Er zeigte mir das Buch des Lebens, vom Sanktuarium, daß ich‘s Tag und Nacht vor meinen Augen hätte. Was GOTT gebietet, halte ich!“
„Ich halte mit!“ „Für Ihn“, ergänzt Josua. „Wenn du nicht zu müde bist, gehe mit den Treuen durch das Lager.“ „Darf ich denen eine Hoffnung geben?“ „Natürlich.“ Indem Hur wacht, versinkt Josua im Gebet. Er ist ungestört. Da kommt wiederum der Herr herein, setzt Sich neben ihn und spricht:
„Heute mache Ich dich groß, um allen anzuzeigen, daß Ich — wie mit Mose — immer mit dir bin (Jos, 3, 7). Das ‚großmachen‘ fängt zwar nicht erst an, es gilt nur für diese Welt. Das sprich zum Volk, als wärest du es selbst. Die Guten merken es, daß ICH mit dir geredet habe; die andern ja, Mein Josua“, Gott zeigt Sein heilig-gutes Lächeln, „wir decken eben eine Hälfte zu: Ich vom armen Seelenteil, du von ihrer Mühsal dieser Welt.
Manches kann auf ihre Unzulänglichkeit und Angst berechnet werden, Ungutes aber müssen sie bezahlen. Wenn Ich davon eine Hälfte auf die ‚Angst der Welt‘ belege, so aus Meiner puren Güte, die die Hälfte deiner reichen Mühsal übernimmt. Bist du des‘ zufrieden?“ „O Herr, Vater-Gott, nur zufrieden — ?“ Josua legt wieder seine Stirn in Gottes Hände. „Du siehst, wie Geist und Herz, Gemüt und Seele überquellen,“ „So höre weiter zu:
Rufe in der Früh das Volk zusammen, — es braucht nicht geweckt zu werden“, sagt Gott mit feinem Lächeln, „man hat die Forderung schon formuliert, um sie vorzulegen. Oder soll Ich sie von Jordans Flut begraben lassen, wie die Ägypter von dem Roten Meer?“ „Nein, mein lieber Herr!“ fleht ‚Josua. „Ach, so viele sind den jungen Lämmern gleich. Allerdings — ich habe oft gegrübelt, warum Du die Ägypter untergehen ließest. Oder bist Du‘s nicht gewesen? War allein die Eigenschuld ihr Grab?“
„Jeder Eigenschuld läuft das Verderben nach, weltlich oder als Gewissensqual. Sich bessern ist nicht nur die Straße zur Erlösung, weil jede Schuld im Fall des Schöpfungskindes liegt. So nicht, Mein Josua, daß dadurch überhaupt die Schuld entfiele. Jeder Seele gebe Ich den Mahner (Gewissen) mit, um sich von Übeln zu befreien. Es gibt keine Selbsterlösung, wie so mancher denkt, dessen größte Übel Wahn und Hochmut sind!
Die Ergrimmten Pharaos jagten euch satanisch nach. Obgleich noch ungenau, ahnt Satan längst, daß Ich im Zeichen Meines Himmelsvolkes Mir das Jakobvolk ersah, bei dem für alle ‚Meine ewige Erlösung‘ (Jes. 45, 17; Hebr. 9,12) ihren Schlußstrich ziehen wird, wodurch die Veste Hölle fällt.
Die Ägypter sollten Meinen Plan zerschlagen. ICH befreite Satans Menschen durch den Tod vom Tod, um zu zeigen, daß Mein Wille nie zu streichen ist! Wie Sodom ein Symbol, und unvergeßlich bis ans Ende dieser Welt!“ „Herr, wie kurz ist das Bedenken, das ich über Deine heilsgewohnten Dinge hegte.“
„Zum Volke sprich: ‚Es ist Gottes vierter Tag des Ernstes, an dem Er einst das Testament der Schöpfung schrieb[VH51], uns überkommen durch den Bund mit Abraham. Heute ziehe ich hinüber, und der HERR wird mit mir sein. Es kommt darauf an, ob ihr Ihm willig folgt. Die Hälfte Oberste und Krieger lasse ich als Schutz zurück, die andere Hälfte zieht mit mir.
Wenn die Leviten Gottes Bundeslade heben und die Priester euch das Aufbruchzeichen geben, dann folgt im Abstand von zweitausend Ellen (Jos. 3, 4) nach. Wie die Wüste hinter euch versinkt, so lasset alles Üble hinter euch. Reinigt euch; denn morgen wird der Herr ein Wunder tun, fünf Tage lang!‘
Heute Abend wirst du das Panier vor Jericho erheben, ab morgen lasse die Posaunen einmal um die Stadt erschallen, bis zum fünften Tag. Am zwölften, dem achten nach dem heutigen, wo Israel in Kanaan bereits zwei Tage lagert, wirf dann früh am Morgen in die Stadt ein Schreiben, daß ganz Israel den Jordanfluß wie einst das Rote Meer durchzog. Dabei soll die Bundeslade siebenmal um Jericho getragen werden, die sieben Hauptposaunen vor der Bundeslade, die Drommeten neben allem Volk. Im Augenblick, wo du das Panier erhebst, wird Mein Engel dir begegnen und noch lange ungesehen bleiben, bis daß Friede ist im ganzen Land.
Durch deine Hand und deinen Mund erfolgt Mein Wille. Warum? Mein Lichtvolk, das Ich aus dem ATMA schuf, soll mit am Schöpfungswerke helfen dürfen. Ein Inbegriff der Seligkeit, die bloß im Empyreum gilt. Israel als Teil vom ganzen Volk gleicht einem Blatt an einer vollbelaubten Esche. Was die guten Kinder selber tun, nehmen sie zuvor aus Meiner Hand.
Wenn die Welt zum Abbruch reift, hört man sagen: ‚Ich habe einen freien Willen, den Gott anerkennen muß; oder: Jeder muß sich selbst erlösen.‘ Und in Vermessenheit: ‚Gott braucht unsere Hilfe!‘ Diesem Götzen wird man mehr und länger huldigen, als dem Goldenen Kalb am Sinai. Aber jederzeit gilt die Erlösung oder Abrechnung, Erlassen oder Eintreibung der Schuld (Matt. 18, 34)! Jetzt rüste dich, Mein Segen bleibt auf deinem Haupt.“
Wie stets zutiefst ergriffen, verwahrt Josua die ‚Kostbarkeit‘ im Herzensschrein. — Noch ist das Lager ruhelos, er muß die Törichten bezwingen, die Ängstlichen von ihrer Angst befreien, den Helfern helfen, wie er Gottes Hilfe hat. Da nimmt er in die rechte Hand des Patriarchen Herrenschwert.
Schon erbleicht das Sternenheer. Die Argen weichen, die Treuen sammeln sich um Josua. Er deckt die Mängel zu. Sein Gesicht, vom Morgenrot bestrahlt, zeigt seines Wesens Freundlichkeit. Das weht wie warmer Wind durchs Lager. Gott hatte recht: man braucht nicht zu wecken. Josua teilt die Krieger, die alle lieber mit ihm gingen. Von den Obersten wählt er Getreue und Ungetreue aus, die andere Hälfte bleibt zurück.
Eljasaph fragt betroffen: „Warum nimmst du mich nicht mit?“ Sie stehen abseits. Josua zeigt in Richtung Jericho: „Freund, drüben ist‘s für Ältere beschwerlich. Glaube mir, die wichtigere Arbeit ist im Lager, damit man nicht zur Unzeit folgt. Und daß ihr nicht zu sehr Beschwernis habt, nehme ich die ‚Krummen‘ mit. Weißt du nun, weshalb ich dich, Selumiel, Elizur und Ahira hier beim Volk zurückbelassen habe?“
Wortlos dankt man ihm. Nahesson murrt laut: „Ganz falsch, uns zu teilen! Ich und Ahi-Esser sind die Mäuse für die Falle.“ „Das wirst du merken“, erwidert Hur sarkastisch. „Gut ist‘s, daß eine Hälfte für den Lagerschutz verbleibt.“ „Ha“, ruft Ahi-Eser, „Josua wählt sehr willkürlich!“ Der Geschmähte legt ihm seine Schwerthand auf die Schulter:
„Dich kann Gamliel vertreten; etwa weiß der, daß die Oberen dem Volke dienen sollen.“ „Gilt die Fürstenpflicht dem Lager?“ stichelt Elisama grob. Eleasar hebt Nu-Anims weißen Stab empor: „Überall ist unsere Ehre zu bewahren!“ Josua befiehlt, wie man sich formieren soll. Ithamar führt die Posaunenbläser an; aber Eleasar bleibt des Volkes wegen gern zurück.
