2. Kapitel
Sie sind über Giskala hinaus. Daselbst zweigt der Weg nach Kedes Sidon und nach Tyrus ab. Venitrius hält Rast und überlegt, wie etwa unauffällig abzuzweigen wäre. Auch Römer sind nicht frei von Neid und können Fallen stellen. Dem ist er ausgesetzt, biegt er einfach westlich ab. Vom Norden kommt ein Eilberitt gejagt, es sind einige Zenturien.
„Halt!“ ruft der Bannerträger und pariert sein schweißbedecktes Pferd. „Wo wollt ihr hin?“ fragt er Venitrius. „Nach Sidon, einen Gefangenen zur Galeere bringen.“ „Biegt ab! Längs der Küste gibt‘s genügend Schiffe, wo ihr euerm ‚Schützling“, hämisch ausgesprochen, „eine Ruderbank verschafft. Hinter Kedes brodelt es, ein Aufstand; die Unseren rollen ihn gerade auf. Noch weiß man nicht, wie weit der Herd sich ausgebreitet hat.“
‚Herr‘, dankt Venitrius im Herzen, ‚Du hast es wunderbar gelenkt; wir werden Patmos doch erreichen.‘ Zum Zenturio sagt er, wie sich überlegend: „Der Befehl lautete ‚nach Sidon‘.“ „Habt ihr den Tribun gesehen?“ „Er ist jetzt in Jerusalem.“ „Wir sind dorthin befohlen, um unterwegs noch andere Aufruhrherde aufzudecken, falls es welche gibt und den Tribun zu warnen. Ihm melde ich, daß du ganz unmöglich jetzt nach Sidon kannst, ohne wo in einen Hinterhalt zu fallen. Die Rebellen haben sich weit ausgebreitet und auch nach Tyrus mußt du Vorsicht walten lassen.“
‚Die läßt der Heiland walten.‘ Und laut: „Hast recht, alle unsre Schiffe brauchen Ruderer, da ist‘s egal, auf welche die Gefangenen zu bringen sind.“ „Außer seiner Wunde an der Stirn sieht euer Mann recht propre aus. Wieso denn das?“ fragt der Bannerträger. „Besondere Order des ‚Tribuns, die Ruderer soweit gut zu halten; sie sollen ja bei Kräften sein, sonst sind sie schon nach Tagen hin, bloß ein Fraß für Fische.“
„Der Tribun ist klug, ich nehme das für mich zur Kenntnis.“ Sie sprechen noch ein Weilchen und der ‚fliegende Beritt‘ rast weiter. Bald darauf ist er verschwunden. Venitrius ordnet an: „Wir schwärmen aus, in Sicht, den Gefangenen übernehme ich.“ Damit hat er seine Absicht gut getarnt, mit Johannes ab und zu ein Wort zu wechseln, ohne aufzufallen.
Man fängt versprengte Meuterer und liefert sie bei Wegstationen ab. Auf diese Weise wird der Ritt recht lang. Johannes, oftmals schon in Schau versenkt, flüstert: „Ich sehe einen Weg, dir wird noch jemand zugebracht.“ „Noch ein Jünger?“ „Ich weiß es nicht.“ Von Simeon weiß Venitrius, daß es Menschen gibt mit großer Überschau — voraus — zurück; und der Heiland, Den er lieben lernte, hat immer alles ganz genau gewußt. „Du bist Sein Jünger, Joanus, also wird es stimmen.“
Mit ziemlicher Verspätung kommen sie in Tyrus an. Als Sejananus, der Kapitän vom Ruderschiff ‚Cornelia‘, die Order hört, kratzt er sich das Ohr. „Wie soll ich denn nach Patmos kommen? Die Fahrtroute ist stets aufzuzeichnen. Zuwiderhandlungen kosten mich den Kopf und . . .“ „Hast du je den Herrn von Nazareth gesehen?“ „Nein, durch Cornelius glaube ich jedoch an Ihn.“
„Dann glaub‘ mal feste weiter!“ Venitrius erzählt, auf welche wunderbare Art der Weg nach Sidon abgeschnitten war, aber . . . „. . . auch der Tribun wäre in Gefahr, würde sich ergeben, daß er mit dem Jünger anders disponierte, als allgemein die Regel ist.“ „Wie heißt er denn?“ „Joanus, die Juden sprechen diesen Namen anders aus; aber das ist ja egal. Er ist ein Seher; und wenn er bei uns ist, kann uns nichts Übles widerfahren.
