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Kap. 14 – Thomas bei Johannes; Mutter Marias Heimgang

14. Kapitel

Die Monde runden sich zu einem Jahr. Auf Patmos gibt es keinen Krieg, Neid, Mord, das tiefe Menschliche, was überall im Vorfeld steht. Auch kommt höchst selten mal ein fremdes Schiff, meist nur, wenn es eine Hilfe braucht. Und die wird immer gern gewährt.

Cornelius ist alt geworden, noch aber sieht man ihm den ‚Römer‘ an. Sonst sind alle auf dem Posten. Sejananus fährt regelmäßig, um Proviant zu holen, doch hat man auf der Insel viel gebessert. Man versucht mehr und mehr, sich auf sich selbst zu stellen.

Thomas kommt ganz plötzlich und berichtet von Maria. „Es war ein wunderbarer Tag“, erzählt er schon am ersten Tag, „als ich, Petrus, Jakobus“, (den Herodes bald danach ermorden ließ, AG. 12) „und Taddäus Kapernaum besuchten. Als ob ein ‚Ruf‘ uns hingeleitet hätte. Alle andern waren weit verstreut und wie ich hörte, wäre Paulus auf der Fahrt nach Rom (1. Reise).

Als wir zu Maria kamen, lag sie still in ihrem Bett, betreut von lieben Frauen. Ihr Blick war hell, das Antlitz rein wie das eines Kindes, und sie erkannte uns. Sie gab uns viele Grüße auf, niemand hatte sie vergessen. Joanus nannte sie zuerst und jeden der Apostel, nicht zuletzt ‚ihre lieben Römer‘, wie sie lispelte, und da zuerst Cornelius genannt.

Wir nahmen unser Abendmahl, wie es der Herr als Sein Vermächtnis anbefohlen hatte. Die Sonne ging zum Horizont und mir war, als sei sie nie so goldenrot gewesen. Das ganze Firmament bis hin zum Osten widerstrahlte von dem Schein. Dorthin sah Maria, eine Frau stützte sie, und im letzten Strahl der Sonne schloß sie ihre Augen zu, wie ein Kind, das eingeschlafen ist.

Ihr könnt euch denken, wie wir trauerten, und — geistig fröhlich waren. Sie, die Reine, Liebliche, sie hatte heimgefunden, erlöst von allem Leid der Welt. Wir gaben ihr ein neues Grab, wie einst dem vielgeliebten Herrn; und — ich mag nicht wissen, ob nicht auch sie, unsere Maria, bald darauf dem Grab entschwunden war [VH17]. O, nicht so wie der Herr, der unser Gott und Schöpfer ist. Denn auch Maria, so sehr wir sie verehren, ist ein Mensch gewesen, zwar einer von den reinsten, die jemals über diese Erde gingen und noch gehen werden bis ans Ende dieser Welt.

Petrus sprach an ihrem Grab und Jakobus hatte still geweint. Mir kamen auch die Tränen. Taddäus drehte sich ein paarmal um, seine Wehmut zu verdecken, während die Kapernaumer heftig weinten, nicht bloß Frauen und die Kinder.

Nun“, schließt Thomas den Bericht, „sie ist von uns gegangen und wir folgen nach. Wie —? In Judäa geht es immer wüster zu. Nicht selten, daß ein Römer, der nichts vom Heiland weiß, einen und den anderen beschützt. Wie ich letzthin hörte, hat Rom das Hetzgesetz herausgegeben: ‚Christen sind aufzuspüren und zu töten!‘ O, dieses Unrecht! Seid froh, daß ihr auf Patmos wohnt. Ich glaube, hier kann euch nichts geschehen.“

Man hat still zugehört. „Wir danken unserm Herrn“, sagt Johannes, „daß Er Maria zu Sich nahm. Es war wohl nicht die Weltensonne, die ihr das Geleit gegeben hatte, sie über jene Grenze führte, wie die Sonne jeden Tag die Grenzen überschreitet, im Kommen und im Gehen. Es war Licht vom Licht, aus GOTT gekommen, das sie von der Erde nahm. Wir, Freunde, wollen darauf hoffen, darum bitten, daß unser Heimgang gleichfalls lichtgesegnet sei.“

„Wenn —“ Cornelius stockt. Warum kann es keinen Frieden geben? Warum müssen Menschen sich verderben, verfolgen, Böses tun und was der Lehre ihres Herrn zuwidersteht? Warum —? Nicht bloß Johannes, auch Thomas sieht den Zorn, der im Römer wühlt. Man bedenkt, wieviel Blut geflossen ist, die Folterschreie von gequälten Leuten, und das um JESU willen, Der die Güte Selber war!

