15. Kapitel
Zwei Jahre sind dahingegangen. Gutes hat Cornelius noch wirken können, obwohl sein Haar ganz weiß geworden ist. Einmal kam ein Schiff, und als es ohne Störung abgefahren war, hatte man entdeckt, daß zwei Legionäre und ein Zenturio zurückgeblieben sind. Erst nach Tagen kamen sie aus dem Versteck hervor.
„Rom ist nicht mehr unser altes Rom“, hatte der Zenturio gesagt. „Keine Ahnung, wie du denkst, Tribun; wir sind Christen.“ Cornelius hatte nicht gleich ‚ja‘ gesagt, auch nicht verraten, daß die ganze Insel ‚christlich‘ sei. Konnte man es wissen, ob es Häscher sind? Er hat es allzu oft erlebt und warnt die Freunde. Allein — es sind Geflüchtete und ernste Christen.
Zuerst hatte der Tribun befohlen, sie sollten mit dem nächsten Schiff zurück und in Rom könnten sie es melden, was sie auf Patmos angetroffen hätten. Da sagte der Zenturio: „Du würdest uns nicht ins Verderben schicken, wenn du jemals Jesu Wort vernommen hättest. Einer Seiner Jünger hat uns viel vom Herrn erzählt, hat uns gleich getauft. Willst du, daß wir ins Amphitheater kommen, als Fraß für wilde Tiere — ?“
Jetzt bekannte sich Cornelius als Christ. Wie erleichtert waren da die drei; sie lernten alle Freunde kennen. Aber nochmals sollte Patmos ‚Rom‘ erleben. Man hatte nie die Küstenwache aufgehoben, man hatte sie sogar verstärkt, indem noch Fischer mit hinzugezogen worden waren. Plötzlich der Alarm: Vier Galeeren kreuzen auf. Johannes gleich befragt, er hatte tags zuvor schon angedeutet, wie man sich verhalten solle, gab den Rat: „Behaltet Ruhe! Fragt man euch, ob ihr Christen seid, so stellt die gleiche Frage und sagt: ‚Wenn ihr Christen seid, könnt ihr ohne Angst auf unsere Insel kommen, bei uns gibt‘s keine Judasse.‘
Auf diese Weise sind sie erst mal ausgebootet; mehr suchen sie danach, ob hier Verbrecher hausen. Du, Cornelius, gib dich nicht gleich zu erkennen, später werden sie schon merken, wer du bist — durch eine Freude. Im übrigen seid unbesorgt: über Patmos wacht ein starker Engel.“ Man war beruhigt, hatte allen Fischern gleich die Botschaft zugetragen, Scubatus war in Eile fortgeritten. Die Insel stand ‚in Wacht‘.
Die Schiffe landen. Cornelius steht da, fest auf sein Schwert gestützt, den Adlerhelm auf seinem Haupt, angetan mit einer leichten Rüstung. Ein Duumvir, der das Gros befehligt, mustert ihn und sagt ohne Gruß: „Wie kommt es, daß du wie ein Römer Waffen trägst? Ich habe Auftrag — da, die kaiserliche Rolle, wenn du lesen kannst“, mit Spott betont, „streng zu kontrollieren.“
Cornelius tut einen sonderbaren Griff nach seiner Waffe. Er denkt dabei an einst, als der Lichtfürst [VH19] seine Waffe blitzen ließ. „Laß das Sein!“ Der Duumvir winkt ab. Cornelius lächelt: „Falsch getan! Als Duumvir müßtest du es merken, wer ich bin. Weil du mich nicht grüßtest, steht‘s nicht an, mich vorzustellen. Oder?“ Jetzt ist‘s der scharfe Blick, der den Stolzen stutzig macht.
„Du bist ein Römer?“ „Ja! Hier, wenn du lesen kannst!“ Cornelius zieht unter seinem Harnisch den Papyrus vor. „Ist überholt“, wird er verspottet. „Wer bist du nun? Jedenfalls warst du lange nicht in Rom, sonst würde ich dich kennen. Vielleicht bist du verbannt? Es sollen hier Verbannte und Verbrecher hausen.“
„Die kannst du suchen“, spottet der Tribun zurück. „Nimm dir aber helle Fackeln mit, damit du welche findest!“ Man wühlt die Insel um und um; die Fischer läßt man ungeschoren. Dagegen drangsaliert man die Besatzung. Bei Cronias verliert der Duumvir die Rechnung. Cornelius sagt nichts dazu, bloß sein Blick, dem Adler gleich, macht dem Kontrolleur zu schaffen.
