Der Tod
Das unaussprechlich Grausige ist geschehen. Würden Sereboa und Nikodemus wissen, dazu alle jene mit, die vom Herrn das Tiefere erfahren hatten, um was es GOTT für alle Kinder geht, dann — Sereboa wäre gleich im Tempel eingedrungen und hätte Kaiphas und seinen Hörigen gesagt, daß sie ihrem Asmodi verfallen seien und daß sie — welch ein Hohn — den Messias für sich selber ausgeschaltet hätten. Für welche Zeit —? So haben sie und all die Guten, Einsichtsvollen, Juden, Römer und auch andere erkannt, daß der HERR das Menschliche geopfert hat, um für alle Kinder Seinen Geist und Seine Gnade zu bewahren, das Recht und die Barmherzigkeit.
Es kostet Sereboa eine große Überwindung, aus dem letzten wunderbaren Gnadenwort (Kap. 15) zu bedenken, einzuschließen ins Gebet: „Herr, erbarme Dich der Armseligen und Verlorenen, den Verrätern“, denn für ihn ist Kaiphas der größere Verräter als es Judas ist. Jener mußte es aus ihren Rollen, aus den herrlich-alten Prophezeiungen, erkennen, wer der „große Nazarener“ war; und all die Lehren eines gnadenvollen Heils, von den vielen Wundern noch ganz abgesehen, das mußte einem Obersten der Schrift die Augen öffnen.
Aber nein, man hat Aug‘ und Ohr verschlossen, weil der Heiland ihre Decke weggezogen hatte, den Abgrund aufgezeigt, alles Böse und den Arg, und hat weit eher den „neun Aussätzigen“ es nachgesehen, die nicht mit Dank zum Herrn zurückgekommen waren (Luk. 17, 17); denn diese, auch wenn sie hätten können, der Gnade wegen, die ihnen widerfahren war, so waren sie doch ungeschult, während alle Tempel hohen, Kaiphas voran, genug Verstand besaßen, um Lug und Wahrheit zu erkennen, um den Heiland anzunehmen.
Nikodemus geht zum Tempel, nachdem er sah, wie der Herr am Kreuze hing, Sein letztes Wort ganz tief in seiner Seele eingebrannt:
„Es ist vollbracht!“
und hat es jetzt geahnt, was im höchsten Lichtsinn, in der unermeßlichen hohen Herrlichkeit des Höchsten damit ausgesprochen ward! Was diesem geistig folgen würde (s. ‚3. Markstein’), das freilich konnte nun noch keine Menschenseele wissen. Daß es aber unsagbares Hohes war, das ist den Treuen, die sich IHM verschrieben hatten, ganz bewußt geworden.
Man hat ihn ausgefragt, wie er nun über Jesu dächte und verhöhnt: er wäre einem falschen Heiland nachgefolgt; denn sonst — pah, alles ist zu leugnen. Das verstehn sie gut, die es nunmehr spüren — uneingestanden, welche Last von Golgatha sie überkommt. Nikodemus, wachsam, aber ohne Angst, sagt tief bewegt:
„Was des Tempels Hohe sich geleistet haben“, scharf sieht er Kaiphas und Hannas an, „das wird der Tempel einst bezahlen müssen, wenn er in Rauch und Flammen untergeht, dazu die ganze Stadt, das ganze Volk. Weh über euch!, hat der Meister prophezeit, und SEIN WORT wird sich erfüllen!“ Er geht aus dem Säulenraum, wo man im Triumph den Tod des Nazareners laut besprach. Noch vermag ein Kaiphas, und andere, das pochende Gewissen totzuschweigen, nein — nicht tot, bloß zur Seite schiebt man es und merkt genau: es bleibt wach, es tritt mit Gewalt auf seinen Plan, und dann — dann ist es nie mehr möglich, GOTTES Abrechnungen auszuweichen.
