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Kap 5 – Die Abrechnung; auch ein Zehnt des Herrn


Die Abrechnung; auch ein Zehnt des Herrn

5. Kapitel

Der Großinquisitor hat Diadjars Kommen nicht bemerkt. Er sitzt in sich versunken da. Echte Reue pflügt jedoch noch lange nicht den Herzensboden um. Immerhin — es wird im Licht gewertet — er bedenkt sich. Leider ohne rechtes Resultat. Auch die Seelen samt den Wesen, letztere im fernsten Winkel dieser Talessohle hockend, sahen ihn nicht kommen.

Plötzlich ist‘s, als würde es ein wenig heller, als ob irgend etwas Sanftes, noch sehr vage, sie berührt. Aufschauend sehen sie vom Lichte etwas mehr, das Diadjar mit sich bringt. Mehr entsetzt als in sich horchend oder sich um eine ernste Umkehr kümmernd, sind die Seelen, während sich die Wesen völlig niederducken. Ach und Weh, so denkt jeder nach der Weise seines Lebens, jetzt kommt das Gericht!

Diadjar wartet. Es ist besser, eine Seele fängt von sich aus an zu sprechen; denn so lockern sie sich selbst durch Gottes Gnade. Es gehört Geduld dazu, still zu sein, wenn die Liebe brennt und helfen möchte. Oft heißt die echte Hilfe ‚warten‘. Gerade dadurch werden diese Seelen förmlich aufgeschreckt; und sie wären nicht noch arm und Gottesfremd, würden sie des Lichtes Wort erwarten. Der Ärgste unterbricht die Stille, um Diadjar feierlich, quälend aber für die Seelen. Der Großinquisitor zankt, womit er Unsicherheit und seine Pein verstecken will.

„Was willst du noch einmal? Willst du dich an unseren Schmerzen weiden? Du — du —“ Da springt einer hoch, auf der Welt ein Übeltäter, mit vielen Lastern schwer bedrückt. Doch nicht spurlos ging die Zeit an ihm vorbei, seit er sehen mußte, wo er sich befindet und daß irgendwo es etwas heller ward. Aber was — ? Wie — ? Wo — ? Er weiß es nicht; nun — — Er sieht Diadjar an, zitternd, ob er reden darf. Trotzdem droht er:

„Siehst du nicht, du ganz Verblendeter“, er meint den Inquisitor, „daß dieser Engel oder was er ist uns Hilfe bringen kann? Verdirb uns nicht den Ausgang aus der Schlucht, die, je länger wir in ihr verharren müssen, um so mehr die Qual erhöht, die wir — ich will‘s bekennen — zu Recht erleiden müssen, einer wie der andere“, zeigt er in die Runde.

Er wagt Diadjar anzusprechen. „Du kannst uns helfen. Warst du auf der Welt ein Priester, dann hättest du die Macht von Gott, unsere Sünden zu verzeihen. GOTT — ich hab‘ gelacht, wenn jemand von Ihm sprach. Oh, das hab‘ ich längst verlernt! Es gibt einen Gott! Das weiß ich, seit du bei uns warst; bloß erkennen kann ich Ihn noch nicht. Ach bitte, wenn du ein Priester bist, dann befreie mich von aller meiner Schuld!“

Ein echter Schrei. In die Last mischt sich ein feines Fädlein der Erkenntnis mit hinein. Noch verharrt Diadjar eine Weile, bevor er eine Antwort gibt. Die Seele muß die Angst erleiden, ob ihr auch vergeben werden kann. Eine schwere Kur! Tief beugt der Mann sein Haupt: ‚Die viele Schuld, wie soll ich ihrer ledig werden? Hieß es nicht, Gott ist ein strenger Richter? Es wäre sehr gerecht, würde ich in Ewigkeit verdammt‘.

Da berührt Diadjar ihn. „Steh‘ auf, ich rede jetzt mit dir! Ihr andern Menschenseelen hört mir zu. Vielleicht will mancher daraus lernen, von den Lasten frei zu werden, die sich jeder selber aufgebürdet hat. Was du sagtest und noch dachtest“, sagt er weiter zu dem Mann, „wird Punkt für Punkt besprochen, damit die andern auch den Ausweg finden können.

