1. Kapitel
Wenn der Herr die Gefangenen von Zion erlösen wird,
werden wir sein wie die Träumenden. (Ps. 126, 1)
Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen
und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben. (Ps. 126, 6)
„Gehst du mit dem“, ein Legionär zeigt auf den Gefangenen, dem die Hände auf dem Rücken festgebunden sind, dessen Strickende er in Fäusten hält, „nicht zu glimpflich um? Pilatus hat befohlen . . .“ Der Angeredete, ein Unterführer, erwidert barsch:
„Juda liegt schon hinter uns. Nicht Pilatus, der das angeordnet hat! Durch die sonderbare Kreuzigung, ihm abgezwungen, na — lassen wir es sein. Jedenfalls ist verantwortlich der Kaiphas, in dem mehr Härte wohnt, als in allen Legionären einer unserer Legionen. Seht“, sagt er zu den drei ihm Unterstellten, „ich habe einen Sohn, so alt wie dieser.“ Mit der Fußspitze deutet er auf den Gefangenen, der am Wegrand niederbrach.
„Auf, weiter! In Sidon wartet die Galeere, es fehlen Ruderer und dort liefern wir ihn ab; dann ist für uns die Sache abgetan.“ Denkst du wirklich, alter Römer? In dir wohnt ein weicheres Gemüt, doch Befehle sind Befehle. Er hilft dem Gefangenen aufzustehen, der mit gebundenen Händen dazu behindert ist. Auf der Stirne klafft auch eine große Wunde, das Blut sickert in das rechte Auge und ist schon völlig zugeklebt. Der Römer gibt ihm einen Becher Wasser, weniger aus Mitleid, sondern daß er endlich den Gefangenen weiterbringt. So marschieren sie dahin, zwei drei Stunden, in der Hitze eines frühen Nachmittags.
Von ferne sieht man Staub, der emporgewirbelt wird. Das könnten Reiter sein. ‚Wenn die Pferde übrig haben, nehmen wir sie weg‘, nimmt sich der Unterführer vor. Schon zeigt sich der erste Mann, gerüstet, hinter ihm die kaiserliche Feldstandarte. Schreck, wer kommt denn da? Er heißt die Legionäre an den Wegrand treten, den Gefangenen neben sich. Nun, es mag kommen wer da will; er hat den schriftlichen Befehl bei sich und ihn geht die ‚ganze Sache‘ auch nichts an.
Der Erste vom Beritt forscht die Gruppe aus. Noch von Cyrenius her hat er einen Siegelbrief, ‚alle Anhänger des Jesu von Nazareth nach Möglichkeit zu schützen‘. Cyrenius lebt nicht mehr, doch sein Neffe, Cornelius, besitzt die Schrift; und er ist‘s, der des Weges kam. Er ist vom Dienst befreit, besitzt jedoch noch die Befehlsgewalt. Auch er ist schon älter, allein immer noch so rüstig, um verschiedene Ämter auszuführen.
Er betrachtet den Gefangenen. Verunstaltet durch die Wegstrapazen und die Wunde, aus der es weiter sickert, ja — wer soll da jemand wiederkennen? Cornelius springt vom Pferd und geht auf ihn zu. „Wie heißt du?“ fragt er freundlich. Der Gefangene hebt den Kopf, in seinem Auge einen hellen Glanz. ‚Wie bei dem Heiland‘, durchzuckt es Cornelius. „Fürchte dich nicht!“
O, dieses herrliche ‚Fürchte dich nicht!‘ hat der Herr so oft gesagt. Auf dem Weg war wohl die Angst gekommen, wie der Heiland sprach: ‚In der Welt habt ihr Angst . . .‘. Aber: ‚Seid getrost, ICH habe die Welt überwunden für euch!‘ So war neben aller Angst die Gläubigkeit geblieben, daß ‚sein Heiland‘ auch die Stricke lösen kann, wenn es zu irgend einem Heil geschehen soll.