Johannes war absichtlich in ein Fischerdorf gegangen. Am vierten Tage steht er plötzlich da und — auf dem Meer zeigt sich ein neues Schiff. „Du bist ein Jude?“ Der ‘Duumvir packt Johannes am Habit. „Nein, Galiläer.“ „Schau an, ein verkappter Christ? Ein Lupus soll mich fressen, wenn nicht die ganze Insel christlich ist. Ha, welch großer Fang! Wie wird sich unser Cäsar freuen!“
„Meinst du?“ Johannes streift des Römers Hände von sich ab. Der schaut verdattert drein. Ihm geht‘s wie einst Venitrius, der jetzt die geheime Order hat, Christen zu erretten, was ihm unter Gottes Gnade oft gelingt. Der Duumvir reibt sich mit einem Tuch die Hände ab zum Zeichen: du hast mich beschmutzt. „So so“, sagt er lauernd, „ein Galiläer? Das sind doch die Sektierer, die Kinder töten und viel Arges tun? Euer Anführer wurde ja gehenkt. Bist zwar mager für ein liebes Vieh“, höhnt er gereizt, „aber dein Geschrei, wenn deine Knochen krachen, wird ganz Rom zum Tollhaus werden lassen.“
„Und deine Knochen?“ fragt Johannes. „Auf dem Schlachtfeld können sie dem Wild zum Fraße werden! Nicht ausgemacht, daß du friedlich stirbst.“ Die Seheraugen brennen in die dunkle Seele ein. Noch wird ‚es‘ abgeschüttelt. Durch langes Hin und Her ist das neue Schiff indessen angekommen. Dessen Legionäre marschieren in geordneter Kolonne auf. An ihrer Spitze steht — —
„Aurelius!“ ruft Sejananus, der hinzugetreten war. „Kapitän“, ruft Aurelius zurück, „große Freude, dich gesund zu sehen! Und da — ah, der Tribun Cornelius! Das ist eine Freude, dich wohlauf zu sehen!“ Daß er alt geworden ist, sieht man ihm nicht an, nicht jetzt, wo er sich als stolzer Römer zeigt. Und gut getan.
Aurelius? Wo kommt der her? Nach wie vor ist er der beste von den Senatoren und am Hofe hoch geachtet. „Was führt dich hierher?“ „Das sag‘ ich dir im Beisein des Tribuns.“ Johannes begrüßt Aurelius so, als wären sie sich längst bekannt. Der hat gleich ein ‚Gefühl‘ für diesen ernsten Mann. Dem Duumvir flüstert er ins Ohr: „Man hat dich leider auf ein falsches Pferd gesetzt.“ Dieser gibt nicht zu, daß Cornelius, aus der Thronverwandtschaft her, ihm befehlen kann. Nur Aurelius darf er nicht vergraulen; so leicht kann sich etwas ändern und man fällt wohin — —
Es bedarf nur eines Winkes, die Legionäre ziehen sich zurück. Der Tribun geht zur Taverne, ohne Frage, ob der Duumvir ihm folgt. Er schleicht nach. Als auch Johannes dahin strebt, meutert er: „Du bist kein Römer, hast also bei uns nichts zu suchen!“
Cornelius winkt Johannes zu: „Du bleibst, weil du alles siehst.“ „Sehen?“ fragt Aurelius, der trotz Bericht des Sejananus es nicht weiß, daß Jesu Jünger eine hohe Sehergabe hat. „Kommt, laßt uns erst essen.“ In der Taverne gebietet er dem Wirt, zu schließen. Aurelius, Sejananus, Cronias, Johannes und der Duumvir treten ein. Letzterem wird es allmählich ungemütlich. Er verhärtet sich. Keiner darf es merken, wie ihm jetzt zu Mute ist.
Aurelius zögert nicht, die ‚Sache‘ aufzudecken. Er hatte es zu spät erfahren, daß auf Patmos wieder ‚eingebrochen‘ werden soll, wie er es nennt. Bloß um ein paar Tage hatte sich die Fahrt verzögert. „Patmos“, fängt er an, „ist ein Stützpunkt und wurde dem Tribun ‚für alle Zeit‘ in eigener Befehlsgewalt belassen. Also kein Verbrecherloch, wie du, Duumvir, es ausgebreitet hast. Gewiß, durch Intrige wurdest du dazu verleitet, böse aufzutreten.
