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Sacharja – 11. Kapitel

11. Kapitel

Sacharja 11

Man ist durch die sternenhelle Nacht gewandert, so war es nicht gegeben, sich zu unterhalten. Als die Sonne dann ihr Regiment antritt, ist man zu Hause angelangt. Nach einem Frühmahl gibt es eine Ruhe. Der Mensch braucht Schlaf und Pflege. Doch bald sind die Männer wieder auf. Jichri, der noch viel zu ordnen hat, fragt zuerst:

„Wir hatten Störungen erwartet und nichts ist geschehen. Möchte wissen, wer diese Barriere gerichtet hat.“ „Wer?“ fragt Hachalja. „Brauchen wir wohl nicht zu suchen, meine ich. Das Herrliche, was wir hören durften, das war die Barriere!“ „Ich sehe es genauso an“, sagt der Prophet. „Im Nachhinein hat es mich gewundert, weil nichts vom Bild gekommen war. Alles Schwere wurde nicht erwähnt.

Wohl — für die Silo-Freunde war das gut; nur sollten sie mit tragen helfen, damit der Glaube umso fester wieder wird.“ „Das kommt schon nach“, sagt Jichri, „bloß die Argen geben keine Ruhe. Leider nicht nur hier im stillen Winkel, den der Herr so hoch gesegnet hat. In Jerusalem geht es ungut zu. Bloß einige der Ältesten sind sich klar geworden, daß mit Hadersucht nichts zu gewinnen ist. Eines macht mir Freude: das Volk an sich versucht im Frieden aufzubauen. Hoffentlich wird Juda bald ein treues Volk, so — hm — wie einst es Abraham tat. Er würde all die Störrischen bezähmen.“

„Laßt uns noch einmal besprechen“, fängt Sacharja wieder an, warum gar nichts vom letzten Bild gekommen ist. Oh, das weiß ich schon:

Unser Vatergott hat das Herrliche gegeben; wie sollte es für alle nicht zum Besten sein? Wir werden es noch hören, ob Störenfriede vor der Halle standen und mithören mußten, was der Herr gesprochen hat. Wie sie es freilich deuten — das bringt uns noch Bitternis.“

„Laßt sie bringen“, lacht Hachalja, „sie schneiden sich ins eigene Fleisch. Das Böse ihres Weges ward vernichtet, es wird uns nicht belasten.“ Darin stimmen der Prophet und Jichri ein. Ein Weilchen reden sie noch über alles, als bald darauf der Klopfer an die Türe pocht. „Ah, wenn man den Wolf nennt —“ Jichri steht auf und sagt: „Laßt mich bitte öffnen, etwa weiß man nicht, daß ich mit hierher gegangen bin; denn ein bißchen Furcht hat man vor mir und sei dies Regem-Melech.“

„Du?“ Genau der Genannte steht vor der Tür. „Du bist beim Verräter unseres Volkes?“ keift Regem-Melech. „Wenn du meinst, ich wäre fehl am Platz“, erwidert Jichri, „so kann dasselbe ich dich fragen.“ „Ha, im Altenrat hast du falsch geredet und willst, aus den alten Tagen, ohnehin nicht gültig, Fürst von Juda sein?“ „Ob ich‘s bin oder nicht, geht dich nichts an. Was willst du hier?“

„Mit dem falschen Seher will ich sprechen. Haha, vor die Großen traut er sich nicht hinzutreten; die merken sofort, was dahintersteckt. Bei den kleinen ist er halt Liebkind.“ „Eben! Nirgends bilden Große eines Volkes Zahl. Das sind die Kleinen, von euch verachtet, obendrein noch ausgesaugt. Also?“ Die Frage ist unmißverständlich und Regem-Melech merkt es auch. Bitterböse ist sein Wort:

„Sarezer, Mijamin und ich wollten gestern hören, was bei euch getrieben wird. Wir standen eine Weile vor der Tür. Als wir falsche Gottesworte hörten — woher nimmt Sacharja diesen Mut, als GOTT zu reden? —‚ da graute uns, auch nur einzutreten. Darum bin ich heute hier.“ „So so, habt euch nicht getraut, hereinzukommen?

