W. K. B., am 10. Dez. 1895
Nun lass alle Traurigkeit schwinden! Denn Ich, deine Sonne, will dir erleuchten alle Wege deines Lebens. Mein bist du und sollst es ewig bleiben. Unsre Liebe Bund soll nie sich wieder lösen. Habe Ich doch Mein Herzblut für dich dahingegeben. Alles was du erbittest, will Ich dir geben, um unserer Liebe willen. Sei ganz Mein, so bin Ich ganz dein und der Wunder größtes will sich erfüllen. Es ist noch nie ein größeres Wunder geschehen, als wenn das Herz der Gottheit sich verbindet unauflöslich mit dem Herzen eines Menschen, der doch als solcher nur ein armseliges Geschöpf der großen Weisheit Gottes ist. Aber die Liebe erhebt ihn aus seiner Armseligkeit und macht ihn zum Kinde des Vaters.
Amen.
B.
Zum Schluss ein lieblich Beispiel:
Ein Liebeleben.
Täglicher Wandel mit Gott.
der frommen Dienstmagd
Armelle Niklas,
genannt:
„Die gute Armelle.“
(Aus dem II. Teil ihres Wunderlebens, so im Jahre 1708 in deutscher Ausgabe erschienen. Siebente Auflage, Leipzig, bei C. H. Fuchs, 1748.)
Worte der guten Armelle.
1. Buch 17. Kap. § 16.
Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibet, der bleibet in Gott, und Gott in ihm. 1. Joh. 4. 16.
Gott hat mich einig und allein in diese Welt gesandt, dass ich Ihn lieben soll; und durch Seine große Barmherzigkeit habe ich Ihn sehr geliebet, dass ich Ihn nun nicht mehr auf die Weise der Sterblichen lieben kann. Es ist Zeit, dass ich zu Ihm gehe, damit ich Ihn auf die Art, wie die Seligen im Himmel, lieben möge.
1. Als die gute Armelle von einer ihrer vertrautesten Freundinnen eines Tages gefragt wurde, durch was für Mittel und Übungen sie zu diesem Stande, darinnen sie sich jetzt ihrer Seele noch befände, gekommen wäre und womit und wie sie denn sonderlich ihr Herz und Gedanken den ganzem Tag über beschäftiget gehalten?
2. Da gab sie zur Antwort, dass sie durch die große Barmherzigkeit Gottes nie eine andere Kunst gewusst hätte, als Lieben. Alle ihre Übungen, Beweg-Ursachen, Absichten und Förderungen bestünden bloß darinnen, dass sie lieben und täglich mehr und mehr in Liebe brennen möchte; dadurch hätte sie alle ihre Pflichten gelernt und auch verrichtet.
3. So bald ich des Morgens erwachte, sprach sie, so warf ich mich in die Arme meiner göttlichen Liebe, als wie ein Kind in die Arme seines Vaters. Ich stand auf, Ihm zu dienen und meine Arbeit zu verrichten, bloß, damit ich Ihm gefallen möchte. Wenn ich Zeit hatte zu beten, so lag ich auf meinen Knien in Seiner göttlichen Gegenwart und redete zu Ihm, als wenn ich Ihn mit meinen leiblichen Augen vor mir gesehen hätte. Da übergab ich mich Ihm und bat Ihn, dass er Seinen heiligen Willen vollkommen in und an mir erfüllen und ja nicht zugeben wollte, dass ich Ihn den Tag über in dem geringsten Stück beleidigen möchte.
4. Summa, ich beschäftige mich mit Ihm und mit Seinem göttlichen Lob so viel und so lange, als es meine Verrichtungen zuließen. Allein mehrenteils hatte ich den ganzen Tag über nicht die Zeit, ein Vater-Unser zu sprechen. Doch bekümmerte ich mich hierüber keineswegs. Es war mir eben so lieb und lag mir eben so hart an, um Seinetwillen zu arbeiten, als mein Gebet zu verrichten; wie Er mich denn selbst gelehret hatte, dass alles, was ich aus Liebe zu Ihm tun würde, ein wahrhaftiges Gebet wäre.
5. Ich kleidete mich an in Seiner Gesellschaft, und Er Zeigte mir, dass Seine Liebe mir meine Kleidung verschaffte. Wenn ich darauf an meine Arbeit ging, o! da verließ Er mich deswegen nicht, und ich verließ Ihn auch nicht, Er arbeitete mit mir, und ich mit Ihm; ja ich fand mich eben so vereiniget mit Ihm, als wenn ich im Gebet gewesen wäre. O! wie war es mir so süße und so leicht, alle meine Mühe und Beschwerlichkeiten in einer so guten Gesellschaft zu ertragen! Ja diese gab mir oft so viel Kraft, und solchen Mut, dass mir nichts schwer fiel und ich meinte, die ganze Haus-Arbeit wohl allein zu verrichten. Ich hatte nichts mehr als den Leib in und bei der Arbeit; mein Herz aber und ich selbst ganz und gar brannte vor Liebe bei dem süßen und vertraulichen Umgange, den ich mit Ihm hatte.
