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Kap 6 – Lange Jenseitswege mancher arger Menschen

Lange Jenseitswege mancher arger Menschen

6. Kapitel

„Bist du — bist du denn der, der bei uns war?“ Der Inquisitor und die Frau starren ihren Helfer an. Diadjar braucht sein Licht jetzt nicht zu sehr zu mindern, da die beiden Seelen zur Erkenntnis ihrer Schuld, zum Bekenntnis, das zur echten Reue führte, kamen. „Ja, wie heißt du eigentlich?“ Die Frage klingt sehr zaghaft. Freundlich lächelt der Befragte:

„Ich bin‘s und mein Name ist Diadjar. Ihr sollt nun wissen, daß ich der Erste und zugleich der Priester dieses Sternes bin, auf dem ihr eben weilt. Stern der Hoffnung ist die Stätte, zu der der HERR euch führen ließ; und ‚hoffen‘ könnt ihr, aus der Umkehr auch zur Heimkehr zu gelangen.“

Schweres Atmen, „Wenn‘s erst soweit wäre“, seufzt die Frau. „Ich brauche große Reinigung, ehe ich ins Licht der Gottheit käme.“ „In dieses nicht“, wird sie berichtigt. „Das ist, als UR-primärer Teil der Gottheit, unzugänglich. Niemand kann darin bestehen! Doch im Gnaden- und im Offenbarungsteil, den Gott für alle vorbereitet hat, kann jedes Kind hinein.“ „Du bist bestimmt schon drin“, läßt der Inquisitor sich vernehmen. „Bloß verstehe ich es nicht, daß du wie verändert jetzt erschienen bist.“

„Schwer ist‘s nicht.“ Diadjar setzt sich zu den beiden nieder, währenddessen sich die Wesen immer mehr in ihren Spalt verkriechen. „Du“, wendet er sich an den Inquisitor, „weißt es von der Welt, daß man — wer sich ernst bemühte — wirklich vorwärts kommen kann, im Können, im bewußten Denken. Freilich war es bei dir die ‚Finesse deines argen Amtes‘!“ „O bitte, erinnere mich nicht mehr daran, es ist — ist so — —

„Es bedrückt! Doch man muß das Ärgernis betrachten, um daran zu lernen, was möglich ist vom Bösen wie vom Guten — wer will! Wer das Böse überwinden will, sagend: ich will‘s nicht tun, oder: ich will‘s nicht wieder tun und bittet GOTT um Hilfe, daß Er den Willen dazu stärkt, — ja, mein Freund, dann gelingt dies auch, dann hat selbst das Böse dich zum Pfad des Guten hingeleitet.“ „Das habe ich noch niemals so betrachtet“, gesteht der Inquisitor ein. „Aber du hast völlig recht.

Allein an dir, also doch am Guten, habe ich erkannt, woher ich kam, wie ich war, was ich bin und — nun werden möchte.“ „Da gebe ich dir recht!“ Die Frauenseele greift verstohlen nach der hellen Hand. „Nur durch dich konnte ich zur Umkehr kommen. Nebst der Bitte, dem Höchsten darzubringen, wirst bloß du es sein, der uns zur Heimkehr leiten kann.“

Diadjar lächelt vor sich hin: ‚O Vater, das ist eine Seele mehr als Dein heilsgerechter Zehnt!‘ ‚Schon gut! Bedenke, daß ICH mehr zu geben weiß. Ein gerechter Zehnt vermehrt sich durch sich selbst — durch Meinen Segen.‘ ‚Ja ja, Vater UR, Dein Segen, Deine Gaben hören für uns niemals auf, weil Du selber SEGEN bist! Lasse mich die beiden zu Dir führen.‘ ‚Du erkennst die Zeit, wo sich für sie die Gnadenpforte öffnet.‘

Die mitempfundene feierliche Stille fängt die Seelen ein, sie rücken etwas näher zu Diadjar hin. „Ein gutes Zeichen“, lobt er sie. „So findet ihr den Pfad zu Gottes Liebe und Erbarmung, und ihr werdet rein von eurer Schuld. Bleibt hier sitzen, ich habe mit den Wesen einiges zu reden.“ „Hüte dich“, warnt der Inquisitor, „sie sind sehr wild.“

„Höre“, fragt die Frau verwundert, „braucht der Helfer sich zu fürchten?“ „Ich meinte nur . . .“ Diadjar fegt das Ungewisse weg. „Die Warnung kam aus gutem Sinn. Ihr werdet sehen, ob Angst oder Furcht in Frage kommt. Mit Angstmacherei kann man höchst selten jemanden bekehren, außerdem ist‘s ungerecht. Allerärgsten darf jedoch die Angst einmal gepredigt werden.“