„Bleibe bei uns“, sagt Cornelius zu Thomas, „hier kann dir nichts geschehen. Ich wollte, alle Christen kämen her.“ „Ein guter Wunsch, mein Freund.“ Thomas nickt. „Sag‘ mir aber, wer dann die Botschaft weitertragen soll? Der Herr befahl: ‚Gehet hin in alle Welt‘ — Das hätte Er wohl nicht gesagt, könnte von der kleinen Insel aus das Evangelium verbreitet werden. Abgesehen aber davon —

Würden sich die Christen hierher retten — euere Legionen würden diese Insel überschwemmen. Keiner von uns bliebe übrig! Der Herr hat‘s weise eingerichtet, was wir niemals ganz verstehen und die ‚Warum‘ vergeblich rufen. Es sieht ja aus, als solle alles ausgerottet werden, was wunderbar von Gott gegeben ward: Sein Licht, Seine Liebe, Güte, Wahrheit und Sein Wort. Doch wir wissen:  Nichts — nichts ist bei Gott vergeblich!

Du weißt, Cornelius, wie du mich gefunden hast. Glaube mir, ich dachte so wie du: ‚Warum, o Herr? Wo bist Du denn, Deine Allmacht und was Du uns versprochen hast?‘ Verzweifelt war ich, bis ich nicht mehr denken konnte. Kein Herr, kein Heiland da? Als dann Fillups (Philippus) kam, war ich noch immer voller Zweifel.

Nichts hat der Herr gerügt, als ich vor Ihm stand. Nur Sein gutes Wort: ‚. . . und glaube!‘ So geht es jedem, der unter der Verfolgung leidet. Denkt nicht“, wendet Thomas sich an alle, die im Turm versammelt sind, „ich zöge jetzt Vergleiche. Gut ist es, daß ihr frei vom Wahne der Verfolgung seid. Möge sich nach hier der Henkersarm nie strecken! Die Mahnung gilt euch aber auch: ‚. . . und glaubet!‘

Wo können wir sie denn befolgen? Dort, wo wir in Gefahren stehn. Friedensinseln muß es geben, sonst wäre Gottes Werk verloren — für uns, nie für Ihn! Ihr habt euer Teil erbracht, Johannes zweimal in Gefangenschaft; und Cornelius war wie oft die ‚Hand des Herrn‘! Was wäre wohl aus uns geworden? So sorgt Gott, so gleicht Er aus, so ist Seine Hilfe da, selbst wenn wir sie nicht merken.

Wir wollen kein ‚Warum‘ mehr fragen.“ Thomas kann jetzt schauen: „Solang die Welt besteht, wird es Kämpfe geben zwischen Licht und Finsternis. Gehen wir dem Lichte nach, so mag das Äußere des Lebens schwinden, — unser Geist, Seele, Herz und das Gemüt sind Eigentum des Herrn. Und ER ist LICHT!“

Johannes dankt. „Bruder, du hast uns einen großen Trost gebracht, wir wollen das Gebet in Gottes Hände legen: Er möge unsere Seelen schützen und nach dem Tod in Seines Lichtes Herrlichkeit erheben. Anhalten am Gebet (Röm. 12, 12), das verlangt der Herr von uns.“ „Das hat Paulus auch geschrieben, mir wurde es erzählt, an die römische Gemeinde ging der Brief. Er hat sich sehr gewandelt; ein Eiferer ist er und unerschrocken.“

Johannes beschattet sein Gesicht, ihm kommt ein Bild und er sagt es auch. „Noch kann Paulus als ein Römer wirken, hat das römische Privileg. Ihn würgt aber leider auch die Faust der Finsternis, wie alle unsere armen Brüder und die Schwestern. Allein“, wie manchmal steht er auf und wirkt als Seher Gottes, „ich wiederhole es: Nichts ist bei Gott vergeblich! Und das viele Blut, das um Gottes willen fließt, früher, jetzt und bis zur letzten Zeit — es ist das Bad der Reinigung für jene Finsternis, die in Menschenherzen wohnt und die die Ausgeburt der Hölle ist.

Da kann keiner seine Schuld auf andere schieben, vor den Höchsten treten, um den Nächsten zu verklagen. O seht an: der Kläger wird verworfen (OJ. 12, 10), nicht der Verklagte! Gottes Heiligkeit wiegt beides aus, alsdann wird der Kläger mit der Klage fallen, zu Füßen dessen, der Richter über alle ist!

