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Kap 12 – Zwei überhebliche Gemeinden und wie sie umzulernen haben

Zwei überhebliche Gemeinden und wie sie umzulernen haben

12. Kapitel

„Du fährst in die Hölle!“ „In welche? Ich habe keine und in deine mag ich nicht.“ Die sich streiten, sind zwei Männer, auf Erden zwar an Gott, aber nicht ans Weiterleben glaubend, jeder einen Anhang hinter sich. Keiner weiß, wo sie sich befinden. Orytam, Olyanda und Diadjar stehen in der Nähe. Weil jene aber an Gott glaubten und nicht ungut lebten, merken sie, daß es ‚anders‘ wurde. Das ‚wie‘ ist ihnen unbekannt.

Sie erhitzen sich im Streit; vom Anhang folgt manch Widerwort. Jeder denkt, die einzig wahre Ansicht zu besitzen. Sie verdammen sich und der erste Redner zankt: „Ob meine oder deine Hölle bleibt sich gleich! Es gibt nur eine, wo von Gott die Bösen einem ewigen Tode preisgegeben werden.“

„Hm, es mag sich fragen, wer von uns beiden daselbst landet. Ich gönne dir es nicht; du hast aber stets gepredigt, ihr hättet ganz allein die Wahrheit. Wir“, zeigt er auf seinen Anhang, „glauben auch an Gott und an Seinen Sohn. Beweise also, daß wir einen falschen Glaubensweg gegangen sind.“

„Darauf kommt‘s nicht an“, ereifert sich der Erste. „Wenn uns Jesus aus den Gräbern auferweckt und die Welt gerichtet hat, dann sind wir bei Ihm! Ihr anderen — hm, ihr kommt vielleicht in eine untere Region, irgendwo, während wir mit Christus auf der Erde ewig leben und regieren werden.“

„Ich möchte wissen, was du bist“, stößt der Zweite zu. „Ich bin ein hoher Geist und kann vieles, was sonst Gottes Sache ist.“ „Und das wäre? Konntest du schon Wunder tun?“ „Ja!“ Stolz schwingt in der Stimme. „Tretet vor“, ruft er seine Gruppe an, „die durch mich gesund geworden sind!“

Wirklich kommen einige, die ,ja‘ und ‚amen‘ rufen. Bei näherer Betrachtung ist von völliger Gesundheit keine Rede in Hinsicht dessen, weil sie sich auf Erden wähnen. Der Erste überwindet die Verblüffung und im Neid erwidert er: „Du? ein großer Geist? Deine Kranken waren erst bei einem Arzt. Hernach, als es mit ihnen besser ward, legtest du die Hände auf, sagend: ‚Ihr seid gesund!‘ Ich kenne das von anderen, die genauso handeln. Nichts steckt dahinter, als pure Überheblichkeit.“

„Davon bist du selbst belastet“, zankt der Zweite. „Zu sagen, ihr nur würdet mit dem Heiland ewiglich regieren, alle andern kämen in die Hölle oder sonstwohin, ist nicht nur Überheblichkeit, das ist Hochmut aus dem tiefsten Fall! O, du kommst in die Hölle und manche von den Deinen mit. Ich trenne nämlich jene, die dir hörig sind von denen, die aus Unkenntnis dir folgen. Diese werden nach der Auferstehung gleich gerettet.“

Es geht hin und her, jeder sieht sich hocherhaben, nennt sich einen großen Geist, extra auserwählt, um Besonderes aus Gottes Auftrag zu vermögen. Die Beweise dafür bleiben unterm Weg. Auch die Gruppen führen miteinander Fehde. Dabei wird es einem jeden ziemlich ungemütlich.