Ich segele mit; bei einigen vom Trupp ist Vorsicht angebracht.“ „Hab‘ ich auch bei mir. Die Sklaven — woher, ist mir schleierhaft — glauben an den Christus, der der HEILAND ist. Ich lasse sie trotz anderem Befehl bei Kampf auch niemals fesseln. Dadurch haben sie uns auch einmal gerettet. ‚Gott verbietet einen Mord‘, sagten sie, ‚doch wir mußten euch mit retten.‘ Kannst du so etwas verstehen?“ Venitrius nickt: „Fern von der Erde her, wie hat er mir geholfen! Wann geht es ab?“
„Ist abzuwarten. Der Wind streicht landeinwärts und wir haben einiges zu reparieren. Etwa in vier Tagen sind wir flott. Soll ich diesen Joanus den Sklaven zugesehen?“ „Nein, denn er ist nach Rom zu bringen, laut Befehl. Sind wir dann auf hoher See, kann er ohne Stricke bleiben; der springt nicht ins Meer. Das tut keiner, wenn man keine Küste sieht.“ „Hm“, brummt Sejananus vor sich hin, „bloß wie ich dann nach Patmos kommen soll? Warum gerade auf die kleine Insel? Ich habe zuviel ‚Römlinge‘ an Bord, kann den Kurs unmöglich einfach ändern.“
Er geht auf Johannes zu, der hingekauert liegt. „Steh auf!“, und leise: „Ich muß dich als Gefangenen halten, doch hast du meinen Schutz. Nur wie, das weiß ich nicht.“ „Das weiß der Herr“, flüstert es zurück. „Steuere Kreta an, der kürzeste Seeweg nach Italia.“ „Woher kennst du denn den Seeweg so genau? Warst du schon einmal auf dieser Fahrt?“
„Nein. Als ich das Schiff betrat, hatte ich ein Bild.“ Sejananus ruft absichtlich einem harten Burschen zu, auf Johannes zeigend: – „Der ist dem Kaiser vorzuführen, darf nicht halbtot vor dem Thron erscheinen.“ „Von mir aus? Kriegt er eben einen guten Fraß.“
Der Wind dreht sich dem Meere zu. „Morgen heben wir den Anker“, sagt der Kapitän, der mit Venitrius am Schiffsbord steht. Da kommt von der Stadt her eine Kavalkade, deren Pferde dampfen, als sie am Ufer halten. Der Zenturio springt ab, winkt heftig mit der Hand, und Sejananus läßt sich zu ihm rudern.
„Bist du der Tribun von der ‚Cornelia‘?“ „Ja!“ „Hier, die Rolle.“ Auch die Reiter sind erschöpft, zumal Nicodemus, der zur rechten Zeit die Zuflucht finden wird. Sejananus liest, was ihm Mühe macht. „Gut, dann reisen wir nicht wegen einem Mann. Welcher ist‘s?“ Der Zenturio zeigt auf Nicodemus. Ungesehen hat der Kapitän zwei Rollen ausgetauscht, die nach Rom und die des Schutzes. Letztere läßt er gelegentlich verschwinden.
Nahebei in der Osteria kann man sich erholen. Während der Zenturio von Jerusalem berichtet, sagt der Kapitän zu Nicodernus: „Du bist zwar ein freier Mann, noch jetzt, auf dem Schiff kannst du aber nicht ganz frei gelassen werden; ich habe die Verantwortung, zumal ich einen richtigen Gefangenen bei mir habe.“ Nicodemus merkt es gleich, um was es geht. Auch vertraut er dem Tribun, der ihm keine Falle stellte. „Die Gesetze auf den Schiffen sind mir nicht ganz fremd“, sagt er wie nebenher.
