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Sacharja – 1. Kapitel

1. Kapitel

Sacharja 1

Silo, jene kleine alte Stadt, in der vor fast fünfhundert Jahren der große Gottesseher Samuel, Richter und Helfer der Armen, einst vor der Hütte Gottes saß, die Josua beim Wiedereinzug in Kanaan ebenso errichtete, wie Mose sie unter direkter Anleitung Gottes in der Wüste erbaut hatte, mit all den Wunderherrlichkeiten, mit jenem hohen Odem erfüllt, den nur EINER zu geben wußte, ewig zu bringen weiß.

Eben da, es ist um das Jahr 520 v. Chr., sitzt tief versunken ein Mann in sich gekehrt, nimmt die Umwelt gar nicht wahr, weil er eine Stimme hörte, leise und doch so gewaltig, daß er meint, sie müsse eine Welt und das Universum aus den Angeln heben, dabei so wonnesam, sie bringt Tränen hervor, die an den Wangen niederlaufen. Dem Prophet Sacharja ist‘s, noch unbekannt, was er hören darf und verkünden soll, den Ruf zur Buße, zur Erneuerung der Menschen (Kap. 1).

„Wie, Herr, soll ich reden? Ist es meine Stimme, hört mich niemand an; sage ich: ‚So spricht der Herr‘, dann fragen sie, wo Du geblieben wärest in den langen Zeiten der Gefangenschaft, der Unterdrückung. Noch sind des Volkes viele in der Fremde, das Land liegt darnieder, es gibt fast nur Hütten, wo die Armen hausen. Man lacht mich höchstens aus, wenn ich sage: ‚So spricht der Herr!“

Da steht neben ihm ein Licht. Ist‘s die Sonne, die eben durch die Wolken ihren Strahl hernieder sendet?, ist es . . .“ „Weshalb fürchtest du dich denn, wenn GOTT die Hände auf dich legt und du bringen sollst, was in Seinen Herrlichkeiten steht?“ „O Herr Zebaoth, was geschieht mit mir? Ich bin nicht mehr ich.“ „Das sollst du auch von nun an nimmer sein, sondern bloß die Stimme, die wiedergibt, was dir gegeben wird.“ „Und was?“ fragt der stille Mann. „Du wirst dich noch selber fragen, wieso du etwas sagst, was du nicht gedacht, des Spottes wegen gar nicht sagen wolltest. Bleibe hier und ich werde bei dir sein, ungesehen; so soll der Mensch es denken, daß du ermahnst.

Du wirst bald merken, wie Spott und Hohn vergehn. Denn sieh: König Kores, richtiger: der Herr Zebaoth hat das Volk zurückgeführt. O ja, man hat laut gejubelt, fängt an aufzubauen, zumal den Tempel in Jerusalem. Aber hast du schon gehört, daß man dem Höchsten dankt?! Gewiß, es gibt unter diesem Volke etliche. Jedoch nicht einmal ein Zehnt, den Gott billig fordern könnte. Dieser Wenigen wegen wird GOTT helfen — jetzt und immerdar.“

Das Licht ist verschwunden, Sacharja weiß: es war ein Engel Gottes. Er spürt noch dessen Nähe, wie zuvor die Lichtgestalt. Als er noch ein Weilchen sinnt und prüft, wie das zugegangen ist, warum gerade er die Gnade haben darf, kommen ein paar Männer den schmalen Weg herauf. Er hört sie streiten. „Was nützt es unserm Volk, zurückgekehrt zu sein? Zuletzt haben wir am Euphrat wahrlich gut gelebt. Jedoch hier?“ Der Sprecher spreizt die Hände aus: „Nichts als Wüstenei und Trümmer. Davon soll man leben?“

„Hast recht, Kofar“, ergänzt ein älterer Mann, namens Hasabar. „Immerhin, wir sind zurückgekehrt. Lang währt es nicht, haben wir auch wieder Reichtum angesammelt. Daß wir klein geworden sind, seitdem ganz Israel vor 200 Jahren fortgetrieben wurde, ist‘s nicht leicht, ein wieder großes Volk zu werden. Erst mal aufbauen und soll jedermann seine Hände regen. Aufbegehren hat doch keinen Zweck.“

