13. Kapitel
Sacharja 13
„Manchmal weiß ich nicht, wie ein Wort zu deuten ist.“ Sacharja sieht den Hausherrn trübe an, als sie eines Morgens bei dem Frühmahl sitzen. „Hast wieder Gottes Wort gehört?“ fragt Hachalja. „Weißt, es kommt mir vor, als ob mit Absicht alles wie verschlüsselt wäre; es ließe sich doch kaum auf unser Volk beziehen, obwohl das Haus David und die Bürger von Jerusalem hervorgehoben wurden.“ „Eben; Gott Zebaoth wird wohl nie ein kleines Volk und eine Stadt als Einziges erwählen, dem die Heilszusagen gelten.“
„Schon das eine: ‚Zu der Zeit‘! Welche ist denn da gemeint? Bleibt nicht alles in der Ewigkeit verhaftet? Ist diese hier genannte Zeit der Zukunft zuzuschreiben? Mit dem ‚Haus David‘ ist gewiß nichts Weltliches gemeint, sondern ganz allein die ‚Stätte Seines Lichts‘. Verständlich, daß dort der freie offene Born zu finden ist, wo es keine Sünden, keine Götzen, keine Abwege gibt.“
„So fasse ich es gleichfalls auf“, bekennt Hachalja. „Wir müssen viel mehr lernen, alles aus des Lichtes Standpunkt zu verstehen. Sei deshalb nicht bedrückt; Gott gibt es dir, wie alles auszulegen ist.“ „Aber wenn Er in Verbindung mit den Götzen von Propheten spricht, kann der Herr doch nicht die echten meinen. Sonst hätte Er auch einen Samuel, Elia oder Daniel gemeint, durch die Er große Offenbarungen und Wunder tat. Wir haben es schon selbst erlebt, was manche ausposaunten und war nichts dahinter als Lug und Trug. So wird es immer sein, solang die Welt bestehen bleibt.“
„Schwer war zu fassen“, nimmt Hachalja weiterhin den Faden auf, der so dünn erscheint und so schwer in ihren Herzen liegt, „jenes Wort, daß Vater und Mutter zu einem Falschsager sprechen, er solle nicht mehr leben. Welche Eltern könnten denn das tun?“ „Müßte das mir auch nicht gelten, wenn —“ „Sacharja, so was sage nicht!“
„Das ist auch meine Meinung, richtiger gesagt: Gottes Wort!“ Neben beiden Männern steht ein Jüngling, hold und freundlich anzusehen. Sacharja geht es durchs Gemüt: ‚Er sieht beinah wie mein Engel aus; aber dieser Gast —‘ „Zerbrich dir weder dein Gehirn, noch weniger dein Herz“, spricht der Jüngling und setzt sich zwischen die zwei Männer. Beide überflutet es so wundersam, hm, wie himmlisch.
„Seht“, sagt der Jüngling, „solang ein Lichtkind, das dem Herrn auf Erden dienen soll und darf, auch als echter Seher, so lang wird das Himmlische oft sehr verhüllt, zur Erleichterung der Seele. Doch du, Sacharja und deine guten Freunde, werdet himmlisch aufgeklärt. Der Mensch legt alles für die enge Umwelt aus und überlegt sich nicht — der Glaube sei hier nicht berührt —‚ daß er doch bedenken müßte: er lebt nicht allein auf dieser Welt.
Wie wunderbar hat Gott Sein Heilsgebot verkündet:
Du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben von
ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allem Vermögen,
und das andere dem gleich:
Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst;
denn Ich bin der Herr! (5. Mo. 6, 5; 3. Mo. 19, 18).
Es gibt gute Menschen — die auch ohne Wissen der Gebote — rechtlich handeln und dem Nächsten helfen, so dies nötig ist. Der Höchste kann sie leichtlich zählen, auch unter eurem Erdenvolk. Dies betont, weil ihr dem Geiste und dem Lichtgeblüte nach zum Vatervolk gehört.
Ihr habt recht gefragt, welche Zeit denn wäre, eben dies: ‚Zu jener Zeit!‘ Die ist nie auf diese Welt zu messen und nie auf diese Materie, für die die ‚ewige Erlösung erfunden ward‘ (Hebr. 9, 12), und GOTT führt sie aus, wie der Mensch in seiner Seelen-Ärmlichkeit es niemals voll erfassen wird. Das wird nicht als Manko angesehen, wer guten Willens an den Herrgott glaubt.