Daß dies von den Helfern kommt, merken sie noch nicht. Zu fest ist ihre Ansicht eingewurzelt, noch auf Erden zu verweilen, wo Gericht gehalten wird, sobald der Herr erscheint. Danach richtet Er Sein Friedensreich auf Erden auf. Sie natürlich mit im Regiment! Ihr Disput wird widerlich. Orytam, Diadjar und Olyanda treten vor. Die übrigen Ältesten und ein Teil des Sternenvolkes bilden einen Ring um beide Gruppen, was diesen später erst erkenntlich wird. Orytam spricht die Führer an:

„Sagt, Freunde, um was streitet ihr denn so? Kann man im Namen Gottes hadern?“ Höchst verwundert schaun die Streitenden auf die Gestalten. Ihr Licht sehen sie noch nicht; doch das ‚andere‘ an ihnen spüren sie sofort. In aller Welt — wo kommen die denn her? Wer sind sie denn? Der erste Mann fragt es, hütet sich jedoch, aggressiv zu sprechen. Erst möchte er erfahren, welcher Kirche diese Leute angehören.

„Fehl gefragt“, sagt Orytam. „Wo wir herkommen, wer wir sind, das werdet ihr noch früh genug erfahren. Da ihr ungläubig seid, alle miteinander . . .“ „Was erlaubst du dir? wettern beide Führer. Dabei trachtet jeder insgeheim, die drei Leute für sich zu gewinnen. Der Zweite mindert deshalb rasch:

„Du darfst fragen; ich aber glaube fest an Gott und an den Sohn und . . .“ „Wie steht es mit dem Heiligen Geist?“ stört Diadjar die Gedanken. „Nach eurer Ansicht gibt es eine Trinität. Freilich ist der Heilige Geist für euch ein Dunstbegriff. Erkläre mir, wie ihr euern Glauben formuliert.“ Eine heilige Herausforderung, zum Heil der ungläubigen Gläubigen.

Der Zweite tut geheimnisvoll. „Die Trinität ist etwas Heiliges und unaufteilbar.“ „Ihr nanntet nur den Vater und den Sohn“, fällt Olyanda ein. „Ihr habt die Trinität zergliedert, habt sie jedoch nicht erwähnt.“ Der Erste legt eine Hand auf Olyandas Schulter, mit überheblicher Gebärde.

„Liebe Frau, das verstehst du nicht. Bloß auserwählte Söhne, die Gottes Geist in aller Fülle in sich tragen, dürfen in die Tiefe dringen.“ Orytam lacht leise. „Ich bin begierig, wie du das zuwege bringst. Beweise es uns doch! Bei uns gilt nämlich ein Beweis und nicht bloß Rederei. Etwas sagen, das kann jeder! Aber zeigen, daß es auch so ist, fällt euch wohl schwer.

Ihr wißt, daß das Bibelbuch bekundet: ‚In Ihm (Christus) wohnte die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig‘, unumstößlich wahr und ist nicht daran zu rütteln! Aus eigener Gottheitsfülle wirkte Er die vielen Wunder. Tut vor unsern Augen jetzt ein Wunder, ein kleines nur, und wir lassen uns gern überzeugen, daß ihr wirklich echte Glaubensleute seid.“

Die Betroffenheit verbergend, schiebt einer gleich dem anderen den Vortritt zu, um den sie sich so oft gestritten haben. Diadjar holt eine ältere Frau herbei, die gebückt und mühsam geht. Er führt sie vor die Redner hin und sagt wie fragend, während er zuvor das Mütterchen beruhigt hatte:

„Ihr habt‘s behauptet, daß ihr heilen könnt und Gottes Geist in ‚aller Fülle‘ in euch tragt. Nun wohlan, sowohl der Heiler wie der Allmachtsträger müssen leicht der armen Kranken helfen können. Oder nicht?“ Die Frau sieht Diadjar prüfend an. Ihr wird so wohl dabei wie nie geschah in ihrem armen Leben. Sie denkt auch noch, auf der Welt zu sein.

