Gedankenzwiespalt; Gottes Worte; Der Große und die Pest; Der große und die kleinen Helfer.
Kapitel 18
An dem Abend, als der Spanier mit seinem Trupp heranmarschiert, hat man sich bei Stadtrat Schöber eingefunden: Berthold Meurer mit Helene und Beate, die Flüchtlingsfreunde, Doktor Strauber, Pfarrer Sinkmann, Pater Angermann, Stadtschreiber Göster und ausnahmsweise Scharfner, der Wartburgkommandant. Der war mit ein paar Reisigen gekommen, um mit zu verteidigen; denn auch der Burg war der nahende Beritt gemeldet worden. Was da kommen würde, darauf brauchte man nicht erst zu warten. Man wußte es.
Scharfner ist zwar geistig ein mehr unbeschriebenes Blatt, hat jedoch von Martin Luther allerlei gehört und verehrt den tapferen Mann. Was ansonst in diesem lichtgeschützten Kreis geschieht, weiß er nicht. Immerhin — er ist aufgeschlossen und so wird ihm auch das Licht zu teil. Man bespricht, was in der Nacht geschehen kann. Für und Wider ist erst bang erwogen worden, und — menschlich etwa doch verständlich, sagt man ohne Scheu, daß dem Inquisitor recht passiert, wenn er selbst sich in den Tod begibt.
Nur die beiden Prediger, Angermann und Sinkmann, Meurer und Beate sitzen wortlos da. Das weltliche Bedenken drückt. Gewiß, aufhalten können sie das Übel nicht. Im Innern ist das Brennen der Erbarmung: man hätte ihn verwarnen sollen, um ihn und seine Schar zu retten. Wer weiß jedoch, ob man die Warnung angenommen, der Bote dann dafür des Spaniers Haß erfahren hätte — ?
Sagt der Hauptmann: „Gönnen tu ich ihm es nicht; was aber hat er denn bei uns zu suchen? Wie erzählt, wäre Spanien ein großes Land; hätte dort genügend Leute, kann er es nicht lassen, sie grauenvoll zu martern. Und unser Glaube? Na ja, bin halt einer von der Welt; doch soviel hat mir unser Luther beigebracht: es gibt bloß einen Gott! Und wenn die Welt voll Teufel wär‘, stünde doch der Herrgott über diesen in der schöpferischen Macht. Bei ‚Teufeln‘ hatte er es leis geflüstert: Menschen sind die Teufel, für mich, und insgeheim gibt es keine anderen. — So, das gab mir zu denken. Der Spanier — hm, ist der nicht der reinste Teufel?“
Man nickt und wünscht es herzenstief, daß er nicht die gute Stadt verderben darf. Es ist genug der Plage, weil die Pest schon eingezogen ist, wenn vorerst hier nur in Einzelfällen. Der angebrochene widerliche Herbst wird die Seuche unterstützen. Von denen, die der Spanier um sich hat, könnten etliche echt gläubig sein, so daß man sie nicht mit zur ‚Teufelrotte‘ rechnen muß.
„Mag sein“, erwidert Xaver Hieselbar, der sich gerne am Gespräch beteiligt, „die Folterknechte sind nicht besser als ihr Herr. Denen ist‘s egal, ob und wie da einer leiden muß. Oh, unser teurer Pfarrer kann es uns bestätigen.“ Sinkmann nickt dazu, meint jedoch: „Lassen wir das Thema fallen und bitten unsern lieben Gott, Er möge ferner uns behüten und — und auch den Feinden helfen.“ Es ist ein inniges Gebet, das in den Himmel steigt. Er hat es längst bemerkt, was außer Meurer in der Hitze des Disputs den anderen entgangen ist, daß mit Beate eine große Wandlung vor sich ging. Er selbst hatte auch des nachts zuvor geträumt:
‚Morgen werdet ihr ein Wort vernehmen, für euch Menschen, sogar für die guten, unverdient. Doch Gott-Vaters Güte und Erbarmung gibt euch Seinen Segen, jenen, den immer ER allein zu geben weiß. Warte ab, was geschieht.‘ Letzteres wurde angefügt, als Sinkmann träumend unbewußt nach dem Geschehen fragte. Er wollte es bereits erzählen, bloß war es ihm, als stünde innerlich ein ‚Nein‘ davor. Auch waren die Gespräche trotz Berechtigung und Not für ihn zu weltlich. Viel lieber hätte er von Gott, von Seiner Führung, von der herzlichen Barmherzigkeit gepredigt.
Unbewußt und ungewollt wird es in der Runde still. Wie ein Odem, sonderbar, wie kein lindes Lüftchen es vermag, so umkost es jeden. Sogar der Hauptmann ist davon berührt. Der forscht zwar heimlich in den Mienen aller, ob ‚die was spüren‘, wie er es nicht verneinen kann und wird dessen inne: die meisten sitzen mit gesenkten Köpfen da. Sinkmann, Meurer, Strauber und der Pater schauen auf Beate, die wie fast verwandelt anzusehen ist.
Sie steht hier, man sieht das Kindliche des Mädchens; allein das ‚Fremde‘ ist wie eine Hülle, wie ein Kleid über sie gestreift. Hm, was mag das sein? Was geschieht bei denen? Selbst die Höckerin, die oft im Kreise weilt, sieht anders aus als sonst. Ihr faltiges Gesicht erglänzt, wie von innen, ein Rückstrahl unbekannter Freude. Und dann — —
„Kinder auf der Welt, im Durchgang eures Lebens, das euch oft so unverständlich ist mit ungestillten Fragen, bei manchen auch mit einem Sehnen, das vom Himmel kommt und hinauf ins Licht verlangt, ahnt und wißt ihr nicht, wessen Sprache ihr vernehmt, wer nun zu euch gekommen ist.“
Ach, was ist denn das für eine Stimme? Sie klingt an sich nicht anders, als ein junger Mensch, eine Maid sie haben kann. Dennoch — dennoch — — Anders tönt sie in den Ohren dieser aufgeschlossenen Herzen und steht in jedem diese Frage auf. So dunkel, warm, gewaltig und so wundersanft, als ob eine zarte Hand die Wange streichelt. Doch schon spricht ‚es‘ weiter:
„Forscht nicht, wer heute zu euch kam; nehmt das Licht und eures Gottes Vaterliebe auf, bewahrt sie als die reich gesegnete Zehrung, wenn es für jeden an den Heimweg geht. Fragt auch nicht, ob bald, ob spät und — wie! Wißt ihr, ob nicht doch in jederlei Geschehen eueres Himmelsvaters Segen ruht? Gibt Er jemals anderes als Liebe, Gnade, Friede und Barmherzigkeit?!