Ihr fragt: wer aber die zwei Lichtgebote noch nicht kennt? Ganz recht gefragt. Aber wisset das: Gott gab jedem Menschen das Gewissen mit, des Geistes Stimme, die nie auszulöschen ist! Man kann es unbeachtet lassen, mit sich selbst betörenden Worten übertönen; aber das nützt alles nichts, weil immer wieder diese Stimme pocht und mahnt, laut und leise; und zuletzt muß jeder seine Rechnung legen — vor dem Herrn!
Sprach Gott weiter: » Zu der Zeit will Ich der Götzen Namen ausrotten aus dem Land « ‚ so überleget euch, ob zwischen Götzen und den Namen ein Unterschied erkenntlich sei. Götzen sind nicht die Bildnisse, die der Mensch sich macht; denn die auszurotten wäre eines Schöpfers niemals würdig. Das, was der Mensch sich hoch erhebt, ist sein Götze; und der wird ausgelöscht, sinkt in sich zusammen, weil jederlei Materie mit der Materie vergeht! Die Namen aber werden nicht vertilgt; denn symbolisch sind sie — hier nach diesem Bild — der Mensch. Und den rottet Gott nie aus!
Das wißt ihr ja und bedarf der Lehre nicht. Stirbt der Mensch, dem Leibe nach, lebt seine Seele weiter, durchflutet von dem Geist, von ihm hinaufgebracht ins ewige Gefilde. Ob jemand rasch oder mühselig die Himmelsleiter überwinden muß, liegt am Leben auf der Welt. Und wird weiterhin gesagt, daß die ‚Propheten mit Schaden bestehen werden‘, so bedarf es für euch keiner Auslegung, wohl aber denen, die späterhin das Wort dem Buchstaben nach erklären, nicht dem Geiste nach (2. Kor. 3, 6).
Die falschen Propheten sind jene, die sich selbst erhöhen. Diese werden fallen und das obendrein zu ihrem Heil, was die meisten freilich erst auf ihrem Rückweg merken werden. Deshalb auch das Wort: ‚Vater und Mutter werden sagen . . .‘ Licht und Geist werden mahnen, damit das falsche Leben abgetötet wird, nicht jedoch das Leben, das der HERR gegeben hat.
‚Zu der Zeit‘, die ich schon gedeutet habe und gilt der letzten, in welcher alles für den Heimkehrweg bereitet wird, betrifft in einer Vorschattung, die zumal von eurem Volk nicht aufgenommen werden wird, man den Höchsten fragen wird, der als HEILAND Sich die Erde ausersieht, wer ER Sei, ob ein Prophet. Er wird Sich einen Sämann (Ackerknecht) nennen (Luk. 8, 5-11), der von Jugend auf, lichtgedeutet: von alters her (Jes. 63, 16) den Menschen diente, aber auch dem ganzen Kindervolk. Die Menschen, hier hervorgehoben, weil sie hier und im Materie-All die Wanderwege gehen.
Für euch ist es nicht sehr leicht, das Himmlische himmlisch aufzunehmen. Spätere werden alles weltlich deuten. Laßt sie deuten! Mit ihren Sprüchen kommen sie nicht weit. Denn der ‚Sämann‘, der Höchste Ackerknecht, wird Seinen Samen sammeln und geht kein Körnchen Ihm verloren. ER wird die Wunden tragen; und jene, aus der Tiefe aufgestiegen, werden höhnen: Woher hast du Deine Wunden? Oh, der Heilige hat alle Zeit in Seiner Hand; ER wird Sein Schwert erheben, nämlich Seinen hocherhabenen Herrschaftswillen, und wird keiner ihrer widerstehen, die sich über Ihn erheben wollten!
Wenn es heißt: „Schlag‘ den Hirten und wird die Herde sich zerstreuen“, so geschieht es auch, freilich bloß für eine kurze Zeit, in der inkarnierte Teufel sehen müssen, daß ihr Anschlag selbst sie richten wird (Kaiphas ua.). So kommt es dann auch über dieses Land, daß von den Leuten wenig übrig bleiben und wird ein Segen sein, wenn ein Drittel übrigbleibt, zerstreut und in der Fremde.
