Die Moses Decke. Eine gute Vorkost. Des Vaters Freudentränen und Lehre
„Liebe Kinder! Eure Reden hat der Vater angehört, weil ihr ernsthaft heimwärtsstrebt. Oft übermannte euch die Sehnsucht wie vorhin, und ihr wäret am liebsten vorgestürmt. Das ist zwar auch recht gut, denn nur echte Liebe entfesselt solchen Sturm. Es fragt sich nur, ob eurer Liebe der feste Grundzug inne wohnt, der im wohl starken dennoch sanften Wehen zu Hause ist. Ein Sturm ist eine vorübergehende Erscheinung; doch habt ihr euch den guten Teil davon erworben. Denn einmal den Vater erkannt, bleibt ihr auch auf dem Weg zu Ihm.
Der Vater möchte euch gern bei Sich haben. Doch das kann nicht eher sein, als bis eure Liebe eben jenem starken und sanften Grundzug gleich, der des Vaters ewigreicher Liebe Grundgefüge ist. Läßt sich die Kindesliebe noch nicht angleichen, ist es ja verständlich, daß die daran zu knüpfende Vater-Opferung auch nicht erfolgt. Werdet nun nicht ängstlich, Meine Freunde, indem ihr meint, ein Kind würde niemals diese Angleichung erreichen. Es soll euch nicht beirren, ob ihr ohne weiteres vor den Vater hintreten könnt und sich euere Liebe mit der Seinigen auf eine ausgleichende Stufe stellen läßt. Meine Frage bringt einer baldigen Gott-Anschauung keine Hemmung. Im Gegenteil räumt sie euer letztes Hindernis hinweg, wenn ihr es gut bedenkt und zu einer ersprießlichen Ansicht gelangt.
Karmatha sollte euch beflügelt führen. Des Vaters Wort durch ihn zeigte das Unnütze und Unzeitgemäße eurer Bitte, und der Sturm verwandelte sich zum sanfteren Sausen. Doch ein kleines Erkenntnisende ging euch noch ab und so kam die hilfreiche Liebe, das noch Hinderliche zu beseitigen. — Doch nun wollen wir uns auf den Weg begeben, wobei sich am schönsten alles klären läßt, damit ihr heimkehrenden Lichtkinder wie im ganz gleichen Maße auch unsere heimkehrenden Erdkinder baldigst zum Vater kommen. Die noch nötigen Zwischenstufen werden schnell durchschritten sein. Also folget Mir nur nach.“
Mit staunender Scheu betrachten alle die hehre Gestalt, deren Glanz und Licht sie fast blendet. Der Seraph, Karmatha und das Lichtkind halten sich gemäß innerem Wort zurück. Die Reichskinder möchten am liebsten in ihr schon den Vater sehen, nur fehlt ihnen letzte Rückerinnerung, die — auch um der Erdkinder willen — zugedeckt bleibt, während Letztere vor Ehrfurcht fast vergehen. Nur der Sprecher tritt mit einigem Mute vor und sagt, indem er sich tief verneigt.
„Allmächtiger Engel, das bist du ganz gewiß, du hast uns erforscht wie bisher noch kein Reichsbewohner. Vor allem sei dem Vater demütigster Dank, daß Er dich als Liebe uns entgegensandte. Wenn aber schon von dir als des großen Königs größter Herold über uns solche Liebe flutet, daß wir gleicherweise jubeln und uns verstecken möchten, sage, wie ist es eigentlich, wenn man vor dem Vater Selber steht? Da wird wohl aller Mut kläglichen Schiffbruch leiden; denn ich muß bekennen, daß ich vor deiner himmlischen Klarheit immer mehr in Furcht gerate, je mehr ich wage, mit dir zu sprechen. Mit einer Rede oder Antwort vor dem allmächtigen Gott wird es ganz alle sein.
Selbst jene von der Halle Jechahal wagen kaum, dich zu betrachten. Da auch Freund Karmatha sowie der hohe Seraph die Sprache verloren haben, so übernahm ich es, mit dir zu reden; denn einer muß es tun. Darum verzeihe mir nur meinen armen Mut und meine noch armseligere Worte, die mir vor Deinem Lichtglanz auf der Zunge hängen bleiben.
