Gottes Dienst und Kreuz; die gute Hoffnung; was man sät, das muß man ernten
3. Kapitel
Es ist eine kleine Predigt, die Malluredus denen hält, die beim Felsen hocken bleiben. Das Lastermädchen will sich an ihn schmiegen. „Du bist ein feiner Herr“, girrt sie, „wenn du mich . . . “ „Schlecht bist du! Nachgerade könntest du es wissen, daß du nicht mehr auf der Erde bist. Rühre mich nicht an, denn deine Finsternis verträgt sich nie mit meinem Licht!“ „Dir bin ich zu gering? Haha, ich will dich gar nicht haben!“
„Dein Trotz ist die Barriere, die dich von mir, zumal vom Himmel trennt! Willst du im Dunkel, deiner Seele angepaßt, verbleiben?“ O nein, nein, die Predigt hat doch ‚angerührt‘. Zugeben würde sie es nicht — noch nicht. Daher wendet sich der Helfer anderen zu, sie liebevoll ermahnend, vom Gefesselten abzulassen und daß sie nicht mehr auf der Erde wären.
Jede Mühe wird belohnt. Einige scharen sich um Malluredus und bitten: „Führe uns hinweg; die andern mögen bleiben, das geht uns nichts mehr an.“ „Wirklich — ? Seht, ich kam zu euch; es stand mir frei, zu helfen oder euch allein zu lassen. Ich kam und zeigte euch den Weg. Habt ihr das ERBARMEN GOTTES durch mich jetzt erfahren, wie solltet ihr nun nicht bedenken, was mit den Zurückgebliebenen werden wird? Wer für sich nur die Befreiung sucht, der wird niemals wirklich frei!“
Sagt eine Seele: „hast recht; doch sie hören nicht auf dich, wie würden sie auf unser Rufen achten!“ „Darauf kommt es weniger an. Wer ernstlich ruft, braucht nicht zu bangen, daß sein Dienst vergeblich sei. Wer nicht folgen will, muß im Dunkel bleiben, bis das ‚zugedeckte Rufen‘ wieder ins Bewußtsein tritt. Das geschieht durch Gottes Gnade, weil solche nur im Dunkel, durch die Einsamkeit die Umkehr haben können.
Wenn ihr in eine Sphäre kommt, dann denkt an die zurück, die mit euch gemeinsam hierher kamen. Seelenmäßig standet ihr auf einer Stufe. Nun eben umgekehrt, dem Rufe folgend, lösen sich die Laster von der Welt. Also kommt, ein wenig könnt ihr aufwärtsklimmen.“ Als sich Malluredus wendet, rufen andere Seelen hinterdrein: „Und wir? Weshalb nimmst du uns nicht mit?“ Auch der noch Gefesselte zerrt vergeblich an der Bindung.
„Ich bin sehr lang bei euch gewesen, so daß ihr aus dem Tal der Trauer gehen konntet. Nun müßt ihr warten, bis wieder eine Gnadenstunde kommt.“ „Laßt ihn laufen“, zankt der Freudenhausbesitzer ärgerlich, „es ist alles Dunst, wir leben noch auf unserer Welt, bloß —“ Aber wie und wo? Vergangen ist der Schöne Schein, kalt und trostlos ist es um sie her. — —
Olyanda kommt noch einmal wieder. Man sieht sie feindlich an und wirft ihr vor, sie wäre fortgegangen, damit der ‚andere‘ sie bannen konnte. Sie widerlegt: „Ihr habt ihn fortgetrieben, allein nicht so, daß er gehen mußte. Ich kann auch nicht helfen, wenn ihr nicht zur Einsicht kommt.
Du hast gesehen“, sagt sie zum Freudenmädchen, „daß du nicht mehr auf der Erde lebst, nicht bei deinem guten Vater, klammerst dich jedoch an deine Gier, die die Fessel deiner Füße ist. Du kommst nicht fort, weil du noch der Gier des Leibes frönst! Sag‘ an: was fühlst du denn dabei?