6. Ich unterhielt mich also während meiner Arbeit stets mit Ihm. Ich liebte Ihn und ergötzte mich in Ihm. Ich ging stets mit Ihm um, wie mit meinem vertrauten Freunde. Und falls die gewöhnlich so beschaffen war, dass sie alle meine Gedanken erforderte, so hielt ich dennoch allezeit mein Herz zu Ihm gekehrt; und sobald die Sache zu Ende war, lief ich eilends wieder zu Ihm, eben wie derjenige tut, der eine andere Person heftig liebet, die er bei allen seinen Geschäften nur kurz verlässet. Also ging es mir mit meinem Gott. Es war mir gleichsam unmöglich, mich von Ihm zu scheiden, zumal ich außer Seiner Gegenwart nicht leben konnte.
7. Dann ich wusste gar wohl, und Er selber hatte es mich so gelehrt, dass, so lange ich Ihn nur ansehen würde, ich Ihn nicht beleidigen, noch Ihn zu lieben unterlassen könnte. Je mehr ich Ihn ansah, je mehr erkannte ich sowohl Seine göttlichen Vollkommenheiten, als mein Eigen Nichts und Elend, so dass ich mich selbst vergaß und verließ, als eine Sache, die nicht würdig wäre, mich damit zu beschäftigen, damit ich mich über mich selbst und über alle geschaffene Dinge erheben, und also mich mit Ihm vereinigen und Ihm unaufhörlich anhängen möchte.
8. Mein einiges und stetes Absehen war, dass ich Ihm in allen meinem Tun gefallen und mich hüten möchte, Ihn zu beleidigen. In allen meinen Verrichtungen dachte ich an nichts anderes; und dieses tat ich nicht um des Nutzens willen, den ich daraus haben könnte, oder dem Übel zu entgehen, welches darauf gefolgt wäre, so ich anders gehandelt hätte; nein, alle diese Absichten und mein Eigen-Gewinn oder Schade war so ganz von meinem Gemüte entfernt, dass ich im geringsten nicht daran dachte. Die Liebe allein wollte alles für sich haben; und wenn die nur vergnügt war, so war ich zufrieden. Außer dem aber war mir alles unempfindlich.
9. Wenn ich nun des Morgens mit einem kleinen Fünklein Feuers eine große Glut anzündete, sagte ich: Ach meine Liebe! Wenn man Dich doch in den Seelen nach belieben wirken ließe, wie bald würdest Du darin ein gleiches verrichtet haben.
10. Wenn ich das Fleisch der geschlachteten Tiere zerschnitte und zum Essen zubereitete, so deuchte mich, ich hörete die Stimme meines Geliebten, der zu mir sagte, dass Er mich zu nähren und zu erhalten, den Tod leiden und Speise meiner Seelen hätte werden wollen.
11. Wenn ich Speis und Trank zu mir nahm, so tat ich solches in Seiner göttlichen Gegenwart, ebenso wie alles andere: Und da deuchte mich, als wenn alle Bissen in Sein teures Blut eingetaucht wären und dass Er Selbst mir dieselbe zu meiner Nahrung reichte, um mich immer mehr und mehr in Seiner Liebe zu entzünden. Man kann denken, was dieses vor (für?) Wirkungen in meiner armen Seele hervorbrachte. Ach gewiss, dieselben sind ganz unbegreiflich und es ist niemand, als Gott selber, der sie erzählen könnte! Denn wenn ich gleich mein ganzes Leben dazu anwendete, so würde ich doch niemals damit zu Ende kommen.
12. Keine Kreatur, sagte diese gute Armelle, war so klein, die mich nicht zu Gott führte und nach ihrer Art lehrte, Ihn zu lieben; so dass ich oft überlaut ausrief und zu Ihm sagte: O meine Liebe und mein alles! wenn kein einiger Mensch auf der Welt wäre, der mir sagen möchte, dass man Dich müsse lieben, so lehren mich auch die Tiere und andere Kreaturen solches zur Genüge. Und wenn Du selber Dich vor mir verbergen solltest, so würden sie mich anweisen, Dir zu dienen, und Dich zu finden.
13. Wenn ich einen armen Hund sah, der seinen Herrn nie verlässt, der so getreu ist ihm stets zu folgen, der um einen Bissen Brots ihm tausend Liebkosungen macht, gütigster Gott! Wie war mir das eine gewaltige Lektion, eben dergleichen zu tun gegen meinen Gott, der mich durch so viel Guttaten zu Seinem Dienst verbunden und verpflichtet hatte.
14. Wenn ich auf dem Felde die kleinen Lämmerchen sah, die so sanftmütig und friedfertig sind, die sich scheren und schlachten lassen, ohne einmal zu schreien oder zu blöken, so stellte ich mir meinen Heiland vor, der sich eben also hatte lassen zur Schlacht-Bank und zum Tode führen, ohne den Mund aufzutun, und Der mich dadurch lehrte, Ihm nachzufolgen und in allen widrigen und der Natur schwer ankommenden Dingen mich Ihm gleich zu machen.