Du hast uns aufgefordert, dir zu folgen. O Königsherold, wie ich dich ehrerbietig nenne, gern würden wir den von dir etwas gerügten Herzensturm loslassen, wenn wir noch Mut besäßen. Den zerbrach eigentlich dein Wort, das zum großen Hindernis geworden ist, aber keines beseitigte. Ich denke freilich, das geschah mit Vorbedacht, damit unser Sturm daran zerbricht und zum starken, sanften Sausen wird.
Ich gehe keinen Schritt, als bis das Hindernis beseitigt ist und unsere sanft gewordene Liebe zum Vater hinwehen kann. Zwar erleiden wir dadurch eine weitere Verzögerung; doch besser diese, als den Vater verfehlen oder Ihm nur geringere Freude zu bereiten. Unsere gerechte Liebe hast du ja bestätigt, die in dem von dir zitierten sanften Sausen liegt. Trotzdem fehlt ihr etwas. Aber was? Der Fehler liegt natürlich nur an uns; nur frage ich mich vergeblich, in welcher noch nicht erforschten Herzensfalte bei mir das Übel steckt.
Wenn es etwa daran liegt, weil mein Wesensgrundzug dem des Vaters noch nicht gleicht, dann weiß ich keinen Rat. Wir können niemals werden wie der Vater. O du hohes Wesen, laß dein grundgutes Herz walten und hilf! Ob wir vor den Vater hintreten können, muß ich für mich selbst verneinen, dazu mangelt mir nun jeder Mut. Ob meine Gefährten es wagen, weiß ich nicht; die Lichtbewohner sicher. Doch plötzlich erkenne ich, daß Deine diesbezügliche Frage mehr als berechtigt ist, weil ich gar nicht reif bin, den Vater zu sehen. Und gerade mir konnte es nicht rasch genug gehen! Was soll nun werden?! Die Sehnsucht hat sich nicht verringert, hingegen das Unreife-Gefühl verstärkt. Willst du, hoher Lichtherold, uns nicht ein wenig helfen, damit wir bald beim Vater landen können? Nur erst Seine Stimme zu vernehmen, wäre eine unfaßbare Seligkeit; das Schauen, vor dem ich die meiste Angst habe, könnte dann ja später folgen.“ Flehend hebt der Sprecher seine Hände hoch ohne zu wagen, seinen ‚Lichtherold’ zu berühren. Da schmiegt Karmatha sich in des Vaters Arm und spricht:
„O Du Wesen aller Wesen, Licht aus Deinem Licht, nimm Dich dieser an. Groß ist ihre Sehnsucht, Du Selbst weißt das am besten. Laß mich sagen, was ihnen fehlt. Durst und Hunger nach dem Vater haben sie im Übermaß, doch gleichgroß ist die Furcht, zumal bei den Erdenkindern. Du blickst so freundlich auf sie herab, sie aber sehn nur Deinen Glanz, und vor Deinem Licht erschrecken sie. Keines wagt, Dir die Hand zu geben, geschweige denn zu tun, wie ich tue ohne alle Scheu. Ahnten sie, welche Seligkeit ich jetzt genieße, oh — himmlisch-gerechten Neid würden sie verspüren! Und welch gute Vorkost hätten sie, wenn sie sich ebenfalls in Deine Arme schmiegten.
Die mangelnde innere Gleichheit betrifft ja nicht das Wesenhafte. Gott bleibt immer Gott, das Kind bleibt Kind. Der Liebefluß muß sich in des Vaters Liebestrom ergießen, sonst findet man Ihn nicht, auch wenn man vor Ihm steht. Unser lieber Sprecher hält das Hören zuerst für besser, weil er vor Gottes Augen Furcht empfindet. O, frage ich: Was ist denn heiliger an Gott, sein Wort oder Sein Angesicht? Sind nicht Beide Teil der Gottheit? Wenn man sich vor Seinem Wort nicht fürchtet, warum vor Seinem Angesicht?! Bei solchen Gedanken ist es freilich nicht verwunderlich, wenn da jemand dicht vorm Vater steht und Ihn nicht erkennt! Alle von der Erde Heimkehrenden müßten das doch alsbald merken. Denn gerade dort schenkt Er ihnen immer wieder Seine Hilfe, auch wenn sie es nicht einsehen wollen. Und in den aufwärts führenden Sphären ist es nicht anders.
