3. Kapitel
Sacharja 3
„O Freund Hachalja“, seufzt eines Morgens der Prophet, „es ist schwer, alles aufzunehmen und zu verstehen.“ „In der nächsten Woche gehn wir wieder hin nach Silo. Es waren nämlich etliche, die hier einkehrten, um von dir Weiteres zu hören. Aber was bedrückt dich jetzt?“ fragt der Hausherr. „Mir war sonderbar in dieser Nacht, es ist schwer zu benennen“, erwidert Sacharja. „Mich drückte etwas nieder und hob mich dennoch hoch.“ „Hast du ein neues Bild bekommen; irgendwie habe ich‘s im Traum gefühlt.“
‚Ja, ein neues Bild und mir an sich noch unverständlich, obwohl der Engel es mir deutete.“ „Erzähle, wir werden schon des Lichtes Faden finden, um es zu berichten, wer es hören will.“ „Hast recht, mir geht es in der Seele um, zumal ich einen Namen hörte, von dem wir wissen, wie stark sein Träger unter Gottes Führung stand. Im Bild sah er ganz anders aus, als uns überkommen ist. Nun höre:
Ein Hohepriester ward gezeigt mit Namen Josua, doch mit unreinen Kleidern angetan, was doch nie den Josua betrifft, der nach Mose Israel ins Land der Väter führte.“ „Das ist undenkbar“, sinnt Hachalja laut. „Ob das nicht wen anders betrifft?“ „Nun ja, ich merkte, daß der Engel, der immer im Namen des Herrn zu mir kommt, auf den Namen unser ganzes Volk bezog. Allein, ungut klingt dazu das ‚Hohepriester‘.“ Sacharja stützt seine Stirn in beide Hände. Plötzlich sieht er auf. „Mir kommt wieder, was der Engel sprach.
Mir wurde außerdem gezeigt, als der Heilige mit Satan sprach und ihn schalt, weil derselbe noch eben immer nicht zur Einsicht kommen wolle und müßte längst erkennen, daß seine selber sich gelegten Fesseln dünn geworden wären, auch seine Schar geringer. Ja, ER, der Herr, nannte ihn den ‚Brand, der aus dem Feuer errettet würde‘, zu GOTTES Zeit.
Unter ‚Hohepriester‘ wären die gemeint, die sich auf hohe Stühle setzen, gleichgültig, wann und wo, daß sie statt des Lebensbrotes oftmals Steine bieten, was später (V.9) mit einem Stein sich offenbarte. Der Name selbst, sprach der Engel, hätte nichts zu gelten, es solle bloß das Zeichen eines Namens all der Weltlichen sein, zumal jene mit betreffend, die sich hohe Namen wählen und sind nie jemals deren Träger gewesen.
Auch Jerusalem ward wiederum benannt. Weil ich nicht das Tiefste sah, fragte ich, ob mit Jerusalem und Hohepriester unsere Stätte anzusehen sei. Da lächelte der Engel und zeigte hoch ins Firmament, unendlich höher stehend, als der Mensch dem Himmel sieht. Da wußte ich: es gilt ewig und allein die Hohe Stadt des Höchsten.
Nun ward dem Josua, wie mir gezeigt, die unreinen Kleider ausgezogen und er stand nackt vor mir. Der Engel sprach: ‚So wird nach und nach das Ungut falscher Lehrer weggenommen, daß man sehen kann und muß, wie hohl die Lehre war, eben unrein, und daß dann die Blöße zu erkennen ist. Eben so: Die Leute werden wach und prüfen selbst, was ihnen dargeboten wird und erkennen, wie vieles falsch, wenn auch nicht immer böse auszulegen ist. Denn die Lehrer werden ja gelehrt und glauben, was man ihnen bot. Allein, sie sind denkende Geschöpfe, mit Gottes Geist begnadet und können selbst die Wahrheit merken.