15. Wenn ich sah die kleinen Kücklein unter die Flügel ihrer Mutter fliehen, fiel mir augenblicklich ein, dass mein Jesus sich mit diesem Tierlein verglichen hätte, damit Er bei mir ein gutes Vertrauen gegen Ihn erwecken und mich lehren möchte, mich unter den Flügeln Seiner göttlichen Vorsehung verborgen und bedeckt zu halten, um den Klauen des Teufels zu entgehen.
16. Falls ich die schönen Auen und Wiesen betrachtete, wenn sie fein grün und voller Blumen sind, sagte ich bei mir selbst: Mein Geliebter ist eine Blume zu Saron, und eine Lilie im Tal. (Hohel. 2, 1.) Er ist eine Rose ohne Dornen, mit welch letzteren Er dennoch Sich hat wollen bedecken und krönen lassen. Ich bat Ihn flehentlich, Er möchte meine Seele zu Seinem Lust-Garten machen, denselben auch so wohl verschlossen und versiegelt halten, dass, niemand außer Ihm jemals darein kommen könne.
17. Wenn ich ansah, wie die Bäume sich beugen und lenken ließen nach allen Bewegungen des Windes, und das Meer seine Grenzen nie überschritt, sagte ich: O mein Gott! Warum bin ich nicht eben so willig und bereit, mich durch die Bewegung und den Trieb Deines göttlichen Geistes lenken und leiten zu lassen? Und ach? gib doch, dass ich die Schranken Deines anbetenwürdigen Willens nie übertrete.
18. Die Fische, welche im Meer schwimmen und sich darinnen erlustigen, lehrten, mich, dass ich mich gleicher Gestalt in meine göttliche Liebe stets versenken und darinnen ergötzen sollte.
19. Wenn ich sah das Land bauen und besäen, so deuchte mich, ich sähe meinen Heiland, der die ganze Zeit Seines Lebens so viel Schweiß, Mühe und Arbeit ausgestanden hatte, um unsere Seelen zu bauen und den Samen Seiner himmlischen Lehre und göttlichen Liebe darein zu säen; wiewohl, dem allen ungeachtet, noch so wenig Erdreich zu finden, das gute Früchte traget; welches letztere mir unsägliche Schmerzen verursachte.
20. Wenn ich zur Zeit der Ernte den Weizen von der Spreu absondern sah, wurde ich dadurch gelehrt, dass eben dieses am Tage des Gerichts mit den Frommen und Gottlosen geschehen würde.
21. Kurz, es war keine Kreatur auf der Welt, die ich kennen mochte, welche nicht zu meiner Unterweisung diente und von der ich nicht immer etwas neues lernte. Darum sagte ich oftmals zu Gott: O meine Liebe! Wie fein hast Du meine Unwissenheit zu ersetzen gewusst! Denn da ich weder lesen noch schreiben kann, hast Du mir so große Buchstaben in meiner Unterweisung vorgelegt, dass ich dieselbe nur darf ansehen, um zu lernen, wie liebenswert du seist; ja oft wollte ich, dass ich sie nur nicht sehen möchte, denn sie entzünden mich so sehr in Deiner Liebe, dass ich oft nicht weiß, wo ich bleiben soll.
22. Nicht allein aber, sagte sie ferner, dienten mir die Kreaturen zu meiner Unterweisung; sondern ich sah auch über dem, dass Gott dieselbe allesamt durch eine unendliche Güte zu meinem Dienst erschaffen hatte, und dass Er mit ihnen und durch sie wirkte, mir gutes zu tun; dergestalt, dass bei aller Hilfe, die ich von ihnen empfing, ich klar sah, dass Er mir dieselbe durch sie widerfahren ließ.
23. Darum schrieb ich Ihm allein alles zu und sprach bei mir selbst: Wenn meine Frau mich zu jemand schicken würde, ihm von ihretwegen ein Geschenk zu bringen, so würde derselbe mir nicht verbunden sein oder dafür zu danken haben, sondern ihr, die ihm das Geschenk zugesandt hätte: eben also kommt auch alles Gute, das mir die Menschen erweisen, nicht nur von ihnen her, sondern von meiner Liebe, die mir solches durch sie tut.
24. Solchergestalt ging den ganzen Tag über kein Augenblick vorbei, da ich nicht neue Ursache fand, Ihn noch mehr zu lieben und mich noch mehr mit Ihm zu vereinigen. Der stets meiner Seele innigst gegenwärtig war, und mir, ohne mein Suchen, alle diese Einsichten und Erkenntnisse mitteilte; und solche geschah so überflüssig, dass, wenn man alles hätte zu Papier bringen können, man Materie genug gehabt hätte, ganze Bücher davon zu schreiben. Also nun wendete mich dieses alles von der gewöhnlichen Gegenwart meines Gottes gar nicht ab, sondern es befestigte mich vielmehr darinnen täglich mehr und mehr.