Manche gehen in die Irre, die so freudig glaubten. Das aber nur für ihre arme Wanderzeit, nicht für ewig. Denn wo das Böse einen Glauben raubt, da wird der Geist die Seele aus der Kraft des Herrn bewahren, auch im Niedergang. Gott ist gerecht! Er lastet keine Schuld auf uns, kommt sie aus dem menschlichen Verderben. Bloß wo man selbst sich fallen läßt, Gott nicht liebt, dem Nächsten keinen Dienst erweist, liegt die eigene Sündenlast auf uns; und die — die wird in vollem Maße angerechnet.

Wer im Tod geopfert wird, wird im Tod erhoben werden. Denkt aber nicht, ihr Lieben, die wir auf der Insel jetzt noch friedsam leben, wir würden einstens nicht erhoben. Du, Cornelius, hattest innerlich gefragt, wo denn euere Gottesopfer wären. Du gingest gleich nach Rom und würdest deinem Kaiser sagen: ‚Ich bin ein Christ, nun töte mich!‘ Was wäre damit für die Sache unseres Herrn gewonnen?

Hier, mein Freund, hast du durch das Recht des Lichts und durch das magere Recht der Welt den Friedensplatz geschaffen, von dem aus mancher Segen fließt, ungesehen, um so herrlicher und mächtiger in seinem Strahle für die Gläubigen des Herrn. Gerade solche Strahlen wirken unermeßlich viel, obgleich wir sie nicht sehen. GOTT aber sieht sie ganz gewiß: Von Ihm aus geht der Segen, weil es ohne Ihn gar keinen gibt.

Wir sind ein ‚Innenpunkt‘ für unsere Zeit auf dieser Welt, die andern sind der ‚Außenpunkt‘. Beide wirken, daß das Evangelium nie untergeht! Wie wenig GOTT vergeht, so wenig Seine Offenbarung und Sein Wort. Ebenso vergeht das nicht, was wir, Seine Kinder, wirken dürfen innen, außen, erkannt und unerkannt.

Du, lieber Thomas, fahre mit dem nächsten Schiff zurück. Tröste jeden, den du triffst; jeder steht in Gottes Hand. Du bist nicht bang. Ich weiß es noch, du hast uns andere aufgefordert, ‚mit dem Herrn zu sterben‘ (Joh. 11, 16). Es war vor Seiner letzten Zeit, als Er uns eröffnete, was geschehen würde, auf dem Weg zu Lazarus, und wir baten Ihn, ‚nicht hinauf zu ziehen‘ (nach Jerusalem). Du hast den Weg gewiesen, unsern Herrn nicht zu verlassen.

Du wärest mit nach Golgatha gegangen, wurdest du nicht abgeführt. Ich, Maria und drei Frauen konnten erst von ferne folgen, die andern machte die Gefahr wankend und sie verstreuten sich. Hat es uns der Heiland angerechnet? Nein! Er hat uns getröstet! So wollen wir desgleichen tun, jeder da, wohin der Herr ihn stellt.

Wenn alle Menschen wüßten, warum sie eine zeitlang außerhalb des Lichtes leben — von Abgeirrten kann man es ja nicht verlangen, da deckte Gott so vieles zu, was die Hingefallenen zu ihrem Heil nicht wissen —‚ es sähe nicht so trostlos aus auf dieser Welt. Freunde, ich sehe ja die Bilder, wenn auch noch nicht völlig klar, die ich noch zu schreiben habe; es erzittert mir mein Herz, soll sich das erfüllen, was — wie — —“

Der Seher schweigt, niemand unterbricht die Stille. Jeden greift ein Schauer an. „Es soll noch nicht davon gesprochen werden“, sagt Johannes weiter, „jede Zeit hat ihre Last, keiner hält das selbstgewählte Übel auf. Das tut der Herr! Wenn dann die Not am größten ist, wenn des Übels Abgrund immer tiefer wird, streicht der liebe Herr mit Seiner heiligen Erbarmung wie mit sanften Händen über all das Übel hin; und einst, hat die Materie ausgedient, kommt Seines Lichtes Fülle über das gesamte Kindervolk.