Offenes Bekenntnis: „Ich bin ein Jünger Jesu von Nazareth, der jüngste unter ihnen.“ „Der Jüngste? Bist du Joanus (Johannes), mit dem ich manchesmal gesprochen habe?“ „Du sagst es, edler Römer, ich bin‘s!“ Genau so, wie der Herr zur Meute sprach, die in Gethsemane Ihn fangen sollte: ‚Ich bin‘s!‘
„Der Befehl!“ Klirrend klingt die Stimme, die dem Unterführer in die Knochen fährt. „Hier!“ Stimmt, Pilatus hat schon wieder mal — Freilich, wieviel ‚Ratten‘ den benagen, da steckt bloß dieser haßerfüllte Kaiphas dahinter, der — der kann was erleben! „Wer hat dir die Wunde beigebracht?“ Der Feldscher hat schon den Befehl, sie zu reinigen und zu verbinden.
Jesu Jünger entschuldigt die Bewacher. „Niemand, ich bin gestürzt und auf einen Stein gefallen.“ Daß man ihn nicht leitete, verrät er nicht. Da staunen selbst die Römer. Er konnte anders sagen. Und Cornelius hätte dieses streng bestraft, weil seit dem Aufruhr, den die Kreuzigung des Herrn hervorgerufen hat, die höchste Weisung kam
— mindestens zunächst —‚ keine Repressalien auszuführen und so — auch zunächst — die Jesu-Leute ungeschoren lassen, was freilich in Judäa unterbunden ward.
Die Jüngerschar war nach Norden ausgewichen, nach der Ausgießung des Heiligen Geistes. Nur Johannes blieb bei Maria und den anderen Frauen (Luk. 8, 2-3), um oft nach Golgatha hinaufzugehen, wo ein Stein den Stand vom Kreuz bezeichnete. Niemand hat gewagt, diesen Stein hinwegzuwälzen, wie die Engel jenen an des Grabes Tür.
„Rast!“ Cornelius nimmt Johannes seine Fesseln ab und läßt die blutenden Gelenke von dem Arzt behandeln. Ohne jede Disziplin nicht zu gefährden, kann er Pilatus nicht umgehen. Bei seinen Offizieren befindet sich Venitrius; denn Forestus, der Getreue, ist bereits gestorben. Venitrius glaubt gleichfalls an den Herrn. Diesem winkt Cornelius zu. Sie beraten sich allein.
„Ich hab‘s! Dich, Venitrius, hätte ich zwar gern bei mir, allein — der Schutz des Joanus geht vor. Du übernimmst die weitere Führung mit sechs Verläßlichen und bringt ihn fort. Ihr biegt ab, weil ihr ‚wegen irgend einer Sache‘ nicht nach Sidon kommt. Ihr nehmt den näheren Weg nach Tyrus.
Dort ist mein Schiff, das meinen Namen trägt. Der Kapitän gehört zu uns. Ihm bringst du die geheime Anweisung, Patmos anzusteuern, offiziell aber Rom. Es wird sich schon ergeben; denn GOTT tut große Wunder (Ps. 77, 15), daß ihr Rom nicht erreicht. Du bleibst, bis eine Rückfahrt möglich ist. Die sechs bleiben als Bewacher dort. Somit kann ich‘s vor dem Kaiser richten, ob Joanus zeitlebens auf Patmos bleiben muß — zu seinem Schutz.“
„Das gab dir der ‚Fern von der Erde her‘ [VH1] ein“, freut sich Venitrius. „Gib mir ein Pferd, wir können den Gefangenen“, das sagt er absichtlich laut, „nicht laufen lassen, da kommen wir zu spät nach Sidon.“ „Hm“, auch Cornelius spricht laut und geht wieder zu dem Gros der Truppe, „an sich ist‘s nicht erlaubt. Allerdings — ihr kämt zu spät, und müßte dieser gehen“, er deutet auf Johannes, „so stirbt er unterwegs und unserm Rom geht ein Galeerensklave wieder mal verloren.“
Er übergibt formell den Befehl des Prokurators an Venitrius, jeder sieht es, und die bisherigen Bewacher nimmt er in seine Truppe auf. „Ihr seid müde“, meint er heiter, „habt eine weite Strecke hinter euch; geht zur Bagage, da ruhen eure Füße aus.“ Sie sind dankbar und der Unterhauptmann extra froh, daß er diese ‚Last‘ von seinen Schultern wälzen kann, richtiger von seiner Seele. Das weiß er bloß noch nicht.
