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Kap 28 – Wunderbare Führung in Freud und Leid

„Er kommt!“ Sadrach springt in Saphats Hof. Das ganze Dorf samt vielen Freunden sind versammelt. Es war ein innerer Ruf, der sie kommen ließ. Das Haus kann die Menge nimmer fassen. Saphat hat eine Tenne, in derem Obergeschoß die Früchte nachgetrocknet werden. Heute ist es sauber ausgefegt. Das Ingesinde hat alle Hände voll zu tun, beim Essen sitzt es aber mit an den langen Tafeln.

Ruben-Heskael, sein Sohn und Schüler aus Silo, Som-Hasad und Rebora aus Samaria, Tusbala von Enon, Sumnassa von Ophra, Heebar und Rachel aus Megiddo, Bergleute vom Karmel, Ephraoth, seine Haushälterin und Sebuloner Freunde gehören zu den Gästen, vor allem Asdodja aus Zarpath. Eben kam Obadja an, freudigst begrüßt. Chraboth und Lubbar sind dabei. Die ehemaligen Ascheradiener und Sidonier sitzen zwanglos zwischen den Hebräern. Man bildet eine freundliche Familie. Denn nicht Hebräer oder Heiden sind vereint, sondern Menschen, die an Gott, den ewig-guten Vater glauben.

Frau Pelega wird von Naboths Tochter Rebekka tüchtig unterstützt. Deren Mutter hat es schwer verwunden, daß Naboth so grauenvoll ums Leben kam. Elisa fand eine gute Stunde, und sie hat das Stillesein erlernt. Nur nach Jesreel kehrt sie nicht zurück. Außer dem Weinberg, auf den Simalah hartnäckig verzichtet, hat sie alles Eigentum zurückerhalten. Das hat sie für ein kleines Landgut eingetauscht.

Noch jemand kam durch Elias Ermittlung von weither an: Maggoths Weib Ruth mit ihren Kindern aus Damaskus. Jeder ist besonders lieb zu ihr. Von Maggoth hat niemand was gehört; nicht mal Obadja weiß, ob er noch lebt. Sollte sich Elias Wort hier nicht bestätigen? Als die fröhliche Gesellschaft Sadrachs Ruf vernimmt, den er hell in die Tenne schmetterte, springen alle auf. Elisa, von dem man weiß, daß ihm Elias Geist gegeben ist, wehrt ab: „Freunde, wollen wir wie ein Heuschreckhauf Elia überrennen? Bleibt sitzen! Die Eltern gehen Ihm dem Hausbrauch nach entgegen.“

Unter dem wuchtigen Tennentor steht der Thisbiter. Er scheint es förmlich auszufüllen. Da ist sein Strahl des Willens, seiner Liebe, au GOTT hervorgegangen, der ihn wie ein Kranz umgibt. Die Großen erheben sich ehrerbietig, die Kleinen drängen sich natürlich vor. Lächelnd streichelt er die Kinder, die sich teils scheu, teils stürmisch an ihn pressen. Der Mensch Ella, als ihm so viele Ehre wird, sagt verwundert:

„Vater im Himmel, welch große Gemeinde hast Du mir beschert! Alle hast Du hergeführt, die mir lieb und teuer sind. Dir danke ich!“ Demütig neigt er sein Haupt. Manches Auge näßt, weil sich der Mann Gottes als nichts anderes bekennt wie einer unter ihnen. Das wollen sie sich merken und die Demut lernen. Elia hebt sein wieder hell gewordenes Gesicht und spricht weiter:

„Liebe Freunde, auch euch danke ich, daß ihr gekommen seid. Wir sind vereint wie in unsers Vaters Reich. Unsere Herzen legen wir in Seine Hand, und ER segne uns.“ Obadja schämt sich der Tränen nicht, die seine Wangen netzen. Die Sidonier rechnen es Elia sehr hoch an, daß er sie wie seine Volksgenossen achtet. Die Frage eines Jesreeler, warum er also tue, — in Sidon wäre dies unmöglich —‚ beantwortet Elia in seiner bekannten Freundlichkeit:

„Wir sind ja nicht in Sidon, sondern in Gottes eigenem Land, wo Seine Gebote gelten. Diese heißen Bruderschaft, Freundschaft, Liebe, Hilfe, Gleichheit, Fürbitte, Barmherzigkeit. Der Allmächtige fragt nicht, ob du Sidonier, Jude oder Syrer bist, vom Norden, Süden, Osten oder Westen stammst; Er fragt nur: Wie ist dein Herz bestellt? Das allein ist zu bekennen. Nimm daher meine Liebe voll in Anspruch, wie ich deine Liebe ganz besitzen will.“

„Die hast du, heiliger Prophet“, entgegnet der bekehrte Heide. „Was du mir getan, möge dein — möge unser Gott vergelten.“ „Jeder steht unter Seiner Segensflut.“ Elia fragt Saphat: „Nun Hausvater, wie ordnest du dein Fest?“ Damit durchkreuzt er dessen Wunsch, ihm das Eigentümerrecht als Ehre anzubieten. Er will nur wirken, wenn GOTT es durch ihn tut. Ist er Mensch unter Freunden, hält er sich gern zurück. Heute — er spürt es — muß er im Mittelpunkt verbleiben, denn es ist — sein Abschiedsmahl. Zum Glück weiß es keiner. Nur Elisa und Obadja ahnen es. Bei der Tafel berichtet Elia vielerlei, was seit Jesreel geschah und allgemein noch niemand wußte.

„Manche fragten: Wann erfüllt sich Gottes urteil? Ahabs Ende habt ihr erlebt; das andere kommt bald. Ich: war bei Benhadad, nachdem Obadja ihn zum zweiten Mal empfindlich schlug. Er hatte mich wie früher gastlich aufgenommen. Beim letzten Krieg, den er gewann, hat er sich bekehrt. Zu Gunsten des Brudersohnes Hasael hat er auf den Thron verzichtet, lebt mit Judith allein und dient dem Herrn. Es war gut, Obadja, daß nicht du den letzten Krieg verloren hast, der Ahabs Untergang besiegelte.“ Elia lächelt seinem Freunde zu. Der erwidert es und berichtet selber weiter:

„Gott hat mir geholfen, mich loszulösen. Mir fiel ein Abkommen Ahabs in die Hand, Ethbaal sollte einen Scheinkrieg führen, den ich verlieren müßte, um mich zu töten. Ich hielt ihm seine Bosheit vor und daß Judas König, mit dem er sich inzwischen wieder einigte, den Plan wider Syrien vorbereitet habe. Josaphat war schier blind, und ich sagte Ahab unser Sprichwort: Ich lasse mich vom nächsten Löwen fressen, wenn du diese Schlacht gewinnst! —

Ich zeigte ihm die Fehler, nicht aber wie es besser sei. In seiner Wut entließ er mich. Hernach kamen Boten, ich möge den Oberbefehl doch wieder übernehmen. Sogar Isebel schwang sich auf und hatte mir geschrieben. Die Entlassungstafel, von Ahab unterzeichnet, war mein Schutz. Ich richtete in Silo eine Rechtsstube ein, und alles Volk kommt zu mir. Segen ruht auf meinem Tun.“

Elia bestätigt es. „Du tust dem Herrn zur Freude. Mit dem Knaben Ahasja wirst du fertig; nur Isebel ist noch ein Schrecken. Doch wie lang —? Als ich bei Ahasja war, tat er mir leid. Seine Seele ist verdorben wie die seines Vaters. Er sandte zweimal Hauptleute mit fünfzig Kriegern, ich möge zu ihm kommen. Es war GOTTES Rechte, die sie schlug, weil sie vor Ahasja prahlten, mich tot zu bringen.“