Diadjar hält sein Licht zurück. Die Ersten müssen lernen, was sie sind. Zwar nicht bösen Willens, so doch aus Überheblichkeit sind sie die Verführenden. Nur wird des allgemeinen Glaubens wegen nicht zu streng gerechnet. Allein — was ihr Hochmut aufgeladen hat, darum geht es nicht ganz ‚ohne‘ ab.

Der Zweite will sich drücken, seines Unvermögens inne werdend. „Der Sektenführer hat behauptet, daß er die Gottheitsfülle in sich trägt. So mag er das Wunder tun, das von uns gefordert wird. Ich sehe bloß nicht ein, warum ihr Wunder haben wollt.“ Er sieht die Helfer ungut an, dabei weiter redend:

„Würdest du die Bibel kennen, dann wüßtest du, daß man nicht der Wunder wegen glauben soll. Immerhin — mag jener“, deutet er auf den Rivalen, „seine Kraft beweisen.“ „Wieso ich?“ höhnt dieser. „Ich sagte nie, daß ich Kranke heilen kann; außerdem gehört die Frau zu deiner Sekte, die dem Herrn ein Greuel ist.“

„Was seid denn ihr?“ fragt Olyanda. „Eine heilige Gemeinde! Wer aus dem Heiligen Geist wiedergeboren ist, wird aufgenommen; andere verunreinigen unsere Gemeinde.“ „Na“, meint Orytam, „wir verzichten auf das Wunder. Denn der eine kann nicht heilen, der andere hat von der Gottheitsfülle keine Ahnung, und seine ‚heilige Gemeinde‘ ist genauso eine Sekte wie die andere.

Bei uns gilt dieser Ausdruck nicht. Hier gilt der Glaube, dessen Inhalt Liebe und Verstehen, Duldsamkeit und jene Demut ist, die vor Gott nichts anderes will, als des Vaters KIND zu sein! Ein solches sieht nicht scheel auf andere, stellt sich nicht hin, wie groß es wäre. Ein echter Gläubiger weiß, das Gott allein der Schöpfer ist, der alleinige Träger Seiner Fülle! Solch ein Vaterkind erkennt, wie es nach dem Leibestode weitergeht. Davon seid ihr freilich noch nicht überzeugt.

Wo ist denn euere Erkenntnis“, greift Orytam die Redner an. „Ich sage euch: Wer sich selber überhöht, wer sich göttlich wähnt, wie ihr beide tut, der steht Gott, dem Vater, fern! Auch einige unter euch, nachgeahmt, denken von sich selber groß. Ihr legt euch Namen zu, die euch nicht gebühren, wollet über eine Kraft verfügen, die nicht euch zu eigen ist.

Wendet mir nicht ein, Christus hätte Seinen Jüngern anbefohlen, Kranken ihre Hände aufzulegen, und ‚noch mehr zu tun als ER, der Heiland, tat‘! O ihr Irrenden! Seid ihr des Heilands jünger? Seid ihr mit Ihm durchs arme Land gegangen? Seid ihr denn jene, deren Namen ihr zu tragen wähnt? — ?

Ich schelte nicht!“ Seine Blicke streifen jene, die allmählich zum Bedenken kommen. Die drei — ob es Inder sind, die durch alterslange Übung einen hellen Geist bekommen haben — sehen hoheitsvoll und trotzdem freundlich aus. Ob man durch solche Übung auch noch soweit kommen kann, wie unzweifelhaft die drei es sind? Insgeheim geführt, bilden nach und nach die Besseren eine kleine Insel, zu denen einige des Himmelsvolkes sich gesellen. Doch das wird auch erst später wahrgenommen.

„Du hättest nicht gescholten?“ widerspricht ein Mann, „Hast uns ungläubige Gläubige genannt und bist ein Heide, der an sonst wen glaubt, aber nicht an Christus, unsern Herrn! Dem dienen wir, und wenn . . . “ „Wiederhole nicht“, wehrt Diadjar ernsthaft ab, „was ihr hinlänglich breitgetreten habt.

