3 — Gehen
— G E H E N —
Ich will den Völkern reine Lippen geben, daß sie sollen des Herrn Namen anrufen und Ihm einträchtig dienen. Zeph.3, 9
Wieder sind fünf Jahre um. Josua hatte nach der Richterwahl die Obersten gefragt, wer Regen, Wind und Sonne brächte (S. 186, 4), und ob nicht alle friedlich beieinander leben könnten, um Gottes Segen zu empfangen. Daraufhin hatte Israel die Heiden nicht vertrieben (Jos. 15, 63; 16, 10; 17, 13 u.a.).
Josua und Begiana sind in Jabes Gilead, wo Kahathael wohnt. Wie selten einmal sind sie ganz allein. An seine Brust geschmiegt, sagt Begiana: „Ich hatte ein Gesicht in dieser Nacht.“ „Welches, meine Liebe?“ „Du weißt, Josua, daß ich durch dich erkennen konnte, wie es um uns steht, und daß absolut nicht alles richtig ist, was wie Gold und Silber glänzt.“
„Wahrlich wahr!“ seufzt Josua. „Die ganz Alten und die Richter geben sich viel Mühe; aber kommen bald die Jüngeren ans Ruder, wer weiß, wohin Israel dann treibt (Ri. 2, 10). Erzähle; ich merke, daß ich meiner Liebe einen Stein vom Herzen nehmen muß.“ Sie verbirgt die Trauer und beginnt:
„Da stand ein schöner Korb, mit Purpur zugedeckt. Ich wollte ihn dir bringen. Eine Hand hielt mich zurück und es sprach: ‚Tochter Juda, der Erste ist zu würdig vor dem Herrn, für das, was im Korbe ist.‘ Ich erwiderte: ‚Er sieht so sauber aus, obenauf das reiche Purpurtuch . . .‘ Da schob sich eine zweite Hand vor meine Brust und die erste öffnete den Behälter.
Ich zittere noch jetzt vor Schreck. Innen war der Korb an vielen Stellen schmutzig, auch des Tuches Unterteil. Ein paar gute Früchte und ein Brot lagen drin; doch der meiste Inhalt war verdorben. Ich weinte sehr. Da sprach die Stimme wieder: ‚Weine um des Unglücks willen, aber des Verdorbenen wegen nicht! Gott fegt es fort! Was ER daraus macht, sei keines Menschen Sache (AG. 10, 9-15),“ Begiana wagt von ihrer Sorge nicht zu sprechen, das Unglück könne sich auf Josua beziehen.
Israel ist stark geworden. Manche lassen nicht mehr gelten, daß ihr Gelübde GOTT zu bringen sei. In letzter Zeit sind viele laß geworden, insbesondere im Gottesdienst. Josua nahm schon in vielen Häusern Götzenbilder weg, die an den Wänden hingen oder als Figuren auf Konsolen standen. Es gab schiefe Blicke, aber keiner wagte, ihn daran zu hindern.
Nun beschwichtigt er die Frau: „Zwar traurig, daß der Korb bloß außen prächtig ist. Damit ist das Volk gemeint. Noch halte ich‘s am Zügel, allein wie lang — ? Nach außen hin gibt man sich Mühe; doch im Kreise der Familien wird vergessen, was man Gott und auch sich selber schuldig ist.
Israel kann — so von Zeit zu Zeit — geholfen werden, wenn es eine straffe Hand regiert. Sei unbesorgt, Begiana, ich . . .“, „Dir mache keinen Vorwurf!“ fällt sie heftig ein. „Wer ist so edel und so gut wie du?“ „Das sagt deine Liebe, kleines Mädchen“, kost Josua. Er sagt das öfter gern, obwohl das ‚kleine Mädchen‘ schon die sechzig überschritten hat.
„Jederlei Gesicht ist für sich selber auch gegeben, diesen Falles für uns beide. Wir müssen unsere ‚Körbe‘ täglich reinigen.“ „Das gebe ich im allgemeinen zu“, erwidert sie. „Was dich betrifft, hat mit diesem bösen Inhalt nichts zu tun. Du sagtest stets, was Gott mit dir geredet hat und — o ich Glückliche! — einige Male war ich auch dabei. Der Herr redete mit mir so gütig, wie ein Vater mit dem kleinen Kind.“
„Wer sich als Sein ‚kleines‘ Kind betrachtet, der fällt nie von Gottes Hand! Das Unglück, über das du weinen durftest, ist eine neuerliche Rebellion.“ „Meinst du?“ Josua versteht nicht ganz, daß Begianas Augen strahlen, befreit vom Druck, das Unglück könnte ihn betreffen. Bevor er sie befragen kann, treten Sanhus und Hur Hadad ein, beide ernsten Blickes.
„Was ist?“ Josua denkt bekümmert: ‚Ist‘s soweit, daß man gegen seine eigenen Brüder kämpfen muß?‘ Nein — etwas anderes. „Komme mit“, bittet Sanhus, „mein Vater läßt dich rufen; er ist . . .“ Sanhus stockt, es würgt ihn etwas in der Kehle, und Hur vollendet: er geht seinen letzten Gang.“ „Wie kam das denn so schnell? Ist kein Arzt bei ihm?“ „Doch“, gibt Sanhus Auskunft, „er kann nicht mehr helfen. Die Mutter ist so . . .“ „Laß mich mit“, bittet Begiana, „ich will Isora trösten.“
Man macht sich eilig auf den Weg. Kahathael liegt gebettet. Unruhe spiegelt sich in seinen Augen. „Josua“, haucht der Sterbende, sich ein wenig reckend. „Gottes Friede sei mit dir.“ Josua nimmt die abgezehrten Hände in die seinen. „Glaubst du“, fragt Kahathael, „ob Gott und Mose mir verziehen haben?“
„Weder Mose, erst recht nicht unser Herr rühren in dem alten Topf herum, in dem nichts mehr zu rühren gibt.“ „So kann ich friedlich gehen. Vergib, Josua, wenn . . .“ „Nichts, mein Freund. Seit damals[VH58] warst du einer unserer Besten. Des sei vor Gottes Ohren nie vergessen.“ Kahathael nickt unmerklich, und die erdenmüden Augen fallen zu. Der Jahreszeit entsprechend trägt man schon am nächsten Morgen ihn zu Grab, das er für sich selber und die Seinen kaufte. Fast die ganze Stadt und wer noch aus der Nähe kommen kann, gibt Kahathael das Geleit.
Josua reist nach Silo ins Regentenhaus. Sein Stammsitz ist in Thimnath-Heres, „Ich kann nicht heim“, sagt er zu Begiana, als sie einen Tag in Silo rasten. Sie begütigt ihn: „Du kommst, sobald es möglich ist?“ Sie sorgt sich stets; und jeder Tag, ihm fern, dünkt sie eine kleine Ewigkeit zu sein. Jedesmal ist der Abschied beider herzlich. Ein Trupp Krieger und zwei Freunde ihres Hauses geleiten sie nach Thimnath-Heres. —
Im Beratungsraume warten Fürsten, Stämmerichter und ein Teil des Altenrates. Viel wird vorgebracht, was während seiner Reise sich ergab. Josua weiß kaum, was zuerst erledigt werden muß. Zum Glück sind keine Querulanten da. Für widerliche Streitende gibt er den Richtern auf, jene zu befragen, ob sie ganz den ‚Engel Gottes von Jericho‘ vergessen hätten.
„Wohl, wer ihn nicht erlebte, hat keinen richtigen Kontakt. Auch ist mancher heimgegangen, der den Glauben hochgehalten hat. Wollte Gott, ich wäre schon bei ihnen!“ „Josua!“ Ein junger Mann, namens Othniel, drängt sich hastig vor. „So darfst du nicht sprechen; wir brauchen dich!“
„Ja, ihr braucht mich noch, darum steht ihr mir zur Seite. Aber sonst — ?“ „Die letzte Zeit war schwer“, sagt Nahesson. „Ich bin auch bereit, wenn Gott mich ruft. Alter und die Bürde drücken. Wenn Josua jetzt menschlich denkt, wer wollte ihm es übeln. Doch an einem Tage sind die nicht zu zählen, die dich aus Treue und aus Liebe brauchen.“
Sich aufraffend, befiehlt Josua: „Die Grenzen bleiben; wer sie schädigt, macht sich des Kerkers schuldig! Das sei die Losung für die Stämmerichter, damit die Ordnung nicht verloren geht. Hängt das siebente bis zehnte Gebot in jedem Richtraum auf und weist darauf hin, wenn jemand sich nicht beugen will.
Eure andere Sache ist schwerer beizulegen. Die Heiden bleiben in den neu besiegelten Gebieten. Man möchte mir ein Querholz vor die Füße werfen; doch ich bin gewiß: GOTT zerbricht es, ehe ich mich daran stoße!“ Ein Ältester sagt: „Du weißt, Richterfürst, wie ich zu dir stehe. Darf ich verraten, was man von dir hält?“ „Nur heraus damit, Benaja; man macht die Feinde sich zu Freunden, wenn man ihre Tücke kennt.“ „Man sagt:
‚Du nennst dich Nachfolger unsers Mose, der das Gesetz des Herrn gehalten hat. Du hast Jericho verbrannt und den verflucht, der die Stadt aufs neue baut (Jos. 6, 26; S. 182, 6 – 183, 1). Du hast sie selber aufgebaut, die Jerichoer aber nicht hineingelassen, ausgenommen Rahabs Sippe, hast die Heiden ausgerottet, und nur die reichen ließest du im Land. Von denen nimmst du hohen Zins (Jos. 17, 13).
