12. Kapitel
Noch zeigt die Kimm kaum einen zarten Schein, als der Tribun dem Ufer naht. Johannes hat sich überlegt: sagst du es ihm? Wie wäre er betrübt, das Wort des Herrn nicht mit gehört zu haben. Kann ich aber schweigen? Um ihn säuselt es: ‚Warte ab, was Meine Gnade tut. Also soll er warten.
„Frühaufsteher“, grüßt Cornelius. „Ebenso“, spricht Johannes. Der Römer setzt sich neben ihn. Er ist begierig, viel zu hören und ist ein gutes Zeichen, wer nicht mit sich zufrieden ist. „Wenn nur der Herr mit dir zufrieden ist“, Johannes sagt es so, als hätte er die ‚Seelenreiberei‘ gesehen.
„Vor dir ist nichts verborgen, wie nicht vor Gott.“ „Ein großer Unterschied! Was ich sehe, gibt mir Gott, während ER, der Heilige, alles sieht und nicht erst zu fragen braucht. Das hat Er mit uns Jüngern oft getan. Töricht, wie wir waren, redeten wir, als müsse Er erst hören. Hernach Sein liebes Lächeln samt der guten Lehre. O Cornelius, ich wollte gern, Er wäre immer bei uns wie in Seinen Lehramtsjahren!“ Tor!, ist Er gestern Abend nicht bei mir gewesen wie auf dem Weg nach Emmaus — ?
„Wäre auch mein Wunsch“, unterbricht Cornelius die Gedanken des Johannes. „Doch wer weiß, ob es jetzt zum Besten wäre. Wie sollten wir uns denn bewähren, hängt man sozusagen stets an Seinem Rock?, wenn wir uns wie Kindlein jedes Wörtchen sagen lassen, um es nachzureden? Du verstehst mich doch?“
„Genau! Allerdings hatte ich‘s nicht so gemeint, Ihm wie einst durch Galiläa nachzufolgen. Wir lernen ja als Seine Kinder niemals aus, weil Er ewig unausschöpflich ist. Doch soweit es uns gegeben, ist in das Herrliche der Gottheit einzudringen. Das kann man einzig und allein durch Ihn.“
„Er hat uns vieles wissen lassen“, erwidert der Tribun, „ich kann die Fülle gar nicht fassen, bin noch arm in meiner Seele, weil die Kostbarkeiten überfließen, und sie gehen mir verloren.“ „Nein, dir geht nichts verloren! Fließt aus solcher Liebedemut etwas über, so bewahrt es Gott auf deine Heimkehr auf — und allen. Dann haben wir die Fülle, und der Geist hilft unsrer Seele, diese Köstlichkeiten aufzunehmen und für alle Zeiten zu bewahren.“
„Hast du geschrieben?“ „Drei Briefe, für Kapernaum, wohin immer mal ein Bruder kommt, der den ersten schreiben kann. Der zweite gilt Johanna, der Erwählten, die Maria dienen darf. Diese ging nach ihres Mannes Tod, dem Chusas, nach Kapernaum. Dem Herrn frei zu dienen war ihr höchstes Ziel (Luk. 8, 3).
Kennst du den Römer Gajus? Er lernte unsern Meister kennen, kurz vor Golgatha. Danach war er oft bei mir und betrübt, weil er nicht zugegen war. Er hätte niemals zugelassen, daß der Herr gekreuzigt würde. Bevor man mich zum zweitenmal gefangen nahm, konnte ich es ihm erklären, zwar ungeheuer traurig, warum der Herr Sich für die Welt, sogar für Kaiphas und Hannas, Jesu eigentliche Mörder, hingegeben hat: ‚das heilige Mysterium der Erlösung.‘ Gajus hatte es erfaßt und ist seitdem sehr rührig. Ich habe ihm geschrieben, wir würden uns bald wiedersehen — und weiß es selber nicht einmal.“
„Ah“, ruft Cornelius, „zweimal bin ich ihm begegnet, ein rechter Römer, wie es heute nicht mehr allzuviele gibt. In vier Tagen geht die Proviantgaleere ab. Ich sende den Verläßlichen, Scubatus. Der hat sozusagen einen sechsten Sinn. Er besorgt die Briefe und findet Gajus ganz bestimmt. Wenn nicht gerade festgebunden, dienstlich, meine ich, dann lade ich ihn ein, mich auf Patmos zu besuchen. Da er älter ist, kann er einmal einen Dienst umgehen. Alsdann siehst du ihn und er dich wieder (3. Br. Joh. 14).“