Ähnlich und doch anders ergeht es den Zeloten. Sie haben bis zum letzten Augenblick gehofft: das größte aller Wunder wird geschehen! Denn daß der Meister in der Tat so Ungeheures an Wundern und an Lehre tat, ist sogar den Einfachsten unter ihnen aufgegangen. Darum haben sie gedacht: Jetzt kommt die Befreiung! Ja ja: „Wenn Er vor Pilatus steht, dann wird Er Sein Königtum in aller Herrlichkeit beweisen“, geht die Rede hin und her.
Hat er nicht dem Römer zugesagt: „Ich bin ein König“ (Joh. 18, 37; s. König Ariel im: ‚Und es ward hell’), wenn Er dabei von der Wahrheit sprach — nun gut, Wahrheit brauchen wir, über unsere Feinde und auch über unseren nunmehr falschen Tempel. Bloß das andere wurde nicht verstanden und falsch ausgelegt, weil man es sich weltlich wünscht, als Er auf Befragen sprach:
„Mein Reich ist nicht von dieser Welt!“ (Joh. 18, 36)
Maradju und Churus, die Zelotenobersten, bleiben in den Tagen bei einander. Churus sagt, als Golgatha in einer bittervollen Nacht versinkt — für die Übeltäter: „Wir müssen Judas finden; er hat uns auch verraten, uns irr geführt, daß wir an den — den Kreuzesträger glaubten. Ja, noch als Er vor Pilatus stand, war ich überzeugt: ER ist unser Helfer! Nun sehen wir: alles ist ein Wind gewesen! Haha, Meister, König, Gott und was alles noch? Tot ist Er und vergeht, wie jeder Mensch nach seinem Tod vergeht!“
„Hast recht, Churus, und den Judas finden wir. Mag er ‚seinem Meister‘ folgen. Aber etwas muß an Ihm gewesen sein, mir drückt‘s die Seele ab; denn diesen Tod am Kreuz — nein, das hätte ich Ihm nie gewünscht!“ „Gewiß, ich gleichfalls nicht, es läßt sich aber nicht mehr ändern.“ Sie gehen aus der Stadt hinaus, zum ‚Tal des Todes‘, wie der Volksmund jene Stätte nennt, wo Aussätzige und Verbrecher hausen.
Da sehen sie einen Mann, gebückt, einen dunklen Mantel über sich geworfen. Scheu sieht er sich nach allen Seiten um. Schon kürzlich ist er Häschern nur mit knapper Müh und Not entgangen, waren welche von dem Tempel. Kaiphas hat sie auf die Spur gesetzt. Daß er, der Oberste des Tempels, dreißig Silberlinge dem Verräter gab und war ein falsches Zeugnis, hat ihn sehr gewurmt. Judas darf das niemandem gestehen, dann wäre er, Kaiphas, gebrandmarkt vor dem ganzen Volk.
Judas weiß: fiele er den Häschern in die Hand, er würde in das Tribunat gebracht. Ging‘s gut, würde er Galeerensklave, Zeit seines Lebens. Das will er nicht; er will — Was? Von den Zeloten wird er auch verfolgt. Denen unterkommen — o mein Gott! Was Judas? Du berufst dich jetzt auf Gott?, den du verraten hast — —
Dreifach ist er ein Gejagter. Sein Gewissen steht an erster Stelle. Alles zieht an ihm vorbei, wie der Heiland ihn ermahnte, und immer Seine Hände segnend über ihn gehalten, mit lieben Worten jeden Streit geschlichtet hat, den er mit Thomas oder anderen Jüngern provozierte. Und war doch immer überzeugt: der Heiland hilft!
Da — er sieht im Schatten einiger Bäume zwei Gestalten, trotz der Nacht noch zu erkennen: Churus und Maradju. Dem Ersteren mag er nicht begegnen; grausam würde er ihn richten; grausam wäre Rom und — grausam ist auch sein Gewissen. Das läßt ihn nicht zur Ruhe kommen. Sein schlimmster Jäger. Kann er jemals bitten: „Herr, vergib?“ Nie wird er das können. Verworfen bis in Ewigkeit, so kommt er sich jetzt vor und weiß noch nicht — zum letzten Heile seiner Seele:
„Das Kreuz von Golgatha macht ihn frei !“
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