Du hast nicht gefragt, ob dein Tun zu Recht besteht. Es heißt bereits: ‚Claretus ist geliefert!‘ Noch bist du zu schützen, wenn du tust, was ich dir rate.“ Das Wechsel zwischen rot und blaß ist nicht zu bannen. Johannes nannte nur ein Schlachtfeld. Könnte das Amphitheater sein, wenn — —
Aurelius fährt in seinem Urteil fort: „Du mußtest dich befragen, doch dein Ehrgeiz trieb dich her. Wolltest du nicht bald befördert werden? Genügte nicht, was du aus einem kleinen Stand geworden bist und —“ Ja, er stammt aus einem armen Haus und ist nicht nachzuprüfen, auf welche Art er ‚etwas‘ wurde. Zornig steht er auf. „Ziemt es dir, mir vorzuwerfen, daß . . .“
„Ich werfe dir nichts vor“, unterbricht Aurelius, „zeige dir nur auf, wie unklug du gehandelt hast. Du hättest mit gejauchzt, wenn Cornelius enthauptet worden wäre — und hast erst hier erfahren, wer er ist. Dazu die Unschuldigen . . .“ „Sind alles Christen, dem Tod verfallen“, reizt Claretus. „So? Woher weißt du das? Hast du einen Christ gefunden?“
„Auf ein Bekenntnis ist Verzicht zu leisten, man sieht es auf den ersten Blick, was die Insulaner sind.“ „Jetzt ist‘s genug! Bloß Verbannte und Verbrecher suchtest du; gefunden hast du keine! Dreh‘ den Spieß nicht um! Merke auf: den Befehl über die Galeeren muß ich dir entziehen; hier — das Siegel! Trotzdem will ich dich in Ehren halten, wenn — du in Rom nichts unternimmst. Nicht nur, weil es für die treuen Menschen ganz gefährlich werden könnte, sondern weil es größtes Unrecht ist.
Denke nicht, ich hätte vor dir Angst. O nein! Es ist ein Befehl! Ich rate dir, setze dich in Kreta ab, damit du nicht in deine Grube fällst.“ „Das wird zu seinem Heil sogar geführt.“ Johannes sagt es mit besonderer Betonung. Aurelius und Claretus horchen auf, es ist die Stimme, wie aus einem tiefen Brunnen steigend, ein Quell, an dem man sich erlabt. Bloß der Arge bäumt sich auf, währenddes Aurelius fragt, wie Johannes denn das meine.
„Du wirst‘s erfahren und der Segen wird dich überkommen, weil du zwischen dem Verderben dieser Welt“, Johannes sagt nicht ‚Rom‘, „ein rechtsgesinnter Mann geblieben bist. Es gibt nur einen Gott, den ihr Römer als den ‚Unbekannten‘ ab und zu verehrt. Dich will Er bewahren. Claretus, wenn er seine Bosheit von sich streift, wird Er gern mit Seinen Heilandshänden führen.
Lache nicht zu früh“, warnt der Seher bitterernst. „Diese Warnung schreibe ich ihm auf die Rüstung und — auf sein Schwert!“ Das sagt Cornelius so, daß das Gelächter jäh verstummt. „Gefasel.“ Aber alle sehen ernsten Auges drein. Da ist etwas, Claretus kann sich dessen nicht erwehren. Kommt vom ‚Galiläer‘ her, den er in den Orkus werfen möchte. Oh, ob er ihm nicht offen steht — —
„Genug“, sagt Aurelius, „fliehen kannst du nicht und es wäre auch dein Untergang. Die Schiffsbesatzung ist schon informiert. Das mit Kreta fiel mir plötzlich ein, dir zum Schutz. Wer weiß“, er sieht Johannes an mit dem Gedanken: dieser hat mir Kreta eingegeben. Der Jünger nickt und sagt:
„Auf der Rückfahrt kommt ein Schweres über dich, doch schiffst du dich im heimatlichen Hafen ein.“ „Kann man vorher wissen, was denn kommt?“ Aurelius besinnt sich darauf, was Sejananus vor Jahren ihm berichtet hat, von dem ‚einen Gott, dem Heiland‘, Der ihm niemals ganz entschwunden war. Jetzt festigt sich ein Frohgefühl, das er sich zunächst nicht deuten kann.