25. Wenn des Tags über unter so mannigfaltigem Getümmel und den anhaltenden Beschäftigungen, der Leib einige Beschwerlichkeit empfand und etwa sich zu beklagen und zu murren geneigt war und daher seine Gemächlichteit und Ruhe suchen, oder sich zum Zorn und Verdruss oder andern unordentlichen Bewegungen überwiegen lassen wollte; so erleuchtete mich alsobald meine göttliche Liebe und zeigte mir, dass ich diese Aufwallungen der Natur ersticken und solche ja nicht müsste hegen und unterhalten, weder in Worten noch Werken. Sie stellte sich gleichsam als eine Türhüterin an meinen Mund und setzte sich als eine Wache auf mein Herz, damit ja nichts beigetragen werden möchte, diese unordentlichen Bewegungen zu unterhalten. Und also mussten sie notwendig gleich in ihrer Geburt ersterben.
26. Es geschah ja wohl zuweilen, dass ich durch eine Bewegung der Heftigkeit, des Unwillens, oder sonst einer andern etwas unordentlichen Leidenschaft, mich hinreißen ließ, (welches doch nie, als bei großer Übereilung geschah); allein gleich augenblicklich wurde ich zurückgezogen und genötigt, inne zu halten, so dass das Wort, so ich im Munde hatte, halb ausgeredet stecken blieb, eben als ob man mir die Zunge gebunden hätte, und das Werk musste so lange ungetan bleiben, bis ich solche Bewegungen gestillt. Wenn es auch mehr nicht betroffen hätte, als ein Kind zu bestrafen, oder zu züchtigen, oder wegen eines begangenen Fehlers zu erinnern, so musste ich allerdings inne halten und nicht weiter gehen. Und warum dieses? Bloß, weil ich allezeit in der Gegenwart meines Gottes war, welcher alles mein Tun sah und beobachtete und sagte ich zu mir selbst: Wie! Solltest du ein solches tun vor den Augen und in der Gegenwart deiner Liebe, die dich unaufhörlich ansieht und anschauet! O! Dafür muss ich mich ja wohl hüten.
27. Diese gute Armelle, gleichwie sie solchergestalt sehr klug und wachsam war, alle List und Anschläge des Fleisches zu entdecken und zu vernichten; also redete sie weiter hiervon folgendergestalt. Weil der Teufel, sagte sie, uns eben dadurch zu fangen sucht und uns tausend Fürwendungen der Notdurft, der Schwachheit, der Mühseligkeit, und andere Schein-Gründe mehr vorlegt und an die Hand gibt, uns dadurch in seine Stricke zu bringen und listig zu erhaschen; so kann es gar leicht geschehen, falls man nicht mit aller äußerster Sorgfalt auf seiner Hut steht, dass man darinnen verwickelt werde. Diese Gelegenheiten sind weit gefährlicher als andere, da die Gefahr an sich selbst mehr am Tage liegt, weil man alsdann mehr Vorsichtigkeit gebraucht, dieselbe zu meiden. Aber wenn sie mit der Erhaltung der Gesundheit und des Lebens verknüpft sind, o! da wird außer Zweifel große Klugheit erfordert, sie nur zu entdecken, und große Herzhaftigkeit, um sie nicht überwinden zu lassen, da sie sehr behend und subtil sind. Auch hatte ich nie einige Gefahr darunter vermutet, wenn mein Geliebter es mir nicht entdeckt hätte: aber Er zeigte mir es so klar, dass ich nicht im geringsten daran zweifeln konnte; Ja fast in allen Begebenheiten lehrte Er mich unterscheiden, was von der Gnade oder von der Natur herrührte und gab mir auch die Kraft, jener zu folgen, diese aber zu überwinden.
28. Wenn ich aber ja manchmal nicht genug auf meiner Hut gewesen, und mich von einem Fehl hatte übereilen lassen; o! da konnte ich nicht leben, bis ich Vergebung erhalten, und wiederum Friede zwischen mir und meinem Gott gemacht war. Ich weinte zu Seinen heiligen Füßen; ich erzählte Ihm meinen Fehler, gleich als wenn Er ihn nicht gesehen hätte: ich bekannte Ihm meine Schwachheit, und konnte nicht eher von der Stelle weggehen, bis Er mir verziehen, und die Freundschaft wieder aufs neue bekräftigt worden, und zwar viel stärker, als jemals; welches durch seine große Güte und Barmherzigkeit allemal geschah, so oft als ich in einen Fehler geraten war, so dass auch dieses mir dazu dienen musste, dass ich hernach nur desto mehr in seiner göttlichen Liebe entzündet wurde. –
29. Diese gottselige Armelle führte folgende Reden oft im Munde:
Nichts sei in dieser Welt geringer und elender als ein Herz, das sich zum Sklaven seiner Begierden macht und den Lüsten seines Fleisches folgt. Es sei nie ein rechter Friede noch wahre Ruhe zu hoffen, bis alles Gott untertan und gehorsam sei.
Es sei einerlei, ein Sklave des Teufels oder seiner selbst zu sein. Dass alle, die ihr Elend bekennen und darüber klagen, bloß darum elende sein, weil sie es sein wollen; zumal sie die Mühe scheuen, sich selbst zu überwinden; welches dennoch viel leichter ist, als sich selbst zu vergnügen.
Dass, je länger man zurückbleibe und die Sache hinausstelle, je schwerer und verdrießlicher sie uns scheine, weil die Natur immer stärker, der Geist aber schwächer werde und seine Kräfte verliere.
