Echtes Zeugnis und viele gute Lehre
11. Kapitel
Hat auch im Äußerlichsten Gottes Licht die Hand im Spiel? Man ist frisch aufgewacht, auch die zwei Spätschläfer und sehr früh aufgebrochen, noch ehe sich die Sonne zeigt. Gut für Mensch und Tier. Den Jordan hat man überquert und hält den Weg nach Nordwesten ein. Immer vertrauter wird Tobi die liebe Gegend; doch auch Raguel kommt mancherlei Erinnerung an ‚sein altgelobtes Land‘. Echte Freude und echter Dank steigen in ihm hoch, weil er errettet ward — doppelt: von seinem falschen Weltenweg, von der Fremde. Uneingestanden hat sie ihn oft bedrückt.
Sein Gesinde ist besonders interessiert an allem, was sich ihm hier zeigt. Oh, das Land ist nicht in allen Teilen fruchtbar wie sie es von ihrer Meder-Heimat wissen. Immerhin, es hat seine Reize, die gern aufgenommen werden. Sehr ruhig sind die zwei Räuber, Mortutus und Rankenos. Was wird ihnen noch begegnen? Wenn man bedenkt, aus welchem Kreis sie kommen, bloß aus Verbrechertum, dabei von ihrem Oberen stets hart angefaßt — da ist‘s ein wahres Gotteswunder, in welch kurzer Zeit sie sich gewandelt haben. Ein paar Monate hat fast ihr ganzes Leben ausgelöscht, die Übel wie in einen Dunst versenkt, und sie lassen sich belehren.
Auf der langen Wanderschaft, schon ab Ekbatana bis Rages und bis hierher haben sie sich oft dem Jüngling beigestellt, Tobi wurde auch befragt, ist ihr altes Wesen abgebröckelt. Es ist gut und ist des Vaters Gnadenführung, daß sie selber es nicht richtig wissen, wie Gott die Seelen umgewandelt hat. Bediente Er Sich dazu einem Seiner Ersten, ließ er manches durch ein Menschgefäß (Tobi) geschehen — es bleibt dennoch Seine Hilfe ganz allein. Wer sollte das nicht besser wissen als der Ferne — ?
Es tagt langsam, als sie nach einer Rast die kleine Stadt Achsaph hinter sich gelassen haben. Das Hügelland ist sehr abwechslungsreich, nicht zu schwer zu überwinden, als sie an einem seichten Bach eine größere Gruppe Leute lagern sehen. Unverkennbar sind es Israelen, was auch Raguel erkennt. Eingedenk zwar aller Himmelsführung, aber auch mancherlei Bedrohung, schleicht Raguel zum Jüngling hin, ihn leise fragend: „Was sind das für Leute! Ist‘s nicht besser, ihnen auszuweichen?“
Angst?“ „Na ja, eigentlich nicht sehr, bloß wenn man bedenkt . . .“ „. . . wie der Herrgott mit uns gnädig war, dann —“ Absichtlich hält der Jüngling inne, „. . . sollten wir uns doch nicht fürchten“, fügt Hanna an, die mit Sara hören wollte, was es gibt. „Ja ja, liebes Weib; ich muß halt noch viel lernen, habe zuviel Zeit mit meiner Welt versäumt.“ „Eine lobenswerte Einsicht“, sagt das Licht. „Über eine solche freut sich Gott, der Vater, und Er streicht dir dafür manches Alte aus.“
„Wirklich? Kann Er das tun?“ „Kann, sowieso, Raguel. Er ist der Schöpfer aller Werke, wie sollte Er nicht etwas können? Er kann es jederzeit, Er tut es jederzeit! Daß Er als unser aller Vater ewig Gutes tut, braucht man nicht zu lehren. Versäumtes aufzuholen ist nicht immer leicht; auch weiß der Mensch es nicht, zumal nicht im vorhinein, ob und wieviel Zeit ihm bleibt, um Versäumtes nachzuholen. Da muß man mit des Himmels Rechnung rechnen.“
Raguel seufzt, Mortutus und Rankenos, die auch mithörten, seufzen mit. „Wie soll ein Mensch des Himmels Rechnung rechnen können?“ „So nicht, wie du denkst, mein Freund. Ich will es dir erklären. Begibt man sich in Gottes Gnadenhand, kommt immer mehr zur guten Einsicht und der angehängten Besserung, dann braucht ihr nicht zu rechnen, braucht euch nur der Gottes-Rechnung hinzugeben und zu bitten: Vater, laß mich unter Deinem Segen stehn, damit ich Dir noch Freude machen kann. So kindlich-ernst zu bitten, öffnet jedem Kindgeschöpf die eigene Tür, durch die es schreiten kann. Dann ist es nicht mehr schwer, die Gnadenrechnung zu verstehen.“
„Ich bin erleichtert“, ruft Mortutus, „weiß am wenigsten von all den Himmelsdingen, die du, hoher Freund, uns überbrachtest.“ „Es schadet nichts, wenn man am Anfang wenig weiß. Nach und nach bist du und dein Kamerad imstande, mehr Licht und wahres Wissen aufzunehmen. Alle andern ebenfalls.“ Damit meint der Jüngling das Gesinde, es drängte sich herzu, wenn es etwas hören möchte. Es wird auch stets geführt, daß alle den gerechten Anteil haben.
Tobi, der der Gruppe etwas näher kam, um zu sehen, wer jene sind, die sich am Bache niederließen, ruft jäh aus: „Das ist doch Simeas aus Achsaph, Vaters bester Freund! Harim, der Oberste von Giskala, ist auch dabei?“ Er geht den Männern näher, die mit mehreren Knechten ruhen. Sie werden auf den Rufer aufmerksam. Simeas erkennt Tobi zu erst. Er steht hastig auf.
„Tobi, wo kommst du her? Bist du nicht bei deinen Eltern? Wer sind die vielen Leute drüben überm Bach?“ „Simeas, welche Freude, dich und Harim als Erste in der Heimat zu begegnen! Darf ich fragen, wohin ihr geht? Was ist euer Ziel?“
„Wir hatten gehört, daß dein Vater blind beworden sei. Wir wußten es doch nicht. Längst hätten wir ihn aufgesucht. Er hätte zu viel Leichen weggebracht, sei müd‘ hernach am Haus gelehnt und durch Vogelschmutz erblindet. Viel hat er geholfen und man fragt sich da: ist das des Himmels Lohn, nun blind zu sein? Jetzt sind wir auf dem Weg zu ihm. Aber du? Wo kommst du her?“
„Das ist mit wenigen Worten nicht zu sagen.“ Er berichtet, welchen Auftrag ihm der Vater gab, erzählt von Ekbatana und von Rages, und nun wäre er, alles gut verrichtet, auf dem Weg zu seinen Eltern. „Hm, kennst du drüben diese Leute? Fünf Wagen schwer beladen, wie man sieht, auch allerlei Gesinde. Was bedeutet das?“ Auch darüber gibt Tobi Auskunft. Die zwei in Israel angesehenen Männer staunen immer mehr. Zu den ‚Wunderführungen‘ schütteln sie zunächst die Köpfe. So was gibt es heutzutag nicht mehr.