„Wie will er wissen“, Claretus meint Johannes, um sich nochmals einen Nimbus zu verschaffen, „was geschieht? Die Götter geben nie bekannt, was die andern Tage bringen. Man kann dies und jenes vorher fühlen, zum Beispiel in der Schlacht, ob es zum Siege kommt. Das hat mit Göttern oder mit dem einen Gott“, klingt es spöttisch, „gar nichts zu tun. Das bewirkt der Mensch allein.“
„Ha“, spottet jetzt der Kapitän, „wenn auf dem Meer sich Wellen türmen, kannst du dagegen etwas tun? Im voraus, meine ich, wie ein Ausgang sich ergeben soll?“ „Mich wundert deine Rede, Sejananus“, sucht noch der Duumvir auszuweichen. „Dem Wetter läßt sich freilich nicht gebieten. Wer jedoch das Meer befährt, der kann am Wind, am Wolkengang erkennen, ob bald Stürme drohen. Ein Kluger steuert gleich den nächsten Hafen an.“ „Wenn einer in der Nähe ist!“ sagt Cronias, „war oft genug mit auf dem Meer.“
„Hm“, gibt Claretus zu, „doch wissen möchte ich, ob sich voraus ein Ungemach erkennen läßt.“ Wieder blickt er auf Johannes. „Wer die Gabe hat, Duumvir, der kann es wissen, mindestens insoweit, um kommende Gefahren aufzuzeigen.“ „Bloß diese?“ fordert jener dumm heraus. „Du hast gehört, daß ich zwar Schweres, Aurelius jedoch zugleich die gute Heimkehr angekündigt habe. So weißt du nun, daß man Licht und Schatten sehen kann.“
„Ah, für mich die Last, dem anderen — — Leicht durchschaubar! Du willst euch durch Aurelius retten lassen!“ „Sei kein Tor! Du hast keine Ahnung, woher auch sollte sie dir kommen?, daß kein Mensch den Ablauf des Geschehens wenden noch bestimmen kann. Du wähnst, der Cäsar hätte ja die Macht dazu. So sieht es aus! Frage: kann der Cäsar sich vor einem Hinfall retten? Habt‘s in eurer Weltgeschichte längst erfahren, wie rasch ein Thron ins Wanken bis zum völligen Zerfall gerät. Jede Weltmacht bricht gleich einem dünnen Stab, auf den man sich nicht stützen kann.“
Johannes sänftigt seine Stimme. „Du lernst erkennen, daß all das Menschliche vergeht. Oft bleiben von dem Glanz, vom Reichtum, von der angemaßten Macht, bloß Scherben übrig, weniger als arme Reste. Umsonst gestrebt! Wer dann zur neuen Richtung kommt, noch ein Gutes aus dem Lebensrest zu machen, der wird stets Gutes finden — für die Seele, wenn du das verstehen willst.“
Claretus schweigt. Ganz ‚ohne‘ ging die Rede nicht an ihm vorbei. Kann er eine Gasse finden, da er nie ein Licht beachtet hat?, aus eigener Schuld? Cornelius hilft ihm aus, er will zudem Johannes ganz ins Vorfeld rücken; nein, den Herrn, den vielgeliebten Gott! Er allein errettet. Und er sagt:
„Claretus, mir ging es einstens so wie dir. Ich war in manchem unerfahren, als mir der schwere Platz in Palästina zugewiesen ward. Gewiß, mein Ohm, Quirin Cyrenius, den du aus unsern Rollen kennst, hat mich unterwiesen. Doch auch er, der gute und so kluge Mann, hat durch ein Geschehen erst das Beste lernen müssen. Würde ich es dir auch schildern, so verstünde ich, wenn du es nicht glaubst, wenn du darüber lachst.
Wir freilich, er und ich, haben nicht gelacht; bloß verstanden haben wir nicht gleich, wie ‚das’ möglich war: ein Stern, der hoch am Himmel stand.“ Cornelius denkt zurück an Bethlehem. Wenn jetzt der Stern am Himmel stünde, wenn — — Johannes sieht ihn an und der Tribun verspürt‘s wie eine linde Hand [VH20].
