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Kap 20 – Treue des Obadja, seine Umsicht und Elias Flucht

„Elia, du mußt fliehen!“ Mit diesem Ruf stürzt Obadja in Nahoths Hofstube, die weder von der Gasse noch von Gästen einzusehen oder zu betreten ist. Die Versammelten befällt große Aufregung. Nur Elia sagt ruhig: „Freund, die letzte Zeit ging dir an die Nieren. Komm, stärke dich mit meinem Wein; Nahoth ließ es an nichts fehlen, soweit sein Haus noch Vorrat hat.“ „O Elia, ich wundere mich jetzt über dich! Dein hoher Sieg, ja der heilige Gottessieg macht deine Seele trunken; und so spürst du nicht das Gezisch der Natter, die sich auf dich und — auf Naboth richtet.“

„Auf mich?“ fragt der Letztere. „Was hat sie gegen mich?“ „Viel; du wirst es noch erfahren.“ Obadja trinkt hastig einen Schluck und zieht eine Rolle vor. „Nur das Wichtigste sei gesagt. Höret: ‚im sechzehnten Jahre Ahabs (16. Regierungsjahr), des Königs von Israel, am Tage, da die Natur sich sänftigte und wieder regnen ließ, geschah es . . .‘ und so weiter. — Nun Freunde“, erzählt Obadja aus der Rolle, „wird alles so geschildert, daß das Heilig-Göttliche überhaupt nicht in Frage kommt, auch nicht das stundenlange Baalgeplärr, sondern der Prophet habe Samarier bestochen, als verkleidete Baalpriester den Altar mit nassem Laubwerk zu verstopfen.“

„Es gab ja gar kein Laub“, ruft jemand. „Höret weiter: ‚Das über des Thisbiters Bau geschüttete Wasser floß an den schräggestellten Steinen ab, ihn trocken lassend.“ „So eine Gemeinheit! Wer schreibt den Blödsinn?“ „Unterbrecht nicht immer“, mahnt Obadja, „die Zeit drängt. Aus diesen Angaben erseht ihr schon, wie Gottes heiliges Werk verunglimpft, und Elia als Erzbetrüger gebrandmarkt wird, um Unschuldige ins Grab zu stoßen.

Ahab, von Isebel wieder eingesponnen, glaubt nicht mehr an den Blitz. Doch nun das Schrecklichste: ‚Der Thisbiter schlachtete mit seinem Schwert achthundertfünfzig Baalpriester!‘ Freunde, es geht um Israel. An Naboth saugt man sich schon fest.“ „Warum? Ich zahle pünktlich alle Steuern; mein Schwager, der in Tyrus wohnt, hilft mir aus.“ „Nun, es sei gesagt: Dein Jesreeler Wein ist der beste weit und breit. Von deines Berges herrlicher Höhe kann man weithin schauen. Oben ist die Luft mild und gut, weil der Bergrücken Gilboa die harten Winde fängt. Zudem grenzt der Schloßwald an. Ahab will einen Weg zur Höhe und oben ein Lusthäuslein erbauen. Jetzt weißt du es, warum man dich in diese Sache zieht.“

„O, hätte ich das nur gewußt“, jammert Naboth, „die Baalen wären nicht ins Haus gekommen! Was nun tun?“ Elia beruhigt die aufgeregte Schar. „Gott gab uns das große Zeichen, daß ER allein im Regimente sitzt! Wo die Furcht einzieht, da zieht Gottes Obhut aus!“ „Laß mich unterbrechen, teurer Freund“. Obadja berührt Elias Arm und Tränen netzen seine Augen. „Das Böseste kommt erst noch.“ Er liest: „So wahr ich Isebel des Königs zu Sidon Tochter bin, so wahr sollen mir die Götter dies und das tun, wo ich nicht morgen um dieselbe Zeit des Thisbiters Seele von ihm fordere und ihm tue, wie er meinen Priestern tat! Wer zu ihm steht, soll den Feuertod erleiden!“

Man rückt zage von Elia ab. Der Ängstlichste ist Naboth. „Ich bin froh, daß Sapath die Sidonier holte“, wispert er den Nachbarn zu. Elia sieht um sich den leeren Raum, während vorher jeder ihm nicht nah genug sein konnte. Sein Geist steht frei über aller Angst; das tobende Geifern einer Höllenseele spritzt nicht zu ihm herauf. Doch das Menschliche? Muß das nicht auch durch die Tiefe der Verzagtheit gehen, um Gottes Herrschaft um so mehr zu erfahren? In ihm streiten Geist und Mensch. Noch siegt sein hoher Geist.

„Fürchtet euch nicht!“ sagt er so gütig, daß ein Aufatmen durch die Reihen geht. O — wo der Prophet ist, da ist Gott; und wo Gott ist, hat der Satan keine Macht. „Wir bleiben hier; zur Nacht, wenn der Regen leichter fällt, geht jeder heim. Treuer Obadja, bringe Naboth zum Oberrichter, den Ahab nicht übergehen kann. Beweise, daß ich Naboth erst begegnete, nachdem ich die letzten Fünfzig retten konnte. Das so denke ich — ist äußerer Schutz genug. Den heiligen Schutz Gottes können wir nur durch Bittgebet erlangen. Und darin, Freunde, werdet allesamt nicht laß.“

„Ich beuge mich bis zur Erde vor deinem Geist“, sagt Obadja, „erinnere dich aber an dein eigen Wort, es könne einmal auch bei dir der Himmel seinen Vorhang schließen. Und diese Zeit ist da! Elia, achte meine Stimme nicht gering: Du mußt sofort fliehn, die andern müssen heim. Je schneller, desto besser.“

„Vor wem? Vor Gott oder vor der Schlange?“ „Elia kränke nicht mein Herz! Deine schlimmsten Feinde werden unterm Volke sein, und das nicht aus Bosheit, sondern aus der Sorge um das arme Leben. Man sah sie ja, die die Opfer trieben. Und wer wider Baal ein Wort erhob, das hörte man. Um sich selbst zu retten, verrät man Feind und Freund. Ich wartete freudig, daß deine Tat uns Einigung brächte; warum es nicht geschah, weiß der HERR allein.