„Ihr habt es nicht erlebt, so ist der Nichtglaube zu verzeihn“, Tobi ist die Nachsicht selbst. „Ich habe sie erlebt und die Leute auch. Der große Mann beim ersten Wagen war in jungen Jahren nach Medien verschleppt, hat dort geheiratet und die Tochter wird mein Weib. Obwohl sie Mederin ist, richtiger gesagt: war, ist sie schon längst zu unserem Glauben an den einen Gott gekommen. Auch die zwei Burschen, die verdächtig einzuschätzen sind, haben sich auf wunderbare Art bekehrt, sind uns treulich nachgefolgt und beigestanden.“ Daß diese einmal Räuber waren, sagt er nicht.
„Klingt eigenartig“, meint Harim und kratzt sich seinen Bart. Er äugt scharf hinüber und zeigt auf den ihm freilich unbekannten Jüngling. „Wer ist denn der? Sieht wie kein Fremder aus, aber wie ein Israele noch weit weniger. Na, ist sehr jung, da braucht man sich mit ihm nicht abzugeben.“ „Meinst du“, lacht Tobi.
„Du wirst dich wundern, nicht verstehen, wenn ich sage: Er hat mich von Anfang an begleitet. Mein Vater, trotz Blindsein, hatte ihn geprüft und für gut befunden. Was dieser auf den weiten Wegen tat, werdet ihr erfahren, wenn wir bei meinen Eltern sind. Er gibt schon das Aufbruchzeichen, er weiß es stets am besten, wie alles vor sich gehen soll: Rast oder Weg.“
„Nana“, schränkt Simeas ein, „ich würde mich auf solche Jugend nicht verlassen.“ „Aber ich“, bekennt Tobi. „‘Wir alle taten es, stets zu unserem Heil. Ich will rübergehn; wenn ihr Väter wollt“, in Israel wurden ältere Männer meist mit ‚Vater‘ angesprochen, „so schließt euch an, wir erreichen Thisbe unversehrt.“ „Da ist‘s nicht gefehlt, seit die Schergen uns in Ruhe lassen. Bedarf es also keiner Führung mehr.“ „Auch nicht der des Himmels?“ Bitterernst gefragt. Es fährt den Männern durchs Gemüt. Simeas lenkt ein:
„Man braucht stets des Himmels Führung; ohne die ist nichts getan. Bloß weil du es mit diesem Jungen in Verbindung bringst, meinen wir, es . . .“ „. . . Ihr werdet es erkennen. Unser Gott kann senden wen Er will.“ Ist was dran, was Tobi sagt. „Warten wir“, meint Simeas bedächtig, als sich Tobi abgewendet hat. „Bin gespannt, was sich da ergibt. Es scheint ein reicher Mann zu sein, wenn dem die Wagen und das viele Zeug gehört. Ist mancher wohl im fremden Lande reich geworden: bloß Tobias kehrte ziemlich arm zurück. Er erzählte mal, daß er zehn Pfund Silber einem Meder ausgeliehen hätte. Kann sein, und wenn, dann sieht er das sein Leben nimmer wieder.“
„Hast deine Sache brav gemacht“, lobt der Jüngling Tobi. „Da hast du gleich zu tun“, erwidert dieser. „Sind ehrenwerte Männer, aber so —“ „Lassen wir sie erst beiseite, sie wollen mich nicht gelten lassen, was nichts schadet. Allgemein sind sie guten Sinnes, und in solche Herzen ist der Gottessame leichter einzulegen, in Hinsicht ‚Wunder‘!“ „Ah, jetzt ist mir erst mal alles gleich, ich freue mich auf meine Eltern.“ „Das darfst du auch.“
Sara bleibt ängstlich an Tobis Seite. „Wie werden deine Eltern zu mir stehn? Nehmen sie mich gern in ihrem Hause auf? Wenn nicht, bitte ich den Vater —“ „Ganz unnötig, liebe Sara.“ Tröstend legt Tobi einen Arm um ihre Schultern. „Einmal sind sie viel zu froh, daß ich wieder heimgekommen bin, nebenher ein bissel mit, weil ich auch das Silber habe. Aber sonst — ich bin ganz Zuversicht.“ Gern läßt sich Sara trösten. Auch Hanna setzt hinzu, die nahegeht, es wäre abzuwarten und sie hätte einen guten Mut.
„Ganz recht, Hanna-Mutter, die Eltern sind sehr aufgeschlossen, sie nehmen euch alle miteinander herzlich auf.“ Die Dämmerung ist ins Land hereingesunken, doch ein voller Mond, eine Unzahl Sterne erhellen das Gebiet. Man sieht schon die Konturen Thisbets, bald wird man daselbst angekommen sein.
Simeas hatte es versucht, mit seinem Zug die Spitze einzunehmen, zumal die ‚anderen‘ erst den Bach zu überqueren hatten, dazu mit schwer beladenen Wagen. Bis nahe an die Stadt kamen er und Harim nicht voran, Raguel zu überholen, dessen ersten Wagen, auf dem die Frauen sitzen, der Jüngling führt. Insgeheim hatte Simeas gedacht: Das geht nicht mit rechten Dingen zu. Sollte dieser Junge — —
Großes Aufsehen erregt die Karawane, als diese an dem Haus des Tobias aufmarschiert. Wieder etwas Heimliches: alles geht so rasch und geordnet zu, daß die Leute der zwei Männer sich bloß hinzustellen brauchen, abgesehen davon, ihre Tiere auszuschirren. Denn auch Harim und Simeas waren nicht zu Fuß gekommen.
Ehe einer sich‘s versieht, stürmt Tobi durch die Tür, gleich in der Mutter Arm, die nachsehen wollte, was der Lärm bedeute, während Tobias langsam vorwärts tastet. In letzter Nacht hatte er geträumt, sein Sohn wäre wohlbehalten heimgekommen, mit einem ‚großen Zug‘, wie es Raguels Wagen samt den Leuten ist. O ja, wenn — wenn — Gott meiner Väter, wenn ich‘s — auch nicht selber sehen kann, wenn er nur wiederkommt, ungefährdet an Leib und Seele! Eine echte Demut — eine gnadenvolle Hingabe an den Herrn.