Johannes würde den Tribun umarmen, der schon Thomas rettete [VH2], aber Kaiphas darf nicht erfahren, was hier vorgegangen ist; der hat genügend ‚Schleicher‘ bei dem Kaiser. Nur das Auge leuchtet einmal auf. Der Römer dreht sich um, viele Blicke lauern, und die meisten Legionäre sind durch all die Kriege rauh geworden; denen kommt‘s auf einen Menschen überhaupt nicht an. — —
Neue Sorge in Jerusalem. Pilatus steht im Recht; als er jedoch hört, was Cornelius vom Kaiser meldet, wird er ziemlich klein. „Du bist nicht mehr bestens angeschrieben und der Kaiser sprach: ‚Wegen eines Juden, kein Rebell, wie mir zu Ohren kam, zerstört Pilatus die Bastion! Ich will kein zertrümmertes Judäa, es soll ein fester Stützpunkt sein. Aber so —‘ Er war sehr zornig. Erst, als ich ihm die ‚Ratten‘ schilderte, die dir diese Suppe brauten, ward er etwas milder. Glaube aber, du wirst abgesetzt.“
„Mir egal! Ich will froh sein, wenn ich dieses ‚Loch Jerusalem‘ verlassen kann und bin dem Kaiser dankbar, wenn er mich verbannt.“ „Ich an deiner Stelle wäre gleichfalls froh, es ist kein ‚Simeon im Tempel‘ da, ansonst — Ein Bann kann dich nur heiter stimmen.“ „Wie man‘s nimmt“, seufzt Pilatus. Über Simeon befragt, erzählt Cornelius gern aus jener Zeit.
Pilatus horcht begierig zu. „Den hätte ich gebraucht, als das mit dem JESUS war. Glaube mir, Tribun, ich hätte Ihn so gern gerettet; man hat mich einfach überfahren. Das Volk war aufgehetzt, nicht nur gegen diesen Nazarener, sondern gegen mich und — — gegen Rom. Das stand im Vordergrund!“
„Gewiß. Sei nicht traurig, wenn du abberufen wirst. Du bekommst von mir zwei Höhere aus dem Stabe des Cyrenius, die an den Heiland glauben, und die helfen dir.“ „Wie heißen sie?“ „Markus, ein feiner Politiker, der andere Marcellus, war des Quirins erster Adjutant. Du kennst sie doch?“
„Ja, und ich danke dir, Tribun. Auf den Simeon besinne ich mich auch, ich kam mal mit ihm zusammen, hier in diesem Raum.“ Er zeigt rundum. Cornelius lacht: „Auf meine Rüstung bist du aufgeprallt, als du Wachen rufen wolltest. Damals warst du jung. Warte ab, wie alles kommt. Marcellus ist in Silo stationiert, ich sandte Boten, sich bei mir einzufinden. Er kommt gern zu mir. Jetzt“, Cornelius steht auf, „gehe ich zu Kaiphas, dem Hohenpriester. Haha, für mich ist der was anderes als ein Priester!“
„Er hätte seit der Kreuzigung des Nazareners einen bösen Geist.“ „Geist? Sein Gewissen ist‘s, das ihm keine Ruhe läßt!“ „Ob Gewissen oder Geist ist mir egal. Dem habe ich es zu verdanken, daß ich — Ein stolzer Römer, ein hohes Ziel und nun — abgesägt, verbannt, das Ehrenkleid genommen. Oh oh — —
Mit harten Schritten, zornerfüllt, zwei Getreue hinter sich, geht der Tribun dem Haus des Hohenpriesters zu. In den Tempel, wo einst Simeon und Mutter Hanna waren, mag er nicht, da sind zuviel ‚Würmer‘ drin. Auf dem Weg hierher ist er in Bethlehem gewesen, allein in jener Grotte, wo er das Herrlichste erleben durfte, was sein ganzes Wesen füllt. Eine stille Andacht hatte er gehabt und gespürt, wie es ihn umwehte. Er läßt sich melden ‚im Befehl des Kaisers‘. Auch ein Kaiphas ist dem nicht auszuweichen.