Die Sonne kommt, als die Kolonnen endlich abmarschieren. Bis zum Jordan dringt man unbehelligt vor; auch im Tal, dessen Ausgang nah am Ufer ist. Dort kniet Josua sich nieder, und viele folgen seinem Beispiel nach. Er hebt die Hände mit des Patriarchen Schwert und ruft laut:
„Herr, Der Du unsre Zuflucht bist, ziehe vor uns her! Dein Recht geleite uns, Deine Güte helfe uns. Dein Fuß läßt die Welt erbeben, unter Deinem Blick vergeht der Mensch! Du aber hast mir das Panier gegeben, daß ich‘s im Lande Abrahams errichten soll. Laß uns nicht im Zorn die Feinde treffen; laß uns Friedensträger sein. In Deiner Schöpfermacht liegt unser Weg!“
Nahesson senkt seine Stirn. Mose hatte aus dem Recht des Herrn geschlagen, ihn auch, aber aus der Güte Gottes allesamt geheilt. Er sondert sich allmählich ab. Gott ist mit Josua. Kann er ihm noch widerstehen? Scham flammt über sein Gesicht. Noch vor dem Übergang sucht er Kahathael an der Spitze auf. Dieser hatte Nacht für Nacht im Jordan jede Stelle überprüft, die gefährlich werden konnte, dazu die Breite der Kolonne vorberechnet. Josua übernimmt mit ihm die Führung durch die Furt.
Nahesson spricht Kahathael an: „Ob die Nacht zum Übergang nicht besser ist?“ Mißtrauen begegnet ihm. „Ich meine nur —“ stockt der Fürst verlegen, „— ich sah vor mir, als mich Mose heilte —“ „Mich auch“, sagt jener schlicht. Nichts liegt ihm ferner, als zu sagen: ‚Du hast mich verführt.‘ „Hm“, fängt Nahesson aufs neue an, „ich will Josua dienen.“ „Ehrlich?“ Ein durchdringender Blick, der klar erwidert wird. Kahathael zögert:
„Beweise es, Judäer! Bleibst du an der rechten Seite Josuas — ich bleibe ihm zur Linken —‚ dann sei das das Zeichen deiner echten Ehrlichkeit. Die Jerichoer werfen Fackeln nieder; und niemand ist zu retten, wen es trifft. Kannst du Josua davor bewahren, wie ich mir‘s vorgenommen habe, so sei deine neue Schuld versunken, wie die Wüste hinter uns versinkt.
Auf der Mauer decken sie sich hinter Platten und dann werfen sie die Brände ab. Man muß eben warten, bis sie nach dem Wurf zu Boden fallen. Erst dann springt man zurück, nicht zur Seite, weil dann eine andere treffen kann.“ „Wie hast du das erkunden können?“ fragt Nahesson erstaunt. „Sie haben ihre eigenen Spione so getroffen. Die kamen, angetan mit unsrer Tracht. Als sie zur Mauer flohen, wähnte man, es seien Israelen.“ Nahesson schüttelt es; verbrennen möchte er gerade nicht.
Ohne diese Rede Josua zu melden, fragt Kahathael diesen, ob er an seiner Seite bleiben dürfe. „Und ich hinter dir, Fürst Josua“, ruft Sanhus laut. Trotz vieler Bürde lächelt jener. „So höret“, sagt Josua zu allen, „Kahathael hat sich das verdient. Er hat seit dem Aufbruch von dem ‚Berg der Trauer‘, wo unser Mose liegt, die Pfade unentwegt gesichert, so daß wir ruhig ziehen konnten, und die Furt nach Jericho hat er gefunden.
Wir umwandern Jericho; man soll sehen, wieviel wir sind. Von der Mauer bleiben wir entfernt. Jetzt voran — unter Gottes Schutz und Schirm!“ Der Fluß ist rasch durchwatet. Zwar wälzt er in der Erntezeit viel Wasser her, doch die starke Krümmung oberhalb der Furt vermindert das Gefälle.
Am Mittag hat man schon die erste Höhe überwunden. Geschrei und Waffenklirren ist verboten. Hie und da hört man ein Pferdeschnauben und die Räder schwerer Wagen. Die Sonne strebt dem Westen zu, als man Jericho erblickt. Laut gegebene Kommandos trägt die Abendstille hin zur Stadt. — Kanaans Verbündete sollten Israel vom Norden her im Rücken überfallen. Doch so sehr die Jerichoer spähen — das Hinterfeld bleibt leer. Der König flucht: „Die Amoriter und die andern sollten bei Baal Hazor lauern. Sie müßten doch den Übergang gesehen haben und schon kommen.“ „So war es abgemacht“, sagt ein Spion, der mühsam seine Angst verbirgt.
„Du lachtest, als ich meine Kunde brachte, daß König Josua“, die Heiden hatten Mose stets mit ‚König‘ angeredet, „mit der Hälfte seiner Tapferen, zwanzigtausend, herüberkäme. Der Amoriter neigt dem Frieden zu. Er besitzt den Siegelbrief des Königs Abraham. Ich befürchtete, daß er gern nach Norden zog, aber nicht nur nach Baal Hazor. Er ist sicher überm Jordan drüben, in dem vom Patriarchen ihm gesiegelten Gebiet.“
„Laß dich nicht mehr blicken!“ grollt der König. Der Spion rennt fort. Im Auf und Ab wendet sich der König zu den Seinen: „Wir haben eine starke Stadt, feste Tore, große breite Mauern. Wieviel Fackeln sind bereit?“ „Zweitausend“, gibt ein Oberster Bescheid. „Wieviel Pfeile?“ „Jeder Mann hat hundert.“ „Da sind wir gesichert“, meint der Herrscher zuversichtlich.
Ein Stadtmann meldet: „Lebensmittel sind sehr wenig da. Werden wir umzingelt, so . . .“ „. . . überfallen wir sie nachts, wenn sie müde sind. Wir können reihum schlafen.“ „Möge Baal uns helfen“, ruft der Chor. Ein Hauptmann brummt: „Helfen müssen wir uns selbst.“ Noch herrscht Zuversicht in Jericho.
Rahabs Sippe verschanzte sich im Haus. Vor den Israelen hat man keine Angst; auch hängt am Haus das rote ‚Schonezeichen‘. Doch die eigenen Leute — ? Ernst sagt die alte Muhme: „Der Gott des großen Patriarchen wird uns schützen!“ Die Männer nicken wohl dazu; doch von Innen haben sie die Tür vermauert, durch die man in die Stadt gelangt.
Indessen naht sich Josua dem ersten Tor. Auf einem Hügel steckt er jenes weiße Banner auf, von Mose aus Ägypten mitgebracht. Er hatte dieses aus des Geistes Schau vom ‚weißen Teppich im Geviert der Herrschaftssäulen‘ [VH52] in Gottes Hütte vor der Bundeslade ausgebreitet und gesagt:
‚Das ist Gottes heiliges Panier (2. Mo. 17, 15-16), unser Schutz und unsere Wehr. Rechts oben webet Scharlach ein, als ein Zeichen für die Welt, die ‚Gottes Lustrum‘ (Golgatha) sehen wird.‘ Sieben reine Mägde webten besten Scharlach in das weiße Tuch. Nun ist das Gottesbanner aufgestellt, den Israelen neuen Glauben schenkend, die Jerichoer zittern machend. Um so mehr, als man auf einmal sieben mächtige Posaunen hört.
Beim ersten Ton steht plötzlich, nicht weit ab, ein Ritter (Jos. 5, 13). Man hatte nicht bemerkt, von woher er kam. Josua atmet auf.
