Isebel steht auf ihrem Söller im Elfenbeinhaus zu Jesreel. Ein Melder brachte Kunde, der König wäre nah. Trotz starker Schmerzen raffte sie sich auf, denn die Unruhe brennt in ihr wie ihre Hände. Entsetzen fährt in sie, als ein Mann förmlich daherfliegt, am Haus vorbei und — wie sie wähnt — ihr höhnisch einen Blick zuwirft. Zwischen Massen würde sie die fürstliche Gestalt erkennen, mit ihrem weißen Syrermantel und dem blauen Kleid. Wie kann ein Mensch über fünfzig Jahre alt wie eine Antilope laufen? Doch schon rasselt Ahabs Zug daher. Sie wird nicht klug aus dem, was sich begibt.
Ahab, durch Obadjas Reden gestärkt, berichtet ihr. Zwar erhält vieles eine absonderliche Färbung, und er wird zum Helden wie Elia. Isebel erstarrt immer mehr, je besser sich das Bild durch Obadjas Berichtigungen rundet. Endlich hält sie es, hochfahrend, nicht mehr aus. „Das hast du zugelassen, Ahab? O wie niederträchtig! Ich sage dir: Wäre ich dabei gewesen, unser Altar wäre verbrannt, ehe sich dein Schweinevolk nur sammeln konnte! Hältst du mich für dumm, das Märchen mit dem Blitz zu glauben?!“
„Königin“, unterbricht Obadja, „Tausende sind Zeugen. Die fremden Würdenträger bestätigten es für die Chronik.“ „In die Chronik kommt, was ich will!“ schreit Isebel erbost. „Her mit der Rolle!“ „Tut mir leid.“ Obadja ist die Gelassenheit selbst. „Die Ausländer haben für ihre Geschichtsschreiber eine Abschrift mitgenommen; die Grundrolle ging nach Jerusalem zur Aufbewahrung in der Bundeslade.“
Isebel geht auf Obadja zu: „Hofmeister, hast du das getan, um mich zu ärgern?“ Ihre grünen Augen schillern gefährlicher denn je. „Ich nahm keinerlei Veranlassung“, entgegnet er. Sein Gesicht härtet sich. „Es kommt nicht darauf an, was man schreiben will, sondern was geschah; denn unseres Volkes Geschichte ist ein Großteil der Grundgeschichte dieser Welt!“
Die Sidonerin lacht gellend. „Was geht mich euer Pöbel an!“ Ahab wird wütend, er fühlt sich mitgekränkt. „Sind wir nur Pöbel, warum wurdest du mein Weib?“ „Um Israel Kultur und Sitte beizubringen!“ „Königin“, widerspricht Obadja ernst, „hast du ein Recht, so zu sprechen? Wo sich bei uns Kunst und Schönheit zeigen, entwendest du den Schatz und läßt ihn nach Sidonien bringen. Wolltest du uns etwas lehren, so hättest du Kultur und Sitte deines Landes in dem Können seiner Männer, in der Güte seiner Frauen bringen müssen.“
„Diener, wage nicht zuviel!“ droht Isebel. „Dir kann der Schutz des Sonderbaren einmal fehlen, dann . . .“ „Die Königin gibt zu, daß er überirdische Kraft besitzt und ich ihren Schutz genieße?“ Erbost wendet sie sich um. Der Zorn ist ihr falsch herausgefahren. Doch sich neu erregend, fährt sie fort: „Der Thisbiter wagte also, meine Untertanen mit dem Schwerte zu erwürgen?“
„Wer sagte das?“ Obadja ist über diese Lesart sehr erstaunt. Ahab wird wieder klein auf seinem großen Thron. „Aha“, der Hofmeister durchschaut glasklar des Königs Hinterhältigkeit. Diesmal schont er ihn nicht, wie schon so oft getan. Denn hierbei geht es um das Letzte, da hat jede Rücksicht aufzuhören, deshalb berichtet er die nackte Wahrheit. Die Rettung der letzten fünfzig Baalischen durch Elia hebt er stark hervor.
„Was geht mich Samariens Dreckbande an?! Auf einen Baalpriester sollen tausend fallen!“ Über diesen Zornausbruch lacht Obadja. „Da müßte Ehtbaal uns alle töten bis zum kleinsten Kind; er dürfte weder seine Tochter noch den König schonen. O, er kommt auch ohne deinen Ruf; er hat sich ja mit Benhadad wider Israel verbündet. Er kann nun als Grund nachträglich entrüstet schreien.“
Isebel ist bestürzt. Wer verriet ihm das? „Elias Geist“, sagt er auf ihre Frage. „Quatsch“, wiehert Ahab laut, der vor Isebel wieder Glanz gewinnen will. „Manchmal sagst du baren Unsinn.“ „König, hörst du den Regen rauschen, daß es eine Wonne ist? Beuge dich hinaus und schaue an das Wunder aller Wunder! Erst eine Nacht regnet es, und schon setzen sich an der Pinie und am Feigenbaume grüne Blätter an. Naturmäßig hätte es dazu einiger Tage bedurft.“
„Ganz schön und gut, doch das ist jetzt Nebensache. Ich will von Benhadad alles wissen. Denn daß mein Schwieger uns schwaches Volk angreift, daran glaube ich so wenig wie — wie an den Blitz, der des Thisbiters Altar niederbrannte.“ „Ahab!“ Der Hofmann vergißt die königliche Anrede. ‚,Versprachst du nicht Gutes zu tun, wenn . . .“
„Bin ich nicht?“ In seiner armen Würde gekränkt, was Ahab durch gespreiztes Aufundabstelzen zu verdecken sucht, tobt er: „Viel zu gut bin ich! Aber wartet nur, ich komme euch; auch dir!“ Jäh bleibt er vor Obadja stehen. Ihre Blicke messen sich. Das ruhige Auge des Gottesstreiters behält den Sieg. Ahab dreht sich um. Schon atmet Obadja auf; er will zu Nahoth, der an seinem Weinberg ein Gasthaus unterhält. Elia und die Freunde sind dort eingekehrt. Bereits an der Türe, ruft Isebel, ihn anherrschend, zurück.