„Vater, Mutter, ich bin wieder da!“ Ein Freudenschrei. „Mein Sohn“, sagen beide wie aus einem Mund, während Tobi die Eltern heftig an sich drückt. „Gott, dem Ewigen sei Dank! Er hat dich wunderbar geführt. Manchmal habe ich mit mir gezankt, wenn die Wochen in der Zeit verrannen, daß ich dich —“ Nein, jetzt mag Tobias nicht sagen: — des Geldes wegen in die Fremde schickte. Mutter Hanna weint, sie ist nicht in der Lage, ein Wort zu sagen. Ihr Herzensdank wiegt nicht weniger als der ihres Mannes.
„Ihr werdet staunen, wenn ihr alles —“ Tobi hätte fast gesagt: ‚— ihr alles seht‘. Das kann der Vater nicht; aber hören, ja ja, „hört, was geschehen ist, wieviel Gutes uns der Herr bescherte.“ „Wo kommen all die vielen Leute her?“ fragt Hanna. „Ihr lernt sie kennen. Unser Haus ist nicht groß, aber Raum ist in der kleinsten Hütte. Die viele Dienerschaft und die Tiere bringt man in der Herberge unter. Aber deine Freunde, Vater, Simeas und Hamm, haben wir mit aufgelesen.“ Letzteres hören die zwei Männer. Sie waren eingetreten und fangen an zu lachen. „Man kann so sagen“, gibt Harim zu, als älterer Mann nicht sehr gern. Doch wenn er überlegt — er kommt aus dem Staunen nicht heraus.
„Gesegnet sei euer Eingang, euer Bleiben, liebe Freunde!“ Tobias streckt, wie Blinde tun, etwas unsicher beide Hände aus. Sie werden gleich erfaßt. Von der Pforte her erklingt des Jünglings Stimme: „Ein guter Gruß, Gott wohlgefällig. Sollte nur nicht mehr der ‚Gott eurer alten Väter‘ sein, sondern euer Gott, der allen Menschen nahe ist.“ Harim wollte widersprechen; Simeas stößt ihn etwas an. Hat recht, der Junge. Scheint gläubiger zu sein, als man von der Jugend heutzutage glaubt.
Raguels Frau, Hanna, stellt ihre Leute vor, schiebt ihre Tochter Sara in den Arm der Namensschwester, hier die Hausfrau, und bittet: „Nehmt meine Tochter willig auf. Sie und Tobi lieben sich. Oh, wie ward mein Kind errettet, ein wahres Wunder.“ „Hanna-Mutter“, fällt Tobi ihr ins Wort, „das kommt alles nach und nach an die Reihe, die Eltern sollen alles wissen, was der von unserem ‚nahen Gott‘ gesegnete Weg ergeben hat!“ In der größten Stube gibt es Platz genug, daß man sich zu Tische setzen kann. Hanna und ihre eigene Magd gehen in die Küche, um ein Mahl zu richten.
„Fragst du gar nicht nach dem Silber?“ Fängt Tobi an und faßt den Vater an der Hand. „Ach, mein Sohn, was gilt mir jetzt der Mammon, wenn ich dich doch wiederhabe? Und die Freunde! Ja, wo ist denn meine Tochter? Komm, Sara, wenn ich dich auch noch nicht sehen kann, einen Platz in meinem Herzen hast du schon.“ Er zieht Sara, die schüchtern näher kam, den blinden Mann nicht zu erschrecken, neben sich, streichelt ihr Gesicht und ihre Hände und sagt: „Du bist ein gutes Kind, wirst meinen Tobi glücklich machen.“
„Dank, Vater Tobias“, sagt Sara warm und ist damit ganz in sein Herz geschlüpft. Er bewegt seinen Kopf hin und her: „Meine Freunde habe ich begrüßt, auch allesamt aus Ekbatana; wo jedoch ist Asarja ben Kananja? Ist er nicht mehr hier? Ihm, nebst Gott zuerst, gilt mein Dank und ich muß ihn jetzt entlohnen. Du sagst, Tobi, du hast das Silber mitgebracht? Gut, und wie es anbefohlen ward: ein Zehnt gehört dem Jüngling.“ (1. Mo. 14, 20 u.a.)
Der tritt näher, legt eine Hand auf Tobias Schulter und sagt: „Ich bedarf des Silbers nicht. Ich habe —“ Nicht gerade bös, aber ungut wird der Ferne unterbrochen, als Harim ruft: „Du bist jung, weißt wohl nicht zu schätzen, wenn dir jemand gibt, was dir zuzustehen hat. Denn hast du Tobi durch den ganzen Weg geführt, immer unentgeltlich, so sieh zu, daß du etwas sparen kannst.“
„Hast zwar recht, lieber Harim, doch ich bin ein Fürst und rühre nie das an, was anderen gehört. Ging ich aus freien Stücken mit, denn meines Vaters Auftrag kennst du nicht, bedarf es also keines Lohnes. Oder möchtest du — ein Beispiel — von Gott stets den Lohn erheischen, wenn du etwas Gutes tust? Hast du und Simeas nicht gesagt, man brauche sich mit einem Jungen, wie ich einer wäre, nicht abzugeben?“ „Woher weißt du das?“ forscht Simeas, mehr entsetzt als verwundert. „In euren Augen bin ich sozusagen nichts; aber wartet ab, euere Augen werden auch noch aufgetan.“
„Jetzt langt mir‘s bald!“ fährt Harim in die Höhe und zerstört, wenigstens vorübergehend, die gute Harmonie, die durch die große Freude herrschte. „Ein Grüner will angesehene Männer lehren! Was — ? wenn ich fragen darf. Tobias nannte dich ‚Asarja ben Kananja‘. Ich kenne unsere Geschichte sehr genau, die hohen Stämme; aber einen Kananja hat es nie gegeben. Gut, ich kann mich täuschen; nennst du dich aber einen Fürsten, eines Fürsten Sohn — ah, unsere Fürsten kenne ich dem Namen nach. Einen Kananja gab es nicht! Wer bist du also?, und reißt den Mund weit auf?
Tobi hat vielleicht, und das ist seiner Jugend gutzuhalten, einen zuverlässigen Weggefährten in dir gehabt, obendrein wenig jünger als er selber ist. Da hat sich vieles vom Geschehenen verdreht. Jugend neigt sehr leicht zu Überschwenglichkeit. Aber . . .“ Raguel fällt hastig ein:
„Laß dich bitte von mir unterbrechen, Ehrenwerter. Ich zweifle ja nicht, daß du des Volkes Fürstenhäuser kennst; diese sind ja auch besonders angemerkt. Aber was den Jüngling, den du ungut ‚Grünling‘ nennst, anbelangt, da muß ich widersprechen. Ich sage auch wie er: wartet erst mal ab! Mir Älteren wirst du sicher glauben, wenn ich als Erstes eines einbekenne.“
Raguel gibt ohne weiteres zu, daß er in Ekbatana keineswegs wie ein guter Israele lebte, ebenso erst glaubte: was kann das ‚grüne Holz‘? Dann berichtet er vom verschlossenen Tor und wie das eine ‚Geister hand‘ geöffnet hätte, einiges vom Weg nach Rages, und ist nicht wegzuwischen: es macht großen Eindruck auf die zwei Männer. Schließlich ist Raguel ein ernster Mann. Was er sagt, unterstützt seine Hanna. Na ja, was Frauen reden — Immerhin, das Zeugnis ist nicht auszulöschen. Da steht Tobias auf, ihm, dem Blinden, muß man Glauben schenken.
