Elia wandert durch Isaschar über Abel-Mehola. Ihn stört es nicht, daß das Königspaar in Jesreel residiert. Auf Samariens Höhen und in den Tälern brodelt Hitze, und nur notdürftig spielt sich das Leben nächtlich ab. Bei Tag sucht man in den Schächten Schlaf. Jesreel, die Hofstadt während der üblichen Trockenzeit, liegt günstig im Schatten zweier Täler. Isebel führt ein großes Haus, im ‚Palast aus Elfenbein‘, der von Einheimischen in härtester Fron erbaut worden war. Mehr als die Hälfte von ihnen war verschmachtet, so daß Ahab wegen Leutemangel letzthin nur noch nachts arbeiten ließ, was den Versklavten kaum Erleichterung bedeutete.
Der Abend streckt schon seinen starken Finger aus, als Elia von einer Anhöhe Abel-Mehola liegen sieht, ein liebliches Dörfchen, das größtenteils dem Feld- und Weidebauern Saphat angehört. Fast alle Dörfler dienen ihm. Er ist weit und breit hoch geachtet, desgleichen auch sein Weib und beider frommer Sohn Elisa. Jetzt freilich liegt der Flecken wie alle Landorte verödet da.
Als Elia zwischen den zu grauem Staub gewordenen Feldern zur Ebene strebt, sieht er auf einer nur noch einige Disteln tragenden Weide zusammengetrieben zwölf Joch Ochsen, die von einer mühsamen Pflege zeugen. Sidonische Söldner sind dabei, die Tiere abzuführen. Zwei Männer, am breiten Hoftor auch eine Frau, versuchen vergeblich, die von Hunderten von Tieren übrig gebliebenen Ochsen vor dem gemeinen Diebstahl für sich zu retten.
Elia eilt spornstreichs näher. „Halt!“ Wie ein Donner fährt Gottes Stimme aus ihm auf die frechen Treiber nieder, die Saphats Klagen nur belustigen. Ahabs Befehl und roher Lust gehorchend kümmert sie auch nicht der Mann, der im weißen syrischen Mantel förmlich näher fliegt. Beim zweiten ‚Halt‘ stutzen sie. Doch als Neulinge, erst aus Sidon nach Jesreel beordert, kennen sie die verworrenen Geschichten nicht, die über den ‚Prophet des Herrn‘ im Umlauf sind.
„Spannt die Tiere aus oder Gottes Zorn trifft euch!“ Die Sidonier lachen. „Baal ist ein guter Kerl, er tut uns nichts; wir streicheln ihn wie einen seiner Ochsen.“ „Die Tiere weg“, ruft Elia, „sonst kommt mein Gott über euch!“ „Der hat uns nichts zu sagen“, spottet der Rottenführer. Saphat und Elisa treten furchtsam näher. Wer ist der Mann, der des Volkes Schmach nicht kennt? Oder sollte es gar . . . Sie wagen nicht zu glauben, daß es Elia sei.
„Die Sonne wird bald untergehen. Habt ihr Räuber, vom diebischen König Ahab und seiner Dirne beauftragt, nicht das Vieh bis dahin los, dann soll einer von euch sterben. Ihm folgt jeder, der sich widersetzt!“ „Hört, hört das Großmaul! Er hat Baal gelästert, den König und die Königin! Auf ihn!“
„Erst wollen wir das Schauspiel sehen, daß er angekündigt hat“, höhnt der Rottenmann; „und ich — ich will der Tote sein. Aber wehe dir! Machst du mich nicht völlig tot, spieße ich dich wegen deiner Prahlerei auf den ersten Ochsen auf und sollst so zur Hauptstadt reiten! Legst du aber wirklich Hand an mich, dann sollst du lebendig schmoren!“ Er streckt seine Lanze vor und schwingt die geflochtene Lederpeitsche, an der Steinchen hängen.
Saphat, um den Unbekannten besorgt, mengt sich ein. ‚.Wer du auch seiest, Fremdling, es ist nicht gut, Partei zu nehmen. Israel ist tot; Sidon hat die Macht.“ „Schweig, du Strohfresser!“ brüllt der Hauptmann. Elia reckt seine Hand. „Die Sonne steigt in ihre Wiege. Die Tiere zurück oder . . .“ „Auf, nach Jesreel, wir haben uns ohnehin verspätet! Der Häuptling knallt mit der Peitsche um die kläglich brüllenden Ochsen anzutreiben. Auf einmal wankt er, fällt um und ist tot. Erschrocken weichen alle anderen zurück, während Saphat sein Haupt verhüllt. O Gott — die Rettung ist gekommen.
Doch es wären keine bösen Buben, ließen sie sich schrecken. „Er hat einen Sidonier gemordet; auf ihn!“ „Halt, Achtung, er ist ein Fremder“, ruft einer warnend aus. „Wer er auch sei: König Ahab und Baal sollen über ihn entscheiden!“ Der also Redende dringt auf Elia ein. Alsbald ist er tot. Da stürmen vier Kerle vor, und — Staub im Staube liegen sie. Die andern, von Grauen übermannt, stürzen heulend fort bis nach Jesreel, ohne sich nur einmal umzusehen. Außer Atem geben sie Ahab Bericht.
„Ihr seid meinem Feind begegnet“, sagt der König schaudernd. „Wie kann ein Mensch nur durch ein Wort . . .“ Den Sidoniern vergeht die Sprache. „Er ist ein Unhold und hat böse Kräfte, denen kein Mensch gewachsen ist“, lügt sich Ahab heraus. „Der Thisbiter wird bald verschwinden, dann sollen andere über Saphat kommen; und der soll den Verlust bezahlen, den der Magier mir bereitet hat! Nun fehlt uns Fleisch zum Ascherafest.“ „Wir treiben anderes auf, Herr.“ In der Nacht stehlen sie mehrere Tiere. Doch kein Sidonier ist später zu bewegen, Abel-Mehola zu überfallen. —
Die Dörfler, herbeigeeilt, danken Gott und Elia. Saphat, sein Weib Pelega, eine kluge, resolute Jüdin, sowie Elisa haben im Dorf den Baaldienst untersagt. Zu aller Leidwesen bleibt Elia nur eine Nacht bei ihnen; doch er verspricht ein Wiederkommen. Noch ist der Morgen fern, als er seine Straße zieht. Elisa gibt ihm das Geleit. Beim Scheiden bittet er, der Prophet möge ihn doch segnen.
„Du bist reich gesegnet“, sagt Gottes großer Sendling. „Wandle auf dem Weg, der meine Straße ist.“ Als Elisa sagt, er wolle immer gottesfürchtig bleiben, merkt Elia, daß des Jüngers Zeit noch nicht gekommen ist. Offen geht er durch das Land und niemand greift nach ihm. In Endor und in Rama gibt er sich nicht zu erkennen, weil die Schergen fallen, wo er ein Unrecht sühnt. Sind sie aber schuldiger als ihre schlechten Herren? immer mehr umgeht er Stadt und Dorf, um keinen Anstoß zu erregen.
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