„Also hab ich‘s nicht für umsonst geschrieben, wir würden uns bald wiedersehen.“ „Na höre mal“, ereifert sich Cornelius, „bei dir war bisher nichts umsonst! Bist zwar der Jüngste von den Brüdern, doch der Beste unter ihnen. O, alle tun ihr Bestes, brauchst nicht abzuwinken“, der Tribun greift nach der Hand, die Johannes hob. „Von GOTT gelehrt — sollte da nichts Gutes aus euch kommen? Immerhin — der Herr hat dich hierher geführt und — na ja — mich dazu, du bist Sein auserwählter Seher für die letzte Erdenzeit, die schöpfungsmäßig angebrochen ist.“
„Schau an“, lobt der Jünger, „jammere nicht mehr, deine Seele würde Gottes Offenbarung nicht so voll bewahren und sprachst vom Überfließen Seiner Herrlichkeit. Richtig hast du es erkannt und ich freue mich darüber sehr. Und jetzt halt‘ ich deine Hände fest, die abwehren wollen. Es ist keine gegenseitige Erhebung, die wir uns zuzusprechen hätten. Bloß die Freude dominiert, weil wir vom Herrn die Schöpfungswahrheit wissen.“
„Wollen wir gemeinsam zur Taverne?“ Die Sonne ist hervorgekommen und hat das weite Meer in ihren Glanz getaucht. Johannes wirft einen Blick auf seinen Turm. An der Pforte hockt der Junge; mühsam steht er auf, die Verwundung heilt zu langsam, ist aber frohgemut, kommt näher und sagt bescheiden:
„Wenn du nicht im Turme weilst, bin ich da; man kann nie wissen, ob nicht doch einmal —“ „Brav“, belobt ihn der Tribun. „Wie wäre es, Joanus, wenn du ihn zu dir nehmen willst?“ Glücklich sieht der Jugendliche drein. Johannes nickt. „Ich hatte es bedacht; denn so allein — Nun, stören wirst du nicht“, wendet er sich jenem zu. „Sag mal, wie heißt du eigentlich?“
„Wir Kinder hörten niemals einen Namen. Die Piraten sagten zu mir Phyrax, was ich nicht gern höre.“ „Möchtest du dem Heiland dienen?“ „Ja!“ „Gut, dann werde ich dich taufen und der Tribun gibt dir einen schönen Namen.“ „Oh!“ Wieder helle Freude, die beide Männer tief berührt. „Wann?“ fragt der Junge, obwohl er gar nicht weiß, was das Taufen zu bedeuten hat.
Nach dem Frühmahl nimmt ihn Johannes mit, zeigt es ihm, was er an Arbeit übernehmen soll und mahnt: „Wenn ich schreibe, darfst du mich nicht stören, auch wenn Cornelius bei mir ist. Wirst bestimmt gerufen, du sollst so viel als möglich um mich sein. Horchen an der Türe ist verboten.“
„Das tu‘ ich nie, das taten nicht mal die Piraten. Sie lehrten mich auch manches Gute trotz —“ „Der Räuberei. Du wirst es nicht verstehen, wenn ich sage: ihr seid hergeleitet worden, weil manche Seele zu erretten war. Nun weißt du Bescheid. Frage aber, wenn dir etwas nicht geläufig ist; du kannst immer zu mir kommen.“ „Und wann werde ich getauft?“ Kindlichliebe Ungeduld.
„Am nächsten Feiertag. Hier richtete ich die Tage ein nach jener Schöpfungsschau, die Mose hatte (1. Mo. 1). Kalenden nennt man den ersten Monatstag, auf römische Art. Andere Völker rechnen anders. Wir aber rechnen nach der ‚Rechnung Gottes‘! Ein Mondumlauf hat achtundzwanzig Tage, diese dann durch vier geteilt, ergibt die vier Wochen. Eine Woche hat nach Gottes Weisheit sieben Tage, wovon der siebente der Tag der Ruhe ist. Was lebensnötig ist, kann man an den Ruhetagen tun; aber schachern und noch vieles mehr, was nur Gewinn erhascht, das sieht Gott sträflich an. Am nächsten Ruhetag wirst du getauft.“ „Wie machst du das?“
„Laß dich überraschen. Es tut nicht weh“, lacht er, „der Meister hat uns Jünger auch getauft.“ Aber wie — ? Wie ist Seinem Willen nachzukommen? „Wird es dir beschwerlich, die steile Stiege auf- und abzuklettern?“ fragt er freundlich. „Ein bißchen“, tut der junge tapfer, dabei hat er aufwärts mit den Händen nachgeholfen.