Lüge nicht“, wird das Mädchen unterbrochen, das von ihrer Lust erzählen will. „Nichts hast du gespürt, die äußere Berührung ist in ein Nichts zerstoben! Das betone ich, damit du es erkennst und man dich — vielleicht — eher holen kann, als den Freudenhausbesitzer, vom Gefesselten ganz zu schweigen.“ Olyanda sagt zur großen Gruppe, die teils noch immer ihren Peiniger bedroht, teils aber wie erstarrt am Boden hockt:
„Ihr habt betrogen und gestohlen. Hätte euch die nackte Not dazu verleitet, so wäre dieses leichter zu vergeben, vor allem, wenn niemand euch zu Hilfe kam. Aber alle habt ihr weltlich allzu gut gelebt, einige in Saus und Braus und habt trotzdem eure Hände nach dem fremden Eigentum gestreckt, nicht zuletzt sogar nach manchem Wenigen von armen Leuten. Darum müßt ihr eure Sündenlasten tragen. Später, wenn ihr manches abgegolten habt, mit Ernst bereut, könnt ihr die schwere Gasse aus dem Dunkel euerer Nöte finden. Ihr dürft auch nicht mehr GOTT den Notstand eurer Seele zudiktieren, sonst kommt ihr aus dem Tale nicht heraus.
Einige wissen es, daß man den ‚Gerichts-Gott‘ predigte. Gewiß ist ER der Richter; allein — was Er als ein solcher tut, ist euch jetzt noch nicht zu künden. Seht also euer Dasein als ein richterliches Gottesurteil an. Denn wer Böses tut, muß dafür büßen — wie auf der Welt, ebenso im abgetrennten Teil des Lichts, in eurem Harmagedon, dem Ort der Läuterung!
Denkt über eures Helfers Predigt nach. Wer dann bereut, was an Argen euch befleckt, der kommt noch zur Erbarmung Gottes, zu einer unverdienten Gnade eurer Umkehrmöglichkeit. Reuevolle Seufzer hört Gott an. Noch wollt ihr nicht, obwohl das ‚Rufen‘ bleibt, das zu euch gedrungen ist.“
Ach, wie es an den Seelen reißt und zerrt, die alte Welt aber nebelt die Gedanken ein, „Nicht ganz umsonst, ob kaum dem Anschein nach“, ist Olyandas Dankgebet. Sie wendet sich an den Gefesselten und ihre Blicke brennen. Gleichfalls ein Salbe, die schmerzt, um so zu heilen.
Der Arge windet sich. „Was siehst du mich stur an? Ich verjage dich, habe noch — “ Seine Hände möchten etwas fassen, Dinge, die vor seinen trüben Blicken gaukeln. „Wenn ich dieses hier erlangen könnte“, knurrt er giftig, er meint einen glühendroten Stahl, „das ‚Weibsen‘ sollte es mir büßen!“ Es ist die böse Menschensprache; er kennt ja keine andere.
Schaudernd sieht er, als Olyanda danach greift — ihm zum Zeichen, wie der Stahl in ihren Händen sich zu einem Bogen biegt, silbrig schimmernd und vergeht, wie vorher die drei Schalen, vor denen er sich sehr gefürchtet hatte. Was er aus seinem Höllentrieb getan, daß muß er an sich selbst erleben. Solche Seelen sind nicht anders zu erlösen. Es wird sich zeigen, welch heiliger Erbarmungsakt in Harmagedon waltet.
„Sieh dich um“, gebietet Olyanda, „nichts ist hier, mit dem du einst gehandelt hast; aber alles martert dich. Dennoch sei ein Ruf des Lichts dir zugesandt: Es gibt für dich den Rückfindweg! Schwer wird‘s werden, denn du mußt dulden, was du andern angetan. Wenn die Hälfte deiner Taten abgegolten ist, dann kann dir abermals ein Licht erscheinen. Hörst du diese neue Stimme an, so werden deine Fesseln fallen. Allerdings beginnt erst dann der lange Weg; doch liegt‘s an dir, ob er sich verkürzen läßt.“
Einige folgen Olyanda nach. Noch muß im Tal der Trauer manches überwunden werden. Wiedergutmachungsfolgen sind nicht zu umgehen. Doch ein Schritt nach obenhin getan — und es spürt jede Seele, daß der Schmerz, das Leid sich lindern. Dankbar recken sie die Hände aus, als Olyanda ihnen fast am Ausgang dieses trüben Ortes einen etwas grünen Platz bereitet.
Es steht ein von einem Priesterstern gekommener Sendling da, der lange Zeit bei ihnen bleibt und sie allmählich weiterführt, bis sie so für sie gesagt — in eine von den ersten nicht sehr hellen Stufen jenes Zwischenreichs gelangen, das Gott in heiliger Erbarmung für die Abgeirrten schuf. Von dort aus können alle nach und nach ins eigentliche Vaterhaus gelangen.
Olyanda trifft mit Malluredus vor dem Tal zusammen. Dankbar heben sie die Hände hoch. Im Versammlungshause haben sich die Räte, die Ältesten und die Betreuer eingefunden. Nur Diadjar ist noch nicht zurück. Nicht bang, nur besorgt denkt man an ihn und was im Tal der Schlucht geschehen mag.
