Gott, der alleinige Heiler; Einer kehrt um
Kapitel 15
„Ach, die arme Meira Bartels, die Höckerin, ist krank.“ Beate sagt es vor sich hin. Zwei Jahre sind vorbei im Gewoge dieser Welt, jener Menschen, die Tod und Kummer bringen. In dieser Gegend, wo die einst Geflüchteten eine gute Heimstatt fanden, ging es in der Zeit recht ruhig zu, im Gegensatz zu anderen Gebieten.
Der Großinquisitor war noch nicht gekommen, eine Order hatte ihn vom Wege abgebracht. Wie gut, denkt Beate und besinnt, ob sie nicht zu Meira gehen solle. Es drängt sie sehr. Sie ist ja nun erwachsen, fast sechzehn Jahre alt, da wird sie wohl — Sie gibt dem Drängen nach. Bis zur Höckerin ist es nicht weit.
Kaum ist sie in die nächste Gasse eingebogen, fragt ein Mann, wo der Stadtrat wohne. Beate gibt Bescheid, ahnungslos, die Frage sei getan, bloß um sie anzusprechen. Sie weiß auch nicht, der Inquisitor hat Spione eingesetzt, um ihm später seine Arbeit leicht zu machen. Die Agenten sind als biedere Gesellen bei verschiedenen Meistern eingetreten, auch einer bei dem Bauherrn, wo Berthold Meurer seine gute Arbeit fand.
Obwohl er niemals das Geringste äußert, die höhere Verbindung mit dem Licht, — ganz vermeiden läßt sich‘s nicht, immer sickert etwas durch. Allein, wann wer zusammentrifft, in Schoebers Haus, der zudem der erste Ratsherr ist, daselbst nach ihrer Ansicht ‚manches nicht mit rechten Dingen zuzugehen scheint‘, das und anderes haben die Agenten aufgespürt.
Wie leicht zu wissen, daß das Mädchen, obwohl eher noch ein Kind als ein erwachsener Mensch, sich dabei befindet. Ha, gerade junge Leute braucht der Inquisitor; die sind durch Foltern leichter zu befragen, da hat er gleich die ‚ganze Brut‘, so war der Plan. Es hatte ihn gewurmt, weil er einst nicht alles in die Wege leiten konnte; nun — er wird sein Ziel erreichen.
„So, so“, sagt der Arge freundlich und streicht ihr übers Haar. Sie weicht zurück, mag es nicht, von Fremden angefaßt zu werden. Es kommt ihr der Gedanke: ‚Hüte dich!‘ Aber sollte es vielleicht so sein? „Herr, ihr braucht nur die Gasse lang zu gehen, oben rechts einzubiegen, dann seht ihr gleich das Städtehaus (Rathaus), dort amtiert der Ratsherr, den ihr sucht.“
„Du bist hübsch, solltest nicht alleine gehn; es gibt Burschen, die sich das zunutze machen.“ Wieder will er streicheln, Haare oder Wangen, ist doch gleich, ein junges Wild fängt er sich immer ein. „Laßt mich aus“, fleht Beate. Mit hellem Blick sieht sie ins dunkle Dräuen und erschrickt ins tiefste Herz.
„Na, Kleine, nicht so zaghaft, ich tu‘ dir nichts. Soll ich dich begleiten, damit dich niemand überfällt?“ — „Nein, mein Weg ist nahe. Habt ihr Wichtiges zu melden, dann geht gleich ins Städtehaus.“ — „So eilig ist es nicht“, kichert jener, will wieder streicheln und — noch mehr. Größte Not beherrscht das Mädchen. Wäre ich dem Drang doch nicht gefolgt; mir ließ es keine Ruhe, nach der kranken Frau zu sehen. Sie ist gut und hilfsbereit, nun muß ihr geholfen werden. Da — die andere Hilfe —
Um das nächste Hauseck kommen Strauber und der Ratsherr Schoeber. Letzterer kennt schon die ‚Gesellen‘; sie ließen sich bloß bisher nichts zu Schulden kommen, es war daher nichts zu unternehmen. Nun freilich sehen beide Männer noch, wie der Freche seine Arme um das Mädchen schlingt. Beate wehrt sich heftig. Ah, jetzt hat er einen, wird er die anderen auch noch an die Kette legen, was er absolut nicht wörtlich meint. Immerhin: das Gefängnis hat genügend Raum, um Schurken aufzunehmen.
