Böses Spiel; Neue Lehre über Werdefrucht und Wartezeit.
Kapitel 16
„Horcht“, sagt der Hauptmann leise zu den Reisigen, „da kommt vom Angertor her ein Getrappel. Hatte mir der Mönch es richtig anvertraut?“ Die Bäume stehen nicht sehr dicht, leicht ist mit Pferden durchzukommen, während Strauchwerk längs des Weges steht. Man kann sie also nicht erspähen. Da kommt ein fürchterlicher Zug. Auf einem Esel liegt ein sackähnliches Gebilde, umgeben von vier Männern, die den Handelsleuten gleichen.
„Los!“ kommandiert der Hauptmann, „wollen sehn, was das für Leute sind!“ Gut getan. Beim Näherkommen, das Gesträuch war weder für ein Pferd noch einem Reitersmann ein Hindernis, sieht man bei dem einen unter dem Habit den Saum einer Kutte. Aha! Im Nu sind die viere mit dem Esel eingekreist.
„Was habt ihr da?“ fragt der Hauptmann scheinbar ruhig. „Habt ihr die Handelsmaut bezahlt? Ihr seid doch Handelsleute, ja?“ „Gewiß, gestrenger Herr“, sagt einer. „Wir sind kleine Händler ohne Wagen und begnügen uns mit Wenigem.“ — „Was habt ihr in dem Sack?“
— „Mehl, um Brot zu backen.“ — „Seit wann bewegt sich denn ein Sack mit Mehl?“ Ein erstickter Fluch. Hätten wir — — bis wir aus der Gefahrenzone waren — der Inquisitor wollte aber diese Hexe ‚ganz lebendig‘ vor sich sehen. Reißaus nehmen — Schon sind die Verkappten festgenommen. Als man den ‚Sack‘ vom Esel hebt, ist es eine Decke. Unter ihr liegt ein Mensch, qualvoll angebunden, Kopf und Füße hängen seitwärts nieder. Im Munde steckt ein Knebel. Fürchterlich! Als man das Bündel losgebunden hat und ins Gras gebettet, sieht man: es ist eine Frau. Hat der Mönch die volle Wahrheit angesagt. Na, dem muß man helfen, der bleibt länger auf der Burg. Noch beratend, wer die Frau denn wäre, kommt ein Beritt eilig angeprescht, vornweg der Stadtmann Schoeber mit Wachen aus der Stadt. Als er angekommen ist, springt er aus dem Sattel, und das Ganze übersehend, ruft er laut:
„Gott sei gedankt, unsere Höckerin, die Meira Bartels! Hab‘ dem Mönchlein nicht geglaubt, was er mir verriet.“ — „Tat er bei uns des gleichen“, begrüßt der Hauptmann den ihm bekannten Städter, „Jetzt sagt, wie möglich, daß diese Burschen“, er meint die verkappten Mönche, „die Frau entführen konnten, ohne daß es jemand bei euch sah? Schließlich ist‘s noch heller Nachmittag.“
„Das wird uns Meira Bartels sagen, denn die“, zeigt er voll Grimm auf die Gefesselten, „werden nichts bekennen.“ — „Unser Fürst bringt ihre Zunge locker, des seid gewiß! Liefert er sie ihrem sonderbaren Hohen aus“, dem Inquisitor, „möchte ich nicht wissen, was denen für die fehlgegangene Expedition geschieht.“ Die Mönche werden blaß. O weh, was wird ihnen blühen — ?
Schoeber bittet: „Hauptmann Scharfner, bleibt noch bei mir. Ein Wachmann holt den Arzt, die arme Frau ist zu betreuen, die hat ja kaum noch Atem in der Brust.“ — „Sechs bleiben hier, mit den andern reite ich zur Burg, muß Meldung machen. Dann sind neun Gewaffnete da, kann nichts mehr passieren. Werde noch ein paar Reisige entsenden, es sind immer welche irgendwo auf einem Weg, weil wir die Straßen sichern.“ Dabei zwinkert er mit beiden Augen. Der Inquisitor wird erwartet, der soll nicht ins Gebiet. Man kann ihn nicht gefangen nehmen wie die Mönche, doch des Landes kann man ihn verweisen. Dazu hat der Fürst das volle Recht.