„Naboth führte jene an, die meine Leute mordeten?“ „Nein; Elia gab sie in seine Hut, weil er sich auf Naboth verlassen kann. Saphat aus Abel-Mehola nahm sie zu sich mit.“ „Was, meine Priester sollen dreckige Strohfresser werden?“ „Königin, wo Bauern fehlen, fehlt’s an Brot! Daß sie bei der Arbeit schmutzig werden, verunreinigt sie nicht. Das sind Orden ihrer Mühe, die GOTT ihnen gibt. Schmutzig ist der Mensch, der Böses denkt, spricht und tut; und einer, der aus Faulheit sich nicht wäscht. Die erste Arbeit, die Gott den Menschen anbefahl, war der Acker und die Herde. Feld- und Weideland ist der Lebensbrunnen aller Länder! Alles kann ein Volk verlieren und doch bestehen, wenn es gute Bauern hat.“
Obadja spricht so ernst, daß Ahab nicht unbeeindruckt bleibt. Nur eine Schlange windet sich heraus. „Was kümmert’s mich? Mir ist Naboth interessant. Ich kenne ihn; ein geiziger Halunke! Gewiß hat er für Geld meine Priester umgebracht.“ „Königin, ich sagte schon, daß weder Naboth noch Elia schuldig sind. Naboth trug sofort Sorge, die Baalpriester nach dem Schreck bestens zu betreuen.“ „Natürlich, so zum Schein! Man muß ja schnell die weiße Flagge auf das Hausdach stecken. Nun — Naboth entgeht mir nicht!“
Mit fliegender Hand schreibt sie einen der denkwürdigsten Tage aus Israels Geschichte nieder. Dabei bekommt alles das dritte Auge. Von Elia vermerkt sie: ‚Der Thisbiter schlachtete mit seinem Schwerte achthundertfünfzig Baalpriester. Die Ruchlosigkeit dieser Tat soll alle Völker schrecken!‘ Sie malt ihren Namen steil darunter, läßt Ahab signieren, der es tut, ohne nur ein Wort zu lesen und fordert Obadja auf, als Zeuge mit zu unterschreiben.
„Ich bin — kurzgesagt — Hofmann“, verhält jener klug. „Erstlinig aber bin ich Staatsmann, Wirtschaftler und Feldmarschall. In solcher Stellung ist es unerlaubt, eine blinde Unterschrift zu geben. Ich werde erst die Rolle lesen.“ Ein doppelter Hieb. Ahab platzt auch gleich los: „Als König kann ich machen was ich will! Befindet die Königin für gut, ihre Unterschrift zuerst zu leisten, so kann ich wohl als König mein Vertrauen in sie setzen!“
„Du ja, König Ahab, eben weil du König bist; nicht aber ich, weil des Volkes Führung, all sein Wohl und Wehe, in meinen Händen liegt.“ „Daß ich nicht lache!“ hellt Isebel höhnisch los. „Du bist mir der Knecht zu unsern Gnaden und hast einzig das zu tun, was dir anbefohlen wird. Des Volkes Führung ruht auf uns!“ Hochmütig nimmt sie ihren Thronplatz ein.
„Sehr richtig!“ sagt Obadja sarkastisch. „Vor allem ruht dann des Volkes Führung auf des Königs Schultern, wenn er mir das zu tun gebietet, was ich vorher angeraten habe.“ „Das geht zu weit!“ Ahab fuchtelt wild umher. „Du, morgen setze ich dich ab!“ „Wenn es dir beliebt? Du findest sicher jemand, den Schlachtplan auszudenken, der in Kürze fällig ist. Benhadad, Ethbaal und zweiunddreißig Könige marschieren auf. Wo —? Wer weiß denn das?“
Ahab wird schon wieder Männlein. „Weißt du es, Obadja?“ „Nein; ich kann es aber ahnen. Doch nur einen Platz belegt, König, ist im vorhinein verspielt.“ „Ja ja, da hast du recht. Nun — laß uns wieder nach dem gestrig schönen Tag vertragen.“ Das ist echt Ahab. Obadja staunt nur noch. Schöner Tag! Anderes weiß er über das hochheilige Geschehen nicht zu sagen.
„In Kürze bringe ich das Dokument zurück.“ Sich höfisch neigend, schon unter der Tür, ist Obadja schnell enteilt. Doch draußen geht er langsam weiter. Der Regen rauscht, es rauscht auch seine Seele. Nur der Kopf ist ihm besonders schwer. Gegen Abend verläßt er den Palast und reitet rasch zu Naboths Herbergshaus.
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