Diadjar geht zum Felsenspalt. Ein Dunst schlägt ihm entgegen wie aus einer Räuberhöhle auf der Welt. Ruhig steht er da, als ob er nur gekommen wäre, sich ein Bild zu machen, wie die Wesen, auf sich angewiesen, handeln. Allmählich, wie unter einem Zwang, wird es bei ihnen stiller. Mit angstverzerrten Mienen starren sie ins für sie kleine Licht, das dennoch blendet.

Diadjar greift nach jenem, der beim Inquisitor war. „Du bist der Böseste der Letzten“, sagt er streng. „Du bist verantwortlich für dich und alle, die dir jetzt noch unterstehen.“ „Das ist nicht wahr! Ich bin . . .“ „. . . der Letzte aus der Höllendynastie! Kichere weiter, während du die Angst verbirgst, du hättest mit der kleinen Schar weit mehr erreicht, als einst der erste Große (gemeint ist Luzifer vor dessen Umkehr) mit dem ganzen schwarzen Heer.

Nein, du armer Wicht hast nichts erreicht. Die meisten aus der Hölle gingen schon den Weg des Leibes und nahmen ihren Abschaum mit zu einer Weltgeburt. Deshalb wurdet ihr, die ihr kaum noch wirken könnt, hierher geführt. Auf diese Weise könnt ihr Letzten noch die Gnade und Erbarmung Gottes finden.

Du siehst‘s nicht ein, was zunächst nichts schadet . . .“ „Dir oder mir?“ wird Diadjar garstig unterbrochen. „Wirst es merken, wem es schadet, wenn du nicht zur Einsicht kommst. Was wird denn dann aus dir?“ Schwer betont, läßt den Hartgesottenen zusammenzucken. „Ich weiß nicht was, kann mir auch nicht denken . . .“ „Ob du hernach noch weiterleben wirst?“

„Meinst du, daß wir — — “, fragt ein anderes Wesen bangend. „Was du denkst!“ Diadjar möchte gern in Sanftheit helfen; aber bloß mit ernster Strenge kann er dienen. „Wenn ihr diese letzte Gnadenfrist versäumt, dann ist euer Leben auszulöschen, zumal ihr einst zum ungerechten Leben kamt.

Wie es geschah, das wißt ihr nicht, aber das: der Schöpfungstag ist mit unermeßlich langen Zeiten abgerollt und wie ihr einst dem Einen folgtet, der als erstes Schöpfungskind das letzte wurde. Auf euch kommt‘s nicht mehr an; auch ohne euch erfüllt sich Gottes hehrer Liebetag, weil euer Größter doch zur Umkehr kam. Wißt ihr es, wann das geschah?“

„Woher sollten wir das wissen?“ Der Frager duckt sich bis zum Boden. „Wir wissen überhaupt von nichts, weil wir. . .“ „. . . es nicht wissen wollen!“ zürnt Diadjar. Ah, soviel Unverschämtheit geht ihm einfach ‚über‘. „Ihr — nun die Letzten aus der Höllendynastie— seid dabei gewesen, als Gott für alle Hingefallenen das Schöpfungskreuz zur Schädelstätte trug. Ihr habt die Menschen angestachelt, damals möglich, womit deren Schulden trotzdem auf sie selbst entfiel, daß der HERR gekreuzigt ward.

Als dann euer Erster zur Erkenntnis kam, habt ihr ihn sehr lang verfolgt, verhöhnt: ‚Bist mit zu Kreuz gekrochen, du Verräter?‘ Wer von euch hat das zuerst gesagt?“ Kein Ausweichen gibt‘s für diese Himmelsfrage. Noch halten sie zusammen, will keiner auf den einen zeigen, der — hingeschmettert durch die Last, die zum großen Teile auf ihm ruht — sich nicht erheben kann. Einige wagen, einen Finger aufzuheben, weisen aber nicht direkt auf ihren Bandenführer, was auch gar nicht nötig ist.

„Sieh mich an!“ befiehlt Diadjar. Die Augen flirren hin und her, ausgefranste Lider senken sich; vergeblich sucht das Wesen sich zu bergen. Da sagt ein anderes: „Bekenne, daß du es warst, wenn wir alle — “ Trotz Angst ist es wie ein todbringender Blick, der dem kleinen Mahner gilt.