Daß du dem Ärgsten widerredet hast, war angebracht. Er kann nicht mehr herrschen, nicht selbst, am wenigsten ‚Im Namen Gottes‘! Mit Absicht wiederhole ich das Wort; es wird ihm eingebrannt. Daß du GOTT erkennst, ist ein gutes Zeichen für dich und einen jeden, der in dieser für euch hohen Gnadenstunde seine Schuld bekennt und mit Ernst bereut.

Du hast es nicht in vollem Maß getan, was Gott von keinem unter euch verlangt. Dazu seid ihr noch nicht reif. Aber angefangen, die arme Lebensgasse anzusehen und ein wenig vorwärts, dann besteht die Möglichkeit, vom üblen Tun befreit zu werden. Wer bloß das Bittere verlieren will, wird noch lange leiden müssen. Wer aus Reue, die zum Bekenntnis seines falschen Weges führt, erlöst sein will, der wird erlöst!

Nicht gleich, das sei euch gesagt! Erst müßt ihr euere Kleider waschen, die ganz grau und schmutzig sind, voller Flecken, voller Risse. Lumpen sind‘s an euerm armen Leib! Betrachtet euch einmal!“ Verängstigt und bedrückt, ein wenig schon aus Reue, sehen sich die Seelen selbst und gegenseitig an.

Haben sie es nie bemerkt, wie elend ihre Fetzen sind? Blind, waren sie durch eigene Schuld! Manche drücken sich beschämt zur Seite und versuchen es, ihr Kleid zu reinigen. Doch mit was — ? Leer sind ihre Hände, kein Wasser rinnt vorbei; und wenn — sie hätten kein Gefäß, um damit zu schöpfen. Ermattet und entmutigt sinkt die arme Herde nieder.

In Diadjar steigt es brennend hoch, Mitleid und die Bitte: ‚Vater UR, laß mich diesen Schäflein helfen. Gib mir Deine Worte, Deine Kraft, daß sie verstehen, wer in Wahrheit ruft und lockt: DU, der gute Hirte aller Schäflein groß und klein, weiß und schwarz, die auf Deines Himmels Weide oder in der Wüste der Materie leben. Auch dieses Tal ist ein Stück Wüste. Darum hilf, o lieber Herr, daß sich einige erretten lassen!‘

Er hört das Wort: „Ich sagte dir, daß Ich denen helfe, die Mich ernstlich rufen. Du willst von Mir den Beistand haben, um jetzt zu helfen. Nimm ihn in Anspruch und bedenke: Wenn sich auch erst wenige wenden, so wird des Lichtes Same trotzdem nicht vergeblich sein — nie, Diadjar! Lasse eine strenge Liebe walten; in der gerechten Strenge ist Barmherzigkeit zu Hause. Wer willig ist, der fühlt sie auch. Den andern hilft die Strenge zur Besinnung. Nun handele und sprich aus Meinem Geist!“

„O Vater, lieber Vater“, sagt Diadjar leise, „Dank, Dank sei Dir für Deine Güte! War es nicht der Fürst des Ernstes, auf der Welt der gute Patriarch (Abraham), der mit Dir zuletzt um zehn der armen Leute kämpfte? So will auch ich mit zehn zufrieden sein; Du wirst den Segen dazu geben.“

„Bloß drei sind es gewesen, die sich retten ließen“, spricht es heiligernst am Ohr Diadjars, „und sogar diese wurden einzig wegen Abraham aus ihrem Untergang herausgeholt.“ „Ich weiß, o Herr, und so gebe ich mich gern mit drei zufrieden.“ „Du bist bescheiden, aus der Liebe deiner Dienstbarkeit. Darum warte ab, ob sich nicht der hehre Zehnt erweisen wird.“

Es ist still. Die Seelen zittern sehr, obgleich sie weder etwas sahen oder hörten. Die Wesen liegen krumm in ihrer Ecke. Erst als Diadjar fängt wieder an zu sprechen, sieht man verstohlen auf. Bei etlichen erscheint bereits ein kleines Licht, das — für sie noch ungesehen — sie umgibt. Diadjar wendet sich dem Manne zu, mit dem er vorher sprach und sagt:

„Du hast vieles vorgebracht. Ich zergliedere dein Bedenken, und sieben Punkte werden zu erklären sein. Du darfst mir widersprechen, wenn du meinst, es wäre nötig.“ „Ich? dir widersprechen? Du bist ein Priester, dem . . .“ „. . . jedermann entgegnen kann, sofern es gültig ist. Doch nun höre zu:

Auf der Welt war ich ein Priester, der GOTT begegnen durfte, als Er daselbst wirkte, um die Fernen heimzuholen, womit vieles andere verbunden war: Kranke heilen, Arme trösten, Sündern ihre Schuld vergeben, und mehr, was damals nicht einmal die hohen Engel ganz erfassen konnten. Du kannst bei mir den Anhalt finden, mußt aber wissen, wer der wahre Anhalt ist.“ „Ja“; haucht der Mann, „jetzt weiß ich es; bloß — „Mit dem zweiten Punkte hast du gleichfalls recht, daß du — ihr alle“, Diadjar meint die Seelen, „nicht zu Unrecht leidet. Sicher ist es richtig, darin ein Gericht zu sehen; ihr wißt nur nicht, was das Gericht bedeuten kann.

Ein vages Wissen ist geblieben, daß den angstverzerrten Menschen stets die ewige Verdammnis zugeschrieben ward, von der die sich selber Großgemachten sich ausgeschlossen wähnten. Wie es ist, habt ihr erlebt.“ Man nickt, nur der Großinquisitor grollt mit dumpfer Stimme. Aber auch in ihn hat sich ein Lichtstrahl eingeschlichen, er sieht es nur noch nicht.

„Das Gericht des Herrn bringt keine ewige Verdammnis. Ihr lebt ja, freilich nicht sehr gut. Das kann sich ändern, wenn ihr das Gericht des Herrn erduldet. Wer das will, der schare sich jetzt um mich her.“ Neun kommen und lassen sich zu seinen Füßen nieder. Die Ketten des Gefesselten klirren, als wenn er sich befreien möchte, als wenn auch er — —

Diadjar tut, als hätte er dies nicht bemerkt. „Weil ihr willig seid, zwar noch ohne wirkliche Erkenntnis, so merket auf: Gericht bedeutet Aufrichtung der Hingestürzten; Geraderichten, weshalb ihr nicht mehr krumm zu liegen braucht. Nach dem Geraderichten folgt das Zurichten; ihr sollt ‚zugerichtet‘ werden für das Vierte, was das Gericht des Herrn enthält. Das ist jenes ‚Heimrichten‘ in die Gnade! Ihr neun könnt schon heimgerichtet werden, könnt eure kleine Gasse gehen, die einmal auf den Weg des Lichtes mündet. Vorwärts gehen heißt: das Ziel erreichen! Das ist in Gottes hehrer Wahrheit Sein GERICHT !

Wohl hängt am Auf- und Geraderichten mancher Schmerz, weil alle Schuld, jede Sünde abgegolten werden muß. Wer das nicht will, wer denkt, er brauche bloß mit seiner Zunge zu bekennen, der ist vom ersten Grad, der Aufrichtung, noch weit entfernt.

Wieder— gut—machung

allein bringt die Erlösung aus dem Fall — durch Gottes Güte.

Wir kommen zu dem dritten Punkt. Und weil du“, Diadjar meint den Mann, „im stillen forschtest, was ich wäre, so wisse denn: Ihr wurdet durch die unerforschlich hohe Gnade auf den ‚Stern der Hoffnung‘ hergeführt — vorübergehend. Hier bin ich wieder Priester. Ihr ahnt den Zusammenhang noch nicht. Doch es ist ein Ruf, der euch euere Gasse leichter machen kann.

Du hast gemeint, ich könnte dir aus Gottes Macht vergeben: dein vierter Punkt. Eines ist dir noch bewußt: Man konnte auf der Welt in eine Kirche gehen, einem Priester jede Schuld bekennen, um davon befreit zu werden. Nicht völlig falsch! Wer das aus wahrer Reue tat und welcher Priester einzig im Bewußtsein handelte, daß allein der Herr die Schuld vergeben, Sünden tilgen kann, da ist es stets von Gott gesegnet.

Wer aus angemaßter Gottesmacht den Reuigen vergibt, steht selbst in seiner eigenen Schuld. Den echten Reuigen wird dabei von GOTT vergeben, was die Wiedergutmachung zur Folge haben muß. Hingegen hat ein Priester, der sich pur als ‚Sprachrohr Gottes‘ sieht, aus Liebe die Vergebung übermittelt, aus Gottes Macht das Recht, sie auszusprechen, die den wahren Reuigen zugute kommt, Lippenwetzern aber nicht!