Diesen Teil — es betrifft die Menschheit im gesamten mit — wird Gott durchs Feuer läutern, nämlich durch Sein wahres Wort und wird dem Glauben nach zum Himmelsgolde werden, wenn auch, solange die Materie besteht, nicht das Letzte aufzuholen ist. Das Himmlische, was dem Lichtreich ewig vorbehalten bleibt, wird jedem Kinde erst nach seiner Heimkehr zugeteilt. Große Lichtfreude wird das sein.
Wenn dann, für euch noch unverständlich und ist‘s heiliggut, daß bis zuletzt die Decke bleibt, die Feierabend-Glocke läutet, wird Gott in Seiner jahrmillionen Freude sagen: »Mein Volk!«, wobei des Liebetages ungeheurer Segen völlig flutet, und das Kindervolk wird jubelnd rufen: »Unser Gott und Vater UR!« Denket aber nicht, daß die Gnadendecke nie gelüftet wird. Das geschah von Anfang an, als der Höchste Sich Sein Kindervolk erschuf. Bloß hat Er — dies zur Freude Seiner Kinder — um eine und die andere Zeit gesteigert, ansonst hätten Seine Kinder nie ein Seligkeitsgefühl gehabt.
Wunderbar ist unser Gott; gerecht und heilig teilt Er Seine Gaben aus. Wir, die wir im Lichte leben, wissen um das Wunderheil, was der Vater uns beschert. Seufze nicht, Hachalja“, der Jüngling legt ihm die Hand auf seine Schulter, „da hätten wir es gut, weil uns die Materie nicht berührt. Täusch‘ dich nicht! Kein Himmelskind bleibt nur im Licht! Ihr meßt die Zeit nicht aus, in welcher eines um das andere das Licht verließ, um durch einen Weltenweg die Last des Hingefallenen (Sadhana) zu erleichtern. Und meßt‘s nicht aus, wieviel in dieser Hinsicht noch geschehen wird — bis zum Weltenende. Bis die Materie ins Ewige versunken ist.
Das Schwerste freilich, in welchem alle Beihilfsdienste eingeschlossen sind, im Segen (Jes. 9, 5), womit gemäß den beiden Schöpfungsfundamenten zweierlei geschieht: einmal, daß der Höchste alle Lasten in Sein Kreuznot-Opfer sammelt, und das aus dem Bedingungsgesetz heraus, was nur im Licht verstanden werden kann, zum andern: damit bleibt Ihm ewig unabänderlich die Herrschaft vorbehalten, aus dem Tiefgrund Seines Willens!
Jetzt habt ihr viel gehört. Das tiefere teilt den Freunden mit, die es wie ihr verstehen werden. Doch die ‚lieben Leute‘ (5. Mo. 33, 3), denen ihr in Silo dient, sollen den gerechten Anteil daran haben. Dazu bedarf es keiner Extra-Hilfe. Das könnt ihr aus euerem Geiste selber tun, zumal du, Sacharja.
Noch werdet ihr ein Schweres vor euch haben und verzweifelt fragen: Wie konnte das geschehen? Vertraut der Hilfe eures Herrn, ER steht euch bei, daß ihr zur rechten Zeit ein Unheil wendet, wie es kürzlich erst geschehen sollte. Nehmt den Frieden hin, den ich euch bringen darf, und Gottes Segen.“ Der Jüngling geht. Beide Männer haben nicht gemerkt, ob der Pfortenvorhang sich bewegte. Sehr lange sitzen sie, beide ihre Stirnen auf die Hände aufgestützt und wissen nicht, ob und wann sie über das Gehörte sprechen könnten.