„Der Hirte bringt dir etwas, um gesund zu werden. Tut auch nicht weh, hab‘ bloß keine Angst.“ Johannes streicht ihm zärtlich übers Haar, eine Kosung, dem Kinde unbekannt. „Hole uns das Mittagsmahl, einer von den Leuten soll es tragen.“ Heimlich sieht Johannes zu, wie der Junge stufenweise abwärtsrutscht. „Armer Kerl, na, es wird bald besser mit dir werden.“
Später kommt schwer atmend Cornelius herauf. „Gut, daß ich keine Rüstung tragen muß; in der Tunika fühle ich mich wohl. Nebenbei. Eine ernste Frage, die den Meister mit betrifft; da bin ich nicht ganz sicher, ob . . .“ „Frage nur, denn was drückt, soll und darf man sich vom Herzen wälzen. Und betrifft es unsern guten Herrn, bin ich schon im voraus sicher, daß er hilft.“
„Warum ließ der Herr Sich taufen und so — so — äußerlich? ER war Gott, hatte niemals nötig, wie der Täufer sprach: ‚Tuet Buße!‘ Unser Herr, auch als Heiland auf der Welt, ist das höchst vollkommenste Wesen; nicht der kleinste Schatten der Materie oder irgend welche Unzulänglichkeiten hafteten Ihm an (Joh. 8, 46).“
„Deine Frage ist durchdacht, und glaube mir, Cornelius, ich habe lang gebraucht, bis ich das Geheimnis lüften konnte, weil der Herr darüber nur in Andeutungen sprach. Setze dich“, der Tribun war hin- und hergegangen, so bewegt war er von seiner Frage. Nun setzt er sich. „Ich bin immer dankerfüllt, von dir belehrt zu werden“, er ergreift des Jüngers Hände, „denn so werde ich durch dich wie von Gott Selbst belehrt.“
Leuchtenden Auges sieht Johannes auf. „Ich erhalte so wie du die Lehre; denn was in mich fließt, ist oftmals wundersam (O.J. 15, 3), wie Gott Sich schon in alten Zeiten offenbarte (u.a. Ri. 13, 18). Man nannte die Erscheinung meistens ‚Engel des Herrn‘, weil sich der Höchste im verhüllte Kleide zeigte — der Menschen wegen. Man hat das später nicht erkannt und es schadet nichts, wenn zu lesen ist: Engel des Herrn. Oft waren es auch welche; aber wo ganz Herrliches geschah, wie Jakobs Kampf am Pniel (1. Mo. 32, 27—31), da offenbarte Gott Sich Selbst. Jakob hatte es erkannt und — schwieg.
Wundersam verhüllt war Jesu Taufe, was Seine hohe Weisheit tat. Damit unterstützte Er den Täufer. Der Mensch will sehen; bloß mit Worten lassen sich recht wenige bekehren. Es tat bitter not, das absinkende Volk moralisch wieder aufzurichten, was ja durch echten Glauben und durch Liebedienst geschieht. Hiermit ist verbunden, daß der Heilige im ‚Hohen Jahr der Tat‘ die Dienstbarkeit ins Vorfeld rückt — im Himmel und in der Materie.
Die Wassertaufe als Symbol gedacht kann erhalten bleiben. Erkennt jener, der da tauft, daß ein äußerliches Ritual die Nebensache ist, im Geist jedoch die Segensbitte an den Herrn für einen Täufling richtet, so ist auch das Ritual gesegnet. Bleibt‘s beim äußerlichen Schein, geht dem Täufer viel verloren, nicht dem Täufling.
Johannes hatte deshalb jede Taufe mit dem Ruf verbunden: ‚Kommt, geht zurück zu unserm Gott!‘ Das war berechtigt, weswegen man ihn dann den ‚Rufer in der Wüste‘ nannte. Die ‚Wüste Welt‘, und die der armen Abgeirrten. Bloß der Menschen wegen ließ der Herr die Taufe zu, um sie herbeizulocken, zur Umkehr zu bewegen. Das meiste, was Er sprach und tat, waren Rufe, man kann sagen: war ein Verlocken, das Fortlocken von der Welt, von der Gasse der Verwirrung und der Glaubenslosigkeit.“
„Wenn Er manchmal mit mir redete, spürte ich es tief in meiner Brust: Er ruft mich in Sein Herz hinein. Und ich war beseligt! Der Meister hat nie Selbst getauft; oder — ?“ „Nein, und die erste Zeit waren wir darob verwundert. Wer denn besser und viel höher konnte taufen als der Herr?! Sonderbarerweise hat Er uns von dieser Frage nie befreit und ich weiß warum: wir sollten selber forschen, und wir sind zu einem Resultat gelangt, wie ich dir erklärte: bloß das Symbol, nur die Anregung war angegeben. Wie wenig GOTT Sich taufen lassen mußte, so wenig braucht ER äußerlich zu taufen. Seine Taufe war die Fußwaschung (Joh. 13, 14).
