13. Kapitel
Ein paar Wochen sind vergangen. Der Jünger ruft die Turmgemeinde oft zusammen; auch ein paar Außenseiter melden sich, die zwar bei ihrem sogenannten Heidentum verbleiben, doch aus Jesu Lehre manches Gute anerkennen. Cornelius sorgt im Weltlichen für beste Ordnung, für das Geistige sorgt der Seher Gottes. Mancher ließ sich taufen, auch der Tavernenwirt. Unter den Bewohnern auf der Insel herrscht der wunderbarste Friede.
In der Welt, hier ist dafür Rom zu sagen, gehen Terror und der Tod in fesselloser Form umher. Dennoch hat Scubatus die drei Briefe ordentlich besorgt. Er traf Maria mitsamt der ‚lieben Frau‘, wie Johannes seinen zweiten Sendebrief begonnen hat; zu ihr, als der Römer in Kapernaum verweilte, kam auch gerade Thomas an. Er konnte es versprechen, den Brief für die Gemeinden abzuschreiben, weitere Schreibkundige würden gern mit helfen, um den Brief weitgehendst zu verbreiten.
Der Dekurio ist erfreut, besonders, weil er Gajus fand, und dann dieser, von Cornelius zu hören. „Weißt du, in Rom geht‘s ziemlich drauf und drunter, es fällt gar nicht auf, wenn ich für eine Zeit verschwinde; zudem bin ich nicht fest dienstverbunden. ‚Man‘ ist in Rom mit anderem beschäftigt, was Cornelius wissen muß; er kann sich danach richten.“ „Schwer?“ fragt Scubatus. „Wie man‘s nimmt, gut ist es auf keinen Fall.“
„Dann nichts wie auf nach Patmos!“ Auf die Frage, wie es daselbst wäre, heißt es kurz: „Komm und sieh!“ Als sie in Tyrus in den Hafen kommen, liegt die ‚Cornelia‘ bereit. Kapitän Sejananus, der beim Hafenmeister war, begegnet ihnen, als er, wie diese, zum Anlegehafen gehen will. Er wird gleich befragt.
„Wieso bist du jetzt in Tyrus? Hier, das ist Gajus. Kennt ihr euch?“ „Noch nicht“, sagt dieser. Als er hört, daß Sejananus der Kapitän des Schiffes ist, forscht er ihn aus: „Fährst du ab?“ „Sobald ihr könnt. Man hat mit mir geschimpft, weil ich seit einer Woche „einen Anlegeplatz blockiere“. Nachdem ich mit der Proviantgaleere angekommen war, gab Cornelius keine Ruhe, ich mußte alsbald wieder fort. Und Joanus hatte mir gesagt: ‚Steuere Tyrus an, du triffst Scubatus und den Gast.“
„Wer ist Joanus?, und wie konnte der denn wissen, daß wir — daß ich . . .“ „Laß dir wieder sagen: komm und sieh!“ Der Kapitän nickt dazu mit ernster Miene. „Aus euch werde jemand klug!“ Er muß erst sehen oder hören, was sich tut. „Hättest du auf uns gewartet? Auch noch länger?“ Sejananus lacht:
„Ich wäre draußen hin- und hergekreuzt, nach paar Tagen wieder eingelaufen, wogegen unser Hafenmeister machtlos ist. Joanus hatte recht, wie jederzeit.“ Gajus zieht die Augenbrauen hoch. Muß ein Sonderbarer sein, denkt er. Oder könnte es — Er erinnert sich an Jesu Jünger. Wie käme der nach Patmos? Erst mal ist er froh, das ‚heiße Pflaster Romas‘ hinter sich zu haben.
Sejananus meldet sich im Hafen ab, nachdem die Freunde unbemerkt an Bord gegangen sind. Man soll nicht wissen, weshalb er lang bei Anker lag. „Endlich habe ich dich los! Na — Neptun sei mit dir!“ „Mit dir der unbekannte Gott!“ wird erwidert. „Wer?“ „Solltest du nicht wissen, daß dem unbekannten Gott geopfert wird? Wir wußten bloß nicht, wer er ist.“ „Und jetzt weißt du es?“
Argwohn glimmt im Auge auf. Der Kapitän ist auf der Hut. Er tut nebenher: „Man bleibt am Alten hängen, der Römer ist den Göttern treu.“ Damit ist der Hafner ausgebootet; er lacht laut: „Ha, die Treue zu den Göttern ist bei mir nicht allzu groß. Nun gehab‘ dich wohl.“ Ein Händedruck. Beim Gehen sagt Sejananus leise vor sich hin: „Den verschwundenen Göttern bin ich nicht mehr treu, die habe ich ganz abgeschrieben.“
Auf Patmos hat die Hafenwache die Cornelia entdeckt. Die Ankunft wird gemeldet. Der Tribun, Cronias, Johannes und der Zenturio, der auf der Insel hängen blieb, stehn und warten. Drei Stunden dauert es, bis die Galeere ankern kann. Die Ruderleute hatten sich sehr angestrengt, von den Segeln unterstützt. Es herrscht große Freude vor. Erst grüßt Gajus echt militärisch, dann fallen sie sich um den Hals, wobei der Angekommene vergißt, die anderen ‚aufs Korn zu nehmen‘, wie er wollte.
