Weitere Lichtlehren; Der Sensenmann und Nächstenliebe; Der Große kommt.
Kapitel 17
Immer ärger wird das Spiel der Weltlichen, jener, die Gewalt im Machtwahn an sich reißen. Das arme Volk wird dabei ärmer, die guten Gläubigen — beiderseits — verzagen. Selbst mancher Fürst, gut und treu, für seine Untertanen hilfsbereit, muß alles daran setzen, um nicht auch ‚kassiert‘ zu werden. Längst hat der Stadtrat Tor und Mauer schwer bewachen lassen, Tag und Nacht. Wer kommt und will ins kleine Städtchen, der wird förmlich ausgekehrt; nicht bloß in der Hinsicht, was da einer glaubt, woher er kommt, mit welcher Absicht er den Ort besucht — nein, darum geht es nicht allein: wichtiger ist, ob jemand gesund und wohlbehalten ist.
Letztere Maßnahme geht von Doktor Strauber aus. Denn noch kommen manche Engelsworte, durch Beate, Pfarrer Sinkmann, und die Freunde samt vertrauten Städtern beachten das vom Lichtreich Offenbarte. O ja gerade, was erst Widerstand erwecken wollte — es war Beate, die dem Doktor flüsterte, setzt dieser durch, das:
„Er“, sie meint ihren Engel, „hat mir gestern Nacht gesagt, ihr sollet vor dem Angertor, auf dem weiten Wiesenplan, der zur Stadt gehört, sehr rasch viele Hütten bauen, große, daß eine jede viele Menschen fassen kann. Sie sollen hell und trocken sein.“ — „Hm, und weiter?“ Strauber zieht die Augenbrauen hoch. „Gibt genügend Raum, jeder hat sein Haus, oder doch ein Kämmerchen, wie die Höckerin es hat. Was brauchen wir die Hütten? Der Wiesenplan ist Weide; die gibt niemand her, verlaß dich drauf.“
„Ich weiß nicht“, sagt das Mädchen, „er war ernst, so ernst, wie ich ihn noch niemals sah. Er drückte mir die Hand und sprach: ‚Tut, wie ich es bringen soll; GOTT, der Herr, will euch helfen, selbst wenn viele Menschen in der Kürze nicht mehr leben werden.‘ Als ich forschte, wie es uns ergehen würde, hat er mild gelächelt: ‚Frage nicht danach! Jedes Lichtkind geht den Weg des Herrn, kurz oder lang. Die Tapferen können ihre Scherflein bringen — so eines, etwa auch ein anderes. Das liegt im Herrschaftswillen Gottes.‘ Darauf war er weg, so rasch, hatte beinah das Gefühl, als ob er weinte, es jedoch nicht zeigen wollte. Ach, Engel, meine ich, brauchen nicht zu weinen. Oder doch?“
‚Frag‘ den Pfarrer, Kind, vielleicht weinen sie über Menschen, deren Arg, was durch weite Lande läuft.“ Da geht Beate sinnend zu dem Pfarrherrn, der bei Schöber ist. Die Männer wollten mancherlei besprechen. Täglich ist zu prüfen und zu ordnen, um die Stadt vor allerlei Gefahr zu schützen. Schöbers Frau läßt das Mädchen sofort ein. Sie weiß von ihr, hat manches ‚Wort vom Licht‘ gehört, hat Beate lieb gewonnen, zumal sie selber keine Kinder hat. Die einzige Tochter war als Kind gestorben.
„Was ist, Beate?“ wird gefragt. Ihr Gesicht, noch kindlich, sieht bekümmert aus. Sinkmann hatte einen sonderbaren Traum, er sah einen grauen Mann. Der trug eine Sense wie ein Bauer seine Sichel; und wo er ging, fiel Halm um Halm. Einzelne ließ er stehen. Hernach ging der Graue über alles Abgemähte hin mit achtlosem Schritt, als käme es nicht mehr drauf an, eine Ähre aufzulesen und zu bergen. Gerade wollte er dem Stadtrat dieses Bild erzählen, den alten Freunden mochte er die Herzen nicht beschweren. Wie hilfesuchend schmiegt Beate sich an seinen Arm.