‚Ich will dich groß machen vor dem Volke‘, sagte Gott. Des Ritters helle Augen senken sich wie Feuer in die seinen. Viel hatte nicht gefehlt, daß man Josua verdrängen wollte. Erst hatte man gejubelt (Mark. 11, 9), weil er freundlicher als Mose wäre; dann hob man gegen ihn die Faust (Luk. 23, 21). Tat er aber nicht genauso, wie auch Mose tat? die strenge Waltung, um das Volk zu retten — ? Und des Volkes wegen fragt er laut:
„Wer bist du, Geharnischter? Bist du ein Gotteshelfer?“ „Du kennst mich“, sagt der Edle. „Vor Zeiten, die die Welt nicht faßt, standen wir gemeinsam vor dem Angesicht des Herrn. Doch daß man weiß“, er sieht rundum, „daß GOTT dich ausersah, sage ich: Du sahest mich auch auf dem Berge Sinai, in Gottes Hütte, und am Tag, als du vom Berg der Trauer (Mose‘s Todesort) zogst.
Ich bleibe, zwar nicht immer sichtbar, bis du das Land befriedet hast, bis dies Banner“, er zeigt darauf, „wieder vor der Bundeslade ausgebreitet werden kann.“ Was — — ? so sichtbar hat der Höchste Josua gesegnet? Ist das nicht viel mehr, als Mose es geschah? Nicht mehr, nicht weniger; aber Gott ist mit uns! Nur wagt man das nicht laut zu sagen, weil man spürt: ‚Jetzt erst glauben wir, wo Gott ein Wunder tut‘ (Joh. 4, 48). Man schämt sich vor dem Ritter. Der sagt still lächelnd:
„Ich bin ein Fürst vom Heer des Herrn und kam, um Seinen Willen auszuführen. Josua wird des Blutes Last vom Haupt genommen; GOTT schlägt Jericho der Frevel wegen. Nahesson“, wendet sich der Ritter diesem zu, der umzufallen droht, „du denkst, was mit euch um aller Frevel willen zu geschehen hätte, würde Gott mit euch so rechten, wie mit dieser Stadt. Höret!
Eure Alten zogen wegen eines kleinen Hungers fort. Sie verließen GOTTES Land, wie die armen Seelen Gottes Licht; sie zogen in die Fremde, wie jene der Materie verfielen. Wundert‘s euch, daß Gott euch schlug? In Güte rechnet Er die Knechtschaft und die vierzig Jahre Wüste ab.
Wenn ihr weitersündigt, keinen Frieden haltet, wie Abraham — auch ein Fürst des Himmelsheeres — hierorts tat, so wird euch Gott noch oftmals schlagen, — nicht im Zorn, den Er nicht kennt!“ Da fällt Josua dem Engel vor die Füße; Ehrfurcht, Liebe, Dank und Freude sind die Gaben, die er in des Lichtes Hände legt. „Was sagt mein Herr zu seinem Knecht?“
„Ich bin nicht dein Herr, du nicht mein Knecht. Ziehe deine Schuhe aus; die Stätte, darauf du stehst, ist heilig (Jos. 5, 15), weil hier Gottes Banner weht!“ Josua zieht eilig die Sandalen aus, und alle tun es eifrig nach, eine halbe Stunde lang. Alsdann geht der Ritter um die Stadt, zu seiner Linken Josua, Kahathael, Hur und Nahesson. Die Posaunenbläser folgen, angeführt von Ithamar, hinterdrein das halbe Heer.
Mondlicht überglänzt das Land. Hohe Mitternacht, der fünfte Tag nach Gottes Wort, als der Fürst den Marsch um Jericho beginnt. Am Ende sendet eine frühe Sonne ihren Strahl. Man bildet um die Stadt vier Lagergruppen. Nahesson hält sich bei Kahathael auf. Immer mehr erkennt er sein Verfehlen, und er sucht gutzumachen, was ihm irgend möglich ist.
Einer tuschelt Ahi-Eser zu: „Der fällt um.“ „Ist schon“, knirscht dieser ärgerlich. „Er ist ein Verräter.“ „Das seid ihr!“ Entsetzt dreht man sich um. Der Engel! Seine Feueraugen lohen, der Flamberg (1. Mo. 3, 24) klirrt. „Es ist“, fängt der Älteste an; „das heißt . . .“, stottert Ahi-Eser — —
„Ich sage euch“, fällt der Lichtfürst ein, „ihr seid schlechter als die Jerichoer und verdientet, mit der Stadt zu sterben. Merkt ihr nicht, daß da, wo der Schöpfer einen Fürst des Himmelsheeres sendet, Er Seine Hilfe offenbart?! Läßt Er durch Josua sie jetzt geschehen, so ist er sicherlich das beste Werkzeug in des Höchsten Hand. Oder nicht ?“
„Bist du nicht dieses Werkzeug?“ wendet Ahi-Eser ein. „Ja — für das Seelische, was bitter nötig ist; für das Irdische, gleichfalls wichtig, hat Gott Josua erwählt. Was ist euch lieber: die Rettung eurer Seele oder eures Leibes?“ Man hat keine Antwort. „Ich drohe nicht“, fährt der Engel fort, „nur findet ihr sehr schwer den Weg in Gottes Herz hinein.“
„Mose lehrte“, redet sich der Älteste heraus, „Gott wäre Selbst das Wort, das wir ins Herz zu nehmen hätten; dann wohnte Er in uns und nicht umgekehrt.“ „Habt ihr es in euch? Es wäre gut, wenn ihr zur Weisheit kämet. Mose lehrte, Gott sei das Wort (Joh. 1, 1) durch Seine Gegenwärtigkeit; doch wohne es im Munde und im Herzen eines Menschen, wenn derselbe danach tut (5. Mo. 30, 14). Mose hätte gern gesehen, wenn ganz Israel das Wort des Herrn, damit richtig Sein Gesetz, gehalten hätte.
GOTT in Person wohnt nie in einem Kinde; doch Sein WORT als ein Gedächtnis soll man in sich tragen! Im Kindesherzen kann ja nur des Lichtes Abglanz eine Stätte haben. Hat es ihn, so hat es auch das Leben, das alle Kinder überkommt. Wie wenig jemand Menschen in sich tragen kann, so viel weniger die Lebensfülle. Unmöglich, Gott, den Schöpfer und ständigen Erneuerer der Lebensfülle für die Kinder, in sich einzuschließen!
O, umgekehrt: Alle Kinder haben Raum die Fülle in dem Herzen des Unendlichen! Das hat Mose euch gelehrt. Ist‘s seine Schuld, wenn ihr es vergessen oder eine falsche Auslegung gedrechselt habt? Wenn es lautet: ‚Herr, ziehe in uns ein‘, so ist nicht die Personalität gemeint, nicht jene Lebensfülle, aus der ER alle Werke schuf und schafft, durch die Er sie erhält.
Wer Ihn walten läßt, ohne seine Hände in den Schoß zu legen, wer Sein Gesetz befolgt, der tut nach dem Gedächtnis, das euch Gott zu euerm Heil befohlen hat.“ Viele Hörer haben sich versammelt. Das Licht spricht weiter:
„Als Gott die Zehn Gebote gab (2. Mo. K. 20), hieß Er aus Erde einen Altar bauen. Mose nahm nicht solche“, der Engel läßt eine Handvoll Sand durch seine Finger rinnen, „er kannte ja das Wort-Symbol. Auch bestand der Altar, darauf Mose opferte, aus Stein, jener mit der Bundeslade bloß aus Holz. Ihr hättet sie mitsamt dem Altar sonst nicht fortbewegen können.
Altar bedeutet ‚heilige Stätte‘, Erde als ein Element des Lichtes ‚Wirklichkeit‘. So wußte Mose es. Die Brand- und Dankopfer, die er jederzeit dem Höchsten brachte, waren selten Tiere; nein — Mose‘s Brandopfer war die Dienstbarkeit, geistig GOTT gebracht, weltlich für die Welt. Er nahm die Last der Wüstenwanderung auf sich, und die Bürde, die die Murrer allzu oft“, ein Flammenblick rundum, „ihm auf die alten Schultern warfen.
Gott rechnete mit Mose ab — das Brandopfer, Ihm dargeboten. Beim Dankopfer aber dankte er, als ob Israel es tat. Ah, Bitten hatte man tagtäglich, noch und noch; das Gefäß der Geduld lief beinah über! Der Dank dagegen deckte kaum den Boden des Gefäßes. Dieses füllte Mose bis zum Rand.