„Ha“, meldet sich ein Dritter, er hat aus Babylon viel Reichtum mitgebracht und denkt nicht daran, Ärmsten davon etwas abzugeben. „Ich für meinen Teil habe mir ein Haus schon aufgebaut; es muß jeder selber sehen, wie er weiterkommt.“ „Hast gut reden, Matuja“, Kofar ist erbost, er brachte wenig mit, „du hast‘s verstanden, dich mit Heiden anzufreunden.“ „Nur kein Neid“, lacht Matuja, „es stand jedem frei, klug zu sein. Das sei das Gespräch jetzt nicht; wir wollen Silo aufrichten, wie es zu Josua und Samuels Zeiten war.“ „Mit Heiden sich verbrüdern — welche Schande“, murrt ein anderer.

„Die Hütte Gottes?“ Unversehens ist Sacharja zu den Männern hingetreten, zu denen sich noch mehrere gesellten, Männer und etliche der Frauen. „Ein Milchbart will mit reifen Männern rechten?“ Hasabar greift Sacharja an. Doch da ist dem Wütenden, als ob er gar nichts greifen könne. Verdutzt läßt er seine Hände sinken; denn Sacharja steht jetzt da, hoch aufgerichtet, mit einem wahren Feuerblick. Wie recht sprach der Engel: ‚Du wirst‘s nicht wissen, was du sagst: denn nichts kommt aus dir. GOTTES Stimme wird es ein!‘

„So spricht der Herr! » Ich ließ euch in die Fremde führen, weil ICH für euch so fremd geworden war. Habt ihr Mein Gebot geachtet, das durch Mose euch gegeben ward? Habt ihr eingehalten, was Mein Josua im reinen Sinn geordnet hat? Habt ihr unter euch das Brot geteilt, wenn einer wenig hatte? Habt ihr euch geneigt zu denen, die am Boden lagen? Gibt es ein Ja?, gibt es ein Nein? Was soll Ich, der Herr, denn mit euch Tun?, mit denen, die nicht mehr Meines Wortes achten?!

Wißt ihr, wie lange euer Leben währt? Wo sind eure Väter? Sind sie dahingegangen und keiner hat sie mehr gesehen? Ob und wo sie leben — wißt ihr daß? Könnt ihr MIR es sagen, dann wollte Ich wohl Meine Hände über euch erheben. Doch fremd seid ihr nach Haus gekommen, fremd bin ICH euch geworden!

Kehrt euch von euren bösen Wegen ab, laßt fahren euer böses Tun! Wer aber will es achten, Meinem Ruf gehorchen? Soll ICH Zahlen nennen, die im Lebensbuche eingeschrieben stehn oder jene allzu viele, von euch, von euren Vätern, die nichts mehr von Mir wissen wollten, und habe euch doch heimgeführt!

Ihr sprecht: ‚König Kores hat‘s getan; denn der Gott unserer Väter ist uns fern geblieben.‘ O ihr Toren, was wißt ihr von Meiner heiligen Allgegenwart?, wie ich jeden Menschen, jeden Irrgegangenen zu führen weiß? Tue Ich‘s in eurem kurzen Leben durch die Niederung, Leid und Qual, dann klagt ihr Mich, den Schöpfer allen Lebens an, nur niemals euch, die ihr euch die Mühsal selbst bereitet.

Hat jemand sich erhoben, so meint ihr stolz, selber habe er das hohe Weltenziel erreicht. Es könnte ja so gelten, wenn das Herz dabei voll Demut und Erkenntnis bliebe. Da fehlt es bei den meisten, deren Seelen elend sind. Ist‘s nicht also, daß Mein Wort, und Mein Recht, alles, was Ich durch gute Knechte und Propheten wissen ließ, eure Alten sagen mußten: Wie wir an GOTT getan, so hat Gott Zebaoth an uns getan! Und heute —?

Dünkt ihr euch besser als die Alten, von denen manche sich zu Mir gewendet hatten mit der Bitte: Herr, vergib!, und hat den guten Weg beschritten. Saget nicht: Wir wissen, es gibt einen Gott, wie es Abraham gelehrt. Und das glauben wir. — Was glaubt ihr? Worte nützen nichts, und ein Glaube ohne Tat ist wie ein Wind, der vergeht, und ist nicht mehr da (Jak. 2, 17). Sagt Mir nicht, ihr sitzet jetzt auf armen Pfründen, das Land sei wüst und leer. Oh, so sieht es aus in vielen Herzen, die sich doch zu Mir erheben könnten, wenn sie dies nur ernstlich wollten.

