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Sacharja – 4. Kapitel

4. Kapitel

Sacharja 4

Ein paar Wochen sind vergangen, in denen jeden Sabbath Sacharja und Hachalja hinauf nach Silo gingen. Die Witwe Hortysa und ihre Enkel leben wohlbehütet bei den beiden Männern, und in Silo ist die Halle fertig. Wer konnte, half fleißig mit. Man hat sie innen auch ein wenig ausgeschmückt nach den Symbolen, wie aus der Stiftshütte noch bekannt, und Bänke aufgestellt, so daß bei den Zusammenkünften eine oftmals heiliggute Ruhe herrscht, wenn Sacharja sprach.

Nun sitzen beide wieder mal sehr früh allein beisammen, im Hause des Hachalja, der leise fragt: „Du hast letzthin keine große Offenbarung und . . .“ „Laß dich unterbrechen, lieber Freund. Bei unserem Herrgott gibt es an und für sich keine kleinen oder großen Offenbarungen; bei Ihm ist alles groß und wundersam (OJ. 15, 3 ua.).

„Ich denke ganz gewiß nicht anders; doch die Bilder, die du bisher hattest, waren für mich eine Gnade sondergleichen. Weißt ja, wie die Leute sind. Beim letztenmal wurde ich gefragt, ob du nichts besonderes mehr bringst oder ob du kein Prophetentum mehr hättest. Freilich, deine Lehren haben sie gern aufgenommen, und mir geht‘s in diesem Sinne auch nicht um die Leute, es geht mir um dich! Deine Bilder waren für mich einmalig herrlich und habe deinen Engel auch erlebt und — GOTT! Heute siehst du wieder — wie soll ich‘s nennen? — himmlisch aus. Hast du wieder Herrliches erlebt?“

‚Ja, Hachalja“, erwidert der Prophet sehr ernst. „In dieser Nacht kam der Engel wieder her zu mir und weckte mich, wie Mütter ihre Kindlein wecken. Ganz hellwach war ich und er stand neben meinem Lager. Dabei war mir aber so, als ob wir wo ganz anders stünden; nur kann ich dir nicht sagen, wo es war. Es war ein schweres Bild. Bei allem mußte ich den Engel fragen, was dies und jenes zu bedeuten hätte. Ja ja, man ist leider noch zu sehr ein Mensch.“ Es folgt ein kleiner Seufzer.

„Seufze nicht, Sacharja; ich meine, solange wir den Weg durch die Materie gehen, dürfen wir gewißlich Menschen sein und bleiben; nur kommt es darauf an, wie man lebt.“ „Ganz recht, Hachalja, und GOTT weiß es am besten, was wir für ein Gemächte sind (Ps. 103, 14). Ja, in dieser Nacht hat Er auch meine Unzulänglichkeit bedeckt; denn viel Geduld hat der Engel aufgebracht. Doch nun höre:

Der Engel fragte mich dann, was ich sehe, es war ein zweites Wecken, weil ich schlaftrunken war. Plötzlich wurde es ganz hell; denn ich sah einen Leuchter, ganz aus Gold. Allein das Licht auf ihm war wie eine große Schale und erst an dieser, ihrem Rand, brannten sieben Lampen. Ganz verwunderlich war das, weil jede dieser Lampen sieben Röhren hatte. Leuchter oder Lampen nimmt man nachts zur Hand oder stellt sie in die Kammer. Wenn aber neben diesem goldenen Gebilde zwei Ölbäume standen, einer rechts, einer links, wie sollte ich erkennen, was diese zu bedeuten hätten? Ölbäume wachsen doch im Freien. Trotz Ahnung war ich ungewiß, was ich daraus machen sollte und fragte nun den Engel um das Bild.