Diadjar trennt die Gruppe von dem einen. „Du bist verantwortlich und hast. . .“ „Meine Leute nicht?“ wagt der Arge einzuwerfen. „Was mit ihnen noch geschieht, geht dich nichts mehr an“, wird er zurückgewiesen. „Jeder steht am Ende für sich selber ein, auch die bloß ‚Angehängten‘. Über sie entscheidet Gott, der euer RICHTER ist, und deiner!, merke dir das gut!“

„Drehe dich doch bitte um“, flüstert es auf einmal hinter Gottes Sendung, „ich möchte — “Diadjar hebt die Hand: „Warte, bis ich mit ihm ausgeredet habe. Er muß das Licht ertragen! Für ihn gibt‘s weder Raum noch Zeit, um sich zu verbergen. Für alle ist‘s der letzte Gnadenruf; und wer es will, der kann — wohl auf einem etwas langen Weg — zur Umkehr und zur Heimkehr kommen, wie es mit euerem einst Großen auch geschah.“

Die Wesen flüstern: „Was wird mit ihm? Unter seiner Führung haben wir zumal auf Erden viel erreicht.“ „Darauf kommt es nicht mehr an. Komisch, mir ist, als ob sich etwas in mir wandelt. Was mag das sein?“ Ein Sturer zankt: „Das kommt vom Zauberer! Solche gab es massenhaft auf Erden; mit denen hatten wir stets unsre Not. Man kam schwer, meist nicht an sie heran, vor allem, wenn sie selbst ‚zur Einsicht‘ kamen, wie sie plärrten. Laßt mich bloß zufrieden, ich stehe unserm Ersten bei.“

„Wenn du noch kannst“, lacht einer schadenfroh, „Nichts nützt uns mehr“, erklärt der eine, der zuerst zur kleinen Wendung kam. „Es kommt nicht darauf an, ob und wem wir unter uns noch dienen. Ich denke an die ‚letzte Gnadenglocke‘, von der dieser sprach“, zeigt er auf Diadjar. „Und er war sehr ernst, man kommt an seinen Worten nicht vorbei.“

Diadjar sagt: „Sehr wahr, ihr kommt nicht vorbei! Es ist

CHRISTI KREUZ,

an dem kein Wesen, keine Seele, kein Geschöpf vorüberhuschen kann, weder vorn, erst recht nicht hinter Gottes machtgewaltigem Kreuz! Es heißt

Liebe und Erbarmung!“

Sich zum Dunklen drehend, sagt er weiter streng und mahnend:

„Dein Anhang weicht von dir. Der eine, der bei dir bleiben will — Treue gibt es bei euch nicht — ‚ zittert ja vor Angst; er sprach nur aus Trotz. Alle andern — ? Sieh dich um, welchen Abstand jeder von dir nimmt.“ Ein Blick über die verkrümmte Schulter — o weh!, er ist bereits allein. Noch will er befehlen, doch da ist‘s wie eine Wand, als wenn er auf des Tales tiefste Sohle sinkt. Nichts rettet ihn vor diesem Sturz. Dabei ahnt er nicht, daß gerade das für ihn die Hilfe ist.

Die Wesen weichen von Diadjar ab und Angstgeheul durchhallt die Schlucht. Traurig sieht Diadjar nieder, gern hätte er sie allesamt gerettet. ‚O — retten kannst nur DU, Vater UR, doch geholfen hätte ich so gern.‘ ‚Sagte Ich dir nicht, du mögest warten? Du weißt, daß Meine Hilfe zwar verschieden, immer aber Meine Rettung ist, die Ich jedem angedeihen lasse!

Der Ärgste greift vergeblich hoch, um die Felswand zu erklimmen. Allein gelassen, kommt er eher zur Besinnung. Kümmere dich jetzt nicht um ihn. Alle werden weggeführt, die zwei Seelen bringe eine zeitlang in dein Haus, wo die andern warten, die von Malluredus und von Olyanda bestens vorbereitet worden sind.‘

‚Oh, wie herrlich, Vater UR, Deiner Güte danken dürfen, die des Lichtes Kinder jederzeit erhalten. Nimm den Dank in Deiner Liebe an.‘ ‚Das tue Ich, Mein Sohn; und du wirst sehen, was Ich aus ihm mache.‘ Zwei starke Engel kommen an, vor denen das Geheul verstummt. Ist‘s nicht so, als Eden zugeschlossen ward? War es für die Wesen nicht ein ‚Edenruf“, damit sie leichter aus der Finsternis zu heben wären, wenn — —

Die Engel tragen Waffen. Einer geht voran, der andere treibt die Wesen vor sich her. Diadjar sieht den Gnadenort, von wo aus sie zur Weltgeburt gelangen, aber nicht mehr auf der Erde. Die ist für sie zu schwer. Unendlich große Güte, für des Lichtes Kinder unfaßbar, von den Wesen nie erkannt, leitet sie auf eine kleine Gasse — zur Erlösung hin.