Aus ihm, vorausgenommen für den Ordnungsträger, sprach der Herr:
‚An welchem Ort Ich Meines Namens Gedächtnis stiften werde,
da will ICH zu dir kommen und dich segnen!‘ (2. Mo. 20, 24)
Dieses ‚du‘ galt Mose; doch daraus übertrug der Herr das ‚du‘ auf alle Menschen. Denn das Licht kennt nur das ‚du‘! Ihr habt es Josua verübelt, weil er so wie Mose handelt. Ich habe die vier Lagerecken anbefohlen, wofür Josua von etlichen beschuldigt wurde, ihr würdet so zerrissen, daß der Feind euch leichter überfallen könne. Wer ist so blind“, der Fürst sieht Ahi-Eser an, „der hier das Günstige der Lagerung nicht sieht?
Von vier Ecken ist die Stadt zu übersehen. Würdet ihr gemeinsam lagern, bliebe mindestens die halbe Mauer unbewacht. Das soll ein Gleichnis sein: Vordringlich selber soll man sich von jeder Seite prüfen, was gut und nützlich, also zu bewahren, und was faul und unnütz, demnach auszurotten sei.
Jeder Grund der Schöpferwerke hat vier Seiten. Da geht Gottes ATMA durch die hehre Quadratur lichtewiger Lebendigkeit! Wer sich derart überwacht, kommt zum guten Resultat. Bei der Prüfung eines Nächsten sollen sich Geduld und Nachsicht paaren. Für eigene grobe Fehler nimmt man gern ein kleines, für die kleineren des Nächsten meist ein großes Maß. — Nun ruhen wir. Morgen, nach dem Umgang, werden wir das Weitere bereden.“ Josua teilt die Wachen ein. Pagiel sagt ergriffen: „Ist das nötig, wo der Himmel bei uns wacht?“ „Ja, mein Freund“, erklärt der Engel. „Ich wache über euere Seelen, so nebenher“, ein liebes Lächeln, „gleichfalls über euer Irdisches. Doch ihr sollt geistig wachsam sein zu jeder Zeit, und hier vor Jericho.“ „O, da will ich gleich mit wachen“, erwidert Pagiel. Fast alle melden sich. Josua entscheidet:
„Für Kahathael, der den Schlaf verdient, tritt Sanhus an meiner Ecke ein. Hur ruht ebenfalls. Rechts steht Pagiel, links Eliab und uns gegenüber Nathanael mit je drei Männern. Abida, Abeldan und Jeroboas lösen nach vier Stunden ab. Hier tue ich es selber oder Hur.“ Damit ist das Weltliche geordnet. —
Ein Abend senkt sich nieder, so voll Frieden, als wäre da kein Krieg. Abseits des ersten Wächterwinkels [VH53] sitzen Josua und der Engel. Bei Jericho ist kein Späher wahrzunehmen. „Ich wollte“, sagt Josua, nachdem der Lichtfürst manches offenbarte, „wir hätten jenen Frieden, den Abraham gestiftet hat. Den wird es aber sicher bloß vorübergehend geben.“ Ein unterdrückter Seufzer. In heiterem Tone sagt das Licht:
„Hörbar seufzen schadet nichts. Ist es obendrein berechtigt, dann erleichtert es die Seele. Dein Friedenswunsch ist groß; daher wird dir mehr gelingen als den meisten, die dir folgen werden. Merke auf: Jakobs Söhne und der erste Stamm hatten all ihr Gottvertrauen weggeworfen. Jene, die man widerrechtlich Heiden nennt, blieben hier im Land, vom Patriarch mit Siegelbrief bekommen. Das ist ein hohes Lichtsignal.
Kanaan ist durch Abraham, Fürst des Ernstes, zum Trägerland des Höchsten vorbereitet worden. Er ging aus UR hervor, weltlich eine Stadt, geistig Gottes hehre UR-Zentrale. Aus Letzterer kam er zur Welt, wie du, ich und andere. Auch Isaak kannte den Zusammenhang vom Lichte her, der Welt als hohes Ziel gegeben; und das lehrte er auch seine Söhne.
Doch bald schob man im Einfluß der Materie den Himmelssinn zur Seite. Esau dachte an die Güter dieser Welt, und Jakob mußte um die Wahrheit dienen, was sein Weg zu Laban lehrt. Noch hielten sie des Patriarchen Ordnung ein; der Reichtum lockte. Man hielt das ‚Hausgesetz des Abraham‘ nicht streng, beutete die Länder aus und rechnete nicht sehr mit Gottes Segen, an dem doch alles liegt. Was jedoch der Fürst des Ernstes vorbereitet hatte, ließ der Höchste nicht zertreten.
Die Stämme blieben — wie im Lande — bei des Patriarchen Lehre. Von Fremden überschwemmt, verloren einige das Hohe Gut. Das eigene Haus verließ die Segensstätte, um den Bauch zu mästen, wie Esau für die Linsensuppe seine Erstgeburt vergab. Was Wunder, wenn dann Gottes Segen auch verloren ging? Und wie Jakob Laban dienen mußte, so das Volk dem Pharao.
Jakob mußte sich den Segen am Pniel zurückerwerben, GOTT war ihm begegnet (1. Mo. 32, 31), dem Volke in der Wüste (2. Mo. 13, 21), zudem Abraham und vielen wie auch dir personhaft offenbar. Nun muß ganz Israel den Segen und das Land erkämpfen, weil die Ahnen es um das Vergängliche verlassen hatten.
Du fragst: ‚Was können wir dafür, wenn unsere Ahnen Gottes Land verließen? Müssen wir bezahlen, was nicht wir verschuldet haben?‘ O, euch wird die Schuld nicht angerechnet, nur weil ihr vom Geblüt des Volkes seid. Das gilt zu allen Zeiten allen Menschen. Aber das Bezahlen fremder Schuld ist möglich, nicht zuletzt bei einer Sippe oder einem ganzen Volk.
Du weißt, Sadhana verließ Gottes hohes Segenstand. Ihr war ein Teil vom Land des Lichtes ebenso wie jedem Fürstenhaus durch Gottes Testament verbrieft[VH54]. Die Fürsten blieben: im Vergleich die sieben Stämme, von Abraham betreut; die Tochter ging, wie Jakobs Volk gegangen war. Hier hast du den Zusammenhang, dazu die hehre Spiegelung, die dieser Welt bis an ihr Ende das Symbol des Lichts bedeuten soll.
Es wird verweltlicht werden; doch Wahrheit bleibt, was Wahrheit ist! Daher wird am Ende Gottes Wahrheit wiederkommen, wie Israel zurück nach Kanaan gekommen ist. Aber wie es hier nicht bleiben wird, so kein Mensch auf dieser Welt. In letzter Konsequenz übernimmt die Haus- und Grundschuld Sadhanas der HERR allein; denn das könnte nicht einmal ein Lichtfürst tun. Doch was aus dieser Schuld noch kam und weiterhin erstehen wird, das übernimmt das gute Volk des Lichts.
Du fragst: ‚Was bezahlt die Tochter und ihr Haus davon?‘ O, das soll man nicht berechnen; das steht im Testament und ist Gottes Sache ganz allein! Er kann segnen und erlösen, vergeben oder eine Schuld belassen. Sei gewiß: die Urheberschuld muß der bezahlen, der sie einst hervorgerufen hat. Die hat die Tochter aufzunehmen. Das Schwerste, die Versöhnung, nimmt ihr der ewig-gute Vater ab; doch erlassen hat Er es noch nicht.
Nicht leicht, es auf den Weltsinn zu beziehen; im Lichtsinn ist‘s die wahre Bahn. Mit gutem Willen kann man es begreifen. Man wird später sagen: Hier ist das heilige Land; ihr seid das auserwählte Volk. Beides trifft nicht zu. Kein Mensch ist heilig, kein Ort, der zur Materie gehört.
Heilig ist allein der HERR
Gott hat Israel aus Abraham, dem Lichtfürst Muriel gewählt, an dessen vierten Schöpfungstag der HERR Sein Testament geschrieben hatte. Als Symbol für alle Völker ist‘s gewählt. Immer im Vergleich zum ganzen Werk ist eine ‚Auswahl‘ anzusehen. Kanaan ist ja nicht seinetwegen jene Stätte, die der Heilige zum ‚letzten Umkehr-Ruf‘ benutzt. Könnte Israel, oft widerlich vom Glauben abgefallen, wie die Zukunft davon auch noch lehren wird, allein die höchste Auswahl haben? Wenn bloß seinetwegen, dann dürfte es in diesem Volk kein Unrecht geben. Es wäre aus sich selbst ein Lichtsymbol. Das ist es aber nicht!