Das ist unser höchster Trost, obgleich wir diesen erst im Licht erleben. In Gottes höheren Sternstationen sieht es anders aus. Dort sind unsere Freunde, vom Empyreum her, und Heimgegangene, die ihre Augen unter Gottes Hand geschlossen haben. Diese helfen uns, die Lasten zu ertragen.

Ungesehen helfen sie. Alsdann sagt der Mensch: ‚Ich hatte Glück‘; ‚das Schicksal war mir hold‘; wenn‘s hoch kommt, nennt man es ein ‚Wunder‘. Wie herrlich Gottes väterliche Führung wirkt —‚ ja, wer will das erkennen? Des geistig Göttlichen schämt man sich, und je weiter unsere Menschheit in die nächsten schweren Zeiten kommt, je weniger gibt man sich der Gottesführung hin, kehrt sich ab vom guten Lebensweg.

Wir kennen ja den Niedergang. Selbst zu Abrahams gnadenvoller Zeit gab es Lug und Trug. Sodom und Gomorra gingen unter. Dabei hatte Abraham so gut regiert, seine Leute glaubensvoll betreut. Dann die Zeit der Könige von Israel? Die guten kann man zählen, da braucht man keine beiden Hände, von Heidenkönigen auch zu schweigen, von denen aber manche gut regierten.

Nun“, es gleitet sonnig über das Gesicht des Sehers, „wir wollen nicht im Trüben fischen, pur die Klarheit müssen wir behalten, um im Danken, Bitten und Gebet jederzeit zu Gott zu flüchten. Morgen wollen wir den Kindern ihren Tag bereiten. Sieh, Thomas, sie müssen fleißig helfen und das schadet ihnen nichts. Ab und zu einen freien Tag mit Spiel und guter Kost hatten wir, Cornelius, Nicodemus und ich bald eingeführt.“

„Das freut mich sehr“, ruft Thomas aus. „Lacht nicht über mich — ich kenne Spiele, die ich mit euern Kindern üben möchte.“ „Fein“, schmettert wieder mal Cornelius, „schade um die alten Beine, sonst machte ich die Spiele mit.“ „Ach, zusehen kann uns auch erfreuen“, meint Cronias.

„Darf ich mit spielen?“ Stefanus brachte einen Imbiß und hat das Letzte mitgehört. Er kann nun gehen, springen kann er nicht. Thomas streicht ihm über seinen Schopf. „Ich richte es, daß du nicht der Letzte bist.“ Wie strahlt das dunkle Auge auf. Er ist kein Kind dem Alter nach; allein ohne Kindheit aufgewachsen möchte er jetzt auch mit spielen und sich freuen.

Cornelius kommt in Erinnerung, wie Cyrenius die Tempelkinder und Myriam erfreute; ähnlich will er das auch tun. Heimlich spricht er mit dem Wirt und der schmunzelt: „Wird besorgt!“ „Soll nicht dein Schade sein.“ „Wo denkst du hin, Tribun? Verdienen will ich nichts dabei; das soll meine kleine Steuer sein.“

Spät nachmittags prescht Scubatus los, um mitzuteilen, anderntags solle jedes Kind zum Turme kommen. Die meisten Eltern freuen sich und richten ihre Schar am Abend her; waschen ist sehr nötig. Zwei Fischer brummen, sie brauchten ihre Knaben, nachts müßten sie aufs Meer. Beim Dekurio kommen sie nicht an. „Wollt ihr etwa den Tribun verärgern? Das traut ihr euch doch nicht! Was hat er in den Jahren hier bei euch getan, absolut zu euerm Besten. Also —?“ Er wartet keine Widerworte ab und reitet weiter. Nahebei trifft er die vier Knaben. „Haltet euch zu eueren Müttern“, muntert er sie auf, „dann dürft ihr sicher mit.“

In den Fischerhäusern geht es erst ein bißchen hin und her, der Gedanke an Cornelius siegt. Was seltener passiert: die Kinder sind besonders artig, lassen sich die ‚Schrubberei‘ gefallen und gehen früh zu Bett. Von den Brummenden hört Cornelius nichts. Scubatus übergeht die Sache. Ist nicht der Rede wert, denkt er.

Auf Patmos gibt es außer einer Regenzeit oder einem Sturm vom Meere her meist gutes Wetter. Heute ist es ganz besonders schön. In aller Frühe stellt der Taverner eine lange Tafel auf mit Dingen, die auch zu jener Zeit die kleinen Leckermäuler freut. Er deckt alles zu, man soll es nicht gleich sehen.