„Ich war der dritte“, ergänzt Chraboth, „der unsern hohen Freund fangen sollte, erklärte aber, daß ich den Propheten lebend brächte und seinen Abgang sichern würde. Das hat Ahasja umgestimmt, zumal sein Übel schlimmer ward. Ein bißchen Angst hatte ich, als ich dir begegnete.“ „War sie nötig?“ fragt der Gottesmann. „Nein, das war es nicht.“ „Freunde“, muntert Elia auf, „habt vor Menschen keine Angst! Schleicht sie sich ein, was irdisch verständlich ist, dann gebt dem Höchsten euer Bangen über. ER ist der Allmächtige!“

Als er das sagt, spürt er neben sich ein starkes Licht und hört: ‚Stehe auf und gehe mit Ruth auf den weiten Weg!‘ Man merkt, er hat ein ‚Bild‘, denn sein Gesicht ist überstrahlt. Und daß nur Gutes ihnen widerfährt, fühlt jeder dankbaren Gemüts. Elia winkt Maggoths Weib, die trotz gutem Willen ihre Last nicht völlig niederringen kann und er führt sie an der Hand hinaus. „Komm, ein Engel will dich leiten“, sagt er so gütig, als spräche er zu einem kranken Kind. Zur Runde sagt er:

„Wir und den der HERR errettet hat, kommen bald zurück.“ Ruths Kinder drängen sich um ihre Mutter: „Dürfen wir mit?“ Dem Gefühl des Herzens keinen Glauben schenkend, sieht die Frau Elia forschend an. Der ausgesprochene Kinderfreund drückt die Kinder Ruths an sich, alle drei:

„Ein Stück dürft ihr mitgehen, wenn ihr folgsam seid.“ Er nimmt das Jüngste auf den Arm und stützt Ruth fürsorglich, die sich nur mit Mühe aufrecht hält. Der zwölfjährige Knabe tut es Elia nach und führt seine Schwester hinterdrein. Auf jener Höhe, von wo aus Elia einst die Ochsenräuber sah, heißt er die drei Kinder unter einem dichtbelaubten Feigenbaume warten. Sie bleiben sitzen und schauen verwundert Elia und ihrer Mutter nach.

Die Ungewißheit raubt Ruth die letzte Kraft. Der Prophet legt ihr seine Hände auf das Haupt, das mehr Silberfäden zeigt, als Jahre geben dürften. „Schwester, vertraust du unserm Gott? So wisse denn, daß Seine große Gnade sich dir offenbart.“ „Maggoth?“ fragt sie aschfahl. „Kommt — Maggoth?“ „Ja, er kommt! Und du solltest tapfer sein, daß er dich in seine Arme schließen kann. So findet er, der Kraft bedarf, ein welkes Blättchen vor.“

„Elia!“ schreit Ruth erschüttert. In den Staub des Weges fallend hebt sie flehend ihre weißen, schmalen Hände hoch „Elia, hilf! Du kannst aus Gottes Kraft mir helfen! Bitte Ihn, daß er in Güte, daß ich . . . ich möchte . . .“ Elia kniet neben sie hin. „Weißt du“, sagt er schlicht, „am besten ist, wir beide bitten unsern Vater; dann gibt Er dir die Kraft, und du wirst gesund. Dein Mann, deine Kinder brauchen dich.“ „O ja, o laß uns flehen, und ich will glauben, daß uns der Heilige erhört.“

Jedes Wort, das der Mann Gottes betet, spricht die Frau in großer Inbrunst nach. Da spürt sie plötzlich, wie ein warmer Strom durch ihren Körper geht. Er verändert diesen nicht, sie bleibt die zarte, vom schweren Leid gezeichnete Gestalt. Aber welche Kraft kommt über sie. Schluchzend birgt sie sich an des Thisbiters breite Brust. Ihr fehlt jedes Wort. Nur das Herz will jubelnd danken; es neigt sich demutsvoll vor Gottes heiliger Barmherzigkeit.