„Wir lernten diesen Stern erkennen, über alles lieben, und aus dem Vorstrahl (Simeon-Gabriel), der den Weg bereitet hat. Nicht für den Stern (Heiland). Der zog aus eigener Machtvollkommenheit die hohe Bahn; nein — für uns stand der Vorstrahl da, der uns die beste Lehre gab. Noch begreifst du nichts, noch wähnst du, einem Römer stünde es nicht an, klein beizugeben.
O, niemand wurde klein! Durch den Glauben an den Stern wurden wir erhoben. Damals gab es einen Duumvir, der dir ähnelte; der Vorstrahl lehrte ihn den guten Weg. Und gegangen, Claretus! Längst hat er im Glauben an den einen Stern ein Wirkungsfeld gefunden. Ich wünschte gern, du würdest auch die Gasse finden.“
„Cornelius“, sagte Johannes, „hast viele Steine weggeräumt. Warten wir getrost, bis sich die Seele öffnet, um den Stern von Bethlehem zu sehen, der dich reich gesegnet hat.“ Cornelius seufzt. Nie hat ihn die Schau verlassen, als er vor dem Kindlein kniete. Es reiht sich Bild an Bild, auch wie der Heiland ihn zu Sich berief, offen und geheim, und wieviel Wunder er gesehen hat. —
Über Patmos breitet sich der Friede aus. Die Freunde sind im Turm versammelt. Claretus blieb in der Taverne sitzen. „Gut so“, sagt Johannes, „er ist noch lang nicht reif, um umgestülpt zu werden.“ „Ich“, fängt Aurelius an und bleibt schon stecken. Vor dem ‚Jünger Jesu‘ kommt er sich klein und unnütz vor. Der entlastet ihn:
„Weder klein noch unnütz, Freund Aurelius. Noch schiebst du das Höchste hin und her, hast kein ‚ja‘ und hast kein ‚nein‘. Ah, kein Fehler! Nicht alles läßt sich auf einmal erkennen. Doch noch heute findest du den Herrn, der unser aller Heiland ist.“ „Wie kannst du wissen, was ich denke oder auch nur fühle?“
„Du hast deinem Cäsar manch Gedanken abgelauscht.“ „Das ist was anderes. Er verrät oft ungeschickt, was er mir verschweigen will.“ „Nun, es ist ein Unterschied, ob es um den Geist oder die Materie geht. Letztere, was dem Weltgefüge innewohnt. Anders trifft es auf den Geist. Da ist die ‚Schau‘ bloß möglich, wenn man Gott erkennt und zu irgend einem hohen Zweck die Gabe haben soll.
Frage nicht, warum das Einzelne besitzen, was mit mehr zusammenhängt, als was die Welt begreift. Du kannst‘s noch nicht. In Rom lernst du einen kennen, der dir weiterhilft. Merke dir den Namen ‚Paulus‘. Er ist ein Jude, aber auch ein Römer; der Verkehr mit ihm ist ungefährlich, wenigstens zunächst. Späteres wird sich wieder anders zeigen. Dann aber bist du heimgekehrt.“
„Heimgekehrt? In Rom bin ich geboren, da bin ich zu Haus.“ „Weltlich! Diese Welt ist nicht der Lebensträger, wer vom Geist geboren ward, wenn derselbe auch als Mensch — wie wir“, Johannes zeigt auf alle, „eine zeitlang hier zu leben hat, richtiger: leben darf. Alles Gute kommt aus heilig-hohem ‚Darf‘!
Du hast oft sinniert, woher man kommt, wohin man geht, bloß für kurze Zeit auf dieser Welt, und dann völlig ausgelöscht —? Zu was lebt man denn? Das sollte jeder fragen, der vernünftig ist, selbst wenn er nicht an einen Schöpfer glaubt.“ „Ich würde Ihn gern kennen lernen“, sagt Aurelius versonnen. „Weiß zwar nicht, wie ich mich verhalten könnte, stünde einmal Gott vor mir.“
„Das läßt sich vorher nie bestimmen. Mir erging es so, als ich in jungen Jahren unsern Heiland kennen lernte, wenig älter als ich selbst, so wie ein jeder Mann und doch ganz anders! (S. 63) Wer Ihn hier nicht sieht, der braucht nicht bang zu sein, er hätte so das Köstlichste versäumt oder eben nie gehabt.
Natürlich ist‘s ein Segen, so wie Abraham den Höchsten sah, oder Mose und die Großen unseres Volkes. Noch gibt es Völker, jene, die sehr friedlich leben, und bei denen geht Gott ein und aus. Allein — die höchste Schau bewahrt Er für die Heimat auf, für jeden, womit dir zu sagen ist, daß nicht Rom dein richtiges Zuhause ist. Das gilt nur der menschlichen Vergänglichkeit.