„Heut‘ morgen wollte ich es sagen, was diese Nacht gekommen ist; doch ihr seid schon weggewesen. Mutter wußte es, wo ihr zu finden seid. Sicher gut, daß unser bester Freund“, sie zeigt auf Schöber, „gleich mithört.“ Sie berichtet ihren Engelstraum. Sinkmann sieht sie und den Städter an. Als er eben seinen Traum verkünden will, der irgendwie zum Wort des Engels passen mag, kommt der Arzt, der Beate nachgegangen war.
Als man Wort und Traum vernimmt, vergleicht, sieht Schöber ganz erblassend drein. „Also doch“, murmelt er. „Noch immer wollte ich‘s nicht glauben, schob die Mär zur Seite, denkend: der Herr läßt das nicht zu! Und nun — ? Weiß nicht, was beides zu bedeuten hat, euer Traum, Pfarrherr Sinkmann, was Beate uns zu melden hat, irgendwie —“ Er läßt den Gedanken offen, zu greulich dünkt er ihn zu sein. Denn wenn — wenn — —
Sagt der Arzt: „Ich habe mit der Meira Bartels fleißig allerlei gesammelt: viele Kräuter, dies und das. Wir werden es, barmherziger Gott, bald brauchen! ‚Es‘ steht näher als wir ahnen oder wissen. Der Sensenmann — allgemein bezeichnet man damit den Tod. Ich habe mir ihn nie so vorgestellt, weil das Sicheln von den Ernten etwas Gutes ist, das Gott-Gesegnete. Dachte immer so, als ich noch nicht richtig — Na ja, ihr wisset, was ich meine.“
Strauber war ein sogenannter ‚Halber‘, nicht wirklich ohne Gott, aber auch nicht fest mit Ihm verbunden. Durch Beate kam er zu der Lichterkenntnis. Jetzt geht‘s um ungezählte Menschen. Er hat‘s von einem Wanderer gehört, der sich eingeschlichen hatte und zufällig auf den Doktor traf. Der raunte es: ‚Südlich sollen ganze Städte, Orte, viele Dörfer völlig ausgestorben sein.‘ Da hatte Strauber so gedacht: Ist wohl bitter schwer; aber noch ist‘s besser, als wenn die Fremden — er dachte an die Spanier und ihr Gefolge — hm, sich die Leute stehlen. Anders ließ sich ihre arge Rigorosität gar nicht nennen, weil sie mit den Opfern fürchterlich verfahren. Höllenbrut hat er sie beschimpft.
Schöber fährt sich durch sein graues Haar. Kann er seine liebe Stadt, sich selbst, seine Frau und wen alles noch bewahren? „Ihr seht“, wendet er sich an die Männer, „habe längst die Tore streng bewachen lassen und kam kein Kranker mit der — Pest herein.“ Er sagt‘s leise, der große Mann, der mutig war, wenn es galt, seinen Städtern allezeit zu nützen.
„Diesem Übel ist nicht abzuhelfen; Tore, Mauern — was nützten sie denn anderwärts? Gewiß sehr gut, daß ihr, Freund Schöber, Riegel vorgeschoben habt. Wenn nun der Herr die Plage schickt?“ — „Das sagt ihr, Sinkmann?“ Strauber schüttelt seinen Kopf; sogar Beate sieht verängstigt drein. „Gott ist gut“, lispelt sie, „Er sendet niemals Strafen! Wenn — so müßte man sie Seine Hilfe nennen, wenn dafür ein schwereres Übel weggenommen wird.“
„Denkst an den Inquisitor?“ fragt Schöber. Beate nickt. „Man hört manches auf den Gassen; viele Leute haben Angst, der Dunkle könne doch noch kommen, wie er verlauten ließ, er käme ‚zum evangelischen Satan mit Schwert und Schwefel‘. So stand es kürzlich an der Mauer angeschrieben, außen, vor dem sogenannten Kälbertor. Das war von Haus zu Haus getragen worden.“
„Ja“, bestätigt Schöber, „das war uns vor einem Monat zugetragen worden. Ich hatte allen Männern aufgetragen, in ihren Teilen, die jeder zu betreuen hat, auszurufen: Eher ließe ich die gute, liebe Stadt im Flammenmeer vernichten, eh der ‚schwarze Hinkefuß‘, hab‘ den Groß gemachten immer so genannt, nur eine Seele rauben dürfe. Es war darauf ruhiger geworden. Mein ‚Flammenmeer‘ nahm niemand wörtlich; man kennt — ich darf es sagen — meinen Einsatz, jedem, Mann und Frau, zu helfen. Was aber tun wir jetzt?“
Strauber zwingt sich zur Vernunft. „Vor dem Tore wäre sicherlich der beste Platz, wo man Kranke hinzutragen hätte. Keiner darf zu Hause bleiben! Sonst wäre diese Stätte völlig ausgestorben. Müßt Strenge walten lassen, lieber Schöber, was keine Freude bringt. Es darf sich, wie sonst üblich, Gevatter und die Busenfreunde gegenseitig auch nicht treffen. Kranke bleiben isoliert, abgesehen, daß das Leben und die Arbeit weitergehen muß.