Man kommt zum weiten abgesteckten Platz, wo Thomas verschiedene Kreise zieht und anderes mehr. Zwei Stunden wird gespielt. Knaben müssen springen und sich üben, Mädchen lernen einen Reigen. Jubel über Jubel. Den Erwachsenen macht es Freude, zuzusehen. Richter ist Cornelius. Bei dem Speerwerfen gelingt Stefanus der beste Wurf. Er strahlt, bei vielem mußte er ja abseits stehen. Wie dankbar ist die Jugend für den Tag, und Johannes lehrt als Abschluß ihrer Freude noch vom Herrn, dem ‚Kinderfreund‘.

Anderntags, nachdem das Tagewerk vollendet ist, kommt man wieder in den Turm. Nicht selten kommen Fischer mit, die nahe wohnen, auch der Arzt ist stets dabei. Zuerst bespricht man mancherlei, wobei Sejananus bemerkt, er wundere sich sehr, weil Rom die Insel schier vergessen hätte.

„Male nicht den Lupus an die Wand“, zankt Cronias. „Wir wollen dankbar sein, daß durch Gottes Güte und durch das Dasein unseres Joanus bei uns der Friede bleibt.“ Man gibt Cronias recht. „Na, ich weiß nicht“, meint der Kapitän, „wenn es lange friedlich ist, kommt wieder mal ein Sturm. Das ist wie auf dem Meer. Man schiff dahin, alles hell und schön; auf einmal türmen sich die Wellen, und Böen schleudern einen hin und her.“

„Stimmt“, sagt Johannes, der bisher schwieg. „Besser ist, wenn man jederzeit gewappnet bleibt, dann kann nicht das Arge triumphieren, selbst wenn‘s erst böse seine Fäuste hebt. Rom hat Patmos nicht vergessen, bloß steht im Vordergrunde manch verlorene Schlacht, am meisten aber großer Aufwand. Wo wirklich Hilfe nötig ist, wird sie nicht erteilt.

Dann die Hetzte gegen unsere Glaubensfreude ist ein Höllenspiel geworden. Daß das Regime schon bröckelt, wird mit blutigen Freudenfesten übertüncht. Auch die Juden fallen in den größten Fehler. Man glaubt, durch Ausmerzung der Christen mit Hilfe der Besatzung das Volk zu retten. Dabei wird das Seil um Juda immer fester angezogen; es wird nicht mehr viele Jahre dauern, geht das Land in Feuer, Blut und Tränen unter.“

„Das wäre traurig“, sagt Cornelius, der um Jesu willen all das Schöne lieben lernte, was aus Tausenden von Jahren Israel erhalten hatte. Er erzählt, wie er einst den Dienst im Tempel mit erlebte [VH18] und Simeon kennen lernte. „Ja, wenn dieser bei uns wäre, ich glaube . . .“ „GOTT ist stets bei uns, wir brauchen uns bloß Seiner Führung hinzugeben“, mahnt der Seher ernst.

„Wir wissen, daß die Menschen immer tiefer fallen, und . . .“ „Darf ich unterbrechen“, fragt der Tribun. Johannes nickt. „Ich habe mal bei einem Rabbi eine alte Schrift gelesen. Selbst der Rabbi wußte nicht, ob die Kunde von dem Mann, der Hiob hieß, echt zu nennen sei. Jedenfalls stand da geschrieben:

‚Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter;

hier sollen sich legen deine stolzen Wellen!‘ (38, 11)

Der Rabbi sprach, selbst wenn dieser Hiob ‚nur Geschichte‘ wäre und nicht wirklich lebte, wäre, was in dieser Rolle stünde, eine Mahnung an die ganze Welt. Vielleicht war er ein Eiferer, denn er sagte noch: ‚Das ist das Gericht des Herrn! ER wird zürnen und ER wird richten, keine Gnade walten lassen, was der zweite Teil des Satzes offenbart. Wer gebietet über Sturm und Wellen? Allein der Herr, Gott Zebaoth!‘

Ich war beeindruckt und ich glaube auch, daß Gott der Richter ist über alles Böse, über Sünder und die Unrecht tun. Wie sollte sonst das Unrecht ausgeglichen werden? Mir ging nur das nicht ein, als es noch weiter hieß: ‚Auge um Auge, Zahn um Zahn.‘ Vergegenwärtige ich mir, wie gut der Heiland war, Seine Worte, Seine Hilfe, Seine hohe Wesenheit, kommt mir das Wort der Schärfe eigentlich verwerflich vor. In Einklang bringe ich das nicht.“