Dein Erwägen sagte dir, daß das Leben, schöpfungsmäßig, einen andern Anfang und ein anderes Ende haben muß, als die karge Frist der Welt ergibt. O, vom Schöpfer sind wir ausgegangen, wenn da auch für uns ein Anfang ist — als Gedanken lebten wir in Ihm, Ewigkeiten lang, die wir nie ergründen werden.
Das ist die Dauer unseres Lebens, des Geistes und der Seele, als ein Gott-Gedanke, der wir waren. Nach dem Weltgang wird das Leben immer gegenwärtig sein. Wir sinken nicht ins unbewußte Dunkel, wie wir einst — für uns gesagt — in Gottes dunkler Heiligkeit geboren worden sind. ‚Dunkel‘ ist bei Gott nicht finster! In sternenloser Nacht, in Räumen ohne Fenster sind wir blind; doch in Gottes hehrer Dunkelheit ist alles Licht und wundersam. Wir können das nicht ganz ergründen, aber Gottes Helligkeit als Seine Liebe, Güte, Gnade und Barmherzigkeit ist allezeit bei uns, ob wir sie erkennen oder nicht, an uns walten oder uns von der Materie treiben lassen, deren Wesensteile finster sind.
Das hast du verstanden, Aurelius, weil du einst bei Gott gewesen bist, dein Geist, deine Seele, dein Gemüt. Und gerade hier in diese Zeit und als Römer wurdest du geboren, wie mit Cyrenius, Cornelius und vielen guten Römern es geschah. Sie durften Gottes Heilandszeit erleben, auch wenn nicht alle Ihn persönlich sahen.
Jetzt, Aurelius, bist du eingesetzt. Du dachtest nie darüber nach, hast du jemandem geholfen und hier wieder einem Bösen seine Schnur gelegt. Dir wird der Duumvir noch dankbar sein, weil du die Kette brichst, die man um ihn schmiedet. Für ihn ist‘s gut: die Angst wird seine Seele heilen.
Du bist dem Ärmsten unter deinen Sklaven ein gerechter Herr, hast nicht getan wie viele Römer, die der Schmerz der Unterdrückten nicht berührt. Das freilich werden sie entgelten müssen, ganz gleich, wie und wo. Glaube an den Herrn, an unsern Heiland, Gott und Vater, den Schöpfer der Unendlichkeit!
Lasse den Gedanken fallen, in Rom würdest du dann einer von den vielen sein, die man jagt, um sie wilden Tieren vorzuwerfen. O, die armen Hetzer! Wie bitter wird ihr Jenseitsleben sein, ehe sie die Gnade Gottes nachverdienen können! Ist‘s denn keine Gnade, wenn man leben darf, wird von einer Not befreit, wenn man von der Wiege bis zum Grabe wandern darf und jeden in den Schoß der Gottheit fallen läßt? — so oder so —?
Warte ab, der HERR ist es, Der dein Tun und Lassen lenkt. Der Tribun hat es erfahren, als man ihm als jungen Mann das ‚Wespennest Judäa‘ übergab. Gestöhnt hat er, bis dann das offenbare Licht als Engel ihm begegnete (Gabriel als Simeon), und hernach — der Herr!“ Cornelius unterbricht:
„Unverdient, Joanus! Cyrenius hat den Herrn als Kindlein schützen können und Herrliches mit Ihm erlebt [VH21]. Dabei hatte Sich der Heiland immer wie ein ‚lieber Mensch‘ gezeigt. Aber wer Ihm in die Augen, wer auf Seine Hände sah, deren Wundertun mich oft erschüttert hat, der wußte es genau: Er zeigte Sich bloß wie ein Mensch; denn die meisten konnten Seine Hoheit nicht ertragen. Wie hat man Ihn umstellt, verhöhnt und ausgehorcht und konnte keiner an Ihn tasten! Bloß Golgatha — da bin ich heute noch erbost, weil die Pharisäer ihren Machtstab über Ihn zerbrechen durften.“
„Es ging die Kunde auch durch Rom“, fällt Aurelius ein. „Er tat mir leid. ‚Galiläer‘ wurde Er genannt. Doch man vertuschte es. Daß Er Gott persönlich sei, konnte ich nicht glauben. Sejananus hat mir zwar ein Lichtlein aufgesteckt, und was ich heute höre“, Johannes hatte schon am Strand mit ihm gesprochen, „läßt erkennen: Es muß Wahrheit sein. Als Wundertäter wäre Er ein Scharlatan gewesen, sagte man, und Seine Lehre ginge gegen alle Welt.“
„Gegen alle Welt! Geist und Materie sind nicht zu überbrücken. Der Geist, GOTT, und das aus Ihm Gegebene, dem alle Lebenskinder angehören, haben ewige Beständigkeit. Sollte demnach nicht der Herr Sein Heilsgut bringen und die Weltlichen entlarven?!