Als einige Räte gehen wollen, um Diadjar beizustehen, tritt das Hohe Licht herein: GOTT, der Vater, den man über alles liebt. Erst verneigt man sich in Andacht, Ehrfurcht, Liebe und mit Dank, dann wird Er rasch umringt. Und nichts lieber ist dem Vater, als wenn die Kinder, groß und klein, sich um Ihn scharen. Er spricht, indem Er alle segnet:
„Kinder, es ist eurer würdig, daß ihr Diadjar nicht vergeßt, der ein schweres Umkehrstück bewältigt. Ihr beide“, Er meint Malluredus und Olyanda, „habt dem Dunkel eine breite Lücke beigebracht, durch die Licht und Wärme strömen können. Ihr habt es mit der Segenskraft getan — gewiß, doch viel von Euerem war dabei, weil ihr den Dunst der Dunklen habt ertragen müssen. Anders hätten sie sonst keine Hilfe angenommen; und an denen, die in ihrem Weltsinn noch gefangen sind, wäre sie vorbeigegangen.
Welches Lichtkind, auch im Reich, den Armen dient, kann es bloß auf deren Stufe tun; und da heißt es ja, das eigene Errungene, das Selige für die Dienstzeit zu verlassen. Das fällt keinem Lichtkind leicht. Würde es das tun, alsdann wäre es kein echtes Helfen, oder solche Hilfe ginge einzig und allein durch Meine Hand. Daß dies ohnehin geschieht, ist euch bewußt, ebenso, daß ihr aus euch selbst mit helfen könnt.
Wer also seine Kindschaft samt den Beihilfsweg für die Verlorenen geopfert hat, ist fähig, vieles selber zu vollbringen, um so mehr, wenn sie sich auf Mich verlassen und nicht ohne Bitte um die Hilfe handeln. So geht Mein Tun mit euerem lichtmäßig Hand in Hand, auch wenn Ich stets der große Helfer bin und bleibe. Und das verstehen die Getreuen gut.
Nun wenden wir uns euerem Priester zu, der als Oberster die größte schwerste Arbeit übernommen hat, was ganz in Meiner Ordnungsfolge steht. Diadjar, einer der Befehlsträger an Meinem Stuhl, kann eben diese Last bewältigen, was mit dem Stern der Hoffnung gilt. Ist es so gegeben, dann braucht ihr nicht zu sorgen, ob er der Bedrängnis widersteht, die im Tal der Schründe herrscht. Euch zur gesegneten Beruhigung sei gesagt:
Es ist ein gutes Lichtwerk, was der Sohn vollbringen kann. Nicht seinetwegen, sondern für die Brut, wie Ich sie nennen muß, stehen vor dem Tal zwei starke Wächter. Er braucht sie nicht zu sehen, er soll selbst den Dienst verrichten, den er auf eueren Altar legen wird. Die Brut hingegen ist nicht fähig, diese Meine Wächter zu erkennen, noch weniger, sie zu ertragen.
Da aber auch die Hölle ihren zwar begrenzten freien Willen hat, kann geschehen, daß die Wächter einzugreifen haben. Doch ihr werdet sehen, ob Diadjar seinen Opferdienst versieht. Wartet also ab! Kein Opfer ist vergeblich, kein großer oder kleiner Dienst! Letzteren zumal nehme Ich in Meinen Dienst, im vorhinein einst eingeschlossen in Mein Kreuz, vom UR-Opfer angefangen bis zur Umkehr Meines ersten Himmelskindes.
Noch ist‘s fern, doch die Heimsehnsucht ist seine Straße, was seit dem Abfall und der Widersetzlichkeit bis jetzt und bis zum letzten Punkt der ganzen Löse vor sich ging und geht. Es muß alles abgegolten werden, sonst gibt es keine ewige Befreiung von der Last, die das erste Kind samt Anhang auf sich lud.
Ihr dürft als Meines Lichtes Kinder fragen, ob nicht doch allein da Meine Gnade und Erbarmung wirkt, Mein Kreuz die Tür für alle Abgeirrten öffnet. Das ist im VOLLBRACHT geschehen, würde aber für die Armen keine, nicht einmal für Meine Dienstbereiten, jene hohen Seligkeiten schaffen, die ICH dem ganzen Kindervolke vorbereitet habe, wenn nicht ein jedes einen Teil der eigenen Schuld und Sünde abzuzahlen hätte.