„Der Herr erklärte uns“, sagt Thomas, „als Mose über diese Dinge sprach — es wäre später hart geschrieben worden, nicht mehr aus dem Sinai-Gesetz —‚ war seinerzeit das Volk durch lange Wanderung oft außer Rand und Band. Mose mußte Strenge walten lassen, damit Israel nicht ganz verdarb. Später hat man Mose‘s Wort benutzt, um Rache auszuüben. Allein — Gott sprach:

‚Die Rache ist Mein, ICH will vergelten!‘ (5. Mo. 32, 35)

Was ist Seine Rache? Wie will Er vergelten? Wer schaut in Gottes hehren Weisheitsplan hinein? Wir Menschlein sicher nicht! Aber was der Heiland uns zu wissen tut, das genügt, um die Wahrheit zu erkennen, soweit es uns auf Erden möglich ist.

Das heilsam strafende Gesetz ist im Sinn der Menschen mit dem Heiland nicht auf gleich zu bringen. Dennoch war Er auch erzürnt, wenn die Hohen Seine Worte nicht verstehen wollten. Da zeigte sich das göttliche Gesetz! Das ist freilich etwas anderes, als was der Mensch in seinem Irrwahn tut.“ „Straff also Gott, oder ist‘s der Ablauf unseres Lebens, der die Strafe zudiktiert?“

„Beides, Cornelius. Du denkst, bei Gott gäbe es kein Zweierlei. O doch! Bloß ist Gottes Strafe stets die liebevollste Zucht und die Erziehung, das ‚Hinziehen‘ an Sein Vaterherz. Das kann der Lebensablauf teils bewirken. Jedes Unrecht hat die Folge, früher oder später. In ihr liegt das göttlich strafende Gesetz. Richtiger ist zu sagen: der Mahnruf ‚Kehre um‘!

Daß bei allem Tun und Lassen eine Folge kommt, weiß jedes kleine Kind; weil rein und somit ohne Sünde, spürt es das intensiver. Der Erwachsene schweigt mit Absicht eine Mahnung tot. Das nützt aber bloß vorübergehend; denn Gedanke, Wort und Tat haben allzeit ihre Folge, gut und ungut — jenachdem.

Allgemein sind die Rabbiner treue Leute, nur binden sie sich wie die meisten Pharisäer an das Wort. Der Sinn, den Gott offenbart, wird selten aufgedeckt. Man begnügt sich mit der Schrift, wie man so sagt. Kein Wunder, daß sich im Äußeren dein Rabbi festgefahren hatte. Nun — ich sagte ja, Gott ist der Richter; aber eines tut ER nicht: Er würde keine Gnade walten lassen. Darin irrt sich unser ganzes Pharisäertum, und darin werden bis ans Ende dieser Welt sich viele Glaubenslehrer irren.

Man lehrt Gottes Güte und zugleich das ‚Ohne Gnade‘! Wie man das auf eine Linie bringen will, wird nicht bedacht. Wie der Mensch aus seinem materiellen Seelenteil veranlagt ist, gilt für ihn die Gnade und Barmherzigkeit, für die anderen gilt die Verdammung, das ewige Gericht, die gnadenlose Pein. Welch ein Wahn!!

Halt! Weil ich vom materiell veranlagten Seelenteil gesprochen hatte, könnten solche Menschen nichts dafür? Veranlagungen wären eingeboren, wäre aus dem Jenseits mit zur Welt gebracht. Das stimmt zu einem kleinen Teil. Wäre es nicht traurig, würde Gott, der Vater voller Güte, der uns aus Seinem Liebeborn herausgehoben hat, uns mit solchem Manko, was einstens aus dem Fall entstanden war, auf die Wanderwege gehen lassen, ohne uns die Möglichkeit zu schenken, eben die Veranlagung zu überwinden? — ?

Man kann vieles überwinden, wenn man will; denn die Kraft des Geistes, uns zuerst gegeben, ehe denn ein Fall geschah, ist stärker als das Manko aus dem Fall! Dies sei kein Sonderlob, weil wir uns nicht gegenseitig loben sollen, doch ihr Freunde alle habt ja den Beweis er bracht, wie sich ein Mensch ganz wenden kann, durchaus in Richtung ‚gut‘.