Ob ich‘s nicht erkennen könne, prüfte er, schließlich war ich schon in manches eingeführt, was allgemein der Mensch nicht weiß. Das Erste, was der Engel sprach, war mir nicht geläufig. Ein ‚Serubabel‘ ward genannt, als Gott Zebaoth. Den Namen kennen wir, hier aber war er so gedeutet, daß Sich der Höchste damit Selber nannte und Weisung gab: » Es solle nicht durch Heer und Kraft geschehen, sondern allein durch Meinen Geist! Du, der du dich von Mir gewendet hast, dünkst dich wie ein Berg so stark und groß und solltest vor Mir eine Ebene und schöne Aue sein. Aber ICH habe Mir ein Haus erbaut und habe jenen ersten Stein gesetzt (OJ. 1, 17), auf dem alle Meine Werke ruhen und ICH werde es vollenden (Rückführung Sadhanas). «

Erkenne in den sieben Lampen an der Schale Gottes sieben Eigenschaften, die Grundlebensstrahlen als da sind: Wille, Ordnung, Weisheit, Ernst, Geduld, Liebe und Barmherzigkeit. Noch bedeutet die Schale auf dem Leuchter: Gott hat Seinen Herrschaftswillen für die Kinder Seiner Ordnung nachgerückt, damit sie liebendfrei mit Ihm verkehren konnten. Weiter bedeuten dann die jeweils sieben Röhren an jeder Lampe: Jede wundersame Eigenschaft trägt je ein Siebtel von den anderen in sich und denke nicht, ermahnte mich der Engel, ein Siebentel wäre nicht sehr viel.

Er, der Engel, hatte mir zuvor auch noch gesagt: Der eine Leuchter, leichtlich zu verstehen, ist GOTT Selbst, der Höchste, mit dem Lichtglanz Seiner Herrlichkeit. Die Schale obenauf bedeutet: Der Schöpfer hält Sein Werk in Seinen Händen, hebt es hoch, zumal Sein Kindervolk, damit eben Seine Kinder, die Wanderkinder freilich nach und nach, erkennen, wer und was im tiefsten Sinn der Schöpfer ist. Darum zeigt Er auch Sein Wesen her.

Nie werden Kindgeschöpfe diese Herrlichkeit erfassen, wie Gott in Seiner Macht alles in Sich birgt! Daß jedoch die Kinder einen tragbar gerechten Anteil haben sollten, hat jede Lampe für Gottes Kinder eben sieben Röhren, Sinnbild der Weiterleitung. Damit ist zudem bedeutet: Gott hat — im Symbol — sieben Augen; denn mit jener Eigenschaft, die bestimmenden und tragenden, durchforscht Er jedes Kindes Herz, überwacht Er alle Seine Werke, seien es die größten Sonnen, sei es eine Mücke eurer kleinen Welt.

Auf meine Frage, was die Ölbäume zu besagen hätten, lächelte der Engel etwa so: Bist du so töricht, daß du nicht die Klarheit siehst? Nenne sie Gesalbte, man wird ja später deine Worte gar nicht anders deuten, weil die sich groß Gemachten gern sich gegenseitig salben, daß heißt erhöhen, allein nicht selten sich dabei bekämpfen. Aber geistig, Sacharja — das allein gilt ewiglich — bedeutet es das Tiefste der Gottheit (Röm. 11, 33), nämlich Seine beiden Schöpfungsfundamente: Seine UR Bedingung, ohne welche nie ein Werk bestehen bleiben kann, auch kein Kind, kein Mensch, und das von IHM zum Hocherheben Seiner Kinder das Freie-Willens-Gesetz!

Diese beiden Grundgesetze gleichen Seiner Macht und Liebe! Darum ist es dir gezeigt als Ölbäume, die ihre Früchte tragen. Nun legte mir der Engel seine Hände auf und sprach: Dir wird geholfen, dieses Heilige zu offenbaren, zunächst für die Menschen dieser Zeit, soweit sie es erfassen können. Verloren aber, du Prophet des Herrn, verloren geht vom Heiligen nichts! Denn das Licht, hier der goldene Leuchter, Gott Selbst in Seiner Herrlichkeit, überflutet all Sein hochgesetztes Tun und Walten.