Sie gehen zur Taverne. Sejananus berichtet von der Fahrt. „Wir sind bis oben hin voll von Getreide und vielem mehr. Außerdem vier Pferde. Kostete viel Mühe. Sie müssen nachher gleich heraus.“ „Das besorge ich“, sagt der Zenturio, „habe es schon oft getan.“ Allen ist es recht. „Und du, Scubatus, hast alles gut erledigt?“ „O ja, bestens ausgeführt“, folgt der Rapport.
„Wie ist es dir ergangen, Gajus?“ „Soweit gut. Du, warte mal“, er sieht Johannes schärfer an und ruft aus: „Jetzt weiß ich es, warum Scubatus zweimal sagte: ‚Komm und sieh!‘ Joanus, beinah hätte ich dich nicht erkannt! Du bist so — so reif geworden, weiß nicht, wie ich‘s benennen soll. Wie freu‘ ich mich, dich hier zu finden! Habe sehr nach dir gesucht. Wen ich nach dir befragte, alle suchten dich und niemand wußte, wo du warst. Allerdings — in Kapernaum bin ich nicht gewesen, da hätte ich die Spur gehabt.“
„Ich wußte, daß du kommst — und bleibst.“ Johannes lächelt still in sich hinein. „Bleiben? Nein! Ich muß mich wieder melden.“ „Dazu rate ich dir ab“, mischt sich Cornelius ein. „Mir schwant, daß dem Festland große Not und Sorge droht. Da verschwindet leicht ein Mann und wird man höchstens denken: ‚Wieder einer weniger, das schadet nichts.‘ Berichte uns von Rom.“
„Warten wir bis auf den Abend.“ „Ja, laßt uns helfen, bis alles ausgeladen ist. Die Ruderer müssen auch beköstigt werden.“ ‚Echt Tribun‘, murmelt Gajus in den Bart hinein. Als sie den Ladeplatz betreten, hat der Zenturio die Rosse, die sehr ängstlich schnauben, bereits an Land gebracht. Sejananus sagt zu Johannes:
„In der ersten Nacht an Land träumte mir: ein Mann sprach: ‚Kaufe auf, soviel du kannst. Patmos ist jetzt abzuschirmen.‘ Ich deutete es nicht, was das heißen sollte, doch es drängte mich: kaufen und verladen. Die Proviantgaleere lag auch tief im Wasser, als ich mit ihr zurück zur Insel kam. Und jetzt die Cornelia.“
„Ich durfte dich im Traum besuchen und werde es euch sagen, was demnächst geschieht.“ „Das klingt schwierig.“ Cornelius sieht aufs Meer hinaus. Manchmal hat er Sehnsucht, weniger nach Rom, höchstens seiner Leute wegen, als vielmehr nach den Stätten, die ihm durch den Heiland unvergessen teuer wurden. Trotzdem möchte er von hier nicht fort. — Man sitzt im Turm beisammen. Stefanus bedient die Freunde.
Einen guten Wein brachte Sejananus mit, doch wird nicht gebechert. Gajus erzählt im allgemeinen, daß es überall sehr brodelt, besonders in Judäa. „Die Maßnahmen werden immer schärfer“, klagt er an, „womit allerdings der Haß sich steigert. Es ist kein Cyrenius da! Der wußte es, wie man die Leute anzufassen hat, ob Römer, Juden, Syrier und Sidonier und wer sonst. Rom schafft blutige Ruhe, und die wird für Rom gefährlich sein.“
„Der Quirin sagte es voraus, allerdings nur mir. Offen konnte er nicht reden.“ „Heute noch viel weniger“, wird Gajus hitzig. „Bloß ein Blick, am wenigsten ein Wort, und unsere Justitia trägt ein zerrissenes Gewand!“ „Sprich dich aus; bei uns gibt‘s weder schiefe Blicke noch Verrat. Hier bist du sicher.“
„Habe ich gemerkt, als wenn Patmos — nicht ganz — ein Himmel wäre zwischen aller Hölle auf der Welt. Bleibt fest, wenn ich von Rom berichte. In Judäa ist die Bosheit gegen Jesu und die Treuen nicht begraben. Im Gegenteil. Jeder wird verfolgt. An die Römer wagt man sich ja nicht, doch verrät man ihre Namen.