Ein neuer Strahl hat die Schlucht gereinigt, sie sieht aus, als wäre sie ein Tal der Freude. Der Inquisitor und die Frau sehen sich verwundert um. Ist auch das Herrliche nicht voll erkennbar, danken sie doch wie befreit. Es sind arme Worte, und der Inquisitor denkt: Auf Erden floß es mir wie Wasser aus dem Mund; nun, wo ich wirklich danken will, da — —

„ — mußt du es erst lernen“, ergänzt Diadjar das Bedenken. Noch verwunderter fragt der Inquisitor: „Du kannst Gedanken lesen? Wie schäbig komme ich mir vor, weil ich . . .“ „Laß dich unterbrechen.“ Diadjar setzt sich zu den beiden Seelen hin und es ist kein harter Fels, wie zuvor gewesen; zum dichten, weichen Grün ist der Platz geworden.

„Wer sich schäbig fühlt, geht den ersten Schritt zum Ziel. Auf Erden hast du wie ein Wasserfall geredet, hast deinem Vorgesetzten oft ein falsches Urteil in den Mund gelegt, und alle die von dir Verdammten — ich muß dich abermals daran erinnern — ‚ konnten sich nicht wehren. Darum ist dir nun die Rede weggenommen worden.

Sieh das nicht als Strafe an; es ist GNADE, weil auf diese Weise du zur weiteren Erkenntnis kommen kannst. Das sei gesagt: Wo die Zunge schweigt, dafür das Herz sich hoch zu GOTT erhebt, öffnen sich die Tore, die von einer in die andere Stufe führen, und die Himmelsleiter geht‘s hinauf! Dem Herrn danken kann man ohne Worte, wenn es daran mangelt; mit vielen Worten ist zumeist das Wenigste gesagt.“

Fragt die Frau bescheiden: „Du lieber Helfer, soll man stets mit wenig Worten danken?“ „O nein, nur dann, wenn es noch an geistiger Erkenntnis fehlt. Bei dem Höchsten haben viel und wenig einerlei Gewicht, sobald beides aus dem vollen Herzen kommt. Allein die Rede des Gemütes, wie man es empfindet, ist der Maßstab des Gebetes und der Lehre, wer als ein Lehrer wirken darf, was vor Gott die volle Gültigkeit besitzt.“

„Das sei gut gemerkt“, sagt der Inquisitor. „Nie will ich wieder lehren, möchte Schüler sein, am liebsten bloß bei dir.“ Er sieht Diadjar bittend an. „Wir werden sehen, was der HERR bestimmt. Gut ist es gewiß, daß du vorderhand ein Schüler bist. Und bleibst du auf dem Weg, nimmst du auf dich, was zur weiteren Erlösung deiner Seele nötig ist, dann kann es sich für dich ergeben, daß du einmal wieder lehren darfst.“

Heftig winkt der Inquisitor ab. „Ich habe längst bemerkt, daß im jenseits alle guten Helfer von dem, wie ich einer bin, die Gedanken und sein Leben sehen können. Wie stünde ich denn da, wenn auf einmal jemand zu mir sagte: ‚Was, du willst noch lehren, wo du auf der Welt — ‘ Verkriechen müßte ich mich wie zuvor hierher, als es noch so dunkel um mich war.“

„Meinst du?“ Diadjar lächelt. „Unser Gott ist gut! Hast du dich gewendet, dann wird ausgestrichen, was vorher böse war. Wird eine Schuld, von Gott vergeben, denn die Seligkeit verdüstern? Wo bliebe da das Licht, die Herrlichkeit, das Himmlisch-Schöne, würde das Vergangene nie ausgelöscht?