Ihr, die ihr versammelt seid, wollt wie eure Väter handeln, Meinen Knecht verspotten, gesagt, euch zu helfen, euch zu Meinem Wort zurückzuführen. Doch ICH recke Meine Hände aus und niemand kann ihm Schaden tun! Wer noch ein Fünklein echten Glauben hat, der lasse sich belehren; denn ICH zeige ihm die Bilder, und wer, was und wie Ich bin! « Matuja murmelt: „Viel geredet; aber wie es war, so wird es ferner sein. Es gibt Reiche und gibt Arme; die Welt wird sich nicht andern.

» Tritt vor mein Angesicht, wenn du es wagst, ruft eine Stimme, und Ich sage dir, wer und was du bist! « Matuja weicht weit zurück, mit ihm noch viele, die die Abrechnungen fürchten, weil sie doch ihr Unrecht kennen, bloß nicht einbekennen — nicht vor Menschen, nicht vor Gott, von dem sie wissen: ER ist! » Arme Seelen, die zu Mir flehen, sich bekehren, die hebe Ich zu Mir empor. Wer sich nicht erheben läßt, sagt selbst — wie soll er eine Gasse zu Mir finden?

Die Welt ist ein Planet, von MIR erschaffen, ein Heilszweck sondergleichen, ist weder bös noch gut im Sinne eines Menschen. Doch es wird so sein: Solang der Gnadenplatz besteht, wird sich allgemein wenig ändern. Allein im Auf und Ab der Wege wird es Gute und viel Böse geben, bis zuletzt Mein Halt als HEIL den Schlußstrich zieht. Das liegt noch fern und ihr Jetzigen braucht nicht danach auszuschauen. Blickt auf euch, die ihr jetzt lebt, daß ihr wieder einzureihen seid, in Mein Volk des Lichts! «

Kofar, der Arme, der noch ein gutes Herz besitzt, wagt zu fragen: „Ist es unser Juda, unser Benjamin, der das Volk des Herrn ergibt? Von den Ahnen wissen wir nichts anderes: wir sind das Volk des Höchsten. Aber wenn —“ Kofar stockt die Zunge, „wenn es eben viele Arge gibt, wie kann es Gottes Volk zu nennen sein?“ Wie ein sanfter Hauch umgibt‘s den Frager. Er geht einen Schritt bis hin, wo er Sacharja stehen sieht und denkt: ‚Da steht Gott!‘ Denn diese Stimme — die kann keines Menschen sein.

Aus der größer werdenden Menge dringen Rufe durch die Reihen: „Hört ihn an, Gott will uns helfen!“ „Laßt uns allesamt bekehren, wir haben in der Fremde viel von unserm Gott verloren!“ Und andere: „Der tut sich bloß hervor“ gemeint ist Sacharja, „was wir brauchen, ist keine Lehre, sondern Hilfe. Vom Himmel kam noch keine auf uns nieder.“ „Schweig still, Meuterer, sonst kommt Gott über uns, wie einst über jene Rotte Korah.“ (4. Mo. K. 16)

„Soll uns Gott in Seinem Zorn noch einmal weiter führen, als nur bis nach Babylon, dem argen Heidenland? Fahrt in die Hölle, alle Stänkerer; ich versöhne mich mit Gott!“ Dieser gute Wunsch, zwar mehr aus Angst hervorgerufen, stößt eine größere Menge an; sie durchbricht jene erste Reihe, die noch vor Sacharja steht. „Hilf uns, o Mann Gottes“, rufen sie im Chor, „lehre uns den echten Glauben!“

Innerlich frohlockt Sacharja: Es gibt noch Gute unterm Volk. Du, Herr, lehre mich, damit ich lehren kann. So wie schon zuerst, spürt er eines Engels Nähe und hört allein das Wort: „Im Auftrag und im Willen unseres höchsten Herrn, dem Vater der Barmherzigkeit, darf und soll ich bei dir sein und sollst viele lehren, sollst vieles sehen. Sammle die kleine Herde und wisse, sie wird größer werden; denn von weit und breit wird man zu dir kommen.“