Die vergeuden ihre Gnadenzeit, und bitterschwer ist das Versäumte aufzuholen. Doch wie ewig Gott, so ewig Seine Gnade! Bloß sollte niemand darauf pochen: wenn Er vergibt, vergibt Er allen. Ausgleichende Gerechtigkeit bleibt allezeit bestehen, und jeder, der Gott zur Seite schob, muß immer mit Ihm rechnen.“
„Wer aber Gott nicht kennt?“ „Aurelius, Er sprach zu Pharisäern:
‚Wäret ihr blind, so hättet ihr keine Sünde.‘ (Joh. 8, 41)
‚Wüßtet ihr nicht, wer Ich bin — keine Strafe fiele auf euch;
weil ihr es aber wißt, so bleibt euch die Sünde.‘
‚Alle Sünden sind vor Ihm offenbar.‘ (Sir. 17, 17)
Dazu jedoch der Trost:
‚Deine Sünden vergehen wie das Eis in der Sonne.‘ (Sir. 3, 17)
‚Von Sünden lassen, das ist Gottesdienstl‘ (Sir. 35, 5)
Du hast erst im Alter von dem wahren Gott gehört und Er streckte Seine Hand zu dir in offenbarer Gnade aus. Die ‚heimliche‘ Gnade wirkt stets bei allen Lebewesen auf der Welt und anderwärts, weil ohne diese es kein Leben gibt. Es kommt noch darauf an, ob du dein römisches Gewand zur Seite legst. Nicht die Toga“, lacht Johannes, als Aurelius nach dieser faßt. „O nein — das römische Wesen meine ich. Und kannst dabei ein Römer bleiben, einer, der aus alter Zeit es weiß, wie ein Mensch zu handeln hat.“
„Nicht ganz leicht“, bekennt Aurelius offen, „ich müßte lange bei dir bleiben, um zu lernen, was es noch zu lernen gibt.“ „Es fehlt nicht viel bei dir; denn wer rechtlich denkt und handelt, der steht Gott näher, selbst wenn er Ihn nicht kennt, als die ‚Eckensteher‘ (Matt. 6, 5), die vor den Leuten ihre Hände heben und berechnen dabei den Gewinn, der in ihren Kasten fällt.“
„Darf ich noch was fragen?“ „Heraus damit“, lockt Cornelius, „es kann heute wieder morgen werden, um so länger leuchtet Gottes Gnade über uns.“ „Tribun!“ ruft Cronias, „das hast du wieder wunderbar gesagt, und wenn wir den Morgenstern erleben.“ „Gleichfalls bestens ausgedrückt. Ja, der Abend- und der Morgenstern sind Gottes hehre Leuchten, durch die Er Sich auch offenbart. Aurelius, was bedrückt dich denn?“
„Es ist der Unterschied von Dunkelheit und Finsternis. Ich halte das nicht auseinander.“ „Wenn du naturmäßig denkst, dann hast du recht, ob man Nächte dunkel oder finster nennt. Doch vom Geiste her sieht es ganz anders aus. Etwas schwer für dich, weil dir noch die Vorschau fehlt. Aber leicht holst du sie ein und wird dir hell, was noch finster ist.
Gottes Schöpfernächte sind der Inhalt Seiner Herrlichkeiten, Seiner Allmacht, Seines ganzen Wesens. Und aus diesen hob Er Seine Werke, hob Er das Kindervolk heraus. Weil aber in und bei Ihm Selber alles lichthell ist, haben wir im Abglanz auch die hellen Tage, das schöne Sonnenlicht, der Sterne Goldgefunkel.