„O, der Tribun! Welche Ehre!“, heuchelt er und trägt selbst Wein herbei. Cornelius schiebt ihn weg. „Was ich mit dir zu reden habe, Kaiphas“, er unterläßt den Priestertitel, „ist so ernst, da nutzen die Gebärden nichts! Wo ist die Rolle, die der Kaiser dir gesendet hat, nach dem ‚Mord‘ am Nazarener, der doch der MESSIAS war?, wie eure Schriften künden?“
Kaiphas tut wie verwundert, in den Augen flackert kurz die Angst. Cornelius sieht und rügt: „Du weißt‘s genau, um was es geht, hast das Volk verhetzt, keineswegs bloß gegen diesen Wundertäter! Nein, gegen Rom! Deine widerlichen Schleicher konnten wenig richten, es klärten echte Zeugen unsern Cäsar auf.
Du bekommst die Order, nicht gegen Rom zu hetzen, wenn du nicht willst“, eine schwere Drohung, „daß über kurz oder lang der Tempel samt Jerusalem versinkt! Uns täte leid, den Tempel einzuäschern; streust du aber weiter deinen Samen aus und er geht auf, dann ist Jerusalem verloren, mit ihm das ganze Volk!“
Kaiphas erschrickt. Er hat von seinen Heimlichen vernommen, daß in Rom nicht alles so verlaufen ist, wie man sich ersonnen hatte. Doch schief lächelnd beteuert er: „Man hat den Kaiser fälschlich unterrichtet, ich halte ihm die Treue und . . .“ „Lüge mich nicht an!“ Cornelius, wieder mal der ‚liebe Brausekopf‘, springt hoch. „Tue was du willst, du alter Heuchler! Vielleicht sind deine Tage schon gezählt! Merke auf: ehe Rom Jerusalem verläßt, ist zuvor dein Volk vertrieben! Und wer weiß, wann es einmal, bunt gewürfelt, wieder Einzug halten kann oder nicht!“
„Bist du ein Prophet?“ höhnt Kaiphas. „Ich kenne die Propheten besser, als du es ahnst. GOTT wird euch ‚weder Wurzel noch Zweige lassen‘ (Mal. 3, 19)! Das hat der Meister, der viele Wunder tat, sogar bestätigt (Matt. 3, 10). Du mußt die Worte wissen! Oder nicht?“ „Seit wann bist du in unsern Schriften so bewandert?“
„Was geht‘s dich an? Sieh zu, wie du verfährst!“ „Glaubst du an den —“ „Was geht‘s dich wieder an? Du hast eueren Schriften nicht geglaubt, hast den HERRN verleugnet, wie man den Messias nennt. Du merkst noch heute, was Rom zu unternehmen weiß!“ Grußlos geht der Römer fort. Mit dem Wissen bleibt ein Mann zurück: er hockt auf einem Feuerstoß; nur eine Fackel, und — —
Cornelius sieht wie in Vision die Flammen lodern, hört das Weinen vieler Kinder, sieht den Tod der Mütter, die Männer, in den ‚Moloch Krieg‘ gerissen. Er muß trotzdem seines Amtes walten, befiehlt den Truppen, gegen Abend, wenn die Stadt lebendig wird, vor dem Tempel anzutreten. „Du nicht, Pilatus, für dich ist‘s besser, du bleibst der Sache fern.“ „Dank dir, weil du mich entlastest und — ich bin krank.“ „Mein Arzt soll nach dir sehen, wenn du willst.“ „Gern, ich kann mir nicht mehr helfen.“
Die Stunde. Schon der Aufmarsch des Jerusalemer Gros, die Truppe des Tribuns, zu der zwei Zenturien aus der Nähe herbefohlen sind, lassen alles kriegerisch erscheinen. Das Volk will in die Häuser flüchten, doch es ist bereits umstellt und man muß hören, was des Cäsars Stellvertreter spricht.