Wundert mich“, Jichri sagt‘s sarkastisch. „Mut habt ihr gehabt, Armen Letztes wegzunehmen; doch vor Gottes Angesicht zu treten, wagt ihr nicht? Geht‘s euch wie dem Adam, der sich hinter einem dichten Baum versteckte, als der Herr ihn rief (1. MO. 3, 8). Mich bedünkt‘s, daß EINER euch die Sperre legte; denn ihr kamet nicht, um zu hören.“ „Uns legt niemand eine Sperre, wenn wir was erreichen wollten“, tut Regem-Melech hoheitsvoll und klingt kläglich, unterdrückend das Gefühl: wir konnten nicht.

„Doch“, erwidert Jichri ernst, „EINER legte euch die Sperre, war kein Mensch, der den Eintritt euch verwehrte. Auch wissen wir, daß ihr nicht im guten Sinn gekommen seid; deshalb durftet ihr nicht stören.“ „Genug der Rederei, ich will mit Sacharja sprechen.“ „So tritt ein, bin gespannt, wie deine Rede läuft.“ Regem-Melech drückt Jichri grob zur Seite. Der tut, als merke er es nicht.

Im Raum sitzen der Prophet und Hachalja ruhigen Gesichts an einem Tisch. Auch hier ohne Gruß oder Warten, ob er willkommen sei, fängt Regem-Melech hastig an, beschimpft Sacharja als einen ‚Teufel‘, der das Volk rebellisch mache, dadurch des Landes Aufbau stört. Hachalja nennt er ‚dieses Teufels ersten Diener‘. Man läßt ihn lange reden, ohne Widerwort, ohne nur zu zeigen, was man vom Gerede hält. Zuletzt schreit Regem-Melech beinah ohne Atem:

Am Sabbat gab es ein Geplärr, das Sacharja heftig vorgebetet hat und schämt sich nicht, Gottes Name zu mißbrauchen. Das wird noch angezeigt, merke dir es gut; du mußt dann vor den Tempelrat“, „den es zur Zeit noch gar nicht gibt“, fällt Hachalja ein, „dann wirst du nie mehr reden können!“ „Du meinst?“ fragt Jichri. „Vom Tempel steht noch nicht einmal der Mauergrund, also gibt‘s daselbst noch keinen Tempelrat.

„Ha, der Altenrat ist längst gebildet worden“, „wissen wir; Gerichtsbarkeit hat er aber nicht.‘ „Das dauert nicht mehr lang und dann werde ich . . .“ „Wirst gar nichts können, weil du und deine sonderlichen Freunde vom Rat ausgeschlossen seid.“ „Jichri!“ Regem-Melech hebt die Faust und droht: „Wenn du nicht vernünftig wirst, geht‘s dir wie dem falschen Redner!“ Er zeigt auf Sacharja, der bis jetzt geschwiegen hat. Ist gut; die Stützen, ihm von GOTT gegeben, können besser rechten denn er als Mensch.

„Daß du mir drohst, tue ich dem Rat zu wissen. Brudermord wird streng geahndet.“ „Wer spricht denn von Mord?“ „Deine Augen, deine Zunge haben dich verraten!“ „Das bezeuge ich“, sagt Hachalja, „zumal Sarezers Einbruch in den Frieden meines Hauses nicht geahndet ist. Bisher haben wir geschwiegen; gebt ihr aber keine Ruhe, so kommt es nachträglich zur Sprache.“

Nicht zugegeben, eine Angst kriecht Regem-Melech an. Selbst das Volk war unterrichtet, das — mindestens zur Zeit des Aufbaus Juda‘s — niemand einem andern Schaden bringen dürfe. Daß der noch ungesühnte Raub des Matuja und Mijamin, des Regem-Melech und Sarezers verboten war, weiß jedermann. Bloß haben sich die Armen nicht getraut, gegen diese Männer vorzugehen.