„Meine Freunde, als mein Sohn Tobi noch als Kind einen Jüngling kennenlernte, der ihn richtiger belehrte, als damals unser neuer Rabbi, schüttelte ich auch zuerst den Kopf. Doch als es soweit war, Tobi nach Medien zu entsenden und der Jüngling plötzlich kam — gut, ich konnte ihn nicht sehen, fühlen — ja, fühlen konnte ich genau und spüren: er ist ein Anderer. Was für einer — wußte ich das denn? Könnt ihr es heut‘ schon wissen? Nein! Asarja hat es im Volk schon mehrere gegeben, gleich welchen Ranges. Kananja als ein Fürstenname war mir unbekannt. Allein — mir war so, er wäre dennoch echt, bloß nicht, hm — nicht von dieser Welt.
Was ich bisher hörte, alles, was auf dem weiten Weg geschah, und ich meine, wir werden noch viel mehr erfahren, ist es mir, als ob — wie wenn er —“ „Vater Tobias, halte den Gedanken auf, wenigstens zunächst, bis sich die Schleier lösen, in denen Simeas und Harim noch verfangen sind.
Liebfreundlich sagt‘s der Jüngling. Die zwei Männer halten inne. Auch Simeas wollte widersprechen, bloß nicht so scharf, wie Harim tat. „Ich laß auf meinen Wanderkamerad nichts kommen“, meldet Tobi sich und kämpft die Erregung nieder, die Harims Rede in ihm weckte. „Schön, sind wir jung und unerfahren; aber soviel kann ich unterscheiden, wo Lug und Wahrheit ist.“
„Sei ruhig“, lächelt ihn der Jüngling an. „Denken wir nur an die Räuber. Wenn das die ‚ehrenwerten Väter“, der Ferne sagt‘s ein wenig lustig, „hören, kommt ihnen sicher eine andere Erkenntnis ins Gemüt.“ „Räuber?“ entsetzt sich nachträglich noch der Vater. „Mit Räubern habt ihr auch zu tun gehabt? Hoffe, ihr habt keine hinter euch.“ „Hinter uns nicht“, klingt es ferner fröhlich aus des Fernen Mund. „Wir haben deren zwei bei uns.“ Die Mortutus und Rankenos schon kennen, lachen fröhlich mit. Anders Tobias, seine Hanna, Harim und Simeas. Letzterer meint leicht bangend:
„Das ist doch nicht gut. Räuber sind unberechenbar; heute kehren sie ein gutes Sein heraus, morgen — da metzeln sie die Gutgläubigen nieder.“ „Dazu hätten sie nun viele Wochen Zeit gehabt“, beruhigt Tobi. „Doch wir wollen alles gern der Reihe nach berichten. Und ich hole unsre Räuber her. Sie sind mit dem Gesinde in der Herberge, um daselbst zu helfen, Tiere und Wagen sind zu sichern. Doch unser Herbergswirt war immer treu und redlich.“ „Und ist es noch“, fällt Tobias gleich ein.
Alle bleiben still. Hanna fordert auf, die Mahlzeit einzunehmen. Am Abend und noch ein paar Tage gäbe es genügend Zeit, Tobis ganze Reise zu erfahren. Damit gibt man sich zufrieden. Harim und Simeas blicken fast dumm drein, als Tobi mit den Räubern kommt, die sich sehr gesittet an den Tisch begeben, nachdem sie erst den Hausherrn und die Frau begrüßten. Hm hm, sehen eigentlich manierlich aus, gar nicht so, daß man sich ängsten muß.
Der Jüngling schildert nach dem Essen jene Szene mit der Bande, wie dieselbe durch das ‚Licht‘, er betont es extra, ohne es auf sich zu beziehen, ausgesetzt worden war. Mortutus und Rankenos bestätigen es, erzählen frei, wie sie ‚auf dem Boden landeten‘ und dann heimlich nachgeschlichen waren, „bis der Freundliche uns aufgefordert hat, zu bleiben. Er sprach gütig, lehrte uns den einen Gott, so daß wir auch zum rechten Glauben kamen.“
„Nicht gezankt, euch nicht zurechtgewiesen?“ Simeas Stimme sieht den Jüngling an. Immer noch geht ihm das ‚Licht‘ nicht auf und denkt: ‚Wie kann denn solch ein Junger wirklich lehren?‘ In den Gedanken platzt Rankenos förmlich ein, laut lachend: „Hast du eine Ahnung, wie er mit uns geredet hat. Sehr ernst“, Rankenos wird selber ernst, „hat er mit uns abgerechnet, nur nicht so überheblich, wie ihr anzusehen seid.“ Daß die zwei Ältesten ungut sprachen, wissen sie ja nicht, Rankenos hat jedoch den Nagel auf den Kopf getroffen. Beide Alten neigen sich und Tobi lächelt vor sich hin. Ah, mein Freund, über den geht nichts.
„Doch“, blättert gleich der Ferne den Gedanken auf, „Einer geht über alles, über alle, mag sein, wer und was es ist!“ Freudig, im Sinne mit zu helfen, bekennt Tobi: „Oh, du hast sogar den Gedanken aufgedeckt und unterwegs das wie oft getan. Denke ich an Gabael in Rages, den hast du förmlich ausgehängt mit seinem Wesen, hast ihn aufgeblättert wie unsere festverschnürten Rollen. Da blieb nichts verborgen.“ „Schon gut, Tobi, es wird alles richtig werden, unter Gottes Hand und seiner Führung!“
Gläubig ist der Junge, gibt Simeas vor sich selber zu. Er gibt ihnen schwere Rätsel auf. Aber daß er auch Gedanken lesen kann? Die Gaukler können es mitunter, doch geht‘s bei denen nicht um Geistiges, weil sie zu weltlich sind. Hier — ich komme einfach nicht mehr mit. „Damit du es gleich wieder weißt, lieber Simeas, du kommst noch mit. Harim auch.“ Er nickt beiden zu.
„Sieh, Gott hat viel Zeit, noch mehr mit Seinen Kindern, die zwar fromm und ehrlich sind, aber manchmal störrisch, daß sie den Wald vor lauter Bäumen nicht erkennen. Sei nicht ungehalten, das von mir zu hören. Du machst leider einen allzu großen Unterschied zwischen alt und jung. Gewiß, das ist schon gut; es fragt sich nur, wie das im besten Sinne einzustufen ist. Daran fehlt es dir ein wenig, obwohl du dir viel Mühe gibst — jetzt.