Es kommt auf eigene Erkenntnis an, sonst hilft das Lippenreden nichts, auf keiner Seite. So durfte ich — als deinen fünften Punkt — als Priester auf der Erde leben. GOTT hatte mich berührt; es war Seine Gnade, daß ich Seine Bahn erkennen konnte. Für mich war es stets der HERR allein, der den Segen sprach, mit dem jeder gute Gläubige auch die Vergebung fand.

Das hat dieser“, Diadjar zeigt auf den Inquisitor, „nie getan. Er hatte es gewußt, er kann nicht sagen: ich wurde so erzogen! Er hatte nämlich einen guten Lehrer; doch dessen Mahnung schlug er in den Wind. Später hat er seinen Lehrer obendrein verhöhnt. Gerade darum muß er extra leiden.

Wer es nicht anders — aus Erziehung — weiß, dem wird manches im voraus vergeben. Wer absichtlich böse handelt, der muß eben doppelt büßen. Nächst Gott kann nur der vergeben, dem man Unrecht tat.“ „Da weiß ich nicht, wen ich alles um Verzeihung bitten müßte“, murmelt es am Fels. In Diadjar steigt ein großen Freuen hoch: ‚Herr, auch diesen?‘ Noch ist‘s ein karges Fünklein reuigem Bekenntnis; immerhin — ist ist eines!

Die Seelen flüstern ebenso. Um Diadjar nimmt die Menge zu, bloß fehlt es bei den meisten am ganz Echten. Einige Wesen kriechen aus dem Spalt mit ungewissem Sehnen: ‚O wären wir dabei!‘ Die Umkehr ist für sie noch nicht gekommen, sie müssen erst durch die Materie gehen. Das ‚Fünklein‘ wird für sie dereinst zum Segen werden — auf einer Weltstation.

„Zwei Punkte sind noch zu besprechen“, fährt Diadjar in der Lehre fort. „Du hast gelacht, sprach jemand über Gott. Was war denn dein Gelächter?“ Ein abgrundtiefer Seufzer: „Ein Hohn war dies, es war die böseste Beleidigung des Schöpfers.“ „Nach deinem Sinne hast du recht“, erwidert ihm der Helfer.

„Ausradiert und — traf dich manchmal wie ein Wetterleuchten. Mit dem Lachen hast du dein Gewissen totgeschlagen. Die Ahnung liegt in jedem Menschen, was er mit der Gottesleugnung tut. Du wolltest es nicht wissen, sonst hättest du dich wenden, deinen argen Pfad verlassen müssen. Welcher Arge will das schon?“ Es ist abermals ein ‚Blitz‘, der den Inquisitor trifft.

„Die Beleidigung des Schöpfers! Nimmt ER in der Allmacht Seiner Herrlichkeit sie an? Du kennst die Geschichte JESU auf der Welt. Oder nicht?“ „Doch“, ertönt es schwach. „Also weißt du, wie man Ihn am Kreuz verlachte. Hätte Er dies angenommen, dann konnte ER vom KREUZ herab die Frevler strafen oder alle nach dem Glauben der verirrten Gläubigen in eine ewige Verdammnis schicken.

Er tat es nicht!

Der Menschen wegen sprach Er jenes Wort: ‚Vater‘! „Meine heilige Erbarmung, vergib den Frevlern!“ Keiner kann den Herrn beleidigen; allein: das LICHT nimmt die Beleidigungen an und — vergilt sie auch! Das ‚Wie‘ habt ihr im Tal der Schlucht erlebt. Ist‘s abgegolten, so bereitet euch das LICHT den Weg zu Gott: in Seinen vierten Grad der ‚Heimrichtung‘. Das merkt euch gut!“ Ernst und streng gesagt. Doch welche Liebe schwingt darin — —

„Es sei noch das Siebente erwähnt: Die Wiedergutmachung! Nicht alles kann ein Wanderer in der Materie zum Ausgleich bringen. Er nimmt vieles in das Jenseitsleben mit, allwo es schwerer ist, sich umzuwenden, sich Vergebung zu erflehen — von GOTT, und von allen seinen Gläubigern.