Es sind schwere Worte, doch wer will, hört die gute Mahnung des Tribuns heraus, die des Herrschers Willen mildern. Der Römer mahnt zur Ruhe, sich nicht auf Höhere zu stützen, denn „Bedenkt: wir sind stets gerüstet. Zwei Legionen sind im Anmarsch, niemand hält sie auf als ihr allein. Bewahrt ihr Ruhe und die Treue, ihr wisset ja, wieviel Erleichterungen zugebilligt wurden, da könnt ihr euer Land behalten, solang ihr euch bewährt!
Ich — ein Römer — sage hier ein offenes Wort, das keiner meinem Kaiser hinzutragen braucht; ich sagte es ihm selbst! Lügner“, sein Adlerblick, vom Alter nicht getrübt, fliegt zur Gruppe, die — wie wurde das geführt? — von Söldner abgeriegelt ist, „kommen nicht beim Kaiser an!“ Es sind Pharisäer, eingeschworene Leute des Hannas und des Kaiphas, von denen einige in Rom gewesen sind und Pilatus jene böse Schlinge legten.
„Ihr habt den Messias hingemordet, nicht Pilatus! Das abgefeimte Spiel, Jesu auszuschalten, weil Er den Tempelrat entlarvte, sollte Rom betreffen! Geirrt!! Ob ich an Ihn glaube, ist meine Sache ganz allein. Einer meiner Knechte war erkrankt; ich ging zum Herrn und bat, ihn gesund zu machen, aus der Ferne — wohlgemerkt, weil ich es wußte, was IHM möglich war (Matt. 8, 5-10). War es nicht für euch beschämend, daß ich — der Heide — Ihm mehr Glauben schenkte, den Er hier bei euch nicht fand?!
Sehet zu, wie ihr mit dem auferstandenen Heiland fertig werdet. Aber hütet euch, gegen unsere Kriegsmacht vorzugehen! Wir wollen euch beschützen, wir beschneiden eueren Handel nicht . . .“ „. . . weil ihr unseren Handel braucht!“ wagt jemand laut zu rufen. Schon wird er gebunden fortgeführt. Der Jude sieht den Römer trotzig an. Er hat Mut, denkt Cornelius, was ihm eigentlich gefällt. Darum geht‘s nur nicht, was ihm gefällt.
„Abführen, ins Tribunat!“ „Wenn du diesen tötest“, schreit ein Pharisäer, „so sollst du niemals Ruhe haben! Wir haben eine andere Macht, die unseres Gottes . . .“ „. . . den ihr getötet habt!“ Des Tribuns Gesicht verfinstert sich. ‚O du, fern von der Erde her, hilf, meinen Brausekopf bezwingen‘, fleht er innerlich. Roms Rechte sind jedoch zu wahren, deshalb gebietet er.
„Ins Tribunat mit ihm! Ob ich jemand töten lasse oder nicht, geht euch nichts an. Ich bin kein Kaiphas, Herodes, Hannas oder Judas, merkt euch das! In Kürze kommen fünf Kohorten her; seid ihr ruhig, wird niemand drangsaliert. Wie ihr euch verhaltet, werden sich die Truppen auch verhalten. Die Kohorten werden in Judäa eingesetzt. Unternehmt ihr nichts, alsdann werde ich im Auftrag meines Kaisers nach und nach euch weiterhin entlasten. Richtet euch danach!“ Ein Zeichen, der Kordon zieht ab.