„Ach Engel Gottes“, seufzt Sacharja tief, „ich bin doch bloß ein kleiner, ein geringer Mensch. Und sollte ich nun doch prophetisch werden, dann gibt es keinerlei Vergleich mit unsern echten Großen, die durch Israel gegangen sind: ein Elia, ein Isa-i (Jesaja), Daniel und wie sie alle heißen. Da wird es bei mir wirklich mager stehn im Feld; denn ich . . .“

„Willst du rechten, du kleiner Mensch? Hat jedoch der Heilige, unser Gott, dich ausersehen, wen willst du nach groß und klein befragen? Solltest du nicht wissen, daß der Schöpfer, in der Herrlichkeit der Weisheit, jede Zeit dem Menschenvolk gegeben hat? Viel und wenig, frage, ob das vor dem Höchsten gilt! Oder wie des Menschen Herzen reif und willig ist?“

„Oh, nun habe ich versagt und noch gar nicht angefangen das zu tun, was Gott mir zugeschrieben hat. Da sieht es mager aus, und ich frage, ob ich das Hohe Wort vernehmen und wiedergeben kann.“ „Es ist gut, wenn du dich beugst, besser aber wäre, wenn auch du, wie alle, dich zu Gott erheben läßt. Er kennt aller Menschen Weg, Ihm geht nichts aus Seiner Willensherrlichkeit verloren. Also warte ab und vertraue Ihm; Er ist‘s, der dich führen wird.“

Ganz wundersam ist‘s Sacharja jetzt, er fühlt eine Kraft, die er nicht kennt, nicht über sie verfügen darf und ist doch gegeben, damit er wirken kann. Auch von den Leuten, die noch bei ihm stehen, und sind nicht weniger geworden, wenn auch mehrere aus Neugier warten, was sich noch ergeben wird, sind die meisten angerührt, möchten gern den guten Glauben wieder lernen.

O ja, Babylon hat viel vom wahren Sein hinweggerafft, obgleich manche sogenannte Heiden und die Könige sich von Daniel belehren ließen (s. in: ‚Babylon, du Große’) und ihn, den Propheten, hoch geachtet haben. Es liegt und lag an jedem selbst, ob er das Heilsgut achtlos fallen ließ oder es in sich bewahrte, mit dem Wissen: man kann den Glauben meines Herzens nicht zerstören!

Eben so, mit allem schweren Auf und Ab, kam man nach Kanaan zurück. Kein Wunder, wenn man sich wieder mühsam leiten läßt dahin, wohin GOTT jeden führen will. Nicht das äußere Kanaan gemeint, das LICHT ist es, das REICH, das unvergänglich ist, während alle Reiche dieser Welt in Schutt und in Vergessenheit versinken.

Das alles spürt und weiß Sacharja. Obzwar an Jahren jung, so ist er doch schon reif genug, um die Menschen zu verstehen, ihnen nachzusehen, daß und wenn sie böse sind — aus Erlebtem in der Fremde. Also winkt er freundlich zu: „Kommt am Abend wieder her, an diese Gnadenstelle, wo Gottes Hütte stand, wo uns eben jetzt Sein Wort geworden ist. Seht, ich sage es in Demut und Bescheidenheit: Ein Engel ist zu mir gekommen und dieser wird uns lehren, auch wenn ich es vermitteln darf. Glaubet stets daran: Unser Gott, der uns nahe ist, Er hilft uns aus in aller unserer Not!

Denkt nicht zuerst an alle Trübsal auf der Welt, denkt an euere Seele, ob sie rein und hell geworden ist, wieviel es noch zu fegen gibt, damit unser Vater, der im Himmel ist und doch bei uns steht, mit Seinem WORT die Einkehr hält (Joh. 15,7). Bewahren wir Sein Wort in uns, dann sind wir ganz in IHM geborgen; dann mag kommen, was da will: unser Leben, jenes andere, nicht das von dieser Welt, wird ewig in der Hütte Gottes sein.

Es ist nicht jene, die trotzdem für uns heilig war und bleiben soll, die Josua aus der Wüste rettete und an diesem Orte aufgerichtet hat, ewig ein Symbol der Gnade, nein — jene Hütte ist‘s, die hohe ‚Obhut Gottes‘, die Behütung, Schutz und Schirm des Höchsten, wie David sang und den Herrn Burg, Zuversicht und Hilfe nannte (Ps. 18,3; 91,2). Wer sich in diese Hut begibt, steht außerhalb der Welt, auch wenn er noch auf Erden lebt.