Euch Römern war die Götterlehre eingeboren samt dunklem Sinn zu Macht und Krieg. Alles habt ihr überwunden, habt euch vom Heiland leiten lassen, durch Sein Wort, durch Seine Güte. Hat Er euch gerichtet, euch verdammt, weil ihr ‚solche Römer‘ wart? Nein! Er hat euch zwar durch manche Lebensstürme gehen lassen, aber insgeheim hat Er euch an Seiner Hand geführt — mich auch — alle, die wir dem Heiland folgen durften.“ Thomas nickt sehr ernst dazu.

„Nicht nur Cornelius gemeint“, fährt Johannes fort, „es hätte bei euch lang gedauert, bis ihr Sein Licht erkennen konntet. Was ist bei Gott die Zeit der Welt? Natürlich ist es gut, lernt man bald die Wahrheit kennen. Widersetzt man sich derselben nicht, so führt sie uns in Gottes Tiefe ein, soweit wir sie erfassen und verstehen können.“ „Weshalb nicht ganz?“ fragt Cronias. „Was meinst du dazu, Bruder Thomas?“ Johannes möchte ihn mit sprechen lassen, er hat ihn stets besonders lieb gehabt.

Und Thomas lehrt: „Was man erstrebt, will man ganz besitzen. Bei ‚ganz‘ der Herr erwähnt. Ihn ganz zu lieben, Seine Lehre in der vollen Wahrheit zu verbreiten, muß Inhalt der Erkenntnis sein, die wiederum aus Gottes Wahrheit ihre Nahrung schöpft. Das eigentliche ‚Ganz‘ besitzt pur Gott, nicht einmal des Lichtes Kinder, die die Materie durchwandert haben. Weil wir das nicht haben können, auch nicht brauchen, so sieht der Vater-Gott uns gnädig an. Vor Ihm sind es keine Mängel, ist etwas nur zum Teile zu erfassen. Es sei ein Beispiel aufgezeigt:

Kann man immer in die Sonne blicken, wenn sie vollen Scheins die Welt erhellt? Schon nach kurzer Zeit fängt das Auge an zu schmerzen und zu tränen; man läßt die Lider fallen. Die Sonne bleibt, scheint ruhig weiter, und auf den Wegen dient sie uns als bestes Licht. Den ersten Frührotstrahl oder wenn die Sonne untergeht — ja, da sieht man gern hinein, das blendet nicht und man ist beglückt. Wir sehen also bloß ein Teilchen ihres Lichts; gemindert ist die Sonne aber nicht, sie bleibt ganz.

So ist‘s mit Gottes Offenbarung. Sie bleibt immer das, wie Er sie gibt. Die Fülle können wir, weil geschöpflicher Natur, nicht ganz ertragen. Haben wir nun weniger Wahrheit? Nein! Wir haben unsern vollen Anteil an den Gaben unseres lieben Herrn. Was wir sehen und erkennen können, ist ein Stück von seinem ‚Ganz‘!

Das gilt auch der Verbindung zwischen Gott und uns. Von Ihm aus ist es stets die ganze Bindung; ich nenne es den Urkontakt. Kein Kind, das nicht vollstens an den Schöpfer angebunden ist. Was ER Sich erschuf, geht Ihm nie verloren! Der Mensch hat auch ein Anbild dieser Herrlichkeit. Wer ein Werk vollendet, an dem nichts mehr zu schaffen ist, auch wenn er es verschenkt, verkauft, so bleibt das ‚Bild‘ der Arbeit in ihm haften.

Das geschieht auf höchster Bahn bei Gott. Weil Er Seine Werke in Sich trug und da gestaltete, liebevollst im Herzen aufbewahrt, dann das Fertige aus Seinem Allmachtsborn herausgehoben hatte, auf die Entwicklungsbahn die Lebenskinder stellte, die andern Werke, die wir ‚Schöpfung‘ nennen, in der Allmachtshand behielt, daher bleiben alle Dinge Ihm zu eigen, ewig, unabänderlich.

Das ist der Gipfel unserer Seligkeit! Törichte meinen, ohne Gott wären sie ganz frei, könnten tun und lassen was sie wollten, oder die nicht Gott leugnen, möchten Seine Macht gemindert sehn: Er wäre an die Werke angebunden. Das wird gesagt, um hinter Gott sich hinzuschlängeln; als ob Er Sich erst wenden müßte um zu sehen, was geschieht. Das ist das Gewissen, was man gar zu gern bedeckt. Man schafft sich eine Norm, deren Armseligkeit jedem gegenübertritt, sobald man diese Welt verlassen muß. Im Jenseits läßt sich nichts verbergen, nicht einmal im dunkelsten Gefilde, wo die Seelen ihre Läuterung erfahren.