„Halt!“ donnert es. Beide Männer laufen rasch. Ehe der Geselle flüchten kann, wird er festgehalten. „Was treibst du hier? “fragt Schoeber barsch. „Bei uns werden keine Mädchen auf der Gasse überfallen, noch dazu am hellen Tag! Du bist doch der Geselle bei dem Schneidermeister Wuhnicke, aus Augsburg hergepilgert?“
„Der bin ich!“ Oh, die Agenten, die der Inquisitor schickt, sind geschickt, gedrillt, können sich aus Schlingen winden, wenn sie schon einmal in eine tappen. Schade, er hätte es herausgebracht, was mit dem Mädchen ist, und der Lohn — ah, viel hätte er bekommen, mindestens zwei Dukaten. Na, ihn wird man niemals fangen. Also tut er ganz erstaunt:
„Aber Mann“, sagt er, als kenne er den Ratsherrn nicht, „hab‘ das Kind doch nur gestreichelt; und ein harmloser Kuß — was ist denn schon dabei?“ „Mache mir nichts vor“, zankt Schoeber. Strauber paßt gut auf, daß der Kerl ihm nicht entwischt. Das Wortgefecht hat einen Stadtknecht von der Tageswache hergelockt. Er steht gleich bereit, helfend einzugreifen.
„Küssen kannst du deine Dirne, wenn du eine hast“, sagt Schoeber grob, „unsere Mädchen rührst du mir nicht an; merke dir das gut!“ Jetzt macht der Arge einen Fehler, der nicht mehr gut zu machen ist und dem Inquisitor später einen Fluch entlockt — wahrlich, solchem ‚Gottesmann‘ wie auf den Leib geschrieben.
„Eine Dirne von der Stadt? Das macht mir keiner vor! Die gehört doch zu den Fremden, die vor Jahren hierher kamen und vom ersten Stadtmann aufgenommen worden sind. Die sind seinerzeit geflohen, weil die Kirche sie bestrafen wollte, ganz zu Recht. Euer Stadtmann hat die bösen Wichte nicht verbannt, was ja gegen jedes Recht der Kirche geht und . . .“
„Sieh an, gut geplappert! Wir unterstehen deiner Kirche nicht, ah — Kirche, schade um das fromme Wort! Wir unterstehn dem Fürstenhaus von hier. Du wirst erst mal eingesperrt, hast die öffentliche Ordnung nicht geachtet; dann werden wir es sehen, was dich und die anderen Gesellen hergetrieben hat. Denke nicht, ich müßt‘ es erst erforschen; ich weiß Bescheid!“ Unbändiger Zorn läßt den Gefangenen einen zweiten großen Fehler machen.
„Ihr Ketzerbrut kommt alle in die Folter, auf den Scheiterhaufen, da vergeht euch euer großes Maul!“ — „Ab!“ Ein Pfiff. Drei weitere Wachen kommen an und bringen den Gefangenen in eine Zelle. O weh! Er sinkt in sich zusammen, verflucht die Stadt, sich selbst, das Mädchen. Hätte es sich nicht so lang geziert, dann wäre er — Sein Überlegen nützt ihm nichts, er kann seinen Mitgesellen keine Kunde geben, vorsichtig zu sein.