Die Hütten (Baracken) sind rasch herzustellen, ein Zaun, hoch und fest, daran nur eine Tür, die strengstens zu bewachen ist. Nahebei darf nicht gewerkelt werden. Als ich in jungen Jahren einmal weit gewandert bin, nach Südosten zu, gab es eine Seuche. Wie man sie nannte, weiß ich nicht. War Schrecklich.
Trotzdem wurden die Befallenen betreut. Man trug dunkle Mäntel mit Kaputzen, aus denen bloß die Augen blicken konnten. In unserer Nähe gibt‘s Wacholder und ist eigenartig: die Höckerin sagte mal zu mir: ‚Hab‘ davon gesammelt, reibe mich stets vorher ein, ehe ich zu einem Totenlager gehe, hinterher auch nochmal. Sammelt fleißig mit, Doktor, wir werden es gebrauchen können.‘ Hat die Meira auch ein ‚anderes Gesicht‘?“
Ohne das geringste Zeichen, wie sonst es sich ergab, steht Beate mit geschlossenen Augen da. „Denket nicht“, ertönt‘s mit warmen Worten, „Gott würde eine Rute schwingen — für die Bösen könnte Er es tun! Nein, es kommt die Last, die wir vom Licht euch längstens angekündigt haben. Damit wird das weit Schrecklichere aufgehalten. Und jene, die das bringen wollen, euch bereits sehr nahestehend, verkappt, weswegen ihr es noch nicht wißt, die werden fallen von des Schnitters Sense und dann — was werdet ihr mit ihnen tun, wenn sie vor euren Mauern liegen?“
„Liegen lassen“, grollt Strauber. „Verständlich“, sagt das Licht, „daß Menschen gleich um gleich vergelten wollen. Fraget erst, wie der Herrgott handeln würde. Also tut danach! Wer von den Getreuen seine Wanderstraße bald beendet hat, soll nicht sagen: ‚Herr, warum ich auch?‘ Was dem einen recht ist, ist dem andern billig, und das bedeutet:
Laßt Gott, dem Herrn, allein das Regiment! ER weiß, wer besser von der Welt zu nehmen ist, um seine Höllenübel abzustoppen und — wessen Seele freudig heimwärts pilgern darf. Die Letzteren haben ja ihr Tagewerk vollbracht; und trauern dürft ihr wohl, doch niemals maßlos traurig sein.
Ist nicht das gleiche, Doktorfreund“, so lieb gesagt, daß dem die Tränen kommen. „Trennung ruft die Traurigkeit hervor, was echten Sinnes aus der Liebe kommt. Jammern wird nicht anerkannt! Ob ganz oder nicht bedacht, wird weniger gemessen. Seid bereit zu helfen; vergeßt die ärmsten Seelen nicht. Dieser Dienst ergibt im Jenseits deren erste Stufe zur Erkenntnis. Für manche eine Ewigkeit. Aber nie kommt Gottes Gnade für umsonst, nie zu spät! Das haltet euch vor Augen,‘ haltet euch an Gottes Güte fest!“
Wieder ist es nach dem ‚Wort‘ sehr lange still. Die Männer sehn sich an, schweigend reicht man sich die Hände, jeder geht gesegnet an sein Tagewerk. Es kostet Mühe, dem Bauherrn klarzumachen, warum er die Baracken bauen soll. „Eine würde doch genügen“, knurrt er ungehalten. Der Arzt verlangt deren erstmal sieben, und jede muß mindestens hundert Leute fassen können.