„Sei still, liebe Ruth!“ Er beschattet seine Augen. „Drüben, auf der Thirzahöhe, hält ein Reiter auf uns zu.“ „Er ist‘s, er ist‘s!“ Aufgeregt will Ruth entgegenrennen. Elia hält sie fest. „Bleibe an dem Ort, den der Herr durch Seine Kraft dir heilig machte. Ich gehe zu den Kindern. Kommt nur bald nach, denn der Abend ist nicht mehr fern.“ „Ja Elia.“ Ruth küßt ihn jählings auf die Wange. Er streicht ihr lächelnd übers Silberhaar. — Den Kindern erzählt er von einem König, der seine Leute liebt. „Kann man zu Ihm gehen?“ fragt der Älteste. „Ja, Kind, jeder kann zu Ihm kommen. Der Weg dauert zwar oft lang; doch wer brav ist, findet Ihn auch eher.“

Das Mädel schmiegt sich in Elias Arm. „Wenn ich brav werde, liebt mich dann der König so wie du?“ „Ach Kleine, Er liebt euch noch viel mehr. Ich war bei Ihm, denn ich bin auch Sein Sohn.“ Ungläubig sperren die Kinder ihre Mäulchen auf. Der Älteste platzt los: „O Elia, dann bist du ganz gewiß der größte Sohn des lieben Königs!“ Still nickt der reife Mann. „Es wird so sein, lieber Knabe. Wenn man das aber weiß, darf man sich niemals über andere erheben.“ Für die Kinder verständlich knüpft Elia daran eine gute Lehre, die sie in ihrem Leben nie vergessen sollen.

Da ruft der Kleinste: „Die Mutter kommt! Und ist der Mann unser Vater?“ Er kennt ihn nicht, war kaum geboren, als das Unglück über seine Eltern kam. Die Kinder eilen auf die Mutter zu. Unbeschreiblich ist die Freude, die die jahrelang Getrennten überkommt. Maggoth preßt sie immer wieder fest an sich, bis Ruth ihn auf den wartenden Elia aufmerksam macht. Da hebt er die Kinder auf sein Pferd, hängt die Zügel ein und geht mit Ruth Hand in Hand nebenher.

Die Männer sehen sich ins Auge. Maggoth neigt sich tief. „Heiliger Herr, Dir sei Lob, Dank, Preis und Ehre, Dir der Ruhm, des Herzens Hingabe und meine Anbetung! Du warst so gnädig, Du hast mir in der Nacht Dein Licht gesandt! Doch auch dir, heiliger Prophet,“ Maggoth ergreift des Thisbiters Rechte, „sei mein Dank. Du schicktest mir den Jüngling zu, der mich wunderbar errettet hat.“

Erstaunt horcht Elia auf. Das war Gottes Weg! „Steh auf, Bruder“, sagt er ergriffen, „laßt uns gehen, die andern warten ja. Hernach wartet JEMAND auf uns alle.“ Das Wort aus Demut und Kraft gepaart veranlaßt Maggoth, den Prophet scheu zu betrachten. Elia nimmt die Zügel, damit Mann und Weib besser schreiten können. Das bekannte gute Lächeln umspielt seinen schönen Mund. „Kostet eure Freude aus, die der Herr bescheret hat. An der Tafel erzählst du allen dein Erlebnis, lieber Maggoth.“ „Erst muß er sich mal stärken“, ist Ruth gleich ganz besorgte Frau. „Natürlich, Tochter; unserm Vater ist es recht, wenn wir auch das Leibliche bedenken.“

Saphat, Pelega, Elisa und Obadja begrüßen Maggoth zuerst. Dessen wunderbare Heimkehr erregt bei jedermann dankbares Mitgefühl. Die Israelen singen das Lied ihres Königs David: ‚Ich danke dem Herrn von ganzem Herzen im Rat der Frommen und in der Gemeinde.‘ (Ps. 111) Die Sidonier horchen verwundert dem machtvollen Gesange zu, der diesem ausgesuchten Volk gegeben ist.