„Macht euch nicht lächerlich“, tut Regem-Melech nebenher, „unser Rat hat mehr zu tun, als ein paar Nebensachen aufzubauschen.“ „Wie du das nennst, ist deine Sache; wie ich es vorzubringen weiß, und sei gewiß: im Namen des Allmächtigen werde ich es tun, wenn du nicht im Augenblick Hachaljas Haus verläßt!“

Jichri‘s Wort und Miene sind zu ernst, als daß Regem-Melech Widerstand jetzt leisten könnte. Mit einem gemurmelten Fluch und leis drohend: „An einer Ecke werden wir uns treffen“, geht er zornig fort. Immerhin, wenn auch im Recht, bleiben die drei Freunde doch bedrückt beisammen, bis der Prophet vor Jichri und Hachalja steht, wie in Silo es am Sabbat war.

» Seid nicht bedrückt, Meine Söhne; gegen MEINE Hand hebt sich ein Mensch vergeblich auf! Ob einer auf der Welt sich mächtig zeigt — nichts bleibt zurück als zuletzt ein bittervoller Tod. Ihr meinet, manche sterben trotzdem wie im Frieden? Scheinbar, nicht aber einer Seele nach. Man wird bildlich sagen: Libanon, tue deine Türe auf, womit man jenes weltlich unbekannte Reich des Gottes meint, von dem man weiß, daß es Ihn gibt, doch aus Sündenangst wird Er geleugnet.

Dann sage ICH: Ihr Tannen und ihr Eichen, die ihr vor der Welt prangen und sie beherrschen wollt — fallet um! Und die ihr wie ein Wald zusammensteht, um euere Kraft herauszustellen, sieh, du wirst umgehauen! Ihr versteht das Bild; denn auch unter eurem Volk gibt‘s manche, die sich mächtig zeigen und haben ihre arme Weltkraft nur geborgt, an sich gerissen.

Auch währt es bei euch nicht mehr lang, wie in andern Völkern es geschieht, daß sich viele priesterlich gebärden. Ich weise auf die Priester hin, die in Babylon die Herrschaft hatten, und sind alles falsche Hirten (Mietlinge, Joh. K. 10). Diese werden heulen, wenn sie der Todes-Engel holt. So wird, wenn das Volk den ‚echten Hirten‘ schlägt, die Pracht des Jordanvolkes zerstört und wird nie mehr werden, wie zu Abrahams gesegneter Zeit!

Die guten Gläubigen, Lämmern gleich, wird man verderben, dabei ihre Truhen füllen und sprechen: nun bin ich reich. Nicht wenige werden Meinen Namen nennen, als hätte Ich ihnen die Vergänglichkeit gegeben. Wenn es auch den Weltlichen wie oft gelingt meinend, sie säßen nun im Regiment, dann komme ICH über sie! Denn keiner nimmt ein Scherflein mit auf seinen Totenweg. Tot, so gesagt, weil ihre Seelen sich entblößten und währt lang, ehe sie im Jenseits wieder eine Gasse finden, obendrein aus Meiner Gnade ganz allein.

Ich hüte die Gejagten mit zwei Stäben: einer heißt Huld, der andere Eintracht, weil sie mit Mir einig sind. Die Stäbe gleichen jenen urgewaltigen Schöpfungsfundamenten: Meiner Willensherrlichkeit und Herrschaft, der Zweite dem den Kindern zubedachten freien Willensgesetz, daß sie zwar geleitet, aber nicht gefesselt sind.

Wenn Ich sage: drei Hirten werde Ich vernichten, so gilt das jener Zeit, nachdem die Mietlinge den echten Hirten (Jesu) schlugen. Denn dann werden sie nicht einen Gott mehr anerkennen, sondern drei. O ja, schon jetzt und seit Adam an hat der Mensch sich viel erdacht und dadurch viel verdorben.