Hat endlich jemand den Vater erkannt und will zu Ihm gelangen, so verbaut er sich den Weg und wundert sich noch obendrein, daß es nicht im gewünschten Maße vorwärts geht. Das Schlimmste ist die Angst, die mit Wahrer Demut verwechselt wird, das ‚Bekennenmüssen vor Gottes heiligem Angesicht’. Doch ich erlebte schon, daß der Vater gar nicht allzusehr nach Erdensünden fragt, wenn nur ein Heimkehrer glücklich in Seinen Armen ruht. Von Ihm aus ist da alles gut erledigt.
Ein liebedemütiges Kind sagt von sich aus dem Vater, was es versah. Obendrein ist es heilfroh, daß es sich seine Erdenbürde so recht vom Herzen runter reden kann und dabei das letzte Materiefünkchen in der Umwandlung heimgebrachtes Gut werden kann. Solches sah ich im Heiligtum bei beiden Gruppen, welche vom Licht und welche von der Materie. Zuletzt gab es keinen Unterschied. Niemand sah ihn mehr, nur der Vater; Er aber hatte alles zugedeckt.
Jene dachten auch, Gottes Heiligkeit würde wirksam sein. Dabei geschah das Gegenteil. Die Grundordnung stellt die Heiligkeit zurück; die Kinder würden sie auch nicht ertragen. Zuerst tritt stets die Liebe auf. Denn es ist der Liebe Tag, an dem der Vater Seine Kinder schuf. Hat man sich an Ihn gewöhnt, — das gilt auch für alle, die noch nicht auf Erden waren —, so dringt allmählich Seine Heiligkeit hindurch, die untrennbar von Seinem Gottheits-Wesen ist. Aber dann wird selbst die Heiligkeit zur segensvollen Lebensflamme.
Wer das erkennt und verwertet, erfaßt des Vaters Liebestrom, sein ewiges Zuhause. Dann empfängt man nicht wie eben jetzt nur eine gute Vorkost, sondern die Hauptspeise: Den Vater Selbst! Doch wo die Vorkost ist, wird die Hauptspeise nicht ferne sein! Dir danke ich aus tiefstem Herzen, denn ich habe nun den vollen Tisch mit aller Vor-, Haupt- und Nachspeise. In Deinen Armen selig sein, heißt, in des Vaters Armen ruhen; und an Deinem Herzen liegen, ist ein Liegen an des Vaters Herzen! Für mich gibt’s da keinen Unterschied. Doch mein Dank ist auch die Bitte: Hilf der lieben Kinderschar zum Vater!“ —
An der Pforte haben sich verschiedene Himmelsbürger eingestellt; denn wo der Vater weilt, da sammeln sich die Herzen. Der Seraph begibt sich zu den Engeln und alle schauen mit fröhlichsten Gesichtern die Heimgekehrten aufmunternd an. Der Vater aber sagt:
„Karmatha, Ich brauche den Kindern nicht mehr zu helfen, das hast du gut besorgt. Nun haben sie den äußeren Ordnungsgrund schon aufgerichtet; wir werden gleich erleben, wie er die seelischen Konflikte löst. Sie beraten sich, ob Ich wohl Selbst der Vater wäre. Ihre Liebe sagt ja, doch die Scheu verneint. Wir wollen uns darum ein wenig ruhig verhalten, denn unsere Sehnsuchtskinder werden bald mit ihrem Beschlusse fertig sein. Sie wählen den Erdmenschen als Redner, weil er den meisten Mut Besitz. Dabei habe Ich Mich ganz in Meine Liebe eingehüllt! Aber ihre Furcht liegt daran, weil sie noch von ihrer Sünde zehren. Doch nun kommt schon unser kühner Redner.“
Die Engel umstanden den Vater, einesteils, um selbst Ihm recht nahe zu sein, anderenteils, um die Gruppe unbeobachtet verhandeln zu lassen. Nun stellen sie sich zu beiden Seiten auf und die Heimkehrer haben freien Hinblick zum Vater. Der Redner tritt vor, stutzt aber, als sich die Szene schon wieder verwandelt hat, besonders da Aller Angesichter, einschließlich des Vaters, wie helle Sonnen glänzen. Er wollte den Herold bitten, sie zur einzigwahren Liebe hinzuführen, sie gedächten, alle Nebengedanken aufzugeben und den Vater demütig um Verzeihung zu bitten, so wären sie der frohen Zuversicht, daß die Tore der ‚Goldenen Stadt’ sich für sie auftun würden.