Du hast mit einem Engel — war er einer? — Kanaan verdorben; und uns strafst du, wenn wir die Heiden aus dem Lande drängen. Deshalb wollen wir uns rächen; denn wir wollen nicht von Heiden, nicht von dir geknechtet sein! Zanken sich mal zwei, was geht‘s dich an? Du drückst‘s nicht tot, wenn du aus kleinen Dingen große machst!
— Vergib mir, Josua, es ist nicht meine Rede“, sagt Benaja. Alle sind erschrocken. „Das ist nicht möglich! Das undankbare Volk! Man muß dich schützen!“ und vieles mehr wird ausgerufen. Josua hebt ruhig beide Hände hoch:
„Freunde, nehmt den Widdern ihre Hörner, und sie stoßen trotzdem zu. Man hat mir manches hämisch hinterbracht. Denen gegenüber habe ich geschwiegen, weil es mir zu schmutzig war. Vielleicht, um meinen Namen in den Kot zu ziehen, wird man einst nur schreiben, was ich tat, und das verzerrt, nicht, warum es so geschehen mußte. Ihr Männer aber höret her!
Ich hielt Israel stets an, treu und gut zu sein, im Kriege nicht gewollt zu töten. Manche haben das beachtet. Wer es unterließ, muß dafür selbst geradestehen. Nun — Jericho war zu einem Schlangennest geworden, und der HERR hat diese Stadt gestraft, wie Er Selber zu mir sprach (S. 150, 5-6).
Die Seelen zu erretten, ist Sein hehres Ziel, unabhängig von dem Leben dieser Welt. Meine Worte wurden ganz verdreht, das verderben solle, der Jericho aufs neue baue, ‚. . . der es baut, wie es gewesen ist‘! Sodom und Gomorra wurden durch die Engel ausgerottet und nie wieder aufgebaut. Aber Jericho sollte eine Gottesstätte werden. Ich schuf die Prophetenschule (2. Kön. 2, 5), baute Häuser für die Armen und die Waisen, wie in Beth-El, Silo und auch anderwärts. Das wird freilich nicht erwähnt.
Rahabs Sippe, glaubenstreu geblieben, sollte für die guten Heiden die Zentrale sein. Der Heidenteil der Stadt ist frömmer als mancher Israele, der sich seines Gottes rühmt. Ich setzte gute, aber keine reichen Heiden ein; und unser Israel“, Josuas Stimme klingt sehr traurig, „wird von ihnen einmal lernen müssen, Gott zu finden, der aller Menschen VATER ist.
Abraham zog gerechte Grenzen für die Stämme, so daß sie nach Jahrhunderten genügend Lebensraum besitzen konnten. Als aber Jakobs Volk das Land verließ und zweihundert Jahre lang nicht wiederkam, betrachteten die eingesessenen Leute nach und nach ganz Kanaan als Eigentum.
Ich gab den sieben Heidenvölkern ihre Länder wieder. Das war vor Gott gerecht. Bloß wer trotz Austausch-Angebot nicht weichen wollte, der wurde ausgetrieben. Das geschah, weil jene, die sich sträubten, dem Götzenkult verfallen waren, ein Anstoß und ein böses Beispiel für unser Volk. Es davor zu beschützen, war mein Schwert in Kampf und Sieg.
Jene waren ‚reiche Seelen‘, die die Gotteslehre kannten, wahrlich besser als das Volk am Sinai! Diese Heiden dankten mir bisher. Und Israel? Gott bestätigte es mir, daß es, seit es breit und fett auf guten Pfründen sitzt (S. 186, 4), alles andere als friedlich wäre. Wer schon viel hat, der möchte mehr erraffen. Gewiß gibt‘s welche, die die Arbeit scheuen und ihr Gut verlottern lassen, dann jedoch ob ihrer Armut klagen.
Allein — manche sind durch Ungemach verarmt. Wer denen noch die letzte Habe stiehlt, ist mit Kerker zu bestrafen, weil er — die Not des andern nützend — dessen Habe billig einzutreiben sucht. Habe ich umsonst den Armenrat gewählt? Schon Mose hat es so getan. Darum sollen alle hiergebliebenen Heiden gleichfalls wie wir selber Recht und Unterstützung bei uns finden.
Zinsbar, wie mir angehängt, machte mancher Fürst die Heiden. Hat Israel den Gotteszehnt für seine Priester, für die vielen Wohltatshäuser, und vom eigenen Vermögen auch den Volkszins aufzubringen, was ja wiederum dem ganzen Volk durch Brunnen- oder Wegebau zugute kommt, so ist‘s gerecht, wenn auch die Heiden ihren Anteil für den Volkszins abzugeben haben.
Viele dienen Gott, bringen stets den Mosezehnt, und zwar williger als mancher Israele. Ich weiß genau Bescheid! Deshalb habe ich sie nur aus Abrahams eigenem Stammsitz ausgewiesen, was man fälschlich ‚ausgerottet‘ nennt.
Ihnen flüstert man ins Ohr: ‚Seht, wie unser Richter handelt! Er hat euch verdrängt, er nimmt eueren Besitz und bestraft uns, weil wir euere Glaubensansicht dulden.‘ So züchtet man sich selbst die Heidenrute! Hätte ich sie aber sitzen lassen, wo sie waren, dann hätte man mich ‚Heidenknecht‘ genannt, unfähig, Kanaan für Israel zurückzuholen.
Das verbreitet! Nicht meinetwegen“, wehrt Josua mit beiden Händen ab, „nur zu unser aller Segen. Wo ihr Götzenbilder seht, da nehmt sie weg. Sind sie aus Gold und Silber oder anderem Metall, als dann bringt sie her nach Silo in die Schmelze; der Gewinn daraus kommt in die Armenkassen. —
Noch jenes Bittere: Gottes Engel! Wer weiß noch, wer der Engel war?“ Nahesson hebt einen Finger: „Ich!“ Alle, die mit dem Engel sprachen, stimmen ein. „Und wer?“ fragt Josua. „Ich frage ja nicht euret- oder meinetwegen. Hier gilt das Zeugnis für den Herrn, für Seine Herrlichkeit.“
„Es war Mose“, erwidert Pagiel, nun einer von den Ältesten der Fürsten. „Du hast‘s erklärt, wieso Mose als ein Cherub kam. Es hatte mich erschüttert. Lichtkindgeister jenseits der Materie; Menschen, wenn sie ihre Beihilfwege wandern; wieder Gottes Kinder, Engel, wie sie es gewesen sind, sobald sie ihren Fuß zurück in Gottes Reich des Lichtes setzen.
Cherub der Ordnung, Uraniel, er lehrte sie uns streng, mit einem Herzen voller Liebe. So stammst auch du, Josua, vom Lichte ab, hast das Edelgut bewahrt, von GOTT uns überkommen, bereits aus Abraham, und zuletzt aus Mose.“ Josua umarmt Pagiel und verdeckt die Träne nicht, die ihm aus dem Auge rollt. „Was fällt weiter an?“ fragt er die Versammlung.
„Sebulon und Isaschar liegen sich im Barte wegen einer Weide. Sie war damals bei der Landverteilung an Isaschar gefallen, obwohl sie besser Sebulon gehörte. Ein schmaler Hügelstreifen zwischendurch ergäbe eine Grenze“, sagt ein Sebuloner. Isaschars Stammrichter hält dagegen:
„Sieh an, was der Sebuloner Khamnat redet! Während fünf und zwanzig Jahren, seit wir Kanaan besitzen, kam kein Streit um diese Weide auf.“ „Richter Hesabal von Isaschar hat an sich recht.“ Josua will keinen Streit. „Stellt die Sache jetzt zurück; in Kürze komme ich mit Altenräten, die Fürst Hur Hadad wählen wird. Am Orte trifft man die Entscheidung leichter. Läßt sich diese Weide teilen, zu Gunsten beider Stämme?“
„Dem stimme ich gleich zu!“ Auch Khamnat will das Gute. — Nicht alles geht so glatt vonstatten. Erst nach vielen Stunden ist das meiste beigelegt. — Ehe Josua nach Thimnath geht, so heißt sein Haus dem Wohnort nach, sagt er zu Ithamar:
„Gottes Hütte, ich habe viel zu danken.“ „Dir braucht man nicht zu öffnen; Gott spricht auch anderwärts zu dir.“ „Ja, lieber Freund.“ Josua geht mit ihm vor Gottes Hütte auf und ab. „Was wir tun, mein Ithamar, soll für jedermann ein Beispiel sein. Es geht um Zucht und Ordnung. Das gilt allen Großen samt den Kleinen, die nicht immer ganz getreu die wahre Bahn behalten haben. Darum müssen wir ein Vorbild sein.
Du verwaltest Gottes Ort auf Erden; es soll keiner ohne dich in Gottes Hütte gehen, auch nicht ich. War ich ohne dich schon vor dem Herrn, so ließ ich mir vor Zeugen Seine Türe öffnen.“ „Hm“, lacht Ithamar, „man belauerte mich fein, ob ich . . .“ Josua lacht herzlich mit: „Ich bin nicht der Einzige, den man bespitzelt?“ „Nein, diese Ehre hast du nicht allein! Man sagt zu mir: ‚Josua läßt sich die ‚Türe‘ öffnen, wenn es jemand sieht; durch den ‚Vorhang‘ schlüpft er selber, weil die Hütte keine Türe hat.‘ Du sagtest eben immer Tür statt Vorhang.“
„Lasse ihnen diesen Spaß.“ „Siehst du schon die Nasen?“ Ithamar meint ein paar Passer. „Hm, vor Gottes Heiligtum will ich zu ihnen reden.“ „Fein!“ Ithamar ergreift den Vorhang, und Josua dreht sich plötzlich um. Die Spione haben keine Zeit, sich zu verbergen, tuen aber so, als kämen sie des Wegs. Josua läßt es scheinbar gelten und ruft sie freundlich an:
„Kommt mit hinein!“ „Wir?“ wehrt einer ab, „das tut Oberpriester Ithamar für uns.“ „Wir könnten aber Bitten, Lob und Dank dem Herrn gemeinsam bringen“, mahnt Josua. „Das kann man zu Hause tun“, sagt ein anderer hinterhältig.