Wer diese Überwindung erhalten wolle, der müsse der Natur gar nicht nachsehen, ihr nichts zu gute halten, noch den allergeringsten Vorteil über sich einräumen. So bald man ihr im geringsten gestatte, was sie verlangt, werde sie stolz und unbändig, dass man hernach viel mehr Mühe habe, ihr solches wieder zu entziehen, als man gehabt hätte, ihr nichts einzuwilligen. Endlich, wer das wahre Leben genießen wolle, der müsse sie unaufhörlich töten, ohne ihrer zu schonen, oder Mitleid mit ihr zu haben. Dagegen aber habe auch derjenige, der sie völlig erleget, sich wirklich ein Königreich des Friedens und eine unbegreifliche Seligkeit zuwege gebracht.
30. Ferner pflegte sie auch gemeiniglich zu sagen: Gott lieben, und um Seinetwillen alles ohne Ziel und Maß leiden wollen, seien zwei unzertrennliche Dinge; Das rechte Leiden sei ein Kennzeichen der rechtschaffenen Liebe; Das Kreuz fliehen sei eben so viel, als sich von dem Ursprung alles Guten entfernen, weil Gott am Kreuz angeheftet und daselbst allein zu finden sei.
31. Diese Gnade nun, dass sie nämlich auch mit ihrem Heiland leiden möchte, von Ihm zu erlangen, tat sie in den ersten Jahren folgendes Gebet, welches sie von ihrer gekreuzigten Liebe selber gelernt hatte, und mit solcher Brünstigkeit eine lange Zeit zu sprechen pflegte, dass sie deuchte, es zerspringe ihr das Herz im Leibe, und die Worte, so aus ihrem Munde gingen, wären lauter Feuer-Flammen. Sie betete aber also: O meine gekreuzigte Liebe! wer hat Dich bewogen, einen so grausamen Tod für mich am Kreuz zu leiden und auszustehen? O mein Jesu! tue mir doch die Gnade, meine Seele von mir selbst los zu reißen, und zugleich mit Dir an dieses Kreuz zu heften. O mein Jesu? ach! dass meine Hände zugleich mit Deinen angenagelt, mein Herz, eben wie Deines, mit dem Spitz verwundet, und meine Füße, wie Deine, mit den Nägeln durchbohrt sein möchten! O mein Jesu! ach dass mein Blut mit Deinem zugleich aufwallen möchte! Sei Du in mir und lass mich in Dir sein, und mit Dir an diesem heiligen Kreuze sterben! O mein Jesu! verleihe mir die Gnade, dass ich vor lauter heiliger Liebe zu Dir, und vor herzlicher Reue, dass ich Dich beleidigt habe, krank sein, ja gar sterben möge!
32. Diese Zuflucht zu ihrer gekreuzigten Liebe half ihr dann alles zustoßende Ungemach dulden und überwinden. Denn, sagte die Kreuz liebende Armelle, wenn mich die Menschen durch ihre Verleumdungen und andere üble Begegnungen, oder auch die bösen Geister durch ihre Versuchungen und leichtfertige Tücke verfolgten, so wandte ich mich augenblicklich zu meiner göttlichen Liebe, die ihre heilige Arme gegen mich ausstreckte, und mir ihr Herz und offene Wunden zeigte, dass ich mich darein verbergen und meine Sicherheit darinnen finden sollte. Und da begab ich mich alsdann darein, als in meine rechte Burg und Festung, und daselbst war ich allein viel stärker, als die ganze Hölle insgesamt; ja wenn alle Kreaturen zugleich sich wider mich gesetzt hätten, würde ich mich doch vor ihnen nicht mehr, als vor einer Fliege gefürchtet haben, weil ich unter dem Schutz und Schirm der ewigen Liebe war.
33. Alle Beleidigungen aber, die ihr angetan wurden, hielt sie für eine große Gnade, und konnte sich nicht enthalten, ihre Beleidiger, Feinde und Widersacher, ob sie ihr gleich alles gebrannte Herzeleid antaten, aufs inbrünstigste zu lieben, und ihnen alles Gute zu tun, so viel ihr nur immer möglich war. Daher pflegte sie oft zu sagen, dass sie von einem Feinde nichts wüsste, und nie einen gehabt hätte; dass sie diejenigen, welche die Welt Feinde zu nennen pflegte, für ihre größte Freunde hielt; das Kennzeichen, wodurch sie dieselben von andern Menschen unterschied wäre die große Liebe, welche sie in ihrem Herzen gegen sie empfand; dass, sobald ihr einer etwas böses getan, ihm solches eine Tür wäre, dadurch er in ihr Herz eindringen, und in ihrem Gebet Platz finden könnte, da sie vorhin wohl gar an ihn nicht gedacht hätte; der hätte an ihrer Liebe am meisten teil, der ihr einen bösen Streich versetzt hatte.