Griff Gott so daneben, was sich vom Anfang an des Segens und des Lichts begab, um Vergängliches wie Scherben einzusammeln?! Jedes Volk hat inkarnierte Himmelskinder und auch arme Wesen. Die einen sind des ‚Himmels Sterne‘, die anderen der ‚Sand am Meer‘, wie es Abraham gedeutet wurde. Man wertet dabei nur die Zahl und nicht den Sinn. Schon Mose zählte Israel; und es wird sich selber zählen bis ans Ende dieser Welt.
Du denkst: ‚Warum hat da Mose zum Erhalt des Volkes soviel Mühe aufgewendet, es immer vor dem Herrn gedeckt? Das konnte sich nicht lohnen.‘ Ließest du dich nicht beladen, um mit zu helfen, Schulden auszugleichen? Ginge es nur um das Volk, ja um die ganze Welt, dann gäbe es bloß ein Umsonst. Dann hätte Gott kein einziges der heiligen Symbole offenbart.
Nichts käme aus dem Licht in die Materie; es würde keine Um- noch Heimkehr für die Abgestürzten geben. Die Kluft bliebe, die Sadhana in ihrer Lossagung sich schuf. Und es würde von dem urgeschaffenen Volke etwas ewig von Gott abgetrennt, was Seine Schöpfermacht in Frage stellt. Nein, Josua, aus Seiner Macht und Herrlichkeit der Eigenschaften, aus denen Er Sich alle Kinder schuf, erhält Er Sich Sein ganzes Volk!
Die Macht zeigt hocherhoben an, wie unvergänglich Er die Treuen und die Abgestürzten aneinanderfügt. Darum ist auch Israel nur ein Symbol, damit der Fall des Höchsten Herrlichkeit erkennen muß!, eben Sein Befreiungs-, Sein Vermittlungs-, Sein Erlöserziel! Das ist so heilig, daß jeder, der daran zu deuteln wagt, nicht nur aus des Falles Erbschaft in die Sünde fällt, sondern für sich selbst ein Schuldurheber wird.
Frage nicht, wer da bestehen kann. Schuldurheber müssen selbst geradestehen. Die Schuld des ‚sich-verführen-lassen‘ muß jedermann bezahlen; aber die Verführung als die Grundursache geht zu Lasten des Verführers. Weil das ohne Gottes Hilfe niemals auszugleichen wäre, darum ist Gott Selber der Befreier nachgezogener Schulden, der Vermittler zwischen Schuldurheber und Verführten, der Erlöser jeder Schuldursache!
Merkst du die hohe Wechselwirkung? Ausgegangen der Befreier, der Vermittler, der Erlöser; und zurückgekehrt zuerst die Kleinen als Verführte, dann die Bindung zwischen diesen und den Schuldurhebern, zuletzt Luzifer als erster Schuldurheber, sowie alle, die in seinem Schatten Schulden schufen. Ein Ausfluß der Erbarmung!
Darum sorge du nur nicht, ob wohl ein Mensch vor Gott bestehen kann. Käme Er bloß als ein Richter, dann ja; dann wäre aber jeder Ausgleich überflüssig, oder wie ich sagte: nichts vom Lichte wäre je in die Materie gekommen. ER kommt in Seiner Herrlichkeit und Macht. Deren Krone ist für ewig die
Barmherzigkeit!“
In sich versunken, die Augen zugedeckt, sitzt Josua auf seinem Stein. Er trinkt unbewußt die Tränen. Behutsam legt der Lichtfürst seine Rechte auf des Menschen Haupt. Er wartet, bis die Seele sich in ihren Geist geflüchtet hat, um das Hohe aufzunehmen, um es zu bewahren, für die Welt, wenn der Mensch — äußerlich allein — die Gaben bitter nötig braucht.
Doch der Geist als Perutam ist ja ein Wächter. Jetzt schaut er auf. Seligkeitstrunken, wie gar nicht auf der Welt, umarmt er Gottes Ritter. Sein wortloser Dank ist ein Brandopfer, das dem Höchsten wohlgefällt. Der Engel sagt:
„Am Morgen danktest du: ‚O guter Vater-Gott! Mehr als die Hälfte von dem hochgesegneten Alter Deines Mose bin ich nun geworden. Wenn ich die Hälfte wirken darf, was Dein Uraniel als Mose wirkte, dann ist‘s ein Gnadenmaß, das auf mir ruht.‘ Du hast nicht gewartet, ob Gott Antwort geben würde, nicht — weil du es versehen hättest; dir genügte, dich in Seiner lieben Hand zu wissen. Nun läßt der Vater durch mich sagen:
‚Mein Sohn, du wirst dein Ganzes wirken, weil du eine ganze Hilfe für unsere Tochter leisten willst. Ob jemand eine kleine oder eine große Kerze leuchten läßt, wird nicht bemessen. Wohl gibt‘s des Weges wegen eine Abrechnung zum Heil für alle Helfer, über sie mit für die Fernen. Des sei getrost!
Zehn Jahre unter Mose wirktest du in selten hohem Pflichtgefühl; und noch dreißig wirst du wirken in dem Land, von dem Uraniel dir kundgegeben hat.“ Josua sieht fast erschrocken auf. Der Name — ? Er fragte aus Bescheidenheit nicht nach des Engels Namen. Sollte — — könnte — — Der Lichtfürst lächelt und bringt ohne Unterbrechung Gottes Rede weiter:
„Du seufzt im Stillen. Nennst du die Jahre Meine Gnade oder eine Last?“ Als ob GOTT bei ihm wäre, erwidert Josua: „Herr, du kennst Israel am besten; aber freudig soll mir beides gelten als die hohe Gnadenlast.“ „Gut erkannt! Darum sei dir noch ein Wort: Aus Meiner heiligen UR-Wesenheit steigt jene Lichtzahl auf, die sich immer wieder in Symbolik der Materie enthüllt. Das ist Meine Heilszahl ‚vier‘! Aus Meiner ‚EINS‘, als ewig Einziger, habe Ich den Kindern so Mein Herz enthüllt, wie Ich‘s in vier Kammern unterteilte, damit auf dieser Bahn ein jedes Kind Mich so erfaßt, wie es zu seinem Besten werden soll.
Geistig, in der Vorherrschaft, zeigt sich diese Vier als Segnung oder Warnung. Daß dieses zu erkennen ist, teile Ich die schwerste Last. So ab Abraham: zweihundert Jahre entfiel auf Meine Hilfe und Geduld, zweihundert auf das Diensthaus in Ägypten. Hätte Mir das Volk gehorcht, hätte es nur zwanzig Jahre durch die Wüste wandern brauchen. Weil es am Sinai, im Angesichte Meiner Offenbarung, sich dem Goldenen Kalb verschrieb, deshalb mußte es den ‚ganzen Zehnt‘ ertragen — vierzig Jahre!
Vierzig Jahre führte Mose, vierzig du; vierzigtausend Krieger stehen unter deiner Hand. Auf Kanaan entfallen dreißig Jahre, die letzten zwanzig auf dein — als erstes — Richteramt. Ich hänge dann als letzte Gabe dir zehn Ruhejahre an. Die Richterzeit wird wieder rund vierhundert Jahre währen.
Im Symbol zu deinen dreißig Arbeitsjahren, hier in Kanaan, werde Ich, als HEILAND kommend, dreißig Jahre bleiben, den gleichen aber angehängten Zehnt als Lehramtsjahre. Sinnhaft auf die vierzig Jahre Wüste werde Ich vierzig Tage in der Wüste bleiben und wird viel geschehen, was sich auf Meine VIER bezieht (1. Mo. 2, 10; 1. Kön. 19, 8; Hes. 1, 5 u. 15; 37, 9; Sach. 2, 3; OJ. K. 6; 22, 17 u.a.).