Es gibt Kinder, mit besonderen Gaben ausgestattet, die früher reifen als andere. Aus solchen ‚Reiflingen‘, die man nicht ‚Grünling‘ nennen sollte, werden weise Männer.“ Nicht gerade gern, doch der Ehrlichkeit wegen gibt es Simeas zu. „Scheint so zu sein, bist etwa einer von den Reifen. Was mir an dir gefällt, ist dein Glaube; er scheint sehr tief zu sein.“
„Simeas, ich durfte meinen tiefen Glauben aus Gottes hehren Gaben schöpfen seit langer Zeit!“ Mit uneingestandenem Gefühl wehrt Harim: „Noch hast du altersmäßig keine lange Zeit hinter dir, stimme aber meinem Freund gern zu: du bist gläubig, wie man es oft bei älteren Leuten ganz vergeblich sucht. Prüft man sich selbst, da könnt‘ es sein, daß auch noch manches Echte fehlt.“
„Das war gut gesagt, Harim, und Gott hat sich gefreut.“ Unsicher sieht der Oberste von Giskala den Fernen an, den er in keiner Menschengruppe einzureihen weiß, in — Rätsel über Rätsel. Aber etwas fällt ihm jetzt ins Herz: Freude, wie er sie höchst selten haben konnte. Die Zeiten waren unter vieler Fremdherrschaft so schwer; worüber konnte man sich freuen? Über nichts. Als Oberster war er verantwortlich für viele Bürger, und ihm legte man die Lasten auf. Kurzfristig war er auch in Medien gewesen. Heute sieht er plötzlich ein, wie wunderbar er freigekommen war. Damals hatte er geglaubt, er selber hätte es vermocht, durch Klugheit die Gefangenschaft zu lösen. Und nun — ‚Will ich warten, wie es weitergeht.‘
Er und Simeas sind noch mehr beeindruckt, als Tobi die ‚Geschichte von Rages‘ wiedergibt, bestens unterstützt von Raguel. „Sag‘ mal, Tobi“, unterbricht Hamm, „nanntest du Kostean, jenen Altrat von Rages? Auch, daß der dir geholfen hätte und besonders gut gewesen sei?“ „Das stimmt. Wenn ich auch völlig weiß, daß mein Freund“, er zeigt auf den Jüngling, „ohne jede andere Hilfe Gabael gezwungen hätte, was an sich ja auch so war, hat doch Kostean, weltlich, dem Gabael gut zugesetzt. Warum fragst du denn?“
„Ich war kurze Zeit in Rages, wo damals viele unsrer Brüder samt den Frauen und Kindern in der Trübsal saßen. Da hatte ich mit diesem Kostean eine scharfe Auseinandersetzung. Jedenfalls von einer Freundlichkeit und einer Hilfe von ihm keine Rede. Ich konnte mich befreien und erzwang von ihm den Wegeschein, um heimzukehren. Er muß sich also sehr gewandelt haben.“
„Das war unnötig“, deckt der Jüngling auf. „Kostean hatte seinem König von euch zu melden. Viel lag auf seinen Schultern, von dem du keine Ahnung hast. Nicht nur Israelen, seine eigenen Leute setzten großen Widerstand in alles, was er anzuordnen hatte — nicht von sich aus. Das wurde ihm verübelt. Du, Hamm, wirst es wissen, daß Kostean nichts anderes übrigblieb, als härter durchzugreifen. Das, merke auf, hat ihm bitter angehängt. Viel lieber hätte er geholfen. Was du nicht weißt: auf eigene Gefahr hat er manchem Israelen seinen Weg zur Heimat frei gemacht. Er schwieg darüber.“
„Woher in aller Welt weißt du das? Ein paar Jahre liegt‘s zurück, und in dieser Zeit —“ „Wäre ich bestimmt nicht dort gewesen. Wenn schon, dann als Kind. Da hätte mir der Kontakt gefehlt, um selber das mit aufzunehmen.“ „So ist‘s“, stöhnt Harim vor sich hin. „Aber wissen möchte ich, woher du dieses weißt.“
„Ich kann dir dienen; denn ich weiß mehr, als du bisher wußtest und noch wissen wirst. Entsetze dich nur nicht, Harim, denke nicht, ich wäre irr. Vor allem hätte ich jetzt einen Hochmut ausgekehrt, der nicht zu überbieten sei. Weltlich wäre es, wenn — ich weltlich wäre.“ Nach und nach, langsam, um die Seelen nicht zu überfordern, läßt der Ferne seine Himmelsart erkennen.
„Bin ich irr, wenn ich es weiß, was du in Medien erlebtest? Ich denke, du kannst es mir bestätigen.“ „Hm, stimmen tut‘s; bloß wie du das erfahren hast, das —“ „Geht dir über dein Bedenken. Strenge dich nicht an. GOTT weiß alles, und das glaubst du ja. Sollte IHM nicht möglich sein, einem Sendung mit dem Auftrag auch das Wissen mitzugeben, da mit dieser auch den Auftrag recht erfüllen kann?“
„Wärest du kein Mensch, wie du deiner Jugend wegen es doch bist, dann ja, dann gäbe ich dir recht, ganz besonders, daß unserem Gott“, Harim hebt es stark hervor, um — unsicher — anzudeuten, der Jüngling hätte etwa einen anderen Gott als sie, die Israelen, „es eine leichte Sache ist, Seine Engel mit einem Auftrag samt dem Wissen auszusenden, wie ER in Seiner Wahrheit es für gut ersieht.
Doch du bist kein Engel, wenn du auch —“ Der Satz bleibt Harim stecken, ‚vieles weißt, uns unverständlich‘, Über das ferne Gesicht huscht eine Lohe, kaum länger als eine Sekunde währt. Doch man hat den ‚Schein‘ gesehen. Tobias wohl nicht, er ist dafür von all den Worten so berührt, daß er halb schon glaubt: ‚Tobis Freund muß ein Engel sein, oder jemand, den ein Engel führt.‘
„Was und wer ich bin, wißt ihr jetzt noch nicht und ist‘s erst für euch Menschen gut, wenn ihr allmählich euch in höhere Regionen führen laßt. Bleiben wir erst bei dem Thema stehen. Es wäre aber gut, Harim, du würdest es bestätigen, wie es in Rages dir erging.“ ‚Ja, das bekenne ich, wenn mir auch der von dir bereits gesagte ‚Schleier‘ anhaften mag.“
„Schadet erstens nichts, lieber Freund. Schleier können manchmal eine gute Hilfe sein. Bei unserem Gott“, jetzt betont der Jüngling dies, bloß in einem besseren Sinn als vorher Harim tat, „sind die Schleier manchmal Binden, mit denen Er die Seelenwunden schützt, damit dieses oder jenes Kind nicht an seinen Wunden stirbt. So gemeint: Sterben ist in diesem Fall kein Tod, weder der des Leibes noch der Seele. Es ist vorübergehend eine volle Abkehr von dem ‚Vater aller Güte‘, und da dauert es oft lang, bis die Seele eben wieder wach und lebend wird, lebendig für die Hingabe an den Schöpfer-Gott!