ICH habe dieses vorbedacht, um am Tage der Barmherzigkeit das Alte völlig zuzudecken, damit pur das NEUE in Erscheinung tritt. Und wieder dürft ihr fragen: ‚Vater, wenn so, dann würde auch der Liebedienst der Kinder, die Dir treu geblieben sind, vergehen, und keine Rückschau auf Dein hocherhabenes Opfer wäre möglich. Gerade das jedoch, o Vater, bleibe unvergessen!‘
Sehr gut gefragt! Mein Opferweg und euer Mithilfsdienst vergehen nie; nur zeigt es sich in anderer Entsprechung. Ja alles Herrliche und Neue, was der Tag der Krönung mit sich bringt, soll von nichts belastet werden. Ihr versteht‘s noch nicht; noch ruht das Vorgefühl dafür in Meinem Quell der Mitternacht. Da liegt es fertig vor; und wenn Ich dies dem Quell in den vier Stunden nach der Mitternacht entnehme, dann wird das ganze Kindervolk im Glanz des neuen Tages auferweckt. Mehr sei jetzt darüber nicht enthüllt. —
Laßt den Stern der Hoffnung leuchten gleich einem Vorstrahl, der der Abendseligkeit des Liebetages zugemessen ist. In der Hoffnung, die das echte Wissen fertigt, seid ihr stets mit mir verbunden. Das gibt Kräfte, die die Seelen und die Wesen brauchen, erstere hierher geführt nach ihrem Leibestod, damit sie ihre Hoffnung auf Befreiung finden, letztere als deren letzte Zeit, um noch einen Weitweg aufzunehmen. Meine Ordnung fügt damit das Höchste: die Barmherzigkeit zu finden. — Seid gesegnet in der Wahrheit Meiner Liebe, im Lichte eurer Dienstbarkeit!“
Die Danksagungen steigern sich zum großen Ruf, der im Infinitum widerhallt. Dem stimmen alle Lichtkindgeister bei, ganz gleich, auf welchen Sternen sie zu Hause sind. UR geht sichtbar fort, Sein hocherhabenes Wesen bleibt zurück. Auf dem Stern der Hoffnung weiß man es: Überall, wo man verweilt und was man tut, ruhen Gottes Vateraugen segnend auf den Kindern. —
— — —
Wie kommt es, daß hier Wesen aus der Tiefe neben Menschenseelen hausen? Diadjar steht am Durchgang in das Tal der Schlucht. Auch ein Helfer kann vor solcher Dunkelheit erschauern. „O Vater UR, leihe bitte Deine Hilfe her, damit ich nicht . . .“ „. . . verzage?“ spricht jemand neben ihm. Es ist einer der zwei Wächter. „Dienend bist du hergegangen, und aus dem Dienst wirst du dein Opfer unserm Vater bringen.“ Diadjar atmet dankbar auf. Wo solche Stimmen wirken, kann er auf URs Hilfe bauen. Und er steigt hinab.
Wie schwarze Schächte öffnet sich des Tales dritte Sohle. Trotz dessen können sich die Seelen und die Wesen sehen, und sie sehen auch das Licht, dem sie unwissend folgten und jetzt für sie erst näher kommt. „Ha, das kennen wir!“ sagt ein Wesen. „Ich weiß zwar nicht, wie ich hierher gekommen bin, fühle mich euch nicht verbunden“, geringschätzig zeigt es auf die Seelen, „denn ich diene mir noch immer selbst, seitdem damals —„
„Ich weiß, warum du stockst.“ Diadjar tritt zur Gruppe. „Es war jenes erste Wesen, daß sich vom ‘Großen Ruf des Schöpfers‘ (Golgatha) wenden ließ. Danach wollte jeder von euch an die Herrschaft kommen. Du auch“, betont er strenger. „Weil du an keine Umkehr denkst mit denen, die noch bei dir sind, wenige, darum wurdet ihr hierher geführt.“
„Ich muß lachen!“ Schauerlich, wie Sturmgetöse, hallt es durch das Tal. „Geführt! Habt ihr das gehört?“ Das Wesen wendet sich an sein Gefolge. „Wir sind hier eingedrungen, und die wir führten . . .“ „Verführten, wobei allerdings die Eigenschuld nicht abgemindert wird“, fällt Diadjar ein. „Egal! Jedenfalls gehören sie zu uns und finden keinen Gang aus unserem Bereich heraus.“
„Eurem Banne sind sie schon entrissen, ihr seid alle nur vorüber gehend hier. Das zu wissen, schmerzt euch sehr. Es tut weh, wenn sich Glieder lösen. Und eben dieser Schmerz ergießt sich auf euch selbst, während jedes Glied, nun losgelöst, allmählich seine Pein verliert. Löst sich ein Glied vom Licht, so wird jenes Schmerzen haben. Das Licht hingegen kennt bloß Leid – für arme Glieder, die von Gott geschieden sind.