Mit einem abgrundtiefen Seufzer, aus dem Dank und Freude quillen, sagt Hachalja: „Nie hätte ich gedacht, so was zu erleben! Sacharja, wir haben schon so viel erhalten“, er umarmt den Seher, „und durch dich die Gnadenworte Gottes — aber daß Er einen Engel sendet, der zu uns kommt, als wäre er ein Mensch — nein, das geht über mein Verständnis. Denn daß der Jüngling . . .“
„Mir geht es ebenso wie dir. Weißt, geschieht im Traum die Offenbarung, ist man selber frei vom Menschlichen, das so sehr am Seelenrocke hängt. Ja, halbwach sah ich ihn, meinen lieben Gottesboten; doch wie jetzt — es ist das erstemal, diese Gnade zu empfangen. Frage mich: wie danke ich dem Herrn dafür? Mit Worten? Ach, so arm sind sie gegen alle Herrlichkeit und Gottes Vatergüte!“
„Gott weiß, daß wir Menschen nur mit Worten danken können, obwohl das Herz schier überquellen will. In Silo dürfen wir mit Taten danken, die nicht hoch zu messen sind.“ Da tönt von der Türe her: „Das Messen überlasset eurem väterlichen Gott!“
„Oh, der liebe Bote!“ wie ein Jubel klingt‘s, was Hachalja ruft. „Er kam nochmal zurück; zwischendurch war er bei unserem Herrn Zebaoth. So wollen wir ihm danken und so gut als möglich dienen. Es drängt mich auch, nach Silo aufzubrechen“, sagt Sacharja, „wir haben ja den Hinweis, daß irgendwas geschehen soll. Hoffentlich erst geschieht, damit wir noch zur rechten Zeit dem Übelstand begegnen können, das uns angekündigt ward.“ „Ich bin bereit; nehmen wir unsere Esel, die traben schneller, als unsere Füße gehen können.“
Hachalja gibt Hortysa Bescheid, ohne von dem Schweren was zu sagen. Sie würde sich sonst ängstigen. Und wie gut getan. Denn in Silo hat es sich herumgesprochen, was Matuja und die drei Argen angezettelt hatten. Wer es verraten hat, ließ sich nicht erkunden. Jedenfalls war ganz Silo aufgeregt und zum Hause Matuja‘s gestürmt, mit Fackeln, um das Haus in Brand zu stecken.
Sacharja und Hachalja kamen abgehetzt gerade recht, um die ersten Flammen zu ersticken, wobei Kofar, Hasabar und Kadmiel tatkräftig helfen. Sie wußten nicht, was erzürnte Siloer zu tun gedachten. Kofar hatte ein paar Männer, schreiend und Fackeln tragend gesehen und die nahewohnenden Freunde alarmiert. Aus der aufgeregten Menge werden Stimmen laut:
„Der Satan wollte uns verbrennen, mehr als hundert Menschen, und übrig bleiben unsere Kinder ohne Schutz! Er soll das gleiche leiden, wie er es uns antun wollte!“ „Es wäre die gerechte Strafe, daß ihm geschieht, wie uns geschehen sollte!“ Sacharja und Hachalja haben es noch nicht bemerkt, daß in diesen Aufruhr Jichri kam, der Fürst, den alle anerkennen. Sacharja wollte erst die Meuterer sich ein wenig austoben lassen, doch nun sagte er hart und scharf, wie man ihn noch niemals hörte:
„Was, Freunde, habt ihr euch gedacht, ein Gericht zu halten und solltet wissen: GOTT allein ist der gerechte Richter! Viel Gutes, so viel Segen habt ihr schon erhalten; und der HERR hat euch, hat uns bewahrt! Ihr wißt doch auch, daß Matuja — wenn wir es so nennen wollen — seine Strafe schon bekommen hat. Was, frage ich, spricht der Herr? »Vergebt, auf daß euch vergeben wird; vergeltet Bosheit nicht mit Bosheit, Rache nicht mit Rache, sondern tut nach Meiner Liebe und nach Meiner herzlichen Barmherzigkeit!«
Das alles habt ihr schon gewußt, jetzt aber nicht danach getan. Ich kann euch wohl verstehen, daß ihr nachträglich erschüttert seid und voll Bangen, was geworden wäre, wenn — aber ist es denn geschehen?, hat nicht der HERR den Riegel vorgeschoben und euch das Unheil nicht betraf? Wer überhaupt hat euch die Sache zugetragen?“ Er ruft einen Mann heraus, von dem er es schon merkte, nur ‚dabei zu sein‘, sonst aber — —
„Wer hat dir gesagt, was geschehen sollte?“ Sacharja kann es sich nicht denken, daß Kofar und die andern Guten es verrieten. Der Mann sagt trotzig: „Niemand hat mir irgend was gesagt; doch ich sah die Burschen in dem Kerker und dachte es mir gleich, was dahinter stak. Da bin ich zu Matuja gegangen, zeigte ihm ein Messer, wenn er nicht gestehen würde. Denn der und seine Freunde — wir alle wissen, was sie gegen dich, Gottes Seher, Hachalja und die guten Obersten oft sagten. Da brauchte man gar keinen Trichter, aus dem die Kunde erst gekommen wäre.“
„So so!“ Unversehens steht Fürst Jichri vor dem Mann. „Hast es zwar selbst erkundet, aber der Prophet hat recht: Überlasset ein Gericht — wenn nötig — dem Höchsten, wie ER zu richten weiß. Ihr seid errettet worden und wollt andere — wenn hier auch nur einen — ins Verderben stürzen? Schäme dich, weil du gar so niedrig denkst!“ Jichri wird allgemein respektiert und geliebt. Er hat schon viele Mängel abgestellt, Leid und Härten ausgeglichen. Und in dieser Zeit noch tief im Volke eingepflanzt: dem Fürsten hat man stets gehorcht. So auch jetzt.