Wenn du erkennst, und alle mit, die an diesem guten Gabentische sitzen, daß ich diesen schweren Abschnitt deines Lebens aufzudecken wußte, meinst du dann nicht, daß ich vielleicht auch noch anderes zu offenbaren hätte — oder kann? Simeas hat sich schon weiter freigekämpft; er grübelt jetzt nicht mehr: jung oder alt?, voll Wissen oder nicht? Da sei gleich gesagt: Wissen ist zwar gut, wendet man es sinnvoll an, ist aber nicht vergleichbar mit der Weisheit, die allein die Gottheit hat.
Wird Er, der liebevolle Vater, diese nur für Sich behalten? Oh, Er gibt aus seinem Gnadenreichtum Seinen Kindern ab, ein ‚Vorauserbe‘, mit dem jedes seinen Wanderweg bezwingen und vollenden kann. Er gibt immerfort, Tag um Tag und füllt die Herzen Seiner Kinder an mit vielen Gaben, auch mit Weisheit! Harim, würdest du eben deine Grübelei zur Seite schieben, die aus purem Wissen kommt, dann würde in dir bald der Strahl der Weisheit leuchten, weil GOTT auch dir den Kindesanteil davon gab.“
„Oh!“ laut ruft es Tobias aus, „kein Mensch kann das so wunderbar erklären, es uns deuten, wie du, vielgeliebter Jüngling! Wenn ich auch nichts sehe, und ich will fernerhin mein kleines Los in Gottes Hände legen, wenn ich auch nicht weiß, wer du bist —‚ steht es doch fest: Du bist ein Sendling Gottes! Ob ein Mensch, ob ein Engel — was haben wir danach zu fragen? Genügt es uns denn nicht, daß wir unter Gottes Gnadenhänden stehn?!
Herrlich hat Er meinen Sohn geführt, hat mir jederzeit geholfen, auch in der Gefangenschaft, die oft schwer gewesen ist. Und jetzt, jetzt hat er Seinen Segen ausgestreut! Glücklich, dankbar bin ich, weil ich in meinem ganzen Leben an Gott glauben durfte. Denke ich daran zurück, als ich nachts —“ Tobias wird freundlich von dem Jüngling unterbrochen, um aufzuhalten, weil trotz Nächstenliebe er erblindet ist und soll niemand ihn daran erinnern.
„Du hast jetzt das beste Zeugnis Gott geopfert; sehe auch, daß ihr Freunde auf der Erde allesamt das Zeugnis bringen wollt, zum guten Teil schon brachtet: Hanna, Tobi, auch Simeas und Hamm, dazu Freund Raguel, seine Hanna, Sara und nicht zu vergessen Mortutus und Rankenos. Die gewesenen Räuber verneigen sich. Gerade diese spüren es am besten was es heißt: gerettet!
„Du hast mich mit hervorgehoben“, sagt Simeas in ehrlicher Bescheidenheit, „und muß bekennen: viel hat mir gefehlt, jeder Zeit Gott solch ein Zeugnis darzubringen, wie es Tobias vermag. Ja, das muß ich sagen: ich hab‘ ihn stets bewundert und – damals aber oft gewarnt, wenn er Nacht für Nacht — na ja, vorbei. Doch gefährlich ist‘s für ihn gewesen.“
„Stimmt“, bekräftigt es der Ferne, „doch schau, Simeas: Tobias tat dies alles im Aufblick auf den Herrn. Das war die erste Strophe seines Liebesliedes, das bis zum Himmel stieg. Die zweite war: er tat es für die Brüder, die der grauenvolle Tod zumeist betraf und für deren Angehörige, die sich nicht getrauten, ihre armen Toten wegzuholen. Sollte also nicht der Herr besonders Seine Hände über diesen ‚Himmelsträger‘ halten?
Wehre keiner ab, warum — Ihr habt gehört: Tobias nimmt das kleine Los aus Gottes Vaterhand und will es weiter willig tragen. Nun — wir werden sehen, was sich daraus ergeben wird. Hamm muß ich noch ein wenig rücken, obwohl er seinen alten Platz schon aufgegeben hat. Nur den neuen hat er noch nicht völlig eingenommen.
Dabei steht derselbe dicht vor ihm. Allerdings ist einzufügen: er hat viel zu kämpfen und zu sorgen, sein Amt ist absolut nicht gar zu leicht. Menschen gehen fraglos über etwas weg. Betrifft es einen Nächsten oder irgendwelche Leute, gibt man sich keine Mühe, zu prüfen, ehe man ein Urteil fällt. Gerade das tut man allzu schnell, ohne das Bedenken, daß man für sich selbst die Nachsicht und die Hilfe wünscht. Wie Harim freilich auch bei Kostean nicht prüfte, so erging es ihm in Giskala wie oft und heute noch.“
Wie recht der Junge hat, denkt Harim und fühlt sich sehr beschämt. Ja ja, da ist es mit dem Glauben nicht weit her, würde den der Herr auf Seine Ordnungswaage legen. Schon fühlt er eine sanfte Hand auf seinem Arm, hört die liebe Stimme, die sich längst bei ihm schon eingeschlichen hat; nur zugeben wollte er es nicht, weil — ach weg mit dem Gedanken: viel zu jung.
„Die letzteren Gedanken lege auch beiseite, Harim. O ja, wohl ist jener gut, den du Gottes Ordnungswaage zugebilligt hast, und sei versichert: der Gedanke hat bereits ein gut Teil von dem Lastgewicht behoben. Gib deiner Seele eine Rast, öffne dich dem Licht, wie es alle tun, vorläufig mehr oder weniger genau, das sieht der Vater gütig an. Sollte ER nicht wissen, was für ein Gemächte Seine Menschenkinder sind (Ps. 103, 14)? Wenn aber das, dann braucht man sich nicht selber zu zerpflücken. Besser ist, man gibt sich ganz dem Vater in die Hand mit den Worten:
‚Herr, hier bin ich, mache aus mir, was Du willst! Führe mich an Deiner Hand, gib DU es mir, was ich tun oder was ich lassen soll! Allezeit geschehe über mir Dein Wille!‘ So gedacht, so gebetet, das schließt die Himmelstüre auf und — nein, Mortutus, nicht erst nach dem Leibestod, an den du und Rankenos noch hie und da mit Ängsten denkt. Gottes Himmelstüre ist auch schon auf Erden offen, jeder kann hindurch und den Anteil voller Seligkeit genießen: die Freude, Gott hat mich erlöst von meiner Sündenlast!