Du hast große Angst, man könne allzeit deinen Makel sehen. Gib dich dem Erlöser willig in die Hand! Wäre es nicht gut, wenn einer zu dir sagen würde: ‚Du willst lehren, wo du auf der Welt— ‘? Das diente dir zur Besserung. Überlasse es pur IHM, Der allein gerecht zu richten weiß.“ „Das zu tragen wäre schwer, allein — ich muß es doch versuchen.“

„Das muß ich auch“, gesteht die Frau. „Ich kam nicht umsonst in diese Schlucht. Ich hab‘ geflucht und Gott verhöhnt, weil Er mir die Kinder nahm. Dadurch wurde ich ein böses Weib, das den Nachbarn Übles tat, meinen Mann betrog und sagte: ‚Hätte Gott mir nicht die Kinder weggenommen, dann — — ‘ Ah ich verdeckte bloß, daß ich ohne Kinder meinen Lastern leichter leben konnte. Das muß man alles auf sich nehmen. Diese schwere Bürde hat mich um so mehr bedrückt, je länger ich im Jenseits bin.

Nun bin ich befreit! Nicht ganz, es ist so vieles wieder gut zu machen. Mit Gottes Hilfe will ich es versuchen. Die Kinder —“ „Wie du siehst — es war für sie der unbekannte Segen, weil der Herr sie weggenommen hat. Deine Seele war nicht gut, und sie wären alle drei verdorben worden, hätten sie — herangewachsen — später deine Laster mit erlebt.

Es waren Himmelskinder, damit durch ihre Reinheit deine Seele zu erretten war. Freilich spät, weil du auf der Erde nichts erkennen wolltest. Doch die Bitten deiner Kinder, vor den Thron des Herrn gebracht, haben dir den Weg hierher bereitet. Sieh an, so führt der Höchste alle, ob sie aus dem Lichte oder aus dem Dunkel stammen. Immer offenbart sich die Erbarmung, mit der Gott als VATER für die Seinen sorgt.“

„Das ist zu gnadenvoll für uns“, gesteht der Inquisitor. Und was einst irdisch bei ihm nie geschah — wieder netzen heiße Tränen seine Wangen. Diadjar wendet sich ein wenig um, weil ihn Himmelsfreude überflutet. ‚Ach, auch der Arge, lieber Vater UR; Deine Zugabe zu dem Zehnt, von Dir für mich gesegnet.‘ Den Seelen winkend, steht er auf und geht voran.

Es ist ein sanfter Steig geworden, der aus dem Tal zur nächsten Höhe führt, von wo aus sich ein wunderbares Panorama zeigt. Stumm ergriffen fassen sie des Helfers Hände an. Da führt er sie durchs weite Land, hinüber zu der schönsten Stätte, die des Sternes große Hauptstadt ist.

Mitunter wagen beide kaum zu atmen; dabei ist für sie die Herrlichkeit zum guten Teil bedeckt. Sie sind noch nicht geheilt. Aber UR gibt immer einen Strahl voraus; also lassen sie sich ziehn und wenden, bis sie auch ein Lichtlein werden, ein reiner Tropfen in dem Meer der Ewigkeit.

Als sie das Haus Diadjars sehen und auf den für sie etwas langen Wegen manches von der Dunkelheit verloren haben, bleiben sie aufs neue höchst erschüttert stehn. „Es gab bei uns ein Buch“, sagt der Inquisitor, „die Heilige Schrift. Ich kannte sie. Die gnadenvollen Stellen überlas ich meist, während jene, wo es scheinbar Strafen regnete, mir gefielen. Immerhin — es war da eine Stelle, sie fällt mir eben ein, wo es lautete:

‚Ziehe deine Schuhe aus; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!“

Beklommen sieht er an sich nieder. „Ich habe keine! Wo sind sie hingekommen? Ich hatte auf der Erde immer schöne Schuhe und war auf meine reichen Kleider stolz. Nun —“ Sagt Diadjar abermals sehr ernst: „Dein Stolz aufs Äußerliche mußte hier gebrochen werden. In der dunklen Zeit im Jenseits hast du nie bemerkt, an wie vielem es dir mangelt.

Du willst das Wort befolgen und kannst es nicht, weil die Gabe dazu fehlt. Ich rate dir: Ziehe erst die Demutsschuhe an! Denn wohl reuig, fehlt noch viel, bis du ein Kind des Lichtes wirst. Einmal das geworden, braucht man keine Schuhe auszuziehen, keinen Mantel abzuwerfen, um dem Herrn die Liebe zu bezeugen, Ihn zu preisen, Ihm zu danken und lobsingen Seinem Namen.