Wir können fröhlich sein. Was uns der Herr gegeben hat und wenn wir es bewahren, so gut es uns gelingen mag, wird uns allzeit Halt und Stütze sein. Schon auf Erden, wenn die Finsterlinge alles Gute überrollen und einst, wenn wir heimkehren dürfen zur Freude unseres Herrn, zur Befreiung aus dem Banne der Materie, aus allem, was uns von der Liebe Gottes scheidet. Hierin, liebe Freunde, gibt es auch für uns ein ‚Ganz‘. Jesu lehrte ja:

‚Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen,

von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften.

Das ist das vornehmste Gebot.‘ (Mark. 12, 30)

In vierfacher Art weist Er an, was als Höchstes ist zu tun: das ‚vornehmste Gebot‘ hat Er es genannt. Er hätte es nie anbefohlen, wäre es nicht zu erfüllen. Weil möglich, ist die Kraft des Geistes anzuwenden und wir stehn in Gottes herrlich-hohem Strahl. Öffnen wir am Morgen unser Herz, befehlen unsere Seele Gott bei Tage an, gehen abends nicht zur Ruhe, ohne im Gemüt für Seinen Segen Ihm zu danken, so stehen in der Nacht uns Kräfte bei, die uns von der Welt erlösen, daß wir Zeit um Zeit in Seinen Lichtgeboten wandeln können durch Seine Gnade, durch die Barmherzigkeit.“

Das war eine gute Rede. Johannes strahlt, Cornelius dankt, die andern neigen still ihr Haupt und halten fest, was aus Jesu Lehre kam. Man spricht noch über einen und den andern Punkt. Jeder geht gesegnet heim. Ein Fischer sagt zum Nachbar: „Thomas ist ein guter Mensch; er hat wohl den Heiland sehr geliebt, weil er uns so vieles geben konnte.“ „Nicht bloß ‚hat“, erwidert jener, „er liebt Ihn alle Wege, wie Joanus es tut, und wie wir — na ja, wie wir es noch lernen müssen, ganz zu tun.“ —

Anderntags reist Thomas ab. Sejananus holt neue Fracht. Herzlich ist das Scheiden — und mit Schmerz. Johannes weiß, er wird Thomas nicht mehr wiedersehen. Er wird getröstet durch ein Bild: Thomas und Philippus werden aus den römischen Gebieten fortgebracht, um anderwärts die Gotteslehre auszubreiten. Daher werden sie im Alter ihre Augen friedlich schließen. Gesegnet wird ihr Tagwerk sein — um einen Taglohngroschen.

Man steht lang und winkt, bis die Galeere fern entschwunden ist. Cornelius geht mit Johannes eine Weile auf und ab; man sinnt den Gnadentagen nach, bis der Römer fragt: „Wie wird es Thomas und den anderen ergehen? Ich habe ihn so lieb gewonnen und mir ist bang, daß ihm wie anderen etwas Böses widerfährt. Manchmal ist‘s schon schwer, an Gottes Führung fest zu glauben, kann der eine frei und ledig bleiben, der andere ins Unglück stürzt und unter Qual sein Leben lassen muß.“

„Gewiß; wir sehen nicht voraus, warum dies leicht, ein anderes schwer geschieht. Über Thomas sei beruhigt.“ Er erzählt, was er bei der Abfahrt sah. „Da haben wir es wieder“, sagt Cornelius, „warum er, weshalb nicht die anderen? Natürlich weiß ich es, daß Gottes Wege höher sind als unser kleines menschliches Bedenken. Immerhin — das ‚Warum‘ steht da.“

„Frage nicht zuviel, halte dich an Jesu Lehre fest, so wirst du merken, daß Gottes weisheitsvolles Tun für jedes Kind zum Segen ist.“ „Hm, gemerkt! Etwa kommt es Thomas mit zugute, weil er mit dem Heiland sterben wollte und . . .“ „. . . weil er Judas schärfster Gegner war, im treuen Sinn. Er hat ihn oftmals liebevoll gescholten. Doch Geld und Gier war das Verderben, in das Judas fiel. Er wollte neben Jesu groß erscheinen; doch wer das erstrebt, wird immer klein, so und anders, früher oder später, wie es der Seele dienlich ist, von GOTT geführt.“

„Heute Abend wieder.“ Cornelius nickt und geht dahin, er denkt über alles nach, und sein Herz ist eine helle Flamme.

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