O ja, schon als Heiland hatte Er gesagt: ‚In der Welt habt ihr Angst‘! Die steht doppelt vor der Tür. Er hat aber auch gesagt, und zwar, bevor Er Seinen Opferweg gegangen ist: ‚Seid getrost, ICH habe die Welt überwunden!‘ (Joh. 16, 33; 14, 27). Dazu das Herrliche: ‚Meinen Frieden gebe, lasse Ich euch!‘
Wer war gemeint? Die Jünger oder gar Er Selbst? Hat der Heiland einzelne aufgezählt oder etwa nicht des Vaters ganzes Kindervolk in Seinen Frieden eingeschlossen? Für Sich brauchte Er das nicht zu sagen und zu tun. ER war, Er ist ewiglich der Geber Seines Friedens und des Heils! Braucht euer Herz nicht zuzudecken, der Vater sieht hinein, sieht und bedenkt das Bittere: ‚Es ist ja gar kein Friede auf der Welt und — freilich — in Angst und Schrecken stehen wir, da hat der Heiland wahrlich recht gesprochen.‘
Bloß das, ihr lieben Leute, die ihr doch des Vaters Kinder seid? Oder meinet ihr, Er sieht es nicht, was vor euren Mauern wie ein Leviathan lauert, um euch alle zu veschlingen? Ein Drache mit zwei Hörnern, wie ihr denkt. Ein Horn ist die Pest, das andere ist der Feind, den ihr gar mit Recht den ‚Schwarzen‘ nennt. Beide Hörner kommen nicht von Gott; denn Er ist und bleibt der HEILAND, wie von alters her (u.a. Jes. 43, 3 und 11, 63; Hos. 13, 4), der segnet, heilt, der allewege hilft!
Wie sieht Seine Hilfe aus? Ist sie bei jedem gleich? Kann man sofort ‚Hosianna‘ singen, wenn im Nu das Leid, die Angst vorüber ist?, stets im Angesicht des Vaters voller Freundlichkeit?! Oder — kann der Ewige nicht auch einmal Sich wenden, daß ein Böser bloß noch Seinen Rücken sieht? Dabei jene Frage angehängt: Sieht Gott so den Bösen nicht? Sieht Er ihn nicht an? Vergißt Er seiner, weil das Wesen, eigener Finsternis entstiegen, arg und an sich unwert aller Gnade und Erbarmung ist?!
Ihr denkt an jenen, der euch überfallen will und ins Verderben rennt, ohne Wissen in das eigene. Ja, bei diesem Schwarzen hat der Herr Sich umgedreht, hat ihm den Rücken zugewendet und — blickt ihn nicht an! Etliche unter euch haben in echt menschlichem Bedauern ihm noch helfen wollen, daß er nicht ins Elend läuft. Frage: Seid ihr barmherziger als der Herr — ?!
Ihr erschauert, möchtet weinen, der Vergleich passe nicht auf euch. Ganz recht, Kinder eures Vaters! Von der hohen Himmelswarte aus gesehen gilt‘s nicht euch. Längst hat Gott es aufgeschrieben, um euch einst damit zu segnen. Wer seinen Feinden Gutes wünscht und tut, der erfüllt das Wort: ‚Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen‘ (Matt. 5, 44)!
Ist das zuviel verlangt? Einer unter euch trägt Feuermale, ihm höllisch eingebrannt. Was hat er getan? Hatte er denn seinen Feind verflucht, ihm die menschliche Vergeltung angewünscht? Oder hat er — freilich können das nicht viele Menschen — vor dem Angesicht des Vaters auf den Knien gelegen und gesprochen: ‚Herr, hilf, ach Herr vergib ihm diese Sünde!‘? Unter euch war trotz manchem Widerwort kein schlimmer Wunsch vorhanden; bloß wußte man es nicht, wie man diesen Finsteren einrangieren soll ins Gebet, oder ob er seinen Weg zu gehen hätte. Letzteres gewiß, ihr werdet es erfahren. Dann aber kommt es darauf an, wie ihr handeln werdet.
GOTT schreibt euch das nicht vor, das müßt ihr aus euch selber tun! Dabei könnet ihr beweisen, ob ihr des Vaters gute Kinder seid, wie einst vor eurem Mithilfsweg; denn etwas anderes ist der Gang durch die Materie nicht. Habt ihr es erreicht, so wird euer Tun im Himmel angeschrieben sein. Dabei auch das Fragewort: Für wen? Für euch, oder für die Feinde, wie der Heiland alles für die Menschen tat, für Freund und Feind! — ?
Wer für gutes Tun — man darf‘s erkennen, ob man recht gehandelt hat —‚ sich den Lohn errechnet, hat ihn vorher schon verspielt! Es braucht nie GOTT zu warten, um zu sehen, wie einer handeln wird. Doch wartet Er, bis sich eines und das andere erfüllt: am Menschen eben selbst. Dann zeigt Er an, ob Er väterlich das Kind betrachtet oder einem Abgewichenen den Rücken zeigt.
Der Stürmende ist aus der dunklen Tiefe aufgestiegen und braucht eine Zucht. Wie diese wirkt, wird man auf der Welt nie voll begreifen. Gottes hoheitsvolles Wirken an den ‚Verlorenen aus dem Hause Israel‘ (Matt. 10, 6) ist wundersam. Israel war und bleibt das Volk des Lichts; für das irdische Volk war es ein geborgter Name. Die Verlorenen sind jene, die einst mit dem ‚großen Stern‘ aus dem Himmel stürzten (OJ. 9, 1). Euer Schwarzer ist ein Mitgefallener und braucht seine Seele jenes erste Heil, das auch dem ersten Kinde durch seinen Absturz gelten mußte — aus Erbarmung!
Wähnet nicht, dann wären eigentlich die Besseren zurückgesetzt, käme ihnen etwa bloß das zweite Heil zugute. O ihr lieben Kinder, ob gleich vom Vater ausgegangen, was wisset ihr vom ersten, zweiten oder einem letzten Heil? Bei kleinem zieht es durchs Gemüt: nichts wissen wir, ahnen aber, daß jedes Heil beim Vater ewiglich das EINE ist, wie ER der EINE GOTT von Anfang an und bis in Ewigkeiten war, ist und bleibt! Das war Erkenntnis, die in euere Herzen lichthaft eingegangen ist! Darum sei euch jetzt zum Trost gesagt, daß ihr das zweite Horn nicht mehr zu fürchten braucht.
Für den Argen, finster, arm und todeskalt, ist es gut, in sein menschliches Verderbnis einzugehen. Bloß auf diesem schweren Wege wird einmal der Finsterling zu retten sein, um erlöst zu werden. Nur fragt nicht nach der Zeit! Die Jenseitsuhr und -zeit sind ja völlig anders als das, was die Materie, was ihr Menschen kennt. Immerhin kann nach eueren Begriffen mehr als tausend Jahre und noch mehr verrinnen, ehe denn sich solche Todesseele wecken läßt, um — wie der verlorene Sohn — zu einer Heimkehr zu gelangen.