„Wenn du es wirklich tust!“ Ithamar tritt näher. „Überall läßt Gott Sich finden, wer auf Seine Stimme hört.“ „Eben; aber warum dann die Hütte, die wir durch die Wüste schleppten, wenn Er überall zu finden ist?“ „Hast du mitgeschleppt?“ Der ‚Schlepper‘ weicht Josuas Blicken aus. „Nein; unsre alten Brüder . . .“ als sie jung gewesen sind . . .“ „. . . egal! Alle Last und alles Leid, einem Bruder aus dem Volke widerfahren, ist wie eine eigene Last.“ „Bist du ein edler Mensch!“
Unversehends war Fürst Hur hinzugetreten. Vor ihm ‚buckelt‘ man, mit Fäusten in der Tasche. „Ich habe recht“, verteidigt sich der ‚Edle‘. „Genau“, erwidert Hur sarkastisch, „bloß dein Handeln ist ein leerer Hauch!“ „Ich will‘s euch sagen“, fängt Josua ein wenig schärfer an. „Mir blieb unverborgen, wie ihr Oberpriester Ithamar und mich belauert habt. Aber was das Heiligtum betrifft, da haltet euren losen Mund zurück!
Ich ließ mir immer dessen Türe öffnen, obwohl es nur den Vorhang hat. Das ist ein heiliges Symbol. So leicht hat Gott den Zugang uns gemacht; nur den Vorhang brauchen wir zu lüften und — wir sind bei IHM! Er hat Sich hinter nichts verborgen. Wer jedoch das Heiligtum verletzt, wird einmal Mauer, Tür und Riegel finden, die schwerlich wegzuschieben sind. Darum sagte ich zu euch, ihr könntet euer Herz entlasten, neue Kraft und neuen Frieden holen, für euch selbst und eure Freunde.
Gott macht uns den Zugang leicht (S. 121, 7). Keiner aber soll in Seine Hütte gehen wie ins eigene Haus. Im Bekenntnis unsrer Sünden pochen wir an Gottes Türe an. Guter Wille drückt die Klinke nieder, und der Glaube gibt die Schwelle frei. Seine Worte und Er Selber sind die Türe (Joh. 10, 9); für uns ließ Er den Vorhang weben. Mose hat das lichtgemäß erkannt.
Sollte diese Hütte“, Josua zeigt auf sie, „einem Hause weichen (2. Sam. 7, 5-6), dessen Innerstes verschlossen bleibt, so wird — ich prophezeie es — niemand darin Segen finden und auch niemand aus ihm Frieden tragen! Wird die Hütte abgebrochen, so wird das Haus, von Menschenhand gebaut, auch von Menschenhand zerbrochen werden!“
Josuas Stimme lockte viele Leute an. Man fürchtet ihn; er steht wie ein Cherub da. Ithamar fragt sich selber: ‚Und ich soll —‘ Die Gedanken werden unterbrochen. „Priester Gottes, öffne des Herrn Hütte denen, die willig zu Ihm kommen wollen.“ Der Vorhang wird gehoben. Zugleich betreten Josua und Ithamar die Schwelle, Fürsten und Älteste im Gefolge, vom Volk erst wenige. Chol-Hosar ist der erste. Wer die Prophezeiung hörte, folgt ihm nach. Die hämischen Spione verziehen sich.
Im Vorraum, durch einen zweiten Vorhang von dem Bundesladenraum getrennt, spricht Ithamar:
„Wem Ich aber gnädig bin, dem bin Ich gnädig;
wes Ich Mich erbarme, des erbarme Ich Mich!“
(2. Mo. 33, 19)
Er zeigt den tiefen Sinn der Worte auf. Nicht so wäre es, daß der Herr bloß jemand aus der Reihe winke, wie jene ohne Ämter zu den Würdenträgern sagten, auch nicht so, wie manche Große — eingebildet ob des Amtes — auf die Kleinen niedersähen.
„Die Gnade fließt uns allen zu; denn es ist keiner ohne Sünden. Wenn man sagt: ‚Nachbar, mir hat Gott geholfen, dir wird er nicht vergeben‘, so ist dem Angedrohten schon die Gnade widerfahren, die dem Drohenden verlustig geht. Wer mag den schelten, dem der Höchste die Erbarmung schenkt? Schenkt, liebe Leute! Keiner kann sich die Erbarmung je verdienen!
– Gnade läßt sich wohl erbitten, wenn der rechten Reue wahre Buße folgt, die gutzumachen sucht. Nur über die kommt die Erbarmung, die weder Reue noch viel weniger eine Buße kennen. Allein — wäre das nicht falsch? Oder — ?“ Ithamar wartet eine Fragepause ab, „— ist Erbarmung etwas anderes als das Bedecken einer Schuld, die — vielleicht — nicht wieder gutzumachen ist — ? Und wie sähe die Erbarmung aus? O liebe Leute, höret her!
Wer aus Bosheit Böses tut und noch Freude über seine Bosheit und am Leide hat, andern zugefügt, ist niemals selber fähig, Gnade und Erbarmung zu erlangen. Doch der Böse soll errettet werden; denn die ohne Arg und ohne bösen Willen sind, brauchen die Erbarmung nicht. Diese sind in Gottes Hand, auch mit dem Ungenügend unsrer Welt. Das Ungenügend ist aus Gnade auszustreichen, das Böse aus der Bosheit aber nicht! Da nimmt der Herr die Rute, die Gefängnis, Leid oder Not — auch jäher Tod bedeuten kann, je nachdem, mit was die Seele anzurühren ist; zuerst insoweit, daß sie endlich merkt, wie böse sie ihr Leben führt.
Jede Bosheit frißt sich fest wie Rost auf einem Schild. So wenig sich der Rost beseitigen läßt, so wenig gibt es aus sich selbst Erneuerung. Erst wenn Erbarmung eine Seele trifft, ist eine Umkehr angebahnt, bis aus eines Kruges Scherben wieder ein Gefäß ersteht, brauchbar, und wie neu erschaffen.
Da gibt‘s kein Fragerecht, wem Erbarmung widerfährt. Wenn alles Materielle abgegolten ist, erweist es sich, auf welch weitem Felde die Erbarmung blüht, und ob auf ihm nicht alle Armen wie die Blumen stehen, von GOTT gepflegt. — Nun könnt ihr in euch gehen, einer wie der andere. Denn der Mensch erfragt es nicht, wie groß die eigene Verfehlung ist.“
Ithamar hat es getroffen, daß jeder seine ‚Wunden‘ sah. Ein Licht steht hinter ihm. Chol-Hosar sagt zuerst das rechte Wort: „Liebe Leute‘ wurden wir genannt. Ob wir es auch sind? vor Gott? Aber Er bat uns durch Seinen Priester Ithamar gesegnet. Laßt uns nun nach Hause gehen, und laßt uns ‚liebe Leute‘ (5. Mo. 33, 3) werden.“ Da geht die kleine Menge fort, Chol-Hosar nach.
Fürst Nahesson geht mit hinaus. Man verwundert sich. Josua sinnt dem ein wenig nach. Doch im Augenblick, wo man den Bundesladenraum betritt, fällt das Sinnieren ab. Ist‘s nicht, als stünde man vor Gott? Steht Sein Licht am Feuer ARIEL? Schein im Widerschein? Glanz im Widerglanz — —
„Meine Söhne!“ Eine dunkle Glocke aus der Ewigkeit. Jeder beugt die Knie. „Ich befreie euch vom Druck. Nahesson tat etwas Gutes; er belehrt die ‚lieben Leute‘, und Mein Geist durchflutet ihn. Ihnen hat er zeigen wollen, daß Ich bloß auf jedes Menschen Glauben sehe und er, ein Fürst, sich daher ebenso als liebe Leute angesprochen fühlt. Er festigt und verbreitet es, was Josua und Ithamar geredet haben.“ „Dank! Dank!“ Einmütig ausgerufen. Wie freundlich strahlen Gottes Augen.
„Manche Mühsal war zu tragen, gar manchmal war es so, als ob Ich euch verlassen hätte. Aber ICH, der Ewige, der in Meinem EWIG alles Leben hegt, dessen schönste Kraft, Meinem Born entnommen, ich den Kindern gab, lasse keines ohne Aufsicht sein. Habe Ich aus Meinem EWIG sie gemacht, so sind sie an Mich angebunden, ohne sie dabei zu fesseln. Was bedeutet nun die Aufsicht? Ist sie nicht trotz freien Lebens eine Fessel? Man beaufsichtigt die kleinen Kinder, die nicht wissen, was sie tun und lassen müssen.
Meine Söhne, eben das ist ein Exempel. Seht, ihr könnt euch frei entwickeln, bis ihr dem Geiste nach erwachsen seid. Dann bedarf es keiner Aufsicht mehr. Doch mit ihr verbunden ist die Führung, ohne die kein Kind bestehen kann. Außerhalb der Schöpferführung gibt‘s kein Leben! Mit Aufsicht und mit Führung werden Meine Kleinen und die Großen lichtbetreut.