Wir schelten nicht, wir zeigen euch den wahren Weg. Fällt euch nicht auf, als ob sich eure Welt gewandelt hätte? Wo ihr weilt, ist keine Welt, hat die Materie keinen Sitz. Schaut euch einmal tüchtig um, etwa merkt ihr einen Unterschied.“ Der erste Vorstoß, um die Verirrten anzuregen. Die Helfer lassen einen Strahl erkennen; auch andere vom Stern der Hoffnung zeigen jetzt ein kleines Licht. Noch hält man das Höhere zurück.

Es sind ja kleine Heimkehrkinder, ihr Glaube ist an sich nicht falsch, das Dogma nur hemmt eine Geistesschau. Sie werden demnach sacht geführt, wenn sie — angeregt — zur Einsicht kommen. Daher sagt Diadjar weiter, auf die Umgebung weisend, die die noch Befangenen erst nach und nach beachten.

„Wundert es euch nicht, daß ihr nicht in eueren Häusern seid, wo ihr euch versammelt habt? Ihr nennt Gott heilig, was richtig ist und Er euch gnädig angerechnet hat, nennt euch aber große Geister sowie heilige Gemeinden und auch euer Weltplatz wäre heilig. Welch ein Widerspruch! Denkt darüber nach, und ihr könnt es wissen, daß entweder Gott allein der Heilige ist, demnach es nichts anderes gibt, was dieses Heilig-Sein verdient, oder aber Er ist auch bloß heilig und hat den Kindern eben diese Heiligkeit, mindestens zum Teil, vermacht.

Da auch das Bibelbuch die ‚Gotteslehre‘ ist, so zeigt uns an, wo darin das eine oder andere bestätigt wird. Ihr findet aber nur den Hinweis auf die Heiligkeit des Herrn. Oder wißt ihr andere — ? Wir prüfen eure Argumente, denn — so nach euerm Sinn gesagt: wir sind durchaus bibelfest!“

„Wir dachten“, stottert einer, „ihr wäret aus dem Osten. Wer seid ihr denn, damit wir ernsthaft mit euch reden, sonst . . .“ „O“, lacht Olyanda heiter, „ihr habt uns obenhin betrachtet?“ Verlegen sagt der Zweite: „Nein, so nicht; in Glaubenssachen sind wir ernst und hei — “ Er unterbricht sich selbst. Der Hinweis auf die Bibel, auf Gottes Heiligkeit, hat eben einen großen Eindruck hinterlassen. Er verschluckt deshalb sein ‚ — lig‘.

„Mit der Bibel habt ihr recht“, gibt der Erste zu, „doch steht geschrieben: ‚Ihr sollt Götter sein!‘ Damit wäre ein gewisser Grad von Heiligkeit verbunden.“ „Die Götterfrage heben wir für später auf. Es kommt ein hoher Gast, und wenn ihr wollt, könnt ihr solang bleiben, weise aber darauf hin, daß unser GAST noch bibelfester ist als sogar wir.“

Die Redner sind betreten. Was ist zu tun? Erst haben sie so groß getan und nun — — Ah, kneifen können sie jetzt nicht, obwohl sie ängstlich fragen, wer dieser Gast wohl wäre. Die drei sonderbaren Leute haben es zu schwer betont, dabei eigentümlich lächelnd, mit glänzend hellen Augen.

„Habt ihr einen hohen Kardinal? Nennt uns Rang und Namen, um Ihn würdig zu begrüßen. Ungut wäre, würden wir uns eine Blöße geben.“ Was bislang nie geschah, freilich unbewußt —‚ die zwei sich immer Streitenden geben sich die Hände, als ob sie miteinander besser widerstehen könnten. Ein Gefühl sagt ihnen, daß sie wahrscheinlich unterliegen werden.