Sieh, Sacharja‘, sprach der Engel, ‚der Gottes-Wahrheit wird, für die Menschen so gesagt, neue reine Kleider angetan, ein neuer Hut gegeben, die ‚Obhut Gottes‘, Sein Schutz und Schirm, daß unter dieser Obhut je ne Kinder Gottes, die zum wahren Glauben kommen, zeugen können, mit großer Kraft. Die äußert sich nur nicht mit weltlicher Gewalt. Meist geht das Zeugnis still, bescheiden seinen Weg. Allein um so herrlicher wird der Herr es offenbaren!‘ Weiter deutete der Engel mir das Bild:
‚Der Herr wird mit allen rechten, sie fragen und ermahnen, daß, wenn sie auf Seinen Wegen wandeln und des Dienstes warten, wird der Herr sie auch erhöhen, auch jene, die falsch geredet haben und zur Erkenntnis durchgedrungen sind. Kaum wirst du verstehen‘, mahnte mich der Engel, ‚wenn Gott spricht: » . . . so sollst du regieren Mein Haus und Meine Höhe bewahren!, und Ich will dir geben von diesen (eine große Schar der Engel), die hier stehen, daß sie dich geleiten! «
Alles das, Sacharja, betrifft keine Weltlichen, sondern Gottes Volk auf Erden. Denke jetzt nicht bloß an Juda; denn überall sind Gottes Kinder eingesetzt. Du auch! Glaubst du, dem Allmächtigen, der unendlich wunderbare Werke schuf, sähe nur auf einen Einzelnen, bloß auf ein Volk, auf diese Welt? Da irrst du dich und wirst noch manches lernen müssen! Sei jedoch getrost und nicht betrübt. Wer lernt, sei es auch nicht gleich im vollen Maß, weil auf der Welt beengt, dem geht der Weg des Lichtes nicht verloren.
Sieh in allen Bildern stets zuerst das Himmlische und wo nötig, um des Segens willen, hänge dann das Irdisch-Weltliche mit an. Auf diese Weise wirst du viel erkennen und viel lehren dürfen, Dinge, die man allgemein nicht kennt. Statt Josua, von dem du nun schon weißt, daß es keinerlei Person betrifft, spricht der Herr:
» Ich will Meinen Knecht Zemach kommen lassen!, denn sieh, Ich will auf den einen Stein (ua. Jes. 28, 16), den die Bauleute verwerfen werden (Ps. 118, 22; Matt. 21, 42), Meine sieben Augen legen: «
Das sind Gottes sieben Eigenschaften, aus Seinem viergeteilten Herzen offenbart. Und hörst du noch, der Herr wird an einem Tag die Sünde des Landes wegnehmen, so sei dir erklärt:
‚Zemach‘ bedeutet Sendung in sich selbst. Für die Hingefallenen und für die Getreuen kommt die LIEBE wie ein Sohn — Zemach; denn GOTT allein weiß zu erlösen! ‚Land‘ bedeutet hier zweierlei. Lichtgeistig ist stets das ‚hohe Reich‘ gemeint, Gottes Empyreum, und hat in dieser Folge nichts mit der Materie, mit dieser Welt etwas zu tun. Doch da der Höchste, den ihr mit Recht auch ‚Herr Zebaoth‘ nennt, nie etwas aus seinem heilsgewohnten Händen gibt noch gar verliert, gilt im zweiten Sinn das ‚Land‘ auch die Materie insgesamt. In ihr haften ja die armen Hingefallenen, in sie gehen Gottes Kinder ihren Beihilfweg. Und das verstehst du schon.
Wenn hernach auch eine für die Menschen lange Zeit verstreicht, bis alles sich enthüllt und vollenden wird, so ist das himmlisch nur ein Strich, weit weniger, als eine Ewigkeitssekunde durch die Schöpfung schlägt. Dann wird auch geschehen, daß es keine Lücken gibt, einer wird des andern Freund und Bruder und eine Schwester sein, sich geistig gegenseitig lieben oder wie das Bild dir zeigte: sie werden sich unter den Weinstock und den Feigenbaum führen (V.10).
