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Kapitel 15

Kapitel 15

An jenem Abend und in der Nacht, in der der Herr das ‚heilige Gebet‘ gesprochen hat, für Sadhana, für Sein Kindervolk im ‚wilden Garten‘, später erst Gethsemane genannt, das Kelchgebet, war Nikodemus zu Sereboa hingeeilt. Er wird sofort vorgelassen. Sein ganz verstörtes und trauriges Gesicht bringt Schrecken mit und Sereboa fragt auch gleich, ängstlich werdend:

„Was ist geschehen, Nikodemus? Ich bin zwar heute in der Stadt gewesen, doch das Gewühl der vielen Menschen und derart viele Fremde mit dabei, da bin ich schleunigst wieder heimgekehrt. Nur gut, mein Sohn kam heute heim und war auch verstört. Er berichtete, es wäre gegen unsern Herrn ein Komplott geschmiedet worden. Was wirklich, hat er nicht erkundet. Bloß, daß viele Leute von dem Einzug in Jerusalem sich lustig machten und den Herrn verspotteten. Es wären auch noch andere da gewesen, die Gutes von Ihm sagten. Man hätte diese aber auch verschimpft, und ihrer viele wären dann gegangen. Sicher hatten diese es aus Angst getan. Und du?“

Nikodemus braucht eine gute Weile, um überhaupt erst mal ein Wort zu finden, zu berichten, was sich im Tempel zugetragen hatte. Als er die Szene nun von Judas wiedergibt, wie der um dreißig Silberlinge seinen Herrn verraten hätte und wie man im Tempel IHN, den Hohen, Heiligen, den er — Nikodemus — auch als GOTT erkannte, verhöhnte und unmißverständlich Seinen Tod bereitete, da war er aus dem Hohen Rat gegangen. Nicht oder weniger aus Angst, daß man ihn mit in jene Zange nahm, aus der man nicht entfliehen konnte — nein, ihm war einfach übel. Denn jene, die Gottes gute Wort und Lehre bringen sollten, die Liebe, das Verstehen mit der armen Menschheit, mit Nachsicht und Geduld — ja — was haben sie an diesem Tag gebracht — ?

Wie recht sprach damals doch der Heiland von den Unzulänglichen als ‚übertünchte Gräber‘ (Matt. 23, 27), mit Recht nannte Er jene, denen es zu gelten hatte, ‚Ihr Heuchler‘ (Matt. 15, 7; Jes. 29, 13). Nikodemus zittert förmlich. Man könnte es verstehen, daß diese Abrechnungen den Tempelhohen in die Nasen stieg, wenn — wenn sie selber sich beschauen würden. Wie hochmütig sind ein Hannas und ein Kaiphas; eigentlich hätte Judas gar nicht sagen brauchen, wohin der Heiland gehen würde. Der Tempelspitzel gibt‘s genug.

Nur kam es einem Kaiphas gerade recht; so kann er später sagen: Sein Anhänger, mit Namen Judas, hat Ihn uns zur Hand gespielt. Oh, ob das einmal gelten mag, vor Gott dem Höchsten, wenn die Mörder und das werden Kaiphas und Hannas sein — ihre Abrechnung erfahren? Nicht auf dieser Welt. Wolle Gott, der Höchste, ihnen gnädig sein, wie — wie auch mir einmal.

Denn früher, unentschuldbar, wenn ich auch damals jung gewesen bin — ja, da war ich wohl auf einem falschen Weg. Trotzdem, welche Gnade! Jener Simeon im Tempel, der Gottes Cherub war (s. ‚Fern von der Erde her’), der hat mich erst gewendet und zur geistigen Vernunft gebracht. Ohne diese Gnadenführung — ?‚ wer weiß, ob ich heut‘ nicht auch ein Blödling wäre.“

„Die Geschichte hast du mir einmal berichtet“, beruhigt Sereboa seinen Gast, „und ich kann dir sagen: auch ich war lange Zeit auf einem falschen Pfad. Erst, als ich den Meister kennenlernte, nicht einmal ganz nah, da wurde es in meiner Seele hell.“ „So erging es mir doch auch“, fällt Meremoth verhalten ein. Er ist außerordentlich bedrückt und bekennt es auch:

„Unmöglich, wer will das auf sich nehmen? Man kann doch GOTT nie töten? Und das ist der Herr aus Nazareth! Viel Volks steht hinter Ihm; denn zuviel Gutes hat Er ausgeteilt, Tag um Tag, Jahr um Jahr und — und ewig, meine ich. Wenn Er aus Seinem heiligen Bedenken auf die Erde kam, hat Sich unsertwillen ganz verhüllt und brach doch Sein Licht, Seine Liebe stets hervor, so kann kein Templer Ihn ergreifen.“ Sie wissen es noch nicht, daß inzwischen eine Rotte Ihn gefangen nahm. „Er braucht doch bloß —“ „Ja, was? Die drei Männer spüren es, wenn das Mysterium auch noch nicht offenbar geworden ist und Unendliches dahinter steht, unbegreiflich für die Menschen und — für sie getan!

„Der Tag ist noch nicht angebrochen, laßt uns in den Tempel gehn. Vielleicht erfahren wir, was vorgefallen ist“, rät Sereboa an. „Wer weiß? Ich mag nicht hin“, seufzt Nikodemus laut, „nicht meinetwegen, des seid gewiß; mir ist nur bang ums Herz, daß unsere Hohen teuflisch handelten. Und da —“ „Gehen wir getrennt, du für dich, Nikodemus, mein Sohn und ich zusammen. Etwa können wir uns treffen; es müßte eben unauffällig sein. Die Stadt ist überfüllt; von weither kamen unsere Leute und viel fremdes Volk. Da fällt es gar nicht auf, wenn man sich begegnet.“

Noch sitzen sie ein Weilchen beieinander. Da ist es plötzlich wie ein Wehen, sanft und stark. Deutlich hören sie ein Wort, als stünde EINER mitten unter ihnen.

»Ihr Kinder auf der Erde, aber nicht von dieser Welt, könnt nicht wissen, was Mein heiliges Geschehen mit sich bringt. Aus Zeiten, die ihr nicht zu wissen braucht, auch nie erforschen könnt, sah ICH vor, Meinem Kindervolk die Gasse zu bereiten, die auf MEINE Straße münden kann und soll. Von Mir aus ‚soll‘, von euch aus ist‘s das freigebrachte ‚kann‘, wer sich Mir in Liebe darzugeben weiß.

Das habt ihr getan und im heiligen Geschehen wohl noch etliche, die sich beim Namen rufen ließen. Die anderen, die für euch noch Ungezählten, Störrischen und die sich selbst Verlorenen, diese sind allein auf Meinem Opferweg zu lösen von ihrer Dunkelheit, die jenes erste Schöpfungskind — ihr nennt es Luzifer und Satan — durch seinen Fall hervorgerufen hat. Für eben dieses Kind wie eingehegt auch alle Kinder, die guten und die argen, die fernen und die nahen, habe Ich aus diesem Absturz die Materie geschaffen, eben auch‘ die Welt, den Kernblock aller Finsternis, um gerade durch die Finsternis Mein Licht und Meine Herrlichkeit zu offenbaren, herzuschenken.

Ihr habt dies zum Teil erkannt und angenommen, indem ihr Mich als Heiland und Erlöser anerkanntet und zur Liebe euch erhoben habt. ICH bin gekommen, um durch die letzte Pforte einen breiten Gang zu schaffen, auf dem alle armen Hingestürzten einmal ihre wenn auch dunkle Gasse anzutreten, um nach der Auflösung des materiellen Weltenalls auch für diese Meine Herrlichkeit, Mein Reich, sich öffnet.

Das geschieht durch eine Opferung, wie sie nie im ganzen Universum je gesehen worden ist und bis in MEINE Ewigkeit auch niemals noch geschehen wird! ICH bin der Opferer und ICH bin Selbst das Opfer, frei erbracht aus Meiner Willens-Herrlichkeit, jenem Grundstrahl Meines Wesens, aus dem Ich alle Meine Werke schuf und werden ließ.