Schoeber läßt dieselben schärfer überwachen, die alsbald merken, daß einer aus der Gruppe fehlt. Sie können nichts erkunden, wo er ist, was geschah und fangen an, sich abzusetzen. Soll der Inquisitor selber kommen. Der jüngste der verkappten Mönche, beim Seilermeister eingestanden, bleibt zurück. Noch weiß er nicht warum, redet es sich ein, er täte es wegen des gefangenen Bruders. Uneingestanden fürchtet er das Kommen seines hohen Vorgesetzten.
Indessen hat Doktor Strauber sich Beate vorgenommen; die Angst um sie läßt ihn poltern: „Bist nich brav gewesen, hast versprochen, nie allein zu gehn; und wären wir jetzt nicht gekommen, Ratsherr Schoeber und auch ich — was wäre denn aus dir geworden?“ Er sieht Schoeber an, er möge auch noch zanken. Der legt seinen Arm um Beates Schultern, fühlt ihr Zittern, und sagt väterlich:
„Warum bist du schutzlos fortgegangen? Ohne weiteres hast du das nicht getan.“ — „Es war — es war das Wort im Traum, ich solle zu der Meira Bartels gehen, die wäre krank. Dabei saß sie noch vor Tagen an dem Sterbebett der Häuslerin. Es hat mich sehr gedrängt, zu folgen. Weit weg wohnt die Höckerin ja nicht. Das konnte ich nicht ahnen, daß gerade . . .“ — „. . . dir ein Lumpenkerl begegnet“, zürnt der Doktor weiter. „Hättest, wenn nicht anders möglich, auf die Mutter warten können.“
„Die Mutter nehme ich nie mit“, widerspricht Beate. „Die ist uns zu teuer, die darf nicht gefährdet werden. Denn das weiß ich auch: es sind welche in die Stadt gekommen, bereits seit Wochen. Ich sah das Bild: unter ihren Wämsern tragen sie die Kutten. Die sind hergeschickt, nicht zum Guten für die Leute in der Stadt.“ Dabei sieht das Mädchen Schoeber an. Der nickt.
„Doktor, glätte deine Stirn, wenn der Sorge wegen dein Gegrolle gelten mag. Zur rechten Zeit gekommen, ist das Gesindel in den Fang geraten. Mir ward zugetragen, der von heute hätte sich bei Wuhnicke verraten, hätte zwar nur so gefragt, was der Meister von dem Luther hielte. Dabei stand ein Flimmern ihm im Auge, wie Wuhnicke es mir beschrieb. Hab‘ die Meister, wo die Augsburger eingestanden sind, aufmerksam gemacht, zumal sie alle evangelisch sind. Doch hat ihrer keiner gegen einen Katholik was vorgebracht; alle halten Frieden mit den anderen, was ich sehr begrüße. Schließlich glauben wir doch alle bloß an einen Gott.“
Beate strahlt den Ratsherrn an. „Oh, Frieden halten, wurde mir gesagt, es gäbe bei dem Schöpfer Gläubige und Ungläubige. Letztere müßten lange warten, bevor sie in das Reich des Vaters kämen; aber Er, der Herr, verlöre keines von den Abgeirrten. Wie sehr habe ich gedankt, hab‘ gedacht: Wenn jemand keinen Glauben lernte, wäre er ganz arm, ärmer eigentlich, als hätte jemand nichts zu essen. Einem Hungernden gibt man ein Stück Brot; was gibt man einer Seele, die nicht einmal nach Brot verlangt?“
„Ach Kind, wieder hast du uns ein feines Bild gebracht! Na ja“, Strauber gibt Beate eine Hand, „gehen wir zur Höckerin, vielleicht kann ich ihr helfen. Gehst aber nimmermehr allein?“ Das wird versprochen. „Ist recht“, sagt Schoeber, „muß mich um den Gefangenen kümmern und den anderen auf die Füße sehn. Ich fürchte bloß“, „die reißen aus“, ergänzt der Arzt.