Gewiß, Tobias, auch du denkst recht, die volle Seligkeit würde einem erst zuteil, wenn man diese Welt verlassen hat. Es ist ein Unterschied, den ihr in eure Herzen nehmen könnt: Jeder Abschnitt eines ganzen Lebens, das niemals nur den Weg durch eine Welt betrifft, hat seinen vollen Anteil an der Seligkeit, einem Abschnitt zugedacht. Vollkommen wird sie nach der Heimkehr ausgegeben.
Nicht dann erst wird der Mensch ein Kindgeschöpf, wenn er diese oder eine andere Trägerwelt verläßt. Ehe jemals die Materie wurde, samt dem euch sichtbaren Sternenheer — das unsichtbare wißt ihr noch nicht und ist einst die Schau dafür ein Teil der Himmelsseligkeit, da schon waret ihr wie alle Menschen Engel oder Wesen. Alle hat der Schöpfer-Gott aus Seiner Ewigkeit herausgehoben. Dieser für die Kindgeschöpfe hochgesetzte Anfang ist der erste Teil gewesen, der erste Lebensabschnitt und braucht ihr heute nicht zu fragen, wieviel ein jeder solcher Lebensteile hat oder haben wird.
Allein, in jedem Abschnitt eines jeden Kindes ist entsprechend einer Aufnahmefähigkeit von allen Lebensgaben ein gerechter Anteil auch enthalten; es würde sonst kein Kindgeschöpf tatsächlich leben können. Das betrifft mit den jeweiligen Anteil aller Dinge, wie etwa die Seligkeit, die zuletzt im höchsten Maß im Reich des Vaters ausgehändigt wird.“
Lautlos sitzt man lange da. Das — wer ist fähig, alles aufzunehmen, zu bewahren, vor allem danach zu tun? Selbst Tobias, der in Träumen aus dem Licht schon mancherlei vernahm und daraus sich sein Glaube immer mehr gefestigt hat, schüttelt seinen Kopf. Wer das lehren kann, der muß, der ist — Der Gedanke traut sich nicht hervor: das kann bloß jemand sein, der vom Licht hernieder kam. Wer — ? Nein, das will auch Tobias nicht fragen.
Tobi ist indessen einfach selig. Vielleicht, weil er noch jung und weltmännisch nicht zu sehr belastet ist, vermag er sich der Wonne hinzugeben. Sara tut es auch. Beider Hände sind vereint; die Augen leuchten. Raguels Haupt hängt tief herab. Oh, er erkennt, was der Jüngling sagt; schließlich ist vom alten Glauben aus dem ‚Mosebund‘ noch viel bei ihm vorhanden, aber ist er es wert, so nahe einem Licht zu sitzen, das er überhaupt nicht kennt?
Seine Hanna ist hingegen dankbar, voller Hingabe an die Lehre, fraglos, ob verdient oder ob sie all das schon verwerten kann. Ein Ackerboden, da geht des Himmels Same leicht und reichlich auf. Auch Simeas denkt ähnlich, aber etwas tiefer, während Harim weiterhin sinniert, wie das ganze möglich sei und man es heute noch erlebt, daß — in jener alten Glaubenszeit, als ein Abraham und andere Große lebten, ja, da konnten Engel zu den Menschen kommen und — und sogar Gott war oft erschienen. Heute — ein langes Fragezeichen ist hier anzuhängen, denkt Harim.
„Brauchst nicht betrübt zu sein, lieber Harim“, wird der Gedankenwirrwarr aufgedeckt, „weil du dich fragst, warum du nicht wie andere dich einfach hinzugeben weißt und wäre dies ein großes Manko deines Glaubens, der Liebe zu Gott, der Einhaltung Seiner Gebote. Wir nehmen die drei Dinge in der Reihenfolge vor und werden alle daran geistig profitieren, ebenso Mortutus und Rankenos, die sich jetzt sehr gern in einen Winkel drücken möchten.
Ist nicht mehr nötig, ihr Beide: denn wer aus einer Niederung, ohne Eigenschuld, hervorgegangen ist und sich vom ‚Licht bescheinen ließ‘, sich wendete, glatt von Nord nach Süd, wie von Ost nach West und hat den Kernpunkt angesteuert, der darf als Lebensbeispiel dienen. Befassen wir uns aber erst mit Harims ‚Druck‘.
Sieh, rasch glauben und festhalten ist immer gut, wenn dabei auch eine Prüfung vorgenommen wird. Was ich damit sage, betrifft jetzt keinen unter euch; es ist ein Bild, wie der Weltmensch es zuwege bringt. Es wird eine Glaubensansicht angeboten, klingt erst schön und ist, was man meist nicht merkt, nicht merken will, viel Eigenlob dabei. Man geht da mit wehenden Fahnen in das Lager über; man prüft nicht, ob der Grund die echte Wahrheit ist. Und was kommt dabei heraus? Rasch fällt man wieder ab oder völlig in die Irre.
Prüfen, Harim, ist das Lebenswasser für die Saat und ist immer gut, wird nicht aus der Prüfung pure Skepsis, die mehr verdirbt als ein seichter Glaube! Du hast recht getan, für dich zu prüfen; denn du hast zuviel erlebt, durchaus auch auf dem Gebiet des Glaubens, wo dir manches zugetragen wurde. Daher ist dein echter Glaube — für dich selbst gesagt — sehr tief verwurzelt. Den reißt dir aus dem Herzen niemand mehr heraus!
Mit diesem geht die Liebe Hand in Hand. Nie ist wahre Liebe herzugeben, ganz gleich für wen, der keinen Glauben hat. Das Weltliche sei hier nicht berührt. Was solche Menschen, die dem Weltsinn huldigen, für Liebe halten, das ist mit wenig Ausnahmen ein Begehren: ‚Ich will haben‘! Da du dich nicht erst heute Gott ergeben hast, Freund Harim, steht aus deinem Glauben deine Liebe fest. Auch deine Nächstenliebe ist nicht klein zu nennen. Im Gegenteil.
Wäre es aus diesem allen jetzt noch nötig, die Gebotsbefolgung zu besprechen? In Hinsicht des Vorhergesagten nicht; aber dennoch können wir für alle sie beleuchten. Es kann sehr leicht der Glaube und die Liebe ungetrübt verbleiben, trotzdem wird eines und das andere Gebot von Sinai übertreten.
Das geschieht meist nicht mit bösem Willen, aber eben doch aus eigener Kraftlosigkeit. Letztere stets eine Eigenschuld und sollte niemand sagen: Ich konnte nichts dafür, ich hatte keine Kraft zu widerstehen. Weniger die Gebotsübertretung ist das schlimmste Übel, als mehr die Ausrede, mit der man sich vor GOTT verstecken will, wie weiland Adam hinterm Baum!