Für die Weltlinge sieht es aus, als ob Ich Meinen Stab der Huld zerbreche und ohne Meine offenbare Führung — die geheime bleibt bestehn, weil ohne diese sich kein Lebenskind erhalten läßt — sind sie wie im Wind verweht, wie dürres Laub, das im Herbst von Bäumen fällt. Wer mit Mir rechten will, der tue es; gefällt es ihnen nicht, prüfe Ich, ob es gelten mag. Wenn nicht, so steht es bei Mir an; denn im voraus schon gesagt: dreißig Silberlinge bin Ich ihnen wert (Matth. 26, 15). In großer Vorschattung verkaufte man einst Joseph an die Ismaelen um zwanzig Münzen (1. Mo. 37, 28).

So werden denn die falschen Hirten das Verschmachtete nicht besuchen, das Zerschlagene nicht suchen, um zu helfen, das Zerbrochene nicht heilen und das Gesunde nicht versorgen. Diese vier Genannten sind die guten Seelen und wird man sie verderben, freilich nur dem Leibe nach. Allein, sie alle werden heimgeführt ins Reich Meiner ewigen Barmherzigkeit!

Jene, die die Guten jagen, werden meinen, sie hätten noch ein gutes Werk getan (zur Zeit der Inquisition). Doch liegen sie im Schlaf, wird die Qual sie überkommen. Und Ich sage: O ihr unnützen Hirten, die ihr auf der Welt Meine Herde verstreut, geknechtet und verdorben habt, Ich werde euch für eure Zeit (Zeit der Sühne) auch verlassen, daß ihr vergeblich sucht, rechtzeitig wieder gutzumachen, was euch nicht gelingt. Denn die ihr gemordet habt, könnt ihr nicht lebendig machen; die ihr zertreten habt, sind nicht mehr aufzurichten und bleibt euch also des Gewissens Last!

Über allem aber, Meine Söhne «‚ die Stimme klingt jetzt sanft und freundlich, » bleiben Meine Augen ewig offen, daß Ich zu Meiner Zeit die Argen aus der Finsternis errette, in die sie selber sich hineinbegeben haben. Seid getröstet, fürchtet euch der Zukunft nicht; denn Meine Schöpferhände wachen über allem Werk! Gesegnet seid ihr und gestärkt. Helft nebst den Armen den Verirrten, daß sich manche doch noch wenden möchten, solange sie auf Erden leben. Mein Friede bleibt bei euch!«

Schon wieder — unverdient — ein Gotteswort erhalten, denkt Jichri. Hachalja geht es ebenso. Sie sitzen tief geneigten Hauptes da und merkten nicht, daß Hortysa bei einem Türspalt stand und die Gnade miterlebte. Still zieht sie sich zurück, bescheiden denkend: das war für Gottes Söhne. Dabei ist ihr Herz voll Freude. Erst später wird sie einmal hören, wie reich sie mitgesegnet ward.

Indessen ist Sacharja aus dem Bildwort aufgewacht, wenn man es so nennen will. Er hat gesprochen und wußte nichts davon. Innerlich hat er jedoch alles aufgenommen. Er ist so tief berührt, weil er die Güte Gottes hat, daß ihm Tränen über seine Wangen rinnen. In stiller Übereinkunft wartet man den Abend ab; es ist ja auch zu viel an Unerhörtem, das ihnen widerfahren ist, da bleibt die Zunge stumm. Die Herzen aber beten an.

Jichri denkt einmal: ‚Wie soll man sie ertragen, obendrein noch lieben, die viel Arges tun? Und sind reife Männer. Junge Burschen lassen sich erziehen, notfalls kann man freundlich etwas übersehen. Doch ein Matuja und Konsorten?‘

Hachalja denkt genau das Gleiche, besinnt sich aber, daß er auch noch Fehler macht. Kein Mensch ist vollkommen, während der Prophet in seiner Kammer mit sich ringt, leise sprechend: „O heiligguter Vater-Gott, ich weiß, daß ist Dein Segen für uns alle; doch daß ich die Gnade habe, dein Knecht zu sein und was für ein magerer noch, es ist zuviel, was über mich gekommen ist“.