Noch erkenne, was der ‚eine Tag‘ bedeutet. Es ist der sechste Schöpfungstag, an dem GOTT-Vater Sich Sein Kindervolk erschuf. Und an diesem einen Tag geschah der Fall; an eben diesem einen Tag wird die Erlösung sich vollenden, wie der Höchste ewig vorgesehen hat, wird durch den Dominant des Tages: Seine sechste Eigenschaft, die LIEBE, als Zemach-Sohn, Versöhner, Versöhnung auf die Erde kommen, um den Schlußstein der Errettung offenbar zu machen.
Und noch das: Weinstock bedeutet Wahrheit, Feigenbaum die Liebe. Nichts anderes wird es dann im Reich des Vaters sein noch geben! Das ist ein zugedecktes Bild für lange Zeit, was du sehen durftest und soll davon doch die Kunde ausgetragen werden. Wer sie erkennt, hat seinem Herzen nach die Wahrheit und die Liebe aufgenommen und trägt Gottes Licht in sich, daß er leuchten darf, gleichgültig, sei das Lämpchen größer oder klein.‘ Damit war das ganze Bild beendet. Ich wachte auf, wußte gar nicht, wo ich war, bis ich deinen Ruf vernahm, Freund Hachalja.“
Sie sitzen sich gegenüber, die beiden Männer, sehen sich an und senken ihre Augen, so überschauert sie das Licht als die Erkenntnis, die ihnen hier zuteil geworden ist. Aber wie es anderen vermitteln, wie deuten, damit die Hörenden sich gleichfalls aufwärts wenden, wie in der Herrgottsfrühe Sacharja und Hachalja es vermögen; allein —
Letzterer unterbricht zuerst das Schweigen, in welchem Gottes Flügel wehten voll Güte und voll Liebe. „Es wird schwierig sein, das hohe Bild dem Volke beizubringen und nur wenige werden sich erfassen lassen, daß sie merken, um was es wirklich geht in unserm Leben auf der Welt. Nur schaffen, um — wenn auch nötig — das Leben zu erhalten; das wäre wirklich mager, wenn man doch weiß: einmal ist alles Hab und Gut zurückzulassen und keinen Faden nimmt man mit in seine Todeskammer. Unwürdig unseres Gottes, uns so die Lebensstraße gehn zu lassen!
Ich bin einmal weit gewandert, viele Monde lang und traf Menschen an, die äußerlich uns gleich, doch waren sie sehr hoch gewachsen, auch mit hellerer Haut als wir sie haben. War nicht das Wichtigste, was ich erleben durfte. Komisch war — ich kannte sie doch nicht, weder ihre Art noch Sprache, sie aber konnten mich verstehen, obgleich sie unter sich ganz anders sprachen.
Diese Leute, ich staunte über ihre hohe Wesensart, kannte Gott, weit höher, heiliger, als unser Volk vermag, trotz Abstammung von Abraham. Als ich von diesem sprach, lächelte ein Mann, es war ein Oberster und sagte, sie kennten Abraham und zwar besser als die von ihm weltlich Abgestammten. Sie wüßten auch, wer dem Geiste nach er sei: Muriel, Träger des Ernstes. Ah, ich lernte da in kurzer Zeit viel mehr, als zuvor in allen meinen Jahren.