Du sitzt bei einer kettenrasselnden Seele. Allerdings“, Diadjar sieht die Seele an, die sich vor den Blicken krümmt, „die Ketten sind gerecht, sie wurden mindestens zur Hälfte aller Lasten selbst geschmiedet. Ich rede jetzt mit ihr. Schweigt“, befiehlt Diadjar allen Dunklen, von denen ja der Vater sprach, daß sie durch Gnade für die letzte Zeit bereitet werden, um noch durch einen Weltweg die Befreiung zu erlangen.
Wütend scharen sich die Finsteren zusammen, sparen aber nicht an Zwischenrufen, um die Menschenseelen einzukreisen. Daß das ihnen kaum gelingt, zeigt das Weitere des Opferdienstes an. Diadjar setzt sich dem Schlimmsten aus der Menschenschar in einiger Entfernung gegenüber. Er beginnt:
„Zu dir komme ich im Auftrag Gottes ! Ach, du erschrickst? Kein Wunder, weißt ja, was du ‚Im Namen Gottes‘ tatest, triumphierend und voll Hohn — nicht nur gegen deine Opfer, sondern gegen GOTT!“ „Das ist nicht wahr! Damals, auf der Welt — ich weiß, daß ich gestorben bin, daß ich — “ „Wie bist du gestorben? Was du in der Dunkelheit der Pein bekennst, das wird dir dann im Lichte offenbar, wenn du dich erlösen läßt.“
„Befrei‘ mich gleich, ich bleibe wahrlich ungern hier! Überdies muß ich dir widersprechen. Ich glaube jetzt nicht mehr an Gott, Er hat mich ungerecht behandelt. Stets sprach ich ‚Im Namen Gottes‘! Jene, in mein Urteil fallend, waren Hexen ohne Seelen, Abtrünnige der Kirche, und andere. Die verdienten ihren Foltertod, nicht aber ich den Ort, wo ich angekettet worden bin.“
„Du belügst dich ja! Denke nicht, du hättest dir im Himmel einen hohen Platz verdient, weil du ‚Im Namen Gottes‘ wirktest. Soll ich sagen, was du warst?“ „Unnötig, ich stütze mich darauf; und sei gewiß: dich kriege ich in meine Zange, die Treiber helfen mir.“ Die Dämonen kriechen langsam näher. Schwer ist es, den Kopf zu heben, doch gelingt‘s der Seele mit Gewalt.
„Ich bin ein Großinquisitor, einer von den ersten, die lange Zeit regierten. Leider hat der dumme Mensch es abgeschafft. Aber wäre ich noch auf der Welt, ich würde . . .“ „Nichts! Die Menschen haben sich und ihre Welt zu sehr gewandelt.“
„Ha, besser?“ „Die letzte Weltzeit hat ein anderes Gefüge; auch hülfe dir es nichts, wenn du es wüßtest. Nicht darüber habe ich mit dir zu reden, sondern daß du nun zu einer ersten freilich mageren Erkenntnis kommst. Weißt du überhaupt, wie lang du nach dem Tod im Dunkeln bist? Der letzte Platz war finsterer; denn erst vor kurzem bist du hier in dieses Tal gekommen. Du hast es wohl gemerkt, aber leugnen — ja, das kannst du gut!“
„Ich leugne nichts! Und ob es wirklich dunkel um mich ist — ?‚ wenn ja dann könntest du mich gar nicht sehen. Außerdem kann Gott mir nicht . . .“ „Du hast Ihn doch verleugnet, weil du statt im Himmel in der Hölle bist, in deiner eigenen mit allen Qualen. Was du auf der Erde lehrtest, daß Gott erbarmungslos die Seelen richten würde, war dein eigenes Hirngespinst. Man sollte dich als ‚Großvertreter des Gerichtes Gottes‘ fürchten.“
Da fühlt Diadjar sich von hinten angefaßt. „Jetzt ist es mit dir aus! Bringt ihn her!“ befiehlt der Inquisitor, „ich reiße ihm die Zunge mit der Feuerzange aus!“ Es ist nicht ganz leicht, zwei Dämonen abzuschütteln die sich an Diadjar hängen. Doch auch das gehört zum Opferdienst. Die Argen sollen merken, welche Kraft sie überwinden kann. „Christ-Jesu Heiland“, ruft Diadjar laut, „Du Schöpfer-Gott, DU bist an meiner Seite. Laß die Dunklen Deine Hilfe spüren —auch für sie selbst!“
Verkrümmt und schwach fallen beide Höllischen zu Boden. Diadjar muß sich trotzdem ‚sammeln‘, um das große Opfer durchzuführen. Er könnte sofort gehen, es wäre absolut nicht falsch, weil das eine Lichtbeispiel nicht ohne Eindruck bei den andern Seelen bleibt, die miteinander leise redend dem Dialog der hellen und der dunklen Kräfte folgten. Schon das getan, und Diadjar kann die Gabe seinem Vater freudig bringen.