„Sehr gut“, lobt Orytam, „wenn ihr euch versöhnt, wie es unter echten Christen üblich ist. Alsdann könnt ihr unserm Gast begegnen ohne Angstgefühl, mit gerechter Ehrfurcht. Er ist ein lieber Herr; Er schaut jedoch in jedes Herz — und tief hinein; Er blättert eure Seelenarmut auf; Er zeigt an, wie ihr gehandelt habt. Doch bis Er kommt, müßt ihr eben manches fallen lassen, was eure festgestampfte Meinung war. Um es euch leicht zu machen, deshalb zeigte ich euch euere Fehler auf.“

Noch drucksen beide Redner hin und her; doch die schon Besseren des Anhangs drängen sie, den „guten Christen“ nachzugeben. Einer nach dem andern der Gemeinden bröckelt ab. Das Licht vom Stern der Hoffnung, aus URs Segen für die letzte Umkehrzeit der Materiellen, löst die starren Fesseln auf. Alle spüren, daß mit ihnen irgend was geschieht. Und das ‚alles anders‘ wird, dessen können sie sich nicht erwehren.

Das Welteis schmilzt, es war ohnehin nicht hart in Hinsicht ihres Glaubens. Ihr Prestige war das Übel. Noch sucht jeder Redner, dies und jenes ihrer Lehre zu verteidigen; allein — der Hinweis auf den ‚lieben Gast‘ hat ihr mageres Eigenlicht zur guten, wenn auch noch kleinen Flamme werden lassen. So gibt der Erste zu, währenddes der Zweite mehrmals nickt. Jener sagt:

„Ihr habt uns angehört, wir tun desgleichen. Ich meine — denke — mir ist so — “ Er stottert und verhaspelt sich. Beider Anhang steht jetzt hinter Olyanda. Man kommt sich bei ihr wie behütet vor, dazu ihr liebliches Gesicht — — Sie lächelt vor sich hin. O welch guter Sieg, vom Vater UR beschert!

Als Orytam winkt, ihm zu folgen, drängen beide Scharen ihre Führer förmlich nach. Wunderbare Straßen tun sich auf. Sie kommen an der Stadt vorbei: ein Lichtsignal! Erst ist vieles abzulegen, ehe man ins ‘Vaterhaus gelangt. Der Hain, in welchem UR des Sternes Kinder oft besuchte und gesegnet hat, ist das Ziel der Wanderung. Ein ‚Ah‘ und ‚Oh‘ wird allseits laut.

Die Mutter, die Diadjar aus der Menge holte, greift nach seiner Hand und sagt überraschend: „Das ist kein Ort auf unsrer Welt! Wir dachten, ihr kämet aus dem Osten. Doch sogar da wird‘s keine solche Stätte geben. Und dann — mir ist zumute, als ob ich nicht mehr auf der Erde bin. Aber wo und wie — ? Wir wissen, daß man in den Gräbern lange liegt, bis der Herr erscheint und . . .“ Olyanda unterbricht sie freundlich:

„Liebe Seele, du bist die Erste, die zur Überzeugung kam, daß es mit dem leider Ungereimten, was man euch gepredigt hat, eine andere Bewandtnis haben muß. Du bist schon himmelsreif. Ja, ihr seid nicht mehr auf der Welt. Da stirbt nur der Leib; die Seele — bleiben wir vorerst bei ihr — geht aus ihrem Leib heraus. Denn

Aus der Ewigkeit des Lebens hat der Schöpfer sie gemacht,

in die Ewigkeit des Lebens geht sie nach dem Tod zurück!

Du bist zwar arm gewesen, hast jedoch, was euch gepredigt ward, geprüft mit guter Überlegung, hast manches angezweifelt, besonders mit den Gräbern. Du dachtest, daß schon seit tausenden von Jahren für euch ungezählte Menschen in sie kamen, und von denen wäre ganz gewiß kein Stäubchen mehr vorhanden, würden sie zu eurer Lebenszeit geöffnet werden.