Es dauert gar nicht lang, als Strauber mit dem Wagen kommt, zwei starke Mulis vorgespannt. „Also doch“, schimpft der Brave vor sich hin. „Hatte ihr gesagt, sie soll nicht auf den Friedhof gehen“, das hat die Meira nicht getan; das Ganze war so abgefeimt, da konnte selbst der Vorsichtigste ins Netz geraten. Auf dem Wagen liegt viel Stroh, das der Arzt gleich mitgenommen hatte. Mit der Decke ist die Bewußtlose aufs Gefährt zu heben.
„Noch schlägt das Herz“, Strauber horcht es ab, „gut steht‘s nicht um sie“, wendet er sich Schoeber zu, „weil sie krank gewesen ist. Nun, erstmal zurück, langsam“, befiehlt er jenem Knecht, der die Tiere lenkt. „Könnten wir sie bei euch unterbringen“, fragt er den Schoeber. „Sie wäre laufend unter meiner Obhut, was für sie besser ist.“ — „Natürlich, das geht ohne Weiteres.“ Gesagt, getan. Doch es dauert ein paar Tage, bevor die Meira alles richtig sagen kann, was geschehen war.
„Bin schon mal zur Ahn am Angertor gerufen worden, sie hatte sich jedoch erholt. An dem Morgen kam ein Bote, ich möge sofort kommen, die Ahne sei gestorben, ich sollte ihr die letzte Bettstatt richten. Hätte ich sie sehen können, dann hätte ich gewußt, daß man mich aus meinem Häuschen lockte. Ihr wißt, zwischen jenem letzten Haus der langen Gasse und dem Angerhaus stehen Strauch und Baum, das den Stadtanger teils umgibt.
Ich war noch nicht am Haus, als von hinten etwas Dickes über mich geworfen wurde, erhielt einen Schlag auf den Hinterkopf, und dann weiß ich nicht, was noch geschah, bis ich unter euren Händen, Doktor Strauber, wieder zu mir kam. Ihr sagt, es hätte einen vollen Tag gedauert, bis ich ins Bewußtsein kam. Mir war sehr übel. Wieviel Tage sind denn schon vergangen?“
„Fünf. Es wagt sich zwar kein Lump mehr in die Stadt, in Zukunft geht ihr aber nicht allein, an kein Totenbett, nicht an ein Grab. Wenn Kunde kommt, gebt uns Bescheid. Keine Sorge, wir wissen, was ihr auf dem Friedhof tut; ihr werdet nicht gestört, da geschieht viel Gutes. Sterbe ich einmal, kannst du auch an meinem Totenlager beten.“ Ein feines Lächeln, das das leicht zerfurchte Angesicht der Höckerin schier überglänzt, als sie nickt:
„Das tue ich, wenn . . . Doch bete ich an keinem Totenlager, stets an einem ‚Himmelbett‘! Lacht nicht, Doktor“, was Strauber gar nicht tut, „geht eines Menschen Seele von der Welt, so ist sie lebendiger als je im Leib. Ihr Weg geht in den Himmel, früher oder später, er ist die letzte Wegstation. Darum nenne ich das letzte Lager auf der Welt das ‚Himmelslager‘ oder eben Himmelbett.“
Was vieles ist von dieser alten Frau zu lernen! Oh, Kinder beten: ‚. . . daß ich in den Himmel komm!‘ Erwachsene schämen sich des kindlichen Gebets. Mag einer Sehnsucht haben, er bekennt es nicht. Was sprach der Herr? ‚Wenn ihr nicht werdet wie die Kindlein, so werdet ihr nicht ins Himmelsreich kommen‘ (Matt, 18, 3; 19, 14).
Viele Sorgen sind zu überwinden, allzeit ist der Stadtmann für die Leute da. Seit dem Geschehen mit der Meira Bartels kommen oftmals Reisige der Burg, bleiben auch mitunter ein paar Tage in dem Ort, wo es friedlicher geworden ist. Bloß von auswärts möchte man es noch versuchen, irgend einen abzufangen. Der Inquisitor ist voll unchristlicher Wut, hält seine Untergebenen sehr straff, die allmählich zu stöhnen anfangen und manch einer selber sich befragt: Ist das noch ein Leben?
O ja, allzu straff gespannt, zerbricht der stärkste Bogen, und es bröckelt hie und da manch einer aus dem Kirchenheil. Das sind sogar die Besten, die dem Glauben treu verbleiben, auch der ‚Altkirche‘, wie man sie oft nennt, weil man die evangelische die ‚Neue Kirche‘ heißt. Durchaus richtig, wer im Glauben seiner angestammten Kirche treu verbleibt.