Er rechnet zwar mit viel mehr Kranken; Pest wütet ohn‘ Erbarmen. Rasch wird der Mensch dahingerafft, gibt‘s halt wieder eine Liegestreu. Der Höckerin verbietet er, Tote zu betreuen, zu den Gräbern gehen; man wird große Gruben brauchen, um ihrer viele einzubetten. Wieder freundlich werdend, erklärt er ihr:
„Schau, du nimmst des Pesthauch an, trägst ihn weiter zu den noch Gesunden. Der Pfarrherr hatte mal gepredigt, ins Kämmerlein zu gehn und da zu beten; Gott würde es ‚vergelten öffentlich‘. Bete brav zu Hause, da kannst du jeder Seele bestens helfen. Sollte es mich auch betreffen — ich danke dir im vorhinein, wenn du mit Gebet mir in den Himmel hilfst.“ Die Höckerin, in ihren Kreisen nie getan, küßt dem Medicus die Hand und geht wortlos fort.
Aus Angst und Schreck traut kaum einer seinem Nächsten. Es kommt unter Freund und Feind zu Rebellion, sogar zu manchem Mord. Auf dem Land zumal, wo nicht zu Hilfsbereitschaft angehalten wird, sind die Wochen prall gefüllt mit Not und Tod. In Städten, unter Fürsten, gibt‘s noch einen Halt, wie bei Schöbers nunmehr eisernem Regime — zum Nutzen der Bevölkerung.
Meurer und die Freunde, Göster, Angermann und andere, die sich die Vernunft bewahren, sind von früh bis abends auf den Beinen. Die Baracken stehn, Meurer war der Fleißigste und hat wie oft gemahnt: „Denkt, daß auch wir hier liegen können, betreut, und ist manchem wieder aufzuhelfen. Wie euch die Hilfe wird, so gönnt sie jedem anderen, eurer ganzen Stadt.“ Das hat angespornt.
Etwas Gutes kommt, was die Überlasteten erfreut: manche Bürger geben Geld, warme Decken, allerlei Gerät, was man nötig brauchen wird. Die Bauern bringen Stroh, Heu, Holz für die Bettgestelle — alles für umsonst. Geht zwar von Schöber aus, vom Vorbild aus der Burg; allein — wo solch eine treue Hilfsbereitschaft herrscht, da herrscht GOTT! Dann eines nachts: plötzlich klopft‘s an die verschlossenen Mauerpforten: „Laßt uns ein, die Pest folgt hinter unserem Fuß!“ Die Einlaßbegehrenden sind von dort geflohen, wo bereits der Graue seine Sense schwingt.
Des Nachts ein Tor zu öffnen, wäre für den ganzen Ort gefährlich. Weiß man denn, wie viele draußen stehn?, ob sie schon vom Tod ihr Zeichen haben? Nun, die Nacht ist lind, da wird es keinem schwer, den nahen Morgen abzuwarten. Das ratet Strauber, den man bloß zu rufen braucht und er ist da. Dem guten Pfarrherrn tut es leid, doch er sieht es ein, daß man nicht anders handeln kann, nicht zuletzt gerade für die draußen Wartenden. Und wie gut getan. Das sieht man schon im ersten Morgenschein.
Man hat bedacht, daß erst ein Wachknecht auf die Mauer klettern muß um zu lugen, was außerhalb derselben vor sich geht. Der steigt flugs nieder und meldet: „Es sind sicher fünfzig Leute, und Kinder sind dabei, da wird es einem bang ums Herz. Einige liegen da, ohne sich zu regen, die sind sicher krank.“ Man beratet sich: Schöber, Sinkmann, Strauber, Meurer, Göster, Angermann, dazu zwei Knechte, von der Stadt, die sich gleich als Pfleger meldeten, wofür man mit Erleichterung sehr herzlich dankt. Denn nur die Leute in die Hütten bringen — ? Und dann — — ?