Der Ernst-Fürst nannte jene Stätte, da er zwischen Mir und Isaak entschied: ‚der Herr sieht’ (1. Mo. 22, 14). Er sah Meine Führung als die gnadenvolle Aufsicht an, in der die Beihilfstraße unter Meinen Händen sich vollzog. Wer das ‚Der Herr sieht‘ lernt, der wird üble Taten unterlassen. Denn aus der Furcht, daß Ich alles sehe, kommt der echte Glaube her. Wer diese Gottesfurcht besitzt, hat vor Mir keine Angst; wer sich Meiner Aufsicht anvertraut, wird von Meiner Hand geführt!
Aus Meinem EWIG habe Ich Mein Volk geschöpft, in das EWIG ist es eingebettet. Aus ihm habe Ich von alters her (Jes. 25, 1) die ‚Löse‘ eingesetzt. Wäre dieses möglich, wenn nicht auf allen Kindern Meine Augen ruhten? Fühlt ihr euch der Schöpfergröße gegenüber klein, so seid gewiß, daß ihr als große Kinder nur die Führung braucht. Nennt ihr euch groß, in welchem Maße immer, dann seid ihr klein. Und da versäume ICH die Aufsicht nicht!
Am Lebensanfang habe Ich das vorgesehen; allein, im Anfang, den kein Kind ermißt, beseitigte Ich als ‚Der Herr sieht‘ den Tod, die Ausgeburt des Falles. Benaja denkt, was das Beseitigen des Todes wäre, wenn sogar Mein Mose sterben mußte und Mein Abraham zu Grab getragen wurde. Merket auf:
Außer Himmelszeichen, wie bei Henoch, bleibt die Vergänglichkeit des Leibes durch den Tod bestehen. Aber das ist nicht der Tod, den Ich zerschlug, ehe er entstand. Jener ist gewiß ein Mahnmal für den Seelentod. Ihn, des Falles bitteren Tribut, habe Ich beseitigt. Wer sich von seinem Seelentod erlösen läßt, ist trotz Sterben niemals tot! Denn nicht der Leib — die Seele wird ins Reich geführt, in die Stätte ihres Geistes (Hiob 19, 26)!
Wer dem Leibe nach erbleicht, aber keines Seelentodes starb, ist von einem Raum zum anderen gegangen, wie ihr vorhin her zu Mir. Nur ein Vorhang ist zu heben, vier Schritte über Meine Schwelle — und alles Äußerliche ist vergangen. Das Herrliche aus Meinem EWIG tut sich auf.
Abraham trug man zu Grabe; aber Isaak erkannte, daß vom Leib nach wenigen Tagen nichts mehr vorzufinden sei[VH59]. Mose kam nicht mehr zurück. Man schrieb ‚Gott hat ihn begraben‘ (5. Mo. 4, 6). Ja — ICH bedeckte ihn mit Meiner Hand; denn seines Lebens Reichtum war die Mühsal, die er ohne Klage trug. Nicht für Mich und nicht für sich — er tat es für die arme Herde.
Viele murrten, seine ‚Aufsicht‘ wäre ungerecht; sie wären keine Kinder, die am Band zu führen seien. Doch wie nötig war das Band. Heute auch! Nicht für jeden einzelnen —‚ für alle insgesamt setzte ich das eine Lichtsymbol bei Abraham:
Er ging aus seinem Vaterland, nicht wie später Israel des kleinen Hungers wegen. Vom Empyreum ging er in das Dunkel dieser Welt. Sein Weg führte erst nach Norden (Haran) innerhalb des Landgebietes, das im Beihilfsdienst die ärmste Stelle war; ein Stück Land fast ohne Leute (Leben). Bis dahin ging sein Vater mit, was bedeutet, daß Ich ihn an ‚Meinem Bande‘ hielt.
Und Mose? Aus dem Nil, als ‚Macht des Geistes‘ anzusehen, wurde er gehoben. Zum Zeichen, daß Ich Selbst den Fürsten sandte, wurde er am Fürstenhof erzogen. Und ICH, im Symbol der Bundeslade, der Wolke und des Feuers, ging mit ihm jeden Schritt. Aufsicht und Führung über ihn und seine Hände waren es, die euch Tag und Nacht geleitet haben — jetzt auch über Josua.
Man spottete: ‚Wenn Ich als Bundeslade bei euch wäre, wieso müßte man sie tragen? Nur die Heiden trügen ihre Götzen, die nicht selber gehen könnten.‘ O —“ Gottes Stimme härtet sich, „— man trug das Goldene Kalb durchs ganze Lager! Aber Mein Gesetz hat man selten gern ertragen! Wer des Geistes Stimme folgt, dem ist Mein Gesetz die höchste Labe; wer sich der Materie verschreibt, findet Mein Gesetz hingegen hart und unerbittlich. Allerdings! Wer die Gebote kennt, sie aber nicht erfüllen will, fühlt sich im Freudenrausch der Welt gehemmt.
Ihr und manche unterm Volke habt das gute Teil erwählt, das nie von euch genommen wird (Luk. 10, 42). Zwar kommt es darauf an, ob des Geistes Kraft und Stimme wirkt. Wenn ja, so seid ihr Träger Meiner Bundeslade, nicht jener, die ihr hier stehen seht; nein — ihr seid dann Träger Meines Bundes und der Gnade und könnt im Anteil Meiner heiligen Erfüllung auch Erfüller sein, wie euer Geistanteil aus Meinem Geist gekommen ist.
Dann wandert die ‚geheime Bundeslade‘ neben euch einher; und die bin ICH, der Schöpfer, Priester, Gott und Vater, von alters her und bis in Ewigkeit! Ich segne euch; und übermittelt ihr den Segen, so sprecht, wie Ich es Mose anbefahl:
‚Der HERR segne dich und behüte dich!“ (4. Mo. 6, 24)
Hehre Stille füllt den Raum. Der Menschen Geist erglüht, ihr Herz erbebt. Es ist, als ob man Gott noch sähe, Seine Hände, die sich auf ihre Häupter legten. Oh, Er ist immer da! — Ithamar dankt für die Oberen, Josua für Israel. Diesmal gibt es keine Lauscher, als man aus der Hütte tritt. Auf dem Weg ins Richterhaus tritt Nahesson zu ihnen. Beiden tut es leid, daß er die hohe Lehre nicht mit hören konnte. Ithamar sagt zu ihm:
„Der Herr hat gut von dir geredet; komme mit, du sollst zuerst den Segen Gottes haben.“ Anschließend berichtet Nahesson, was er auf dem Markt zu einer großen Menge sprach. „Herrlich hat der Herr gewirkt!“ ruft Josua, „in der Hütte, in der Stadt, in und neben uns. Ihm sei Dank!“ —
Weiter eilt die Zeit. Es wird sehr schwer, das wachsende Israel in einer Hand zu halten. Aber Josua geht unter GOTTES Hand; und die ist stark. Auch im Streite zwischen Gad, Ruben und Manasse, jenseits des Jordans und den andern Stämmen. Erstere hatten für sich selber einen Altar aufgebaut. Die anderen betrachteten das Zeugnis scheel (Jos. K. 22), und die neun Stämme wollten gegen ihre Brüder kämpfen.
Josua liegt gerade krank in seinem Hause Thimnath-Serah. Begiana wehrte jede böse Kunde ab. Als der Schwertstreit ohne Blutvergießen beigeschlichtet ist, hört Josua davon. In einer Kammer ist ihm der Höchste wiederholt begegnet. Auch nach diesem Streit erscheint der Herr. „Komm, Begiana, Gott sieht gern, wenn wir beisammen sind. Mir ist‘s so oft gewesen, als ob wir beide aus der Ewigkeit vereinigt sind, wie man es von Abraham und Sara hörte.“ Errötend erwidert sie: „Ich dachte auch darüber nach; doch du, Josua, bist ein großer Geist, ich bin bloß . . .“
„. . . des Vaters liebes Kind“, erklingt es hinter ihnen. Jäh sich wendend, sehen sie den Herrn, die Schwelle überschreitend. „Herr! Vater!“ Sie stürzen auf Ihn zu. Er breitet Seine Arme aus, und ehe sie sich niederwerfen können, fängt Er beide auf und zieht sie an Sein Herz.
Seine Freundlichkeit überflutet sie. „Das ist ein Willkomm, wie er Mir im Lichte angeboten wird, von woher ihr stammt.“ Auf einem Tisch steht eine kleine Galbanlampe, die Josua und Begiana hüten als ihr ‚Bundesladenfeuer ARIEL‘. Gott zeigt darauf und läßt Sich an des Tisches breiter Seite nieder, während beide Menschen sich Ihm gegenübersetzen.
„Ihr habt Mir eine Empyreumslampe angezündet, und eure Kerzen in des Vaters Hause blieben rein und stark; sie müssen nicht erneuert werden. Wer dies im gleichen Sinne tut, dem ist‘s in Ewigkeit zum Segen; wenn es als äußerliches Zeichen dient, dem zehrt‘s die Kerze bis zum letzten Funken weg.
Können in der Tiefmaterie des Lichtes Kerzen sterben? Nein, das geschieht bei keinem, der seine Beihilfstraße geht (S. 11, 2). Läßt jemand sich verlocken, so bewahren Meine Treue und Wahrhaftigkeit (OJ. 19, 11) dieses Dienstes wegen stets sein Licht. Die Kerzen, die Ich meinte, sind jene armer Wesen, einst gefallen und nicht selber eine Leuchte habend.
Können sie denn überhaupt ein Licht besitzen? — Höret eine höhere Offenbarung. Wüßten Wesen, daß ICH die Kerzlein angezündet habe, so würden sie sich brüsten, wodurch ihre Umkehr weit hinaus geschoben wäre. Allein, ab und zu lasse Ich‘s die Hölle wissen. Alsdann geht ein Schauer durch sie hin, und diesen nehmen alle Wesen auf, die sich inkarnieren lassen. Das ist Mein Beihilfsgut, aus Erbarmung hergeschenkt. Totzutreten ist der Schauer nicht, weil Meine Gaben LEBEN heißen.