Zu Nicodemus sagte Er: ‚durch Wasser und Geist die Wiedergeburt erlangen‘, was Seines heiligen Geistes Taufe ist. Damals war unser Freund noch unerfahren, wir alle, meinte also, ob die Wiedergeburt durch einen Mutterleib geschehen müsse, ein zweites Kommen auf die Welt. Der Herr verneinte es. Und wir wissen: ‚Wiedergeboren in dem Geist — ihm in uns die Herrschaft überlassen, dazu das Gute in uns pflegen, Liebe und Barmherzigkeit. Man kann für diese Welt es so bezeichnen: echte Menschlichkeit Cornelius bejaht es gern.
„Die hat mich zuerst Cyrenius gelehrt, in höherer Weise dann der gute Simeon, in höchster Weise unser Herr, soweit ich es erfassen und verwerten kann.“ Johannes tröstet: „Jeder Mensch wird bis zu seinem Erdentod nicht völlig frei von Fehlern sein. Gott sieht, was wir für ein Gemächte sind (Ps. 103, 14). Wo jedoch kein böser Wille herrscht, bloß rein menschliches Versehen, o — wie sollte Er nicht Seine Güte walten lassen?!“
„Muß man sich zweimal taufen lassen, wenn man wieder tief gefallen ist?“ „Eine Zwischenfrage: Hat sich Jesu zweimal taufen lassen?“ „Ich bitte dich, Joanus, das steht wirklich fern von irgend einem Denken! Er ließ es nicht für Sich geschehen, gab den Leuten Sich als Beispiel hin. Wer sich durch Seine Lehre wenden läßt, der braucht eigentlich gar keine Taufe.“
„Wie kommst du dann zu deiner Frage?“ „Vom Osten kamen Leute bis nach Rom. Sie lehrten in den Schulen, der Mensch müsse immer wieder auf die Erde kommen, bis er ein reines Wesen würde.“ „Was hältst du davon?“ Cornelius sinnt ein wenig vor sich hin. „Genau kann ich‘s nicht definieren, etwa steckt in dieser Lehre auch was Gutes drin. Selber meine ich, es sei nicht nötig, mehrere Male auf die Welt zu kommen. Der Herr sprach von den ‚Wohnungen im Vaterhaus‘. Gibt es diese, dann sind sie auch bewohnt! Ist das der Fall, alsdann kann das Kommen, Bleiben, Gehen durch unsere Lichtlebenszeit uns gleichfalls durch die Stätten führen.“
„Jawohl! Manchmal haben uns die Engel, die dem Heiland dienten, auch belehrt, gerade über diesen Punkt. Die Menschen fern im Osten, ethisch lebend, besaßen ihre alte Lehre nicht mehr rein. Wechselnde Generationen können viel verwischen. Auch der Ein-Gott-Glaube eines Abraham ist jetzt besonders stark verwischt, im römisch-griechisch-ägyptischen Götterglauben ebenso. Oder nicht?“ Cornelius meint, ihm wäre das schon längst egal.
„Die frühesten Geschlechter im Gebiet der höchsten Berge kannten schon die Lichtgeburt von einem Stern zum andern. Ein jeder Weg in solcherlei Station ist der Menschgeburt fast gleichzusetzen, obwohl sie völlig anders ist bei denen, die vom Lichte der Materie dienen. Auf allen Lichtstationen sind die äußerlichen Dinge geistig, auch das Kommen, Bleiben, Gehen [VH13], wie du gut erkanntest. Das sind wunderbare Offenbarungen, sowohl der Herrlichkeit des Herrn, als auch des Segens an die Wanderkinder.
Man nannte jeden ersten Gang durch eine Lichtstation ‚Geburt‘ und bei den folgenden Stationen ‚Wiedergeburt‘ (Reinkarnation). Später ward es materiell betrachtet. Sicht und Glaube an das Übersinnliche ging verloren. Man konzentrierte alles auf die Welt.