Das Tor öffnet sich spaltbreit für die Männer, die zu der Gruppe gehn. Doktor Strauber hat sofort die Kranken von den noch Gesunden abgesondert. Letztere kommen in den ersten Bau, der genügend Lager bietet; die Erkrankten, es sind erst zehn, weist er in die lezte Hütte ein, so daß — wenigstens zunächst — ein großer Zwischenraum entsteht. Schon geht‘s los.
Als er, unterstützt von Schöber und den andern, streng verweist, es dürfe keiner hin und her, da wird räsoniert: „Ich werde meinen Mann . . . ich meine Muhme . . .“, was dergleichen mehr, „nie verlassen, ich pflege sie!“ — „Gehst dann zu den noch Gesunden, die hoffentlich zu retten sind, wenn ihr auf dem Weg euch nicht bereits die Keime zugetragen habt.
Entweder folgt ihr unsrer Anordnung oder ihr müßt fort! Ja, wir helfen, soll auch niemand Mangel leiden, so lang uns dieses möglich ist. Die Gesunden bleiben hier im ersten Haus. Wartet es bloß ab, bald kommen noch viel mehr und ist nicht abgemacht, daß auch unsere Stadt befallen wird.“
„Das ist die Geisel Gottes“, schreit einer wild, „weil wir nicht dem heiligen Christophorus folgten und ihm ausgewichen sind. Er hat das wahre Evangelium . . .“ — „. . . mit Feuer, Qual und Tod!“ unterbricht Pater Angermann. „Wißt ihr nicht, wie viele Frauen, Männer, Kinder unsinnig leiden mußten? Das nennst du wahres Evangelium? Nun, dir steht frei, umzukehren und vor diesem . . .“
Nein, o nein, nicht mal in diesem Sinne mag er ‚Heiliger‘ sagen — diesem Fremden hinzufallen. Kannst unsere Stadt verraten, was nicht nötig ist. Er will hierher kommen und — eben warten wir auf ihn.“ Bloß anders, Freundchen, als du dir dummerweise denkst. Armes irrgeführtes Volk. O Herr, hilf!
Es geht heftig hin und her, währenddessen Strauber im Verein mit Meurer schon den Kranken ihre Liegen angewiesen hat. Helfer und die Männer von der Stadt tragen dunkle Kittel. Die Kapuzen haben sie noch auf dem Rücken hängen lassen.
„Es darf niemand hier herein“, weist der Arzt die Knechte an. Da beide starke Männer sind, fällt‘s nicht schwer, Unbefugte abzuwehren. Endlich sieht man ein, daß hier Fürsorge anzutreffen ist, wie sie nirgend fanden. Oh, klopfte man wo an, so wurde nicht geöffnet, obendrein noch groß geschimpft: ‚Totenpack, trollt euch, wir lassen sonst die Hunde los!‘
Brot und Suppe wird verteilt. Wer nichts hat, bekommt Napf samt Löffel, was jeder selbst benutzen soll. Dann — ja, man ist dankbar, weil man unter einem Dach versorgt ist und ruhig schlafen kann. Schon am nächsten Tage treffen weitere Leute ein, alle krank, und von der Pest gezeichnet. Die dritte Hütte wird geöffnet, es ist besser, sie liegen noch allein.
Strauber hatte es bedacht, verschiedene Krankenstufen sonderlich zu legen. Und wieder Gutes: Von der ersten Gruppe melden sich drei Männer, noch gesund. Es wird bitter nötig sein, viele Hände einzuspannen, sehr bald solche, die die Toten wegzutragen haben. Weit abseits im Geröll sind tiefe Gruben vorgesehen worden.