Was sind dem Schöpfer tausend Erdenjahre (Ps. 90, 4)? Gesagt, weil ihr erschrocken seid. Für das menschliche Ermessen ist‘s wie eine Ewigkeit empfunden. Eben gut, so soll, so muß es eine Seele fühlen, die für sich den ‚Lichttod‘ wählte und die Gott als allerbester Arzt (2. Mo. 15, 26) erst heilen muß, um sie hernach aus ihrem Grab herauszuheben. Dann kann ein Heimfindweg begangen werden.
Ihr ahnt es nicht, was Gottes Heilsplan ewig vorgesehen hat für Zeit und Raum, für jederlei Geschlecht und alles, was im Licht, was in der Materie lebt. ER ist da, ER sitzt im Regiment! Nichts hemmt Seinen Herrschaftswillen! Und der ist gut, so gut! Menschen können wohl ihr kleines oder größeres Soll erfüllen, und die ungezählten Namenlosen gaben, geben ihre Opfer dar, willig, glaubenstreu, stark im Dienst. Wer in die Weltgeschichte eingegangen ist mit weltlich großem Tun, von denen hat nicht jedermann ein großes Soll erbracht. Leicht sind sie zu zählen und — werden mitgezählt.
Nun seid getrost ob mancher Angst, wie das Wort euch zugerufen worden war (S. 193, 4) und vorher schon; denn euer Weltweg war mit mancher Mühsal, mancher Not gepflastert (S. 123, 1). Alle, die davon betroffen wurden, kommen ohne Qual ins Vaterhaus zurück. Werden von euch welche weggerafft, so denkt daran: Das Dasein auf der Erde ist ja bloß ein Steig herab, hindurch und wiederum hinauf, zum Ausgang eures lichtgesegneten Lebens, in Gottes Vaterland. Ihr sollt, ihr könnt gute Opferträger sein!
Gibt euch die Welt die Ewigkeit, oder hat die einzig Gott, der Heilige, der Schöpfer in der Hand, ohne Anfang, ohne Ende?! Heute dürft ihr einmal hören, um euch sonderlich zu stärken: ihr habt den Glauben und die Kraft um Gottes Wort bewahrt, wenngleich manch Sorge in der Herzensecke hockt, besten Sinnes für die Nächsten, für die Freunde, damit keiner ins Verderben kommt, das die Finsterlinge bringen. Doch Ich sage euch: legt auch das noch ab, werdet frei im Freisein herrlicher Gebundenheit an Gott, dem Vater hoher Liebe, Führung und Geduld!
Haltet Gottes Segen, diese Seine Worte fest; morgen wird die Welt euch überrennen wollen und — sie kann es nicht, obwohl ihr den Tribut bezahlen müßt, so und anders, wie die väterliche Güte eure Wege vorgesehen hat. Gott, der ewig segnet in der Schöpfermacht, in der hochpriesterlichen Kraft, ER segnet euch!“
Was man spürt, wie die Gefühle auf- und niederschnellen, nieder in der Demut ihres Wesens, hinauf in Dank, Anbetung, im stillen Denken: unwert, unwert dieser Gnade! Keiner fragt, wer gesprochen hat. Die Eingeweihten wissen, daß es nicht Beates Engel war, wohl ein Großer aus dem Licht oder — nein, das wagt sich nicht hervor und ist heimlich da: Kann denn ein Anderer das Hehre bringen als — der HERR allein? — ?
Stilles Einvernehmen: Nicht erforschen, den ‚Heilandssegen‘ sich erhalten, laßt uns tun, wie uns geboten worden ist, geraten, o ja: angeraten wurde unser Tun und Lassen (OJ. 3, 18). Wie lange noch die Freunde stumm beisammen saßen — keiner kann es sagen. Es ist weit nach Mitternacht, als man sich die Hände reicht, als man das ‚Kind‘ nach Hause führt, im Geleit des Burghauptmannes. Der verhält den Pfarrer Sinkmann vor der Tür:
„Pfarrherr, ich schätze euch sehr hoch; das Mädel, hm, versteh‘ ich nicht, es geht über meinen Horizont, bekenne aber gern: ins Herz hat‘s mich getroffen. Wie kann ich es verkraften? Habe mich niemals mit so etwas befaßt. Na, der Schwarze würde sofort ‚Hexe‘ sagen, er hätte wohl —“ — „— es gar nicht begriffen und würde es auch nicht begreifen wollen, Freund Scharfner, als wir es begreifen konnten — durften, aus Gnade, durch Gottes Segen.
Mit diesem braucht ihr gar nichts anderes zu tun als alle: fest erfassen und dazu noch: ‚Schweig still, mein Freund, laß dem Lichte was dem Licht gebührt!‘ Ihr werdet es erkennen, wo und bei wem man einmal einen kleinen Zipfel davon lüften kann, weil das Wunderbare nicht bloß uns zu gelten hat. Ihr erlebet es, wie GOTT euch führt und ihr zu Seinem Dienst gelangt. Gehabt euch wohl; bedürft ihr meiner, bin ich stets für euch bereit.“
Sinkmann hatte jäh die Rede unterbrochen, auch Scharfner horchte auf. Ein wüster Lärm schallt bis zu ihnen her. Er kommt von der Mauer, von außerhalb; da gilt sein Einsatz mit den Reisigen, die — bereits ohne Wecken — sich am Angertor versammelt haben. Dort wird von außen heftig angepocht. Scharfner befiehlt: „Das Tor bleibt zu und zu erstürmen sind die Bohlen nicht!“ — „Wenn sie Feuer legen?“ — „Strohdumm wären sie, da gefährden sie sich selbst. Abwarten, bis zum Morgen, dauert nicht mehr lang. Wir werden sehen, was draußen vor sich geht.“ Und was — ?
Als der Inquisitor mit der Truppe vor der kleinen Tür zum Lager angekommen ist, trotz schon angehender Nacht noch leicht zu sehen, ein halber Mond geistert durch die Wolken, befiehlt er hart: „Es wird aufgebrochen, man will uns verlocken, daß wir nicht die Stadt erobern. Folgt noch nach!“ Sein Zorn ist heftig, er mag nicht an seine Schuhe denken, hatte Mühe, sie nicht zu verlieren. Der aufgeweichte Weg sog sie förmlich an. Ah, die Tür ist offen, was den Hauptmann stutzig macht. Zu spät pocht man dann erst an das Mauertor der Stadt, was dann Sinkmann und der Hauptmann hörten.