Recht wurden wir befragt, wo die Väter wären, die vorausgegangen sind. Wir wissen, daß sie lebten, aber nicht, wo nun ihr Dasein ist. O ja, Gott hat es gelehrt, schon von alters her: es vergeht kein Leben, weil Er, der Schöpfer, es aus dem Lebensborn der Ewigkeit für Sein Kindervolk herausgehoben hat. Wer ist Sein Volk? Wir wenigen, die wir uns ‚Juda‘ nennen?, die anderen Völker? Daniel sah die Zahl und konnte sie nicht zählen, sondern sagte nur: Tausend mal Tausend und Zehntausend mal Zehntausend (Dan. 7,10; O.J. 7,9). Wenn an dem und wir wollen nicht dran zweifeln, dann steht doch fest: kein Volk der Welt noch anderwärts ist das ‚Volk des Herrn‘!

Ewig hat der Herr Sein Reich gegründet, während die Materie vergeht wie jeder Mensch, wie jede Kreatur. Blickt dorthinauf, wo der Höchste Seinen Thron und Seine Stadt errichtet hat, die hehre Stadt ‚Licht-Heilig‘! Seid nicht traurig, wenn Juda‘s Jerusalem, wohl ein Sinnbild jener hohen Stadt (OJ. 21, ab V. 16), den Wert der Welt verliert. Zu Gottes Stadt laßt uns im Herzen und im Glauben wallen, die Gott Zebaoth Sich ewiglich errichtet hat. In ihr allein ist wahres Leben, da allein bleiben wir in Seinem Schutz und Schirm geborgen. Dorthin laßt uns von den Gnadenhänden führen, wenn unser kleines Tagewerk vollendet ist.“

Langsam, manche tief berührt, andere wieder kopfschüttelnd, weil sie meinen: Der ist bloß ein Spinner, gehen fort, Engel — ? so was gibt‘s nicht mehr. Vielleicht einmal früher, zur Zeit des Abraham, Mose, hm — Josua soll ja mit einem Engel Jericho bezwungen haben. Immerhin, man macht sich doch Gedanken, weil die Stimme mächtig klang, nicht wie die des jungen Mannes.

Dieser ‚junge Mann‘, Sacharja, mit einem Herzen voller Liebe und voll Trauer ob des Unverstandes, nicht merkt noch merken wollte, das Gott, der Gnadenvolle, kam, um zu trösten, aufzurichten, die Seelen von der Welt zu lösen, in der gar so viele fest gefangen sitzen. Er geht den Leuten nach, biegt dann aber ab.

Hier in Silo, nicht sehr weit ab vom Platz der Gotteshütte, stand einst sein Vaterhaus, ehe sie vor siebzig Jahren nach Babylon getrieben wurden, woselbst er, Sacharja, erst geboren ward und noch kurz vor jener Gnadenwende, als König Kores das ganze Volk ziehen ließ, er die Eltern dort begraben lassen mußte. Vom schönen Haus ist nicht viel übrig, die Mauern sind fast ganz zerstört. Doch er hat noch eine Kammer vorgefunden, die er mit Mühe ausgebaut und worin er wohnen kann.

Dort setzt er sich auf einen Hocker nieder, betend: „Herr Gott, unser Vater Zebaoth, Du hast Deine Hände ausgestreckt, so und anders und war immer Deine Güte und Barmherzigkeit. Es schadet nichts, da ich jetzt so ärmlich wohne und — zwar falsch — hat es schon gestimmt, zuletzt in Babylon nicht schlecht gelebt zu haben. Doch zuvor? Das ist vergessen, wieviel Männer, Frauen, Kinder kläglich umgekommen sind und sogar Dein großer Daniel erst lang hat leiden müssen, bevor die Könige ihn anerkannten. (s. in: ‚Babylon, du Große’)

Was Gutes er hat schaffen, lehren, helfen dürfen — wenige sind‘s, die in Dankbarkeit daran gedenken, schon wieder viel davon verloren haben. Wenn Du willst und hast mich gerufen — sieh, Herr, laß mich tun nach Deinem Wohlgefallen und dem Volke helfen, für das Innere, das so viel wichtiger ist als jede Hilfe für den Leib. Gewiß, auch dafür soll man sorgen im gerechten Maß. Allein, all zu sehr denkt man ans Äußere und vergißt, was Deine Ewigkeit beschert.

