Elias Unerschrockenheit. Ahab als Thronmännlein. Das Kettenbrandmal für die Hure Babel
König Ahabs unkönigliches Wesen tritt sehr stark zu Tage, als der hochgewachsene Bote Gottes, durchglutet vom geistigen Licht, am Throne steht, auf den jener sich theatralisch niederließ. Ein leicht sarkastisches Lächeln umspielt den schönen, bartfreien Mund des Thisbiters.
„Wer bist du?“ fragt Ahab herrisch. „Ich ließ mich melden.“ Die kurze Antwort läßt viel Unerschrockenheit erkennen. Zwar ist Isebel gerade nicht zugegen, die Ahab mehr und mehr unentbehrlich geworden ist; doch er wappnet sich mit seiner Schlechtigkeit. „Dein Name gilt mir nichts, du Knecht! Merke dir: du bist mein Untertan!“ „Nicht daß ich wüßte, Ahab.“ „Hast du so wenig Erziehung genossen, daß dir abgeht, wie man zu einem König spricht?“ Ahabs Adern schwellen an den Schläfen an.
Eben tritt Obadja hastig ein. Als er die königlichen Zorneszeichen sieht, wird ihm bang; er kennt ja die Methoden, wie schnell ein Mensch hier zu verschwinden pflegt. Heimlich winkt er warnend, was Elia sieht, sich dessen aber nicht bedient. „Ahab“, sagt er schwer betont, „ich stehe weder als ein Untertan noch als ein Knecht vor dir. Ich bin eines hohen Fürsten Sproß, dem man lehrte, einem guten König würdig zu begegnen, einen aber, der nur seiner Herrschsucht frönt, wie einen Bettler einzuschätzen!“
„Das — das wagst du mir, dem König, in meiner Burg zu bieten?“ Ahab, blau im Gesicht, stürzt sich auf Elia. Obadja springt dazwischen. „Mein König, mäßige dich! Ich muß gestehen: Der Thisbiter entstammt einem höheren Hause als dein Vater, König Omri, den das Volk sich aus dem Haufen wählte.“ (1 Kön. 16,16.) Ahabs Augen treten fast aus ihren Höhlen. „Du sollst mich kennen lernen, Aasknecht! Wer hat dich zum Obersten und Feldmarschall gemacht? Stets war ich gnädig und ließ dich tun, was . . .“ „viele deiner Schandtaten beseitigten!“ Elia ist furchtlos vorgetreten. Gottes Kraft wirkt in ihm mächtig. in seinen Blicken liegt das Blitzen eines Schwertträgers.
„Der Herr will nicht, daß ich über vergängliche Dinge mit dir rechte.“ „Du bist mein Untertan“, geifert der König, „du hast mir zu gehorchen, wie üblich der Knecht dem Herrn. Nur ich selber habe keinen Herrn über mir!“ In das streitbare Lichtherz zieht Erbarmen ein. Ruhig entgegnet Elia:
„Ahab, du sprachst ein wahres Wort! Kein Herr steht über dir, denn Israels Gott gilt dir weniger als dein Götze Baal. Kein Heide bis ans fernste Ende dieser Erde ist so ohne jeden Gott wie du!“ Leichenfahl geworden krampft Ahab seine Finger in den schweren Stoff des Thrones. „Der Herr?“ ächzt er. Ängstlich schielt er nach dem Vorhang, ob Isebel käme, dann würde er des nagenden Gewissens, das ihm die Nächte schlaflos macht, wieder ledig.
Da bewegt sich der Vorhang, der zu ihren Gemächern führt. Ah, wie gut! Neue Kraft fühlt er, dem unsichtbaren Gott zu widerstehen. „Wo wohnt Er denn? Ist Er dein Herr, warum hast du Ihn nicht mitgebracht? Oder ist dein Gott so klein, daß du Ihn in deinem Herzen trägst?“ Gräßlicher Hohn hat Ahabs Angst schlagartig abgelöst.
Der Verhöhnte hebt nur die Hand. „Was geht es einen Baalknecht an, wie ich meinen Gott im Herzen trage und keinen andern HERRN als IHN allein erkenne? Du gibst ihm freilich keinen Raum, nicht in dir und nicht im Volk; so bleibt auch dir in Gottes eigenem Herzen keine Kammer frei. Einsam sitzest du in der Armut deines Thrones, der gar bald zerbrechen kann!“
„Hinaus!“ Diener stürzen vor. In diesem Augenblick tritt Isebel herein. „Halt!“ knallt ihre Stimme wie eine Peitsche. „Erst will ich mir den sonderbaren Heiligen betrachten!“ Wie ein Raubtier auf Elia zutretend, gebietet sie barsch: „Kniee nieder und bezeuge deine Unterwürfigkeit!“ Über des Propheten Gesicht huscht ein undeutbares Lächeln. Er merkt so deutlich, wie das Weib von seiner männlichen Schönheit gefesselt wird, daß weniger die Königin als mehr die Dirne ihn zu erniedrigen sucht.
