„Elia!“ Schlaftrunken fährt der Gerufene auf. „Was ist? Wer hat gerufen?“ „Steh auf und iß!“ „Ach, was bedarf ich Speise, da meine Seele schon gestorben ist?“ Elia dreht sich um und der ‚Schöne‘ von Zarpath steht vor ihm. „Du —! Bin ich‘s noch wert, daß du zu mir kommst?“ Eine bekümmerte Frage.
„Aber Elia, wer wirft jenen Stab von sich, den er auf dem Weg noch braucht? Gott hat dich immerzu getröstet.“ „Was weißt du Himmlischer von aller Mühsal dieser Welt?“ „Mehr als du ahnst! Nun iß und trink und sei bereit.“ Der Engel enteilt. Zu Häupten des müden Menschen liegt ein Röstbrot und ein Krug mit hellem Wein. Der Hunger überfällt ihn peinigend, und der magere Wacholder schirmt nicht die Sonne ab. Elia fühlt sich ausgebrannt.
Seine trübseligen Gedanken bleiben haften. Es wurmt ihn, daß er so versagte. Die ganze Flucht hat ihn geschändet. Er vergräbt das Gesicht in die hochgezogenen Kniee. „Was soll ich tun?“ fragt er sich selbst. „Am besten sterben.“ Er wirft den weißen Mantel über sich. Die letzten Jahre stellten an ihn trotz kräftiger Gestalt schwere Anforderungen.
Er wird abermals geweckt. „Elia, stehe auf und iß!“ „Ach laß mich in der Dunkelheit meines Seelengrabes ruhen, ich bin ganz und gar verzagt.“ Der Schöne setzt sich neben den Zerbrochenen. „Bruder“, er streicht sanft über die gebeugte Stirn, damit aus einer Erdennacht ein lichter Himmelsmorgen auferstehen kann. „Verständlich ist dein Kummer, dein Verzagen, weil du nicht für dich oder um der Menschen willen dich jetzt aus dem Lichte stiehlst, sondern eben nur aus dem Gedanken, schwach gewesen zu sein.
Aber merke auf: Wenn ein Mensch sich einzig seiner Fehler wegen kränkt, so heilt die Kränkung schon den Fehler. Doch möchte ich gern wissen, worin dein Fehl besteht; dann könnte ich dir helfen, alles wieder gut zu machen.“ „O du Himmlischer, da ist nichts mehr gut zu machen. Jeder Mensch kann versagen; und Gottes Hand, die ewig GÜTE heißt, deckt gewiß die Fehler zu, bevor der Kummer seine Seele frißt. Aber ich — des hohen Herrn Prophet . . . Ah, niemand ist verwerflicher als ein ungetreuer Hirte, der seine arme Herde laufen läßt, wenn die Schakale bellen. Geht denn auch ein Steuermann vom Schiff, so Sturme es bedrohen? Du siehst wohl ein, was der All-Ewige an mir hat!“
„Elia, was Er an dir hat, wird dein Ende offenbaren.“ „Sprich mir nicht von meinem Ende! Der Herr war gnädig und sagte an, meine Heimkehr hätte ER in Seiner Hand. Da war ich ganz getrost. Aber nun — ?“ „Glaubst du nicht mehr diesem Trost?“ „Glauben? Ich möchte schon, doch ich kann es nicht. Nicht, daß der Vater mich von Sich gelassen hätte, das tut Er ewiglich bei keinem Kind. Aber ich bin Ihm entglitten.“ „Dem wäre abzuhelfen, indem du dich zurückbegibst. Was du andern predigst, muß dir selber gelten; was zu glauben du befiehlst, mußt du glauben bis zum letzten Punkt!
Nun nehme ich dir jene Last, die dein Weitergehen hindert. Höre zu: du mußtest wandern! Durch Obadja kam Gottes Ruf zu dir.“ „Ein böses Zeichen! Ich glaubte auch daran, obwohl der Herr bislang für mich kein Sprachrohr brauchte. Er mußte eines wählen, mir die Richtung anzuzeigen.“ Elia verspottet sich. „Du beleidigst Gott, wenn du so sprichst!“ sagt der Engel ernst. „Warum soll dein Freund, der Gottes Werkzeug ist, nicht gleichfalls Seine Stimme hören?“
Elias Kummer nimmt zu. „Siehst du, wie ich beschaffen bin? Doch sieh mein Herz, daß ich Gottes Wort nie für mich allein in Anspruch nahm. Der Heilige kann auch durch Tiere, Blumen, Wind und Wetter wirken, durch alles, was Seine Hand erschuf! Nichts ist, was nicht Sein Wesen kündet; und meiner Freunde Sprache ist mir ein Wort aus Gottes Mund. Denn nur so sind wir geeint in Seinem Herzen.“
„Und mit dieser Ansicht willst du ein Versager sein? Wohl soll ein Gottkind eine Ehre sauber halten, weil jede Unehre auch das Licht beschmutzt. Du wähnst dich besudelt, weil du von der armen Herde gingst. Wie es wirklich ist, trage als Last zum Berge Horeb; dort begegnet dir JENER, der alle Lasten trägt. Und trage sie nicht aus dem Wunsch, etwas dafür einzutauschen. Nur mit Hingabe eines ganzen Herzens wirst du ein lastenfreier Lastenträger sein!“
„Horeb?“ horcht der Prophet in sich hinein. „Du hast mein Herz gebadet, daß ich‘s wieder sehen mag; doch Gottes heiliger Berg auf Erden . . . Kann ich meine Nacht in diese Helle bringen?“ „Zu Unrecht hältst du an einem Fehler fest, Elia. Aus hehrer Schöpfernacht, da kein Wesen weiß, was ER tut, der niemals schläft, entsteigt der Tag: Seines Wortes heilige Tat! Bei Ihm ist keine Finsternis; Seine Schöpfung sind die Allmachtszeuger aller Tage! Nur in einen Menschen Seele oder arm gewordenen Wesens liegt manche Nacht. Die ist nicht abzutun, trägt man sie in eine andere Nacht hinein, sei es gleich eine heilige, die kein Kind verstehen kann.
Bringt man aber seine Nacht in Gottes ‚heilige Helle‘, so kommt das Morgenrot, und TAG wird es im Leben eines Kindes. Trage also deine Nacht nach Horeb; und der HERR wird deinen letzten Schatten nehmen. Iß noch vom Brot, das ich dir brachte; es ist vom Heiligen Herd. Und trinke außerdem von diesem Wein; ich holte ihn vom Altar deines Himmelshauses auf Midephna.“ (Sonne des Willens)
„Bruder!“ Elia bettet sich an des Lichtes Brust. „Nun möchte ich so viel von dir erfahren, denn du lehrest gut. Was alles habe ich zu lernen! Doch es sei: Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und mich in Seine Hände geben.“ Der Lichtbote wendet sich ein wenig ab. Darf auch Elia nicht den Strahl erblicken, der ob solcher Demut himmlisch glänzt? Er richtet ihn auf und zeigt mit der Hand nach Süden, wo in hoher Ferne, im Dunkel nächtlichen Gewölks, vier Sterne stehen gleich einem Kreuz. Das erlösende, heilende Mahnmal göttlicher Erbarmer-Liebe. Und dorthin wandert der Prophet.
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