Ja, diesen Leuten deine Engelsbilder aufzuzeigen — Freude wär es und gnadenvolle Seligkeit. Aber hier“, Hachalja seufzt tief auf und Sacharja tut‘s ihm nach. „Dennoch wollen wir es tun, lieber Freund und wollen unserm Volke dienen. Vielleicht dadurch einmal vielen Menschen. Denn das ist mir gewiß: Eine ‚Gotteskunde‘ geht nie, niemals verloren! Ob wenige, ob hundert oder tausend Jahre über unser kleines Weltall ziehn — das Licht einer Offenbarung bleibt, weil es Gott, der Höchste, Seinen Kinder gibt!“
„Das stimmt genau“, bestätigt es Hachalja, „dessen braucht‘s ja keine Untermauerung, was unser Gott, der Höchste, in allen Seinen Werken tut — nichts geht Ihm verloren und — soweit gegeben, nicht Seinen Kindern, die ihm aus Dienstbarkeit und Liebe nahestehen — stehen dürfen. Nun, wann wollen wir hinauf nach Silo? Nicht nur dich, Prophet des Herrn, bedrängt es sehr, all das Herrliche den Menschen darzubringen; auch ich bin voller Drang. Bloß wie man es den andern gibt, weil Juda leider noch viel Störrische hat, die kaum anderes im Sinne haben als Weltliches zu erraffen, als Ehre, Reichtum und noch mehr.“
„Laß uns nach dem Mittag gehen, dann sind wir in Silo, wenn die Leute ihre Arbeit niederlegen. Abends kommen sie schon gern, und mit des Vaters hohem Segen wird es uns gelingen, sie von all dem Weltkram einmal zu befreien. Uneinsichtige gibt es immer, Freund Hachalja, gewiß auch bis ans Ende dieser Welt. Aber was wir bringen dürfen — der Segen wird niemals verwehn.“
„Rasten wir, auch habe ich im Hause einiges zu tun. Jahrzehntelang stand ja alles leer, das meiste auch vernichtet; und sehr sind die Brüder nicht zu schelten, wenn sie an den Wiederaufbau denken.“ „Das tut nicht einmal der Herr, ansonst hätte Er uns nicht den Weg durch die Materie gehen lassen dürfen. Vielleicht wird es uns gegeben, das Tiefere meine ich, warum und zu welchem Zweck wir auf der Erde leben.“
„Das zu wissen wäre mir sehr wichtig, wenn ich es auch glaube, daß in allem Wirken des Allmächtigen ein purer Segen liegt. Ob wir ihn er kennen, annehmen oder nicht, ändert nie den weisheitsvollen Plan des Herrn.“
Nachdem die Magd ein Mittagsmahl gerichtet hat, machen sie sich auf den Weg, in Gedanken tief versunken, rück- und vorwärtsschauend, als sie jäh verhalten. Am Rand des schmalen Steiges liegt ein Weib, verkrümmt und leise stöhnend. Die Männer bücken sich und richten dieses arme Weib ein wenig hoch. Sie blutet aus mehreren Wunden, und geschlagen worden ist sie auch.
„Was ist dir widerfahren?“ fragt Hachalja. „Kannst du reden, dann sage, was geschehen ist.“ Sacharja hat sein Tuch vom Hals genommen und wischt vorsichtig das Blut aus dem Gesicht der armen Frau. „Es war ein großer Mann, nicht gut anzusehen, der nahm mir meinen Beutel weg, obwohl ich wenig bei mir hatte. Als ich mich wehrte, schlug er auf mich ein und ließ mich liegen. O der Schmerz!“ „Wir helfen dir. Was man dir weggenommen hat, das bekommst du von mir zurück“, sagt Hachalja freundlich.
„Wir tragen sie ins Haus“, sagt Sacharja, „es ist nicht allzu weit. Mit Silo — das hat Zeit. Erst muß der Frau geholfen werden. Das ist wichtiger als alles andere.“ „Auch die Prophetie?“ fragt Hachalja und wundert sich, weil für ihn Gottes Offenbarung an der ersten Stelle steht. Dabei möchte er ja auch der Armen helfen. „Sicher sind Gottes Worte und was ER zu sagen hat, vor allem anderen das Wichtigste. Nur vergessen wir es nicht: Schon Mose und noch andere, David gaben kund, den Armen zu helfen (ua. 2. Mo. 23, 6 u. Ps. 82, 3). Gehen Wort und Tat nicht Hand in Hand, dann verfehlt man leicht des Herrn Gebot.“ (Matt. 25, 40)
„So gesehen, hast du recht, Sacharja, bist auch ein Prophet und hörst am besten, was der Herr befiehlt.“ Gemeinsam tragen sie das Weib zurück. Hachalja, in manchen Dingen kundig, versorgt alles Weh. Sacharja tröstet es und die Magd, allzeit hilfsbereit, sorgt für Speise und Trank. „Hier bist du sicher und wartest, bis wir wiederkommen“, wird die Frau ermahnt! „Es kann Abend oder etwa morgen früh erst werden. Beachte das!“ Die Frau ist viel zu schwach und fühlt sich sicher. Nur wenn sie an ihr eigenes Häuschen denkt, an zwei kleine Enkel, die sie betreut, steigt Sorge in ihr hoch. Sacharja spürt es gleich und fragt:
„Wie heißt du denn und wo wohnst du?“ „In Silo“, haucht die Frau. „Meine Tochter und ihr Mann sind in Babylonien geblieben — tot! Sind zwei Kinder da, die mich brauchen. Mein Name ist Hortysa und gehört zum Stamme Benjamin. Man kennt mich auch.“ „Da sehen wir gleich nach dem Rechten. Für die Kinder sorgen wir, habe also keine Angst; wir waren auf dem Weg nach Silo, als wir dich fanden.“ Erleichtert und sehr dankbar ist die Frau.