Die Erbarmung führt jedoch, daß der Schuldner mit den Gläubigern zusammentrifft. Da ist vieles abzugelten, zumal die meisten Gläubiger in dieser letzten Schöpfungstageszeit bereits in höheren Regionen leben. Hat GOTT vergeben, gern heben sie dann ihre Hände hoch, für euch bittend, weil auch ihnen ihre Schuld vergeben ward. Wie wollt ihr also handeln?“

Einige sind zerknirscht, andere besinnen sich, der Großinquisitor seufzt. Die Jahrhunderte der selbst erzeugten Pein drücken vierfach nieder. Ist es nicht das Gnadenmaß, das vierfach an des Höchsten Hüfte hängt?, mit dem Er alles Gute mißt?, denkt Diadjar. Da kommt noch ein Wort:

„Ja, es ist das Maß der Güte, Gnade, der Erbarmung und Vergebung! Mein Sohn Diadjar kann erkennen, daß Mein Maß daraus für all die Abgeirrten angewendet wird. Du wirst sehen, wie das Maß die Umkehr mit sich bringt. Alsdann steht — wie bei dem Schöpfungskind — der Weg zur Heimkehr offen, ins Vaterhaus.“ „O Vater, ich weiß ja Deine Lehre und Dein Maß.“

„Zu wem sprachst du denn“, fragt einer von den neun. „Niemand war zu sehen, oder — ?“ Ob vielleicht — — „Denke ruhig weiter“, sagt Diadjar freundlich, „auf dieser Basis merkst du, wer es war.“ „Ich weiß es“, ruft der erste Mann. „Es war GOTT! Daß wir Ihn nicht sehen konnten, ah — wir können Seinen Lichtglanz nicht ertragen. Nur über unsern Helferfreund“, dankbar schaut er auf, „da ist es möglich, daß wir der Finsternis entrinnen können. Bitte, lieber Helfer, sage es dem Herrn, daß ich alles sehr bereue, und — und — wenn ich zur Wiedergutmachung gelangen kann — Er möge mir zu tragen geben, was auf mich entfallen muß.“

Ein Strahl durcheilt die Schlucht; sogar die Wesen decken ihre Augen zu. Manche Seele wagt den ersten kleinen Schritt der Reue. Zu den neun Ersten sagt Diadjar: „Ihr kommt fort. Dieses Tal hat vier Terrassen, auf der zweitletzten seid ihr gewesen. Nun seht nieder in den tiefsten Teil, wohin noch jeder fallen kann, der nicht die Einsicht suchen will.

Hingegen aufgeschaut, als Sinnbild dessen, daß man sich vom Bösen wendet, da könnt ihr jene Stufen sehen, die zur obersten Terrasse führen. Dort werdet ihr von anderen belehrt. Nehmt ihr deren Lehre an, die Fortsetzung von dem, was ich euch brachte, so ist es nicht mehr schwer, in hellere Regionen zu gelangen, bis des Vaters Reich euch offensteht.“

Die Bekehrten folgen ihrem Helfer nach, manchmal mühsam, wankend oder stehenbleibend. Doch es setzt die bessere Erkenntnis ein. Der Erste hilft dem nächsten; bald unterstützen sie sich gegenseitig, ahnungslos, daß die Wiedergutmachung damit beginnt. Diadjar braucht den Dank nicht zu verbergen, der aus seinem Herzen strömt. Er geht ja voraus. Die Seelen könnten diesen Strom des Lichtgetreuen auch noch nicht erfassen.

Auf dem obersten Plateau warten schon zwei Führer, um die Gruppe in Empfang zu nehmen. Der eine sagt zu Diadjar: „Bruder, wohl hat der Vater dir geholfen, doch dein Tun ist lichtgesegnet. Wir vom Priesterstern, zu dem ihr ja gehört, freuen uns mit dir, daß du den Zehnt dem Vater bringen kannst.“

„Leider nicht ein ganzer“, sagt Diadjar leicht bekümmert. „Der Vater sprach sogar von drei, die etwa zu erretten wären.“ Der zweite Führer lächelt: „Immer schenkt uns UR. die unmeßbare Freude, daß Er von Wenigerem spricht, uns aber mehr gewinnen läßt. Du willst abermals hinab“, er meint den dritten Grund, „vielleicht wird dann der Zehnt noch voll.“

„Ja, der Vater weiß, wann sie zur Besinnung kommen. Ihm und euch sei Dank gesagt.“ „Wir legen deinen Dank auf unsern Altarherd und unsere Freude auf den deines Sternes.“ Sie geben sich die Hände. Die neun werden aufgeteilt. Fünf nimmt der eine, vier der zweite Führer in Empfang. Nicht auf die Zahlen, auf den Zustand dieser Seelen kommt es an. Diadjar sucht, immer wieder dankend, nochmals die Zurückgebliebenen auf.