„Höret, Freunde“, sagt Elia, „was Maggoth zu erzählen hat. Hernach gehn wir DEM entgegen, der zu uns kommen will.“ „Noch jemand?“ „Wer ist‘s?“ Elia winkt ab. „Habt Geduld!“ Wie reichst gesegnet sich das Angekündigte ergibt, hätte außer Elisa, Obadja, Rachel und Rebekka kein anderer geahnt. Maggoth berichtet: „Wie es mir erging, wißt ihr alle. Eine Wende trat beim Tode unsers armen Naboth ein. Er lag im Sonnenbrand; doch niemand war zur Begrabung zu bewegen. Wir hörten die Geschichte mit den Hunden. O — wie richtete uns das auf! Jeder sagte: Es gibt noch einen Gott, der Ahab‘s Urecht sühnt!

Man fragte uns Gefangene wegen des Begrabens. Keiner wollte außer mir. Die Hunde, unentwegt den Ort umkreisend, kamen angeheizt. Die Burg gab Warnsignale ab. Ich war dabei, Naboth in ein Leichentuch zu hüllen. Sie fielen mich nicht an; eher war es so, als ob sie mich bewachen wollten. Als ich fertig war, legten sie sich klagend auf den flachen Hügel. Ich streichelte ihre mächtigen Köpfe. Entsetzt sah Ahab zu, und Isebel — schoß mit Pfeilen. Ich hob einen auf, an dem der grüne Giftsaft klebte. Die Hunde stoben fort. Niemand sah sie mehr bis auf den Tag, da Ahab an der gleichen Stelle starb und von ihnen aufgefressen wurde. So hörte ich es später.“

„Sie sind bei mir“, wirft Simalah ein. „Früher mochte ich sie gar nicht leiden, weil sie fast wie Tiger sind. Nach Ahabe Tod tauchten sie in Gafra auf. Wie Lämmer gebärden sie sich gegen alle, die der Abel-Gemeinde angehören.“ Simalah meint die Dorfschaft Abel-Mehola und ihren kleinen Gutskreis Abel-Gafra. „Doch wer Böses sinnt, darf uns nicht nahen. So hat der Herr uns durch die unvernünftige Kreatur einen ausgiebigen Schutz geschenkt.“

„Der Herr ist gnädig“, sagt Maggoth feierlich. „Ja, anderntags begegnete mir Ahab, um mir zu danken. Ich riß den Giftpfeil aus dem Lendenschurz. ‚König, der ward von deinem Söller als Dank auf mich abgedrückt.‘ Er beging den Fehler und rief:

‚Nein nein, es war den Hunden zugedacht!‘ Doch sein Auge log. Ich war ja nun von Nahoths Tod der Zeuge.“ Zu Simalah sagt er herzlich: „Nie, und ich sah oft Gesteinigte, war ein totes Antlitz ruhiger geprägt, als das deines Mannes.“ Über die entsetzliche Verstümmelung geht er mitfühlend hinweg. „Er ging Friedvoll von der Erde.“

„Das bestätige ich“, fügt Elia an. „Der Herr hat es mir in Naboths Sterbestunde kundgetan.“ „Ich werde seinen schmerzlichen Tod nie ganz verwinden“, flüstert Simalah. „Doch daß der Herr ihn gläubig heimgerufen hat, ist mein Trost.“ Maggoth erzählt zu Ende:

„‘König‘, riet ich, ‘Friedlos wirst du in den Hades fahren! Du hast uns das Menschenrecht geraubt, um das Gut, die Mühe unseres Fleißes, einzustecken, damit du Feste feiern kannst, während dein Volk darbt und stirbt. Der Giftpfeil trifft dich auf deinen Wagen, und die Hunde werden dich zerreißen!‘ Es war, als ob jemand durch mich spräche. Ahab wurde toten blaß und befahl, mich auszupeitschen. Doch unter den Gefangenen brach eine Revolte aus. So entging ich durch Gottes Güte der Gefahr, mein Leben zu verlieren. Seitdem ging es mir etwas besser. Jeder Wärter fürchtete insgeheim, ich brauche Naboths Hunde nur zu rufen, und sie kämen angehetzt. Ich nutzte ihren Aberglauben aus, zumal für Schwächliche unter uns.