In Gruppen bleibt man an den Gassenecken stehen, was Cornelius gewähren läßt, allerdings mit Überwachung. Die Templer ziehen sich sehr rasch zurück und beraten hin und her. Was nützt ihr Rat? Die Römer sind in Übermacht und — nie zugegeben — unter dem Tribun gab es schon einmal eine gute Zeit trotz Feindbesetzung. Ja, damals blühte eigentlich das Land erst wieder auf und ist gut gewesen, bis „— der Nazarener kam! Dem ist‘s zu verdanken, daß wir wieder ungerecht behandelt werden. Messias! Ha, und ließ Sich kreuzigen!“ Kaiphas verliert die klare Sicht.
Da steht Nicodemus auf, den selbst Kaiphas nicht mundtot machen darf. Er berichtet, wie er als junger Mensch einst in die Irre ging und ein ‚Engel‘, der als Simeon im Tempel aufgezeichnet steht, ihn umgewandelt hat, daß auch er den Herrn erkennen konnte. „Nie“, sagt Nicodemus, „fand ich jemals einen Menschen mit solch hohem Wissen, mit solch unerhörter Güte, wie der HERR besaß!
Ich war erschüttert, als ich bei der Rückkehr der mir aufgezwungenen Reise hörte, daß ihr“, deutet er auf Kaiphas, „den Heiland kreuzigen ließet. Ihr habt gefordert: ‚Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!‘ O ihr Toren! Was habt ihr getan? Ihr bestreitet es, daß Jesu auferstanden sei; doch ich war dabei, als Er gen Himmel fuhr. Das war so wunderbar — man kann es nicht beschreiben; es ist bloß zu sagen: ‚Es ist geschehen!‘
Ich weiß, warum der Kreuzestod geschah, dennoch klebt an eueren Händen GOTTES BLUT! Weh euch und euren Kindern! Hetzt ihr weiter statt froh zu sein, weil der Tribun zu uns gekommen ist, statt ein Naxus, ein Pompejus, es würde mich nicht wundern, wenn ihr diesen Römerfreund vergrault! Und dann — „Was? Ein Römer? Wir haben keine andern Freunde als uns selbst!“
Eiskalt die Stimme Kaiphas. „So? Da kennst du nicht mal das Gesetz des Mose, obwohl du manche Rolle herzuleiern weißt; die Worte, nicht den Sinn! O, ich wundere mich nicht, versetzt sich Juda selbst den Todesstoß — allerdings durch euch, die ‚Mietlinge, die keine Hirten sind‘, wie der Heiland einmal sprach (Joh. 10, 12).“
„Fort, Verräter!“ Kaiphas hat seinen bösen Tag. Unablässig steht das Antlitz des Gekreuzigten vor ihm. Nicodemus ahnt, seine Tage sind gezählt, bleibt er in Jerusalem. Er geht hinaus. Zweie folgen ihm. Draußen fassen sie ihn an. „Du mußt fliehen, es sind Häscher aufgestellt. Geh zum Römer, der kann dich beschützen. Wir haben auch den Herrn erkannt, wollen aber bleiben, um notfalls weitere böse Taten, die bei uns geschehen, aufzudecken und zu unterbinden, soweit wir es vermögen.“
„Dank, liebe Brüder, der Herr beschütze euch!“ Gerade kommen ein paar Legionäre. Nicodemus spricht sie an. „Es ist sehr wichtig, den Tribun zu sprechen. Bringt mich hin, ich suche seinen Schutz.“ „Das ist mal was Neues“, lacht einer. „Von wem wirst du verfolgt?“ „Ich darf‘s nicht sagen, bloß dem Tribun. Durch ihn, wenn nötig, wirst du es erfahren.“