Da steht sein Engel neben ihm, legt eine Hand auf seine Schulter und fragt: „Meinst du, Gott hat kein richtiges Gewicht?, sowohl der Vatergüte, wie auch — wenn nötig — das Maß schöpferischer Zucht, die immer Gnade ist?“ „O weh, nun habe ich es ganz versehen. Wie darf ich, der kleine Mensch, denn mit dem Höchsten rechten?“

„Gerechtet hast du nicht; es war Demut, die Gottes Segen als ein Übermaß betrachtet hat. Solche Herzgedanken tragen wir, euere Betreuer, gern hinaus ins Sanktuarium und legen sie dem Vater vor Sein Angesicht. Von uns im Licht fragt keiner, was ER damit tut. Am Tagesende offenbart sich alles.“ „Am Tagesende? Es ist schon Abend, also müßte doch . . .“

„Jetzt hast du als Mensch gedacht und nicht als Gottes Seher. Sei nicht bedrückt, auch das ist eine Freude unseres Herrn! Bloß weißt du doch schon mancherlei vom Ablauf eines Schöpfungstages, und daß dessen Abend — für die Welt gesagt — so ferne ist wie ein Morgen von dem Abend. Du wachst des Morgens auf; was aber an dem Tag geschieht und was der Abend bringt, das weißt du nicht, das weiß kein Mensch. Der Weltling nimmt sich vor, was alles er am Tage richten will, was er dann am Abend sammelt und denkt nicht daran, daß die nächste Stunde schon sein Ende bringt. Sieh, so geht es uns im Lichtreich auch, bloß eben himmlisch.

Wir wissen, daß wir geistig Gottes Liebe-Abend und die Nacht erleben; aber was der Feierabend bringt, das ist uns auch verhüllt, außer jenem Wissen: das Herrliche der Abendseligkeit liegt schon vorbereitet in des Heiligen Herdes Lade. In dieser Hinsicht gebe ich dir sogar recht, sprichst du vom Übergewicht der Gnade Gottes. Gehe aber nun zu deinen Freunden; das Wort des Vaters will besprochen sein, damit ihr dann in Silo dieses Licht verbreiten könnt.“ Die Türe schließt sich unhörbar, als der Engel geht.

„Was hast du denn?“ fragt Hachalja, als Sacharja zu ihm und Jichri wiederkommt. „Du hast ein zweierlei Gesicht, ein fröhliches und ein trauriges.“ Jichri merkt es auch und meint: „Ich kann‘s verstehen; denn erst die wunderbare Segensfülle und das Böse, das uns zugetragen werden wollte.“

„Ach Freunde“, seufzt Sacharja, „der Herr war mit mir unzufrieden und sandte meinen Engel, um mich zurechtzubiegen.“ „Das glaub‘ ich nicht“, sagt Jichri, „du bist Sein Werkzeug und bist auch menschlich gut und treu. Unrechtes habe ich an dir noch nicht bemerkt.“ „Hast du eine Ahnung!“ lächelt der Prophet ein wenig schief.

„Ich hatte es zwar gut gemeint und unserm Vater-Gott für die viel zu hohe Gnadensendung danken wollen und gemeint, es wäre eben doch zu viel, was Er gerade auf mich legte. Da kam mein Engel und fragte mich, ob Gott zweierlei Gewichte hätte, ein zuviel und ein zuwenig. Er sagte dann zwar tröstend, gerechtet hätte ich wohl nicht und — na ja“, daß der Engel ihn entlastet hat, er — Sacharja wäre demütig, läßt er bescheiden aus und berichtet, was der Engel von der ‚Abendseligkeit‘ gesprochen hat.

„In Gedanken und mit leisen Worten hab‘ ich auch gerechtet“, bekennt Jichri. „Wenn ich bedenke, wieviel Weltkram ich oft auszutragen habe, wo mir kein Gedanke an den Himmel bleibt, meist erst hinterher, dann bekenne ich es laut: zuviel des Segens und der Liebe hat Gott über uns mit Seiner Lehre kommen lassen.“ „Genau“, stimmt Hachalja zu, „und kann ich meines Lebens lang niemals genugsam danken, daß ich die Herrlichkeiten miterleben darf.