Du fragst erschüttert: ‚Herr, wieso rechnest Du den hohen Zehnt auf mich?‘ Merke auf! Sicher ist er mit auf dich berechnet, weil du nur zwei Dinge kennst: Pflicht und Liebe! Dafür wird der hehre Zehnt dir eingebahnt. Doch das genüge, um zu zeigen, daß Ich immer mit dir bin!“
Josua geht wie im Traum ins kleine Zelt. Kein Schlaf senkt sich auf seine Lider. Wer könnte schlafen, der solche Offenbarung hören darf? „Ich will es stets vor Augen und im Herzen haben“, murmelt er erschauernd. Sein Dank steigt wie ein Weihrauch auf; und dieser ist Gott wohlgefällig. Vor den Toren Jerichos wacht Gottes Ritter ganz allein. — Es ist der achte Tag nach Gottes großer Rede (S. 154, 7 155, 1), an
dem zum vierten Male Jericho umgangen wird. Die Eingeschlossenen fangen an zu zittern. Man spart die Pfeile und die Fackeln auf den Sturm. Ein Verräter hatte sich hineingepirscht. Aber Lohn bekam er nicht. Man hatte ihn erhängt. Allein — jetzt weiß man, daß man mit dem Angriff rechnen muß. Wieder gellen die Posaunen in die Stadt hinein, Angst erweckend.
Viele Fragen legte man dem Ritter vor; auch Nahesson hatte mit ihm ein Gespräch, wonach er sich bei Josua erleichtert meldete. Nun gehört er mit zur treuen Wache. Gamliel hetzt gegen ihn. Mit arger Absicht geht er Gottes Engel in die Quere, ein kleines Schwänzlein Männer hinterdrein.
Der Schwertfürst blickt auf Jericho. Hm hm, wie fordert man ihn denn heraus? Schließlich fragt Gamliel, und es soll sehr höflich klingen: „Wächter Gottes, für wen wachst du hier? Gott bedarf des nicht. Soweit ich unterrichtet bin, seid ihr Engel pure Wesen, mehr Gedanken, die nur ab und zu ein ‚Kleid‘ erhalten, wenn der Höchste den Gedanken senden will.“
„Willst du eine Antwort haben?“ „Geziemt sie meiner Frage nicht?“ „Nicht unbedingt!“ Des Engels Augen glühen. „Aber weil du dümmer bist, als böse, will ich mich mit dir befassen.“ „Erlaube“, braust Elisama auf, „ist es geistig, einen Menschen dumm zu schelten, der in Amt und Würden steht?“
Er wird hart zurückgewiesen: „Mit denen, die trotz Gottes Güte boshaft bleiben, hat der Himmel nichts zu tun! Gamliel ist seiner Dummheit wegen noch zu retten; Böse bleiben auf dem lecken Kahne hocken, bis sie mit ihm untergehen!“ Aschfahl im Gesicht, schleicht Elisama sich zur Seite.
„Du nanntest mich den ‚Wächter Gottes“, sagt der Himmlische zu Gamliel. „Für wen ich wache, konntest du dir selber sagen. Glaube nicht, daß ich dich verletzen will. Ich sage nur, wie du vor Gottes Antlitz stehst. War die Frage klug, für wen ich wache und daß Gott des Wächterengels nicht bedarf? Bin ich für den Höchsten, für mich selber oder für das Volk gesendet worden? Wenn für dieses, was du weißt, warum dann eine Frage, die dich entblößt, mich jedoch nicht kränken kann?
Deine Ansicht, was wir Engel sind, sei mit dir besprochen; denn vielleicht“, ein ferner Blick, der Gamliel durchbohrt, „läßt du das Himmlische in dich hinein. Genau getroffen: Wir sind ‚Gedanken Gottes‘! Ein Geschöpf, von IHM erschaffen und Ihm zugehörig. Er hat das Kindervolk aus Seinem heiligen Gedankengut gehoben, was auch auf die Menschen mit entfällt. Oder willst du kein Gedanke Gottes sein?!“ Gamliel beginnt den Engel zu verstehen; nur ist er noch zu sehr von ‚ihrer Sache‘ überzeugt, daß Josua zuviel versieht. Schon hört er weiter:
„Darin irrst du mehr, als zugelassen ist, wir wären bloß Gedanken. Gott kam mit Engeln, die als Vollstrecker eines Teilgerichts gen Sodom gingen. Trugen sie da nur ein ‚Kleid‘, wie du zu umschreiben suchtest, um unsere Persönlichkeit zu stehlen? Das ist das siebente Gebot verletzt! Abraham bedurfte solchen ‚Spieles‘ nicht; und die Sodomiten sahen die zwei Engel nicht. Wozu hernach die Sendung in vorübergehender Gestalt — ?
Sage nun nicht noch, wir wären keine Kinder Gottes! Dann würde ich mich von dir kehren, wie sich Gott bereits ein wenig von dir abgewendet hat. Denn das hieße Seine Heiligkeit verletzen! Was der Schöpfer schuf, ist im Sinne ‚Seiner Hände Arbeit‘ heilig. Nur ist kein Geschöpf als solches heilig; das ist in Ewigkeit allein der HERR! Verwechsele das nicht!
Ihr hoffet auf den Himmel. Dieser wäre schlecht bestellt, wenn allein ihr Menschen dieser Welt, die ihr meistens böse in die Grube fahret, daselbst wohnen würdet. Die Bösen kommen nicht hinein; die Guten sind zu zählen, zumal die von Israel, zu denen du noch lange nicht gehörst. Aber weiter:
Vor Adam gab es gute Menschen; sie waren vorher Engel. Adam, Eva, Henoch, Abraham, Sara und andere bis herauf zu Mose und zu Josua sind vor ihrem Erdenleben Lichtgeborene gewesen, ausgeboren aus dem UR-Gedanke-Gut der Gottheit. Dir braucht nicht schwerzufallen, es zu glauben; denn als ‚Engel‘, wie du mich ironisch nanntest, müßte ich dies wissen, erst recht dann, wenn ich pur ein ausgesendeter Gedanke Gottes wäre.“
Erschrocken unterbricht Gamliel: „Abfällig wollte ich dich nicht bezeichnen, es . . .“ „Spare dir die Rede! Ich kenne deinen Sinn, der nicht gebilligt werden kann. Dir wäre besser, ihn selber nicht zu billigen. Warte, dir soll eine Offenbarung werden; nichts ist Gott heiliger, als Sein hehrer Sinn, die Verirrten umzuwenden, wozu Er freilich“, ein etwas heiterer Blick, der Gamliel entlastet, „eben die Gedanken sendet.“
Er zeigt aufs Lager, von woher gerade Josua in Begleitung einiger Getreuer kommt. Gamliels Häuflein zieht sich rasch zurück, nur Ahi-Eser bleibt noch unentschlossen stehen. Von Ferne sehen Elisama und sein Anhang zu, was hier geschehen soll. Doch der anbrechende Abend verschleiert eine klare Sicht. Mißmutig wenden sie sich ihren Lagerteilen zu.
Des Engels Worte haben Gamliel und Ahi-Eser schon zum guten Teil bekehrt; und weil er sie an seiner Seite sitzen läßt, fragt Josua nichts ihretwegen. Wer weiß denn — ? Kurz umrissen wiederholt der Ritter das Gespräch mit Gamliel. Eliab flüstert Kahathael zu: „Der hat dumm geschwätzt!“ Indessen steht der Lichtfürst auf und hebt sein Schwert.
„Dies ist“, es funkelt scharf im letzten Abendrot, „das Schwert des Michael (Dan. 10, 13). Er lieh es mir, um mit ihm Gottes Willen auszuüben. Fragt nicht, ob ich denn keine Waffe hätte. Im Empyreum gibt es nur ein Schwert, Symbol des einen Schöpferwillens! ‚Jeder Lichtfürst trägt ein anderes Symbol. Doch in unserer Einheit kann ein jeder auch ein anderes verwenden.