Er wird umringt. „Warum hast du uns nicht mitgenommen?“ zankt eine Frauenseele unzufrieden. „Wir bereuten ja und wollten . . .“ „Nichts hast du!“ erfolgt der Zwischenruf. „Du — ihr hattet bloß den Wunsch herauszukommen, ohne einen winzigen Gedanken echter Scham. Etwa sagen: ‚Ach, wir bereuen auch‘, hat euch nicht berührt, geschweige denn den Herrn! IHM ist die Reue aufzuopfern und die Bußwilligkeit dazu.“

Der Großinquisitor bittet: „Komm‘ zu mir, damit ich auch die Reue und die Bußfertigkeit erlangen kann. Oh“, ächzt er, „ich legte so vielen Menschen harte Bußen auf, oft nur für Gedanken, die man mir gebeichtet hatte. Unnachsichtig wurde die von mir verhängte Strafe ausgeführt. Zu spät erkenne ich, was ich damit auf mich lud. Wer macht mich davon frei?“

Fast hart gesagt: „Du weißt es nicht? Warum möchtest du dann die Befreiung?“ Die Fragen rütteln auf; auch hilft dem Inquisitor der Verstand, einst messerscharf, nun hell geworden, Recht und Unrecht zu erkennen. Als er die gefesselten Hände hebt, merkt er, daß sich eine Bindung lockert. Da stürzen ihm die Tränen aus den Augen und er ruft:

„Herr, was tust Du mir? Ich wußte ja, daß es Dich gibt, sah Dich aber stets als strengen Richter an und ich als Priester oh, was für einer? — unerbittlich handeln müßte. Das Gewissen unterdrückte ich, daß Du, Gott, barmherzig bist. Auch mit mir! Nun kann ich bloß noch flehen: Herr, vergib! Mach‘ mich nicht frei um meiner kleinen Bitte willen, sondern nach der herzlichen Barmherzigkeit, und nach Deiner Gnade!

Ich bitte wie der Mann, auf den ich voller Hochmut niedersah: Hilf mir zur Wiedergutmachung, soweit sie mir gelingen mag. Das wird mir sehr viel Mühe kosten; aber wieviel Mühe hast Du, o Heiliger, für mich aufgewendet, dazu der Helfer, der wieder zu uns in das Dunkel niederkam?! Herr Gott, Du — o Du — —

Diadjar löst die Fesseln, deckt aber seine Freude zu. Denn bitter muß die Seele tragen lernen, was sie mit bösem Willen und mit fast ausradiertem Wissen tat. Er mahnt: „Du hast gut bereut; nun kommt es darauf an, ob du die Wiedergutmachung ertragen lernst. Glaube nicht, daß du sie leicht bewältigen wirst. Schaust du jedoch immer bittend auf zu unserm Gott, so wird das Schwerste dir erleichtert werden können.

Warte hier, dann führe ich dich fort. Erst habe ich noch an die Seelen und die Wesen Gottes Wort zu richten.“ Der Inquisitor bittet leise: „Ist es möglich, daß ich meinen bösen Weltentitel auch verlieren kann, daß er andere und mich nicht mehr bedrückt?“ Der Helfer lächelt: „Auf dem Weg ins Licht kannst du alles Weltliche verlieren, mußt es auch; denn nur ohne jedes Weltliche gelangt man heim ins Vaterhaus.“

Zur Gruppe sagt Diadjar: „Ihr seid der Überzeugung, daß ihr vorher schon mit hättet gehen können. Wenn das, warum seid ihr mir nicht nachgefolgt? Das wäre ja ein Schritt gewesen, der euch Einsicht und die Umkehr brachte. Ihr wolltet jedoch keine Reue, noch viel weniger die große Buße auf euch nehmen. Denn gesehen habt ihr es, wie die ersten neun sich überwinden mußten und es — allerdings mit Gottes Hilfe — auch vermochten. Glaubt ihr denn, Gott hätte Seine Hilfe euch versagt?“

Auf das ans Gewissen Pochende wagt keins ein Widerwort. Einige sehen ihre Fehler ein, müssen aber warten, weil sie mehrmals eine Gnade von sich wiesen, wenn auf vorigen Stationen sich ein Helfer nahte. Bei Diadjar ebenfalls. Daher geht die Hilfe ‚wie‘ vorbei. Wenn sie wüßten, daß ständig die Erbarmung waltet, jetzt mehr denn je zuvor zu ihnen kam, da würden wohl die meisten flehend rufen: ‚Herr, mach uns frei!‘