Vielleicht sind die Menschen, wir also auch, nicht würdig; es ist eben alles —“ nochmals will Hachalja in Demut ‚unverdiente Gnade‘ sagen. Da hören sie ein Wort, nicht durch den Prophet, als stünde jemand ungesehen unter ihnen. Eine wunderbare tiefe Stimme, wie aus tiefem Brunnen kommend, läutet durch den Raum.

» Ob Kinder, dieses oder jenes, unverdiente Gnade haben oder aus des Herzens Liebe, Mir dargebracht, den Segen, Mich zu hören, könnt ihr wahrlich eurem Vater überlassen, sie zu bedenken und die Gaben auszuteilen. Gnade, in der Heilstiefe der Bedeutung, ist an sich stets unverdient; ansonst wäre es ja keine Gnade. Ob aus ihr die Güte fließt, Kindern zubedacht, überlasset Mir, dem Vater der Gerechtigkeit und Weisheit.

Wohl ist es Meine Vaterfreude, wenn jemand in der Demut vor Mir sein Ungenügend, die Verfehlungen bekennt, guten Willens sich zu bessern, dann geht aus Meiner Gnade jener Strahl hervor, der sie in diesem Falle streicht, um dafür Mein Wohlwollen herzuschenken. Das ist — einmal sei es euch zur Freude gesagt — bei euch der Fall, wie bei manchen meiner guten Kinder. Zuviel Lob verdirbt die Seele, zuviel Strafe kann aber ihre Kraft zerstören. So gesagt, weil der Weltmensch meist kein Maß besitzt. Er hebt hoch, er drückt auf den Boden nieder.

Nehmt Meine Worte in euch auf, sie entlasten euch und denkt stets daran, daß ich ein bedrücktes oder gar zerbrochenes Gemüt zu heilen weiß. Wo Kinder nicht bereit, sogar ablehnend sind, Meine Huld oder Gnade anzunehmen, meinet ihr, da würde Ich so offen wirken, wie es unter euch geschieht?

Mein geheimes Wirken ist freilich niemals ausgeschlossen; ohne dieses Wirken gibt‘s kein Leben zu erhalten, ob das lichtgeistige oder das vorübergehend weltliche gemeint. Ja, Selbst Mein erstes Lebenskind (Sadhana) wäre längst zerstört, völlig aufgelöst ob seiner Abtrünnigkeit, hätte nicht Mein insgeheimes Wirken es erhalten. Auch ein Teil der Abendseligkeit für alle Kinder, sowie zu Meinem urheiligen Schöpferjubel! Bleibet auf dem guten Weg, Mein Segen bleibt allezeit bei euch.

Nach diesen Worten tritt eine sonderbare Stille ein, wie sie die Freunde bisher nie verspürten und dachten doch, schon oft ganz still zu sein, weil, ja — : weil für die Menschheit letztlich doch die pure Vatergnade waltet. Eine Wonne geht durch ihre Herzen, daß die am liebsten —: „Man möchte schier die ganze Welt umarmen und sie mit einbeziehen in unseres Gottes Herrlichkeit.“ Das sagt als erstes Jichri. Beinah flüsternd. Er will die hehre Stille nicht vertreiben. Der Prophet und Hachalja stimmen Jichri zu; sie haben ebenso empfunden. Jichri fragt:

„Was könnten wir von all der überreichen Güte am Sabbat unseren Freunden in Silo bringen? Es war das erstemal, daß wir — wir — kaum auszusprechen, Gottes eigene Stimme hörten. O ja, auch wenn durch dich, Sacharja, Seine Worte kamen, war Er es Selbst. Doch so? Wie diesesmal?“ „Warten wir paar Tage ab“, meint Hachalja, „der Herr wird es Seinem Seher künden, was unsern Freunden dienlich ist. Denn zu sagen, daß wir allein — Ich halte es für nicht sehr gut.“ „Hast recht, Hachalja“, stimmt Jichri zu. „Ehrlich, auch ich würde fragen, warum nicht ich?, warum bloß die andern?“

Ist alles gut bedacht; denn nach drei Tagen, in der Nacht darauf, erhält Sacharja durch den Engel abermals ein weiteres Bild.

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