Nun merkte ich, Freund Hachalja, daß an sich dieses Bild zu Ende war, und doch so davon benommen, daß ich noch immer diese sanften Hände spüre, den Laut der lieben Sprache höre. Aber ganz verstehen? Ja, mein Freund, da wird es noch ein Weilchen dauern, bis alles in mir klar geworden ist.“

„In mir ganz bestimmt“, flüstert Hachalja. Dann die Frage: „Wie bringt man es den Freunden dar? Es sind gute Leute, glaubensfroh; nur ob sie dieses Bild verstehen?“ „Dein Engel hat gesagt, daß er dir hilft; und wo solche Hilfe ist, sollte da nicht auch zugleich das ‚Licht des goldenen Leuchters‘ ihre Herzen helle machen? O mein Freund“, Hachalja umarmt den Propheten, „was ich jetzt erleben, was ich hören durfte — unbegreiflich ist die Gnade Gottes, daß Er uns, Seinen kleinen Menschen, all das Herrliche, Erhabene offenbart!“

Es ist früher Abend, und am nächsten Morgen wollen beide Männer, Sacharja und Hachalja, nach Silo gehen, als die Witwe Hortysa bescheiden an den Pfosten klopft, hinter dessen Vorhang sich die Männer noch beraten. Freundlichst wird ihr zugewinkt. „Was hast du auf dem Herzen, fragt der Hausherr. „Es ist ungehörig“, zittrig klingt die Stimme, „mich in etwas einzumengen, was euch — ach ja, denke ich — von GOTT gegeben worden ist. Aber diese Nacht sah ich wachend wie ein Licht durch alle Räume gehen, wußte aber nicht, was das zu bedeuten hatte. Bloß, daß ich gar nicht ängstlich war und dachte: Gott segnet dieses Haus, weil ich und meine Enkel aufgenommen worden sind.“

„Du hast recht gesehen“, spricht Sacharja und nimmt die welken Frauenhände in die seinen. „Schau, du hast damals, als über dich die große Not gekommen war, Tochter und Eidam an einem Tag verloren, du wurdest selbst bedroht, und dich vor zwei kleine Kinder hingestellt. Das wird dir Gott niemals vergessen und hast nun schon den Lohn; denn Hachalja nimmt dich für alle Zeiten auf, solang du lebst und wird für deine Enkel sorgen.“

„Gott unserer Väter sei gelobt!“ Tränen netzen das Gesicht der alten Frau. „Und noch etwas“, fügt Sacharja an, „wenn du willst und möchtest dich von manchem alten Hergebrachten wenden, da solltest du Anteil an dem Hohen haben, was Gott in dieser Zeit uns offenbart. Es war des Volkes Glaubensrede: der Gott unserer Väter! Also nicht der eigene, nahe Gott. Man schob und schiebt Ihn — ach so gern — in eine Ferne, um Ihm nicht nahe unter Seinem Blick zu stehn. Das ist ein großer Glaubensfehler.“

Verwundert horcht Hortysa auf. „Hm, ja, eigentlich hast du ganz recht, bist auch ein Prophet des Herrn. Bloß habe ich noch nicht darüber nachgedacht, man sagte eben so. Jetzt, jetzt ist mir unser Gott sehr nah geworden und wenn ich etwas hören darf —‚ bitte, ich mag noch lernen.“ „Sieh an“, lacht Hachalja, „ein liebes Mütterchen und weiß trotz langem Leben, daß man bei Gott und Seinen Sachen immer Neu es lernen darf und kann: Hohes Heiliges! Du sollst also hören, soweit es möglich ist, von den Bildern, die Sacharja sieht und des Engels Stimme hört.“ So geschieht es auch. Ihrem Alter angepaßt, wird Hortysa in Zukunft eingeweiht. Sogar den Enkeln, für die im kindlichen Begriff, wird gar manches beigebracht. O ja, Gottes Segen geht durch dieses Haus.