Höchste Lichtkindgeister lassen sich zu einem Sonderzweck auch öfter in die Materie senden, wovon der Kernpunkt unsere Erde ist. Falsch ist es, das Wiedergeburt zu nennen. Solche hohe Engel kommen niemals ihretwegen her. Ihre Lichtmission geht einzig aus der Hand des Höchsten und hat mit weltlichen Begriffen nichts zu tun. Wer das denkt und glaubt, geht irr.
Alles Geistige geschieht einmal, wie Gott Sich einmal opferte (Hebr. 10, 14). Das schließt nicht aus, daß — ganz besonders für uns Menschen auf der Welt — das schon Gegebene zu wiederholen ist, wie jenes Wort, das wir später erst verstanden haben: ‚Ein neu Gebot gebe Ich euch‘, was man einst, wie ich voraus erkennen darf, mit ‚Neuem Testament‘ bezeichnen wird.
Man vergißt dabei das Ewige, GOTT zu eigen. Ist Er der EINE, der Sich niemals wiederholt, Sein Grundgesetz nie ändert, so wird Er auch Sein Testament [VH14], zu einer Zeit geschrieben, die schwerlich zu begreifen ist, nicht umzustoßen brauchen, nicht durch ein Neues zu ersetzen hat, weil das Alte etwa Fehler hatte und somit nicht mehr gültig war.
Des Schöpfers Wort und Werk sind ewig gültig!
Ich, ein armer Fischerssohn, lernte lesen und auch schreiben und sah manche Rolle bei dem Rabbi ein, der unsern Ort betreute. Da stand schon das Gebot in Mose‘s Rollen (5. Mo. 6, 5; 3. Mo. 19, 18), Gott zu lieben über alles und den Nächsten wie sich selbst. Empfing Mose dieses Wort. dann war des Herrn Gebot nichts Neues — von IHM aus gesehen. Für uns, die wir vergeßlich sind und schwere Dinge von uns schieben, war es wieder neu gegeben worden, richtiger: abermals. Ob man das einst erkennen wird — ?
Nun ist es nicht das Wichtigste, wie man es beschreibt, sondern daß man danach tut. O, die letzte Menschheit wird in ihrem Taumel untergehen; nicht allein die Kinder dieser Welt, wie Gott die Hingestürzten nennt, auch von jenen, die sich gläubig wähnen, werden viele trotz des Glaubens irrig sein; denn sie vermessen sich, dem Heiligen ihr armes Weltbild aufzuprägen. Er soll nicht sein, wie Er ist, sondern wie sie sich Ihn denken.“
„Ist der Menschheit nicht zu helfen?“ fragt Cornelius. „Wir haben mit dem Herrn so Köstliches erlebt, da hat man doch den Wunsch, daß jeder es erhalten und bewahren könnte. Wer das nicht wünscht, dem geht der Segen aus der Lehre Jesu doch verloren. Kann man das als ‚Liebe zu den Nächsten‘ mit verwerten?“
„Ganz bestimmt! Ein Wunsch, im Mitgefühl für andere bedacht, ist stets gesegnet. Bloß ist zu bedenken: Gottes Zeit hat ein anderes Gepräge als das Zeitempfinden auf der Welt. Tausend Jahre unserer Menschlichkeit sind weniger als ein Hauch aus Seinem Mund! So wird sich jeder fromme Wunsch erfüllen. Wann, mein Freund, ist IHM zu überlassen. Auch das Wie!
Wir meinen manches gut; ob das für jeden gültig ist, dem unser Herzgedanke gilt, können wir nicht immer übersehen. Fehlt etwas am Wunsch, gibt Gott das Seine gern hinzu; ist ein Zuviel vorhanden, was auch mal möglich ist, nimmt Er es weg. Er ist ein wunderbarer Gott; Er handelt allzeit in der Weisheit Seiner Güte.“
„Wenn ich nicht richtig weiß, wie ich wünschen soll, dann würde ich mich gar nicht immer trauen.“ „Das laß dich nicht bekümmern. In Hinsicht Gott zu lieben über alles, können wir nicht fehlen, wenn man sich ernstlich Mühe gibt. In Hinsicht der Gebotserfüllung für die Nächsten sorgt unser lieber Herr dafür, daß der Segen Maß und Ziel bekommt. Genügt das nicht?“
Eben steckt der Junge seinen Kopf zur Tür herein. „Es wird Abend und da wollte ich . . .“ „Wieder Essen holen?“ Johannes lächelt. „Wir gehen zur Taverne“, sagt Cornelius, „und dir schicke ich herauf.“
Johannes hatte ihm erzählt, wie der Bursch die Hände bei der Stiege mit gebrauchen mußte. „Wieviel sind‘s noch Tage bis zur Taufe?“ Er kann es kindlich kaum erwarten, obwohl er siebzehn Jahre zählt. „Na na“, tut der Römer lustig, „hoffentlich hältst du sie aus.“ „O, wenn es Jesu Jünger tut, kann mir nichts geschehen!“
„Auch ein Glaube!“ Johannes zieht den Jungen zu sich her. „Übermorgen ist für dich der große Tag. Wir rufen alle auf, es wird sich mancher auch mit taufen lassen.“ „Hm, morgen reite ich zu unsern Fischern, da lade ich die Leute ein. Das wird ein Fest!“ Indem er mit Johannes geht, fragt er ihn, ob er, Cornelius, sich auch noch taufen lassen soll. Ein wenig widerstrebt es ihn, sein römisches Empfinden ist nicht gänzlich auszuschalten und braucht auch nicht zu sein. Es wird verneint.