Er tippt den Mann, der so zornig sprach, auf die Schulter, hält ihn fest und sagt zur Menge: „Euer Handeln war so töricht und wider Dessen, Der euch Seinen Segen gab. Geht zur Halle und wartet dort, bis ich komme. Sacharja wird euch inzwischen“, es klingt absichtlich lustig, „ein wenig eure Federn rupfen.“ Schon klingt hie und da ein Lachen auf. Ohne Widerwort geht man in die Halle. Sacharja und Hachalja machen den Beschluß. Zur Freude: keiner bleibt zurück. Nach und nach strömt ganz Silo her, denn es hat sich rasch herumgesprochen, daß ‚was Besonderes‘ geschehen war.
Jichri geht indessen mit dem Messerträger in Matuja‘s Haus und tritt an dessen Lager, auf welchem er sich kaum bewegen kann. „Der Fürst! Was willst du denn bei mir? Und der —“ Angst spiegelt sich im von Schmerz zerfurchten Angesicht. „Kannst dir denken, warum ich komme. Dieser hier“, er schiebt den sich Sträubenden mit harter Hand ans Lager, „will dich um Verzeihung bitten. Hätte dir ernstlich aber nichts getan. Du weißt, was du angerichtet hast und ganz Silo ist erregt, weil deine Bosheit ruchbar ward.
Was, frage ich, hat der Prophet dir denn getan? Einlullen lasse ich mich nicht, das solltest du wohl wissen; Ich prüfe scharf, doch gerecht und ich bekenne freudig: Gott hat uns nicht verlassen, Er sandte wieder einen echten Seher, und den, Matuja, hättest du erkennen müssen. Statt dessen hast du arg gehandelt, auch gegen arme Brüder. Allein, weil du auf einem Schmerzenslager liegst, bist du frei vom Ältestengericht.
Würdest du dich wenden, wer weiß, ob nicht der Herr dir helfen wird, dein Seelenherz zu reinigen und echt zu glauben, auch wenn wir lang das Fremdenleid ertragen mußten.“ Er schiebt den Mann nahe an das Lager und der gesteht kleinlaut:
„Ich, viele ließen sich verhetzen, als wir wußten, was du im Schilde führtest. Mit dem Messer hab‘ ich nur gedroht, du solltest Angst bekommen, wie wir nachträglich Angst empfunden haben.“ „Gut gesagt“, lobt Jichri. ‚Jetzt kannst du gehen, habe noch ein Wort mit Matuja zu sprechen.“ Erleichtert läuft der Mann davon und nimmt sich vor, nunmehr besser acht zu geben, wenn der Seher predigt. Jichri setzt sich neben das zerwühlte Lager und beginnt freundlich:
„Matuja, von dir hätte ich es nie gedacht, daß du geheim arg böse handeln konntest und mehr als hundertfachen grauenvollen Mord geplant, dazu unreife Burschen angestiftet hast. Von Babylonien her weiß ich ja, daß du auch gegen Daniel ein Querulant gewesen bist. Doch jetzt — — Kannst du dich verteidigen?“
Matuja murrt und spürt im Innern wie ein Brennen: Dreh‘ dich um, lasse ab von deinem Tun. Bekennen? Nein, soweit ist er noch immer nicht. „Ein Elia ist der von euch großgemachte Seher nicht; er ist doch bloß . . .“ „Was er ist, weiß EINER, dem du nicht mehr widerstehen kannst.“ Jichri spürt es förmlich, wie es in seinem Gegenüber wühlt und bohrt. Verstohlen lächelt er: GOTT hat die Zeit in Seiner Hand!