„Es ist zu wenig, was ich Dir bieten würde. Lasse mich ein wenig weiterhelfen, auch wenn noch niemand zu befreien ist.“ Er hebt die beiden Wesen auf, die späterhin die Hilfe leugnen. Einige der Seelen widersprechen ihnen und bekunden, daß das Licht sie aufgehoben hätte. Der Großinquisitor spottet: „Du hast dich nur gebückt, weil du meine Helfer fangen wolltest. Sie bleiben hier, sie waren es schon auf der Welt.“
„Warte ab, was aus ihnen wird.“ Diadjar zeigt auf jene, die die Kraft des Lichts bekannten. „Ihr wollt mir widerreden?“ faucht der Inquisitor zornig. „Ich werde euch . . .“ Da sagt eine Frau, die ein Kindlein mordete und daher lang im Dunkel leben mußte, aber ihre Tat bereute. Bloß beschönigte sie noch zu viel. Nunmehr, durch Diadjar aufgerüttelt, keimt die echte Reue auf. So findet sie den Mut, dem Inquisitor Widerstand zu leisten.
„Du hast uns nichts mehr zu gebieten! Ich sehe meine große Sünde ein, obgleich mich arge Not dazu getrieben hatte. Ach, mir wird schon leichter, und das — ich möchte — “ Sie sieht Diadjar Hilfe flehend an. Er holt sie neben sich und legt einen Arm um ihre Schulter. Die Wesen schreien: „Jetzt umarmt die Sünderin den Sünder!“ Der Helfer überhört den Hohn und sagt zur Frau:
„Bekenne, was du denkst, wenn es auch nicht lichtreif ist. Gib dich GOTT in Seine Hand und — unter Sein Gericht!“ „O“, seufzt die Seele, „in Seine Hand — ja; in Sein Gericht — ? Freilich, beugen muß ich mich. Ich hin so lang im Dunkel hin und her geirrt, und immer sind des Kindes Augen mir gefolgt — unablässig. Das war das Bitterste von aller Qual.“
„War das unverdient?“ Eine Frage, die die Seele schüttelt. „Ich habe es verdient.“ „Gut bekannt! Bleibe sitzen, bis ich mit den andern ausgeredet habe, dann führe ich dich fort.“ „Hier heraus — ? Ach!“ Die noch ungewisse Sehnsucht, das brennende Gefühl und das Verlangen nach Befreiung spiegeln sich im Frauenantlitz wieder.
Diadjar sagt nur „Ja“. Sie muß glauben lernen, damit die Umkehr echter wird. Er spricht den Großinquisitor an, während einige die Frauenseele bitten: „Sag‘ du dem Helfer, daß wir gern . . .“ „Ich tue es, wartet ruhig ab. Mir ist, als ob es ringsum tagt, als wenn die Felsen kleiner würden, als ob — —“
Es zerrt im Manne mit dem weltlichen hohen Rang, ein winzig kleines Zeichen. Durch Sehnsucht kann er frei von seinen Lasten wer den. Ein Kampf entbrennt zwischen starrem Willen und dem Funken Licht, der sich in ihm regt. Zwar sind seine Kräfte aufgezehrt, und trotzdem höhnt er weiter:
„Du hast dich bloß zum Schein gebückt, meine Treiber brauchten deine Hilfe nicht. Sie wichen dir nur aus.“ Es klingt garstig. Aber ist‘s nicht so, als wenn ein erster Grashalm seine zarte Spitze zwischen Stein und Dornen reckt? Da kann die Antwort freundlich und dennoch unerbittlich sein.
„Ein Mann, der mit scharf geschliffenem Verstand — aus der Hölle hergeholt! — jede Nebensächlichkeit erwog, sollte sich nicht selbst belügen. Du sahest, wie, es war und hast gezittert: ‚Wenn mir meine Treiber nicht gehorchen?‘ Starr bist du an deine Welt geheftet, daß du alles vor dir selbst verdeckst.
