Von der heiligen Endlosigkeit. Etwas über Schuldfrage und gerechtfertigte Handlungsfreiheit. Beiderseitiges Entgegenkommen
Karmatha hat sich bei Uraniel-Urea eingelebt. Sie führen ihn auf eine dem Ordnungsbereich zugehörende Mittelsonne und er erhält als alleinigen Besitz ein Haus. Uraniel spricht belehrend über alle bisherigen Erlebnisse in den Eigenschaftskreisen, besonders über die letzten im Ordnungshaus, der sich eine kleine Mahnung an das dem Vater gegebene Gelübde anschließt. Dann lassen die Ersten Karmatha allein. Er begibt sich in das ‚kleine Gemach’, eine Ähnlichkeit der geheiligten Gemächer in den Engelshäusern. Dort kniet er alsbald nieder, denn ein Wehen trifft ihn und er betet:
„O geliebter Vater! Mit Gnade hast Du mich reich bedacht; Seligkeit und Freude ist Dein gedeckter Tisch. Ich bin nicht imstande, Deine Herrlichkeit zu fassen, die stets neuen Segen über Deine Kinder strömen läßt. O mache mich gerecht, auch vor Deiner Heiligkeit, damit Vaterglück Deines grundguten Herzens Freude sei. Was wäre ich vor Dir ohne Deine Hilfe, würden mich nicht Deine Hände sicher führen wie alle Kinder groß und klein? Was Du oder Deine Ersten mir gegeben haben, hat mich zu dem erhoben, was ich vor Dir bin.
Liebevollster Vater, Du siehst ja, daß ich nichts anderes als ein von Dir geliebtes, in Deiner Gnade ewig geborgenes Kind sein möchte. O All-Heiliger, wenn das aus mir werden kann, so gibst Du mir die höchste Seligkeit, die sich nicht anders steigern läßt, als mit ihr noch weiter in Dein erhabenes Wesen hineinzuwachsen. Ist das möglich, so nimm wohl die Seligkeit mit mir und ich mit ihr in Deiner Gnade zu; doch immer bleibe es die volle Seligkeit aus Deiner Hand!
Wir endlichen Wesen sind endlos in Deiner heiligen Endlosigkeit und haben Anteil an Deinem urherrlichen Sein! Doch Dein Endlos hast Du zugedeckt, damit wir in Deiner Liebe selig sind, deren wundersame Offenbarung den sechsten Schöpfungstag erfüllt. Der Liebe Füße sind Ordnung und Wille, ihre Hände Weisheit und Ernst; ihr Herz heißt Geduld, und selbst ist sie das Haupt, das Barmherzigkeit als Krone schmückt. So sieht Dein heiliges Wesen aus, darin wir Kinder Werdende sind, um das Seiende darzustellen; Deine Werke sichtbare Vollendung, die kein Ende kennt! Denn jede Werkvollendung muß Deinen Kindern neuer Anfang sein, der ewig schon vollendet in Dir ruht.
Herr, ich rede Dinge, die ich nicht weiß; es spricht Dein Herz zu Mir, daß ich mit meinem Munde Deine Sprache spreche, obwohl ich nur in Demut mit Dir reden wollte. Wie ist es möglich, daß Deine Offenbarung als Wort aus mir zur eigenen Belehrung wird? O, ich trinke wohl aus Deiner Quelle, die absolut Dein Alles in Allem ist!!
Offenbart sich so Vollendung, wie Du in mich einströmst und ich in Dich? O Vater, nun bin ich eins mit Dir!! So reife ich gleich allen Kindern; und indem ein Ende wir in Seligkeit genießen, stellst Du uns in der Endlosigkeit Deiner Schaffenswerke auf die erste Stufe eines neuen Werdens. Aber erst im Vorwärtsgehen wird uns der goldene Abendglanz voraufgegangener Tage leuchtend klar in unsere Herzen fallen und staunend sehen wir Dein heiliges ‚Vollbracht’!