Um diese Zeit hat kein Evangelischer, der als Prediger, auch etwa öffentlich zur Rede kommt, die Fanatiker beiderseits hier nicht bedacht, gegen die Katholische Kirche, deren Gläubige sich geäußert, manch bester Katholik keine Überredungskunst geübt: kommt zu uns, hier herrscht das wahre Wort des Herrn! Noch geht trotz des untergründigen Kampfes vielorts es recht friedlich zu, besonders hier hervorgehoben zwischen beiden Glaubensteilen unterm Volk.
Die vier Mönche, nach Fürstenrecht dem Tod verfallen, bringt man ungeschoren bald zurück nach Augsburg, ihrer Heimatstadt. Leider sind sie solche Fanatiker, die erst recht den bösen Samen streuen; bloß finden sie nicht allzu viel Gehör. Der Inquisitor braucht sie noch, er kann sie nicht entbehren, sonst hätte er sie abgestraft. Dafür kommt manch anderes armes Opfer ihm in seinen Fang, nicht zu wenig aus den eigenen Glaubensreihen. — Wo bleibt die angekündigte Schwere? Das fragen sich die Freunde.
Ansonst — der Mensch ist froh, wenn das Leben, zwar im Auf und Ab manch Kummer bringend, vorüberplätschert, wenn nebst Arbeit gute Ruhe winkt und all das, was die ‚Welt‘ zu bieten weiß. Sicher sind die Freunde froh, wenn außer Allgemeinem sich kein Übel zeigt, nun unterm Schutz des Fürsten stehend. Für sie, die ganz Getreuen, als die Unbekannten, gilt jedoch der ‚Gottesschutz‘ allein.
Indessen ist ein ganzes Jahr dahingegangen, seit das mit Meira Bartels war. Nichts traf ein außer eben diesem einen Ungemach, was der Engel damals angekündigt hat. Ach ja, die Höckerin ist überall beliebt. Wenn auch arg und widerlich, war und ist‘s ein Einzelfall geblieben. Was hatte nun das ‚Wort‘ nicht wahr gemacht? Ist dann das Frühere auch nicht echt gewesen? Hat das Kind Beate sich bloß etwas ausgedacht? Da müßte auch das Engelswort des Pfarrers unwahr sein. Und das — nie, niemals!
Immer wieder tauscht man sich darüber aus, sucht, findet nichts und bleibt doch irgendwie ganz fest an dem Gesagten hängen. Wieder sitzt man einmal beieinander, Beate still in sich versunken, der Pfarrer Sinkmann denkt: Seid froh, ihr Menschenkinder, wenn ‚es‘ noch ausgeblieben ist. Man kennt eben dieses ‚es‘ noch nicht. Wohl befürchtet man das eine und das andere, zumal der Inquisitor keine Ruhe gibt. Seine Schergen huschen durch das Land, um die Verhaßten abzufangen. Und man hört von Weitgereisten, daß tief im Türkenland und anderwärts die Pest ihr Wesen trieb.
Ein nebelgrauer Tag. Der Abend sinkt sehr früh herab, so daß man mit Laternchen seinen Heimweg sucht. Der Winter muß sich zwar vom Lenz vertreiben lassen; dennoch ist es trüb, wie in manchem Herzen. Man ist versammelt, auch Pater Angermann, Göster, neuerdings die Meira Bartels. Zwischen ihr und Beate ist ein festes Band entstanden. Verwunderlich: die junge Maid, die Frau, die mehr als sechzig Jahre auf dem Rücken trägt. Ach, was fragt ein lichtlebendiges Herz nach einem Alter dieser Welt? Nichts! Das Himmelsalter gilt, wenn dies auch keiner kennt, wohlweislich vom Höchsten zugedeckt.
Man bespricht die Frage: Hat der Engel etwas angesagt, was nicht eingetroffen ist? Warum? Da steht wiederum das Mädchen unter den Erwachsenen, sieht plötzlich anders aus, wie fremd, wie — Man kann es nicht benennen. Die Sprache kennt kein Menschenmund, diese Worte schickt der Herr, der allmachtsvolle Gott! Es ist ein Trost, eine Hinführung: wenn ‚es‘ kommt, dann seid gewappnet.