Das meine ist die Ordnungswaage und diese . . .“ Josua unterbricht stammelnd: „Gott nannte dich Uraniel; ich . . .“ „Warte ab“, hält der Engel freundlich an, „Ich will Gamliel, Ahi-Eser und auch Nahesson erst fragen, was sie Mose einst versprochen hatten, als nach dem großen Unglück [VH55] ihr erkranktet, und er aus Gottes Kraft euch die Gesundheit wiedergab. Seid ihr treu geblieben? oder habt ihr gegen Josua gekämpft — ?“
Das klingt sehr ernst. Wieder etwas abgeschwächt: „Es soll nicht erschrecken, nicht gewaltsam euch zur Einsicht leiten; aber wäret ihr imstande, Mose zu begegnen? Was würde er zu euerem Wortbruch sagen? Was vor allen Dingen GOTT?“ „O Bote Gottes“, fleht plötzlich Nahesson, „bleibe du bei uns; vermittle du, was ich gegen Gott und Mose Übles tat.“
„Der Bitte kann Gehör gegeben werden, wenn Gott es will. Gegen wen man Unrecht tut, den muß man um Verzeihung bitten.“ Gamliel erwidert: „Ich möchte um Verzeihung bitten; doch du sagtest, daß der Herr Sich von mir abgewendet hätte, und Mose ist nicht unter uns, denn dann . . .“
„Er ist hier“, sagt Josua, „er gab sich zu erkennen.“ Die Freunde sind erstaunt. „Wie? Wo? Warum zeigt er sich uns nicht?“ „Außer Josua und Ithamar hat keiner es bedacht“, sagt der Engel, „daß ein Mensch, wenn er die Welt verläßt, nicht in seiner alternden Gestalt ins Lichtreich geht. Im Moment des Erdentodes streift der Geist den Körper ab. Wie er aus dem Lichte kam, steht er wieder da, abgesehen davon, daß ungerechtes Tun auch manches von der Himmelsschönheit nehmen kann.
GOTT holte mich zurück (5. Mo. 34, 6). Ich erhielt mein Lichtkleid wieder, was sich weniger aufs Äußere bezieht“, er zeigt auf sein silbernes Gewand, „als mehr auf jene Wesenheit, die man vor dem Weltweg innehat. Ihr sollt nun sehen, wer ich bin.“ Der Engel dreht sich einmal um, und dann — —
— — steht Mose da, wie man ihn zuletzt gesehen hatte. Nachtstill ist es geworden. Nur Josua und Ithamar treten an des Offenbarten Seite, der sich wieder lichtverändert, jedoch als Mose eine Weile stehen bleibt, damit sich jeder überzeugen kann. Als sich die erste Starre löst, fallen die drei Fürsten vor ihm wortlos nieder. Der Engel braucht kein Wort, um daraus zu merken, was in ihrem Innern vor sich geht.
Er sagt: „Ich bin Uraniel, der Ordnungsträger. Daß keiner mir den bösen Nachruf gibt, ich sei nicht wert gewesen, euch nach Kanaan zu bringen, deshalb hat es Gott gegeben, daß ich mich als Mose zeigen soll. Mich trifft es nicht, wenn welche in dem ‚trüben Topfe ihrer Meinung‘ fischen. Bloß für den Einzug in das Land des Patriarchen fand die Schauung statt.
Noch ein Hinweis, der zum Glauben führen kann. Im letzten Drittel meines Lebens leitete ich euch; und der dritte Teil der Gottheit gibt sich als ERLÖSER kund. Jedes Lichtkind achtet Gottes Ordnung, Sein Gesetz, das der Herr in die Materie pflanzte. Israel sollte des Gesetzes Zeugnis sein.
Da Jakobs Volk das angestammte Land verließ, lag das Gesetz auf ihm, weshalb der Ordnungsträger es zu bringen hatte. Der Schöpfer gab in heiliger Erbarmung aus dem dritten UR-Feld Seinen dritten Wächter-Engel frei, um Israel im Sinne der Erlösung in das Land zu leiten: Das Symbol, weshalb Josua, der dritte Wächter, euch jetzt führt. Mir war nichts verschlossen; Gott fragte mich, ob ich euch führen möchte. Ich sah den heiligen Zusammenhang; zudem genügte mir das volle Gnadenmaß, mit dem ich vierzig Jahre Gott und Israel ein Diener war. —
Nun geht schlafen, morgen werdet ihr wie üblich ‚Gottes Ritter‘ sehen. Erst wenn ich nicht mehr sichtbar bei euch bin, verbreitet es, daß ich euer Mose war. Das stärkt die Herzenskraft und auch den Glauben. Und vergesset‘s nicht, GOTT zu gehorchen. Wenn wenigstens der gute Zehnt im Volk erhalten bleibt, dann will GOTT gern das ganze Volk erhalten.“
Der Ritter wird von allen Israelen still gegrüßt. Josua bleibt bei ihm stehen. „Es ist bloß“, reibt er seine Stirn verlegen, „weil du mich so offen ausgezeichnet hast. Das bedrückt mich mehr, als es mich erfreuen darf.“
„Erfreuen darf es dich der vielen Mühe wegen, die du übernommen hast. Eine zeitlang schwärmen sie davon. Doch kein Jahrzehnt, und ‚es‘ wird allgemein vergessen. Für manche ist es sogar gut; aber du behalte Gottes wahre Bahn, dann wird das Herrliche einst wieder offenbart.“ — Anderntags stichelt Elisama gegen Ahi-Eser, Nahesson und Gamliel, die beisammen stehen. Letzterer sagt ruhig: „Ich habe selber falsch gehandelt. Der Engel, der sich zu erkennen gab, zeigte unser Übel an.“ „Weil wir uns von Josua nicht irreführen lassen?“ Zornig fragt es Elisama. „Ich dachte vorher ebenso“, entgegnet Gamliel, „jetzt ist‘s erwiesen, daß er der Auserwählte Gottes ist. In kurzem wirst auch du der Überzeugung sein.“
„Nie!“ Elisama ballt die Hände. Nahesson öffnet sie mit hartem Druck. „GOTT wird dir deine Fäuste öffnen, wie uns das Herz durch Seine lichte Offenbarung.“ „Ha“, lacht Elisama giftig, „Wunder in der Nacht sind Teufelsspuk!“ „War Gottes hehre Feuersäule, uns so oft den Weg des nachts geführt, des Teufels Spuk?“ sprudelt Ahi-Eser scharf hervor.
„Wir hatten Mose in die Hand gelobt, uns nicht von Gottes Weg zu wenden. Viele wurden hart gestraft; wir, die Verführer, wurden in die Heilung einbezogen[VH56]. Du weißt ja, was geschah, als wir — wie Mose uns vorausgesagt — nach sieben Wochen die Jordanmündung überquerten. Wir, der Vortrupp, waren durch den Fluß gelangt und da ganz gesund geworden. Unmöglich war, das gesamte Volk der Strömung auszusetzen. Mit vollem Recht — heute sehe ich es ein — zwang Josua uns, zurückzukehren.
Kaum gesund geworden, vergaßen wir den Treuespruch. Sicher war dazu der Anlaß, weil Josua uns zurückberief. Wir wollten es nicht merken, daß der Übergang nicht zu erzwingen war. Eben du, Elisama, sagtest: ‚Mose teilte einst das Rote Meer; Josua kann nicht einmal den Jordan teilen!‘ Es sah danach aus; aber die Verhandlungen mit den Stämmen links des Jordans brachten uns genügend Nahrung ein. Josua erntete dafür keinen Dank. Das rechnete Gottes Engel gestern mit uns ab.
Jetzt“, schließt Ahi-Eser seine Rede, „bleibe ich in Treue hinter Josua!“ „Ich auch! Ich auch!“ rufen Nahesson und Gamliel gemeinsam aus. „Von mir aus gern“, spottet Elisama. „Ich werde ‚euren‘ Engel fragen, was aus der ersten Rede offen blieb. Diesmal lasse ich mich nicht zur Seite schieben.“ „Bist selber fortgeschlichen“, spottet Gamliel zurück.
„Laßt ihn laufen“, sagt Nahesson, als Elisama geht. „Gegen einen Cherub, der unser Mose war, lehnt er sich vergeblich auf.“ „Soll es Josua erfahren?“ fragt Ahi-Eser. Nahesson wehrt ab: „Nein, das Geschwätz ist es nicht wert.“ Die drei Fürsten übernehmen nun den Dienst, den sie von Josua neu erhalten haben. Ein Händedruck hatte es besiegelt.