„Du bist durch Jesu WORT getauft, wie wenige, die Ihm folgten. Was Petrus tat, war für dich ein äußerliches Zeichen (Ap.G. 10). Die Welt hängt manchem noch am Rock. Du hast aus Liebe zu dem Herrn deine ganze Habe hingegeben, anders als der Jüngling, der betrübt von dannen ging, als es der Heiland von ihm forderte. Du tatest es aus völlig freiem Willen (Matt. 19, 21).“
„Warum hatte es der Herr von ihm gefordert? Er wußte es, daß der Jüngling seinen Reichtum nicht verschenken wollte.“ „Sicher wußte es der Herr; Er sah aber auch, daß jener ihn verlieren würde, um dadurch einst den Herrn zu finden, wie es geschehen wird.“ „Woher weißt du das?“ „Mir hatte es der Herr gesagt, ich stellte auch die gleiche Frage wie jetzt du.“
„Wie steht es bei den Fischern?“ „Sie haben unsern Herrn nicht selbst erlebt; durch die Taufe sind sie dann mit Ihm verbunden. Es fragten manche, ob sie zu Ihm gehören dürften, weil sie Ihn nicht kennen lernten. Unser Festtag wird gesegnet sein.“ „Ist nicht jeder Tag gesegnet?“ „Doch, Cornelius, schon deshalb, weil GOTT die Tage gibt. Wenn Er auch bloß einen Segen hat, einen ganzen, so zeigt Er für uns dann und wann wie einen Unterschied. Wir empfinden das und es spornt an.“ —
Nun ist der Tag gekommen. Der Jünger hat allein in der vom Mond erhellten Nacht das Taufamt vorbereitet. An der Quelle hinterm Turm steht ein Gefäß, mit Wasser voll gefüllt. So wie der Täufer es am Jordan tat, will Johannes dies nicht tun. Der reine Quell muß rein erhalten bleiben, man braucht das Wasser nötig. Für die Tiere ist ein Abfluß da, damit sie nicht direkt zur Quelle können. Unmöglich kann Johannes nun die Leute in das Wasser steigen lassen. Auf ein kleines Tischlein stellt er einen Becher hin und legt daneben eine seiner Rollen.
Sehr früh, eh die Sonne kommt, geht er zum Strand und trifft wie üblich den Tribun, auch Sejananus, Cronias, Scubatus und Venitrius. Letzterer kam vor Tagen an mit einer großen Freude, auch, um hier zu sein. Man fragt Johannes aus, was werden würde, ob sie auch zur Taufe mit gehören sollten. Der Jünger hat es ihnen freigestellt und hinzugefügt, daß Cornelius und Venitrius sie nicht bedürften. Zur Beruhigung von allen sagt er nicht, daß der Herr durch Seine Worte taufte, er will den anderen die Freude ungeschmälert lassen, nun ‚dem Heiland ganz zu eigen werden‘.
Viele sind herbeigeeilt, Männer, Frauen und die Kinder. Der Arzt wartet ab, was geschehen wird und der alte Hirte stellt sich etwas abseits hin. Er hat besondere Gedanken, die gehn nicht fehl: ‚Was der Seher Gottes sagt, ist Gottes Wort. Glaube ich an Ihn, bin ich auch sein Eigentum. Mehr bedarf es nicht.‘
‚Über hundert Leute sind versammelt, beiderseits der Quelle. Beim Tisch stehn vorn die Römer. Cornelius hat den Jüngling neben sich gestellt, dem der Schäfer gestern Salbe auf die Wunden strich. Erst hatte sie gebrannt, doch bald kam kühle Linderung. Nun, steht er da, seine Augen glänzen wie bei einem Kind. Die andern Kinder halten sich bei ihren Eltern auf.