Die Kranke liegt auf kargem Lager, hustet stark, ringt nach Luft und erkennt dann doch das Mädchen und den Arzt. „Ihr?“ fragt sie mühsam. „Wer hat gesagt, daß ich — bei mir war noch niemand, ich hätte sonst nach euch geschickt.“ Bittend sieht sie Strauber an, er möge helfen. Und die Beate — Schon längst erkannte sie, daß mit dieser ‚etwas ist‘. Aber was? Bloß war es, ihrem schlichten Sinne nach, stets schön, wenn sie mit dem Mädchen irgendwo zusammentraf, meist an einem Sterbebett.
Indessen hat der Doktor Herz und Lunge abgehorcht, das Ohr auf die Brust gedrück. Da rasselt es. „Hast du Honig?“ fragt er, sich erhebend. Sie schüttelt mit dem Kopf, das Sprechen strengt sie an. „Keine Milch?“ Woher denn holen, wenn man krank darniederliegt und niemand hilft? „Wir kommen wieder, gedulde dich.“ Strauber geht mit Beate fort, er mag sie nicht am Lager sitzen lassen. Die Höckerin ist kränker als sie ahnt.
In der nächsten Gasse gibt es eine Stube, man bekommt allerlei, Mann und Frau sind freundlich zu den Kunden, besonders zu dem Arzt. Der ist ja stadtbekannt. Man borgt ihm willig ein Gefäß mit Milch, einen Becher Honig, eine Rarität. „Ist gestern etwas angekommen“, sagt der Mann. „Der Kaufmannszug aus Eisenach war da.“ — „So, hm, sind wir eben recht“, dankt Strauber und bezahlt. Er trägt den Honig, Beate die Milch, und bald flackert in dem kleinen Raum der Höckerin ein Feuerchen im Herd.
Gutes Kräuterwerk, selbst gepflückt, und Salbe, auch selber hergestellt, hat der Doktor stets bei sich. Anderes ist in dieser alten Zeit kaum aufzutreiben. Die Milch wird abgekocht, ein Löffel Honig eingerührt, ein Lungenkraut dazu, auch gekocht und durch ein Tuch gefiltert, und das alles gibt er löffelweis der Kranken ein. Was übrig ist, wird kühl aufbewahrt.
„Wir kommen abend wieder, der Nachbarin sag‘ ich Bescheid. Wäre ja gelacht, kämest du nicht wieder auf die Beine.“ Sein Gedanke nur straft die Worte Lügen. Kranke Menschen aufzurichten war von jeher sein Prinzip. Solch gute Totenfrau gibt es nicht bald wieder, wie die Meira ist. Das sagt Strauber zu Beate, als sie fragt, wie es um die Kranke stünde. Sie wird ihren Engel bitten müssen, ihr aufzuhelfen. Sie mag die Meira gern, die gut die Heimgegangenen, deren Letztes, was der Welt gehört, betreut. Und hat immer für das Seelenheil gebetet. Wer weiß das schon?
Am Abend geht es Meira etwas besser. Die Nachbarin hat eine warme Decke ausgeliehen, einen Brei gekocht und das Stübchen aufgeräumt. Alles sieht der Mann, der ohne Frau durchs Leben geht. Allerdings — als Arzt hat er viel gesehen, gut und schlecht, bittere Not, bei manchen Hohen viel zu viel von dem, was der arme Mensch entbehren muß. Nun ist er froh, das Fieber ist nicht mehr so hoch, er fühlt‘s an seinen Fingern, wahrlich, hier ein Arzt, ein unbekannter, der vom LICHT gesegnet ist.
Wieder flößt er vom Getränk der Kranken ein und wartet auf die Reaktion. Beate berührt ab und zu die heiße Stirn, daß jedesmal die Höckerin erstaunt die Augen öffnet, nun gewißlich werdend: das Kind hat Gottes Segen in der Hand! Oh, nicht das Mädchen hilft, es ist bloß das Band, über das die Segenshilfe kommt — von GOTT! Der Wille zur Gesundung steigt empor, den sie in den ersten Tagen, als sie ohne Hilfe lag, schon aufgegeben hatte. Bereits nach einer Woche steht sie wieder auf.