Wie staunt der Templer, als er Johannes sieht. „Du hier? Was ist geschehen?“ „Und du?“ fragt der Jünger. „Wie kommt denn das?“ Jeder sagt, was sich zugetragen hatte. „Meine Brüder“, zürnt Nicodemus, „ach — was sind sie denn, die unseren Tempel und das Volk zugrunde richten?“ „Du nicht mehr, ich werde es erleben, wie unser Juda . . .“ Sejananus gibt ein Zeichen. Sofort verstummen sie und bleiben ruhig sitzen, Johannes mit der leichten Bindung, die ihn nicht zu sehr behindert. Nicodemus frei.
„Seit wann“, fragt der rauhe Bursche, der nachgeschlichen kam, „läßt man Gefangene wie freie Männer auf dem Deck?“ Böse schielt er um sich. Sejananus erwidert: „Ich richte mich nach dem Befehl, verstanden?“ Ein Blick aus Stahl. „Der Freie ist ein hoher Jude. Du weißt nun Bescheid!“ Murrend geht der Bursche fort, hat es aber auf die beiden abgesehen. Oft taucht er auf, wenn sie sich gerade leise unterhalten. Nicodemus ist sehr wachsam, es gelingt dem Burschen nicht, sie zu bespitzeln.
Sie sind auf hoher See und steuern Rhodus an, das in zwei Tagen zu erreichen ist. Dort wird neuer Proviant genommen, Rudersklaven ausgetauscht, denn dann braucht man feste Leute. Einen Tag ruht man dort aus, wo sich Johannes wieder fesseln lassen muß; auf freiem Meer war er ohne Stricke. Er dankt seinem Meister, daß es ihm so gut geworden ist. Nicodemus tut‘s ihm nach.
Nun geht es Kreta zu. Noch ist man weit entfernt, ein widerlicher Wind, dem Sejananus nicht traut, drückt die Galeere ab. „Das sieht ungut aus“, sagt er zu den Männern, die die Segel niederlassen, sie würden sonst vom Wind zerfetzt. Noch ist die Galeere durch die Ruderer zu halten. Sorgenvoll sieht man aufs wildbewegte Meer. Es ist nicht mehr möglich, einen Kurs einzuhalten. Gegen Abend weiß man gar nicht, wo man sich befindet.
„Was sagst du dazu?“ fragt er Venitrius, der sorgenvoll die See betrachtet. Immer wieder fällt sein Auge auf Johannes, der sich wie Nicodemus an die Taue klammert. Der gläubige Templer hat ein wenig Angst. Er fuhr einmal zur See, da gab es aber keinen Sturm, zu dem der Wind längst umgeschlagen hat.
„Greift mit zu!“ ruft der Kapitän, „wir müssen Wasser schöpfen!“ Es ist schwer, auf dem so arg schlingernden Schiff nicht über Bord gespült zu werden. Einen rafft es hin, den wüsten Kerl. „Mann über Bord!“ Man wirft ihm Taue zu. Vergeblich. Johannes müht sich mit, obwohl er es schon ‚sah‘, daß der Unhold weggenommen würde, sollten nicht die Helfer: Cornelius, Venitrius und der Kapitän späterhin gerichtet werden — ohne Schuld. Mene tekel!
„Umsonst.“ Sejananus behält für sich, froh zu sein, daß er den Laurer nicht mehr um sich hat. Trotzdem trauert er, weil der Mensch so jämmerlich zugrunde ging. Die Nacht bricht an, kein Stern blinkt nieder. Fackeln haben keinen Zweck, sie können höchstens trotz der Regenbögen einen Brand entfachen. Dann wären allesamt verloren.