Sitze ich nicht gleichfalls ärmlich im Gemäuer? Habe ich nicht manchmal nichts zu essen?, und hast allezeit geholfen, ewiglich getreuer Gott und Herr! Ich kann Dir keine Gabe bringen, außer denn mein Herz, meine Seele, meinen Geist und mein Gemüt, das an Deiner Gnade sich erfreut. Wenn Dir, Heiliger, dieses Wenige genügt, dann nimm es auf in Deine guten Vaterhände.“

Durch das innige Gebetsversenken hat Sacharja nicht gemerkt, wie wiederum das Licht zu ihm getreten ist. Erst dann, als er eine Hand auf seinem Haupte spürt, sieht er hoch. Noch ist‘s fast nur ein Schein, den er sieht; allmählich erst wird aus dem Lichte die Gestalt und setzt sich neben ihn, der vor seligem Schreck zur Seite weicht. Bin ich es denn wert, wenn Gottes Engel mir nun sichtbar wird?, so nahe, beinah menschlich, und die sanfte Wärme ihn umhüllt? Ich bin nicht besser als jene, die von mir gingen und — vielleicht — wieder kommen wollen.

„Mein Freund vom Licht“, spricht der Engel, „du machst dir viele Sorgen um die Brüder, um die Frauen und Kinder, und hast sogar die Tiere nicht vergessen. Gut ist, weil du mit dem Wenigen, was dir geblieben ist, zufrieden und dankbar bist, während andere dem Schöpfer ihren Zank und Vorwurf vor die Füße werfen. Sie meinen, daß sie dieses können. Glaubst du, das Licht, der Heilige, nimmt das Gemurre an? Das verläßt nicht mal die Welt, geschweige, daß es höher dringt, als ein Vogel fliegt.“

„O Engel Gottes, tief neige ich mich vor dem Herrn und auch vor dir. Ich glaube, es ist sogar gut, wenn das Gezeter nicht bis in den Himmel dringt. Es möchte daraus sogar noch ein Segen für die Murrer werden . . .“ „. . . ein unverdienter“, fällt der Engel ein. „Ja, so wird es sein; denn unverdient ist alle Gnade Gottes, sonst — hm — darf ich sagen, was ich denke?“ „Sonst wäre es gar keine Gnade“, deckt der Engel den Gedanken auf.

„Genau, Sacharja. An sich ist jede Gnade unverdient; wisse jedoch auch: man kann Gottes Gnade nachverdienen, wenn man sie erkennt, sich Mühe gibt, das Weltkleid abzulegen, die Seele gänzlich frei zu machen. Dann freilich wird aus Gnade über die Barmherzigkeit ein offenbarer Segen, wie bei dir.“ „Bei mir?“ verwundert sich Sacharja. „Ja, Gottes Segen wirkt; aber daß er auch . . .“ „Laß dich unterbrechen, sonst betrübst du Gott, was du gewiß nicht willst.“

„Du bist der Engel Gottes und siehst mein Herz. Gott nie betrüben wollen, habe ich von Kindheit an gelernt. Bloß trotz des Wollens ist das Gelingen gar oft mager (Röm. 7,18).“ „Sei dessen nicht zu bang und siehe ein, ob nicht des Vaters Liebe manches streicht, das Fehlende, was der Mensch nicht voll vermag.

Du hast fernerhin gemeint, es wäre gut, weil du ärmlich wohnst und nur ein Gemäuer hast, kein richtiges Dach ist da. Bevor du jene Bilder siehst, die Gott dich sehen lassen will, sei ein anderes erst eingeschoben.“ Des Engels Hand legt sich wieder auf Sacharjas Haupt und er fühlt sich wie entrückt. Die Zukunft zeigt sich ihm, wie der Heilige als Heiland, als Erlöser auf die Erde kommt, ganz arm, äußerlich, reich an all den Opfern, die Er Selbst auf Seine Opferstätte legt.