Inzwischen ließ der Engel sich von Elisama ‚finden‘. Der platzt sozusagen mit der Tür ins Haus: „Ich möchte einiges erfahren, was mir aus deiner ersten Rede nicht gefiel.“ „So rede. Das Grüßen hast du zwar vergessen; nun — der Himmel kann dich auch vergessen.“ „Im Vergleich mit Gott, was ich gelten lasse“, fängt Elisama an, wird aber unterbrochen: „Wirklich?“ „Laß mich doch erst sprechen“, ruft Elisama ungehalten aus.
„Du sagtest, man könne Gott nicht in sich tragen, was ja stimmen mag. Aber ‚nur des Lichtes Abglanz‘ (S. 160, 7) wäre wenig. Dazu, man könne keine Menschen in sich haben. Hier hast du fehl geredet. Im Mutterleibe wächst ein Mensch heran; und ist er ausgeboren, tut er seinen ersten Atemzug.“ „Weiter?“ fragt der Engel kurz. „Weiter? Ich möchte eine Antwort haben.“
„Wenn GOTT Sich deiner nicht erbarmte, stünde ich dir niemals zur Verfügung! Aber richtig: Ein Menschlein tut den ersten Atemzug erst nach der Ausgeburt. Es atmet auch als Embryo, doch im Rhythmus seiner Mutter. Solch Werdender ist als Mensch im Mutterleib noch keine eigene Person. Daß mein Vergleich ein Beispiel war, ergab der Hinweis auf die hehre Gott-Person. Verstanden hast du es, nur willst du widersprechen.“
„Meinetwegen“, winkt Elisama ab, „schließlich sieht es jeder nach der eigenen Ansicht an. Den anderen Punkt wirst du mir schwerlich widerlegen. Du sagtest, Mose opferte selten Tiere. Sein Brandopfer sei die Dienstbarkeit gewesen, für Gott und für das Volk; und sein Dankopfer hätte er an Stelle Israels getan, mit Gebeten, nicht mit Opfertieren.
Vielleicht“, tut Elisama nebenher, „versiehst du einen Dienst, der nicht mit Israel zusammenhängt, kannst daher auch nicht wissen, daß Mose Tiere opferte.“ „Wenn nur du es weißt!“ Ein Feuerblick, und Elisama hört mit Bangen weiter zu.
„Gerade wegen Fleisch habt ihr Mose hart bedrängt (4. Mo. 11, 4). Wie hernach konnte er denn Tiere opfern? Was hättet ihr getan, wenn die wenigen Zug- und Schlachttiere hingeopfert worden wären, und ihr Hungernden blicktet bloß dem Rauche nach? Willst du den Widersinn GOTT in die Schuhe schieben, danach deiner Meinung Mose auf Befehl des Herrn gehandelt hätte?“
„Hm, ja“, stottert Elisama, „vielleicht sagte Mose es nur so, um sich . . .“ „Soll ich Mose rufen?“ ertönt es ernst. „Er ist in meiner nächsten Nähe! Außerdem — wenn ich bisher keinen Dienst in Israel versah, weshalb bin jetzt ich zu euch gekommen? Du plapperst ohne Überlegung. Wahrlich, wenn ich das den jungen Sanhus frage, so weiß er besseren Bescheid als du!
Tiere, Symbol für die Materie; die hat der Mensch zu überwinden. Blut, bedeutet Dienstbarkeit, bis notfalls in den Tod, vor allem freier Dienst für andere, das Eigene dabei zurückgestellt. Das ist der hehre Sinn der Opfer, von denen Gott zu Mose sprach. Darüber hinaus, damit das Volk, sich an äußerliche Zeichen klammernd — zum Volk gehörst auch du, Elisama —‚ zum Glauben käme, daß ein Opfer die Versöhnung brächte, opferte Mose manchmal Tiere, jedoch nur, wenn das Volk gesättigt war. Möchtest du das eben jetzt bestätigen?“ Ein Befehl, aber keine Frage. Halb verdrossen, halb beklommen, murmelt Elisama trotzig ‚ja‘.
„Nun bringe deine letzte Frage vor.“ „Woher weißt du denn, daß ich . . .“ „. . . noch eine Dummheit?“ „Das ist nicht dumm“, knirscht Elisama. „Du gabst dich als ein Engel aus, und dem Anschein nach könntest du es sein. Wer sah schon, daß sich Engel auf den Mantel legen, um wie Menschen auch zu schlafen? Das tatest du am ersten Tag. Ob an jedem Abend, konnte ich nicht mehr erspähen. Mir genügt jedoch das Einemal.
Gott schläft nie, und ich kann es mir nicht denken, daß ein Engel schlafen muß. Bist du außerdem ein Wächter, der das Heer bewachen hilft, so nimmst du deine Pflicht sehr leicht. Daher glaube ich, du bist ein Mensch, vielleicht ein Feind der Jerichoer, weswegen du uns helfen willst.“
„Bist du fertig?“ Elisama schweigt. „Sahest du, ob ich wirklich schlief?“ „Das gerade nicht“, zögert jener. „So! Bleibst du immer stehen, wenn du nicht schläfst?“ „Nein; aber legen . . . „ „Lasse dein Geschwätz! Gott saß bei Abraham am Tisch und ‚aß‘ die Speise, die Sara zubereitet hatte.
Wir vom Lichte schlafen nicht wie Menschen; aber als Geschöpfe brauchen wir die Ruhe, die bloß geistig ist. Diese Ruhe hielt ich ein, weniger für mich, das merke dir! Mit meiner Ruhe kam die gute Ruhe über euch. Denke drüber nach, etwa bist du noch zu retten. Du stehst nahe am Verderben, weil du aus Bosheit böse bist.“ Darauf geht der Ritterengel fort. —
Am zehnten Tag umzieht man Jericho zum sechsten Mal. Vorher rief der Ritter alle Führenden zusammen. Er sagt: „Höret zu, ihr Männer Israels, im Auftrag Gottes spreche ich. Was ihr nach jedem Abfall Gott gelobtet, sollt ihr endlich einmal halten, nicht nur für den Einzug in des Patriarchen Land. Es wird nicht aufgezählt, was ihr allzu oft versehen habt. Nein — wie dieses ‚Land des Segens‘ vor euch liegt, wie ihr es besitzen sollt, so sei es eure Pflicht, des Herrn Gesetz zu halten.
Heute ist der zehnte Tag, nachdem Gott den Auftrag gab, das Land einzunehmen — nicht zu unterjochen; merkt euch das genau! Warum ließ Er euch die Tage warten? Nun es sei auf jene Zeit am Berge Sinai zurückgegriffen und wißt ihr ja, ob und wie ihr das Gesetz gehalten oder — übertreten habt.
Gott schrieb auf die erste Tafel vier Gebote. Diesen vier stehen euere vierzig Wanderjahre gegenüber. Die zweite Tafel hatte sechs Gebote. Eine jede Übertretung verletzte Gottes Eigenschaften. Ihr könnt die Wiedergutmachung nicht ohne weiteres erbringen; deshalb gibt der Herr die Lichtsymbole, an denen ihr Sein Recht und euer Unrecht messen könnt.
Mit den sieben Hauptposaunen, Symbol der Eigenschaften, seid ihr sechsmal um die Stadt gezogen, vom fünften bis zum zehnten Tag. Das gilt vom fünften bis zum zehnten Grundgebot. Die zwei Tage, die noch abzuwarten sind, beziehen sich auf Gottes Fundamente, auch auf das Licht und die Materie. Der elfte Tag dient eurer Vorbereitung, und am zwölften, im Hinblick auf die Stämmezahl, soll am Morgen Israel den Jordan überqueren, am Mittag Kanaan betreten und am Abend das wüste Jericho bezwungen sein.
Um die Stadt sollt ihr siebenmal die Bundeslade tragen. Was dann geschieht, überlasset GOTT! Das Irdische wird Josua befehlen. — Nun folgt; heute gehe ich voran, meine Waffe soll die Fackel sein.“ Am Abend kommt die Botschaft, daß das Lager ruhig sei. Nachdem ohne Willen Josuas schon am ersten Tage Gamliel und Elisama sich der Jerichoer Gruppe angeschlossen, Eleasar samt den übrigen viel Mühe aufgewendet hatte, um eine Rebellion zu unterbinden, verhält sich Israel gemäßigt.
NEUOFFENBARUNG