Anderntags gehen die beiden Männer hinauf nach Silo. An einem Wegkreuz treffen sie einen Mann und eine Frau, die am Rande ruhen. „Ist‘s erlaubt?“, fragt Hachalja, „uns zu euch zu setzen? Uns tut eine Pause gut.“ „Warum nicht?“ sagt der Mann. „Hier ist ja Gottes Erde, die IHM gehört; da wird sich jeder niederlassen dürfen.“

„Ein gutes Wort“, mischt sich Sacharja ein, „hätte nicht gedacht, daß es in Israel noch solchen Glauben gibt.“ „Glauben? Israel? Da bist du schief gewickelt!“ Ernst, und ein wenig traurig sieht der Mann Sacharja an. „Seit unser Volk so lang in Babylon gefangen war, ist vom Glauben vieles abgebrochen; und Israel gibt‘s nicht mehr. Wir sind bloß noch zwei Stämme: Juda und Benjamin.“

„Gehörst du denn zu diesen?“ fragt Hachalja. „Ja, ich und meine Frau gehören zum Stamm Benjamin und waren schon in Babylon. Ihr wohl nicht, weil ihr so fragt?“ Der Mann wird skeptisch, sich mit den ihm fremden Männern einzulassen. Heutzutag ist vieles allzu ungewiß und noch lauern überall Gefahren. Allerdings, die beiden sehen nicht wie Schergen aus, oder Büttel. Immerhin —

„Brauchst dich nicht zu ängsten.“ Sacharja greift nach des Mannes Hand als Zeichen: wir sind Freunde. Und sagt es auch. „Wir gehören wie ihr dem Judenvolke an. Mit dem verlorenen Israel hast du ganz recht. Mein Freund war lange Zeit in Syrien und anderwärts, hat Not und Sorgen kennenlernen müssen, genauso wie wir am Euphratstrom. Ich bin daselbst geboren.“ „Da darf ich wohl Vertrauen zu euch haben. Ich heiße Sebana, meine Frau Miriam. Und ihr?“

„Kein Geheimnis,“ Hachalja nennt seinen und Sacharjas Namen, bloß wird noch verschwiegen, das Letzterer prophetisch ist. „Wo wollt ihr hin?“ „Nach Silo, ein Prophet soll dort erstanden sein. Aber ob es jetzt noch welche gibt? Auf Berichte gebe ich nicht allzu viel; ich will selber prüfen, mir eine eigene Meinung bilden.“

„Sehr gut getan!“ Sacharja lächelt vor sich hin. Hat der Herr uns neue Helfer zugeschickt?, für den Glauben, vielleicht auch für die Lebensnot? Denn der Mann und seine Frau sehen nicht gerade ärmlich aus. Und freundlichgute Augen haben beide. „Ist‘s euch recht, dann können wir gemeinsam gehen. Auch unser Ziel ist Silo.“ „Wollt wohl gleichfalls prüfen, ob es mit dem Propheten stimmt?“ „Ungefähr“, gibt Hachalja scheinbar zu. „Nur mit dem Unterschied: ich kenne den Propheten und weiß, daß er wahrhaftig Gottes Zeuge ist.“

„Du kennst den Gottesseher schon? Erzähle“, drängt Sebana hastig. „Ihr wißt ja nicht, wie wir, meine Freunde und ich, ach wie oft von früher sprachen, als einst der Gott unserer Väter“, hier schmunzeln beide Männer: der alte Zopf!, „uns Propheten sandte, den Elia, Elisa, Jesaja und andere mehr.“ „Warte jetzt erst ab, du kommst auf deine Kosten.“

„Es täte wahrlich not, wenn Gott uns wieder eine Hilfe schickt, für das Innere, meine ich“, Sebana schaut dabei zum Himmel auf, „für den Wiederaufbau unseres Landes freilich auch. Wohl hat der Gott unserer Väter uns den großen Daniel geschickt, durch den gar manches Unheil abgewendet worden war. O ja, wenn er helfen konnte, da hat man ihn gern angehört. Sonst —“

„Erreg‘ dich nicht zu sehr“, warnt Sacharja, „du weißt, wie viele Leute sind. Wir selber auch manchmal. Oder nicht? Und hernach noch keine wahre Bindung mit dem Herrn, unserem Gott! Sieh, du hast wie leider es in unserem Juda üblich ist, gesagt: der Gott unserer Väter! Er ist also auch noch nicht dein Gott; du schiebst Ihn in die unbekannte Ferne der Vergangenheit. Ist Er aber nicht allgegenwärtig?, auch uns Heutigen nahestehend? Oder meinst du, wir kämen bloß über unsere Patriarchen einst zu Gott, wenn unsere Lebensuhr für diese Erde abgelaufen ist.