Dir sei Dank! In diesem Hause hast Du mir die ‚Schau’ gegeben. Zu Deiner Ehre nenne ich es ‚das Erkenntnishaus’. Nun bleibe Du bei mir, daß ich meine Aufgaben in Treue und Dir zur wahren Freude vollenden kann, um bald wieder Dein heilig-liebes Angesicht zu schauen.“
Karmatha ist so vertieft, daß er das Kommen einer Gruppe Heimkehrer nicht wahrgenommen hat. Unter ihnen befinden sich auch Seelen, die teils kurz vor ihrem Erdentod, teils erst hernach zur Gotterkenntnis kamen. Nicht wenig schwere und bittere Wanderungen liegen hinter ihnen, ehe sie die Halle Jechahal erreichten und dort mit weiser Absicht mit Lichtkindern vereinigt wurden. Der sie führende Befehls-Engel, ein Seraph, hält sich jetzt ganz im Hintergrund. Es tritt daher ein größeres Lichtkind zu Karmatha und sagt:
„Wer bist du? Du redest ja, wie wir es bisher nie hörten. In der letzten großen Schulhalle belehrten uns hohe Engel; doch was wir jetzt vernommen haben, ward in solcher Tiefe nicht in ihrem Munde laut. Sicher stehst du über ihnen. O wie glücklich können wir uns preisen, dir begegnet zu sein. Wir bitten dich, belehre uns, damit der letzte Restweg schnell zum Vater führt.“ Ale gruppieren sich um Karmatha. Ein anderes Kind ergreift seine Hände und spricht:
„Du Vaterkind, wohl fehlt uns noch ein Letztes an unserm Schmuck und Ehrenkleid; doch wird der Vater, Dessen Güte wir auf unserm langen Weg erfahren durften, das Fehlende erlassen, sobald wir vor Ihm knien und Ihn bitten, bis wir in Seiner Gnade rein erscheinen können. Darum weg mit weiterer Belehrung, so triftig sie auch ist! — Zum Vater wollen wir und weiter nichts! Sichtlich hat Er dich gesandt, weil du als Sein wahrscheinlich oberstes Kind uns zu Ihm bringen sollst. Darum zögere nicht, du Strahl aus Gott, führe uns, denn die Sehnsucht bringt uns selbst im Lichtreich Schmerzen.
Wir von der Welt waren auf der Erde große Gottesleugner, und nicht wenige Frevel waren unsere Last. Unsagbare Gnade leitete uns zur Erkenntnis, mich sogar erst nach dem Erdentod. Aber um so mächtiger erfaßte mich zu Gott die Liebe und das Verlangen, alles Böse wieder gut zu machen. Ein neues Gewand bekamen wir schon in der Halle Jechahal auf der Sonne Orakania. Von da ab haben wir bemerkt, wie es immer reiner wurde. Freilich gegen dein Gewand sticht es noch mächtig ab. Doch nun laßt uns weiterziehen und nicht mit Reden unsere Zeit verlieren.“ Spontan geht der Sprecher zur Pforte, wo der Befehls-Engel wachend steht. Karmatha fragt den Vater, was geschehen müsse. Aber er bleibt ohne Antwort, er soll selbst entscheiden. Da führt er den Sprecher auf seinen Platz zurück, setzt sich neben ihn und sagt:
„Liebe Freunde, ich bin nichts Besonderes. Mein Name ist Karmatha, den ich von Rafael und Agralea erhielt. Im Lichte sind des Vaters Kinder alle gleich. Ihr staunt und wollt es nicht glauben. Nun — ihr werdet das schon noch erfahren. Aber seht, ihr befindet euch schon auf dem Weg zum Vater, folglich brauche ich euch nicht erst hinzuführen. Nur fehlt etlichen unter euch noch einige Geduld. Glaubt ihr nicht, daß der Vater längst den Ort samt Zeitpunkt ausersehen hat, wo und wann Er euch begegnet, wo euch in Seinem Licht die Heimat zubereitet wird und auf Schmerz die Freude folgt? Nun, das leuchtet euch ja ein, und so ist ein gutes Ende der Geduld in euch gewachsen.