Ich habe eine Frage, ‚Im Auftrag Gottes‘, das merke dir! Wie du — allerdings im Höllensinn — ! im Namen Gottes geredet und gehandelt hast, so stehe ich ‚Im Auftrag Gottes‘ jetzt vor dir. Nun: wie weit reicht dein Erdentod zurück?“ Hochmütig folgt die Antwort:
„Erstens geht es dich nichts an, zweitens habe ich noch nie darüber nachgedacht, drittens . . .“ „.. . verhelfe ich zur Wahrheit und zur Einsicht. Schau dich um!“ Ein Lichtbefehl! Der Großinquisitor gehorcht sehr widerwillig.
Da steht eine Jahreszahl am Fels, Bilder zeigen sich von seinem Welt- und Jenseitsleben. Sind es fünf- oder sechshundert Jahre, die sich spiegeln? Die Not, vielen Menschen angetan? Tausende, worunter wenige entfallen, die zwar Strafe, nicht aber Foltertod verdienten, wie er, der Großinquisitor, dieses tat? Im Namen Gottes! Gerade dieses Wort steht wie ein Licht-Fanal vor ihm und brennt sich tief in sein Empfinden ein. Er muß sich schmerzhaft winden. „Hört auf, hört auf mit diesen Bildern, mit dem Wort!“ schreit er. „Das ist nicht mehr zu ertragen!“
„Du kannst‘s nicht mehr ertragen?“ Eine Frage, die zur Abrechnung gehört. Hartes Stöhnen. „Ich weiß“, fällt Diadjar ein, „es drückt schwer, so schwer, wie deine Opfer starben! Kannst du das Gewicht errechnen?, ist‘s nicht die Weltlast deines Lebens? Und wenn das, möchtest du es nicht erkennen, daß für dich jetzt eine unverdiente Gnadenstunde schlägt?“
„O weh, ich verbrenne! Meine Glieder sind wie ausgerissen; nichts sehe ich und kann doch sehen, höre nicht und höre, was du sagst — du Stimme Gottes! Hilf mir aus der Pein der hunderten von Jahren! Hilf mir, ich . . .“ „Wer soll dir helfen? Es ist nichts abgetan, wenn ich deine Ketten löse, deine Augen für die vielen blindgemachten Augen, die Ohren deiner Opfer heile.“
Verzweiflungsvolles Wehren: „Das taten meine Büttel.“ „Ist das deines Hilfeheischens Inbegriff? Sie taten, was du anbefohlen hast. Zwei von ihnen halfen heimlich, damit die Opfer nicht zu lang zu leiden brauchten. Diese haben ihren Heimfindweg bekommen; aber alle anderen, von denen auch nicht einer gut gestorben ist, sind noch in ihrem Harmagedon. Frage nicht danach, ob dieses leichter oder schwerer als das deine ist!
Was diese Bösewichte auf Befehl getan, wird ihnen bis zur Hälfte abgerechnet; was ihrer eigenen Höllenlust entsprang, das ist ihre volle Schuld. Deine Schuld ist alles!, dein eigenes Tun ‚Im Namen Gottes‘, was vierfach wiegt, die Befehle an die Folterknechte, deren teuflisch freche Lust und die Qual der Opfer! Willst du die Glieder deiner Ketten zählen? Du kannst es nicht! Jedes kleinste Glied ist eine Einzelqual von den Gemarterten; und die größeren Glieder sind die Schuld der Folterknechte. Die vielen Schlösser, die die Ketten halten, sind deine ‚Fänge‘, wie du es nanntest, wenn du wie oft täglich — deine Opfer fandest.“
„O weh“, klagt es aufs neue, „ich bin verdammt! Es gibt keine Hilfe, wenn du auch von einer Gnadenstunde sprachst. Für mich doch nicht?“ Das kommt angstgepeinigt, aber echt heraus. Der Klagende merkt nicht, wie sich ein Schloß der Ketten löst, sieht nicht des Lichtes fernen Glanz, sieht nur die ernsten Augen, in denen sich die Schwere dieser Stunde offenbart. Es ist die zugedeckte Gnade, daß der Arme alles Leid erlebt. Eben wie ein Sturzbach auf einmal, weil er während seines langen Jenseitslebens all die vielen Lasten von sich schieben wollte.