Ein paar Tage scheint die Geisel abzuklingen. Die Freunde sagen nicht ‚von Gott gekommen‘. Manchen geht es besser, niemand wurde neuerlich befallen. Man atmet auf; die Sorge aber bleibt. Es kommt weitere Kunde, wie die Pest nach vielen Seiten vorgedrungen sei und Arme, Reiche, Hohe, Niedrige erfaßt. Sie bleibt vor keinen noch so fest verschlossenen Türen stehn. Kein Wunder um die Zeit: die Verängstigten flüstern es sich zu: ‚Wie ein Drache fliegt sie durch die Luft. Plötzlich ist er mitten unter uns.‘
Pater Angermann und Pfarrer Sinkmann mühen sich, das Gefasel auszumerzen, mit lieben Mahnungen und Hinweisen auf den Heiland, auf Gottes Güte und Erbarmen. Aber freilich, ‚es‘ ist da, es läßt sich nicht verscheuchen, nicht einmal mit guten Jesuworten. Sinkmann muß mitunter seine Stirn in beide Hände stützen, sehr bangend um den Glauben, sogar um seinen eigenen.
Schon nach einer Woche, nachdem die zweite Gruppe angekommen war, fällt jählings in der oberen Grabengasse jemand um, ein älteres Weib. Ein Wachknecht, deren mehrere vom Stadtrat angewiesen worden waren, Gassen, notfalls auch in Häusern kontrollieren, damit, wo ein Mensch auf seinen Schragen liegt, der, schleunigst wegzutragen sei, alarmiert den Arzt.
Strauber kommt mit Meurer. Gerade geht es auf den Abend zu, die Arbeit ist getan, also ist die Freundesschar einer wie der andere bereit, zu helfen, wo immer Hilfe nötig ist. Als der Arzt die Frau betrachtet, wird sein Gesicht todernst, Er zieht Berghold Meurer und sich selbst die Kappen über ihre Köpfe; die ‚Pestmäntel‘, wie man die Schutzkleidung bezeichnet, hatten sie schon an. „Ach, nun ist der schwarze Tod schon in der Stadt!“ Meurer sagt es leise, es klingt wie stilles Männerweinen.
„Hol‘ die Trage“, befiehlt der Arzt dem Knecht, „weiter brauchst du nichts zu tun.“ Zu zweit schaffen sie die Kranke fort. Strauber atmet schwer. Weib und Trage haben ein Gewicht; nicht bloß von dem Materiellen her. Nein — die größere Last ist die Herzensbürde. „Magst du die Städter extra legen, wenn —“ — „Es dauert nicht sehr lang“, unter bricht der Arzt, „auch unsere Häuser werden leer. Die fünfte und die sechste Halle habe ich für unsern Ort bestimmt, wenn —“ Es ist immer dieses schicksalhafte ‚Wenn‘, das die Verantwortlichen tragen müssen, tragen wollen. Mit Ernst im Namen Gottes, im Aufblick Seiner Liebe und Barmherzigkeit.
„Die erste Halle wollen wir, so lang als möglich, den gesünderen Fremden überlassen. Aber ach, wie viele werden kommen! Rundum und weiter weg in den Weilern — wer will den kranken Leuten ohne Ängste helfen? In Schreck und Not rennen sie davon, durchaus zu verstehen. Ob dann unsre sieben Hütten reichen, um alle Kranken aufzunehmen? Wenn nicht, müssen wir die erste ebenfalls belegen. Wer gesund ist, der kann wieder heim.“ — „Wenn sie gehen“, zweifelt Meurer. „Hm, nun es wird sich finden.“
Die Zweifel waren ganz berechtigt. Tag für Tag liegen vor der Mauer Kranke, geht es in der Stadt umher, mal hier, mal dort. Sehr bald haben Strauber und zwei wackere Knechte, die weder Tod noch Teufel fürchten, wie sie sagen — nur darf man nicht in ihre Herzen sehen, drin stehen nämlich Angst und guter Helferwille Hand in Hand —‚ nichts anderes zu tun, als von manchen Häusern und von Gassen Hingestürzte fortzubringen.
Der Raum, in dem für hundert Leute Plätze vorbereitet waren und zwanzig leichte Fälle hausen, sich beköstigen lassen, ansonst dem ‚lieben Gott die Tage stehlen‘, wird geräumt, mit einem Aufgebot Bewaffneter. Ein Einziger wird vernünftig, geht freiwillig aus der Tür, sagend: „Wir haben euch so viel zu danken, wo gibt es solchen guten Willen wie bei euch? Und vor der Pest — Da kann man leben wo man will, man wird befallen. Also ist es gut, den schon Erkrankten dieses Hospital zu überlassen.“
„Glaubt, liebe Leute“, sagt Sinkmann vor der Tür am Zaun, „ihr findet leere Dörfer, wenn ihr nicht nach Hause wollt. Gott behüte euch, möge Er euch vor dem schwarzen Tod bewahren!“ Alle knien nieder, betend und auch dankend.