Kurz vor dem letzten Krieg ließ mich Ahab rufen und fragte, ob ich prophetisch sei. Der Siloer Midia hatte ähnliches verkündet. Ich erwiderte: ‚Ja, ich bin‘s, weil du mich geschlagen hast, ein Sohn Jakobs seinen Bruder.‘ Da höhnte er: die Hunde seien tot, und gegen Pfeile schütze ja ein Panzer. Mein Wort war unvergessen. Ich sagte: ‚König, der für dich geschnitzte Pfeil wird dich treffen; und sind es Naboths Hunde nicht, so sind‘s andere, die von dir nichts übrig lassen werden!‘ Da saß er klein auf seinem mächtigen Thron, wie eine ausgestopfte Puppe; und leer war sein Gesicht.

Ein junger Wärter, den ich nie gesehen hatte, führte mich rasch ab. Im dunklen Keller gab er mir plötzlich Münzen in die Hand und raunte: ‚Flieh, und laß dich hier nicht sehen, solange Ahab König ist‘ Ich war ganz verwirrt. Er zog mir sein sidonisches Waffenwams an und setzte mir seine Kappe auf. Unangefochten konnte ich die Burg verlassen. Ich wendete mich sofort dem Salzmeer zu.

Dort begegnete mir bald ein junger Mann. Seiner Frage, wohin des Wegs, entzog ich mich; denn Haft macht mißtrauisch. ‚Kennst du mich nicht?‘ fragte er. Es erhellte mich: Der Wächter! Wie einen Bruder umarmte ich ihn und wollte wissen, wie er so schnell nachgekommen sei. Er lächelte: ‚Das kann ich gut. Ich habe für dich vorgesehen. Denn da du aus dem öffentlichen Leben viele Jahre ausgeschlossen warst, findest du dich schwer zurecht.‘

Als ich erforschte, warum er denn für mich gerade sorge, erwiderte er: ‚Elia, der Mann Gottes, hat mich zu dir geschickt.‘ Da weinte ich heiße Freudentränen. ‚Er hat mein armes Weib gerettet‘, rief ich, ‚und mich hat er gleichfalls nicht vergessen! Warum es nicht früher geschah, sehe ich nun erst ein. Ich mußte noch durch manche Leidensschule gehen, um für GOTT heran zu reifen.‘ —

Der Jüngling brachte mich nach Kir-Moab am Bache Sered im Lande Moabit, verhandelte mit dem Fürsten, der sich leutselig zeigte und ordnete mein Leben wunderbar. Erst nach Wochen verließ er mich. Der Fürst forschte nach meiner Familie und nach dir, Elia. Vor Tagen kam der junge Sidonier wieder und sagte, ich solle nach Abel-Mehola reiten, da fände ich Gottes Huld. Sofort machte ich mich auf. Nun bin ich da! Der Herr hat mir eine Arbeit zugewiesen, dir, liebe Simalah zu helfen, bis dein Knabe erwachsen ist.

Ich habe eine Bitte. Elia, bringe doch den jungen Sidonier hierher. Es ist schade um ihn; der Aufseherposten scheint ihm nicht zu liegen.“ „Ganz recht, Maggoth. Nun — wir werden sehen, ob er mit DEM, der schon ganz nahe ist, sogar kommt. Darum Freunde, laßt uns zum Dorfhügel gehen. Es ist ein linder Abend; und unter Gottes hohem Himmel wird uns werden, als lebten wir in ihm. Liebe Frauen, die kleinen Kinder bringt zur Ruhe, die größeren dürfen mit.“

Das wird schnell befolgt, und die ‚Abel-Gemeinde‘, wie man sich in freundlichem Scherze selber nennt, pilgert bald danach auf die schöne Höhe, die östlich vor dem Dorfe liegt.

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