„Nicht gleich wieder auf den Friedhof gehn“, warnt Strauber, „bist sehr krank gewesen und . . .“ — „. . . ich weiß, das Kind.“ Als des Arztes Augen drohend blicken, sagt sie ruhig: „Keine Sorge, Doktor, über meinen Mund kommt nichts! Oder wähnet ihr, ich wüßte nicht, was hier geschieht? Es gibt Hunde; vor den schwarzen muß man sich am meisten hüten.“ Mehr sagt sie nicht und es genügt. Dann, als sie Strauber für die Hilfe dankt, flüstert sie: „Beate wäre rasch verloren, wüßte man, das sie ausersehen ist.“
Sieh an, denkt Strauber auf dem Weg, um Meurer und den Pfarrer einzuweihen und man auf die Höckerin mit acht zu geben hat. Ist ja oft geschehen, brauchte man ein Opfer, um die Macht zu zeigen, daß man, wer gesund geworden ist, sich holte mit den Worten: Der Teufel ist in dir, der hat dich gesund gemacht; den treiben wir nun aus. — Mit Folter und mit Tod.
Bald danach, als die Freunde sich bewußt geworden sind, daß die Verfolgung immer größere Kreise zieht, noch mehr zu schweigen und jeden lang zu prüfen, bevor man spricht, da sagt Beate, als sie mit dem Pfarrer allein im Garten sitzt: „Es kommt etwas Schweres auf uns zu, mehreres. Noch weiß ich‘s nicht gewiß; er“, sie meint ihren Engel, der immer wieder eine Botschaft bringt, „war nachts bei mir. Er sah sehr traurig aus und hatte dennoch ein ganz liebes friedliches Gesicht.
Ihr, guter Pfarrer Sinkmann, der Vater, Freund Schoeber und die andern sollet ein paar Tage warten, um euch dann zu treffen. Ihr erfahret, was geschieht. Für morgen sehe ich was Dunkles. Und dann das: Man soll an der Stadt die Tore schließen, was ich nicht ganz recht verstand. Die Bauern kommen her und bringen, was die Stadt bedarf; ebenso die Kaufmannswagen müssen auch herein. Wenn nicht, müßten alle Leute hier verhungern.“
„Ja, das stimmt.“ Noch weiß Sinkmann nicht genau, um was es geht. Im vorigen Jahrhundert hatte man die Städte fest verschlossen und — hat nichts genützt. ‚Es‘ ging durch Tore, übersprang die höchsten Mauern und kehrte ein, wo immer ‚es‘ gewollt. Weh! Wenn das kommt! Ob vielleicht was anderes zu sagen war? Er denkt an den Inquisitor, an andere im gleichen Rang.
Die sprengen gleichfalls Tür und Tor, fragen nicht nach hoch und nieder, jung und alt; sie fressen ihre Opfer auf. Er klammert sich daran, ihr Fürst ist ein starker Herr, hat viele Reisige, hat andere Herren hinter sich, im Norden und im Osten. Da wird wohl den Dunklen mancher Weg gehemmt. Am gleichen Tag erfährt er mehr, was ihn bedrückt und auch erleichtern kann.