Gegen Morgen war nicht festzustellen, wohin der Sturm das Schiff getrieben hatte. Das Rudern war längst eingestellt, nachdem schon Schaufeln abgebrochen waren und sich die Sklaven an die Ruderbänke klammern mußten. Plötzlich hört das Toben auf, so daß die Galeere schier zerbricht. Sie ist so lädiert, wie nach einem Kampfe mit Piraten. Verständlich, daß Sejananus denkt: ‚Und da hab‘ ich einen Jünger Jesu mit an Bord.‘ Wo ist denn Seine Hilfe, wenn — —
Als die Sonne durch die Wolken bricht, die Dünung nur noch leise rollt, da dankt er doch dem ‚Herrn von Nazareth‘ und gedenkt der Geschichte, Jesu hätte einmal einen starken Sturm mit einem Wort gestillt. Er hatte es nicht recht geglaubt, was man einem Seemann nicht verargen kann. Jetzt hat er selber es erlebt. Niemals hatte sich das Meer so jäh gewandelt, daß dem Sturm im Handumdrehen eine gute Brise folgt.
Vor den Leuten sagt er zu Johannes: „Du hast dich gut geführt und mit geholfen, ich werde dir ein Zeugnis schreiben“, lassen, denkt er, weil ihm das Schreiben zu viel Mühe macht. „Der Kaiser wird dir dankbar sein. Darum halte ich dich nicht mehr als Gefangenen. Wer ist damit einverstanden?“ Alle Bordleute heben ihre Hand: „Er hat sogar zwei andere vor einem Sturz ins Meer bewahrt!“
Noch zeigt sich kein Ufer. Dem Stand der Sonne nach ist man von Kreta weit entfernt. „Nie noch hab‘ ich solchen Sturm erlebt“, sagt Sejananus. „Laßt uns danken, Gott hat uns vor einem Untergang bewahrt.“ Es ist nicht zu wehren, daß die Besatzung einen Altar baut, um Neptun Opfer darzubringen.
„Ich hätte lieber GOTT geopfert“, sagt der Kapitän zu Nicodemus und Johannes. „Lasse sie gewähren“, spricht der Jünger freundlich. „Sie wissen es nicht anders, sie danken also unserm Gott.“ „Sage mir, hast du dem Meer geboten und warum so spät? Ein Mann Verlust, die Galeere wie ein armes Huhn zerrupft und dem Untergange näher als der Rettung durch den Herrn.“
„Morgen kommst du an die Insel, die für mich vorgesehen ist; und keiner kann dich strafen, weil du nicht Rom erreichtest. Zweimal wurde uns der Weg verlegt, zweimal hat der Herr geholfen. Dir zu mal zum Zeichen: wohl hast du geglaubt, hast aber doch zu sehr auf deine Kraft vertraut, auf dein Können, und wie du selber alles richten kannst. Jetzt hast du erlebt, daß über unserm armen menschlichen Getue GOTTES WALTUNG steht.
Ich war dabei, als Er die See mit einem Wort besänftigte; unser Schifflein war am sinken. Er hat in dieser Nacht Sein Willenswort gesprochen und morgen weißt du, was es zu bedeuten hat. Halte an am Kurs, den du von Hoher Hand bekommen hast. Ich sage dir es nicht, zu deinem Heile, wo wir landen werden.“
„Der Sonne nach geht‘s nordwärts; genaues ist nicht festzustellen.“ Spät nachmittags versucht der Kapitän, die Galeere westwärts beizudrehen. Kaum sind sie bis zum Abend etwas abgekommen, rollen sich die Wogen wieder auf und drücken nordnordost. „Also nicht! Es gibt eine Waltung, und nun glaube ich es fest: der Herr von Nazareth ist unser GOTT. Er will mich besser leiten, als ich denken kann.“ Sejananus neigt sein Haupt.
Man treibt ruhig durch die Nacht. Als der Morgen herrlich aus den Wellen steigt, sieht man fernab einen Strich. „Land! Land“ jubelt alles und bessert schon die Schäden aus, soweit es auf dem Wasser möglich ist. Die Sklaven strengen sich besonders an; auch sie sind froh und danken ihrem ‚Herrn Christus‘. ER hat sie gerettet. Letzte goldene Sonnenstrahlen lenken schon das Schiff dem Hafen zu, der sich seit einer Weile zeigt.