„Es gibt leider noch viele Bösewichte“, seufzt Hachalja auf, als er und Sacharja endlich gehen können. „Babylon hat unterm Volke viel verdorben, und wäre nicht ein Daniel gewesen — wer weiß, was von uns allen übrig blieb.“ „Gewiß“, bestätigt es Hachalja, „das mindert aber nicht die Schuld der Argen und jener, die GOTT verloren hatten, um in der Fremde reich zu werden. Du siehst es an Matuja, der wird sich schwerlich wenden.“
„Wer nicht will, dem wird der Herr auf anderem Wege begegnen, wo es kein Ausweichen gibt.“ Streng gesagt. Sacharja nimmt des Freundes Hand, herzlich drückend. „Streiche deine Falten wieder aus deiner Stirn, es ist nicht aller Tage Abend, kein Baum wächst in den Himmel. Gott richtet jedermann die Sperre auf: ‚Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter‘ (Hiob 38, 11). Ob König oder Bettelmann — allen gilt Sein Wort, die sich wider Gott erheben. Mögen manche lange herrschen und auch prassen — einmal schlägt die Stunde, wo Gottes ‚Halt‘ ertönt. Für uns auch, Freund Hachalja, wenn durch Seine Gnade auch in einem andern Sinn.“
Augen voller Dankbarkeit sehen den Propheten an. Später meint Hachalja: „Bin gespannt, was sich diesmal an Gottes Hüttenplatz ergibt.“ „Ohne weiteres haben sich nicht viele umgedreht; allein, lassen wir den Engel wirken, den der Herr uns freundlich beigegeben hat. Vielleicht hat er schon den Weizen von der Spreu getrennt.“
„Gut gesagt“, ertönt es neben beiden Männern. Sich halb umwendend sehen sie das ‚Licht‘, das sich als ‚Wanderer‘ ihnen zeigt. » Seid getrost « ‚ spricht der Herr, es wird sich zeigen, wer sich von Meinem Gnadengeist berühren läßt. Mein offenbarer Segen bleibt stets bei denen, die sich Mir vertrauen. « „Und die anderen?“, fragt Hachalja, der jetzt auch den Engel sieht. „Du meinst jene, die nicht dem Herrn gehören wollen?“ Hachalja nickt. „Nun, neben Gottes offenbarem Segen gibt es den geheimen, weil ohne diesen sich kein Werk erhalten läßt, es sei eine Sonne oder bloß ein Mensch. Nur wirkt sich das verschieden aus, in des Höchsten Hand aber einerlei!?