Von den Augsburger Gesellen war der Jüngste nicht entwichen. Den Inhaftierten wies man für immer aus der Stadt. Der war abgewandert und riet dem Jüngeren, mitzugehn. Dieser, nicht wissend, was ihn trieb, redete sich aus: „Ich bin frei, mein Meister hat mich nicht verdächtigt, und Vorsicht übe ich. Will noch horchen, was vor sich geht, um unserm Oberen die Stadt zu übergeben, wenn — er kommt.“ Das kleine Zögern war dem Älteren nicht aufgefallen. Den Jungen hatte er gelobt, ihn auch gewarnt, scharf aufzupassen. Auf Beate machte er ihn aufmerksam, wäre zwar sehr jung, doch wüßte er bereits: sie sei ein Hexe. Und nun —
An dem Abend, als Beate jenes Wort vom Engel brachte, klopft es bei Sinkmann an die Tür. Als er öffnet, steht der Geselle da. Die Augsburger waren durch den Stadtamtmann bekannt geworden und man weiß, daß sie fortgegangen sind, nicht aber, daß einer dageblieben war. Hab‘ acht! Trotzdem fragt der Pfarrer freundlich, so ist seine Art, zumal, um Argwohn aufzudecken, falls dies nötig wird, was er wünsche und ob er, Sinkmann, dem Gesellen helfen könne. Der druckst erst hin und her, findet nicht gleich einen Anfang, was er sagen will, und fängt dann plötzlich an:
„Ehrwürden, schenkt mir bitte Glauben, ich sage euch die volle Wahrheit, gehörte den Gesellen an, die die Stadt verlassen mußten. Wir unterstehen Bruder Christophorus, der uns Folgendes befahl: Wir sollten jene, die aus dem Gau des Inquisitors damals flüchteten, überwachen, und nach und nach jeden einzelnen entführen. Mit dem Mädchen sollte angefangen werden, als Lockvogel: Eltern, wollt ihr eure Tochter wiedersehen, dann kommt freiwillig her. Und das — ja seht, ich war nicht einverstanden, daß man auf so trügerische Weise ihre armen Eltern fangen wollte. Denn keiner, ihr seid selber davon überzeugt, wäre jemals freigekommen.
Auch euch sollte man das Ultimatum stellen: alle anderen wären frei, würdet ihr für diese euch dem Inquisitor unterwerfen. Welch ein böses Spiel! Ich war auf Luther zornig, ganz gewiß, ich sah ja zu dem Meister auf, wie sich Christophorus nennt, war von unserem Kirchenheil, als allein seligmachend, völlig überzeugt. Hatte ja von Kindheit an nie anderes gehört.
Kürzlich geschah, daß ein junges schönes Weib, bloß weil es dem Inquisitor nicht zu Willen war, nicht allein an einen Marterpfahl gebunden, sondern auch der Scheiterhaufen langsam angezündet wurde, so daß die Qual des armen Weibes viele Stunden währte und — und — von einem Fenster aus sah der Inquisitor zu.
Er hatte sich getarnt, es sollte niemand wissen; ich aber hatte ihn erspäht, als er unvorsichtig einen Vorhang hob, um zuzusehen, wie das Opfer leiden mußte. Da — o Ehrwürden, glaubt es mir, da war aller Glaube mir erloschen, zuerst überhaupt an Gott! Wie konnte Er es denn geschehen lassen, daß ein Weib, das seine Frauenehre höher stellte, schmachvoll so zu Tode kam, nur weil es — weil es — — Wo, schrie ich in dunkler Nacht, ist die Barmherzigkeit, die Du, o Gott, gepredigt hast?!
Noch tat ich das, was man verlangte, jedoch innerlich stand ich auf fernem, fremdem Stern — allein. So war mir zumute. Denkt nicht, ich erzähle euch ein Märchen; ich — ich brauche einen Halt, weiß nimmer ein noch aus. Später hörte ich auf unserer Wanderung einen lutherischen Prediger. Meine Brüder höhnten und versuchten, den Gottesdienst zu stören. Man hätte beinah Prügel ausgeteilt. Allein, der Prediger hielt die Gemeinde ernst zurück und sprach: „Handelt nicht wie andere! Wir halten Jesu Worte ein: ‚Liebet eure Feinde!‘ Und noch mehr Gutes hatte er gesagt.