Beim Hinfall zündete Ich insgeheim die Lichtlein an. Warum, wenn manche bis zum letzten Funken sterben? Ja — bis zum letzten! Der wird von Mir bewahrt, weil Ich sie aus einem Funken formte. Dieser ist und bleibt die Lockung, die jede arme Seele — auch nach langer Zeit — zur Heimat zieht, wie dem verirrten Wanderer ein fernes Licht die Richtung zeigt.
Das ‚ferne Licht‘ können Beihilfkinder sein, die von ihrer Kerze Funken opfern, was die Lichtlein auch mit nähren hilft. Das bringt viel Segen ein. Für wen wird dieser fließen?“ Gott sieht Begiana an. Erglühend sagt sie leise: „Vater, Dein Sohn kann es Dir besser sagen. Sieh die Antwort gnädig an, wenn sie ungenügend ist.“ „Das laß des guten Vaters Sorge sein“, sagt Josua, „etwa weiß ich‘s auch recht ungenau.“
„Darf ich mich in Deine Hände flüchten?“ bittet Begiana. „Echte Töchter haben keine Angst vor Mir. Ich komme eher tausendmal zum segnen, bevor Ich einmal strafen will. Wähnet nicht, Ich sei ein lauer Gott, der Sich vieles durch die Finger rinnen ließe! Segen kann sich strafend zeigen. Nur die groben Strafen sind kein Anteil eines Segens. Was das für eine Strafe ist, können Menschen schwer erfassen; es genügt, wenn sich‘s im Empyreum zeigt. Nun rede, Meine Tochter.“ Begiana sagt:
„Hilft man mit, eine schwache Kerze zu ernähren, so käme wohl der Segen einem selbst zugute. Da unsre Leuchter bloß von Dir erhalten werden, halte ich‘s für richtig, daß auch der Segen armen Seelen zuzukommen hat. Es ist keine Hilfe, etwas gegen Löhnung hinzugeben. Werden wir belohnt, dann haben wir nur das getan, was wir schuldig sind zu tun (Luk. 17, 10).
Opfer werden frei gebracht; sie sind keine Schuldigkeit, keine Leistung um den Lohn. Aber — Vater“, Begiana stockt, „lehre DU uns weiter.“ „Perutam, Layja hat ihre Kerze gut bewahrt!“ „Layja? mein Weib?“ Josua weiß sich nicht zu fassen. Auch er wurde einmal von dem Vater ‚Perutam‘ genannt (S. 129, 6). Damals hatte er gedacht, sein Führer sei gemeint. Jetzt — ? Begiana senkt ihre Augen. Der Herr nimmt beider Hände in die Seinen, und eine wunderbare Wärme strömt aus Seinem Wort:
„Meine Kinder, selten werden Himmelsnamen offenbart, erst wenn ein hehrer Zweck damit verbunden ist. Um Meinen Zweck befragt Mich nicht! Besser ist‘s, wenn es der Mensch nicht weiß. Daß Ich‘s heute mit euch tue, ist ein Lohn für eueren Dienst. Erröte nicht, liebe Tochter, Du hast dich Armer, Kranker, Waisenkinder angenommen und manche Männer zur Vernunft gebracht. Ein guter Beihilfsdienst, aus Ehrfurcht gegen Mich, aus Liebe für den Mann getan, dessen Sorgen du tagtäglich trägst.
Schließt ihr eure Türe zu, so schließet ein, was ihr heute hören durftet. Nur Taten, daraus sprießend, tragt hinaus. Ihr habt im Lichte einen Leuchter, auf dem euer beider Kerzen brennen, habt vom Glanze viel bewahrt, so weit als möglich in der Welt das Licht des Heiligtumes zu bewahren ist. Für euere Zeit wäre Meiner Frage (S. 206, 6) nichts hinzuzufügen. Was ICH jedoch offenbare, eilt der Zeit der Welt voraus, mitunter auch der Zeit des Empyreums. Meine Lehre ist der Lotse, der im Lichtmeer der Erkenntnis jedes Kind zur weiteren Erkenntnis lenkt.“
„Guter Vater, welche Herrlichkeiten!“ Josua greift abermals nach Gottes Händen, während Begiana sich zu Seinen Füßen niederläßt. Und Gottes Augen strahlen. Sie fragt, ob auch Satan eine Kerze hätte und wie man dieser helfen könne. Ernst leuchtet‘s auf im Blick des Heiligen.
„Ihr seid besorgt, was dem Erstkind widerfahren würde, müßte ihm der letzte Funke sterben. Seht Meine Lehre nun als Bild. Entgegen jener sieben Fürsten-Leuchter hatte Sadhana für sich keine Kerze, keine Fackel. Der Ernst-Fürst zeigte auf das Feuer Meines Heiligen Herdes, in dem ihr Anteil wäre, an dem erst alles andere angezündet werden würde.
Auf Meinem Herdbuch lag ihr grüner Zweig. Er verdorrte. Hier die Schau: Die Erbarmung schützte alle abgebrannten Kerzen, nahm auch den armen, dürren Zweig nicht fort. Noch liegt er dort, bar jeden Schmuckes. Hätte ihn die Heiligkeit vom Buch genommen, so wäre dieses Kindes und aller Wesen Leben ausgelöscht, womit die Kerzenfunken nicht erhalten worden wären.
jede Hilfe treuer Kinder ist ein Wassertropfen, die Ich sammele und in die hinein Ich die verdorrte Rute stecke — einst, wenn MEIN VOLLBRACHT die Umkehr nach sich zieht! Und Mein Vollbracht ist das Gefäß, schon ‚von alters her‘ geformt, wo hinein die Wasser tropfen fließen. Ohne das Gefäß verrinnen sie. Alles, Meine Kinder, was ihr in echter Liebe und in wahrer Demut tut — die Demut hier vor Meinem Angesicht, die Liebe für die Hingestürzten —‚ das wird im heiligen Gefäß gesammelt.
Ob man sonderlich für Menschen oder Wesen denkt, oder auch, wenn die Erkenntnis noch nicht klarer ist, für Mich, — alles rechne Ich den Helfern an. Für Mich kann keiner etwas tun, nur Mir zur Freude! Denn das, was man für jemand tut, besitzt der Jemand nicht, der braucht dann diese Hilfe. Aber Ich — ? euer Schöpfer — ? Der ja alles schuf — — ?!
Gutes Tun ist der Dienst für jene, die ihn brauchen. Recht hatte Meine Tochter“, Gott legt einen Arm um Begianas Schultern, die vor Wonne leise weint, „Opfer werden ohne Lohn gebracht, sonst sind es keine Opfer. Wer tätig ist um Lohn und ihn erwartet, wird ihn zwar erhalten; denn das fordert die Gerechtigkeit. Das Schönste aber und tief Innerste der Verbindung zwischen Mir und einem Kinde bleibt da unterm Weg.
Nur wer ohne Kenntnis dieser Lehre denkt, jede Arbeit wäre eines Lohnes wert, dem geht bei edlen Werken nichts verloren. Wer Mir die Rechnung präsentiert, dem bezahle Ich sie auch — ohne Mehr! Und das kann manchmal wenig sein. — Noch eines liegt dir nahe, Josua, wenn es auch mehr freudig drückt.“ „O Dank, Dank, Du guter Vater-Gott! Ja, so herrlich bist Du
‚Der HERR sieht!‘ „ (S. 202, 4)
Josua nickt zu Gott heran. „Damals hattest Du gelächelt, als ich die Führerin mit ‚Engelin‘ bezeichnete. Es sah so aus, als hättest Du mich heiter ausgelacht.“ „O Josua!“ wirft Begiana ganz entsetzt dazwischen, „wie kannst du bloß . . .“
„Laß ihn seinen Faden spinnen“, hält Gott sie auf. „Wer besten Sinnes menschlich redet, dem geht wenig fehl.“ Josua ist puterrot geworden, trotz seiner Wetterfarbe im Gesicht. „Wie gut“, seufzt er, „daß Du GEDULD und NACHSICHT heißt!“ „Willst du sicher darauf bauen?“ „Ja, weil ich‘s brauche; nein, denn Geduld und Nachsicht dürfen nicht herausgefordert werden. O, hülle bitte meine Torheit auch hinein.“ „Ich will es tun; doch nun sage deine Sache, nachher wartet eine Last auf dich.“ „Ein Segen wird es sein“, jauchzt Josua ganz laut.
„Herr, ich dachte, die Führerin und ich wären eins. Später merkte ich, als Begiana meine Mühe mit mir teilte, daß wir im Reich ein Leuchter (Ehe) sind. Wie es aber mit der Führerin zusammenhängt, ist mir noch unbekannt. Mose hat das auch bedacht. Sein Weib war eine treue, brave Seele; bloß seine großen Lasten konnte sie nicht auf sich nehmen. Wenn Du den Schleier etwas lüften wolltest, lieber Vater? Mose tat mir leid, weil er — als Mensch und Mann — eigentlich recht einsam war.“
„Ganz einsam war er nicht“, erwidert Gott, „und der Schleier ist nicht dick. Er, Uraniel, der Ordnungsträger, ging als Fürst allein zur Welt. Ich setzte niemand anderen zu seiner Führung ein, als Urea, die Fürstin Meines Ordnungshauses. Demnach hatte er auch eine Engelin (S. 128, 1).“
Josua ist beschämt. „Vater, Du erinnerst mich an meine törichte Benennung. Wie soll man aber anders dazu sagen?“ „Wie wäre es mit ‚eine Himmelstochter‘?“ Josua schlägt sich an die Stirn. „Lasse es dabei bewenden, Josua; auch eine kleine Menschlichkeit kann Mich erfreuen. Nun höret aber weiter zu:
Mose wußte es, schwieg aber wegen albernen Gewäschs, weil trotz Aarons Strafe einige die ‚Mohrin‘ haßten. Jethros Tochter war sehr treu und brav. Sie war gut erzogen, zumal im Glauben an den ‚Gott des Patriarchen‘. Aus Rache nannte man sie eine Mohrin.