Johannes spricht das Gebet ‚Unser Vater‘. Er betont den Zweck der Taufe, läßt zu wissen, daß das Äußerliche mit zum Segen dient und man dem Heiland dadurch angehört. Er zeigt auf, daß der Mensch sich von der Welt befreien muß, erläutert auch, man solle wohl an alles denken, was für das Leben nötig sei. Ein Mann soll für die Seinen sorgen, die Mutter für die Kinder.
Dann spricht er über jenes von den meisten Hörern nicht verstandene Wort (Matt. 6, 25-34). „Nannte hier der Herr die Vögel, die nicht säen und nicht ernten und Gott würde allesamt erhalten, so war nicht gemeint, daß der Mensch die Hände ruhen lassen soll; denn auch das hat Gott gesagt: ‚Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen‘, was Arbeit heißt. (1. Mos. 3, 19)
Was werde ich essen, was werde ich trinken, wurde angeprangert. Seht diese Quelle an — niemand hat sie je geschaffen, sie kommt aus dem Inneren der Erde, wie Gottes Segen aus Ihm Selber fließt. Also trachtet nach dem Reiche Gottes und nach Seiner Gerechtigkeit, alles andere wird euch gegeben. Sorget nicht für den andern Morgen; denn der morgende Tag wird für das seine sorgen. Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe.
Ich bin eines Fischers Sohn und weiß, was es für Mühe kostet, um die Netze auszuwerfen. Könnt ihr die Fische schaffen und vermehren? Nein! Der Schöpfergott hat sie geschaffen, damit ihr eure Nahrung habt. Sorgt Er so für euch, da könnt ihr dankbar an Ihn denken, Ihn lieben und nach Seinem Reich und Seinem Rechtssinn trachten. Tut ihr das, dann seid ihr an Ihn angebunden und keine Welt kann eure Seele wieder von Ihm reißen! Wer das will, der komme her und nehme auch das äußerliche Zeichen in Empfang.“
Er holt erst den Jungen her, der am ganzen Leibe zittert. Vorher hat Cornelius gefragt, wie er ihn denn nennen solle. Ihm schwebte jener Zeuge vor, den Saulus steinigen ließ. Johannes hat es gern bestätigt. Nun — die meisten Leute tragen wenig Kleidung und schadet also nicht, wenn das Wasser sie benetzt.
Johannes schöpft das Wasser aus dem Bottich, legt die Hände auf das junge Haupt und spricht: „Gott segne dich! Ich gelobe dich dem Heiland an. Befolge die Gebote, wandele den guten Weg, sei immer hilfsbereit, überwinde alles, was dich von Gottes Liebe scheiden mag. Ich taufe dich in unsers Heilands Namen JESU, der unser Gott und Vater ist!“ Johannes gießt das Wasser auf das Haupt des Jungen und mit einemmale wird derselbe ruhig, er fühlt‘s in sich wie eine Kraft und hält sich am Gewand des Jüngers fest. Cornelius aber sagt vernehmlich:
„Nun bist du ein Gotteskind geworden, das Gott aus sich selber angehören will. Du heißt von nun an ‚Stefanus‘.“ Da kniet der Junge nieder, nie wußte er, wie man es tut, es kam einfach über ihn. Ein Zehnjähriger reißt sich von seinem Vater los und ruft: „O bitte, ich will auch die Taufe haben, ich will dem Heiland angehören!“ Welch ungeheure Freude durchströmt das Herz des Sehers und ist kaum einer noch, den es nicht erschüttert.
Alle, sogar Cornelius bittet: „Taufe mich; denn so wie du es tust, bindet mich an meinen Heiland an, der mein Gott und Vater ist!“ Als Letzter tritt der Arzt herzu. Wenn sogar ein römischer Tribun sich taufen läßt, warum nicht auch er, der nur durch diesen auf der Insel frei geworden ist? Der Hirte geht verstohlen weg und denkt: ‚Ich weide meine Lämmer, wie mich der Herr das Beispiel wissen ließ. Mir war so, als würde ich das Wasser spüren.‘ Ganz recht hat der alte Mann; denn nicht das Äußere als solches bringt die Bindung an den Herrn, allein der Glaube und das gute Tun.