Der gut Rednermut ist dahin, als Geschöpf vor seinem Schöpfer steht. Wer ist der Hohe, der alle überragt? Auf einmal merkt das Erdenkind, daß die Himmlischen, mit liebeglühenden Blicken am Angesicht der hehren Gestalt hängend, sich fortwährend neigen, ihre Hände wie geöffnete Blumenkelche heben und ihre Andacht jubelnd aus ihren Augen bricht. — Im plötzlichen Erkennen wirft sich der Redner nieder, umklammert des Vaters Füße und ruft:
„Heiliges Licht! Du bist ja der Vater Selbst! O Du allerheiligste Liebe, endlich haben wir Dich gefunden!! Uns, die sich von Dir gewendet hatten, kamst Du entgegen, den Fernen bist Du nahe! O Vater, heiliges Liebelicht, schließe uns in Deine Güte ein, daß wir wieder Deine Kinder werden. Vater, segne uns!“ Heißes Schluchzen erstickt die Stimme, fester klammert er sich an und alle, die vom Licht zur Erde gingen wie auch die Seelen aus der Finsternis, werfen sich auf ihre Knie und weinen heiße Dank- und Freudetränen.
Da erglänzen auch in Gottes heiligen wundersam sanftdunklen Augen zwei Tränen, wie schimmernde Perlen. Karmatha sieht es zum erstenmal, daß auch der Vater Tränen hat. Überwältigt sinkt er nieder und muß später von einem Engel aufgerichtet werden. Gott aber spricht:
„Meine lieben Kinder! Nun ist eure Sehnsucht gestillt. Ihr verlanget nach der ‚Oberen Stadt’, weil ihr Mich daselbst zu finden hofftet. Zwar müßt ihr, besonders Meine Erdenkinder, auch die übrigen Vollendungsstufen noch durchwandeln und werdet nach einem Aufenthalt bei Mir auf eine Kreissonne im Strahlbereich der Geduld ingesetzt. Eure Liebe war sehr groß, darum kam Ich euch entgegen. Zwar ist das jetzige Entgegenkommen nicht Mein erstes. Wollte Ich euch aber künden, wann, wo und wie oft Ich zu euch kam und ihr habt es nicht gemerkt, so würdet ihr zurück in euer nun höchst überflüssiges Schuldempfinden sinken. Das wird euch zur rechten Zeit noch offenbar.
Die äußere Schau Meiner Wesenheit geschieht nur dann, wenn Meine Eigenschaften im Kind die ‚Selbstgestaltung’ dahingehend finden, daß sie mehr und mehr in Gedanke, Wort und Werk verkörpert werden. Damit formt sich Meine ‚Innengöttliche Teilwesenheit’. Denn schuf Ich die Kinder, so muß für sie die Möglichkeit bestehen, Mich bewußt und wahrhaft verkörpert zu tragen. Das geschieht aber nicht, wenn Meine Wesenheit im Kindesherzen keine Form erhält. Letztere setzt sich natürlich nicht aus Potenzen Meiner Person, sondern lediglich aus Eigenschaftspotenzen zusammen. Und wie sie sich dort lebenswahr gestalten, so auch wird sich Meine Wesenheit erkennbar zeigen.
Nie schaut Mich ein Kind, wenn es Mich nicht dergestalt erringt! Nutzlos ist alles andere erforschen. Ich bin die UR-Wesenheit, bin Selbst-Heilig ohne Raum und Zeit! Wie könnte Ich Mich also in einer kleinen Kindesform sichtbar gestalten? Ihr seht Mich jetzt so, wie Ich wahrhaftig bin!! Und doch seht ihr nur jenen allerdings vollkommen Wesensteil, einem Schöpfungstag entsprechend, der nur ein Teilchen aus der Fülle Meiner universellen Schöpfermacht verkörpert. Einem Tag wird nicht mehr von Meiner UR-Herrlichkeit gegeben, als sein Raum und seine Zeit erträgt. Das hinwiederum ist jedoch ein solches Maß, das alle Meine Kinder insgesamt nicht fassen können! —
Eine Schau Meines UR-Ichs nützt nichts. Ein Kind müßte da unendlich sein, was aber in der Formheit des Geschöpflichen nicht möglich ist. Doch wenn, so stünde es als Teilunendlich vor Meiner Ganzunendlichkeit und verlöre jeden Darstellungsbegriff. Es würde alles sehen, aber nicht erfassen und nicht selbstbildend gestalten können.