„Hoher Herr“, wendet er sich an den Spanier, „da steckt doch was dahinter.“ — „Seid ihr feige, Hauptmann?“ — „Das hat mir noch niemand nachgesagt! Ich will . . .“ — „Vorwärts“, schreit jener wild, ungeachtet dessen, daß er sonst den Vornehmen markiert. Kaum sind er und ein Teil der Leute eingetreten, weichen die zwei Wachenden zurück, auf Befehl von Schöber rufend: „Pest, die Pest!“ Und sind im Gesträuch verschwunden, ehe man sie fassen kann.
„Das ist eine Finte! In den langen Hütten“, man sieht erst drei, „da steht sicher Vieh. Man will uns überfallen.“ — „Wie ihr meint“, murrt der Hauptmann. „Ich für meinen Teil halte es für wahr. Herr, bedenkt: fast alle Orte auf dem Weg hierher waren bis auf wenige Leute ausgestorben, das Vieh verkommen, viele Kühe an geplatzten Eutern tot, weil niemand war, der sie hätte melken können. Möglich wäre, daß die Städter außerhalb der Mauer alle eingesammelt haben, die Pestkranken, meine ich.“
„So dumm ist der Stadtrat nicht, die Seuche aus der ersten Hand zu nehmen.“ Wieder ruft‘s aus dem Gebüsch: „Pest, Pest!“ Fast alle tappen schon zurück, nicht gerade fliehend; sogar des Inquisitors Leute stehen sprungbereit: rette sich, wer kann! „Memmen“, faucht der Schwarze. Er geht zur zweiten Hütte vor. In die erste sah er nur hinein. Weil es drinnen dunkel war, merkt er nicht, daß hier, zwar die leichten Kranken liegen.
Als er die enge Türe findet, taumelt ihm ein Mann entgegen, mit einer Frau, die sich kaum noch auf den Füßen hält. „Was tut ihr hier?“ fragt er grob, nun doch verwundert, daß weder Vieh noch Streu vorhanden ist. „Ah, auch einer, den die Pest gezeichnet hat“, lallt der Mann. „Komm mit, Brüderchen, neben mir ist noch ein Strohsack frei; kannst dich niederlegen. Früh kommt der Medicus, der dir dann sagt, wie krank du bist.“
„Du hast die Pest?“ Atemlos gefragt. „Wer hat dich hierhergebracht?“ — „Hat uns niemand. Hunderte sind aufgehoben worden, die wir elend vor der Mauer lagen. Jeder wird gepflegt, so gut es geht. Noch haben wir die Hoffnung, dem Pesttod zu entrinnen; bei mir und bei meiner Frau ist‘s schon zu spät. Die hier liegen, fast hundert, und Kinder sind dabei, werden kaum gesund. Immerhin — wir leiden keinen Hunger; von der Stadt bringt man uns genug zu essen, und der Arzt verpflastert uns, so gut er kann. Sieben Hütten zu betreuen — du liebe Zeit, und das bewältigt er als Arzt allein.“
Der Inquisitor taumelt rückwärts, ergebnislos streift er an dem Ärmel nieder, wohin der Pestbefallene gegriffen hatte. Kann ein Wunder, das er stets verneinte, eine Rettung bringen? „Geht fort“, stöhnt er, „es ist —“ und sinkt nieder. Sein Weg durch verseuchte Orte hatte schon den Keim gelegt, weil er gierig überall nach Hexen suchte und manches leere Haus betrat. Die Berührung mit dem Todgeweihten gibt ihm jetzt den Rest.
Der Hauptmann ist mit seiner Schar enteilt, der Spanier wird ihn nicht benötigen. Ein Teil der Henker, die anbefohlene Greueltaten gern verübten, hatten mit manch Haus durchsucht. Nun springen sie vergeblich fort; der Tod ist rascher als ihr Fuß, der nach und nach die Kraft verliert. Einige sind schon nahe hingefallen, in Angst und Schmerz sich wälzend.
Der Gottbetrüger, mitleidlos bei Folterungen zugesehen, da stets verkappt, im Angesicht des Todes, wird von zwei Kranken hingelegt. Hier lernte man, vor allem durch das Beispiel treuer Menschen, nie allein an sich zu denken. Wer noch kann, der hilft mit aus: ist ja auch gleich, wenn man die anderen berührt. Das gilt vor Gott, weil Mitleid und die Hilfsbereitschaft ein wenngleich kleiner Strahl aus Seiner Güte sind.
Nun liegt er da, kann sich kaum noch rühren, verflucht die von ihm Gewichenen. Niemand weiß, wer er ist; und soviel Denkvermögen hat er noch, sich nicht selber zu verraten. Was soll man von ihm denken? Er, der Großinquisitor, in seiner Anmaßung die rechte Hand des zürnenden Gottes? Und nie geahnt, was die ‚Heilige Rechte‘ tut! „Wasser, ich verbrenne.“ Ach, umsonst deckt er die Augen zu. Lange Reihen gehen an ihm vorbei, verstümmelt und verbrannt. Niemand konnte bei ihm auch nur einen Hauch Erbarmung finden.
Sagt ein Mann, neben ihm liegend: „Der Doktor wird bald kommen, die Pfleger bringen einen Trunk.“ — „Ich — ich bin, ich will zu erst — man muß mich extra legen, und —“ — „Das geht hier nicht“, wird er belehrt. „Wo kämen da die Helfer hin, wenn dieser oder jener gleich was Sonderliches haben will? Sei froh, gerade hier zu liegen. Ich und mehrere — ach, hast du eine Ahnung, wie es uns erging, als wir wie oft ausgewichen sind, vor Gesunden, wohlgemerkt! Man warf uns sogar Steine hinterdrein. Hier jedoch — Ah“, unterbricht der Mann sich selbst, „der Karren kommt, mit ihm das Morgenmahl. Dann ist der Doktor stets dabei.“
Ja, er ist‘s, Pfarrer Sinkmann und Beate mit dabei. Es gab am frühen Morgen erstmals Schelte, vom Vater, bei der Mutter Tränen, vom Doktor ein grobes ‚Nein‘, als Beate darauf bestand, zu den Hütten mitzugehen. Ja, da war der Traum: ihr Engel brachte eine Schale. Sie schien leer zu sein, und doch war etwas drin, was Beate nicht erkennen konnte. Dazu das Wort:
‚Gehe zu den Ausgestoßenen; denn manchen kann die Hilfe werden. Nicht unbedingt die körperliche Reinigung; die seelische Entlastung ist das Wichtigste, daß, wer von hinnen muß, sich dem HERRN ergibt, Seinem Willen, der zwar für die Menschen unerforschlich bleibt und ist dennoch zu erkennen, nämlich so: wer sich fraglos unter Gottes Willen beugt, den heben Seine heilsgewohnten Hände hoch; und ihre Engel bringen sie nach Haus!