„Halt‘ ein!“ ruft Sebana, währenddessen Miriam mit glänzendem Blick Sacharja betrachtet. Sie hatte längst einmal darüber nachgedacht, doch nie gewagt, ihren Mann zu fragen. „Es ist doch wichtig, daß wir an Abraham und an all die guten alten Hohen denken und . . .“ „. . . sicher ist das gut“, unterbricht Hachalja, der dem Propheten nur zu gerne sekundiert, aus innerstem Gefühl heraus, „dies soll niemandem genommen werden. Die Achtung vor des Volkes Großen wie es zumal auch Mose war und andere, muß sogar bestehen bleiben. Das hat aber nichts mit unserem Glauben, mit der ‚persönlichen Hingabe‘ an GOTT zu tun.

Eine Frage: habt ihr Kinder?“ ‚ja, zwei Jungen und ein Mädchen“, berichtet Miriam froh, „sie sind zu Hause bei der Ahne, da sind sie bestens aufgehoben, wenn wir, mein Mann und ich, wie jetzt nach Silo gehen.“ „Fein“, lächelt der Prophet und hakt wieder selber ein. „Ist es euch recht, wenn eure Kinder eine Bitte oder Frage an euch haben, dies aber über eure Ahne euch zu wissen tun, also selbst nicht zu euch kommen?“

„Wo denkst du hin!“ ereifert, sich Sebana, „das wäre widersinnig, wenn sie nur über unsere Ahne, ist zwar gut, sagen wollten oder etwas bitten.“ „Eben! Kinder sollen im Vertrauen und in Liebe zu den Eltern kommen. Meinst du“, fragt Sacharja nun sehr ernst, „es wäre nun bei Gott, der unser VATER ist (ua. Jes. 63, 16), etwa anders? Oder wäre Ihm nicht ewig lieber, wir, Seine Kinder, würden unsere Bitten, nicht vergessen unsern Dank, Ihm selber sagen?“ Ein längeres Schweigen folgt. Sebana sieht vor sich hin, wägend, was ihm jetzt zuteil geworden ist. Neu — ? Hm, er hat nie darüber nachgedacht, obwohl er stets beim festen Glauben blieb.

„Das ist zu überdenken“, sagt er vor sich hin, „recht hat er ja, der Mann“, er meint Sacharja. Endlich sieht er auf. „Etwas Neues hast du mir gebracht und ist eigentlich was Altes, das einem in der Oberflächlichkeit des Denkens nur verloren ging. Bitte, lasset uns euch folgen“, zeigt er auf sich und seine Frau, „alsdann finden wir Kontakt, wenn es in Silo eben wieder einen Gott-Propheten gibt. Ob er auch so denkt wie ihr?“ Beinah klingt die Frage kindlich und ist so ernst gemeint, weil Sebana wünscht, alle Leute seines Volkes sollten nunmehr denken: Gott, der nahe Vater!

„Dann kommt, es wird Zeit, daß wir in Silo unsre Freunde treffen, die auch an Gottes Worten hängen, obwohl Er sie durch den Propheten künden läßt.“ „Aha ja“, meint Sebana noch einmal im alten Sinn, „ich gebe euch zwar recht mit einem nahen Gott, zu dem man eben selber sprechen kann; aber wenn — warum redet Er nicht selbst, bloß durch Propheten?“ „Hast ganz schön angestochen“, meint Hachalja, „hast‘s aber doch nicht ganz genau begriffen.

Sieh, wenn der Herr durch jemand Seine Worte, Seine Offenbarung künden läßt, dann ist Sein Gnadengeist ganz nah bei uns. Wir, als Menschen, könnten Ihn vielleicht nicht ganz ertragen, weil uns so vieles an Erkenntnis fehlt. Hast‘s ja selbst an dir gemerkt. Nun gibt Er Seine wunderbare Liebe kund, eben, weil Er nicht in Seiner Herrlichkeit erscheint. Das wird aber einmal wiederkommen, wie es zur Zeit des Abraham, Mose und den Lichtgesandten war.