Auf dem Weg zum nächsten Ort begegnen sie einem ziemlich langen Zug. Voraus reiten Schwerbewaffnete, dann folgt eine Sänfte, hinter dieser wiederum ein Hauptberitt, mehrere Wagen mit vielerlei Gerät. Da die Leute diesen Zug von weitem sahen, biegen sie rasch aus. Oh, ganz gleich, wer hier kommt, solche hohe Reisende würden gar nicht fragen, wer sie sind. Einer hat es dann gehaucht:
„Der gute Prediger, ich frage nicht, auf welchem Fuß er steht“, er meint die katholische oder evangelische Seite, „hat uns still gesegnet. Der in der Sänfte . . .“ Der alte Mann braucht‘s nicht erst auszusprechen, es denkt jedermann das gleiche, wer jener ist. Das genau trifft zu.
Der Beritt bleibt einen halben Tagmarsch vor der Stadt des Schöber stehen. Zelte werden aufgeschlagen, und der Großinquisitor ruht im reichsten Zelt auf weichem Pfühl. Seine Augen funkeln listig. ‚Ha, nun bin ich in das Herz der Brut getreten‘, es ist jener Teil des Thüringer Landes, der von Fürsten und vom Volk verteidigt wird — das Evangelium, das ihnen rein geboten ward, mindestens so rein, als die Menschheitszeit ergab.
„Der strafende Gott hat mich geführt, die Pest hat uns verschont. Die Stadt wird überrannt, zur Burg geht‘s auch hinauf, o lala, die Eisenacher sollen schmelzen wie im Feuer Eisen schmilzt. Dann soll die Höllenbrut erleben, was ich — ich —“, er pocht sich heftig auf die Brust, „ich tue! “Ist da nicht ein warnendes Gefühl? Sieht er nicht den Tod ins Zelt hereinspazieren? Dummheit, er ist müde von der langen Fahrt. Heftig schellt er nach dem ersten Diener, der mit tiefem Neigen an dem Vorhang stehen bleibt. „Hauptmann, sofort!“ Man dient dem Großen und man fürchtet ihn; es ist jeder froh, wenn man diesem aus den Augen kommt.
Auch der Hauptmann wartet stumm, jedoch ungebeugt, beim Zelteingang, bis er angesprochen wird. „Wie lang braucht ihr, um zur nahen Stadt zu kommen? Drei Stunden etwa?“ Es ist weniger die Frage, als weit mehr der Befehl: „Das ist zu erreichen, sonst — Daß die Leute müde sind, die sich nicht auf weiche Polster betten können und auch die Tiere abzufüttern sind, nicht unentwegt traben können — ach was fragt der Großgemachte denn danach? Der Hauptmann untersteht dem Inquisitor nicht, das Geleit ist ihm bloß ausgeliehen worden, also sagt der Reisige gelassen:
„Herr, das läßt sich in der Zeit bewältigen.“ Klugerweise schiebt er nicht die Müdigkeit der Leute vor. „Die Gespanne sind erschöpft, die die schweren Wagen ziehen. Zwei Stunden brauchen sie, ansonst bleiben sie am nächsten Hügel stehen.“ Der Spanier beißt sich auf die Lippen. Doch dann blitzt ihm der Gedanke auf: ‚Haha, auch gut, überfallen wir die Brut bei Nacht!‘
„Geh“, sagt er heftig, „in zwei Stunden Abmarsch der Kolonne. Sind denn hierorts keine Umspannpferde aufzutreiben?“ — „Schwerlich, Herr. Die hiesigen Bauern haben meistens Kühe oder Ochsen, wenn solche noch vorhanden sind. Fast alle Dörfer waren leer. Wo die Leute mit den Tieren blieben, war nicht zu erkunden. Die flüchteten in die Wälder; denn die Pest . . .“
‚Schweig! “ Nicht einmal den Reisigen kann er befehlen, denkt er zornig, und ist froh, daß er das Geleit besitzt. Schon zweimal wäre es ihm schlecht ergangen, wäre er auf seine eigenen Leute angewiesen. Fürstliche Bewaffnete kreuzten seinen Weg. Nun ist er da, er wird es ihnen zeigen, was zu tun ihm möglich ist. Jammern, schreien sollen sie, sich im Feuer krümmen und . . .