Doch ihr könnt noch eine kleine Lehre gut vertragen und die Zeit tut uns nicht leid, die wir dazu verwenden. Seht, daß der allmächtige Gott ewig pures Leben ist, habt ihr erkannt, wie auch, daß es keine Werke geben kann, die nicht Seine Allmacht schuf! Besteht demnach nur eine Licht- und Lebensquelle, so habt ihr wie ich das freibewußte Leben ohne Unterschied empfangen, gleichgültig, ob wir verschiedene Wege wandeln. Alle Kinder sind ein Teil des Gotteslichtes, das sie persönlich in sich tragen. Die Begabung und ein mit ihr verbundenes Amt macht zwar die Kinder unterschiedlich, das sie zur freien Dienstbarkeit erzieht; doch vor Gott sind wir alle als nur Kinder einheitlich gestellt.
Ihr meint, ihr hättet noch kein Amt erhalten. Ob ihr euch wohl nicht täuscht?“ Karmatha lächelt. „Amtlos werdet ihr so schnell zum Vater nicht gelangen; denn jedes Kind hat ein Amt. Es kommt nur darauf an, ob es erkannt und ausgeübt wird, soweit Kraft und Erkenntnis reichen. Selbst ihr, die ihr auf Erden Gottesleugner waret, hattet euer Amt. Es dämmert allmählich, daß euer gegenseitiges Helfen auf dem Wege bis hierher eine Arbeit war. Ihr durftet sogar manchen noch in der Finsternis gefangenen Seelen ein Lichtlein bringen. Eure Demut, weil selbst auf Erden große Sünder, ließ euch nicht entferntest ahnen, daß ihr damit nicht nur eine Wiedergutmachung, sondern auch ein Amt erfülltet. Diese Demut ist dem Vater wohlgefällig; doch mehr freut Er Sich, wenn ihr mitsamt der Demut euer Amt erkennt. Denn nur im Erkennen kann man wirklich tätig sein!
Wenn euer Amt manchem Amt der Gläubigen oder in den Sphären lebender Lichtkindern auch nicht gleichzusetzen ist, so gibt es dennoch vor dem Vater keinen Unterschied. Denn Er verleiht das Amt und wir empfangen es aus Seinen Händen. Er ist der Geber und wir sind Seine Nehmer! Gott bewertet uns nicht nach der Größe eines Amtes, sondern nach dessen rechtlicher Erfüllung. Darum sollten wir kein Wertmaß durch Vergleich von kleinen oder großen Pflichten setzen, weil das zu keinem Vorteil führt. Denn solange man vergleicht, ist man nicht tätig. Wer arbeitet, hat zum Vergleich keine Zeit! Und nur das wahre Tätigsein fördert uns, wodurch wir zur großen heiligen Einheit mit Gott gelangen!
Ihr sagt ‚Ja’ dazu und möchtet es auch gleich probieren. Damit hat eure Arbeit schon etwas zugenommen. Von Jechahal ab steigerte sich eure Sehnsuchtsliebe, was ein Anteil eures Amtes war, dessen tieferen Sinn ihr noch erkennen werdet. Ihr habt euch aber auch besprochen, was zu sagen sei, sobald der Vater euch begegnet. Dabei kam trotz aller Sehnsucht der Gedanke hoch, am liebsten wieder umzukehren, weil ihr euch trotz zunehmenden Lichte noch immer schuldig fühlt. —
Eure Betreuer hatten es oft nicht leicht; aber treu erfüllten sie ihr hohes Amt. Seitdem ihr eine Gruppe wurdet, blieb noch keines von euch zurück. Orytam und Hagar auf der Sonne Orakania haben euch ein gutes Zehrbrot mitgegeben, das auf den weiteren Stationen stets erneuert ward. Ihr wundert euch, woher ich das weiß. Nun, das gibt mir der Vater ein, damit euer letztes Hindernis beseitigt wird, was nichts anderes als das Festhalten eurer begangenen Sünden ist. Solange dieses Hindernis besteht, kann Sich der Vater euch nicht offenbaren, obwohl Seine Sehnsucht nach euch ums Unendliche größer ist als umgekehrt.