34. Wenn manchmal Gott selbst sich vor ihr verbarg, und gleichsam tat, als wenn er von ihr weichen wollte, so sprach sie zu Ihm: O, daran liegt nichts, meine Liebe! Du magst Dich immerhin verbergen; Ich will Dir dennoch nichts desto weniger dienen; Denn ich weiß doch, dass Du mein Gott bist. Und alsdann befleiße ich mich mehr, auf mich selbst Achtung zu geben, als jemals, und meiner schuldigen Treue desto genauer wahrzunehmen, damit ich meiner einzigen Liebe nicht missfallen möchte, als welches das einzige war, davor ich mich fürchtete. Zu solcher Zeit lernte ich mein Elend und meine äußerste Armut desto besser erkennen, und meinem Heiland immer mehr und mehr vertrauen, war auch gerne zufrieden, in solchem Zustande die ganze Zeit meines Lebens stets zu bleiben, wenn es Ihm gefällig sein sollte. Aber o! Er ließ mich darinnen nicht lange; und wenn ich also reden darf, Er konnte nicht umhin, mich zu liebkosen; eben wie auch ich nicht ohne Ihn leben konnte. Denn anstatt eines kurzen Augenblicks, da Er mir seine Gegenwart entzogen, überschüttete Er mich bei Seiner Wiederkunft mit so viel himmlischen Gnaden- und göttlichen Liebes-Bezeugungen, dass ich sie nicht ertragen konnte.
35. Es war aber diese heilige Seele in allen ihren Übungen und Verrichtungen über alle Maßen treu; rühmte auch die Tugend der Treue bei aller Gelegenheit, und riet jedermann dazu; ja sie führte stets sechs oder sieben Jahre lang immer diese Worte im Munde: Lasst uns treu sein, so lasst uns Gott treu sein. Denn die Treue vereinigt uns mit Gott; die Untreue aber scheidet uns von Ihm. Und wenn sie von Jemand gefragt wurde, wie man Gott dienen müsste? so antwortete sie allezeit: dazu ist kein anderer Weg, als die Treue, welche sich über alle Dinge, große und kleine, nicht das geringste ausgenommen, erstrecken muss. Treu sein aber heißt, wie mich Gott Selbst unterrichtet, wenn man alle Dinge, die kleinen sowohl als die großen, vollkommen wohl tut. Denn diese Treue vereiniget die Seele mit Gott, und die Untreue hingegen scheidet uns von Gott.
36. Oft wiederholte sie in einem einzigen Gespräch mehr als hundertmal diese Worte: Lasst uns Gott getreu sein? ach ja! lasst uns Ihm getreu sein! Denn es geschieht oft, dass die Gnade, welche anfangs angeboten ward, um die Sache vollbringen zu helfen, hernach gar versagt wird. Und über das, so ist man ja seines Lebens nicht versichert, und gesetzt dass man dessen versichert wäre, so müsste man doch deswegen nicht auf einen andern Tag versparen, was man heute tun kann, weil dieses eine Anzeige ist einer schlechten Liebe. Denn wenn die Liebe rechtschaffen und groß ist, so kann sie gar nicht ruhen, so lange sie weiß, dass der Geliebte etwas will getan haben, das sie noch nicht erfüllet hat. Und ich glaube, dass eben dieses die Ursache sei, warum ihrer Viele so langsam zur Vollkommenheit kommen, nämlich sie wissen gar wohl, was Gott von ihnen fordert; aber, weil sie scheuen, sich selbst ein wenig Gewalt anzutun, so verschieben sie die Sache immer auf eine andere Zeit, und sagen: Morgen, morgen wollen wir es tun; und niemals kommt doch dieser Morgen. Denn je länger sie in ihren Gewohnheiten bleiben, und dieselben hegen, je weniger Kraft haben sie, ihnen zu widerstehen und Gott, der ihre Untreue sieht, verlässt sie endlich und weichet gar von ihnen.
37. Also sehet ihr nun, sagte sie, wie ich meine Tage, und zwar sowohl die Werkel- als die Feier-Tage, zugebracht; an welchen letzteren ich oft nicht weniger zu arbeiten hatte, als an den andern. Aber das hinderte mich nicht; denn es galt mir alles gleich, Arbeit und Ruhe, leichte und schwere Dinge, alles war mir gleich, weil ich nicht sah auf dasjenige, was ich zu hatte, sondern auf den, um dessentwillen ich es tat.
38. Wenn nun der Abend gekommen war, und ein jeder sich zur Ruhe begab, o! da war meine Ruhe nirgends anders, als in den Armen der göttlichen Liebe; da schlief ich ein auf ihrer heiligen Brust, als ein Kind auf der Brust seiner Mutter. Ich schlief ein, sage ich, doch so, dass ich im Lieben und im Lobe Gottes beschäftigt war, bis mich der Schlaf überwältigte. Ja mehrenteils hielt die Gewalt der Liebe alle meine Sinne so munter, dass ich den größten Teil der Nächte ohne Schlaf blieb, und dieselben durch und durch mit lieben zubrachte. Und wie konnte ich anders tun gegen eine so liebreiche Güte, die mich niemals verließ noch versäumte, sondern stets über mich wachte, und eine so nichtswürdige Kreatur nie aus seiner Hut ließ? Wenn mich manchmal des Nachts die bösen Geister anfielen und überlisten wollten, (welches mir einige Zeit über gar oft begegnet) so beschützte mich meine göttliche Liebe, und stritte für mich. Ja sie tat mir auch die Gnade, dass ich im Schlaf, (denn im Wachen fielen sie mich selten an), ihnen eben so tapfer widerstand, als wenn ich nie geschlafen hätte.