„Das muß Patmos sein“, meint der Kapitän. „Wie sind wir denn hierher gekommen? Herr, Dir danke ich!“ Inbrünstig ausgesprochen. Es ist Patmos, von den Römern als wichtige Bastion im Meer erkannt. Von hier bekämpft man die Piraten und finden die Galeeren eine Rast. Die Küste ist stark ausgebaut; es gibt kleine Buchten, wo die Fischer wohnen, ein bescheidenes Inselvolk.
Ihren Fang verkaufen sie den Römern gegen Dinge, die sie auf der Insel nicht beschaffen können. Fleisch haben sie genug, sie haben Herden. Eine Insula des Friedens. Dafür sind die Fischer dankbar; seitdem die Römer auf die Insel kamen, sind sie ohne Überfall geblieben. Diese ‚Insula des Friedens‘ hat der Herr für Seinen Seher ausgewählt. Daß auch Nicodemus, der Ihn im Tempel oft verteidigt hat, hier seinen Lebensabend finden soll, dafür lobt derselbe bis ans Erdenende seinen Gott.
Ein Boot schleust die Galeere in den Hafen. Der Hauptmann von der Insel — die Besatzung wird oft ausgetauscht — schüttelt seinen Kopf. „Ihr seid ein Wrack, kein stolzes Römerschiff. Sagt, wie kommt ihr denn hierher? Na, erst mal sollt ihr ruhen und tüchtig essen; ihr seht alle mitgenommen aus.“
„Das sind wir allerdings!“ Sejananus berichtet, was sich auf dem Meere zugetragen hat. Indessen kamen die Besatzung und die Sklaven an das Land. Letztere, weil sie sich erholen müssen. Von der Insel kommt so leicht keiner weg, man läßt sie also völlig frei. Auch weiß der Kapitän, daß sie als ‚Jesuleute‘ sehr gehorsam sind. Nicodemus und Johannes nimmt man mit in die Osteria. Nicht begeistert schaut der Inselhauptmann auf die Juden.
„Was sollen diese hier?“ Mit den fremden Leuten gibt es meistens Scherereien, wie er die Erfahrung machte. Sejananus beruhigt ihn. „Wäre dieser nicht gewesen“, zeigt er auf den Jünger, „nie hättest du uns zu Gesicht bekommen, niemals Rom und niemand mehr. Die Tiefe wäre unser Grab gewesen!“
„Daß du nach dem Sturm ein wenig fabulierst, verstehe ich. Wer tut das nicht? Er sieht nicht göttlich aus. Oder ist er etwa gar ein neuer Gott?“ Es soll höhnisch klingen, aber vor dem Augenglanz des Jüngers schrickt er doch zurück. Etwas ist an ihm, und — nun ja, in Rom tauchen manchmal neue Götter auf.
„Ist er ein Besonderer, der andere auch“, Nicodemus ist gemeint, „was soll ich denn mit ihnen tun? Cornelius bin ich verbunden, er hatte mich vor einem Tod bewahrt, der — ich will darüber schweigen. Was er befiehlt, das führe ich auch aus. Mir ist es recht, kann ich für immer auf der Insel bleiben. Denn fein hatte es Cornelius gedreht: ‚Verbanne ihn — mich — für immer auf die Insel Patmos, so hast du — der Cäsar — ihn bestraft, ohne ihn zu töten. Den Tod hat er nicht verdient.‘
Dreimal wurden meine Legionäre abgelöst“, der Hauptmann sagt‘s versonnen, „ich bleibe bis ans Lebensende da. Mir kann nichts mehr widerfahren, und ich danke allen Göttern, die da sind oder gar nicht gibt. Ohne mich kommt man nicht fort, kein Inselmann verhilft zu einer Flucht. Außerdem können sie das nicht. Die Fischerboote sind für das offene Meer ganz ungeeignet. Von mir aus sind die Juden frei; in unserm turmartigen Gebäude können sie verbleiben. Da sieht es aus wie eine Haft.“
Johannes setzt sich neben ihn, greift nach der schwertgewohnten Hand, drückt sie und sagt: „Wir danken dir für deine Freundlichkeit. Ja, du bleibst auf dieser Insel und wirst viel erleben von dem dir unbekannten Gott, den ich dir bringen werde.“ „Sichtbar?“ versucht der Hauptmann einen Scherz.