Überall, zumal in Rom, herrschen Hunger, Schmutz und Elend vor, unter dem die Leute leiden. Man sucht ein Ventil. Nach oben wagt man nicht die Faust zu heben, was eigentlich berechtigt wäre. Ab und zu verschenkt man Korn und Öl, das ‚man‘ erst gestohlen hat. Es kommt gelegen, daß in Rom der Heilandsglaube sich verbreitert. Und was tut ‚man‘ da? Man hetzt die Masse gegen Masse auf.
Um vom Obersten abzulenken, damit der Thron nicht wackelt, wurden letzthin gegen unsere Christen Schauermärchen ausgestreut, um die Gemüter auf den Siedepunkt zu bringen. So hatte es den Anschein, ich war ja kürzlich dort, hatte eine Botschaft hinzubringen. Wunderte mich, daß ich nicht aufgehalten wurde. Freilich weiß ich nun: es war die Führung unseres Herrn!
Für das Amphitheater sind Christen aufgespart und sieht aus, als würde Grausiges geschehen. Ich hatte eine Unterredung mit Aurelius, dem ersten Senatoren unserer Stadt. Er hält die Hetze für gefährlich und für ungerecht. Er sagt: ‚Wenn das so weitergeht, wird das Blut der Christen Rom zerstören. Das Imperium versinkt wie ein leckes Schiff im Meer. Man wird es nie mehr wiederfinden!‘ Obwohl selbst kein Christ, hat er etliche versteckt und fortgebracht.
Als ich erzählte, daß ich Jesu selber kennen lernte, zog er seine Augenbrauen hoch, hob warnend seine Hand und ich nehme an, daß er mir half, Rom zu verlassen.“ Man ist erschüttert und bekümmert. Da mag Cornelius gern mal wieder ‚brausen‘, er ballt die Fäuste, die Zähne knirschen und ein Stöhnen kommt aus seinem Mund: „O Herr, wo ist Deine Hilfe?“ Ein Notschrei aus der Tiefe seiner Seele. Ja, alle denken so, bloß Johannes sitzt versunken da, auf seinem Angesicht liegt bitterlicher Ernst. Cornelius sieht ihn an, versteht es nicht und fragt hastig:
„Du schweigst? Was kann deine Liebe tun?“ „Meine nichts!“ Steht nicht ein Prophet aus alten Zeiten da, für die neue auferweckt?, — von GOTT? Ach, nicht für die Zeit, für die Menschen, die den Zweck des Lebens leugnen. Sie, mit Vernunft und Verstand begabt, könnten wissen, was sie tun. Sie wollen aber nicht! Das ist ihr Untergang, früher, jetzt und bis ans Ende dieser Welt.
„So wenig wir am Morgen wissen, was der Abend bringt und am Abend nicht, was der nächste Tag ergibt, so wenig wissen wir, was ‚GOTT in Seiner Liebe tut!‘ Oh, haltet an mit eurem Wort, es wäre keine Liebe, wenn die Gläubigen so bitterlich zu leiden haben! Höret, was der Herr als Beispiel sprach:
‚Es sei denn, daß das Weizenkorn in die Erde fällt und ersterbe,
so bleibt‘s allein; wo es aber erstirbt, da bringt es viele Früchte!‘ (Joh. 12, 24)
Es ist keine Überheblichkeit, die Gläubigen und jene, die gerecht und gütig sind, als Weizen zu bezeichnen. Die andern aber, die bloß weltlich leben, ungerecht und böse sind, die sind die Körner für das Vieh, ein Drittel Wert des Weizens, wie ein Drittel aus dem Himmel fiel (O.J. 6, 6; 8, 7-12).
Ihr wähnt: stirbt das Korn und keimt, das tut nicht weh. Irrt euch nicht! Wo Leben ist, ist Schmerz; was tot ist, hat kein Leben! Was immer man im Blut erstickt und in die Erde stampft, das geht auf zum Segen und Verderben! Wer tötet, wird des Todes sterben; denn das Jenseits wird der Richter sein! Da heißt es dann: ‚Bezahle doppelt, was du getan‘ (OJ. 18, 6)! Weshalb das Doppel!?