Hinzu kam dir das Bedenken, wann der Heiland alle Gräber öffnen würde. Dauerte das auch noch tausende von Jahren, dann wäre von dir gleichfalls nichts mehr vorzufinden. Du meintest freilich, Christus könne in der ‚Vollmacht Seines Vaters‘ alle Stäubchen sammeln und zusammenfügen. Das gefiel dir aber nicht, und rechtlich hast du jenes Wort des Herrn bedacht:

‚ICH bin die Auferstehung und das Leben!‘

Weil Christus keinen einzigen Tag im Grabe liegen blieb, müßten mindestens die Gläubigen, zu denen du dich zählen durftest, auch nach ihrem Tode sofort auferstehen.

Du brachtest diese ‚Lichtgedanken‘ mit dem dir gelehrten Dogma nicht in Einklang und hast nicht blind geglaubt, bist also wirklich auferstanden. Die Lichtgedanken führten dich hierher, die andern wurden durch die Gnade hergeführt.

Letzteres ist nicht weniger wert, wenn die Geführten es erkennen wollen, daß ihre Dogmen nicht mehr stimmen. Gott macht aber einen Unterschied zwischen denen, die an Ihn glauben und jenen, die Ihn leugnen. Ungut war, die Leugner zu verdammen.“ Plötzlich wendet sie sich an die Redner: „Ja, sagt mir doch, ob ihr ein Recht besitzt, andere Menschen zu verdammen?!

Seid ihr denn Gott? Er hat Wege, die nie in euern Sinn gekommen sind. Wißt ihr nichts vom ‚Ton in Seiner Hand‘, den Er nach Seinem Wohlgefallen in der Herrlichkeit der Allmacht formt?! Es ist Seine Sache ganz allein, ob Er eine Seele durch ein Tal, eine andere über Hügel oder hohe Berge führt, was — weltlich angesehen — gut und ungut heißen kann.

Er leitet eine schwache Seele durch ein Tal; Bösen wird‘s zum Trübsalsort. Jemand wird aus lichteren Gedanken auf Erkenntnishöhen hochgebracht; andere müssen ihre kahlen Felsen überwinden. Allen aber — merkt es euch — gilt Gottes Güte, Liebe und Barmherzigkeit. ER weiß, was jeder Seele frommt.“

Diese Worte wirken stark. Die Redner sind vor Staunen starr. Hm — die Frau — — Sie spürten es, wollten es bloß unterdrücken, daß sie sich verändert fühlten und eigentlich das Weltliche in weiter Ferne stand. Allein, wie hätten sie vor den Gemeinden dagestanden, hätten sie bekennen müssen: ‚Wir haben uns geirrt, wir haben falsch gelehrt!‘ — ?

Orytam sagt zu Olyanda: „Schwester, du hast wunderbar gewirkt! Als Diadjar unseren Gast“, noch ist‘s besser, die Gemeinden wissen nicht, wer ‚Dieser‘ ist, „gebeten hatte, daß ich bei euch bleiben dürfe, hast du gedacht: ‚Orytam könnte uns am besten helfen.‘ Die Lichtdemut hat Gott belohnt. Nun — wir brauchen uns einander nicht zu loben, nicht zurückzustellen, weil wir bei allem unsern Tun des Vaters reichen Segen haben.“

Man versteht den Sinn, was hier gesprochen wird. Ah, so ist‘s zu bedenken? Wie ein auch nicht exakter Glaube retten kann, zeigt sich an den Rednern. Sie umarmen sich und der Erste sagt: „Bruder, laß uns einig sein. Wir haben umzulernen und — ich möchte sagen — über die Gemeinden können wir nicht mehr bestimmen. Zusammen wollen wir — “ Er sieht flehend drein.

Noch merken sie es nicht, daß der Lichtschein stärker wird. Aber eine Wonne überrieselt sie; und so manches, was auf Erden trennend war, versinkt. Der Ring der Hellen ist geschlossen. Bloß nach dem Osten — jeder Allraumkörper hat vier Himmelsrichtungen, sphärenhaft geordnet — ‚ ist eine Gasse offen, eine ‚Bahn‘, immer für den Hohen Gast, wenn Er erscheint.