Ich stand abseits von den Brüdern, stahl mich davon. Seither ging das Wort mir gar nicht aus dem Sinn: Liebet eure Feinde! Um nicht ins Joch zu fallen, tat ich so, als glaubte ich es fest, was die alten Brüder lehrten. Das war falsch, man soll bekennen. Wie aber sollte ich das fertig bringen? Nichts hätte mich geschützt; ging es gut, wäre ich zum Arbeitsbann gekommen. Was das ist, davon habt ihr sicher keine Ahnung.“
„Ich weiß“, unterbricht der Pfarrer, teils zum Glauben neigend, teils noch große Vorsicht walten lassend. Es steht zuviel für alle auf dem Spiel. Der Junge hat einen offenen, doch gequälten Blick, sieht aus, als stünde er auf einem Umkehrweg. Wenn das, ach, lieber Herrgott-Vater, das wäre eine Freude! ‚ ‚Sprecht weiter, was ihr noch zu sagen habt. Ich will euch gerne helfen. Seht, wir Evangelischen werden hart verfolgt. Warum? Weil wir Gottes heilige Worte anders lehren, treu und wahr, wie der Heiland sprach? Wir verdammen nicht, wir schließen niemand aus.
O ja, es gibt Fanatiker, ganz gleich, auf welcherlei Gebiet. Die haben wir, Gott sei‘s geklagt, ebenso wie ihr! Sind die ausschlaggebend für die Wahrheit, die sich durchzuringen hat? Gebt euch die Antwort selbst, junger Freund.“ — „Freund?“ Der Mönch sieht traurig drein. ‚ ‚Freunde hab‘ ich nie gehabt. Die Oberen beherrschen uns, teils zu Recht. Ältere Brüder haben für uns Jüngere kein Gefühl für das, wonach sich einer sehnt.“ Er möchte ‚Liebe‘ sagen. Das duldete die Härte der Erziehung nicht.
Sinkmann lächelt, er erkennt, was dem Jungen fehlt. Ist er echt, soll er wahre Freundschaft finden, fragt aber erst: „Was wollt ihr tun? Wie kann ich euch behilflich sein?“ — „Wenn ich das nur selber wüßte!“ Der Mönch ringt mit den Händen. „Ein Gelübde darf man doch nicht brechen; ach, was habe ich als Knabe denn gewußt, was solch Gelübde mit sich bringt?“
„Ich befreie euch. Grundsätzlich habt ihr das Gelübde nicht dem Herrn gebracht. Ich früher auch. Längst erkannte ich, daß es nicht gilt, was man der Welt verspricht. Eine Kirche ist eine Institution, sofern sie sich auf pure Macht bezieht, ist also nicht berechtigt, Kindern ein Gelübde abzunehmen, dann zu strafen, wenn späterhin der Mensch zur besseren Erkenntnis kommt und nicht der Institution, sondern GOTT gehorchen und IHM dienen will. Mir will scheinen, das ist bei euch der Fall.“
‚O ehrwürdiger Pfarrer, ihr habt das rechte Wort gesagt. Wenn ich das befolge, und mir ist es ernst damit, bitte, wo soll ich bleiben? Hier gibt‘s der Häscher viele; glaubt nicht, daß mit dem Abgang der Gesellen keiner mehr um eure Herde schleicht! Ich erachte es nicht als Verrat: Die Totenfrau steht auf der Liste. Die ist nicht zu retten, wenn man sie fängt. Es heißt, sie spräche mit den Toten, und das sei das Teufelswerk.“
„Ihr sagt mir absolut nichts Neues.“ — „Wieso? Erst gestern wurde es besprochen.“ „Ja, wißt, wir haben einen ‚MANN‘, der läßt uns alles wissen. Und dann — kann man denn mit Toten reden? Ernstlich gibt es keine Toten; was in die Gräber sinkt, ist der materielle Leib. Die Seele aber, junger Freund, die bleibt lebendig (1. Mo. 2, 7); und wenn unsere Höckerin mit einer Seele spricht, sagt — redet sie mit einem Toten? Das wäre widersinnig.“