Zwei Dunkle grinsen hinterher. „Erledigt; den brauchen wir nicht umzubringen. Sich Rom auszuliefern — na, da wird der Oberste sich freuen.“ Sie schleichen in den Tempelhof zurück. Kaiphas belohnt sie gut. Er atmet auf, wenn auch Nicodemus ihm entronnen ist. Der Querulant ist fort. Die Bürde bleibt. Ein Raunen um ihn her: ‚O, gekreuzigt, dennoch auferstanden, weil ein GOTT nicht stirbt! Er verlangt von dir die Abrechnung!‘ Weh, wie kann man entfliehn? Der Wein betäubt; also her damit — —
Und beim Tribun? „Kaiphas? Wenn ich den zu fassen kriege, der kann sich gratulieren! Ich bin nicht hart, Nicodemus, nur den —“ Betrübtes Nicken. „Juda ist ihm ausgeliefert und — dem Untergang geweiht.“ Das denkt Cornelius auch, schweigt jedoch, er will das Herz des Ehrlichen nicht beschweren. „Was mache ich mit dir? Äußerlich muß ich Römer sein, innerlich— der Herr verzeihe meine Halbheit.“ „Es ist keine Halbheit“, tröstet Nicodemus. ‚Als Römer kannst du Bessere bewahren. Weiß man, wie vielleicht der nächste Herrscher handeln wird?“ Wie gut, daß es noch keinen Nero gibt.
Plötzlich kommt Cornelius ein Gedanke. „Nicodemus, läßt du dich gefangen nehmen?“ Ein Weilchen stutzt der Templer. „Dir vertraue ich, nächst dem Heiland mehr als einem meines Volkes.“ „So du einverstanden bist, laß dich auf eine Insel bringen? Da gibt‘s keine Mörder, des sei gewiß.“ Er verrät nicht, ihn Johannes beizugeben. Noch ist es zeitlich möglich.
„Ein Eilberitt bringt dich gleich fort. Vielleicht sehen wir uns wieder; wenn nicht: sei dem HERRN befohlen, wie ich Ihm mich selber anbefehlen will.“ „Er behütet dich, Getreuer!“ Ein Händedruck. Die Wachen treten ein, die Insgeheimen. Der Lauscher wegen, die leider immer lungern, heißt es laut und streng:
„Dieser alte Jude wird nach Rom gebracht. Da wir ihn als Zeugen brauchen, ist er nicht zu peinigen. Eiliger Beritt nach Sidon. Du triffst meinen Hauptmann an, Venitrius; ihm übergib den Mann und eine Rolle, die ich schreiben werde. Das kaiserliche Siegel achtet jeder Heeresführer. Dann“, kaum gehaucht, „nach Tyrus.“ Der Zenturio wiederholt laut den Befehl. Nach einer knappen Stunde haben zehn rasche Reiter längst Jerusalem verlassen, den Templer in der Mitte und in einen schlichten Mantel eingehüllt, der keine Nationalität erkennen läßt.
Kaiphas läßt verkünden, Nicodemus sei gestorben, er wäre krank gewesen. Man hält ihm die Gedächtnisrede. Gescheitere flüstern: „Fort- oder umgebracht, ganz gleich von wem, war ja ein Nazarener.“ Der Nazarener aber geht im Volke um. Wie wird noch hin und her gestritten, hochgehoben als ein Gott, und — verdammt: „Er hat Seine Wunder mit Beelzebub getan!“ (Matt. 12, 24)
Die Menschen kommen nicht zur Ruhe. Mehr und mehr wird es von den eigenen Hohen, die das Hetzen nicht verlernen, und der römischen Besatzung aufgerieben. Letztere gezwungen, weil sowohl der Tempel wie die anderen Einflußreichen sich erheben. Man braucht sich also nicht zu fragen, weshalb es wieder neue Härten gibt. Und beides, die Härten und die Hetze, sind der Mühlstein für das arme Korn, das ‚Volk Juda‘ heißt.
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