„Auf dich kommt‘s an, ob du verloren bist, wie du die angstbedrückten Leute in den Kirchen lehrtest, den Opfern mit auf ihrem Totenwege gabst. Ich kann dir aus der Hilfe Gottes helfen; du mußt aber erst bekennen. Es kann nun eine Gnadenstunde werden, wenn das ‚ o weh‘ nicht dir mehr gilt, sondern deinen Opfern. Gibst du mir dieses in die Hand, ohne Rückhalt für dich selbst, dann will ich‘s bittend in des Vater-Gottes Hände legen und Ihm sagen, daß du deine viele Schuld bereust.“
Die Menschenseelen merken etwas von der Änderung, die sich im Tal der Schlucht vollzieht. Eine kniet sich flehend nieder: „Hilf mir zu einer Gnadenstunde, denn ich — ich war ein arger Foltermann, wie ich‘s bekennen muß. Hilf mir, daß ich selbst mich überwinde, nicht bloß ich die Hilfe haben möchte, um die Erlösung aus dem Dunkel zu erlangen, wenn — wenn vielleicht — — es jeder für sich selber mit erbitten darf. Ob das jedoch taugt?, ich weiß es nicht. Zeige mir den Weg, den ich gehen kann, um gutzumachen, was ich auf der Welt an Übeltaten auf mich lud.“
„Deine Umkehrsehnsucht ist gerecht. Jede Seele wird erlöst, wenn sie dabei nicht ihr übles Tun vergißt. Man soll Gläubiger um Verzeihung bitten, dann können alle Schulden auch bereinigt werden. Du erbittest dir das Heil, also wird es dir gegeben, sobald deine Opfer dir verziehen haben.“
„Sie sind nicht hier“, klagt jener, „weinend würde ich sie darum bitten.“ „Nicht nötig, daß diese Kinder Gottes, die in eure Fänge fielen, sich am Ort befinden, um anzuklagen oder zu entlasten. Gib mir deine Bitten mit zur Hand, gern trage ich sie ihnen zu. Ich sage aber auch: es ist nicht so leicht, was ich für dich tue. Ich muß deine Lasten tragen, weit hinauf ins Licht, wo die Kinder Gottes wohnen.“ Das wird gesagt, damit die Seele um so mehr erkennt, um was es für sie geht.
„Ach, das ist dir zu schwer, zu schmutzig. Ich sehe mich, so wie ich wirklich bin. Unrein, von der Pest befallen, unsauber außen und auch innen. Nein, das kann ich nicht verlangen, daß . . .“ „Verlangen kannst du‘s nicht, bloß darum bitten. Nicht meinet- sondern GOTTES wegen! Denn alles geht durch Seine heilsgewohnten Hände, sogar die mangelhaften Bitten, die Er erbarmungsvoll besieht, aber auch die Forderungen, die Er durch Seine Rechtshand wieder fallen läßt. Auf Wen? Ahnst du das?“
„Auf mich! Nimm meine Bitte an, hoher Geist“, erstmals, daß hier jemand solches sagt. „Lege sie in Gottes linke Hand; vielleicht hält sie die Bitte fest.“ Ungesehene Strahlen fallen in das Tal; die Seelen spüren sie, sogar der Großinquisitor fühlt, als fiele eine Kette von ihm ab. Wieviel das schon erleichtert, oh! — wenn man von dem eigenen armen Ich gerettet werden könnte, wenn — —
Diadjar sagt zum Reuigen: „Komm, ein Freund hilft dir weiter. Und merke dir: der Freund muß deine Lasten tragen. Erleichtere seinen Dienst, wodurch du rascher vorwärts kommst. Deine arme Gasse heißt ‚Wiedergutmachung‘, was Gottes pure Güte tut. Folgst du willig, was der Freund dir anbefiehlt, so öffnet sich der Heimfindweg, und du erlebst die Güte unseres Gottes.“
Als beide und ein paar Seelen gehen, nimmt das Dunkel wieder zu. Der Inquisitor sinkt in sich zusammen. „Er verläßt die Verdammten. Es kann nicht anders sein — ich habe . . .“ Die erste echte Regung, die Selbstanklage. „Noch lange werde ich hier hausen müssen; und alles werde ich in Ewigkeit nie tilgen können. Mein Tun ‚Im Namen Gottes‘ ist das Ärgste.“ Stöhnend: „Das kann ich nie und nimmer tilgen!“
Die Wesen toben, obwohl es ihnen schlecht ergeht. Die Letzt-Zeit der Materie ist auch ihre letzte Zeit, gefühlt, doch abgestritten, verneint und dennoch bangend. Keiner weiß, ob Diadjar wiederkommt. Sie brauchen das, damit die Reue tief und schmerzlich wird, damit die Sehnsucht nach Befreiung wächst, nicht von ihrer Hölle, sondern nach Erlösung aller Schuld. Der Lichtfreund steht bereit, weiterhin zu dienen. Er kommt später noch einmal zurück.
NEUOFFENBARUNG