Eine rechte Reue ist Gott wohlgefällig, um die darauf folgende Wiedergutmachung bringt Gott den wohlverdienten Lohn ob Seiner vielen Mühe, die Er jedem Kinde angedeihen läßt. Ist Reue und Buße echt, so enthüllt sich die Barmherzigkeit, und der Vater sieht dann nicht mehr eines Kindes Verfehlungen, sondern dessen Umkehr an, die er zur Heimkehr werden läßt.
Das gilt auch euch, wie euer Weg beweist. Und schaut ihr zurück, so erkennt ihr nachträglich Gottes unmittelbare Hilfe und wundersame Führung, zumal Jene unter euch, die einen harten Kampf mit der Finsternis bestehen mußten. Das ist wohl genug Beweis, daß ihr des Vaters Kinder seid. Nun auf dieser Ordnungs-Mittelsonne schon angekommen, zeigt noch tiefer an, daß der Vater euch vergeben hat. Soll denn das ungültig sein, nur weil ihr am Schuldgedanken hängen bleibt? Auf Erden ist es gut, wenn die in Sünde verstrickten Kinder demütig ihrer Schuld auch nach Vergebung in gewisser Hinsicht eingedenk bleiben, weil sie so vor weiteren Verfehlungen leichter zu bewahren sind, ja sich mit der Lichthilfe sogar selbst bewahren.
Gott kennt keine Schuld! Was Kinder schuldig werden ließ, ist aus der Finsternis gekommen und bleibt haften, solang sie Gott nicht anerkennen. Je mehr sich aber jemand wendet, um so mehr bleibt alle Schuld zurück. In diesen Sphären, wo ihr euch jetzt befindet, noch so von Schuld bedrückt zu sein, wie einige unter Euch, bedeutet, dem Vater den Weg zu euch versperren. Es wäre weitaus besser, das Vergangene nun hinter sich zu lassen und nur den nächsten Schritt zum Vater zu bedenken, der vielleicht der letzte ist, wenn ihr euch Mühe gebt. Das wäre euer nächstes Amt, das euch eher in des Vaters Arme führt, als ihr ahnt. Nun bedenket meine Worte.“
Unter der Schar weilt ein Kind, das gleich dem Karmatha sich auf den Erdenweg vorbereitet. Es war eine Zeitlang der Gruppe zugeteilt worden, damit unter Leitung des Befehls-Engels seine Erkenntnis reifen und sein Wille sich festigen sollte, zugleich auch den heimkehrenden Kindern mit zu helfen. Dieses Engelskind sagte nun:
„O Karmatha, viel wunderbares hast du uns enthüllt. Kein hoher Lehr-Engel hat jemals Ähnliches gesprochen, weilte ich bei irgend einer Gruppe. Wie kommt das? Natürlich weiß ich, daß man nur allmählich tiefer in des Vaters Lebensherz gelangen kann. In der letzten von Ältesten-Engeln durchgeführten Belehrung wurde auch nicht andeutungsweise der Stoff berührt, den du so selbstverständlich kundgegeben hast. Du stehst wahrlich dem Vater ganz besonders nahe.