Drei Piraten standen fern und sind betrübt, daß sie die andern nicht begleitet haben. Ob wohl Gottes Seher für sie — ob er Einer nimmt sich Mut, geht hin und bittet: „Gottesmann, zwei und ich — du hast es sicherlich gesehen — ahnten nicht, was werden würde; jetzt möchten wir . . .“ „. . . die Taufe haben? Meint ihr es denn ehrlich, oder wollt ihr bloß nicht ausgestoßen Sein?“ Ach ja, er sieht sehr tief, der Seher Gottes. Ein Getaufter meint: „Nun sind sie zu spät gekommen, die Tür ist zu.“
„Kann Gott nicht die Türe wieder öffnen?“ fragt Johannes. „Ihr müßt viel lernen und solang man lernt, geht man einen guten Weg. Zu lernen ist: ‚Was man aus Gottes Liebe selbst empfangen hat, soll man auch den andern gönnen.‘ Willst du den Kameraden, die mit dir gewiß auf falschem Weg — durch Dick und Dünn gegangen sind, nicht ebenso die Gnade wünschen?“
„So habe ich es nicht gemeint“, bekennt der Getaufte. „Ich will bitten: vermittle ihnen Gottes Gnade.“ Ein guter Schritt von einer Seele, die aus dem Dunkel stieg und sich bekehren ließ. „Ich denke mir“, läßt sich Cornelius vernehmen, „Gottes Güte währet ewig, es gibt ja nicht bloß diesen einen Feiertag, wie der Schöpfer ihn für uns geschaffen hat.“
„Es muß nicht heute sein“, sagt einer von den Dreien, „sind wir zu spät gekommen, bestimme einen andern Tag, wo wir die Taufe haben dürfen.“ Nun ist‘s nicht nur der Wunsch, ‚auch dabei zu sein‘. „Ich lehre euch, was ihr erst erkennen müßt. Nehmt ihr auch das Schwere auf, was Gott mit Seinem Heil verbinden kann, dann soll am nächsten Feiertag die Taufe sein. Von der Sidon-Bucht sind nicht die Fischer dagewesen; ich besuche sie und wird wohl mancher sein, der mit euch das Heil erhalten will.“
Venitrius meldet sich: „Ich begleite dich, besser ist, du bist nicht ohne Schutz.“ Er stockt. „O, Gottes Schutz ist stets bei dir; doch Simeon hat mich gelehrt, nicht nur auf Wunder hoffen, gutes Menschliches ist auch mit anzuwenden. So wie die Taufe eigentlich ein Herzensvorgang ist, pur GOTTES Sache, und hat doch das Äußere gesegnet, also bleibt bei uns der Gnadenschutz des Herrn. Für die Welt kann man sich verständig schützen.“
„Bravo“, ruft Sejananus. „Das ist wie auf dem Meer: ich kann das Ruder nicht sich selber überlassen, muß die Hände regen, mich nach Wind und Wellen richten, will ich ans gesteckte Ziel gelangen. Doch steht immer Gottes Waltung über uns, wie nachts das Sternenheer das Meer erleuchtet und die Richtung weisen kann.“
„Es wird immer herrlicher!“ Cornelius umarmt versehentlich den jungen Stefanus, statt seinen Kapitän, lacht dann heiter und sagt verlegen: „Ich komme mit. Wir reiten übermorgen; morgen läuft die Proviantgaleere aus, da gibt es vielerlei zu tun. Hast du Scubatus deine Briefe schon gegeben?“ wendet er sich an Johannes. „Es hat Zeit bis morgen früh“, erwidert dieser.
Inzwischen ist in der Taverne eine große Mahlzeit hergerichtet, die Fische bestens zubereitet und viel Brot gebacken worden. Bloß gut, daß man noch genügend Körner hatte, wird längstens Zeit, daß sich die Truhen und die Schläuche wieder füllen. Es wird ein froher Tag, die Kinder jubeln, wenn sie auch das Tiefste nicht verstanden haben, manche große Leute gleichfalls nicht. Aber jeder denkt mit Dankbarkeit: ‚Ich bin ein Christ geworden.‘
Bis auf die Fischer, die zur Nacht das Meer befahren wollen, wird es spät. Sejananus ist bei gutem Wind am andern Morgen ausgelaufen. Tags darauf sind Cornelius, Johannes und Venitrius abgeritten. Man fand bereite Herzen vor. Der Hirte hatte es erzählt, wie das mit der Taufe war. Am nächsten Feiertag sind es fast wieder hundert Leute. Jetzt gibt‘s sehr wenige auf der Insel, die nicht den Lichtkontakt gefunden haben. Johannes ist jedoch voll Trost: ‚An ihnen soll man sich bewähren.‘
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