Noch trieb immer bloß die Not dazu. ‚So war es einst zu meiner Zeit, und um vieles mehr. Steht die Sorge auf, da wenden sich die Menschen um und meinen, es wäre Gott sehr wohlgefällig. Notgläubige sind‘s! Ist das Leid vorbei, suchen sie den alten Strudel wieder auf; und hier — ? O UR, sie kamen nicht einmal zum Notglaubenstum. Zeige bitte an, was geschehen soll.‘ Und wieder kommt des Vaters Wort zu Diadjar in sein Herz:

„Keins von ihnen hat sich jemals umgewendet. Daher warte Ich, bis sie nach der Hilfe schreien. Führe sie ins Tal der Trauer, hernach bringe Mir den vollen Zehnt. Olyanda und Malluredus haben schon das zweite Tal geleert. Zum Teil sind die Erretteten bei euch, andere wurden abgeholt. Im Tal der Trauer stecke ihnen dann ein Lichtlein auf, daß man nicht nur etwas wünschen kann, sondern daß ein Wunsch die Tat verlangt, im vorhinein, wie ICH im vorhinein zur Gnade die Erbarmung gebe.“

Diesmal steigt der Dank des Helfers sichtbar wie ein lichter Rauch, der die noch Mürrischen erzittern läßt, zur Höhe auf. Der Großinquisitor denkt: ‚Ein Zeichen von dem Herrn, mir wird geholfen werden.‘ Dabei überkommt ihn ein Gefühl, ganz gewiß das erste, seit er in seine Bosheit fiel: ‚Werde ich errettet, was wird mit diesen um mich her?‘ Ein Funke Mitleid, kaum bewußt. Noch ahnt er nicht, daß er damit selbst die Hände GOTT entgegenstreckt. Das offenbart sich ihm zu späterer Zeit.

„Euer Wunsch, ihr Wankelmütigen, wird erfüllt, dann erkennt ihr es, wie arm er war.“ Fragt eine Frauenseele, die erst murrte: „Du bleibst nicht bei uns?“ „Möchtest du es denn?“ „Ich weiß nicht; bloß — wenn — “ Noch ist das Gefühl zu klein, als daß daraus ein offenes Bekenntnis käme. Der Helfer legt es ‚seinem lieben Vater in die Gnadenhand‘, muß jedoch vorerst verneinen:

„Auf unserm Stern verrichte ich ein Amt; wenn ihr ernsthaft ruft, zu GOTT, so kommen Freunde, die euch weiterhelfen. Nur müßt ihr in der Zeit euch wirklich wenden. Du“, sagt er zur Frau, „kannst mit dem Inquisitor hier selbst warten, bis ich euch selber holen werde.“ Wie danken da die beiden sehr, denn auch im Jenseits kann es eine rasche Umkehr geben.

Nachdem Diadjar alle, die Gottes Gnadenweg noch nicht erkannten, ins Tal der Trauer bringt, sagt der Inquisitor zu der Frau: „Nun weiß ich, was Gott ist! Ich habe einst von Ihm gepredigt, harte Worte, habe Ihn als Richter dargestellt, der keine Gnade kennt für alle, die — — Ach, es hat keinen Zweck daran zu denken, was damals falsch gewesen ist.“

„Daran denken muß man stets“, entgegnet sie. „Ich hab‘ es hier gelernt — vom Helfer. Wenn man reuevoll Vergangenes bedenkt, wie es uns anempfohlen ward, dann erst ist es möglich, zu bekennen und zu bitten: ‚Herr, vergib!‘ Ich glaube jetzt: ER wirft unsere Sünden hinter Sich, Er streicht unsre Schuld durch die Erbarmung aus. Das will ich dann dem Helfer sagen, nur er kann es für uns dem Höchsten anvertrauen.“

„O Frau, du hast mir den Weg gezeigt, ich danke dir.“ Hinter ihnen kichert es. Ein Wesen, das der Inquisitor durch sein arges Tun sich selbst zur Seite zog. Beeinflussung der Menschen ist in der Materie möglich, wenn sie eben ihr Gewissen, ‚Gottes Warnruf‘, ausradieren wollen. Da erfüllt sich jener Satz: Gleiches zieht im allgemeinen Gleiches an — wie im Licht, so in der Dunkelheit. Das Wesen, lauter kichernd, sagt:

„Weißt du nicht, du Großgemachter, daß ich oft an deiner Seite stand, deinen Hochmut unterstützte, die Gedanken lenkte, und dein Tun von mir beschattet ward? Du hörtest meine Stimme, die heftig gegen jene andere sprach. Und ich — haha — ich habe meist gesiegt! Blicke nur zurück, da öffnet sich der Schrund, in welchem du als Mensch gelebt und aus ihm gehandelt hast!“

Erschrocken wendet sich der Inquisitor um. „O mir geschieht, wie ich gepredigt habe!“ Wie kommt es, daß die Frau das Wesen scheuchen kann? Kommt ihr die Kraft dazu aus ihrem ungewissen Denken, das sie vordem nicht zu äußern wagte? Nun bekennt sie laut:

„Niemand ist verloren! Sandte Gott den Helfer her, damit wir nie zum Licht gelangen sollen? Wähne nicht, Gott, Der uns erst belehren läßt, würde uns in Ewigkeit verstoßen. Auf der Erde hast du dieser bösen Stimme Raum gegeben; nun weise sie von dir. Wir beide wollen warten, bis der liebe Helfer wiederkommt.

Er ist der Erste auf dem ‚Stern der Hoffnung‘; laß uns hoffen: Gott ist gut! Er erlöst uns von dem Ort, den wir uns geschaffen haben.“ Das Wesen schleicht zurück. „Den haben wir verloren, und er war doch eine gute Stütze, wir konnten mit ihm machen, was wir wollten. Am besten wäre . . .“

„. . . wir gingen“, sagt ein anderes Wesen. Sie können nicht. Für sie, weil des Liebe-Tages Abend vor der Türe steht, bricht die letzte Gnade an: sie müssen in die Weltgeburt, um einen Geistanteil, den Gott für alle Abgeirrten aufgehoben hatte, zu empfangen. Auf diese Weise nur können sie noch Kinder Gottes werden. Ratlosigkeit hat sie ergriffen. Das ist der ‚große Ruf aus Gottes All‘, der die Fernen auf den Weg der Umkehr, danach auch zur Heimkehr bringt, bis sich das hehre Wort erfüllt:

‚Ein Hirte und eine Herde; ein Vater und ein Kindervolk!‘

Diadjar geht mit der Gruppe in das Tal der Trauer. Gleich murren sie: „Wenn du nichts Besseres weißt, als uns von einem Loch ins andere zu führen, weshalb läßt du dich denn ‚Helfer‘ nennen?“ „Ich warnte euch“, hören sie das ernste Wort, „daß ihr ohne Reue nicht ins Licht gelangen könnt.

Ihr wolltet nur woanders leben, weil ihr dachtet, es wäre eine Abwechslung, wobei es etwas leichter würde. Bloß an euch habt ihr gedacht, nicht an Gott und daran, was ich in Seinem Auftrag euch zu lehren hatte. Euer Murren kann euch tiefer fallen lassen. Seht hinab! Auch dieses Tal hat einige Regionen; ich habe euch nicht in die dunkelste geführt.“ „Ach, in die hellste?“ wird er höhnisch unterbrochen. „Dazu seid ihr längst nicht reif! Da bleibt ihr, bis ihr zur einsichtsvollen Reue kommt. Wer lernen will, der rufe Gott um Hilfe an; und breitet vor Ihm euere Fehler aus, dann kann auch euch geholfen werden.

Damit ihr merkt, daß der Herr bereits geholfen hat, so stelle ich auf diese Felsenzacke“, er steigt auf einen Vorsprung über diesem Teil des Tales, wo die Seelen sich befinden. „eine Kerze auf. Sie wird nicht verlöschen. An ihr könnt ihr ersehen, ob und wie sich jeder wandeln wird.“

Die Kerze ist nicht groß, ist nach dem ‚Gnadenmaß‘ gemacht, das die Schar zunächst ertragen kann. In Zukunft sehen sie im kleinen Licht, wie es brennt, flackert, kleiner oder größer wird, ob sie ihren Weg zum Schöpfer suchen, um dereinst in IHM den guten VATER aufzufinden. Umsonst ist‘s ihnen nicht gegeben und es dauert nicht sehr lang, steigen etliche zur Kerze auf, um aus ihrem Schein zu lernen. Das Beispiel wirkt. Bald wird die Gruppe aus dem Tal der Trauer abgeholt. — —

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