Indessen sagt Orytam: „Ihr tut recht, einander zu vergeben, was weltlich meistens nebensächlich war. Das ist so der Inkarnierten Art“, lächelt er. „Ihr müßt das Weltliche beseitigen, ansonst hat euer ‚Wollen-Möchten‘ keinen Zweck. Dein Wunsch war gut“, wendet er sich an den Ersten. „Und wo die Inbrunst einer echten Bitte eines Wunsches Boden hat, da baut der HERR ein Haus darauf, in dem die freigewordene Seele wohnen kann.

Nicht stets äußerlich gemeint, hier dem Inneren nach, weil aus dem ‚Inneren der Gottheit‘ Werk um Werk erstand und erst danach die äußerliche Form erhielt, zum Segen ihrer Kinder. Und zu denen wollt ihr doch gehören?“ „Ja“, ruft einer aus. „Wir dachten nur, wir wären echte Gotteskinder, die echtesten.“ Kleinlaut nachgesetzt. „Nun haben wir erfahren, daß ich — ihr — “ Der Mann weiß nicht, wie er die Hellen anzureden hat. Was sind sie eigentlich? In plötzlicher Erkenntnis fügt er an: „Oh, ihr seid Helfer, die uns Gott entgegensandte, auf daß wir unseren Heimweg finden können. Denn das eine könnt ihr glauben: wirklich ernst wollten wir dem Schöpfer dienen. Leider haben wir . . . “

„Laßt‘s dabei bewenden“, unterbricht Diadjar. „Glaubt gleichfalls ernst: Ohne diesen euren Willen wäret ihr noch lange nicht bei uns! Unsere Stätte ist der ‚Stern der Hoffnung‘, eine von den vielen Übergangsstationen, die aus der Materie in Gottes Reich des Lichtes führen, jetzt so für euch gesagt. Jede Hilfsstation gehört zum Kern bereich. Nur für jene, die aus der Materie kommen, mit und ohne Glauben, ohne guten Willen, die ohne fremde Hilfe nicht zum Vater kommen können, sind es Übergänge.

Ihr brauchtet eine Hilfe wegen eurer Überheblichkeit. Ich muß es abermals erwähnen. Das Höchste, ja — das Heiligste habt ihr allein auf euch gemünzt, habt andere, von denen mancher echter glaubte, als nicht Gottes Kinder angesehen. Nun, das Schwerste der Verfehlungen bleibe von mir unerwähnt.

Wenn ihr bereut und von vorn beginnen wollt, dann werdet ihr zu jener Seligkeit gelangen, die ihr für die Welt erträumtet, wenn der Herr erscheinen würde. Ah, ist Er denn an eure Norm gebunden? Er fragt gar nicht danach, obendrein zum Heile aller Irrgegangenen. Er kommt nämlich immer so, wie und wann Er will, nach dem Maße Seiner unaussprechlich hehren Güte.“

„Ach“, wagt da der Erste einzuwenden, „wir haben solche Güte nicht verdient.“ Der zweite Mann bestätigt es: „Nein, wir haben nicht einmal verdient, auf dem Stern der Hoffnung, wie diese schöne Stätte heißt, zu sein. Es ist reine Gnade, in Bezug auf Gott und Seine heilige Person erst umzulernen. Liebe Helfer, bitte unterstützt uns doch.“

„Geht in euch“, mahnt Orytam, „bekennt, was verfehlt und dunkel war. Dann kommt unser lieber Gast! Er wird allerdings erst Punkt für Punkt mit euch besprechen; denn nur so kommt ihr zum Vater, oder — ER zu euch.“ Still neigen sich die Hellen. Ein Wehen, bereits wie eine Seligkeit, überkommt die Heimgekehrten. Sie bekennen, was sie auf der Erde für den wahren Weg verdorben hatten.

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