Darüber schläft er ein. Es sind grauenvolle Bilder, die sich wie ein Mahr auf seine Seele wälzen. Der Diener, der ihn weckt, tut es mit einem Stab. Der Hohe läßt sich nicht berühren, gibt niemandem die Hand. Sein Wesen ist ja so verkümmert, sein Herz versteint, und vom Fünklein Geist, das auch er bekommen hat, scheint nichts mehr da zu sein. Eingesargt hat er ihn samt allem Guten, das an sich ein jedes Kind besitzt. Kein Licht erfüllt den stolzen Mann, er gleicht einem wandelnden Grab.
Als ob er nicht geschlafen hätte, fragt er hart: „Fertig?“ — „Ja, Gebieter, ihr könnt ziehen.“ Ein Glück, daß das Lager abgebrochen ist; sein Zelt ist nur noch aufzuladen. Das muß rasch geschehen, in der kurzen Zeit, während der der Hohe revidiert und sich in die Sänfte setzt. In knapp drei Stunden sieht man trotz der Dunkelheit einen großen Zaun, sehr lang, sehr hoch, sehr fest, wirkt fast wie eine Mauer.
Neugierig sieht der Inquisitor aus dem Fenster seiner Sänfte; der Hauptmann hatte ‚Halt‘ geboten. Auf Befragen sagt derselbe: „Wer weiß, was das bedeutet. Vor uns liegt die Stadt; aber was hier eingefriedet ist, muß ich erst erkunden.“ — „Warum ist‘s noch nicht geschehen?“ Diesmal ist es nicht wie üblich grob gesagt; denn um die Stadt zu stürmen, braucht er die Bewaffneten. Ob auch von der verhaßten Burg der Ort nicht einen Schutz besitzt? Ein regelrechter Kampf ist zu vermeiden; sein Einzug muß erst friedlich wirken, ganz im Sinne seines Ordens. Erst hernach — —
„Es ist ein Tor im Zaun“, meldet es ein Läufer, den der Hauptmann zur Erkundung schickte. „Kann das aufgebrochen werden?“ — „Leicht“, winkt der Läufer ab, „aber drinnen stehn zwei Männer, das könnten Knechte sein.“ — „Los!“ befiehlt der Hohe, „ich bin mit da bei!“ Der Weg ist aufgeweicht. Nach einem Regen und dem vielen Hin und Her der Krankenträger, der Karren mit der Suppe, da kann der Hohe mit den feinen Schuhen, die er immer trägt, bald stecken bleiben, denkt mancher seiner Leute schadenfroh.
Daß der Spanier schon längst gemeldet ward, die Stadtherren im Verein mit den Freunden Vorkehrungen trafen, ahnt jener nicht, und keiner seiner Leute. Sinkmann hatte zwar gemeint, man müsse vor dem Anger warnen; doch diesmal gab man Schöber recht, der nicht zu Unrecht sprach: „Geht der Spanier durch die Tür, so geht er eben ins Verderben. Strauchdiebe! Hoffentlich merkt es seine Garde und sie zieht sich wie die Wächter schnell zurück. Sie rufen ‚Pest‘! Mehr ist nicht zu tun. Unsere gute Stadt zu überfallen — ja, sagt doch an: sollen wir das dulden?“
Ganz recht; ist es jedoch christlich, den Feind und sein Gefolge diesem Tode preiszugeben? Auf dieses Argument vom Pfarrer fragt der Stadtschreiber Göster: „Ist es christlich, wenn der Schwarze uns in seine Zange nimmt? Was er tut, Pfarrer Sinkmann — da seht eure eigenen Arme an! Verhüte Gott, daß der Böse unsere Leute frißt!“ Er wird es nicht mehr können.
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