39. Sehet, das ist also das Leben einer armen Bäurin, einer schlechten Dienstmagd, seitdem es der göttlichen Liebe gefallen hat, dieselbe zu führen. Sehet, wie er mich aus meinem Elende, nämlich aus meinen Sünden und aus meiner Unwissenheit herausgerissen, und aus mir gemacht hat, was ich jetzt durch seine große Barmherzigkeit bin. Sehet, das ist meine Lebensart, die ich zwanzig Jahr lang geführt, ohne dass ich jemals die geringste Verminderung der Liebe gespürt, die gleich zu Anfang meiner gänzlichen Bekehrung in mein Herz ausgegossen worden. Im Gegenteil hat sich dieselbe noch von Tage zu Tage je länger je mehr vermehret ob es mir gleich an jedem Tage geschienen, dass ich nicht einmal die Liebe, die ich wirklich schon bei mir befand, ertragen könnte. Nun finde ich mich in Seiner unendlichen Liebe gesättigt und vergnügt; aber vorhin, bis ich dahin gelanget, hungerte meine Seele täglich darnach ob mich gleich dünkte, dass ich ihrer nicht mehr haben noch erlangen könnte, als ich jeden Augenblick wirklich hatte.
40. Dahin aber bin ich eher nicht gelanget, als bis Ihm nach Seiner großen Gütigkeit gefallen, mich in sein Haus zu führen. Zwanzig Jahr lang, sagte sie, war ich in meinem eigenen Hause gewesen, und hatte die Zeit über so gelebt, wie ich jetzt geschrieben: Aber, nachdem solche Zeit verflossen, da hat Er mich in Sein Haus, das ist, in Sich selbst geführt. Was nun seither in mir vorgehet, das ist so erhaben und übertrifft so weit alles, was vorher in mir gewesen, dass es unmöglich ist, solches begreiflich zu machen: Die Kreatur scheinet hier ganz verloren zu sein: Der Geist ist so hoch über der Erde erhaben, dass er nicht mehr darauf zu sein scheinet: Der Friede ist so unergründlich, und die Freude so vollkommen, dass die Seele meinet, sie sei schon wirklich in den Frieden und in die Freude Gottes eingegangen; und gleichsam in Gott verwandelt.
41. Vor dieser so großen Gnade zwar, sagte sie ferner, kam mir Gott durch Seine große Barmherzigkeit nie aus dem Gesicht und mein Herz war durch die Liebe unaufhörlich mit Ihm vereinigt; allein, es blieben doch noch immer zwei Dinge, die zwar sehr genau mit einander zusammengefügt waren, nichts desto weniger aber doch noch von einander getrennt werden konnten. Nun aber hat Gott die Kreatur verborgen, so dass Er allein in mir gesehen wird. Hier bat Er mich mit Seinen göttlichen Vollkommenheiten geziert, und mich zum Besitze Seiner Güter geführt. Er ist mein Leben und mein alles. Lasset euch dennoch nicht wundern, dass ihr mich sehet das zu sein, was ich bin, und dass ich nichts tue, als dass ich von Seiner Liebe krank bin und sterbe. Ich müsste ärger sein, als die Teufel selbst, wenn ich nach so viel Gnaden und Barmherzigkeiten, die ich von Seiner göttlichen Majestät empfangen, anders täte. Und falls ich solches unterließe, würde die Hölle zu wenig sein, mich zu strafen. Aber nein, Er wird nimmermehr zugeben, dass mir dieses Unglück widerfahre.
42. So man Mich nun fraget: Was machst du allein jeden Augenblick des Tages und womit bist du stets beschäftiget? So kann ich nichts anderes antworten, als dieses: Ich liebe, ich liebe brünstig. Dieses ist alles, was ich tun kann. Mit diesen Worten erzähle ich mein ganzes Leben. Denn das ist anders nichts gewesen, als eine immerwährende Liebe und stete Dankbarkeit für alle Güte und Barmherzigkeiten Gottes gegen mich. Sehet, dieses ist mein Gebet, meine Verrichtung und mein Leben. Weiter habe ich nichts davon zu sagen. Meine göttliche Liebe aber müsse für alle mir erwiesene Gnade und Barmherzigkeit demütigend gepriesen und von allen Kreaturen innigst gelobet und immer und ewiglich gebenedeiet werden.
Amen!
Anhang.
Zeugnis desjenigen Herrn, bei dem die gute Armelle 35 Jahre gedient hat und bei welchem sie auch gestorben ist.
Gott hat durch seine sonderbare Vorsehung gleich anfangs bei unserer Heirat uns diese Weibsperson zugeführt, unsere Haushaltung zu führen; zumal meine Frau nicht dazu erzogen worden ist, diese Sorge selber zu tragen, welche ohnedies auch immer kränklich war. Diese fromme Person bediente sie, tröstete sie, und half ihr auf das aller freundlichste und liebreichste von der Welt; sie hat, so lange sie gelebt, nie anders gegen ihr getan. Sie bezeugte sich auch nicht anders gegen alle Hausgenossen, da immer einige krank waren, sonderlich aber mein ältester Sohn, und zwar viele Jahre, da denn die Sorgfalt und Liebe, die sie ihm erwiesen, nicht auszusprechen.