„Wie gut!“ Sacharja greift von sich aus nach des Engels Hand, mit dem Gefühl: dem Geiste nach ist‘s Gottes Hand, weil ER den Boten zu uns sandte. „Ich geh‘ mit euch“, spricht das Licht, „doch nun ungesehen, weil andere mich noch nicht ertragen können. Auf Gottes Gnadenplatz in Silo werdet ihr erfahren, wie rasch sich etwas ändern kann. Ein Vorauslohn, der an sich dem Himmel angehört. Doch weil ihr der armen Frau geholfen habt und nehmt sie mit den Kindern bei euch auf — darum.“
„Das wird erfüllt!“ ruft Hachalja aus, „ich danke Gott, weil ich ein wenig helfen darf.“ Der Engel lächelt, er ist wieder unsichtbar geworden. Bald kommt man in Silo an. Noch ehe sie zur kleinen Höhe kommen, wo die Hütte stand, begegnet ihnen Chofar. „Welche Freude“, ruft er aus und umarmt herzlich die beiden Kommenden. ‚jeden Tag auf den Abend bin ich hoch gegangen, hab‘ gewartet, ob ihr wiederkämet. Innerlich hab‘ ich‘s gespürt: Ihr kommt, mein Herz war voll Sehnsucht angefüllt. Doch nicht ich allein. Es sind mehrere hinaufgestiegen und gestern Abend sagte man: ‚Wenn Sacharja kommt, wollen wir ihn hören.“
„Sieh an, welche Freude:“ Sacharja dankt innerlich für diese Gnade; denn vielleicht — ob sich nicht doch einmal ganz Juda wenden läßt? Ein Wunsch, ein Traum; zu unterschiedlich hat der Mensch sich selbst gemacht. Immerhin — Gnadeninseln wird es überall und immer geben.
„Ruht euch von dem weiten Weg erst etwas aus“, mahnt Chofar, „in dessen rufe ich zusammen, was sich rufen läßt.“ „Vergiß Matuja nicht“, lacht Hachalja, „vielleicht ist er das Salz zur Suppe!“ „Wenn ihr meint? Jene, die schon auf euch warten, sind ihm nicht besonders hold gesinnt. Schon in den paar Tagen hat er überall gewühlt.“ „Hat er auch jemandem geholfen?“ „Nein.“
„Gott ruft die Schafe und die argen Widder“, sagt Sacharja ernst, „wir wollen tun, wie Gott es haben will.“ „Gewiß“; doch ein wenig skeptisch geht Chofar in die Stadt. Sacharja ruft ihn aber noch einmal zurück. Die Kinder — o ja, die Kinder sind zuerst zu suchen. „Ist noch was Wichtiges?“ fragt Chofar. „Kennst du die Witwe, eine alte Frau, namens Hortysa? Sie hat zwei Enkel.“ „Da müßte ich erst jemand fragen“, entgegnet Chofar. „Mir ist sie nicht bekannt.“ Sacharja berichtet ihm, was sie unterwegs erlebten und daß die alte Frau im Hause des Hachalja wäre und da bleiben soll.
„So eine Niederträchtigkeit“, regt sich Chofar auf. „Diese Lumpen gehörten . . .“ „Laß gut sein“, beruhigt Hachalja den Aufgebrachten. „Es wird immer Arge geben. Die Kinder müssen wir betreuen und wenn es geht, kann die Frau mit ihren Enkeln bei mir bleiben.“ „Ihr seid treue Helfer“, verneigt sich Chofar leicht. „Wenn alle also täten, dann . . .“ „. . . wären wir im Paradies“, lacht Sacharja, setzt aber ernst hinzu: „Die Menschen gehen ihren Gang, einige nach oben, andere niederwärts. Allein — es wird noch kommen, daß der HERR die Menschen fegt. Dann — vielleicht — kommt die Menge zur Besinnung, nur bis es soweit ist — — ?“
„Geh, Chofar, bringe uns die Kinder“, Hachalja bittet förmlich, so viel liegt ihm daran, der armen Frau zu helfen. Nun eilt Chofar fort und es dauert gar nicht lang, die beiden Männer warteten, da bringt Chofar zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen, ängstlich, mager und so dürftig angezogen — ein Jammer ist‘s, daß es solches Elend gibt.