Heute, Sebana, lasse uns genügen an der Gnade, die uns widerfahren ist und wird; und deine Miriam hat es schon ganz fest ins Herz genommen.“ „Meine Frau?“ So erstaunt ausgerufen, daß Sacharja und Hachalja herzlich lachen müssen. Letzterer sagt: „Auch noch ein alter Zopf, wie ‚der Gott unserer Väter‘.

Gott hat Seine Töchter lieb, merk‘ dir das, Sebana! Denn ehe du zur rechten Einsicht kamst, hat Miriam es gleich erfaßt, weil sie nämlich manchmal heimlich darum fragte. Denk‘ mal an die Richterin Debora, an Sara, die mit Gott gesprochen hat, an Ruth und andere Werte Frauen. Gott hat Sich Sohn und Tochter aus dem Borne Seiner Mitternacht herausgehoben, wie also sollten sie im Wert und Wesen unterschiedlich sein?

Und warum, frage ich, hat Mose auf der Bundeslade Cherubine und Seraphine aufgestellt? Spürst du nicht die Feinheit dieser beiden Arten? Cherub, das männliche Prinzip, Seraph, das weibliche Prinzip. ‚Saget der Tochter Zion‘, sprich Jesaja (ua. 61, 11) und könnte viele Stellen nennen, wo der HERR von Seinen Töchtern spricht.“

„Das ist mir völlig neu; eine Frau hat nichts zu sagen, sie hat zu schweigen (damals), da meine ich . . .“ „Denke drüber nach und laß uns gehen.“ Sacharja schreitet rüstig aus, Hachalja ihm zur Seite, das Ehepaar hinterdrein. ‚Hm, mit der Richterin — die soll sogar den Krieg gewonnen haben (Richt. K. 5)‘, sinniert Sebana und sieht verstohlen dabei auf die Frau. So kommen sie nach Silo, wo sich rasch die Leute sammeln. Es weht ein etwas scharfer Wind und so geht man in die Halle, die Sebana und Miriam bestaunen.

„Wer hat die hergestellt und so schön ausgeschmückt? Man könnte meinen — nach alter Sage —‚ so hätte Gottes Hütte in der Wüste ausgeschaut.“ Kofar, der die Neuen eingehend musterte, sagt freundlich: „Ich kenne dich zwar nicht, siehst aber wacker (gut) aus und bei Kleinem stimmt es auch, wenngleich wir nicht die Mittel haben, um unser kleines Heiligtum Gott wohlgefällig herzurichten.“

„Des bedarf es nicht“, sagt der Prophet. „Denn nicht das Äußere zeigt die Kraft des Glaubens an, sondern ganz allein das Herz, das Geistige gemeint, ob wir dieses für den Höchsten schmücken. Immerhin — tut man aus frohem Sinn das Äußere und soll Gott zum Ruhme dienen, dann ist beides vor dem Herrn gerecht: das Innere und das Äußere. Doch dir zum Bescheid“, wendet sich Sacharja an Sebana, „die Halle hat Hachalja bauen lassen und viele Siloer haben fleißig mitgeholfen, damit wir uns bei Wind und Wetter auch vereinen können.“ Darüber sind alle Helfer froh und Hasabar, der Altere, fragt: „Was bringst du Neues ‚Gottesseher? Wir warten auf das Wort des Herrn, denn was du bisher brachtest, war — wenn auch nicht leicht verständlich — immer wunderbar.“

Nachdem Stille eingetreten ist, berichtet der Prophet von dem goldenen Leuchter, von den sieben Lampen an der Schale und den sieben Röhren. Alles bringt er wieder ganz genau, wie er die Bilder sah und Hachalja mitgeteilt hatte. Ach ja, da gibt es hie und da ein kleines Seufzen. Wie soll man das verstehen? Wenn man — hier wieder mal — an den einen Gott der alten Väter glaubt, wieso sollte Er Sich teilen? Und das obendrein noch siebenfach? Von der ‚Vier‘ noch ganz zu schweigen. Fragen schwirren durcheinander, und natürlich: Matuja, mit seinem Freund Mijamin im Schlepptau, triumphiert.