Das geschieht bei einer Anbetung im Beisein Gottes. Noch könnt ihr Ihn nicht sehen; doch Ihm sich hinzugeben, ist gleich möglich, wenn ihr wollt.“ Der Inquisitor wirft sich nieder und die Frau tut es ihm nach. „Herr, hilf! Laß mich auch Dein Kindlein werden!“ Eine lange Weile bleiben sie auf ihrem Antlitz liegen, und so merken beide nicht, daß sich die Pforte öffnet und eine Anzahl herrlicher Gestalten sie umgibt.

Bei diesen stehn die Seelen aus dem Tal der Trauer. Nun sind sie schon ‚wie‘ umgekehrt, obwohl erst alles abzugehen ist. Trotz des Schöpfungsabends ist‘s für sie ein Morgendämmern: UR, die Sonne; die Anerkenntnis ist dem Frührot gleich. Sie danken laut, und die von Diadjar Hergeführten werden dadurch aufmerksam. Erst erschrocken, zieht weitere Reue in sie ein; denn an den anderen merken sie das Artverbundene: einst gesunken, jetzt gnadenvoll erhoben, bald der ‚hehren Löse‘ zugeführt.

Diadjar hebt sie auf. „Kommt, die Tafel wartet. Dann beginnt die Lehre, ihr müßt in eine Schule gehen. Wer ernstlich will, dem wird das Lernen leicht. Es gilt heranzureifen, damit jeder seine Straße wandeln kann. Geführt zu werden ist sehr gut, solang es nötig ist; selber gehen ist weit besser. Da ist‘s möglich, auch zu führen. Denn noch manche kommen hinterdrein, bevor des Vaterhauses Tür zur Nacht geschlossen wird.“

Der Großinquisitor staunt, als er das Haus betritt. Was sind die menschlichen Errungenschaften, aller Prunk der Welt gegen diese Schönheit, die sich in edler Schlichtheit zeigt? Verwirrt setzt er sich auf den ihm angewiesenen Platz, indes die Frau vor Diadjar niedersinkt und fleht:

„Ich möchte Gott erst danken, nur wage ich es nicht. Aber du, der du uns durch Seine Güte aus dem Schlund der Sünde holtest, bitte du für uns. Sag‘ es Ihm, was ich erflehe: ‚O Herr, hilf! Ich glaube, Du wirfst unsre Sünde hinter Dich, Du streichst die Schuld durch die Erbarmung aus!‘ Wenn du das sagst, dann wird der Heilige es tun — nach und nach vielleicht“, flüstert noch die Frau, „erst sind die Wiedergutmachungen aufzubringen.“

Es wäre noch verfrüht, darauf hinzuweisen, daß jeder selbst zum Vater mit der Bitte um Vergebung kommen kann, mit der Bußfertigkeit, aus der UR dann ein ‚Haben‘ für die Abgeirrten macht. Sie brauchen eine Stütze, bis das Jenseits sie in vollem Maß erhellen kann. Daher sagt Diadjar freundlich:

„Ich will es tun, dir wird vergeben werden — nach und nach, da hast du recht und bist nun in die Schule eingetreten, wo . . .“ „Ach bitte“, ruft der Inquisitor, „ich will es auch Gott anvertrauen, über dich, unsern Helfer. Laß mich mit zur Schule kommen!“ Diesem Rufen schließt sich jede Seele an. Welche Freude kehrt da auf dem Stern der Hoffnung ein — —

Es braucht eine Weile, bis die noch Unreifen in andere Regionen kommen. Da ist es nicht so hell, wie auf dem Hoffnungsstern. Sie merken es nicht eher, bis sie ihren ‚ewigen Platz‘ erhalten. Dann sehen sie die Führung Gottes, die Erbarmung, und keines, das nicht dafür jubelnd dankt.

Der Inquisitor und die Frau dürfen länger bei Diadjar bleiben und mag hier gelten: Gott hat über Sünder große Freude, sobald sie zur Erkenntnis kommen — die Fernen, die heimgefunden haben. Über alle, die stets im Lichte lebten, ist Seine Freude eine andere, doch in Hinsicht der Erlösung des gesamten Schöpfungstages sind Seine beiden Freuden einerlei. Er macht für Sich Selber keinen Unterschied. Für die Kinder gibt es einen, je nach dem, wie und wann sich jedes hin zum Vater wendet.