„Wenn du dich mir gegenüber nicht verteidigen kannst, so gehe ich. Noch sei dir gesagt: Daß du an Elia glaubst, ist ein Wunder, weil du auch Daniel heimlich Knüppel vor die Füße warfst. Und einen Großen, wie Elia war, haben wir nicht mehr verdient. Stünde er vor deinem Lager, könntest du ihm widerstehen? Oder — GOTT?“ Letzteres tiefernst gesagt, mit warnendem Unterton, der dem Zerbrochenen durch die Glieder fährt. „Ich kann mir nicht mehr helfen und Gott hilft mir nicht, sonst hätte Er . . .“ „Sei nicht töricht, Matuja, du weißt genau: an deinem Unglück bist du selber schuld. Trotzdem möchte ich dir helfen, wenn es möglich ist.
In Jerusalem befindet sich zur Zeit ein Arzt aus Babylon, von dem ich weiß, daß er tüchtig ist. Für dich will ich ihn bitten, dich zu besuchen; etwa kann er dir ein wenig helfen.“ „Das willst du für mich tun?“ Matuja sieht den Fürsten so verwundert an, daß dieser leise lacht. „Ich kenne die Gesetze Gottes, Sein Gebot, dem Nächsten sogar dann zu helfen, hat er es gar nicht verdient. Und ein Verdienst ist dir nicht zuzusprechen. Oder doch?“ Stumm schüttelt Matuja den Kopf. Gewinnt die Stimme seines Herzens doch den Sieg? Wohl nicht ganz, nicht sofort; doch Matuja streckt die Hände aus, die er kaum bewegen kann. „Tust du das für mich, dann . . .“
„Hänge jetzt kein ‚dann‘ an den Gedanken, der dich beherrscht, du würdest dann bekennen und Gott um Verzeihung bitten, Seinem Seher glauben, was er an Offenbarung bringen kann. Ein solches Kompromiß gilt vor Gott nichts! Das solltest du erkennen. Immerhin — mag es das erste Schrittchen sein, zumal ich weiß: Mijamin war der Ärgste. Darum werde ich, wenn noch etwas ruchbar wird, für dich sprechen. Obendrein des Volkes wegen. Welch ein Aufruhr würde sein, wenn euer Tun ganz Juda überrollt, jetzt, wo wir noch mühsam um den Wiederaufbau kämpfen müssen.“
„Wir haben daran nicht gedacht. Du hast recht, Fürst Jichri; es war eben gegen den Prophet und Hachalja vorgesehen; wir wollten unserm Volke helfen.“ „Helfen — ? Nun, jetzt kommt die Einsicht über dich, daß oft ein ganzes Volk betroffen werden kann, richtet man ein Übel gegen einen Einzelnen.“
„Willst du für mich bei Sacharja sprechen?, denn selbst . . .“ „Rede erst mit Gott in deinem Herzen. Jedes Übel, andern zugedacht, geht gegen Gott, weil ER der Lebensschaffer ist.“ Da senkt Matuja erstmals in seinem Leben tief erschüttert seinen Kopf, soweit sein Gebrechen möglich macht. Nun sieht er ein, daß er sich von anderen mit fangen ließ und . . . Als ob Jichri den Gedanken sieht, ermahnt er ihn: „Suche nicht die Schuld bei anderen, du bist Manns genug, selber gut und bös zu unterscheiden.“ Wie recht hat der Fürst, der nun Matuja leise verläßt, mit einem Winken seiner Hand.
Als er zur Halle kommt — er war ziemlich lang bei Matuja — hat sich diese ganz gefüllt und zur Freude Jichris sind der Älteste Romaseth mit seinen Beiräten Bebai und Asrah angekommen. Diesen und Hachalja — vor der Halle — berichtet er, was bei Matuja geschehen ist und meint, man könne später drüber sprechen. Romaseth ist es recht; alles vor der großen Menge vorzutragen, hält er auch für überflüssig. Und dann kommt das liebe Wort:
„Liebe Freunde, Brüder und Schwestern, unser Vater-Gott hat an uns Sein Wundertun so heilig offenbart, daß wir nur in tiefer Dankbarkeit vor Ihm uns neigen können. Wir haben, zumal unter euch die Älteren, eine schwere Zeit erlebt und noch liegt vieles brach am Boden, nicht zu letzt die Wiederaufrichtung des Glaubens, der aus unaussprechlich hehrer Liebe anbefohlen worden war. Angeraten, hat der Herr uns Sein Gesetz (OJ. 3, 18 ua.) und wäre gut, alle Menschen würden diesen Rat befolgen, um echtes Gold zu sammeln.