Merke auf: nicht du wirst helfen, wie ich dir schon einmal sagte und bist treu und lieb geblieben. Eben darum kann und will sich Gottes Hilfesegen zeigen. Bleibe fest, denke nicht daran, was dir als Lohn gegeben wird.‘ Als man das vernimmt und das letzte hehre Wort bedenkt (S. 193, 1 – 196, 4), werden alle still, die Eltern und der Arzt, Pfarrer Sinkmann auch. Weh, das gute Kind! Warum stürzt der Himmel es in die Gefahr?!
„Komm“, sagt Strauber barsch und traurig. Er weiß nur zu gut, daß trotz Vermummung und der Sorgfalt, die so unzulänglich ist (damals), auch der Gesündeste gefährdet ist, der die Pestbefallenen betreut. Ihm, dem Medicus, ist‘s egal, ob er auch betroffen wird. Schier meint er, sein Tagwerk ginge ohnehin dem Ende zu, spielt also keine Rolle, ob ein paar Jährchen weniger oder mehr.
„Ich komme mit“, entscheidet sich der Pfarrer. Er wollte es vom ersten Tag an tun. Aber Strauber, Schöber und die Freunde hatten ihn bedrängt, davon abzusehen. „Wir brauchen dich“, hatte man ihm vorgehalten. Wer weiß, wieviel Trost die Städter bald benötigen.“ Ungern hatte er willfahrt, der Gottgetreue. Nun, da das ‚Kind‘ den Lichtauftrag erhielt, hemmt ihn nichts mehr diesen Gang: ‚Du gehst mit!‘ Und er ging.
Strauber mummelt beide ein, sich ebenfalls. Man hatte innerhalb am Angertor eine kleine Bude aufgestellt, wo das ‚Pestzeug‘ hängt, die Zuber stehen, mit Gewürz im Wasser, und mancherlei Gerät, das der Doktor braucht. Sie sind bei der ersten Hütte angelangt, von Kopf bis Fuß bedeckt. Nur die Augen schauen aus der Hülle.
Es kostet große Überwindung, sich der Mäntel wegen zu bewegen und zu bücken. Dabei der Pestgestank, der durch die Kleider dringt. Aber tapfer bleibt das Mädchen mit den Männern an dem hochgesegneten Werk. Niemand würde ahnen, in der schmäleren Gestalt ein fast noch halbes Kind zu sehen.
Dankbar sind die Kranken, obwohl manch einer murrt. Verständlich, Schmerz und Angst sind groß. Wo Beate ihre auch vermummte Hand auf eine Stirne legt, hört das Stöhnen auf. Da vorübergehend Schmerz nicht arg empfunden wird, nimmt man die Erleichterung nicht durch den ‚kleinen Helfer‘ wahr. Ja ja, die kleinen Helfer, das sind sie, der Arzt, der Pfarrer und die Knechte. Der große einmalige Helfer ist und bleibt der HERR!
Sie wenden sich der zweiten Hütte zu. Es dauert Stunden, bis man alle sättigt und betreut. Viele Leute müssen neu gebettet werden, die Lager schmutzig und durch Eiter naß geworden sind. Eben da hockt jener Mann mit seinem Weibe an der Tür, der den Inquisitor mit auf einem Strohsack legen half, ihn ‚Brüderchen‘ genannt und nun zum Doktor lallend sagt:
„Ist ein neuer drin, scheint ein Herr zu sein. Sonst — ? Einer von den vielen. Ha, die Seuche dringt nicht bloß in kleine Häuschen ein; im Nu ist sie in einem Schloß, in einer Burg. Gott ist sehr gerecht.“ — „Hierin nur, lieber Bruder?“ fragt der Pfarrer. „Na ja“, wird erwidert, „wenn man immer glaubte, treu zur Kirche ging, vom Wenigen gern opferte, dann — dann —“. Aus des Mannes Kehle dringt ein Schluchzen. Seine Frau wurde schon apathisch. Strauber beugt sich zu ihr nieder.
Da legt Beate ihre Hand der Kranken auf. Ein erlöster Seufzer ist zu hören. Ohne Ängste sind die Augen zugefallen. Strauber winkt die Knechte her. Die schaffen gleich die Toten aus dem Lager. Der Mann hat es nicht einmal gemerkt. In hoher Gnade kommt für ihn zugleich das letzte Stündlein auf der Welt, unter jener kleinen Hand, die dazu berufen worden ist.
Als Strauber mit dem Pfarrer durch die Reihen geht, kommen sie zum Neuen. Die Männer sehen es sofort, wer da liegt. Stumm blicken sie sich an. Strauber neigt sich nieder, leise fragend: „Was kann ich für euch tun?“ Hier, wo einer wie der andere vor Gott keinen Vorzug hat, wird keiner ‚Herr‘ genannt, nicht mit seinem Namen oder weltlich hohem Titel angesprochen.
Bei des Arztes Stimme fährt der Kranke hoch. Haha, hier findet er die Ungetreuen, die sich fortgeschlichen hatten. Es würde ihn sehr wundern, wäre der verhaßte Pfarrer nicht dabei. Denn daß der auch mit fliehen konnte, dessen war er sich bewußt. Jetzt — oh, er hat die ganze Hexenbrut beisammen! Er wird — Vergebliches Bemühen. Mit übermenschlicher Kraft hält er sich für eine Weile hoch, sinkt aber bald zurück. Die Schmerzen kann er noch verbeißen, Mattigkeit, Schüttelfrost und Schwäche nicht. Da sieht er ihn, den Verruchten, den er bis in die tiefste Hölle wünscht. Die Vermummung gilt ihm nichts. Die Augen — oh, an den Augen hat er ihn erkannt, und den Arzt, und das Kind.
„Nun habe ich die Hexe“, will er schreien. Es wird kaum mehr als ein Gemurmel. Mehrere Kranke nähern sich. Freundlich weist der Arzt sie wieder auf die Plätze. „Legt euch zurück, ich untersuche euch; wem es besser geht, der kommt in eine andere Unterkunft.“ Keiner, der nicht rasch gehorcht.
Wer wünscht sich nicht, gesund zu werden? Indessen tritt Beate an das Lager. Auch ihm, dem Grausamen, legt sie sanft die Hände auf. Daß er nichts verspürt, kommt vom ganz verhärteten Gemüt. Zu spät für ihn; auf dem steinigen Jenseitsweg möchte er die Hände haben — und hat sie nicht, sehr lange nicht. Das weiß er jetzt noch nicht. Er versucht, sie von sich zu scheuchen.