Die zwei Seelen müssen freilich lange lernen. Zwischendurch wird manche Gruppe aus der Sündennot zum einzigwahren Platz, zum VATER, heimgebracht, wo für immer jedes Kind die Heimstatt findet. Diadjar und die Seinen sammeln sich im Haus des Rates. Bald kommt Gott, und da müssen beide Seelen zuvor weiterwandern. Sie sind trotz gutem Vorwärtskommen noch nicht reif, UR zu sehen. Also sagt Diadjar zur Versammlung:

„Die uns anvertrauten Freunde kommen jetzt in ihre vorgesehene Stufe. Bis dahin soll sie jemand bringen. Wer will es tun?“ jeder würde sich gleich melden; allein — der VATER kommt! Wer will diese höchste Freude nicht erleben? Oh, es ist zwar bis zum Feierabend eine um die andere Probe abzulegen, weil alle Beihilfswege erst beendet sind, wenn das Letzte aus der großen Gottes-Kinderschar nach Hause kommt.

Man kann es ihnen nicht verdenken, wenn sie zögern und ist keine Last. Sie haben schon so viel von ihrer Himmelsfreude aufgeopfert; trotzdem weiß sogar Diadjar nicht genau, was besser wäre: auf den Vater warten oder mit den Seelen gehen. Er hat sie aus dem Tal der Schlucht herausgeholt, er müßte also — —

Da sagt Corrysanda: „Diadjar, du hast dein gutes Teil getan und Malluredus und Olyanda ebenfalls; da geziemt es anderen zu tun, was für die Freunde wichtig ist.“ Diadjar umarmt Corrysanda: „Du bist erwählt, liebe Schwester, der Vater segnet dich! Wir wissen, was geschehen wird; und doch gibst du die Freude und die Seligkeit, die Wonne hin, um abermals zu dienen.“

Sie wehrt ein wenig ab und sagt bescheiden: „Wir wollen immer tun, was unserm hochgeliebten Vater Freude macht. Das ist außerdem auch unsere große Freude, wenn wir helfen können. Es wird das Beste sein, wenn ich sofort mit den beiden Freunden gehe.“ Der Sternenrat stimmt zu.

Die Frau und der Großinquisitor sind beklommen und er sagt: „Ich darf ja nicht dawider reden, was ihr Heiligen beschließt. Mir wäre freilich lieber, wir könnten bleiben und bei euch weiterlernen. Ich fühle mich schon wunderbar entlastet, trotzdem noch manche Bürde drückt. Wäre es nicht möglich“, bittet er, „wenn wir hier verbleiben dürften?“

„Eine gute Bitte“, sagt Kara-Amadael, der Versammlungsälteste. „Bedenke: Der Hoffnungsstern ist nicht die Stufe, zu der ihr aus dem Recht gehört. Erst im nächsten Ort, ein gut Teil tiefer, lernt ihr, alles abzustreifen, was ihr einst in der Materie aufgeladen habt. Möchtest du nicht einmal sagen wollen: jetzt bin ich völlig frei, jetzt kann auch ich durch Gottes Hilfe alle Schuld und Sünde überwinden — durch die Wiedergutmachung! Frage: Habt ihr hier schon etwas gutgemacht?“

Sie sagen ‚nein‘. Daß der Aufenthalt im Tal der Schlucht geholfen hat, einiges zu überwinden, dürfen sie noch nicht erfahren. Die Altenräte schweigen; sie stehen ja so fest in Gottes Willen, den Er ihnen offenbart. „Ja“, bestätigt Corrysanda, „ihr seht es ein, also wird der neue Weg euch leichter werden. Denket stets daran: Unser Vater hilft euch weiter!“

Auch die Frau gesteht: „Gern wäre ich geblieben, bei euch ist‘s schon, ihr seid gut zu uns gewesen, obwohl wir euere Liebe, Gottes Güte nicht verdienen. Unser Weg wird Seine Gnade sein! Nun darf ich mich in sie begeben, und was ihr über mich beschließt, das will ich tun, so gut ich es vermag. Führe mich“, bittet sie die Helferin und greift nach deren Hand. Da neigt sich auch der Inquisitor und sagt dabei zur Frau:

„Du hast mir abermals den besseren Pfad gezeigt. Ich sah, daß du nicht so übel warst wie ich. Weshalb war sie“, wendet er sich zu Diadjar, „ebenfalls im dunklen Tal, wo ich wahrlich hingehörte?“ Ein feines Lächeln, aus der inneren Freude kommend: ‚Also war die Mühe an dem Ärgsten nicht umsonst!‘, erhellt Diadjars Züge. Freundlich klingt die Unterweisung:

„Das sei hier unsre letzte Lehre. Nun kommt es darauf an, ob ihr daraus lernt, was euerem Fortgang dienlich ist. Ich muß dich noch berichtigen: Du nennst uns ‚Heilige‘, ein Ausdruck, auf der Welt geläufig, zumal du in der Ausübung des Amtes selbst dich heilig wähntest. Senke nur beschämt die Augen! Diese Scham ist echt, und gerade eine solche bessert dich.