Tief erschüttert wacht Sacharja wieder auf; es war ihm wie ein Traum, das ganze Bild, es drang durch seine Seele. „O Engel Gottes“, stöhnt der Mensch, „das — nein, o nein!, unmöglich ist. . .“ „Was ist bei Gott unmöglich?“ Streng gefragt. „Beuge dich nicht nieder, du hättest falsch gedacht. Was die Gottheit tut, wird den Menschen meistens unverständlich bleiben, weil der Materie verhaftet. So es nur ums eigentliche Leben geht, ist‘s kein Fehl. Wo jedoch trotz Wissen die Erkenntnis und der Glaube weggeschoben wird, bleibt es eine Sünde. Dies muß abgegolten werden! Das Maß dafür kennen in der Volle nicht einmal die hohen Fürsten, wenn sie es auch spüren und — so gesagt — im Geheimen wissen.

Doch nun sollst du sehen, was du Willigen bringen kannst. Bist du allein, bin ich sichtbar da; bei der armen Herde bleibe ich verborgen. Nicht mit Zwang soll jemand glauben; das führt zu nichts. Aus der Freiheit des Gewissens sich zu Gott erheben lassend, bringt den Glaubenssegen aus der Ewigkeit.“ Sacharja kann nichts sagen, bloß stumm, voll brennendem Dank, drückt er des Engels Hände, die sich wieder auf ihn legen. Und er sieht — (K. 1,8-17)

Als das erste Bild vorüber ist, hat sich der Tag geneigt und er erinnert sich, daß er die Leute zum Platz der Heiligen Hütte rief. Er eilt rasch hinauf, dabei sinnend: Es war wunderbar, als Gottes lieber Engel bei mir stand. Aber halt!, ruft er sich zur Ordnung auf: er ist nicht gegangen, ich spüre seine lichte Wärme und das Nahesein, Dank, Dank, mein Vater Zebaoth.

Indessen ist er angekommen. Wenn man sich im Geist versenkt, ist sein Gedanke, dann ist‘s noch immer so, als stünde da die Hütte, so wie Mose sie errichtet, Josua hierher bringen durfte. Welche Güte! Es sind viel mehr Leute als früh es waren und kommen auch noch welche nach. Kofar, Hasabar und Matuja stehen beieinander, Letzterer tuschelnd: „Wird nicht viel werden. Was will der junge Mann uns etwa bringen, was wir Alten nicht schon wüßten?“

Hasabar hebt leicht die Schultern: „Warte ab. Bringt er was Gutes, was unserm Volke nützlich ist, hören wir ihn an. Hat GOTT ihn berufen — und ich möchte nicht daran zweifeln —‚ kann er bringen, was wir noch nicht wissen oder uns in der Gefangenschaft entfallen ist.“ „Entfallen ist uns viel“, fällt Chofar ein, „oder noch gesagt: man hat es nicht mehr wissen wollen; für viele stand Gott nicht bloß abseits, nein, Er stand ganz fern, man hatte Ihn weit weg geschoben. Und erst später, durch Daniel, ist man allmählich wieder aufgewacht.“

Ein großer Mann, nahestehend, sagt verhalten: „Es wäre höchste Zeit, wenn die ganze Menschheit, nicht bloß ihr Wenigen, aus trägem Schlaf erwachen würde.“ „Wer bist du denn?“ fragt Matuja garstig. „Du gehörst doch nicht zu uns.“ „O ja, ich gehöre! Ich stamme von Nehemias Ahnen und war bei Daniel auf der Durahöhe. Habe viel gesehen, viel erlebt, und man kennt die Geschichte. Lang ist‘s noch nicht her. Oder — — ?“

„Wie heißt du?“ fragt Chofar, der sich zum Fremden hingezogen fühlt. „Ich habe einen Namen vom Geschlecht erhalten: Hachalja. Mir liegt daran, all das Gute, was Daniel vollbringen durfte, im Volke zu befestigen, nach und nach. Jetzt gilt anderes aufzunehmen; denn ich hörte unlängst eine Stimme: ‚Mache dich auf und geh‘ gen Silo, dort wirst du viel aus Gottes Herrlichkeit erleben. Schütze den Prophet, den GOTT ersehen hat, der äußere Schutz ist gemeint, gegen böse Anfeindung. Der Lichtschutz ist längst vorbereitet. Für den brauchst nicht du zu sorgen.‘ Nun bin ich gekommen.“

Es wird erst einmal ringsum still, als Sacharja auf eine kleine Höhe steigt. „Freunde, heute ist etwas Wunderbares über uns gekommen. Aber nicht nur, weil der HERR uns wieder in das Land der Väter führte, sondern uns auch wieder Seine Offenbarungsgnade schenkt. Denn ich sah:

Ein Mann saß auf einem roten Pferd, unter den Myrten in der Aue und waren rote, braune und weiße Pferde da.“ „Die gibt es bei uns nicht“, lacht Matuja, „kaum haben wir noch Esel.“ Hachalja tritt auf den Spötter zu, leise sagend: „Wenn du jetzt nicht ruhig bist, bringe ich dich fort, zu König Kores. Nur wünsche ich dir nicht, daß du für immer stille wirst.“ Matuja duckt sich zusammen, zumal mehrere ihn verwarnen. Indessen spricht Sacharja weiter:

„Ich sprach: ‚Mein Herr, wer sind diese?‘ Bei mir stand der Engel Gottes, der mich belehrte. ‚Es sind Gesandte Gottes, die die Welt durchziehen, daß die Länder stille werden. Ich (der Engel) stand vor Gott und fragte Ihn, ob nun die schwerste Last vorüber wäre und das Land und Jerusalem wieder aufgerichtet würde. ER gab mir den Trost zur Hand, damit ich ihn den Ärmsten bringen solle. Dir, Sacharja, ist‘s gegeben, daß du die Gnade Gottes bringen kannst. Predige: ‚So spricht der Herr:

» ICH eifere um Mein Jerusalem, und um Mein Zion, was bedeutet: Es gilt Meinem hohen Friedensreich mit der Stadt Licht-Heilig, welche Ich errichtete, bevor ein äußerliches Werk aus Meinen Händen kam. Denn erst baute Ich die Stätte, ehe Ich Mir Kinder aus dem Born des Lebens hob. Was gilt Mir wohl ein Land und eine Stadt, die vergänglich sind? Ward Ich zornig über alle Heiden, so frage Ich: Wer sind Heiden? Solche, die im fremden Land geboren wurden oder jene, denen Ich Mein Wort gegeben hatte und sind abtrünnig geworden, daß sie vergaßen wer ICH bin?!

Schaut selbst in eure Seelen und merket auf, daß ihr euch zu wenden habt, soll Meine Gnade bei euch bleiben. Barmherzig will Ich jedem sein, wer sich zu Mir bekehrt und nicht töricht redet wider den, dem Ich zur Nacht das Bild gegeben habe. Wer sich freilich an die Welt, an die Vergänglichkeit des Äußerlichen hält, der wird Mir nicht begegnen können. Ob ICH ihm begegne, dem Törichten «‚ Matuja hat sich bei diesen Worten weit zurückgezogen, »  wird jeder merken, der nicht zur Einsicht kommen will, keine Reue, keine Buße kennt.

Man wird meine Worte jetzt und später nur zu gern aufs Äußere münzen, auf Stadt und Land, auch Mensch und sein Gehabe; doch Ich sage euch: wie ICH ewig bin, werde Ich Mein Ewig immerdar erhalten! Wer sich einfügen läßt, ist geborgen. Nun denkt ihr Menschen, die ihr ins weltliche Vaterhaus gekommen seid, es gälte nur das Jetzt, euer Land, euere Stadt, euer Tempel und der arme Reichtum dieser Welt. Weit gefehlt, ihr Kinder, die ihr noch nicht richtig hören wollt, nicht merken, um was es ewig geht. Klammert ihr euch ans Vergängliche, werdet ihr mit diesem untergehen, daß nur wenig übrig bleiben. Haltet ihr euch an Mein Wort, an Meine Gnade, so bleibt Mein Ewig euch er halten! «

Sonderbar — diese Stimme. War es Sacharja, der das sprach? Neben ihm stand jetzt Hachalja, mit stummem Dank. Der Prophet erwacht wie aus einem Traum. Die Menge war betroffen von dem ‚Wort‘; denn noch denken sie an ihre Stadt Jerusalem, an den Tempel Salomo‘s, an all das, was sie wieder haben wollten. Nur ganz geheim, uneingestanden, merkt man: es geht wirklich um was anderes als um alle Dinge, die uns weltlich reich und wieder fröhlich machen — nach siebzig Jahren der Gefangenschaft.

Hachalja führt Sacharja fort, die Leute gehen auseinander. Aber was, was wird noch kommen — —

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