„Da ich weder ein Sidonier noch ein Samarite bin, so ist deinem dirnenhaften Wunsch nicht nachzukommen. Aber dafür läßt der König Benhadad dir sagen, deine Mühe sei vergeblich, ihn zu fangen. Er sendet deine Liebeschrift zurück.“ Elia übergibt ein Papyrus einem Diener. Isebel verliert für einige Sekunden ihre Fassung. Welchen Schimpf tut ihr der Syrer an; welch bitterer Verrat vor Ahab durch Elia! Das sollen beide büßen! Ihre Wut ist grenzenlos. „Bemüh‘ dich nicht, Sidonierin. Bevor du Plane schmiedest, wird ein heiliger Plan über dir zur Wirklichkeit!“ Die Prophetie erweckt in Ahab neues Grauen. Wie ein Männlein kauert er auf seinem großen Thron. Isebel hingegen schürzt verächtlich ihre Lippen. „Und das wäre? Kann man diesen Plan vielleicht erfahren?“
„Du erfährst ihn, Baaldirne!“ Obwohl die Situation gefährlich ist, muß Obadja lachen. Ah, der Prophet gebraucht auch einen Kraftausdruck. Dieser spricht im Zornesfeuer weiter: „Wenn bis zur letzten Regenzeit“, gemeint ist der Ernteabschluß, „nicht alle Baalhäuser abgebrochen, ihre Altäre zerstört, die Baalhöhen wieder friedliche Weiden geworden sind, wird Gottes heiliger Plan euch an den Rand der Verzweiflung werfen mit samt dem Volk, das baalisch buhlt!“
Sogar Isebel unterliegt dem machtvollen Wort. Doch ihre Niedertracht zerstört den leisen Keim der Einsicht, während Ahab, die Palastdiener und auch Obadja schreckensbleich den Unheilkündiger betrachten. Die Königin wirft eine Kette, deren mehrere am Throne hängen, klirrend vor Elia hin zum Zeichen, daß er sofort gefesselt abzuführen sei. Allein, niemand scheint den bekannten Hinweis zu bemerken; man hat sich bis zur Wand zurückgezogen. Da nimmt sie eine zweite Kette, um die Schergenarbeit selbst zu tun.
Doch fast vor dem Propheten angelangt, läßt sie das Eisen plötzlich fallen. Ihre Handflächen schmerzen wie verbrannt. Brutal bezähmt sie sich. Keiner, am wenigsten ihr Feind, soll triumphieren, sie schwach zu sehen. Später merkt sie, daß die Kettenringe sich in ihre Hände eingegraben haben und das Brandmal nicht vergeht. Das Zeichen an der Hand (OJ.13,16.), wer der Hure Babel dient —??
„Heute habe ich nichts mehr zu sagen; aber in den Wochen“, Ella meint die Erntezeit, „siehst du mich wieder, Ahab!“ Grußlos, ohne Isebel eines Blickes zu würdigen, verläßt der Prophet die Burg, von der Dienerschaft in den Gängen und Höfen aus Angst ehrfurchtsvoll gegrüßt; denn die Ohren an den Wänden sorgten für verschwiegene Weitergabe dieser noch nie dagewesenen Audienz. —
Es bedarf mehrerer Becher starken Weines, ehe Ahab sich erholt. Dabei rechnet er mit seinem Hofmann ab, zu dessen höchstem Erstaunen Isebel für ihn Partei ergreift. Obadja ist sehr auf seiner Hut. Ihr gelingt, dem König eine Lüge aufzuschwatzen und Obadja habe ganz zu Recht gehandelt, weil der Magier im Ausland mächtige Freunde hätte. Ahab hätte dem Fremden anders begegnen müssen. „Aber du hast doch . . .“ wehrt Ahab sich, „. . . ihn fesseln wollen?“ Isebel lacht widerlich. „Weiß der König nicht, was im entscheidenden Augenblick zu tun ist, — und was nicht? Es galt, den gefährlichen Verbrecher unschädlich zu machen oder ihn vorläufig davon zu treiben. Ah, die Gefahr hat ja gezeigt, daß er fluchtartig von dannen stürzte.“ Sogar Obadja glaubt das vorübergehend; es sah wirklich danach aus.
Isebel läßt köstliche Nardesalbe bringen, um ihre bös schmerzenden Hände einzureiben. Mit verzerrtem Munde heuchelt sie: „Damit der Tiergestank vergeht!“ So verächtlich spricht sie von Elia. Ihre Angelegenheit mit Benhadad dreht sie, lässig redend, um. Es sei nur eine Falle gewesen; sie hätte Syrien an Samaria binden wollen, denn sie habe durch Ethbaal gehört, — sie sagt nie Vater —‚ Benhadad habe sich zweiunddreißig Könige hörig gemacht. Eine ernste Sache! Ahab wisse freilich nichts davon, wie gewöhnlich.
„Zu was habe ich denn einen Feldmarschall?“ stöhnt der Herrscher, der sich schon gefangen sieht und diese Kunde mit des Thisbiters Prophetie – in Verbindung bringt. Obadja verneigt sich ruhig: „Mein König, noch ist‘s nicht so ernst; darum habe ich geschwiegen, weil sonst mein König das Bündnis mit Benhadad unzeitgemäß zerreißen würde. Aber die Gefahr, von der der Gottesbote sprach . . .“ „Hör mir von ihm auf!“ brüllt Ahab aufs neue wutentbrannt. „Ich will weder die Baalhäuser, noch ihre Altäre oder die Höhen zerstören, und wenn ganz Samariens Vieh zu Grunde geht! Es soll in der Wüste weiden!“ O Ahab, bald wirst du in Angst gewahr, wie deine frevelhaften Worte in Erfüllung gehen — — —
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