„Ihr Menschenkinder prüft und kommt zu keinem Resultat, weil ihr — wohl lichtgeprägt — vom Weltgetriebe euch noch bannen laßt. Gewiß sieht Gott, welch schweres Los die Menschheit jetzt bedrückt; es ist der Ablauf des Geschehens, die ‚Werdefrucht‘, noch grün in der Materie, die sich eben nicht der heilighehren Sonne aufgeschlossen hat. Fragt ihr, was die ‚Werdefrucht‘ bedeutet? Oh, ihr seid schon gut gereift, obwohl immer etwas daran fehlt, solang ein Vaterkind den Beihilfweg beschreitet.
Von Abgeirrten ist noch keine Reife zu erwarten. Und doch stehn diese unter segensvollem Strahl hochheiliger Erlöserliebe, vorab das erste Kind, das sich dem Licht erschlossen hat. Es bleibt das wahre Wort bestehen: ‚Die Ersten werden die Letzten sein.‘ Das ist ein zweierlei Gesicht, schwierig zu erkennen, weil man wähnt: hat man zuerst den Herrn erkannt und Ihn lieb gewonnen, müßte man auch stets der Erste bleiben und zur ersten Schar gehören. Das stimmt sogar, nur anders, als ihr es betrachten mögt.
Die der Schöpfer erst zum Leben rief, bleiben stets die Ersten, in ihrem Amt, wie der Aufbau wunderbarer Schöpfungstage (s. Urwerk) vor sich ging. Ja, denkt ihr, dann müssen alle Letzten ewig auf der letzten Stufe bleiben. Hängt ihr daran das Bedenken: oh, was können sie dafür, wenn sie als Letzte Gottes Gnadenborn entstiegen sind?, und was die Ersten, daß sie immer ihren Vorzug hätten? So gefragt, geht euere Erkenntnis fehl. Merket auf:
Um der Schöpfungsarbeit willen, ewig unter Gottes allmachtsvoller Hand im Ablauf bleibend, und doch in einer Wechselfolge, die kein Erster voll begreift, was nicht nötig ist, bleibt unangetastet, was des Schöpfers ist! Daran rührt kein Kind, das sich unter Gottes Vaterführung wohlgeborgen weiß. Denn was zu erkennen ist, das gibt ER, der Höchste, Seinen Kindern preis.
Das Urgeheime ist die Macht! An diese reicht kein Kind, auch des Reiches Fürsten nicht, die niemals je mit Händen nach der Schöpfermacht gegriffen haben. Das tat bloß das erste Kind (Sadhana). Darum wird es einst das Letzte sein, das seinen Fuß zurück ins Haus des Vaters setzten kann und darf. Das ist die grundsätzliche Auslegung des Heilandswortes.
Noch gibt es ein anderes Bild, das ihr teils schon selbst erkennen konntet, und zwar: Wer sich in die erste Reihe stellt, fraglos, ob er dahin gehört — nämlich nie!, der gehört den Letzten an, die der Herr zu Sich beruft. Das — bedenket es — aus übergroßer Gnade und Geduld! So bleibt ihnen eine lange Zeit, lichtmäßig oftmals angestoßen, ob sie dies merken wollen oder nicht, um noch selbst zu einer Umkehr zu gelangen. Ist diese noch so schwach und arm — ER, der Vater der Barmherzigkeit, nimmt dafür das Hochmaß der Erlösung! Damit mißt Er dann die langen Wege, um diese Kinder einzuführen in das Reich der Seligkeit.
Aber auch in der Materie, sonderlich auf dieser Welt, zeigt sich das Symbol: Jene, die sich auf die hohen Stühle setzen, und mögen sie sehr lange darauf bleiben, fallen dennoch von dem selber hochgeschraubten Sitz. Eben solche sind auch vor der Welt die Letzten, oft Geächteten, deren Namen Schall und Rauch geworden ist. Euere Namen, so von der Welt“, es ist wie ein sanftes Lächeln, das über das Gesicht des Mädchens huscht, „läßt kein Hochgeschraubter gelten, wird in keinem Buche stehn, in welchem eben bloß die Hohen eingeschrieben sind einzig aus der Weltsicht her.