„Geht, ihr vom Teufel Ausgegangenen, ihr Höllenbrut, ihr . . .“ Die Stimme bricht. Sinkmann zeichnet über ihm das Kreuz: wird wohl bald sterben. Der Arzt verneint. „Der klammert sich an den Gedanken nur zu fest, was er verrichten möchte. Er verscheucht zu seinem Schaden einen baldigen gnädigen Tod.“ Sie gehen zu den anderen. Bei einigen ist durch die ‚kleine Hand‘ eine Besserung zu erkennen. Sie werden in den ersten Hüttenraum gebracht.
Überall gibt es über Nacht Gestorbene. Die Knechte schleppen, wie gut, große Gruben fernab von der Stadt bereit gemacht zu haben. Man kann bloß etwas Erde auf die Toten werfen, ‚Unser-Vater‘ beten und Kalk aufschütten. Man hofft, der Winter wird die ‚große Pest‘, wie es später hieß, verwehn. Wenige Familien sind verschont, bei denen keine Opfer zu beweinen waren. Manch Geschlecht ist gänzlich ausgestorben und keiner da, der Haus und Hof betreut. Die Räuber schleichen wie Hyänen durch das arme Land. Sie stehlen — und müssen alles wieder fallen lassen, weil ihnen auch die Pest, fälschlich ‚Geisel Gottes‘ genannt, die Augen schließt.
Nachdem der Inquisitor, in nichts bevorzugt, auf seine Streu zu liegen kam, sind die Helfer wieder da: Doktor, Pfarrer und Beate. Sieht aus, als ginge es ihm etwas besser. Er hat sich aufgerichtet und den ganzen Raum in Rebellion gebracht; nur in der Richtung war es nicht gelungen, den treuen Helfern Pest, Tod und Teufel und noch mehr zu wünschen. Die meisten Kranken sind zu schwach, der Tirade beizustimmen, andere schweigen lieber, aber einige fahren dem Verläumder über seinen Mund.
Weil ihn keiner kennt, er seinen Stand noch nicht verriet, muß er hören: „Du Grobian, dir wäre gut, du hättest diesen Gnadenplatz hier nicht gefunden! Jawohl, Gnadenplatz“, der Inquisitor hatte grell gelacht, „oder denkst du etwa, vor der Mauer hätte man dich aufgelesen, wenn du Dinge sagst, die gen Himmel schreien?
Der Arzt, die anderen betreuen uns ungeachtet dessen, daß sie hier die Pest bekommen können. Die Knechte tragen gleich die Leichen fort, bringen frisches Stroh, Trank und Speise. Was willst du also mehr, du Stänkerer? Fahre doch in deine eigene Hölle, da wirst du bestens aufgehoben sein.“
Das Letzte hörten noch die Kommenden. Sie reimten es sich leicht zusammen, was vorgefallen war. Der falsche Christophorus ist zu gut bekannt. Als der die Helfer sieht, fuchtelt er mit beiden Händen. „Wißt ihr nicht, was mir geziemt? Mich in dieses Schlangennest zu legen, zwischen die verdammten Seelen, die Pest wäre sonst nicht über sie gekommen, während ich . . .“
„Mal langsam, Freund“, unterbricht der Arzt. „Ihr seid selber eingedrungen. Der schon in Gottes Frieden lebt, hat geholfen, euch auf eine Streu zu bringen. Wollt ihr nicht, daß ich euch behandele“, nicht ganz unberechtigt, weil Strauber zornig ist, „nun, wir können euch auch liegen lassen. Dankbare haben einen Vorzug, daß ihnen ja zuerst die Hilfe wird.“
„Versteh‘ ich gut“, sagt Sinkmann leise, „von Gott abgekehrt, wie kann er etwas Gutes anerkennen? Wer selbst so böse ist, der sieht alles grau in grau — bei anderen.“ Indessen legt Beate ihre sanfte Hand auf die heiße Stirn, ein Wort der Liebe und der Verzeihung: „Ihr steht bald vor eurem höchsten Richter; da müßt ihr euer Leben vor Ihm öffnen wie ein Buch. Und selber werdet ihr es lesen müssen was drin verzeichnet steht. Möge die Erbarmung größer als die Gott-gerechten Abrechnungen sein.“
Der Inquisitor hat die leichte Hand gespürt, auch das treue Wort vernommen, schüttelt aber beides ab: Hand und Wort. „Du verruchte Teufelsbraut, rühre mich nicht an! Ich will heraus, hier gehöre ich nicht her! Du Pfarrer bist sonst etwas, nur kein Diener Gottes! Du hast die Leute fortgebracht, die vor mir zu stehen hatten, gabst dem Teufel deine Hand, der dich entführte. Durch unsere gerechte Pein solltest du geläutert werden, daß das falsche Predigen dir aus der finsteren Seele fuhr!“ Den Doktor fährt er an:
„Doktor nennst du dich? Daß ich nicht lache! Große, kleine Null! Unsere Ärzte in Hispanien können anders helfen als du mit deinen Kräutern oder Salbe. Ich will fort!“ — „Dem steht nichts im Wege.“ Es ist wieder nicht des Mädchens Stimme, die nun redet; die Freunde kennen längst, wenn ‚etwas anderes‘ das Wort ergibt.
„Stehe auf, verlasse diesen Raum, wo dir echte Hilfe werden kann, solche, die mindestens die körperlichen Schmerzen lindern, bevor der Tod die Sense schwingt! Deine Seelenschmerzen löst dir nicht einmal der Heilige der Barmherzigkeit, weil du in Hochmut meinst, du bringst die Menschen in den Himmel — durch ungeheures Leid. Dies ist die Krankheit deiner Seele; und bis du dich nicht völlig GOTT ergeben hast, in Reue und gerechter Buße, was im Jenseits ungleich schwerer aufzubringen ist als hier auf dieser Welt, solang werden alle ungeheuren Leiden, armen Leuten angetan, dich foltern, wie du gefoltert hast! (s. Ruf aus dem All, ab S. 22)
Wer Gottes Hilfe von sich stößt, der wundere sich nicht, wenn der Allerbarmer ferne steht! Ob Er dich nicht sieht?, Sein Herz verschließt, wie Zeit deines Lebens du getan?! Kam jemals eine gute Regung über dich, seitdem du nach dem weltlich hohen ach so leicht zerbrechlichen Stuhle strebtest? Hast du Gottes Liebe oder Seinen Zorn gepredigt, den GOTT nicht kennt?! Hast du die Armen freundlich angesehen, Hilfe ausgeteilt, oder waren dir die Niedrigen bloß das ‚eklige Gewürm‘, wie du sie bezeichnet hast?!