Ich verbarg schon viele, die mit am Kison waren. Doch ihr wißt genau, daß die giftgrüne . . . daß Isebel nicht eher ruht, als bis ein Blutbad angerichtet ist. Nur eine Hoffnung habe ich: Schlägt Benhadad bald los, so wird — wenigstens zunächst — die böse Angeberei unterbunden. Aber du, Elia, mußt fort; weniger deinetwegen, denn Gottes Hand ist über dir, als mehr um der Freunde willen, daß keiner unnötig in Gefahr gerät.“

Elia begehrt auf. Da sieht er manches Auge unklar flimmern. Obadja hat ihm Gottes Weisung kundgetan. Demütig erkennt der Prophet das an, er, der jederzeit unmittelbar mit seinem VATER spricht. Und er sieht schon einen Schatten hinter Naboth stehen. Ach — wie geht es schmählichst zu auf dieser armen Welt. Konnte Israel nach Gottes wundersamer Offenbarung jetzt nicht fröhlich sein — ?

„Ich gehe mit dir.“ Sadrach faßt nach Elias Hand. „Du?“ Gerührt fragt es Elia. „Ich träumte“, erzählt Sadrach, „du wolltest dein heiliges Leben für mich opfern; doch dein Gott, der nun der meine ist, teilte es zwischen uns. Sollte ich nicht auch mein Leben mit dir teilen?“ „Junge!“ Obadja umschlingt den Sidonier. „Männer von Israel, seht, wie uns Gott beschämen muß, die wir ängstlich um unser kleines Leben feilschen, während ein großes auf dem Spiele steht. Ein Heidenknabe zeigt uns den Glauben an unsern Herrn!“ Die Hebräer benagen ihre Lippen. Sie geben ihrem Marschall recht, ohne den es im Lande elendig genug aussehen würde. Er ist der Einzige, der den König und seine Dirne noch im Zügel hält. — —

Obadja hat gut vorgesorgt. Am Ausgang des Weinberges stehen zwei Pferde. „Hier, Elia, ich dachte schon, daß Sadrach bei dir bleiben würde. Nehmt den Jordan bei Beth-Sean; der Höchste führt euch Seinen Weg.“ „Dank, Obadja. Du bist mit Weisheit ausgestattet, weil dein Herz voll Liebe ist. Wir sehen uns wieder.“ „Gehe Gott! Am liebsten Zöge ich mit. Ach Elia, warum muß es immer Scheiden geben?“ „Damit die Sehnsucht lebendig bleibt, lieber Freund. Hier ist das Leben kurz; — drüben gibt es keine Trennung mehr.“

„Auf Wiedersehen, des Herrn Schutz sei mit euch beiden!“ „Mit dir auch“, ruft Sadrach leise. „Und keine Sorge, ich passe gut auf.“ Der Sidonier wirft sich in die Brust. Obadja lächelt. O, das Aufpassen wird allein der Heilige besorgen; aber es ist lieb, wenn ein Knabe edel denkt. „Des Himmels Licht ist dein Mantel, mein Obadja.“ Ein ‘Freundeskuß — — und die Pferde galoppieren im strömenden Regen in die anbrechende Nacht hinein. —

Östlich des Jordans geht es bis Beth-Haram im Rubeniterland. Ungefährdet nehmen sie die letzte Furt westwärts vor Einmündung ins Salzmeer, bleiben in Küstennähe bis Engeddi und wenden in scharfer Kurve südwestlich in die simeonische Wüste hinein. Abseits Beer-Seba findet Elia seine gute Quelle. Dort bleibt er mit Sadrach drei Tage und heißt ihn dann zurückreiten mit beiden Pferden.

Der Jüngling weint. „Ich will bei dir bleiben, ich habe es dem Hofmarschall versprochen.“ „Du warst tapfer, lieber Junge. Doch deine Mutter ängstigt sich um dich. Ich bringe dich zur Stadt.“ In Beer-Seba sammelt sich gerade eine Karawane Edomiter, die nach Dor und Tyrus ziehen. Ihnen befiehlt Elia an, den Knaben hinter dem Kison zur Grenzhöhe von Sebulon zu bringen. Der Karawanenälteste, ein ehrwürdiger Scheich, geht sofort auf Elias Bitten ein.

Er selbst geht einen Tag lang weiter. Rundum Einsamkeit und kahle Wüste, nur wenig Wacholder spendet spärlich Schatten. Warum mußte er denn fliehen? War es richtig, Obadjas wohl gut gemeinten Rat zu befolgen? Hätte sich nicht vor die bedrohten Samariten stellen müssen? Sie werden zetern: ‚Ach seht, da läuft er hin, der große Prophet; er fürchtet sich vor einer Weiber hand!‘

„Herr, es ist genug; nimm meine Seele hin. Die verirrten Schafe Deines Hauses habe ich verlassen, und die Hyäne wird sie treiben. O Gott, was habe ich getan? Nicht als Mensch, am wenigsten als Prophet kann ich wieder jemand in das Auge sehen! Auf dem Karmel das heilige Fanal, und nun — vor mir selbst geächtet — ein armseliger Flüchtling in der Wüste bitterer Trauer.“ Lange schaut Elia um sich her, doch kein Lüftlein oder Gottes Stimme ist zu hören. Er fühlt sich wie geschlagen, und trostlos ob eines Versagens schläft er ein.

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