Noch könnt ihr nicht den tiefen Sinn erfassen und ist kein Fehl, weshalb ihr euch nicht ängsten braucht. Wenn das für euch Schreckliche geschieht, morgen schon, ihr werdet es nicht fassen können, so seid nur um der Liebe willen tief betrübt; doch im GLAUBEN, ICH bin euer Heiland und Erlöser von alters her (Jes. 63, 1), das soll euer Herz noch ganz zu Mir erheben und euch freudig machen, im unwandelbaren Sinn: freigekauft von aller Schuld und Sünde, in die so leicht die Menschen fallen, im ‚Mitfang‘ aus der Finsternis.

Seid ihr bewußt, daß Ich euch freigekauft und zu Mir erhoben habe, dient ihr Mir und eueren Nächsten, vergeßt die Hingefallenen nicht, nicht den Verräter, wie ihr ihn nennen werdet (Judas), alsdann seid auch ihr vom Lichte her die Helfer, die Mitopferträger, die ihren Beihilfsweg schon aus dem Licht her angetreten haben, in dem ihr das Gelübde gabt (Ps. 50, 14) und seid gegangen, um es einzulösen.

Darin liegt der Weg in die Materie. Kein anderer als Ich allein weiß um die heilige Bedeutung! Seid ihr einmal wieder heimgekehrt in eures Vaters Reich, das MEIN Reich ist, dann bringt euch euere Lichterkenntnis alle Seligkeit!

Wenn ihr Mich morgen sterben seht, dann wisset: es ist der geliehene Leib, die Hülle, die Ich MIR gegeben habe, damit kein glaubensloser Mensch, kein armes Wesen von dem Lichtglanz Meiner Göttlichkeit zu Boden sinkt und wie vergeht. In den drei Jahren Meiner Tätigkeit auf dieser Welt wären auch die Besten wie erdrückt, wäre Ich als GOTT gekommen. Ja, nicht einmal hätte jetzt ein Mensch Mich so ertragen, wie Ich Abraham, Mose und anderes erschienen bin; denn die Weltlinge sind abgesunken, und die noch Glauben haben, denen ist durch falsche Lehrer viel vom Heilsgut weggenommen worden, und verfinstert dargestellt. Seht das Beispiel an für alle:

Durch Meinen Ordnungsträger Mose (Cherub Uraniel) habe Ich nebst Meinen Zehn Geboten auf dem Berge Horeb auch die zwei Grundgesetze wissen lassen:

‚Du sollst Gott, den Herrn, liebhaben von ganzem Herzen,

von ganzer Seele, von allem Vermögen; und

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst;

denn ICH bin der HERR!‘

Diese beiden Grundgebote gab Ich wieder, weil man sie verloren und mißachtet hat. (Matt. 22, 37-40; 3. Mo. 19, 18; 5. Mo. 6, 5).

So ging der Menschheit — allgemein — Mein Grundwort auch verloren und sind es bisher wenige, die sich einen Strahl erhalten hatten. Der ist durch Meine Güte und Erbarmung stark genug, um auf dem Pfad des Lichts zu bleiben, Mein Wort sich zu bewahren, die reine Wahrheit Meines Geistes zu erhalten. Zu diesen Wenigen gehört auch ihr.

In eben diesem Meinen Geist und durch MEIN Opfer sammele Ich die Treuen ein, und mit Meinem KREUZ, dem Zeichen Meiner Liebe, allesamt die anderen, die Mein Grund-Notopfer brauchen. Ohne dieses würden sie ja niemals frei und ledig ihres Falles werden!