Sie nahm sich des Hauswesens unermüdlich an, sowohl in der Stadt als auf dem Lande und wusste dabei, wenn sie in die Stadt ging, beides, ihre Andacht und die Besorgung dessen, so das Hauswesen erforderte, mit solchem Fleiß zu verrichten, dass man es schier nicht merkte, dass sie aus dem Hause gegangen war. Sie war von wunderbarer Sanftmut und Geduld; und obwohl die anderen Dienstboten ihr manche Verdrießlichkeit machten, auch wir uns in allem an sie hielten, und sie zuweilen heftig ausschalten, so habe ich sie doch diese 35 Jahre über, die sie bei mir gewesen, keineswegs darüber bewegt oder entrüstet gesehen, worüber ich mich bisweilen verwunderte und mich bei mir selbst schämen musste, dass ich mich so leicht erzürnte, da sie hingegen nie einen Verdruss blicken ließ, auch sich nie entschuldigte und keine andere Furcht hatte, als dass sie Gott zu beleidigen Ursache geben möchte.
Sie sorgte für alle Notdurft der Haushaltung mit guter und reifer Überlegung; erzog unsere Kinder mit großer Sorgfalt und Liebe, lehrte sie, sobald sie nur reden konnten, ihr Herz an Gott zu übergeben und andere kurze Gebete; liebte sie auch herzlich; wie denn auch die Kinder ohne sie nicht sein konnten.
Sie hatte oft Krankheiten, die wir nicht kannten, und diese überfielen sie oft jählings und gemein gegen die Feste der Heiligen und Märtyrer. Oft war sie 4 bis 5 Tage also, und fühlte sich fast in allen Gliedern wie zermalmt und zerschlagen, so dass sie auf das, was in der Haushaltung nötig, gar nicht denken konnte. Man ließ ihr öfters zur Ader, ihr Linderung zu verschaffen; und einmal geschah es durch Gottes Zulassung dass ein Barbier böse Meinung von ihr hatte, darüber sie sich sehr erfreuet.
Sie beklagte sich niemals über ihre Schmerzen oder Krankheiten, sondern litt alles mit engelsgleicher Geduld und Sanftmut und hatte kein Mitleiden, als nur mit andern.
Sie hatte eine große Ehrerbietung gegen die Priester und wenn sie ins Haus kamen, wartete sie ihnen auf, als ob es Engel wären gewesen.
Sie ließ sich angelegen sein, alle meine Sachen im Gebet Gott zu befehlen; und als ich einen langen und wichtigen Prozess hatte, pflegte sie mich durch ihre guten Gespräche zu trösten und aufzurichten; auch habe ich den guten Ausschlag nächst Gott ihrem Gebet zuzuschreiben. Sie hatte eine so tiefe Demut, dass sie sich nie anmaßen durfte, jemanden wegen seiner Fehler einigen Verweis oder eine Erinnerung zu geben. Und wenn sie je genötigt war, die anderen Dienstboten zu bestrafen, so geschah es mit großer Sanftmut und sie brauchte dabei keine unnützen Worte.
Ihre Sittsamkeit war ungemein und brachte ihr eine Ehrerbietung auch bei Standespersonen, die zu mir kamen, zuwege. Wenn solchen je zuweilen in ihre Gegenwart einige all zu freien Worte entfuhren, so entschuldigten sie sich gegen sie und ehrten sie so hoch, dass es mich oft wunderte; und sie antwortete ihnen mit solcher Demut und Klugheit, dass sie selbige für Gott gewann. Eben diese Demut machte, dass sie sich fürchtete, andern beschwerlich zu fallen, wie sie dann, nachdem sie das Bein gebrochen, und gezwungen ward, etliche Jahre das Bett zu hüten, aus Furcht, mir beschwerlich zu sein, so viele Entschuldigungen darüber gegen mich machte, dass ich gezwungen wurde, ihr zu verbieten, mit mir davon weiter zu reden. Als sie so zu Bette lag, war sie dennoch bemüht, den anderen Dienstboten, worin sie nur konnte, behilflich zu sein und auch fortfuhr, für das Hauswesen Sorge zu tragen, und tat allezeit etwas dem Hause zu Nutzen.
Kurz; es war eine fromme und tugendsame Weibsperson, bei der ich gar keinen Fehler gesehen und deren Gottseligkeit in dem Stande, darinnen sie lebte, niemand beschwerlich war. Denn sie richtete und ordnete das Geistliche nebst dem Zeitlichen so wohl und klüglich ein, dass niemand mit Recht darüber klagen konnte. Dieses alles ist das Zeugnis, welches ihr Hausherr gegeben, dem man, in Betrachtung seiner Tugend, Weisheit und Frömmigkeit kühnlich Glauben beimessen mag.
Amen.
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