Dabei hast du aus der Schrift gelehrt: ‚Gott allein ist heilig‘, jedoch den Widersinn nicht aufgegeben: Es gibt Heilige! Hätte es nicht heißen können: ‚Es gibt echte Christen, gute Menschen‘, und der arge Widerspruch wäre unterblieben? Du bestätigst es trotz des Gedankens: ‚ich wurde so belehrt.‘ Das wohl; allein — jeder Mann, der ein Lehrer werden will, geistig oder weltlich, muß befähigt sein, echt und unecht zu erkennen. Darüber brauchen wir nicht mehr zu reden.

Nun zur eigentlichen Frage: Diese Frau stand hinsichtlich über dir, da sie nicht so übel war wie du. Weil sie obendrein mit wenig Wissen einfacheren Gemütes war, wog deshalb ihre Last nicht allzu schwer. Sie mußte nicht so lang wie du im Tale hausen; es war ein etwas strenger aber kurzer Weg. Und zuletzt — merke auf! — war sie deinetwegen dort.

Du hast manche arme Frau verdammt und bedachtest nicht, wo die Erziehung fehlte, während du mit weltlich hohem Wissen ausgestattet warst. Die Vernunft hat leider oft gefehlt! An dieser Frau solltest du erkennen, wie du dich selber und sie einzuschätzen hättest. Du hast‘s gelernt, und die Frau hat auch bewiesen, daß sie schon zur guten Einsicht kam.

Es sei ein Fingerzeig: Nimm gern in Demut auf, was die Frau dich lehren konnte; und du“, Diadjar wendet sich an diese, „überhebe dich auf keinen Fall. Dann wird die nächste Stufe euch viel Freude bringen. Wollt ihr nicht zum Vater kommen? Er offenbart Sich jedem Kind, sobald es jene Reife hat, um Ihn ohne Last, die doch immer drückt, zu sehen“.

„O“, murmelt sie, „IHN sehen dürfen, danach sehne ich mich sehr; doch ich muß erst sauber werden. Schmutzig, wie ich bin, möchte ich Gott nicht begegnen.“ „Gut bedacht!“ lobt Olyanda. Die zwei Seelen scheiden von dem Stern der Hoffnung; doch die Hoffnung, hier ihnen reich beschert, behalten sie. Wie leicht fällt es Corrysanda, sie fortzuführen.

Auf dem Weg denkt Corrysanda: ‚Nun kehrt der Vater ein, während ich — — Nein, ich will die Armen willig führen, es wäre sonst ein halber Dienst. Damit würde ich sie mehr belasten, statt weiter zu befreien, von der ‚halben Freude‘, die ich dem Vater brächte, ganz zu schweigen.‘

Sie gehen durch das All wie auf Straßen einer Welt. Daß es im undefinierbaren Jenseits solche Wege gibt! An einer Kreuzung, wo ein Weg geradeaus, einer scheinbar etwas abwärts führt, steht eine Lichtgestalt. Gleich merkt Corrysanda, wer dies ist. Sie wird auch sofort angesprochen:

„Liebe Schwester, ich bin der Leiter jener Stufe, wo die Freunde hingehören. Eile rasch zurück! Weil du einzig an des Vaters Freude dachtest, an den Dienst, daher sandte Er mich dir entgegen. Einiges hat Er bereits gelehrt, doch es geht dir nichts verloren. Daß wir einander manches sagen können, weißt du ja, und ist gerade dieses eine unserer schönsten Freuden.“

„Ja, ER ist gut!“ jubelt Corrysanda, und der Leiter jubelt mit. Daran merken wieder beide Seelen, was alles ihnen fehlt. Doch nun ist‘s ein ernster Wille, der sie vorwärts sehen läßt. Allerdings — die Welt hängt lang am Rock. Der Inquisitor wird es merken, daß der Wille, wenn auch gut, nicht immer hilft. Aber Gottes Güte leuchtet allewege; Er stärkt die Schwachen, hilft den Müden und richtet die Gebeugten auf. So werden beide doch noch Heimfindlinge, bevor des Liebe-Tages letzte Tür geöffnet und geschlossen wird.

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