Der Mönch denkt nach. Er hat viel bedacht, Geglaubtes ausgestrichen, ohne dafür Besseres zu finden. Hier wird das gesagt, nach dem er suchte. Zugeschlossene Tür? Wer ist der ‚Mann‘, von dem ihm nun der Pfarrer sprach? Als ob dieser den Gedanken sieht, sagt Sinkmann so, als wäre er Prophet:
„Unser MANN ist der Herr des Himmels! Euere Hohen sagen einfach ‚Teufel‘, weil sie zu Gott, dem Höchsten, keine richtige Verbindung haben. Es muß nicht Gott persönlich sein, der zu uns kommt, es uns wissen läßt, dessen wir bedürfen. Es gibt ja eine Lichtverbindung, wenn ihr das begreift, und auf dieser Basis kann man viel erfahren, Wichtiges für unsere Seele, für den Glauben und die Wahrheit, auch für das, was dem Erdenleben nützlich ist.“
„Ich muß in eure Schule gehn, hätte viel zu lernen und noch mehr auszumerzen. Erst muß das Alte, Unbrauchbare weggeschaufelt werden, damit das Erdreich sauber wird; dann mögt ihr den Samen streuen.“ – „Das war ein gutes Wort!“ Sinkmann freut sich wie ein Kind, dem eine schöne Gabe ward. GOTTES Gaben sind die besten. Immerhin — der anderen wegen muß er weiter prüfen. Dennoch ist der junge Mönch zu schützen. Wo und wie? Jäh die Eingebung:
„Nicht ängstlich sein, nicht abgewehrt, es ist zu euerm Besten. Mit einem Brief sende ich euch auf die Wartburg; unser Fürst wird euch betreuen. Ist einmal hier die Stätte frei, ihr wißt, was ich meine, dann kehret wieder bei mir ein und seid ein treuer Helfer, wie man immer welche braucht.“
Wie bald der nötig wird, ahnt keiner von den Männern. „Damals, als ich das Gelübde sprach, gab man mir den Namen Lucas, mag jedoch lieber Johann heißen, wie meine Eltern mich zur Taufe brachten.“ — „Richtig! Morgen zeitig kommt ihr auf den Weg. Ein Handelsmann ist in der Stadt mit seinem Knecht, zu dem führe ich euch hin. Alles Weitere ergibt sich dann von selbst.“
Sich verneigend, dankt der Mönch mit wenig Worten, weil das Herz ihm überfließt. Er hatte vorher große Angst, jeder wurde vor der ‚evangelischen Brut‘ gewarnt, was die für Greuel täte — schrecklich. Wer denen in die Hände fiele — gnade Gott! Er ist ehrlich froh, der junge Mönch. Bloß die Wartburg — — Fürsten handeln anders als ein Pfarrer, der die Güte selber ist. Später wundert er sich, wie so ganz anders sich sein Weg ergibt, eine gnadenvolle Führung Gottes sondersgleichen, obwohl zuerst der ‚Wartburgweg‘ nicht allzu leicht verlief.
Nicht der Fürst, ein Hauptmann hatte ihn sehr streng befragt, und nur der Brief von Sinkmann hatte ihn vor dem Verlies gerettet. Und dann — — Auf sein dringendes Ersuchen, sofort Reisige zu entsenden, zieht der wachhabende Hauptmann erst die Augenbrauen hoch. „Wohin?“, fragt er barsch und läßt den Mönchen nicht aus dem Blick.
„Vor dem Angertor gibt‘s ein kleines Wäldchen, dortdrin solltet ihr euch tarnen. Noch heute wird ein Mensch entführt, Ehrwürden Sinkmann habe ich‘s gesagt. Es ist keine Falle, euch gestellt; für die Entführer kann es eine Falle sein, wenn ihr nicht zögert.“ Der Hauptmann holt sich einen Marschbefehl, zehn Geharnischte traben bald ins Tal hinab, er an der Spitze. Die Straße wird im Galopp genommen und der kleine Wald nimmt die Wartburgleute auf.
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