Wir haben einen großen Vorsprung jetzt gewonnen, ein jeder für seinen speziellen Weg. Da aber die Heimkehrenden zum Vater geleitet werden sollen, bitte ich dich auch, sie zu begleiten, damit recht bald das letzte Tor sich öffnet und sie beim Vater ihre ewig-herrliche Heimat finden. Auch bitte ich, verstecke dich nicht, sondern sage, wer du bist, daß wir dir die nötige Achtung geben.“ Ehe Karmatha antworten kann, fügt der Sprecher von der Erde hinzu:
„Karmatha, wir sehen ein, daß wir nicht stürmenden Schrittes zum Vater laufen können; aber deine Hilfe brauchen wir um so mehr, je mehr nun das noch Fehlende uns klar vor Augen tritt. Wir haben über die Schuldfrage und das Amt nachgedacht und verstehen nun, warum trotz all unserm ringen um die Loslösung es mitunter schwer statt leichter wurde, bis Zweifel uns befielen, weil Gottes Hilfe sich so gar nicht zeigen wollte. Wir hatten Sein wartendes Stehen am Wege übersehen, Seine Hände, die sich uns liebend entgegenstreckten.
Wer hat uns die Augen aufgetan? Wer hat uns das Ziel nahe gebracht? Sieh, Karmatha, das warst du, obwohl ich nun dank deiner Hilfe weiß, daß alles nur vom Vater kommt. Doch dich hat Er erkoren, uns seine Liebe mitzuteilen. Es dürfte also in gerechter Ordnung sein, wenn du uns zum Vater leitest. Wir sahen von der Halle Jechahal aus die Lichtstraße durch alle sieben Sphären, an deren Ende ein leuchtend klarer Stern erstrahlte. Das war des Vaters eigenes, personhaftes Licht. Nun sind wir in der vierten Sphäre, also müssen wir noch drei durchwandeln. Doch haben wir bemerkt, daß die Stufenwege sich verringen, je näher wir dem Endziel rücken. Karmatha, verkürze uns die letzte Probezeit, sieh, wir bitten dich darum.“
Die Sehnsuchtsbitten rühren Karmathas Herz gewaltig an. Er erhebt sich, um die Schar zu führen. Sein Blick fällt auf den Befehls-Engel. Kein Strahl von ihm beeinflußt diese Szene. Aber wie er steht, freundlich, ernst und abwartend, das löscht gleich jenes erhebende Gefühl in ihm, hervorgerufen durch die Versicherungen, er sei ein besonderes Kind des Vaters. Damit wird ihm aber auch bewußt, wohin er sich zu wenden hat, um zu erfahren, wie er handeln soll. Er geht an den freien Ausblick des Gemachs, versenkt sich und hört nun des Vaters Stimme in sich also:
„Mein Karmatha, deine „Mein Karmatha, deine Lebensschule bringt dir schwere Proben, sonst kannst du auf Erden jene Arbeit nicht erfüllen, die dir werden soll. Es wäre leicht, Meine Kinder stets das Richtige erkennen lassen. Was aber hätten sie dann selbst getan? Worin läge ihr Beweis der Liebe, der freien Dienstbarkeit und Hingabe an Mich? Wäre es nicht alles Meine Arbeit ganz allein? Ich hätte nicht das Reich mit vielen Wohnungen auszustatten brauchen; eine mächtigste Sonne – als Hohlkugel geformt — genügte gut, um in ihr alle Kinder auf ganz gleicher Bewegungsebene zu vereinigen. Die vielseitigen Belehrungen fielen weg, aber — auch ihre vielseitigen Freuden! Daß aber nicht das Zweck Meiner Werke ist, brauche Ich dir nicht mehr zu enthüllen.