Dein Engel gehört dem vierten Wächterstuhle an (S. 133, 7 – 134, 1). Nicht immer werden jene leiten, die im Reich ein Ehehaus ergeben. Meist bleiben sie auf ihrem Weg zusammen, selten aber materiell. Wo keine allzu große Mühe herrscht, wird ein Wesen und ein Geist vereint. Eine Meiner heilsgewohnten Taten! Das ergibt nicht immer eine Ehe dieser Welt. Es kann Mitarbeit betreffen, wo eins das andere zu ertragen hat: der Mann das Weib, das Weib den Mann.
Wo sich Bürden häufen und Satanas zu zeigen ist, daß sein Querholz keinen Schaden macht, da geschieht dann zweierlei: Entweder werden Sohn und Tochter aus dem Reiche auf der Welt zur Ehe kommen, oder wie bei Mose, daß eines das andere führt. Das ist gleichfalls eine Ehe — die des Herzens; und die gilt ungleich mehr als jede andere der Welt, ausgenommen echte Himmelsehen. — Nun genug davon. Es sei ein anderes gekündet.
Nach vier Jahren sind die vierzig Arbeitsjahre um; es folgt der Zehnt, den Ich bereits gesegnet habe. Du denkst an Mose, warum er im hohen Alter keinen Zehnt erhalten hätte, da er Meine Zehn Gebote hoch und teuer hielt. Sieh, bei einem kann es anfangs, beim anderen am Ende stehen.
Ich gab Mose seinen Zehnt, als er in Midian Hirte war. Im Zeichen Meiner Herrlichkeit trieb er die Schafe in die Nähe Meines Berges (2. Mo. K. 3), allwo Ich die Gebote gab. Er führte viele Midianiter in den Glauben ein, so daß Jethros Volk nie völlig heidnisch werden wird. Die Verbindung bleibt zu Mir, die Mose schuf und festigte.
Er war zehn Jahre lang ein Hirte. Dabei vergaß er aber nicht sein Volk am Nil. Der Träger des Gesetzes mußte vorher seinen Zehnt erhalten, du hernach: Zwei Zehnte gleich den Schöpfungsfundamenten, von zwei Söhnen übernommen. Erst die Ruhe, dann die Last; und dann umgekehrt. Moses viertes und dein erstes Arbeitsjahreszehnt sind ein Waagebalken an der Waage, dem ERNSTE gleich: die bestimmende und tragende Eigenschaft in einem. Die Last ist in der Welt ein schweres Ding, im Reich die Herrlichkeit der Kraft!
‚Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine Götzen haben neben Mir!‘
‚Ich‘ und ‚Mir‘ am Anfang und am Ende gleichen den zwei Zehnten, ‚dein‘ und ‚du‘ als Lasten eingeschlossen. Moses vierzig Amtsjahre und deine dreißig in Kanaan ergeben im Symbol die Eigenschaften: sie sind als die vier bestimmenden und drei tragenden anzusehen.
Siebzig Älteste wählte Mose, siebzig Gänge ab um Meine Hütte baute er die Hege auf. Nach rund zweimal siebzig Königsjahren wird Israel sich spalten; zehn Stämme werden siebenhundert Jahre vor Meinem heiligen VOLLBRACHT vergehen. Siebzig Jahre werden die zwei letzten Stämme einst in Babel weinen; und siebzig Jahre nach dem Vollbracht werden sie zerstreut[VH60]. Denn was die Welt sich richtet, hat in ihrem höchsten Stand sich selbst den Untergang geboren! Das Weltliche vergeht — das Gute bleibt gesegnet!“
Der Dank für diese Offenbarung brennt im Herzen, weil der Mund zu wenig Worte hat, ist aber kostbar wie ein Edelstein. Mit diesem geht der Herr hinaus. Zurück bleiben zwei, die sich fassungslos umarmen. Zuerst rafft Josua sich auf.
„Zum Heiligtum ist unser Raum geworden; hier sei die Lehre stets bedacht.“ Begiana legt ein Tuch auf jenen Stuhl, wo ihre ‚höchste Liebe‘ saß. „Keiner soll ihn haben; für den Herrn bleibt er bereit.“ „Und wenn wir nicht mehr leben?“ fragt Josua. „Dann brauchen wir den Raum nicht mehr. Dann sind wir im Himmelsraum; dort steht ewiglich ‚Sein Stuhl‘!“
„O Begiana! Nun höre: Heute kommen Benaja und Ben Hur Ismahael, der Enkel unsers lieben alten Hur. Sie bleiben hier und sehen nach dem Rechten. Ich muß prüfen, was für einen Altar sich die Stämme bauten (Jos. 22, 10), weswegen es ja fast zum Brudermord gekommen wäre, hätte Pinehas, der in seines Vaters Eleasars Stapfen geht und sich vom alten Oheim Ithamar die Weisung holte, den Altar nicht für recht befunden.“
„Hältst du ihn denn für richtig?“ „Schwer zu sagen. Eljasaph, der Getreue, sagte mir, sie nennen ihn ‚Zeuge, daß der Herr ihr Gott sei immerdar‘. Auch wäre es bis Silo weit, um öfter anzubeten, bei Regenzeit unmöglich; nicht immer würde Gott den Jordan teilen. Er hat recht. Große Wunder tut der Herr einmal (1. Petr. 3, 18 pp) als Zeichen, daß ER der EINE ist und gibt‘s keinen andern Schöpfer außer Ihm.“ —
Nahe bei Beth Sean, links am Jordan, hat man einen überdachten Altar aufgestellt. Er bietet einer großen Menge Raum. Ithamar ist auch gekommen, dazu Eljasaph von Gad, Ahira von Ruhen und Gamliel von Manasse. Der Altar gehört den drei Stämmen. Es ist gar nichts daran auszusetzen, und am Ende einer guten Predigt des Pinehas sagt Oberpriester Ithamar:
„Gott segnet euch, die ihr guten Willens vor dem Altar steht. Wenn ihr stets bedenkt, ‚Der Herr sei euer Gott immerdar‘, wie Abraham die Opferstätte ‚Der Herr sieht‘ nannte, so werdet ihr nie untergehen. Bleibt im Glauben fest; und es wird sich weisen, ob ihr recht gehandelt habt.“
Sanhus, der führende Fürst von Gad — Eljasaph ist Altfürst seines Stammes —‚ sagt: „Volksfürst und Oberrichter Josua, ich danke dir und Ithamar. Ich hatte angeregt, den Altar aufzustellen, damit Gott meinen Stamm bewahren möge. Ist Gottes Bundeslade allzu fern, dem Wege nach, so geht leicht das Innere verloren; und auf dieses ist mir‘s angekommen.
Der Höchste braucht zwar keine Stätte, wo man zu Ihm beten muß (Joh. 4, 20). Sein hoher Geist hat überall das Wehen (Joh. 3, 8)! Beten wir Ihn nicht in diesem Geiste an, so sind wir Seiner Wahrheit fern (Joh. 4, 24). Hört man die Gebote nur (Jak. 1, 22), dann nützen sie uns nichts. Halten wir sie überall, zu jeder Zeit, alsdann steht auch überall ein Altar Gottes; und die guten Taten sind die Opfer, die man darauf legen darf.“
Ithamar spricht hocherfreut: „Wahrlich, wenn wir solche Fürsten haben, ist Gottes Gegenwärtigkeit und Herrlichkeit bei uns! Lasset uns ein Dankfest halten.“ Man stimmt eifrig zu; es soll die Labung vieler Armer werden[VH61]. — Auf dem Heimritt sinnt Josua vor sich hin: „Gott sprach von einer großen Last. Ja, wohl wird noch überall gemurmelt und geschimpft, doch es ließ sich friedlich lösen. Über Sanhus habe ich mich sehr gefreut. O Herr Gott und Vater, gnädig ist Dein Regiment!“ —
Die Bürde kommt. Nicht wie ein Sturm; mehr als Schlange, die man höchstens rascheln hört und nicht eher sieht, als bis man angefallen wird. Es häufen sich die Streitereien wegen Bagatellen, natürlich auch gefährlichere Dinge. Die angestammten Heiden will man wieder aus dem Lande jagen. Man ruft: „Arm sind sie gekommen, arm sollen sie auch gehen!“ — —
Achtundneunzig Jahre alt ist Josua. Da muß er abermals im Lande richten. Seinem Urteil beugt man sich — oft unfreiwillig. Er tut so, als sähe er dies nicht. Im Sebuloner Rimmon wäre beinah edles Blut geflossen, hätten sich nicht geistesgegenwärtig Pinehas und Rehum, der Nachfürst Eliabs, vor Josua hingestellt. Rehum, leicht verletzt, sagt zornig: „Sebulon soll‘s büßen!“ Pinehas, ebenfalls verletzt, fällt ein:
„Josua, dem es galt, wird das Urteil fällen.“ Man hat zwei Täter festgenommen und gefesselt. Josua sieht die Übeltäter traurig an. Er denkt an Begianas Angst um ihn (S. 193, 5), sowie an Gottes Hinweis auf die Last.