„Merkt auf, ihr lieben Leute, wie uns ein Beelzebub verführen will! Da hätten wir in Babylonien bleiben können, wo es genug der Götter gibt. Wir aber“, brüstet er sich laut, „bleiben bei dem einen Gott, dem wir dienen.“ „Dienst du Ihm wirklich?“ fragt auf einmal Hirma, die es nicht verwinden kann, wie schlecht Matuja an der Hortysa gehandelt hatte, an anderen auch.

„Weiber haben nichts zu melden“, eifert Mijamin, um seinen Freund zu unterstützen. » Wer etwas zu melden hat, bestimmt der Herr! « Das ist so ernst gesagt, mit einer Stimme, ja, wer hat eigentlich gesprochen? Sacharja oder — und schon spricht die Stimme weiter: » Es wäre rühmlich, wenn man in der Tat Gott an die erste Stelle rückt und die Gebote hält, die Er zu Nutz und Frommen Seinen Menschenkindern anbefohlen hat. Es mag jeder in sich selber fühlen, ob er vor Gott bestehen kann.

Doch dich, Matuja, frage ich: Wieviel hast du Sinne? Kannst du darauf eine Antwort geben? Nein! Aber nur, weil du nicht willst! Merket alle: Gott in Sich Selbst ist unteilbar, Er ist und bleibt ewiglich der EINE! Allein, merkt es euch gut, Er hat aus Seiner Willensherrlichkeit die Schöpfung hergestellt, das unermeßlich hohe Empyreum, von dem ihr keine Ahnung habt und braucht‘s auf dieser Welt auch nicht zu wissen.

Dann hat Er all das Werk auf eine Ordnungsbahn gestellt, dazu aus Seiner Weisheit und dem Ernst, aus welchem letztlich Heil und Segen auf die Kinder kommt, die Er sich zur Freude schuf. Damit diese, auch die Menschen, Ihn erkennen lernten, hat Er in Geduld und Liebe jedem Kind den Weg bereitet: von IHM aus und wieder hin zu Ihm! Beschlossen hat Er all Sein Werk mit der Barmherzigkeit! Das sind die sieben Lampen, die Gottes Knecht gesehen hat; und die Barmherzigkeit leitet dieses alles Seinen Kindern zu, durch die Röhren! «

„Wer soll das verstehen? Das ist doch . . .“ Matuja zittert nicht allein das Herz, er muß sich mühen, still zu sitzen. Da geht ein Mann, namens Kadmiel, zu Sacharja, verneigt sich ehrerbietig und sagt: „Wir haben jetzt ein Wort vernommen, das von keinem Menschen kam, wenn auch der Prophet gesprochen hat. Jetzt ist uns Gott ganz nah gerückt, jetzt verstehen wir die Herrlichkeit des Herrn, soweit wir sie erfassen können. Es sprach ein Engel“, womit Kadmiel, weil er nicht ans Höchste denken wollte, der Wahrheit nahe kam.

„Matuja“, zeigt er auf ihn, „wenn Gott nicht mir dir — mit uns auch — barmherzig wäre, was würde dir auf deinen Hohn geschehen? Bei jeder Möglichkeit nimmst du Seinen Namen in den Mund, aber wie sieht deine Liebe aus, zu den Nächsten? Frage dich das selbst! Nun der Herr uns wieder einen Knecht gesendet hat“, dabei legt er eine Hand auf Sacharjas Schulter, „so laßt uns dankbar sein und uns belehren lassen. Überdies — ich hab‘ das Leuchterbild sehr gut verstanden.“ Danach setzt sich Kadmiel auf seinen Platz.

Matuja und Mijamin schleichen hüstelnd fort, während alle anderen sich um Sacharja scharen, manche bittend: „Bringe uns den Segen unseres Gottes.“ „Bringen darf ich ihn“, sagt der Prophet bescheiden, „wenn der Herrgott ihn mir anvertraut. Ansonst, alle meine Lieben — ein jeder darf doch selbst zum Vater gehen und seid gewiß: es wird Sein Segen jedermann zuteil.“

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