Nie schweige Ich, wenn ein Kind Mich ernsthaft sucht! Da bleibt kein Hinweis unterm Wege, der ja nie willensbeschränkend ist, vielmehr Meinen Allmachtswillen zugedeckt beläßt. Bedenke die Wesensobhut, in der du augenblicklich stehst und die letzte Szene im Heiligtum. Auch Eraskar sollte in der Erinnerung nicht fehlen. Mein Segen ist mit dir; bleibst du seiner eingedenk, so wird sich diese Aufgabe zu eurer aller Freude lösen.“ Karmatha läßt die Worte in sich nachhallen und Licht erfüllt seine himmlische Seele. Alsdann wendet er sich der auch in Andacht versunkenen Gruppe zu und sagt:
„Liebe Freunde, ihr befindet euch im Strahlbereich der Ordnung. Man muß erst zu einer schöpfungsgerechten Ordnung gelangen, ehe man mit dem Vater, der ja der Schöpfer ist, näher in Verbindung treten kann. Ich betone noch einmal, daß ich dem Vater weder näher noch ferner stehe als ihr. Erkennet, daß ihr Ihm ebenfalls gleich wichtig, lieb und wertvoll seid, eines wie das andere. Das gilt für euch besonders, die ihr aus der Materie zum Licht emporgestiegen seid. Auch ist es besser, bis zu einem gewissen Erkenntnisgrade selber vorzudringen, als alle Belehrungen wie eine Speise bloß zu essen.
Ihr anderen, die ihr zur Materie ginget, habt euch manchem Weltlichen unterworfen, obwohl euer reiner Geist dawiderstand. Doch jetzt seht ihr die heiligen Zusammenhänge, den Mit-Opferweg, die Bewußtseinstrübung, Verlust der Rückerinnerung, und endlich den Erkenntnis- und Gnadenbogen, dem sich der bewußte Glaubensweg entrang und euch anschließend zurück zum Lichtreich brachte.
Gott tilgte eure Schuld, als ihr der Welt entsagtet. Euern einstigen Besitz, der euch jetzt noch nicht erkenntlich ist, erhaltet ihr aus Gottes Gnadenhand. Sagen darf ich aber, daß ihr nach himmlischem Lebensmaß älter seid als ich und ihr mehr wissen werdet, sobald ihr vor unsers Vaters heiligem Angesichte gestanden seid.
Verlorene Potenzen tragt ihr heim. Manche von euch haben zweimal ihr Mitopfer dargebracht, das kaum deswillen geschah, weil beim ersten Wege nicht etwa die vollste Reinigung der Seele erfolgte; sondern noch mehr verlorenes Gut zu suchen, aufzuheben, zu reinigen und für die Gottesscheuer einzuernten, seht, das bedeutete der zweite Weg. Im Voraus sollt ihr nun wissen, daß ihr endgültig heimkehren könnt.
Und ihr Weltkinder? Ihr seid betrübt, denn ihr befürchtet, keine Heimträger, sondern nur Heimgetragene zu sein! O, wenn ihr Gottes Liebe kennen lernt, so versinkt im ewigen Lichtmehr eure Trauer. Und vergeblich werdet ihr nach einer oder andern Unterscheidung suchen, weil des Meeres Boden allgewaltiger UR-Grund ist, dem das Versunkene als herrlicher Morgenstrahl entsteigt, neues Leben kündet. — Es werden Schöpfungstage kommen, die – wenn ihr sie vollgerecht beendet — euch auf die ganz gleiche Stufe aller Lichtkinder erheben, die von Anfang an ihr Treugelöbnis hielten.
Ich bin noch nicht einmal so weit wie ihr, denn der Weg zur Erde steht mir noch bevor. So geht ein jeder seine Straße, auf der wir dienstbar werden, weil nur darin wir dem Vater die wahre Kindesliebe geben können. Demnach beweist die Gleichheit der Grundaufgabe, daß alle Kinder als lebensbewußte Gedanken aus der Gottheit kamen und zurückfinden, weil Gott nichts von Sich läßt!! — Die Zeit spielt die kleinere Rolle; wichtiger ist die Arbeit selbst und wie man sie vollbringt. Das Wichtigste jedoch bleibt die Gotterkenntnis und die sich anschließende Heimkehrbestrebung. Hierin gibt es zwar manche Unterschiede, nicht aber zwischen Vater und Kind, denn Letztere werden alle vom Vater getragen, doch der Vater nicht von den Kindern!!