Die erste Zahl gilt denen, die man verdorben hat, die zweite Zahl gilt ihnen selbst. Sich reinwaschen von der Niedertracht ist ärger als der schwerste Leibestod (Märtyrer). Wer sein Leben aber willig opfert um der Liebe Jesu willen, der hat zwar Schmerzen, wird er sinnlos hingemordet, doch im Augenblick des Sterbens wird die Seele sich erheben, vom Geist getragen, den GOTT gegeben hat!
Wer auch bloß einen ins Verderben stieß, kann auf dem weichsten Pfühl nie friedlich sterben. Das Gewissen ist die Richtstatt ihrer Seele, und die Qualen sind ihr Tod, die die Seele in des Jenseits Abgrund trägt. Was an der Seele stirbt, ist das Unvermögen, sich selber zu befreien. Ist die Bosheit doppelt abgegolten [VH15], dann ist Gottes Güte ihre Hilfe; und sie, gleich einem Korn erstorben, wächst dann auch noch in des Himmels Feld hinein.
Freilich hat der Schöpfer nur ein Feld, wie Er als der EINE einen Himmel hat. Aber wie ein großes Feld zu teilen ist, daß man auf ihm vieles sät und Verschiedenes wachsen und gedeihen kann, so weitaus herrlicher hat der Schöpfer weisheitsvoll Sein eines Himmelsfeld geteilt — für den Tag der Liebe, den Er den sechsten aus Seiner für uns ersten Tat-Jahr-Woche nannte (s. Urwerk).
Was an Seinem hehren Feiertag geschieht, der folgen wird, können wir nicht wissen. Jeder Tag hat seinen Segen, seine Seligkeit! Ein rechter Mann betreut das Mindere wie das Gute, weil beides dienlich ist. So der Herr! Die Treuen stehn zu Seiner Rechten, die anderen zur Linken; aber ohne linke Seite gibt es keine rechte. Damit will ich sagen und euch trösten:
Laßt die Dunklen ihre Gasse gehn, fragt nicht: Herr, warum? Die Brüder leiden, die Schwestern sterben, ich — scheinbar errettet — leide durch die Offenbarung, die zu schreiben vor mir liegt.“ Die Augen sind voll Trauer, die mit dem Himmel leidet, eine Trauer, die zu trösten weiß. Das spüren die paar Männer, die um ihn versammelt sind. Indessen spricht Johannes weiter:
„Man wird die Christen jagen wie das wilde Tier, eine lange Zeit hindurch; später wird der Christ, der keiner ist, die Armen einem martervollen Tode übergeben. Doch der Geist wird deren Seelen auf das Weizenfeld des Himmels heben. Die Verfolger und die Töter werden in das Jenseitsgrab der ‚doppelten Bezahlung‘ fallen. Ein gerechter Ausgleich weisheitsvoller Güte und Allmächtigkeit!
An uns geht auch das Leid nicht ganz vorbei. Würden wir uns nicht bewähren, wie könnten wir je in das Licht gelangen? Aber überrollt wird diese Friedensinsel nicht! Höret zu: Es wird von dieser Insel aus zum zweitenmal das Licht der Lehre unsers Herrn hinausgetragen werden in die Welt, wenn die Wahrheit Gottes fast wie ausgestorben scheint. Erst waren wir nur zwölf, um den Herrn vereint, und jetzt schon lassen sich die Treuen kaum noch zählen.
Wie viele im Verfolgungswahnsinn sterben werden, so wird für jeden Sterbenden ein Siebenfacher auferstehn! Gottes Lehre geht nie unter, wie niemals Seine Liebe und Barmherzigkeit! Was man an der Wahrheit flicken und zerreißen wird, auf Gottes Lichtgewand so viele dunkle Flicken menschlicher Verirrung und Verwirrung setzt — — des Herrn Mantel bleibt, was er ist, weil die Menschen nie am Schöpfer etwas ändern können! Seht das schmerzerfüllte Beispiel an:
Jesu unterm Kreuz! Man nahm Ihm Seine Kleider weg. Nahm man vom Heiland etwas weg?, konnte man Ihn kleiner machen als Er war? Hat man Seine Lehre ausgemerzt? Nein, nichts hat man erreicht, nur aus der Bitternis des Kindesfalles eine letzte Bitternis hinzugefügt für die Welt, die Menschen, die Materie.