Nun frag‘ ich euch: Seid ihr deshalb weniger als ihr seid? Bricht man somit etwas ab von eurer Wesenheit, die innerlich allein das wahre Leben ist?, vom Schöpfer-Vater ausgeteilt?! Es ist wie eine Freude, die euch stark berührt, dazu der Dank: Wir sind froh, weil wir vor der Welt die Kleinen und die Letzten sind; und vor unserm Schöpfer wollen wir das bleiben, weil — — Oh, hier füge ich das an, was bloß im Fühlen euch erkenntlich ist:
Ewig wird der Vater Seine Kinder einheitlich betrachten, lieben, führen, mit Gnade überhäufen. Ob also vorn, inmitten oder irgendwie am letzten Ende stehend: es gibt eine Kinderschar! Die Belehrung, über jenes Jesu-Wort, das die Weltklugen selten richtig auszulegen wissen, ist abgeschlossen; es ist noch anderes zu lehren über das, was euch letzthin stark bekümmert hat. Das ist die Frage, ob jene Aussagung zu Recht besteht, weil das ‚Bald‘ nicht eingetroffen ist und immer auf sich warten ließ. Oh, denkt doch nicht zu wenig an das Heil, das der Grundstock jeder Offenbarung ist!
Setzt der Schöpfer eine Zeit, stets die ‚Seinige‘, was rechnet ihr nach eurem Zeitmaß dieser Welt? Kann Er nicht, euch unverständlich, was bei keinem als ein Fehler gilt, die Zeit verkürzen, wie der Heiland sprach (Matt. 24, 22) oder auch verlängern? Ginge denn das gegen jede Ordnung, in der die Zeit verankert ist? Da wäre ja die Ordnung, Zeit, des Schöpfers Werk vergeblich, denket ihr.
Eine Zeit verkürzen oder auch verlängern ist nichts anderes, als daß ein Geschehen dem Ablauf jeder festgefügten Zeit eingereiht und zur Auswirkung gelangen wird. Das stets zum Wohle für die Menschen hier hervorgehoben, weil es auf dieser Welt geschieht. Ansonst gilt dieses Gnadenheil im ungeheuren Schöpfungsall bei jeder Kinderschar, auf jedem Lebensstern, auf allen Lebenswelten, wo des Lichtes Kinder wohnen, wo die Wanderer durch die Materie pilgern. Desgleichen das, was ich damals vorzukünden hatte.
Überleget euch, ob der erbarmungsvolle Gott manch einem Kind die Frist beläßt, um wenigstens zur ‚Werdefrucht‘ noch eingereiht zu werden. Lassen wir in dieser Hinsicht erst die Menschen gelten. Es ist ungleich schwerer, wird eine grüne Frucht — nicht die Jugend ist gemeint — vom Lebensweg genommen durch das Geschehen, das für viele zur Besinnung werden soll, wie zum ‚Mene Tekel U – pharsin‘ (Dan. 5, 25), jenachdem, ob ein Herz sich wenden will.
Wird es durch das ‚Mene Tekel‘ abberufen, dauert es im Jenseits lange Zeit und bloß möglich durch erhöhte Hilfe, ehe solche Seele aus der eigenen Finsternis zum Licht gelangt. Ist sie jedoch zur ‚Werdefrucht‘ zu rechnen, vor dem Tod noch umgekehrt, wie einst der eine Schächer an dem Kreuz, so gilt ihr das gleiche Wort: ‚Heute wirst du mit Mir im Paradiese sein‘ (Luk. 23, 43), was bedeutet, daß solcher Seele auch der Jenseitsweg zum früheren Heil gereicht, als es sonst gegeben wäre.
Wartezeiten sind unaussprechlich hehre Heils- und Gnadenzeiten und soll kein Mensch, erkenntnisreich geworden, ungut fragen: ‚Wieso hat das Wort sich nicht erfüllt?!‘ Eines habt ihr, kleine Schar, zu jeder Zeit geglaubt: Gottes Wort ist unabänderlich und ewig wahr! Was ER zusagt, hält Er gewiß! Diese Glaubensfestigkeit hat euch erhöht, weder vor der Welt noch vor andern Glaubenskindern, weil für alle, wie schon gesagt, es eine Stufe gibt! Nein, Freunde, selber seid ihr manche Sprosse an der eigenen Himmelsleiter hochgestiegen, und das bewirkt die Gnade unseres Herrn, des Heilandes, des Vaters der gesamten Kinderschar!