„Löst die Fesseln“, und zu den Attentätern: „Steht auf!“ Verwundert wird das eine wie das andere befolgt. Er fragt ernst: „Was dachtet ihr euch denn, mich heute zu ermorden?“ Die Männer bleiben stumm. Wohl — nicht sie beide haben es allein gewollt, es standen viele hinter ihnen. Jetzt — ? Sie fühlen sich allein. Josua zeigt hinauf zur hellen Sonne:
„So wie dies Licht die Erde sieht, so sieht der Höchste Weg und Tat der Leute. Blutvergießen ist im Krieg nicht zu vermeiden; arg genug, daß sich Gottes Erde davon nähren muß! Aber hinterrücks den andern überfallen, ob Freund, Feind, Israele oder Heide, ist eine Schuld, die Gott nicht vergeben wird. Die ist abzuzahlen, weil ER allein der Schuldherr ist! Wer eines andern Leben nimmt, der nimmt GOTT das Leben aus der Hand! Ob und wie der Höchste dann im Geiste (im Jenseits) dem Ermordeten das Leben wiedergibt, ist gleichfalls Seine Sache und wird der Schuld des Bluts nicht gutgeschrieben. Das merket euch!
Für die Wunden, Pinehas und Rehum zugefügt, dafür müßt ihr beide je zwei Jahre dienen. Habt ihr Familien?“ Der Menschenknäuel, der sich rottete, ist bedrückt. Die von der Tat nichts wußten, schelten durcheinander: „Steinigt sie!“ Josua gebietet Ruhe und wiederholt die Frage.
Einer, dem doch die Tränen kommen, stottert: „Meine alte Mutter und kranke Schwester brauchen mich.“ „So; sie werden während deiner Strafzeit öffentlich betreut. Wollen dazu Pinehas und Rehum dir ein kleines Entgelt geben, wird es für dich aufgehoben, damit du nach der Strafe nicht gleich auf der Gasse liegst. Und du?“ fragt er den anderen Verbrecher.
Der ist hartgesottener und murrt: „Was geht‘s dich an, wenn die Meinen darben müssen?“ Da ruft eine Frau: „Seine Eltern sind nicht arm; er selbst hat eine Frau und Kinder.“ Wütend dreht der Mann sich um, kann jedoch nicht sehen, wer dies rief. Josua macht die Sache kurz:
„Deine Strafe kann verlängert werden. Daß deine Frau und Kinder nicht den Unmut deiner Eltern tragen müssen, dafür sorge ich.“ Da schiebt ein Mann sich vor. Es ist der Vater, der erfahren hatte, was geschehen war. „Mein Sohn?“ Er rauft sich seine Haare, um dann zu drohen: „Komme mir nicht wieder unters Dach! Verflucht sollst du sein, dein Weib, deine . . .“
„Halt!“ Josua zieht die Fäuste des Erregten nieder. „Du darfst die Unschuldigen nicht verdammen, sonst fällt der Fluch auf dich zurück. So räumst du keine Untat aus dem Weg! Ein Fluch hat stets das Unrecht im Gefolge. Den Verlassenen und — auch deinem Sohne sei ein Vater, der verzeihen kann.“
„Und dich — wollte man ermorden?“ stößt der alte Vater fassungslos heraus. „Wenn der“, er meint Josua, „von uns genommen wird, wie Gott uns Mose nahm, dann gnade Israel und seinem armen Weltenweg! Weh!“ Später hört man, daß der Alte Weib und Kinder des Verbrechers freundlich zu sich nahm. Also doch ‚ein Sonnenstrahl‘, ist Josuas Dank an Gott. — —
Nun rundet sich das letzte Arbeitsjahr. „Mit Gottes Gnade“, sagt er zu Begiana, deren Haar sich langsam färbt. Er streicht ihr eine graue Strähne aus der Stirn. „Hast viel ertragen müssen, armes Weib und . . .“ „Arm?“ wird er unterbrochen. „Reich, Josua, sehr reich! Ein Leben ist doch schal und leer, wenn man keine Mühsal aufgenommen hat. Und dir ein wenig helfen dürfen — ach, das war für mich der größte Segen unsers Herrn.“
„Nur ein wenig?“ unterbricht jetzt Josua. „Das stimmt nicht! Du hast dich sehr gesorgt, mehr, als dir zuzukommen hat. Doch der Herr hat uns vom Reich in diese Welt gesandt, hat uns vereint, wie gar selten möglich ist. Noch vier Wochen, liebe Begiana, dann werde ich zum letzten Mal das Volk ermahnen. Das wird eine große Reise; denn nicht wie früher kann man Israel zusammenrufen. Die Ältesten und Fürsten werden diese letzte Weisung von mir hören. Sie müssen sich dann einen neuen wählen; denn ohne einheitliches Regiment besteht kein Volk.“
„Nachher bleibst du hier in Thimnath-Serah?“ Ein frohes Leuchten bricht aus Begianas Augen. „Ja, meine Liebe, es sei denn, man riefe mich. Der Beste ist Hur Hadad; er ist klug, gütig, und hat einen weiten Blick im Handel und Gewerbe. Gott möge wollen, daß der Beste an das Ruder kommt.“
Sanhus, der Gaditer Fürst, hatte Josua einen Wagen zum Geschenk gemacht, bespannt mit edlen Pferden. Nun bedient er sich der lieben Gabe und fährt von Stamm zu Stamm, begleitet von Hur Hadad, dessen Sohn Ismahael, Pinehas, der in Kürze Oberpriester wird, weil sein Vater Eleasar, sowie Ithamar das Amt nicht mehr bewältigen können, Benaja, der als Ratsmann sich bewährte und der schon alt gewordene Heeresführer Jeroboas.
Die Fürsten, Ältesten, Richter und Amtsmänner warten jeweils in der Hauptstadt ihrer Stämme. „Soweit sieht es friedlich aus“, sagt Josua zu Hur Hadad, der nebst Pinehas und Jeroboas mit im Wagen sitzt. Die andern sind beritten. Dan, Simeon, Juda, Benjamin, Ruben und Manasse liegen hinter ihnen. Nun geht‘s nach Gad. Dann folgen Naphtali, Asser, Sebulon, Isaschar, und Ephraim zuletzt, wo Josua sein Erbteil hat, das Haus Serah in Thimnath-Heres.
„Soweit sieht es friedlich aus“, wiederholt Josua, „doch mir kommt‘s zu friedlich vor.“ „Wieso?“ fragt Jeroboas. Josua lacht: „Treuer Kämpe, hast das Schwert stets gut geschwungen; war jedoch die Fehde aus, konnten wenige so friedlich leben wie gerade du. Das hab‘ ich stets an dir geachtet.“
„Mir ist‘s auch zu friedlich“, sagt Hur Hadad. „Es wäre wohl für Israel ganz recht, wenn dieser Friede FRIEDEN wäre. Nur steckt ein böser Wurm darin. Man vermehrt zu sehr sein Hab und Gut; doch die Verbindung mit dem Herrn hinkt hinterdrein. Deinem Scharfblick ist es nicht entgangen, daß man wieder Götzen sammelt. Merkt man, daß du kommst, so werden sie versteckt, zumal die goldenen und die aus Silber sind.
Würde nur die Kunst als Arbeit eines anderen Volkes gelten, wäre das nicht schlimm. Allein — man tut das, was der Herr verboten hat:
‚Du sollst keine Götzen haben neben Mir!‘
Wahrlich, eine Anbetung, wie Satan sie nicht besser vorzunehmen wüßte! So der Rede nach wird die Figur nicht angebetet; doch man hütet sie als höchstes Kleinod, während man die kleinen Leserollen unsrer Schriften achtlos in den Kasten legt. Das meintest du, nicht wahr, Josua?“
„Genau! Diesen Dienst wird man dem Volk nicht nehmen können; über kurz oder lang wird man von den Götzen als ‚Idol‘ begeistert sein und noch einen bösen Handel damit treiben. Eben so wird das Gott-Gebot ‚Du sollst keinen Götzen haben neben Mir‘ mißachtet.“ Da sagt der alte Hauptmann:
„Mir zuckt die Faust; schade, daß man da kein Schwert verwenden darf. Der Glaube läßt sich eben nicht befehlen.“ Josua bestätigt es betrübt: „Man möchte es zum Heile derer, die sich von der Gottheit lösen.“ Hadad meint: „Es gäbe einen Zwang. Gott sprach: ‚Wie lange lästert Mich dies Volk‘ (4. Mo. 14, 11)?, und später jene Anweisung, zu steinigen und auszujagen, die Götzendienst betreiben und oben drein dazu verführen (5. Mo. K. 13 u.a.).“
„Denkst du, es ließe sich damit beseitigen?“ Hur Hadad zuckt die Schultern: „Weiß ich es? Seit dreißig Jahren sitzen wir in diesem Land, von Gott gesegnet hergeschenkt. Es erfüllte sich: ‚Wie lange lästert mich dies Volk?‘ Gottes Gnade wird mit Undank hingenommen, ja — man brüstet sich sogar: ‚Wir sind Sein Volk, also muß Er uns auch segnen!‘ Ist das nicht der allerschlimmste Götzendienst? eine Gotteslästerung — ?“
„Das Traurigste vom Traurigen: Man schiebt die Schuld den Heiden zu. Gewiß, die haben Götzendienst. Doch der Herr wird sie erretten (OJ. 21, 24-26); denn hören sie von Ihm, so folgen sie Ihm nach. Was wird mit Israel geschehen, das seit Abraham, rund vierhundertvierzig Jahre, Gottes Wort erfahren hat? Seine Lehre? Seine Liebe und Sein Licht? — ?“
Jeroboas sucht Josua aufzumuntern: „Bekümmere dich nicht. Ändern kannst du‘s nicht. Du hast wie unser Mose mehr getan, als sonst ein Mensch vermag. Wer durchaus in die Grube rennen will, der fällt hinein.“ Josua erwidert: „Wenn man so lang wie ich des Volkes Schicksal zu dem eigenen machte, von GOTT den Auftrag übernahm, und sieht, wie sie sich den Abgrund graben, da muß man alles tun, um die Blinden zu erretten.“
„Das tatest du!“ ruft Hur Hadad aus. „Ich mag nicht wissen, wie es wird, wenn — Wer kann an deine Stelle treten?“ „Du!“ „Das ist nicht dein Ernst!“ Der Fürst wehrt heftig ab. „Ich bin kein Mose oder Josua.“ „Was du bist, das wissen wir“, sagt Jeroboas, „und was du wirst, das weiß der Herr!“ „Ich habe keine Kenntnis, um ein ganzes Volk zu führen.“
„Das wird sich weisen“, sagt Josua. „Du bist der Großfürst, dein Vater Hur hat dir ein gutes Erbe hinterlassen.“ Er tippt dabei auf Hadads Herz und Stirn. „Geht es nach den Stimmen, steht meine für dich an der ersten Stelle. Sie gilt für zehn. Wählt man nach dem Pur, dann weiß ich, daß der Herr auf dich es fallen läßt.“ Josua wechselt das Gespräch, man ist nahe Ramoth Gilead, wo die Ersten Gads versammelt sind.