Was willst du nun von Gott?, von Menschen, die in treuem Glauben an des Himmels Vater ein gar schweres Werk verrichten? Gehe, wenn du willst! Jetzt — jetzt hält GOTT dich nicht zurück! Ob und wie ER ärmste Seelen aus der Finsternis bewahrt, ihnen heilig hilft, das erfährst du einst, wenn du selbst die Hände nach dem höchsten Richter streckst und flehst: ‚Herr, rechne ab, ich muß bezahlen, um von mir selber frei zu werden!‘“
O diese Stimme! Manch Kranker ist herbeigeschlichen, hat das Wort auf sich bezogen, wenn es auch nicht völlig für ihn galt. Diesmal hat der Doktor nicht gewehrt; wo das LICHT die Offenbarung bringt, gelten die Gefahren nicht, gegenseitig durch den Pesthauch sich zu ruinieren. Vernahm der Großgemachte dieses Wort? Ja! Hat er es auf sich gemünzt? Nein! Daß ‚etwas‘ war, sagt ihm sein Verstand, obwohl er nichts davon versteht, nicht verstehen will. Vergeblich richtet er sich auf, stemmt die schwach gewordenen Arme auf das Holz des Lagers. Weil er es nicht kann, sich keines Falles aber eine Blöße geben mag, deshalb sagt er höhnend:
„Der Versucher hat geredet, dem folge ich nicht nach. Erst wenn er fortgegangen ist“, er zeigt auf Beate, die er ob ihrer schönen Augen wiederum erkennt, „dann gehe ich, hole meine Leute und werdet ihr erleben, was mit dem Teufelsding geschieht!“ Diesmal hat Beate selbst wie mitgehört, hat geprüft, daß sie die Worte weder hemmen, nicht aus sich hat sagen können. In den Augen glitzern Tränen, so traurig sieht sie auf den Argen nieder. Er ist böse, aber krank, dem Tod geweiht. Im Traum hat sie es oft gesehen, wie eine Seele drüben weiterlebt, im guten, im unguten Sinn. Dieser — Sie wagt nicht, es sich auszudenken.
Da kommt ein Knecht. „Draußen liegt einer, man sieht im Staub der Straße, wie er hergekrochen ist. Wird kaum nötig sein, ihn hereinzuholen.“ — „Ich sehe nach“, hält Sinkmann den Arzt zurück. „Habt hier viel zu tun, und soviel weiß ich, wie die Kranken einzustufen sind.“
— „Ist recht.“ Strauber wendet sich dem Nächsten zu. Bei manchen darf die ‚kleine Hand‘ ihr stilles Werk vollbringen, bei einem, wo es besser wird, was leider wenigen geschieht, dafür wiederum bei anderen, daß ein sanfter Tod die Schmerzen löscht, die gute Seele ihre Hinnefahrt erhält. Dann steigt dafür ein Dankgebet im Herzen auf für Gottes Hilfe, so und anders.
Rasch ist der Pfarrer mit hinausgeeilt. Da liegt ein Mensch, daß das Erbarmen wie eine Decke ist, die den entstellten Mann bedeckt. Oh, ist das nicht der Folterknecht, der mit sadistischem Geheul die glühenden Eisenstangen in des Pfarrers Arme stieß? Geht über das schwärzliche Gesicht des Liegenden nicht ein Erkennungsschein? Er ächzt, versucht sich fortzuwinden. Denn daß der einst Gemarterte ihm, dem Folterer, nun heimzuzahlen wünscht, wie er getan, des ist er sich gewiß.
Selbst der Himmel deckte zu, hätte man ihn liegen lassen, um das — sollte er durchs Leiden wenigstens zur Reue kommen? Was tut nun Sinkmann, der Getreue? Er darf vor Gott, um der SEELE aufzuhelfen, gehen. Ein Helfer deutet auf den Liegenden: „Den fasse ich nicht an, er gefährdet uns.“ Ja, für alle Dienstbarkeiten wie für jene, denen teils geholfen werden kann. „Er stinkt!“ — „Hast recht, Hias, trotzdem nimm die Lappen in die Hände, ich tu es auch, wir schaffen ihn zur vierten Hütte zu den schwersten Fällen.“ Um den Spanier anzurühren, hätte Sinkmann den Vasallen neben jenen betten sollen. Der Inquisitor würde etwa dadurch angerührt. Das bringt der Gute nur nicht übers Herz. Er fragte sich, wie oft auch hier: Oh, wie würde denn der HEILAND handeln — ?!
Das ist das Lichtvermächtnis, was des Vaters Wanderkinder zur Materie tragen, ihr Eigentum, das während ihres Weges seltener die Offenbarung hat. Worte brauchen es auch nicht zu sein; die beste Lehre ist die Tat! Die hat das Privilegium vom Vermächtnis und ist das verborgene Vorauserbgut, vom Schöpfer-Vater Seinem ganzen Volk ‚vermacht‘! Seine Besten fragen nicht danach, die wissen es auch unbewußt: es ist da, insgeheim bei manchen im Erfühlen. In diesem Lichte steht der Pfarrer, Beate und die Treuen, die Unbekannten auf der von armen Menschen arm gemachten Welt.
Bißchen knurrend, Sinkmann lächelt vor sich hin, bückt sich Hias nach der Trage. Der Folterer vergeht fast vor Angst und kommt ihm noch nicht der Gedanke: die Gepeinigten schwebten in dem Schreck, sie sahen ja die Folterzangen und Geräte, man zeigte es vorher, was man mit ihnen tat. Und nun — ? Ausgerechnet diesem muß ich in die Hand geraten; was wird er tun? Vom gütigen Gesicht ist nichts zu sehen. Da ist es doch dem Widerlichen, als ob die Augen ernst und freundlich auf ihn niederblickten.
Als er auf dem Strohsack liegt, zugedeckt, und ein Becher Wasser ihm die Durstqual nimmt, birgt er sein Gesicht in beide Fäuste. Eine allerdings ganz winzig kleine Einkehr lenken die Gedanken. Ach, sollte es doch anders sein, als ihm und all den Untergebenen eingetrichtert worden war: Hexen, Falschgläubige (Evangelische pp) von Satanas Verführten, können bloß durch körperliche Schmerzen die Erlösung finden, obendrein nur dann, wenn sie vor dem grauenvollstem Tode widerrufen und sich vor ihm, dem Großinquisitor, beugten, was aber nie die Folter aufgehoben hat.
Das wird wohl entschuldigt, weil Dienende keine Schule sahen und nicht selber denken lernten. Doch muß ein jeder selbst vor seinem Richter einbekennen, ob man auf Befehl gehandelt hat oder aus der eigenen Bosheit Arme leiden ließ. Wenige haben, ohne Aufsicht, einem oder anderem arg gequälten Weib, Kind und Mann wenigstens zu einem schnellen Tod verholfen. Dieser, der hier nun auf dem Lager liegt, gehörte nicht zu ihnen; er war einer von den Härtesten, ein echter Spiegel seines erzharten Herrn.