Wieviel Vergängliches an Gold, Silber, an den armen Gütern dieser Welt wird vom Menschen eingeheimst und weiß jeder, daß er keine Krume einmal in der Hand behält, wenn der Lebens-Engel, der bloß den Körper in die Grube fallen läßt, den ‚Heimruf‘ bringt, den einzig und Allein der Schöpfer-Gott erläßt.
Auch unser Volk — es sei geklagt — hält das Vergängliche allzu hoch. Euch Älteren rufe ich ins Gedächtnis, wie besonders in der letzten Zeit in Babylon geschachert ward und dabei manch armer Bruder unterdrückt, fraglos, wie er ohne Habe leben könnte. Nun, es sei jetzt dahin gestellt, was war; aber was nun wird, wie Juda sich zum Edelsein erhebt, das ist das Wichtigste. Da möchte ich den Jüngeren unter uns das Wort des Höchsten anbefehlen, auch anraten:
» Laßt euch ein einträchtiges Herz geben und einen neuen Geist in euch aufnehmen, auf daß Ich, der Herr, euer steinernes Herz wegnehme und euch ein lebendiges Herz gebe, aus Meinem Geist! « (Hes. 11, 18)
Oh, diese Mahnung gilt uns allen und ist keiner ausgeschlossen, dem sie nicht zur Wahrheit werden kann!
Gehen wir zurück zur großen Zeit eines Abraham, eines Mose und Elia und schöpfen daraus auch die Herrlichkeit des Herrn, die uns überkommen kann. Sage keiner: diese Heilszeit ist verschwunden, wir haben nur die Erinnerung, aber keinen Anteil an der alten Gnade. O ihr lieben Kinder auf der Welt, höret her und lernet aus der unverdienten Gnade, wenn ihr bei eurer Meinung bleibt.
Gott ist weder alt noch neu, und so auch Seine Gnade. Ja, Seine Hände sind geöffnet; nicht braucht Er sie zuzuschließen, wenn Er eine Gabe vorenthält — stets zum Nutzen einer Seele. So könnet ihr die sogenannte ‚alte Zeit mit ihrer Gnade‘ auch erleben, wie einmal die fernen Menschen, die nicht geringer sind als jene euch Vorausgegangenen. Alles, was der Höchste tut und gibt, ist ein ‚ewiges Vermächtnis‘ und tritt für jedes Kind in Kraft, sobald es seine Hände nach der Güte Gottes streckt.
Lichtgaben bleiben Licht! Kein Mensch kann sie verdunkeln, höchstens für sich selbst verdecken, solange er dem Schöpfer widerstrebt. Der Ernst eines Abraham, die Ordnung eines Mose, der Wille des Elia — alles ist aus GOTT hervorgegangen und unendlich vieles mehr. Das behaltet fest in euren Herzen und ihr habt die Gnade, die dem Menschen auf dem Wanderwege hilft. Der HERR gibt euch Seinen Segen, Seinen Frieden, und Seine Hilfe ist euch jederzeit gewiß!“
Wieder einmal ist es still im großen Raum, wie im vom Menschen unbekannten Himmelsdom, wenn des Lichtes Beterschar vor ihrem Vater kniet. Romaseth blickt einmal auf und da sieht er, wie hinter dem Propheten wie ein Lichtschein zu erkennen ist, fast gestaltlich. Da weiß auch er die ‚alte Gnade‘ neu und herrlich aufzunehmen.
Diesmal gehen alle Hörer an Sacharja stumm vorbei, dankbar sehen sie ihn an und er spürt die warme Welle, die ihm die Seele weit und fröhlich macht. Die engsten Freunde bleiben bei ihm stehen. Jichri fragt, wo sie ungestört miteinander sprechen könnten. Ihm geht es wie den anderen: großen Dank empfindet er, so daß das Widerwärtige schier versinken will, wenn es auch noch auszutragen ist.