Eine Lohe, die den Römer förmlich frieren läßt. „Merke auf: Mein Gott, mit dem andere und ich drei Jahre lang durchs Land gewandert bin und hat Wunder und anderes getan, hat mich hierher geführt und Nicodemus mit gerettet. Patmos hat der Höchste vorgesehen, und was werden wird, das liegt in Seiner Hand!“
Trotz Abwehr römischen Gebahrens ist ein ‚Zug‘ vorhanden; sogar Legionäre von der Insel sind begierig, was sich wohl ergeben wird. Venitrius berichtet, wie ihn ein Engel auf die ‚Bahn des Lichtes‘ brachte, mit dem verstorbenen Hauptmann Forestus, die rechte Hand des Tribuns, dem GOTT begegnet wäre, den der Engel angekündigt und den Cyrenius sogar angebetet hat.
„Wunder sind geschehen. Bei einigen war ich dabei, die der Herr getan, der den Namen JESU trug. Sogar Tote hat Er auferweckt: den Sohn einer Witwe, und einen Freund von Ihm.“ „Ah geh“, lacht der Hauptmann, „diese Toten waren gar nicht tot; die hatten bloß den tiefen Schlaf (Ohnmacht).“
Nicodemus mischt sich ein. „Ich sah, als der Heiland beide Tote auferweckte. Bei dem Jüngling dachte ich, er sei nicht tot, obwohl er starr gewesen war. Der andere, namens Lazarus, lag schon vier Tage in der Gruft. Hunderte von Zeugen traten dabei auf, als unser Hoherpriester diese Tat bestritt, es sei ein Betrug, ein abgekartetes Spiel gewsen.“
Der Römer fährt sich durch, das Haar. „Nie gehört! Keiner unsrer Götter würde das vermögen. Allein Venitrius, als Römer keinem Trugbild anheimfallend, ja, möglich, daß es —“ Ungewiß sieht er Johannes an. Dieser streicht ihm wieder sachte über seine Faust.
„Wir haben Zeit, du wirst erweckt. Was mich jetzt bedrückt: ich habe aufgezeichnet, was in der Lehramtszeit des Herrn geschah und wollte alles richtig niederschreiben.“ „Weshalb tust du es denn nicht?“ fragt Venitrius. „Ich würde deine Schrift studieren; was du nämlich schreibst, Joanus, ist wahrhaftig wahr!“ Ein seltenes um so wertvolleres Zeugnis eines Römers.
Der Jünger stützt die Stirne auf. „Als mich die Templer fangen ließen, war ich auf dem Wege zu Maria, der Leibesmutter Jesu, bei der meine Schriften lagen. Denn sonderbar — sie tastete man nicht an, andere Frauen waren mancher Drangsal ausgesetzt. Und so legten wir, was wichtig war, bei Maria nieder.“
Venitrius überlegt, wie er die Schrift beschaffen könne. „Wenn mir der Heiland hilft, Joanus, bekommst du deine Schrift. Cornelius erwartet mich in Jerusalem, und ich gehe mit ihm zu Maria. Auf Kalvarien konnte ich sie trösten, als ich nach jener widerlichen Kreuzigung, die ich nicht erlebte, Recherchen anzustellen hatte. Wäre ich dazu gekommen, ich hätte Kaiphas und seine ganze Brut getötet!“ Venitrius ist noch immer tief bekümmert, weil ein Römer, Pilatus, sich nicht durchgerungen hatte und —
„Freund, du hättest nichts erreicht. Ich verstehe dich, dein Herz entbrennt, wenn du daran denkst. Auch in uns, den Jüngern und noch vielen Leuten, brennt das Herz, aber neben allem Harm auch jubelnd: Im Opferblut des Heilands sind wir eingeschlossen, erlöst von unsern Sünden, befreit von jener Angst der Welt, die der Mensch sich selber zuzuschreiben hat.“ Der Jünger legt ihm beide Hände auf. „Du wirst dein Ziel erreichen und alsbald wieder hierher kommen. Fahre hin in Frieden!“ Das klingt wie ein Heilandswort.