Es muß sich jeder selber fragen, ob und wie er vor Gott bestehen kann. Ich habe keinen Auftrag, euch zu fragen; meine Liebe aber darf es tun. Doch auch mir gebt keine Antwort, sondern eurem Vater ganz allein. Sagt auch nicht: Er weiß es ohnehin, wie es lautet: Gott weiß alle Dinge; also eben auch, ob und wie wir zu Ihm stehen. Soll es gelten, daß wir reden? Wer das denkt, ist ein Tor. Es sei ein Beispiel angegeben:
Gute Eltern wissen, was die Kinder tun, sie wissen auch, was sie denken, mehr noch was sie brauchen. Haben sie denn keine Freude, wenn das Kind mit seinen Bitten, Fragen, nicht zuletzt mit Danken kommt? Sagt ihr dann zum Kind: das war nicht nötig, ich weiß es ja? So getan, schafft es kein Verhältnis zwischen Eltern und dem Kind. Wieviel mehr gilt das bei Gott!
O ja, die Verbindung reicht erst her aus IHM zu allen Kindern. Frage: wie steht die Verbindung von dem Kind zum Vater? Wer Gott keine Freude macht mit Bitten, Fragen, Danken, der ist dann Ihm von sich aus fern, wie die Welt von ihrer Sonne. Die Sonne scheint, was besagt, daß über allem Kindertrotz und Törichtsein ER Seine Gnade, die geheime Führung niemals unterläßt. Wird sie angenommen, festigt sich das Band des Kindes — wohlgemerkt! — das es gläubig weben will. Wird des Lichtes Gabe abgelehnt aus welchem Grunde immer, dann hat das Kind vom Vater sich gelöst. Aber — und das ist heilig wahr: als Geschöpf kann sich kein Kind vom Schöpfer lösen!
Das geschah mit Sadhana nach ihrem Sturz. Als Tochter hatte sie sich losgerissen, förmlich aus des Vaters Arm; als Geschöpf hängt sie fest am Schöpfer aller Seiner Werke! Weshalb“, fragt der Ferne plötzlich freundlich, ganz anders, als seine ernste Rede war, „duckt ihr euch, meine Freunde? Habt ihr einen Grund dafür? Nein, sage ich, wenngleich die Demut euer ‚Ducken‘ ist. Ihr meint eben, wenn wir alles das bedenken, was wir jetzt empfangen haben und rechnen nach, was alles uns noch fehlt, da bleibt uns gar nichts anderes übrig, als sich tief zu neigen, bis zur Erde.
Zur Erde! Dem Herzen nach! Vor Gott! Er hat euch viel aus Seiner Güte wissen lassen, hat euch auf einen neuen Weg gestellt, und ist doch euer Weg von Anfang an, den der Ewige euch zugemessen hat. Schaut auf das Licht, freuet euch; denn der Heilige, euer — unser Gott, ist bei euch eingekehrt — mit seinem Wort! Das gilt ewiglich! (Matt. 24, 35.) Schaut nicht um euch herum fragend: wo ist Er denn? Sucht auch nicht in euch und ihr wäret dessen gar nicht wert.
Wo der GEIST weht, da ist Gott! Offenbar in Seiner Güte, zugedeckt, wer Seine Gnade um so bitterer braucht, je ferner man der Gottheit steht. Es sei nun genug; nehmt alles auf, lasset euch genügen, was an Gottes Freundlichkeit euch widerfahren ist.“ Sie sitzen da, einer wie der andere. Wo ist ein einziges Verdienst, daß wir diese Freundlichkeit erhalten haben — ?
Nicht weniger voll lichtgeprägter Demut denkt auch Tobias so, er, für ein Werk, für eine Zeit gesegnet um des Beispiels willen, daß man den Weg erkennen und ihn gehen kann. Aus tiefem Sinnen sagt er leise: „Wir wissen nicht, wer du bist, hoher Freund; doch mehr und mehr erfüllt es mir das Herz, daß der Herr, den wir fälschlich mit den ‚Gott unserer alten Väter‘ nannten und ist doch unser naher Gott für immerdar, dich zu uns sandte. Also lass‘ ich mir genügen: der HERR ist bei uns eingekehrt!“ Dazu nicken sie, die Menschen, auch wenn sie, wie etwa Mortutus und Rankenos, die Fülle noch nicht ganz erfassen können.
Plötzlich kniet Harim nieder, vor den Jüngling hin. Er, der teils eingefleischte aber gute Oberste, der wähnte, sein Glaubensbild sei festgefügt aus Gottes Grundgeboten, auch aus manchem Satzungskram, der erst nach und nach entstanden war. „Herr Gott“, ruft er aus und Tränen rinnen über seine Wangen, deren er sich nicht mal schämt — in aller Augen hat sich auch ein Naß gebildet —‚ „wahrhaftig bist Du nicht erst jetzt für uns der nahe Gott geworden. Ich habe es nur nicht erkannt, habe nicht so tief geforscht, ließ mich von meiner Welt zu lange tragen, o nimm meinen Dank entgegen!
Was Du uns beschertest, reicht aus für meine kleine Ewigkeit, in der DU mich gemacht, mich erhalten hast. Ich frage gleichfalls nun nicht mehr, wen Du sandtest aus herzlicher Barmherzigkeit, doch daß er“, verstohlen greift Harim nach dem Mantelsaum des Fernen, „Dein Engel ist, vielleicht einer, wie Mose diese auf die Bundeslade herrlich stellen ließ (2. Mo. 25, 18), auf Anordnung des Herrn.
Auch du, Ferner, seiest angebetet mit meines Herzens Dank; denn du hast mich errettet von meinem alten Wesen und . . .“ „Halte ein, mein Bruder“, sagt der Jüngling sanft und hebt Harim hoch. „Wohl weiß ich, wie echt jetzt deine Liebe ist und ist eine Freude, die ich von dir als Gabe in den Himmel trage — von euch allen auch“, zeigt der Jüngling in die Runde. „Sonst jedoch — wir sind miteinander Kinder Gottes, ihr wie ich, und Ungezählte mit dazu.
So seid ihr meine Brüder, meine Schwestern, und glaubt es immer fest und treu: Keine größere Freude kann uns Engeln widerfahren, sobald ein Mensch sich ganz dem Vater hingegeben hat, wie ihr nun in dieser Stunde — unter Gottes Gnadenbogen!
Er, der Herr der Herrlichkeit, hat euch überreich gesegnet. Von diesem Heil und Segen teilet aus, so viel als möglich ist. Offen durch ein Wort, wo es gern als Samen aufgenommen wird, geheim durch ein Gebet, wenn eine Seele, ein armer Mensch die zugedeckte Hilfe braucht. Der Ewig-Heilige und Wahrhaftige, unser Gott und Vater, Er streut eure Gaben aus. Dessen seid gewiß und voll Freude.“
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