Kofar ist der Einzige, der von Silo nahe stehen blieb. Er hört des Fürsten Frage. Bescheiden nähertretend, zupft er Hachaljas am Gewand:
„Wenn mein Häuslein euch nicht zu bescheiden ist — bitte, es steht euch zur Verfügung; ich gehe währenddessen zu Hasabar. Dort warte ich, bis ihr fertig seid.“ „Sehr freundlich und dankend angenommen.“ Hachalja sieht Romaseth und Jichri an, ob sie damit einverstanden wären. Das Angebot wird gerne angenommen. Kofar eilt voraus, seine Frau zu holen und nachzusehen, ob alles gut in Ordnung ist. Bescheiden ist die Einrichtung, aber sauber.
„Hier fühlt man sich wohl“, sagt Sacharja, als man ins Häuslein eingetreten ist. Jichri gibt Kofar heimlich ein paar gute Münzen. Er wehrt zwar ab, doch gebrauchen kann er diese Gabe. Nun sitzen sie beisammen, der Prophet, Hachalja, Jichri, Romaseth, Bebai und Asrah. Der Fürst fängt gleich an:
„Ich würde gern das Heilige zuerst besprechen, es hat mich so erfüllt, wie ich‘s gar nicht sagen kann. Doch möchte ich das Ungute, dem was Gutes folgen kann, erst berichten. Das Wunderbare heben wir uns auf, damit wir mit dem Licht nach Hause gehen können.“ Dem wird zugestimmt. Er berichtet, was bei Matuja geschah und fügt an: „Ich glaube, er hat sich umgedreht, wenn zunächst noch manche Einsicht fehlen wird. Da er von dem wirklich argen Mijamin nicht mehr aufgestachelt wird, der mit Regem-Melech und Sarezer außer Landes ging, ist es möglich — mit Gottes Hilfe, daß er wieder rechtlich wird. Ich schlage vor, wir halten kein Gericht. Strafe hat er ohnehin genug. Es steht schlecht um ihn.“ Daß er den Arzt von Babylonien bitten will, Matuja so gut als möglich etwas aufzuhelfen, gibt er noch nicht kund. Man ist mit dem Vorschlag einverstanden.
„Nun soll an die Reihe kommen, was mir zutiefst am Herzen liegt“, sagt Romaseth. „Ich war auch erschüttert“, bekennt Bebai, dem alle beistimmen. Man dankt Sacharja, hebt ihn aber nicht hervor, weil man weiß: Das Wort war Gottes liebe Gabe; Ihm allein gebührt die Ehre. Auch hält sich Sacharja stets zurück. Besonderen Dank wehrt er manchmal heftig ab.
„Ja“, seufzt Romaseth ein wenig, „hab‘ oft gedacht: eine gnadenlose Zeit war und ist über uns hereingekommen. Mit dem Gedanken kam ich her. Auch andernorts ist noch manches auszumerzen. Hab‘ gesagt: O Gott, warum gibst Du uns jetzt keinen Mose? Der wäre anders aufgetreten! Genau dieses wurde aufgeblättert, als hätte ich es laut gesagt und jemand dem Propheten zugetragen. Herrlich, wunderbar, so hat uns Gott die Augen aufgetan über Seine Gnade, die unendlich ist, wie Er Selbst von Ewigkeit zu Ewigkeit Sein Werk regiert!“
„Ungefähr dachte ich es auch“, gibt Jichri zu, „und meinte auch: Gott könne wieder über unserm Volke Seine Gnade walten lassen. Dumm sind wir Menschen, manchmal dumm wie Bohnenstroh, das man, weil zu spröd, zu nichts verwenden kann.“ Leise lacht Sacharja. „Habt recht, treue Freunde. Wollen wir die eigene Einkehr in uns halten und an Gottes ewig gute Gnade denken. Er, der Herr, der Heilige, Er hilft uns aus. Laßt uns dankbar vor Ihm neigen und uns von Seinen Händen führen lassen, alsdann mag auch unser kleines Werk gesegnet sein.“ Von der Türe her ertönt ein ‚Amen‘.
Eng verbunden sind sie mit dem Herrn, daß sie nicht zur Pforte schauen, weil sie wissen: Er Selbst, der wunderbare gute Gott, sprach Sein Amen.
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