Ich liebe Meine Kinder, nicht nur, weil Ich sie schuf, sondern auch um ihrer selber willen. Vom ersten Denken an streben sie von sich aus zu Mir hin. Darum schuf Ich für sie innerlich und äußerlich gefestigte Werke, in welcher Festigung auch jene Meines UR-Ichs war. Meine Ziele gehen dahinaus, ihnen die größte Glückseligkeit zu bereiten, die ihren Gipfelpunkt in der freien Selbsterkenntnis und Selbsttat besitzt, ein Anteil Meines eigenen freiherrlichen UR-Willens, dem tiefsten Anfangsgrunde aller Werke!!
Der Anteil wird durch jene Selbstgestaltung Meiner Grundlebensstrahlen erlangt. Doch auch dazu gehört ein großes Entgegenkommen Meinerseits. Werde Ich im Kinderherzen zur Zentrale, so tritt eine Wandlung ein, bewußt oder unbewußt, je nachdem sie selbsttätig oder mittels einer Führung vor sich ging. Auch Ort und Zeit spielen eine Rolle. Denn schon auf Erden, vor allem aber in den ihr folgenden Entwicklungssphären bis an die oberste Lichtregion hat jede Stufe ihre eigenen Gesetze, die dem Urschöpfungsgesetz entnommen sind. Jede Stufe aufwärts bringt größere Klarheit und Festigung, bis ein Kind Mich innerlich und äußerlich erlebt.
Ihr habt die Stufengrenzen wohl gespürt. Doch in jeder neuen Sphäre konntet ihr erst nach einigem Verweilen den Unterschied erkennen. Das kommt daher, weil jede Stufe einer kleinen Schöpfung gleicht und werkgerecht Anfang und Ende hat, darin das Seligkeitsempfinden seine eigene Höhe erreicht. Mitsamt der Seligkeit — in niederen Sphären der Sehnsuchtswunsch des Vorwärtskommens, ganz materiell das Unbehaglichkeitsgefühl — werden die Heimkehrer über die ‚Grenzen’ gebracht.
Je höher die Wanderer steigen, um so rascher merken sie, daß ihnen trotz zunehmender Herrlichkeit noch immer etwas fehlt, was sie vorher nicht erkannten. Dieses Fehl-Gefühl ist größtes Entgegenkommen als das ‚Lebensverlangen’, jener schöpferische Impuls, der nicht mit fertigen Werken stehen bleibt, sondern sich auf das Fertige stellt, um Neues, Schöneres und noch Gewaltigeres darauf aufzubauen. So reihen sich Meine Werke aneinander; und so sollen in gerechter Spiegelung und Angleichung alle Vorwärtsbestrebungen Meiner Kinder im Lebensverlangen angetrieben und befriedigt werden.
Alle Sphären sind schöpfermäßig Mein einheitliches unbegrenztes Reich, schöpfungsmäßig aber für die Kinder die Stufen, was sich auch auf das Verhältnis zwischen ihnen und Mir erstreckt. Solange sie noch in der Formung stehen, fühlen sie viele, oft sogar schreckliche Grenzen, zumal auf Erden. Haben sie aber ihre Wandlung hinter sich, die sie zur Einheit mit Mir führt, so erlischt auch jede Trennung. Dann stehe Ich urplötzlich vor und mitten unter ihnen, wie jetzt bei euch; und eure Seligkeit ist gänzlich grenzenlos.
Meinen lieben wiedergefundenen Schäflein soll die Erde mit ihrer Last entschwinden. Euch Heimkehrenden sei aber noch ein kurzes Wort gesagt. Ihr wundert euch, daß ihr als Himmelsbürger Mich nicht gleich erkanntet. Doch bedenkt: Auf Erden gibt es keine Rückerinnerung, wohl aber einen inneren Drang zum Göttlichen als ‚Lichtanteil’. Ob ein Kind dem Drange folgt, ist da seine pur eigene Sache. Ihr speziell seid keine bösen Menschen gewesen, doch war Gott euch fremd, teils aus ungenügender Belehrung, teils aus Lust an Erdenfreunden. Als jedoch der ‚göttliche Drang’ bei euch schwer treffenden Ereignissen stärker in den Vordergrund trat, suchtet ihr in euren Kirchen Seelenbeistand. Allein — diese waren bis auf wenige Diener selbst weltfreudig eingestellt. Den göttlichen Nimbus nahmen sie fast nur zur Tarnung, um sich auf diese Weise einen großen Namen zu machen, viel Ehre einzuheimsen und geheim herrlich und in Freuden zu leben. Sie bildeten die ‚goldene Brücke’ ins Himmelreich, wobei das Gold in ihren Säckel floß, die Brücke — ohne Glaubenspfeiler — aber meist zusammenbrach, sobald sich eine Seele ihrer zu bedienen suchte.