Verteidigt euren Frieden gegen jeden Angriff aus der Finsternis, von Menschen hergetragen. Die Alten wenden sich kaum um, doch die Jugend wächst heran, stark und glaubensfroh.“ Aber da, ein Bild: Johannes kämpft mit sich, den Tränenstrom zu dämmen. Noch ist Zeit, bis es geschieht. Dann jedoch — —
„Lasset uns das Unsere tun, Gott tut das Seine für die Großen und die Kleinen, für die Fernen und die Nahen. — Nun laßt uns schlafen gehn.“ „Eine Frage habe ich“, sagt Gajus bittend. „Joanus, du hast im Brief an mich, für den ich allzeit dankbar bleibe, angemerkt: ‚wenn ich komme‘, nahm also an, du würdest zu mir kommen. Im Brief stand nichts, daß du auf Patmos weilst. Nun bist nicht du zu mir, sondern ich zu dir gekommen. Wie soll ich das verstehen?“
„Du hast‘s nicht gleich erkannt“, klärt Johannes freundlich auf. „Du hattest einen Traum, in welchem du den Herrn und mich gesehen hast.“ „Ja, ich dachte, es sei eine Rückerinnerung gewesen.“ Nun gibt‘s ja Träume, die Vergangenes widerspiegeln, oder solche, die die Zukunft hie und da erhellen, andere, wo sich zwei Menschenseelen treffen. Das geschah bei Gajus. Daß hierbei der Höhere ihn suchen und auch finden konnte, das behält der Seher ganz für sich. Doch erläutert er den Traum und sagt dazu:
„Es war leicht, dir traumhaft zu begegnen, lieber Gajus, weil du fest in Jesu Lehre stehst, ihr alle“, zeigt er in die Runde. „Auch wenn man es nicht weiß, so kann die Seele, durch den Geist geführt, ein Lichtbild haben. Dringt es nicht ins Tagbewußtsein ein, so daß der Mensch nichts davon weiß, o glaubt es gern: nicht weniger wird er vom Licht empfangen; und der Herr ist nahe, ob als Heiland oder Vater oder anders. Es bleibt die Gott-Begegnung!
Gott ist stets allgegenwärtig, wenn man es auch nicht begreifen kann, wie möglich Er denn hier bei uns, bei vielen Menschen und in Seinem Himmel ist zur gleichen Zeit. Als Menschen können wir die Wesenheit des Höchsten nie erfassen und — doch spüren in der Tiefe unseres Geistes; denn da spiegelt sich Sein Angesicht, und Seine Worte sind der Brunnen unseres Lebens!
Das Weitere kommt morgen nach dem Frühmahl dran. Gott will uns vieles schenken und wir sind bereit, Seine Gaben aufzunehmen.“ Mit guten Wünschen für die Nacht geht man auseinander. Johannes sieht im kleinen Fenster, wie die Sterne wandern, und seine Seele wandert mit, hinauf in Gottes Lichtgezelt. —
Nun sind die Freunde wieder beieinander und Johannes lehrt: „Wir sprachen von dem wahren Leben. Achten wir es, das des Nächsten und der Kreatur, so sind wir Lebensträger vor dem Herrn. Als Er Lazarus erweckte, sagte Er zu Martha jenes wunderbare Wort, weil sie an die am Jüngsten Tag erfolgte Auferstehung glaubte. Das kam daher, weil man keinen Menschen wiedersah, der gestorben war; man vertröstete die Trauernden auf eine ferne Zeit. Er jedoch, der HERR des Lebens, hatte sofort einen Trost bereit:
‚Ich bin die Auferstehung und das Leben,
wer an MICH glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe;
und wer da lebt und glaubt an mich,
der wird nimmermehr sterben!‘ (Joh. 11, 25-26)
Kann diese Heilsgewißheit einer fernen Zukunft gelten? Gab GOTT uns das Leben und ist es Selbst, wie hernach gibt‘s einen Tod, der uns das Bewußtsein nimmt? Nicht das Wunder ist‘s, einen Menschen, der vier Tage lang im Grabe lag, hervorzurufen und hernach noch lange lebte. Das Wunder war: dem vergänglichen Gebein Geist und Seele wieder einzuhauchen, die der Lebensträger sind, ob auf Erden oder ob im Himmel, ob sonst irgendwo!
Es war ein Vorausakt für uns Jünger, daß auch der Herr aus einem Leibesgrabe auferstehen würde, mit jenem hehren Unterschied: ER brauchte niemand, der den Stein vom Grabe wälzte, keinen Ruf: ‚komm heraus!‘; Er kam aus der Allmächtigkeit Seines Gotteswesens. Nannte Er Sich Selbt die Auferstehung und das Leben, war hernach es zu begreifen, daß man zwar Seinen Leib zu Grabe trug, doch dann, sobald für uns, die Menschen, Seine Gruft geschlossen ward, nichts mehr in der leeren Felsenkammer lag.