Unterschiedliche Ämter ergeben keinen Personenwert. Alle Arbeit, zum Ganzen gefügt, verherrlicht des Schöpfers wunderbares Werk! Doch ist es ordnungsmäßig recht, wenn die allgemeine Kinderschar, zu der ihr wie ich gehören, den großen Mithelfern achtungsvoll begegnet und sich von ihnen leiten läßt. Das sind vornehmlich die 7 Fürsten, die 4 Wächter, die 24 Ältesten und die 144000 Befehls-Engel. Zu den Letzteren gehört euer lieber Führer, der die ganze Zeit freundlich an der Pforte steht, geduldig unsern Reden lauscht und sich euch außer seiner führenden Bestimmung noch nie anders zeigte, als gehörte er zu euch, ein Kind des Vaters, — aber seht, ein leuchtend reines Kind! Stets dienstbar war er euch, und es kommt jetzt darauf an, daß ihr ihm auch entgegenkommt, indem ihr ihn nicht zur Seite schiebt, wie beinahe getan, wenn ich eurer stürmischen Bitte stattgegeben hätte. Das geschieht, wenn ihr folgsam tut, wozu er euch anleitet. Er führt euch auch am sichersten zum Vater.
Wollt ihr auf etwas achten und ist es auch unsers lieben Engels Anleitung, so bleibt eine zeitlang in diesem Haus. Ihr braucht nicht besorgt zu sein, daß ihr dabei stehen bleibt. O nein! Unser innerer Fortschritt ist es, der uns dem Vater nähern läßt und durch den wir inne werden, daß der Vater innerlich wie äußerlich Seinen Kindern gern entgegenkommt. O, dieses beiderseitige Entgegenkommen ist die höchste Wonne für die Kinder und Gottes heilige Vaterfreude!
Sobald ein Kind aus Erkenntnis den ersten Schritt zur Heimkehr tut, steht schon der Vater neben ihm, wenngleich oft ungesehen und unerkannt. Daß Er Sich erst in höheren Sphären völlig offenbart, obwohl auf Eden wie in den Entwicklungsstufen eine Offenbarung auch erfolgt, hat seinen großen Grund in der Weisheit Seiner Erziehung. Diesem ist der Wille gleich, den Kindern Seligkeit zu schenken. Eine schönste Freude aus dem Kranze aller Seligkeit ist die Beglückung, daß ein Kind — bewußt empfunden — dem Vater auch entgegen gehen kann. Mit Recht darf es dann sagen: Ich bin zum Vater hingegangen! Die Freude erfährt darin ihre unendliche Vielfalt, die keinem vorenthalten wird, auch nicht euch Heimgetragenen aus der Materie.
Seht, so ist euer Weg beschaffen; und also mögt ihr glauben, daß längst der Vater bei euch ist und es in Wahrheit nur mehr eines Schrittes eurerseits bedarf und ihr habt Ihn auch in Seiner vollwahren Offenbarung unter euch, wie ihr es nicht erträumen könnt. Der letzte Schritt ist die Frage: Wie bereiten wir dem Vater eine größere Freude? Das ist viel wichtiger als alles andere Fragen und Wissen! Und hierin bin ich nur zu gern euch gleich.“
Diese Worte lösen in den Herzen beider Scharen eine letzte Binde. Bittende Hände heben sich empor, Dank- und Lobstimmen werden laut, und zwei Kinder geleiten liebevoll den Seraph neben Karmatha. Des Seraphs Antlitz beginnt zur großen Verwunderung hellst zu strahlen, es wird immer glänzender, so daß er alle Aufmerksamkeit auf sich konzentriert. Und wie auch Karmatha erstaunt diese Veränderung am Engel sieht, daß er ihn bittet, sie alle weiter zu belehren, ertönt an der Pforte eine dem Karmatha wohlvertraute Stimme. Ehrerbietig und freudig zugleich verneigt sich der Engel tief; seinem Beispiel folgt Karmatha, während die übrigen verwundert hören und schauen. Sie wissen noch nicht, was vor sich geht. Nur das Prüflingskind begibt sich zum Engel und verneigt sich auch in großer Andacht.
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