Wenn ihr aus Erschütterung und aus Mitleid jene dann verklagen wollt, die zwar das äußere Geschehen mit ‚Dämonie‘ herbeigezogen haben, so bedenkt: sie haben sich die bittervollsten Lasten selber aufgeladen, und niemand macht sie frei denn allein MEIN KREUZ! In ihm, dem Hoheitszeichen Meiner Gottesliebe, liegt Mein Erbarmen, und daß Ich sie von ihrer Last befreien will. Einst, für jeden nach der Zeit der Sühne! Die bleibt niemandem erspart, er trage viel oder weniger an seiner Sündenlast.

Manches kann zwar noch auf dieser Welt beseitigt werden, wer zur Erkenntnis kommt und fleht: ‚Herr, vergib! Laß mich meine Schuld bezahlen und hilf Du mir durch Deine Güte, um rein zu werden vor Deinem hehren Angesicht!‘ Kommt solch ein Flehen aus dem tiefsten Seelengrund, verbunden mit dem festen Willen einer Wiedergutmachung, dann wird der Jenseitsgang erleichtert; denn

ICH bin die LIEBE !

Ihr beide, Sereboa und Meremoth, werdet noch viel wirken können in der Stille, nicht im Getriebe dieser Welt; doch seid gewiß: Wer anders denn als Ich allein sieht allzeit in den kleinsten Winkel? Wenn ihr denkt: Herr, so wenig!, dann hebe ICH die Ordnungswaage hoch und wird es sich wohl einstens zeigen, was für ein Heilsgewicht ihr Mir nach Hause bringt.

Du, Mein Nikodemus, hast erst eine kleine Angst; man hat dir nicht vergessen, daß du Mir nachgegangen bist und an Mich glaubst. Doch nicht du, eher kommen deine Häscher um, wenn sie Meiner Gnade widerstehen wollen. Nach deiner Sorge bricht das Licht der Führung über dich herein und dein Herz wird freudig in dem Dank an Mich und Meine Güte überfließen (s. ‚Der Gefangene’). Unter Meinen Händen gehst du auch dereinst nach Hause, wie Ich jedes Meiner Kinder an der Hand behalte, so und anders: in der Freiheit ihrer Liebe, in dem heilsgewohnten Zwang der ewigen Erlösung.

Nun seid getrost, fürchtet nicht den Tag (Charfreitag), der ein Mahnmal ist und bleibt in alle Ewigkeit und wird Schöpfungstage überstrahlen, die Meinem Kindervolk zu offenbaren sind. Wenn ihr das auch jetzt noch nicht versteht, spürt ihr doch den Segen, der euch mit Meinem Wort zuteil geworden ist.

ICH segne euch als Heiland und Erlöser, als Gott und Vater, als was Ich ewig war, bin und bleibe nach dem heilsgewohnten Maße

» Meiner herzlichen Barmherzigkeit! «

Nicht zu beschreiben ist die Stille, die den Gnadenworten folgt, nicht annähernd, was die drei Menschen überflutet. Es dauert lang, bis sie sich gegenseitig anzusehen wagen. Ihre Häupter waren tief geneigt, die Herzen aber hoch entflammt, trotz der Last, die sie des Meisters wegen tragen. Ach ja — die Last! Über diese wagen sie gar nicht zu sprechen; denn gerade ob der Gnadenworte ist es ihnen aufgegangen, was morgen über alle Menschen bricht — unvorstellbar jener unfaßbaren Herrlichkeit der „Löse“, der Erlösung, die allein ein GOTT zu geben weiß, und — das Schreckliche, was einem Menschen widerfährt.

Der Herr — ist Er denn ein Mensch?, oder — ist Er nicht ein für viele Seelen Unbekannter?, der nahe und der ferne Gott? (Jer. 23, 23). Immerhin — Er war unter ihnen wie ein Mensch, hat wie ihresgleichen so gelebt, als könne nie ein Gott sich sichtbar zeigen.

Und hat es doch getan!

Mit leiser Stimme, zaghaft und doch herzensfroh, reden sie darüber, ihr eigenes ausgeschaltet: die Verheißung, wie ihr Leben sich erfüllen wird. ER allein ist es, der die letzte Stunde dieser Nacht erfüllt. Das, o das reicht bis an ihres Lebens Gnadenende aus.

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