Das war das Geheimnis Gottes! Die für uns großen Dinge hat Gott schon in der alten Zeit getan. Er hat dem Abraham geheißen, seinen Sohn zu opfern; weil es aber keinen VATER gibt, der das könnte, um etwas zu erreichen, so am wenigsten der Herr, der Ewig-Vater ist (Jes. 9, 5)! Er sprach zu Isa-i (Jesaja 43, 11):
‚Ich, Ich bin der Herr und ist außer Mir kein Heiland!‘
Philippus hatte Er das Wort bestätigt, als jener fragte: ‚Herr, zeige uns den Vater‘. Darauf die Antwort, daß unser Vielgeliebter eben selbst der Vater ist:
‚So lange bin Ich bei euch, und du kennst Mich nicht?
wer Mich siehet, der sieht den Vater!‘ (Joh. 14, 9)
Damit hat Er das in alten Zeiten Offenbarte wieder kundgetan; der Vater ist der Heiland von alters her (Jes. 63, 16). Dieses Heil galt nicht allein dem Volke Israel. Gebrauchte Er das Wörtchen ‚du‘, so war Sein ganzes Kindervolk gemeint.
Gewiß galt das: Enthüllte Er Sich als der einzig-wahre Gott, dann sind wir getröstet; uns ist auch das Gnadenheil gegeben worden. Denn Er hat in jener alten Zeit, bis zu uns herauf und wird bleiben bis zum Ende der Materie, den großen Ruf erlassen:
‚ICH bin der Herr, der Gott, aus Ägypten her;
du sollst keinen andern Gott kennen denn Mich
und keinen HEILAND als allein MICH!‘ (Hos. 13, 4)
Bezieht man ‚aus Ägypten her‘ allein auf Israel, so ist‘s irrig. Ägypten bedeutet schlechthin Finsternis, Materie oder Welt. Wer sich ans Weltvergängliche hängt und es liebt, der lebt in finsterer Gefangenschaft. Also gilt das Wort, wie alle Worte Gottes auf der Welt gesprochen, allen Menschen. Wer sie achtet und befolgt, der hat des Lichtes Segen für die Ewigkeit!
Kaiphas, der den EINEN opferte für das ganze Volk, soll geflüstert haben: ‚nicht nur für das Volk allein . . .‘ (Joh. 11, 50. 52). Es wurde mir von einem Priester zugetragen, der am Eingang stand, dort, wo der Vorhang nicht mehr war. O ja, ob er das nun sagte oder nicht, stimmt es dennoch ganz genau.
Gott ist das wahrhaftige Licht, das als Heiland und Erlöser für uns alle in die Welt gekommen ist. Und seht an: Von Seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade (Joh. 1, 9-16). Ob es jeder anerkennt, ob er es hoch und teuer hält oder nicht, ist Sache eines jeden Einzelnen. GOTT macht keine Ausnahmen, die machen sich die Menschen selbst. Der Herr hat den Bogen Seines Bundes und der Gnade hochgewölbt; wer will, der kann ihn sehen (1. Mo. 9, 13) Stehen wir darunter — o saget mir: warum nicht die andern auch? Ich weiß wohl, wie ihr Freunde denkt und meine Seele jubelt laut zu Gott, weil wir gemeinsam vor Ihm stehen dürfen. Und nicht bloß wir, sondern Gottes ganze Kinderschar!
Es gibt kein Volk, das einen Vorzug vor den andern hätte, kein Mensch steht höher als der Nächste. Wer weltlich höher steht, gilt dann allein vor Gott, wenn er nach Seiner Liebe handelt. Dann ist er erwählt, wie ein Ärmster unter ihm, in die Finsternis das Licht hinauszutragen. Nie erwählt um seiner selber willen, nie im Vorrang stehend vor dem ganzen Gotteskindervolk!
Im Hinweis auf die Wasser Noah kam Gottes Wort herab:
Mit ewiger Gnade will Ich Mich dein erbarmen,
spricht der Herr, dein Erlöser.‘ (Jes. 54,8)
Würde es nur einem Menschen, einem Volke gelten, wie wäre denn das ‚ewig‘ zu verstehen? Hält Er nicht alle Werke ewig wohlverwahrt? Wo ist ein Ding, das außer Gott erstanden wäre? Irrgegangene sagen: das Gras wächst aus der Erde, der Weizen auf dem Feld, die Frucht am Baum, Mensch und Tier vermehrt sich durch sich selbst.