„Ich hole Hirma“, erbietet Chofar sich, „die ist auch allein, nur nicht so dürftig und ist ein gutes Weib.“ Man ist erleichtert, die Kinder werden gut versorgt; abends werden sie dann mitgenommen. Chofar hatte nebst der Hirma einen langen Zug von Menschen hinter sich, fast hundert Männer und Frauen folgten nach. Bescheiden, doch ein wenig stolz, berechtigt, sagt er zu Sacharja: „Mit allen habe ich gesprochen und gesagt, daß dich der Herr erwählte, Seine Worte uns zu bringen, das echte, das so lang verloren war. Manche waren zwar nicht gleich dabei“, wispert er, „und manche – na ja, es wird bei manchen Neugier sein.“
„Das schadet nicht“, lächelt der Prophet. „Sieh, Chofar, aus Neugier kann sich Wißbegierde bilden und aus ihr der Drang, sich GOTT zuzuwenden. Und das ist wichtig!“ Hirma bringt die Kinder weg und Chofar samt der Menge folgen dem Propheten nach, der mit Hachalja zum nahen Hügel strebt. Eben da, wo Gottes Gnadenhütte stand, bloß da sollen sie das Licht erhalten.
Es wird rundum still, als Sacharja ihnen so das Bild, des Engels Wort verkündet, wie er es Hachalja brachte. So so, scheint der Herr sich unserer zu erbarmen; denn wo Seine Offenbarung wirkt, ist Er da nicht Selbst? Gemurmelt wird manch Gutes, doch der Widersacher, Matuja, kann‘s nicht verwinden, weil Sacharja, zumal Hachalja, ihm sein Ungut vorgehalten hatten. Er ruft laut:
„Was soll uns das? Wir leben auf der Welt. Hier haben wir uns abzumühen, wieder aufzubauen, was die Heiden — Gott verdamme sie — zerstörten!“ Es sind nicht wenige, die Matuja Widerworte geben. Doch was anderes geschieht. Sacharja sieht, was mit der armen Frau am Weg geschah. Mit wenig Schritten ist er bei Matuja, traurigernst sieht er ihn an und fragt: „Soll ich sagen, was du tatest und hast ein armes Weib fast dem Verderben preisgegeben?“ „Ich?“ Lang gedehnt, die Angst verdeckend, die den Befragten überfällt.
„Gestern klopfte jemand bei dir an und bat für hungernde Kinder um ein Brot. Du kennst die Witwe Hortysa, hast sie sogar in Babylon gekannt, und ihr schweres Schicksal. Für das Brot wollte sie dir eine Arbeit leisten.“ „Ist mir nicht bekannt“, lügt Matuja und will gehen. Hachalja, der sofort sah, worum es geht, hält ihn fest. „Wenn der Prophet des Herrn dir solches sagt, dann stimmt es auch. Pfui, du hast die Witwe weggejagt! In ihrer Not war sie ins Nachbardorf gegangen, hoffend, daß sie da etwas bekäme. Unterwegs ward sie überfallen und der Übeltäter ließ sie in ihren Wunden liegen. Weißt du Matuja, wer vor Gott der größere Übeltäter war?“
„Befrage Gott!“ Pure Angst, die das sprechen ließ. „Der Hauptübeltäter bist du, Matuja. Denn hättest du der Witwe, dir bekannt, und kannst‘s nicht leugnen, ein Brot gegeben, dann wäre sie nicht auf dem sauren Bittweg überfallen worden. Wie der HERR es mit der Untat — mit der deinen, wohlgemerkt — abrechnen wird, wirst du einst erfahren, wenn du vor Seinem Richterstuhle stehst!“
Kalkweiß stürzt Matuja fort. Er sieht es nicht, spürt es aber im Gewissen, wie drohende Fäuste sich erheben. Trotz allgemeiner Armut melden sich gleich mehrere, die der Witwe helfen wollen. „Das segnet euch Gott-Zebaoth“, dankt Sacharja. Er ist wie Hachalja voller Freude, daß es doch noch ‚gute Leute‘ gibt. Er berichtet auch, wo sich Hortysa jetzt befindet, beschützt und gut aufgehoben, und daß ihre beiden Enkel zu ihr kommen.
Da geht manch einer tief beschämt davon, doch GOTT zeigt es auf: Mit Seinem Segen geht Er ungesehen durch die Reihen. „Wir werden immer kommen, wenn du uns die Gotteslehre bringst“, sagen viele zu Sacharja, und Hachalja erntet manchen Dank für seine gute Tat.
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