Wer das erkennt, wird sich weder innerlich noch äußerlich erhöhn und sich bedünken. Nur die Demutsstufe gibt die festeste Gewähr zum Weg ins Himmelreich ohne Wanken, ohne Weichen! Das ‚Bald‘ kommt über Nacht, rascher, als ihr wähnt. Ihr zweifelt nicht mehr an der Offenbarung und könnt die Festigkeit beweisen. Wenn ihr es vermögt und handelt, werden viele euer Halt und Hilfe sein.
Oh, die Bescheidenheit in euch ist leicht zu sehen: Halt und Hilfe käme ganz allein von Gott! Dazu ist zu sagen: wer anders denkt, der ist ein Schelm, indem er meint, er könne helfen. Frage dann: Durch wen? Mit was? Ist ewig nicht allein der Schöpfer aller Kinder Hilfe und der Halt?! Aber so ist‘s anzusehen:
Der Schöpfer hat Sich nicht Sein Kindervolk erschaffen, daß eines wie das andere bloß lebt, um zu empfangen und nie zu geben. Durch Seine Kinder läßt er Halt und Hilfe fließen, wenn sie offene Herzen haben, guten Willens sind, ihr Geist, von Gott empfangen, mit Ihm verbunden ist. Durch Seine heilsgewohnte Führung kann man helfen! Es kommt zwar alles Heil vom Geber aller guten Gaben (Jak. 1, 17), Er läßt es durch dem Licht geöffnete Menschen rinnen, womit das Heil dem Gebenden und Empfangenden zum Anteil wird.
Ein Kind kann unter dem empfangenden Segen ein guter Geber sein. Das steht vor eurer Tür! Nicht seid ihr damit belastet, ihr sollt gewappnet sein und nimmer fragen: Warum, o Gott, kommt die Geisel über Deine Menschenkinder? Und wird einer und der andere von euch betroffen — weinet nicht, klaget nicht, legt GOTT keine Fragen vor. Seid still im wahren Glauben: was auch die Menschen nicht begreifen können — alle Dinge dienen Gott zum Besten — für die Kinder!, weil ER ewig keine anderen Lichtgedanken in Sich trägt als das Heil, Seinem Kindwerk zugedacht!“
Des Lichtes Bote wartet, ob und wie die Freunde reagieren. Daß Pfarrer Sinkmann spricht, ist nicht verwunderlich; schon irdisch ist er mit des Kindes Seele stark verbunden, wohl weil beide ihre Engel hören, oder auch besteht ein Himmelsbund.“ — „Darf ich fragen, hoher Bote, den Gott zum Troste uns entsendet hat?“ — „Es kann jeder fragen, den es dazu drängt. Das Licht gibt immer Antwort und es ist gut, wenn sich der Mensch damit zufrieden gibt, selbst wenn man lieber Gutes statt etwas anderes hören möchte.“
Sinkmann zögert: „Eigentlich ist‘s keine Frage; was Gott-Vater bringen läßt, ist gut, obwohl wir es vom Menschsein her oft anders spüren. Unter ‚gut‘ versteht man auf der Welt, was das Leben nicht bedrückt. Ich freilich denke: was vom Vater kommt, dient doch jedermann zum Wohle, zur Erziehung. Und Letztere hat jeder bitter nötig, wir hier alle auch. Doch das sei vorgebracht:
Bitte, Himmelsfreund, überbringe Gott, dem Vater, unsern Dank, Liebe, Ehrfurcht und den Glauben mit der Bitte: Herr, hilf, wenn wir mit schwachen Kräften helfen dürfen. Sei DU der Halt, die hohe Hilfe. Und wenn nicht anders möglich: Lasse uns aus Werdefrüchten in der Not, Angst, Leid und Schrecken reifen, Dir zur Vaterfreude, uns zum Heil auf unserm Heimkehrweg! Auch dir, des Vaters Bote, sei der Dank aus vollem Herzen dargebracht. Du hast uns gedient, hast uns wieder auf den rechten Glaubensweg gebracht.“
Ach, da heben alle ihre Hände hoch, bittend, dankend, und liegt jedes Herz wie eine wundersame Blüte in den Händen, die vom Licht herabgetragen haben, die der Menschenkinder Gaben freudig hoch zum Vater bringen. „Gottes Segen hat euch angefüllt, Er ist, Er bleibt bei euch. Seine Freude über euch ist nicht klein. Behaltet das als Kraft, deren ihr bedürft. Ich grüße euch.“
NEUOFFENBARUNG