Was kann solche Rede gelten? Was ersteht, kommt allein vom LEBEN her, der lebendige Gott zeugt von Sich Selbst! Jene Ewigkeit, die des Schöpfer Urquell füllt, ist der Inbegriff des Lebens Gottes, der Lebensausgang wie der Eingang der Geschöpfe und der Kreatur, wie auch aller anderen Dinge.
Wir bleiben in der ewigwährenden Gnade Gottes ruhen, die für uns das Leben ist. Nicht das, was Menschen Gnade nennen, ist identisch mit der Gnade Gottes. Sie mag aus gutem Herzen kommend ein ferner Abglanz sein; und ist sie das, dann darf man sie ein Teilchen von der hohen Gnade nennen. Ansonst ist das Menschliche weit ferner als der Morgen von dem Abend. Beide holen sich nicht ein!
Wie jedoch der Morgen einen Tag beginnt, der Abend ihn beschließt, also nimmt der Ewige das gute Dienende in Seinen Tag hinein, in Seine Tätigkeit, wie Er sprach:
‚Wirket, solange es Tag ist; es kommt die Nacht,
da niemand wirken kann!‘ (Joh. 9, 4)
Gott ist Geist, Sein Wirken transzendent, ewiglich und überall! Er bezog es auf Sich Selbst; als Ansporn galt es allen, die Seine Mahnung hörten. Wir wollen danach handeln. Ihr denkt: wir Wenigen richten in der Welt nichts aus. Bedenket, das Gott hilft! Deshalb werden die Gedanken, unsere Bitten für die Kinder dieser Welt und die einzuschließen sind, unsre Brüder und die Schwestern, die Armen und die Kranken, die Verlassenen und Hilfsbedürftigen durch die Gnade Gottes gehen und wird offenbar in Raum und Zeit.“
Man sitzt still in sich versunken da. Viel hat man gehört, kein Wörtchen ging verloren, der Geist hat alles aufgenommen, die Seele fühlt sich frei. Sie sehn den Jünger an, als hätte er gesprochen. Schon schüttelt er sein Haupt, er merkt, was die Freunde denken und sagt wie immer freundlich:
„Was wir aus dem Geiste bringen, ist allein aus GOTT gesagt. ER gibt die Erkenntnis, ER läßt uns Seine Wege wissen, ER füllt aus Seinem Born das Herz, bis es überfließt zum Segen, auch für den — wohlgemerkt —‚ der reden darf. Denn nicht wer gilt vor dem Herrn, sondern was gegeben wird! Auch ganz kleine Worte, kleine Taten, aus vollem Herzen kommend, sind groß und wundersam. Im Kleinsten zeugt der Herr vom Größten, mit diesem offenbart sich alles Kleine — wir auch; denn wir sind klein vor unserm Gott!“
Jeder geht nun seinem Tagwerk nach; doch ist das Gesagte wie ein Brand, der erhellt und selig macht. Erst am späten Abend kommt man zum Turm zurück. Indessen hat Johannes viel geschrieben. Es drängt ihn sehr, sein Evangelium soll fertig werden; manches Weltliche wird geschehen, bis die letzte Offenbarung für ihn kommt.
Die Letzte? sinnt Johannes. Ja, die letzte für die Welt, nicht die letzte aus dem Licht. Gottes Offenbarung hat kein Ende, wie ER, der Ewig-Heilige, der Allmächtige, ohne Ende ist. Da wird er trotz der Bilder, die ihn bedrängen, und er sieht sie nicht genau, noch nicht, so froh und dankerfüllt, er kann bloß stammeln, was er seinem Herrn zu sagen hat. —
Der Wirt hat selbst die Abendmahlzeit hergebracht. Auf Cornelius Frage, ob die Sklaven ihre Mahlzeit hätten, verneigt er sich: „Wie stets, Tribun; ich vergesse deinen Auftrag nicht.“ „Wohlzutun und mitzuteilen vergesset nicht“ (Hebr. 13, 16), sagt Johannes. „Beides ist gerecht und gut, von Cornelius und vom Wirt. Zwei paar Hände für ein Werk.“
„O Joanus“, ruft Gajus aus, „ich muß noch viel bedenken. Beinah zu spät habe ich den Herrn erkannt, und nur durch dich habe ich Ihn ganz gefunden. Ah, ‚ganz‘ ist falsch gesagt. Es wird kaum jemand geben, der Gott ganz erkennt, sich Ihm ganz ergibt. Unterschiede werden sein, daß einer mehr, der andere weniger zur Klarheit kommt. Darin weiß ich nicht Bescheid.“ „Alle nicht“, tröstet Cronias, der sich klein betrachtet, weil er bloß durch Hörensagen Gott gefunden hat. Ihn tröstet der Tribun:
„Wir sind alle klein, können Gott aber lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt, von allen Kräften (Mark. 12, 30). Das verriet mir Petrus, den ich mal am Meere traf. Er flickte seine Netze. Ich kam aus Jerusalem und hatte da gehört, der Herr sei nach Norden abgewandert. Meine Liebe suchte Ihn. Natürlich ist bei uns das ‚ganz‘ nicht wirklich ganz und denke mir, daß es der Herr nicht von den Menschen fordert. Petrus erklärte mir, das von den ‚ganzen Kräften‘ hätte wohl der Herr gemeint, so gut es uns gelingen mag.“ Sagt Johannes froh:
„Wo die Ehrfurcht in der Liebe Ihm entgegenblüht, pflanzt Er die Herzen in Sein Paradies. Nicht das Eden, das verschlossen ward, — es ist die Freudenstätte in Licht-Heilig, dem oberen Jerusalem. Die Stadt, genannt vom Patriarchen her, und nicht mehr jene, die den Herrn aus ihren Mauern stieß. Von ihr bleibt nur der Name übrig und wird nie wieder werden, was Abraham aus Je-Ru machte, jenem kleinen Ort, dem er dann das ‚Salem‘ gab, wie Melchisedek zu ihm sprach: ‚Ich, der Hochpriester von Salem!“ [VH16]
„Du weißt so viel“, lobt Sejananus den Jünger, „du bist wie ein Buch, das man immer lesen kann und wird niemals fertig.“ „Was der Herr getan, gesprochen hat, ist SEIN BUCH, und das liest keiner aus. Denkt man schon, man ist am Ende angekommen, dann ist‘s für uns die erste neue Seite, die beschriftet worden ist, von GOTTES heilighoher Hand!
Später, wenn das Evangelium den Menschen zugetragen ist, wird es heißen: ‚es ist alles offenbart!‘ Man wird das Buch, das hernach die ‚Bibel‘ heißt, beschließen und nichts Neues mehr empfangen wollen. Wer so denkend spricht, für den klappt Gott Sein Buch tatsächlich zu. Wer Aug und Ohr verschließt, der verschließt die Seele mit. Er wuchert nicht mit jenem Pfund, das jedermann erhalten hat. Was also Wunder, wenn sie stehen bleiben und nicht vorwärts kommen? Wer so stehen bleibt, der geht zurück!
Wer am Weitergang von anderen gehindert wird, dem bleibt die Güte Gottes offenbar. Oft sind‘s Seelen, einem Kinde gleich, von dem man Schweres nicht verlangt. Wer aus Trägheit auch mit stehen bleibt, ebenso: ‚Mir ist das Alte gut genug; was ich bisher wußte, reicht mir vollauf‘, der geht rückwärts wie ein Tier, das Ruhe sucht. Für den Menschen ist das eine tote Ruhe, wie ein Baum, der nach und nach entwurzelt und dann fällt.
Wo fällt er hin? Ich sprach vom Weizen und vom andern Korn, eben jener Mensch, der mit Absicht Böses tut und im Jenseits bitterlich die Schuld bezahlen muß, betonte aber, daß danach auch alle armen Körnlein von dem höchsten Landmann auf das Himmelsfeld zu pflanzen ist. Desgleichen die ich abgestorbene Bäume nannte. Auch sie sind Gottes Kinder. In ihnen bleibt der Geist lebendig, obwohl er bis zur Umkehrzeit bloß heimlich wirkt. Aus des Geistes Leben kann der umgefallene Baum noch Triebe treiben.
Die Zeit ist nur nicht aufzuholen, die solches Kind verloren hat. Deckt Gott erbarmungsvoll das Manko zu, so danken wir an ihrer Statt und Er nimmt‘s freundlich an, denn Seine Güte höret nimmer auf. O, aus GNADE wird man selig, wird bloß aus Gottes Kraft befähigt, Ihn zu lieben, Ihm, zu dienen durch den Dienst am Nächsten, und an Ihn zu glauben. Wer das tut, wird sich niemals überheben.
Ist der Unterschied zwischen Gott und uns gewahrt, so kehren wir einst heim, ins Vatershaus, das der Heiland uns versprochen hat. — Nun ist es wieder spät, wie gestern Abend; morgen ist ein anderer Tag, da können neue Sorgen oder neue Freuden kommen.“ Jeder drückt Johannes fest die Hand. Stefanus hat das Lager hergerichtet und als Letzter geht Cornelius, mit leis gesprochenen „ich danke dir.“
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