Neben ihm liegt ein Jüngling, der leise spricht: „Wir werden bald die Welt verlassen; ich habe keine Angst. Mein Heiland holt mich ab, ich komme in den Himmel. Darauf freu‘ ich mich! Du auch?“ Welch eine Frage an den Gotteslosen! Hirngespinste oder — ein Bild steht vor diesem: Was man den Opfern vorgeleiert hat, ihr kommt in die Hölle, so blendet‘s ihn, ein tiefer Feuerschlund. Stöhnend wälzt er sich zur Seite. Da ist — was — ? Eine Hand, die legt sich ihm auf seine pestgezeichnete Stirn.
„Du warst, du bist — und bleibst es noch — ein Knecht aus deiner eigenen Hölle! Es gibt keine andere, denn der schauerliche Abgrund einer Seele, die aus ihrem Absturz kam, um all die eigene Bosheit auszuleben. Oder meinst du, daß der Schöpfer, der die Güte ewig ist, dich ausersehen hätte, deine schändlichbösen Taten auszuüben? Hast du nicht dir selbst gesagt: Ich darf vernichten, wer nicht an unsere Kirche glaubt? Hast du geglaubt? Was ist die Kirche? Du weiß es nicht und mag ein wenig dich entlasten.
O ja, es ist gut, daß es auf Erden Kirchen gibt, gut und treu und sei ein jeder, der ihr dient, gesegnet, auch wenn‘s an mancherlei Erkenntnis fehlt. Wer wie du die Kirche unrein macht durch böses Tun und falsche Lehre, wie es dein weltlich großer ach so kleiner, so armer Herr getan, der auch auf seinem Totenbette liegt, der muß alle seine Schuld bezahlen. Nichts wird nachgelassen!
Du hattest Angst, ob der treue Diener Gottes dir vergelten würde das, was du ihm angetan. Dein versteintes Herz hüpfte einst vor Freude, als der Getreue stöhnend in die Ohnmacht sank. Dabei hast du selber dich verflucht, weil er dir entweichen konnte und weißt bis heute nicht, wie das möglich war. Verstehen kannst du‘s nicht; dennoch sei es dir gesagt: Wie ein Engel einst dem Petrus aus dem Gefängnis half (Ap.G. 12, 7), so hat auch ein Engel durch einen guten Menschen Gottes Knecht, den Sohn, befreit (S. 93, 2).
Daß du das nicht glaubst, ist an sich keine Schuld; weil du aber eine ‚Stimme‘ hörst, mit Gewalt dich von ihr wendest, das bleibt dir angehängt und mußt es nach dem Tode bitterlich beweinen. Gehe in dich, laß dein Tun an dir vorüberziehn, wie du den Abgrund deiner finsteren Seele sehen mußtest — ein Gnadenakt des Ewig-Heiligen! Denn wenn nicht anders möglich, werden die Verdorbensten, die sich von GOTT einst lösten, auch durch Angst und Herzensnöte angerührt. Wenn du vor dem Sterben einmal beten kannst, weil du als Verführter ein Verführer warst, so wird es dir im Jenseits etwas leichter als dem großen Kleinen, dem du dientest.“
Danach legt die ‚kleine Hand‘ sich auf des Jünglings Haupt. „Dir sei gesagt: Deine Stunde ist gekommen, ein Lichtstrahl führt dich von der Erde fort, stufenweis hinauf auf deiner Himmelsleiter. Bist du oben angelangt, alsdann bist du ewiglich zu Hause bei dem Vater voller Liebe, an den du glaubst, dem du dich treulich hingegeben hast. Sei getrost, ohne Schmerzen wirst du dich gerade legen. So bewahre dir: GOTT segnet dich!“
Diese Worte haben mehrere vernommen. Brennend wünschte man, ihm möge es mit gelten. Da zieht in ihnen auch der Friede Gottes ein. Bloß der Folterknecht hat keinen Teil daran. Gewiß hat er begierig zugehört; doch bis er sich nach diesem Frieden und dem Lichte sehnt, bis Reue ihm sein Herz durchpflügt, das dauert lang, weit länger noch dereinst beim Inquisitor.
Sträuber und der Pfarrer sind dem Mädchen nachgegangen. Sie haben mitgehört und wundern sich. Immer war es so: wenn ein ‚Lichtwort‘ kam, ging bei Beate eine Änderung einher. Da wußte man: nicht sie, der Himmel spricht. Jetzt kommt es öfter vor, wie ohne Zeichen ‚es‘ geschieht, als ob das Mädchen aus sich selber spricht, aus selbst erworbener Erkenntnis, aus tief-klarer Lichtverbundenheit. Könnte das bedeuten, daß . . . Oh, die Männer wagen sich‘s nicht auszudenken und spürte Sinkmann auch schon oft ein ‚Wehen‘, als ob bei ihm das Hohe wirkt, und merkt niemand, daß nicht er, der Pfarrer, spricht. Ein Merkmal aus der Ewigkeit — — ? Das Kind, unser Kind, soll uns lang erhalten bleiben.
Was weiß der Mensch trotz besserer Erkenntnis von der Zeit, die der Schöpfer setzt?, aus einer Weisheit, die in kein Herz gekommen ist? (Röm. 11, 33). Was weiß er von dem Raum der Ewigkeit, die der Höchste schuf im jahrmillionen Glanze Seiner Herrlichkeit — ?!
Was weiß er letztlich von der heilsdurchpulsten Führung, die ja jedem Kinde gilt?, dessen Lebensanfang aus dem UR-Born heilig-hoher Mitternacht herausgehoben worden war? So viel wie nichts! Allein, etwas kann aus einem Geiste über jede Seele kommen, die sich willig ihrem MEISTER anvertraut.
Davon gibt es in den Elendsräumen einige, und wundersam getan, daß neben Besseren ein Arger liegt, die nur nichts davon verspüren, sich verhärten, Gott verklagen, weil es ‚sie‘ betroffen hat. Der Spanier gehört an erster Stelle mit zu ihnen. Er flucht laut und leise, wünscht die Helfer in den tiefsten Schrund, ahnungslos, daß er in seinen eigenen Abgrund stürzt.
An diesem Tage haben ein paar Gute ihren letzten Atemzug getan. Führung — ? Es gibt zwei Gruben, um die Toten einzubetten. In jener, in der noch niemand liegt, senkt man die Guten ein. Für jeden beten Sinkmann, aber alle auch gemeinsam noch das ‚Unser-Vater‘. Beate tut es still für sich; sie merkt, wenn jemand gehen darf, heim ins Vaterhaus. Für die noch Unerlösten ist‘s die sonderliche Bitte: „Vater hilf, und vergib dem armen Menschenkind.“
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