Als ihr mitsamt eurer Brücke ebenfalls in eine glaubensleere Tiefe stürztet, suchtet ihr Mich in euren Herzen. Doch eure Weltfurcht war zu groß, als daß Mein Licht hätte in euch scheinen können. Dennoch hielt euch Meine Liebe fest, bis ihr den leeren Kirchentopf mit Meinem Tisch vertauschtet. Das war — zu eurem Besten — für die meisten jene Zeit, wo der Erdenweg zum Abschuß kam. Eure letzte Glaubensrettung kam von einem Mann, der sich auch offen vor den Kirchenoberen nicht fürchtete und ein neues Licht aus Meinem Himmel brachte. Daß durch ihn nichts völlig Reines kam, lag an der Zeit, an seiner eigenen Erziehung, wie an manchem Erd-Entwicklungsumstand.
Doch genügte seine Lehre, um ein paar wichtige Pfeiler der Erdenkirche zum Einsturz zu bringen. Es dürfen auch nicht alle Pfeiler auf einmal zerbrochen werden, weil Ich die Kirche samt Dienern durchaus nicht vernichten, sondern erretten will und werde. Dieser Mann, euch bekannt unter dem Namen Hus, tat sein Bestes. Ihr werdet ihm begegnen und sehen, was sein Mitopfer ihm Herrliches einbrachte. —
Nun habt ihr vorläufig genug Segensworte empfangen und sollt ein Liebesmahl erhalten. Du, Karmatha, hast deine Arbeit gut getan und es steht dir frei, mit zurückzukehren. Meinst du aber, es bliebe dir zu tun noch etwas übrig, so sei dein Bleiben auch gesegnet.“ Karmatha, in Tränen wieder aufgelöst, dankt dem Vater und sagt:
„Dein Wille, Vater, Deine Hände sollen walten. Aus Deinem Segenswort erkenne ich, daß es besser ist, hier zu bleiben. Nur eine Bitte habe ich: Vater, laß mich Dich und die lieben Heimgekehrten bis zum Tor Hephata begleiten, denn durch dieses wirst Du sie gehen lassen. Dann kehre ich sogleich zurück. Und halte doch Dein Liebesmahl im Hause Rafaels; ich möchte gern, daß er und Agralea die Freude haben. Doch auch hierin geschehe nur Dein ewig guter Wille.“
„Deine Bitten, sagt der Vater, „sind Mir wohlgefällig. Deshalb haben sie auch Meine Segnung. Und wo diese ausgegossen wird, liegt in ihr schon die Erfüllung einer Bitte. Am Tor ‚Hephata’ wird Einer stehen, der dich zurückgeleiten soll, dessen Name sich durch Meine Worte liebend in dein Herz einbrannte.“ —
Gott führt Seine Schar über je eine Sonne der drei inneren Sonnenringe und zeigt viel Herrliches, so daß die Freunde manchmal vor lauter Verwunderung lange stehen bleiben. Stets wartet Gott in Geduld, bis aus ihren Reihen selbst die Erkenntnis kommt, daß des Vaters Zeitmaß das beste ist. Am Tor Hephata steht ein schöner Engel. Karmatha hat ihn noch nie gesehen. Es ist ein Befehls-Engel mit dem Namen Hasabael, der positive Lichtgeist des die heimkehrende Gruppe geleitenden Seraph. Der Engel war auf Erden Hus. — So ist auch diesem Engelspaar höchste Wiedersehensfreude gegeben, und für Karmatha ist es ein großes Erlebnis; denn Hasabael und seine himmlische Gefährtin geleiten ihn auf seine Schul-Mittelsonne zurück.
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