Zweihundert Feldwegs vor der Stadt warten Sanhus und ein Teil der Ältesten. Man muß es Sanhus lassen: er hat die Gaditer in Zucht. Er hat bewirkt, daß man Josua achten, vor allem lieben lernte. Außer Ephraim, wo Josua zu Hause ist, steht Gad an erster Stelle aller Stämme, das ihm die meiste Freude macht. Auch der Glaube ist hier noch die höchste Angelegenheit. — —
Der letzte Tag des Regiments bricht an. Alle Obersten versammeln sich in Sichern (Jos. K. 23). Eleasar und Ithamar sind trotz hohen Alters hingekommen. Das ‚Amt des Gebetes und des Dankopfers‘ hält Pinehas. Er mahnt, sich nicht von Gott zu wenden; und wenn die Wahl zu treffen sei, wer für Josua das Regiment zu übernehmen hätte, es allein mit Gott zu tun. Israel sei groß geworden, es bedürfe einer guten, starken Hand und — —
„Möge eines neuen Richters rechte Hand die des Mose, seine linke die des Josua sein. Doch solange Josua lebt, bleibt er des Volkes erster Richter. Eigentlich der zweite.“ Ein lichtbehauchtes Lächeln gleitet über Pinehas Gesicht. „Der oder unser ERSTER ist der Hohe Herr, der Gott des Patriarchen Abraham! Er gab uns aber für das Weltliche den Ersten. Das bleibt Josua, wie gesagt, bis an seines Lebens Ende.
Wer das Regiment erhält, sei und bleibe dessen eingedenk; und er sei nicht stolz, Josua nicht mehr um Rat zu fragen. Er weiß noch Rats genug; er hat jederzeit den ‚Rat des Herrn‘ erfragt und fest befolgt. Wer ehrlich ist, gibt zu, daß er zu jedermann, ob groß, ob klein, gerecht und gütig war.
Laßt uns im Gottvertrauen und in brüderlicher Liebe unsere Wahl begehen. Erst hat Josua ein letztes Wort zu sagen. Gebe Gott, daß aus diesem Tage Seine Kraft beim Volke bleibt, wie sie aus Abraham uns überkam, durch Mose uns vom Diensthaus rettete, über Josua uns Kanaan aufs neue gab. Uns wolle segnen, Gott der Herr, vom Anfang bis zum Ende!“
Fünf Altfürsten, zwölf Fürsten, der Altenrat, siebzig Älteste, sechsunddreißig Richter, mit je fünf Amtleuten und zwölf Männern der zwölf Stämme sind versammelt. Regentenanwärter sind Hur Hadad, Sanhus, Benaja, der bewährte Abeldan und der Jude Kaleb. Letzterer hatte zugesichert, bei ihm könne jeder leben wie er wolle, auch in Hinsicht eines Glaubens.
Nachdem die fünf den Raum verließen, wird Josua befragt, wen er vorzuschlagen hätte. „Es kommt auf alle an“, erwidert er, „es wird gewählt.“ Dazu einigt man sich schnell. Hur Hadad hat die meisten Stimmen. Ihm folgt Sanhus, der seinem Stamm verboten hatte, ihn zu wählen. Doch er ist beliebt und ist einer der befähigsten Fürsten. Abeldan ist zu alt, Benaja noch zu jung, daher hat Kaleb den dritten Platz erworben.
Über diese drei soll das Pur entscheiden. Eleasar, der älteste der Priester, übernimmt die Losung. Inständig bittet er, Gott möge helfen, zwar unverdient ob des neuerlichen Abfalls Israels. Drei kleine Rollen, leicht verschnürt, hält er in der rechten Hand. In jeder steht ein Name. Man hatte im Versammlungsraume einen Altar aufgestellt; auf diesen legt der Priester die drei Rollen, solang er betet.
Danach prüfen sieben Männer, ob die Rollen völlig gleich und auch überein geschlossen sind. Josua, der sie als letzter prüft, gibt sie zurück, Eleasar wirft sie auf den weißen Teppich, der am Altar aus gebreitet liegt. Nur eine Rolle öffnet sich von selbst, mit dem Namen ‚Ben Hur Hadad‘.
Man ist zufrieden bis auf jene, die sich Kaleb wünschten. „Laßt uns nochmal losen“, sagt Melaon, der Hasser. „Du willst wohl Gott versuchen?“ Ithamar geht hoch, als wäre er noch keine neunzig Jahre alt. „Damit du Stänkerer zufrieden bist, wird die Losung eben ausgezählt. Dann wird sich zeigen, wer hinter deinem dunklen Schilde hockt!“ Melaon wird übertrumpft.
Zu ihm sagt Josua: „Es sei keine Kränkung: Du bist alt dem Alter nach und solltest wissen, was die Glocke für uns schlägt, — aus der Ewigkeit, aus Gottes heilighohem Recht! Du gehst den Pfad des Hasses. Da du pure Maulwurfsarbeit tatest, ließ ich davon ab, dich zu entlassen. Überträgst du deinen Haß auf Ben Hur Hadad, so ist es meine erste Anregung ans neue Regiment, dich abzusetzen!“ Das schlägt ein. „Ich habe bloß . . .“
„Still“, wirft Selumiel ein, „ich ließ dich überwachen!“ „Ah, man wird bespitzelt?“ „Wo es nötig ist“, erwidert Pinehas. „Laßt den Streit, er taugt zu nichts. Wir haben Gottes Güte abermals erfahren, da Er uns den Mann erwählte, der nach Josua der beste ist.
Auch Sanhus wäre gut, und Abeldan; dieser ist zu alt, wir müßten sehr bald wieder wählen. Benaja, zwar treu und tüchtig, ist zu jung. Kaleb ließe rasch die Zügel schleifen. — Holt die Männer; wir wollen unser Amt vor Gott beenden. Hernach ist manches auszugleichen und kann jeder noch zu Worte kommen.“
„Ich hole sie“, sagt Josua. Man versteht. Dieser oder jener würde gleich verraten, wen die Wahl betroffen hat. Das ist aber nicht gestattet. Bei Josua geht das Weitere seinen rechten Gang. Als Hur erfährt, daß ihn die Wahl betraf und einige aber Schwierigkeiten machten, sagt er stolz:
„Ich trete ab! Loht schon jetzt am ersten Tag der Haß empor, was soll dann am letzten werden?“ Josua reckt sich hoch, trotz hundert Jahre kaum gebeugt; noch können seine etwas hellen Augen zürnend blitzen. Erst später wird man seinen Zweck erkennen, als er zu Hur Hadad sagt, daß es wie Moses Stimme klingt, wenn derselbe einen Lageraufruhr niederschlug:
„GOTT hat dich gewählt; GOTT hat dir das Amt gegeben! Noch bin ich für eine Stunde Erster, und ich befehle dir im Namen Gottes: du trittst nicht zurück!!“ Wer duckt sich nicht vor diesem Ernst der Sprache? Momentlang zuckt es wohl in Hur, wie Josua sich erlauben kann, so mit ihm zu reden. Allein, er ist der erste — oder hat der Herr sein Herz gelenkt — ?‚ der den resoluten Zweck erkennt: die Widerständler auszuschalten, und ihm, Hur Hadad, jene gute Basis aufzubauen, die sein Amt erleichtern soll.
„Du hast recht, Fürst des Himmels!“ Er kniet vor dem Altar auf den kleinen weißen Teppich nieder und wird von den drei Priestern eingesegnet, indem sie sprechen:
„Der Herr segne dich und behüte dich!
Der Herr verleihe deinem Amt das Licht!
Der Herr gebe dir zu aller Arbeit Kraft!
Der Herr stärke dich in jedem Kampf!“
Niemand denkt bei Kampf an Fehde, nur ans eigene Volk, was da zu überwinden ist — wie bei allen Völkern.
Hur Hadad, der bei Bethlehem sein Erbteil hat, schlägt in Sichem seinen Amtssitz auf. Da ist Josua immer zu erreichen, und dieser bleibt — zwar entlastet — dennoch im Getriebe. Hadad sagte später oft: „Ohne dich komme ich nicht aus.“ Es zeigt sich auch, wie recht der Großfürst hat. — —
… siehe Fortsetzung
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