Jeder ist berührt; auch Nikodemus, der dem Heiland oft ins Auge sah und wußte niemals hinterher, wie ihm geschehen war, sieht, wie der Seherblick des Jüngers über alle gleitet. Niemand hatte es bemerkt: die Rudersklaven stehen lauschend an der Tür, spüren diesen Segen und knien nieder — arme Burschen, weiße, braune, schwarze, freudenvoll, von aller schweren Last befreit. Ja, erlöst sind sie und frei in ihrer Seele. — —
Die Galeere liegt bereit. Man hißt die Segel. Der Wind weht so, wie man ihn braucht und die Ruderer erleichtert. Am letzten Abend finden Sejananus und Venitrius Jesu Jünger am Ufer sitzend. Seine Augen schweifen übers Meer, und es steigen Bilder auf, noch verhüllt. Sie bedrängen ihn und er ist froh, als er angesprochen wird. Der Sand ist weich, die Luft so herrlich lind, nachdem des Tages Hitze sich verflüchtet hat. Vom Wasser wehen leichte Brisen. Venitrius sagt, mit Dank erfüllt:
„Joanus, du hast mich gesegnet, also sehen wir uns wieder. Ich freue mich darauf.“ Ein abgrundtiefer Seufzer. „Auf Patmos möchte ich verbleiben, würde mich Cornelius nicht brauchen. Er sehnt sich ebenfalls nach Ruhe und nach Frieden.“ Johannes lächelt; er sieht das Bild schon klarer, sagt aber bloß: „Was uns widerfährt, führt Gott, der unser Herr und Heiland ist. Seid nur getrost und hofft auf Ihn, ER macht alles wohl!“
„Bei mir auch?“ fragt Sejananus. „Wisse, aus dem mir anvertrauten Schiff würde ich gern eine Insel machen, eine fahrende, weil‘s nicht anders geht. Mir wäre recht, ich hätte lauter Jesu-Leute.“ „Deine Untergebenen sind brav, brav geworden, nachdem der Hetzer sterben mußte. Mir tut seine Seele leid, die ohne Licht dahingegangen ist. Für dich war es Gottes Rettung. Brauche ich dir mehr zu sagen?“ Der Römer nickt. Ein Urteil ist so rasch gefällt, und man ist — — „Die Wenigen“, unterbricht Johannes das Bedenken, „stehn zu dir, auch wenn dein Schiff ein ‚Jesu-Schiff‘ geworden ist. Handele klug, der Glaube wird dir helfen.“ —
Die Sonne steigt empor. Viele Insulaner kommen an den Hafen. Sie bringen Körbe voller gut gedörrter Fische, die man gleich verstaut. ‚Ob ich hier noch einmal landen werde?‘ Johannes winkt Sejananus zu, hellen Blickes, so daß jener ruft: „O jaja, ich weiß, sicherlich dann ohne Sturm!“
Der Römer wird sich später oftmals wundern, wie sein Leben samt dem Schiff um viele Daseinsklippen segelt. Jene seiner Leute, die Römer bleiben, stören nie, wenn er befiehlt: Gottesdienst und ein gutes Wesen. Die Sklaven, sämtlich Christen, bleiben frei. Bloß wenn man ankern muß, werden sie leicht angekettet. Sie lassen es sich gern gefallen; so werden sie vom ‚Schiff des Friedens‘, wie Patmos die ‚Insula des Friedens‘ ist, nicht weggeholt.
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