Adam versteckte sich hinter dickem Baumgestrüpp und dachte: Gott sieht ins Finstere nicht hinein. Gefehlt! Sich bergen wollen, Böses tun, alles, was gegen Gottes Helligkeit verstößt, — sieh, das ist finster. Da ist‘s zum Heile solcher Leute umgekehrt: Gottes Licht fällt nicht hinein; jeder muß aus seiner Finsternis heraus, wie Adam aus dem Baumgestrüpp.
Nein“, wehrt Johannes den Gedanken ab, ob Gott nicht ins Finstere scheinen könne, „die Hand der Allmacht streckt sich aus, ruft jedem Adam zu: ‚Komm hervor!‘ Das ist für die Abgeirrten jene unverdiente Gnade, die — zu ihrem Segen nachzuholen ist. Ob noch auf dieser Welt, ob jenseits, ergibt beim Höchsten keine Zeit, aber wohl für jeden, der die Gasse gehen muß. Gut verstanden, nicht wahr?“
„So ziemlich; doch mit Gottes Hilfe werde ich das Heil erkennen.“ Das war offenes Bekenntnis. Nun leuchtet schon das Morgenlicht zum Turm herein. „Was machen wir jetzt mit dem Außenseiter?“ fragt der Tribun. Gemeint ist der Duumvir. „Und wie lange willst und kannst du bleiben, Aurelius?“
„Am liebsten lange, leider geht das nicht.“ „Bleibe eine Woche hier. Claretus wird versuchen, einen Fischer zu bestechen, der es Cornelius melden wird. Daß nicht die Flucht gelingt, gibt ihm zu denken. Denn er ahnt genau, daß ihm der Tod, mindestens Verbannung droht. Er hofft insgeheim mit Bangen, ob du ihm nicht dennoch hilfst. Nimm ihn nur ernstlich vor. . .“ „Das tue ich! Er ist ein Strohkopf sondergleichen; er müßte es ja merken, daß er allein ins sicherste Verderben rennt.“ „Sein Stolz ist die Barriere, über die er schwer hinüberkommt. Dir sage ich ein Wort, Aurelius: Kreta! Lasse große Vorsicht walten, sei auf deiner Hut!“
„Kannst du nicht sagen, was geschieht?“ „Ja, doch glaube fest an Gottes Führung.“ Man sucht noch einen kleinen Schlaf, trifft sich aber bald am Strand, als die Sonne aus den Wellen steigt. Die Woche geht dahin mit viel Gesprächen und sehr segensreich.
Manchmal hört der Duumvir verdrossen zu. Daß die Flucht ihm nicht gelang, daran ist der ‚Galiläer‘ schuld. Als eingefleischter Römer verneint er es. Der Tag der Abfahrt kommt. Aurelius drückt lang des Sehers Hand und forscht in dessen Augen, wie ‚es‘ werden wird. Der deutet mit der rechten Hand hinauf, wo sich der blanke Himmel wölbt und im ruhigen Gewässer spiegelt.
„Nie vergesse ich, was du mich lehrtest.“ Dem Römer ist‘s, als wenn er aus dem Land des Friedens gehen müsse. Cornelius wird umarmt und allen andern gibt der Scheidende die Hand. Fischer brachten gut gedörrte Fische. Abseits steht der Duumvir. Johannes geht zu ihm hin und sagt:
„Dir wünsche ich aus Gottes Gnade, daß du nicht verdirbst. Ordne dich Aurelius unter, er kann helfen, wenn du . . .“ Claretus ahnt, was noch zu sagen war. Er dreht sich aber um, grüßt nur den Tribun und geht aufs Führerschiff, mit dem Aurelius gekommen war. Die anderen Galeeren folgen in geschlossener Formation. Derart sind sie besser einsatzfähig, wenn man gegenseitige Hilfe braucht. Und nicht lang, wird diese nötig sein.
Am Abend kommen der Tribun. Sejananus, Cronias und Scubatus in den Turm. Hier sind sie immer ungestört. Der junge Stefanus wacht und sorgt für guten Wein. Man bespricht die vergangenen Tage; die Freude über den Senator überwiegt. Bloß Cornelius macht der böse Überfall des Duumvir zu schaffen. Noch läßt er sich‘s nicht merken. Der Arzt hatte ihn jedoch am Tage mehrmals prüfend angesehen und gedacht: er ist krank. „Wie wird wohl die Heimfahrt des Aurelius werden?“ wird gefragt.
„Ihr sollt es wissen“, beginnt Johannes. „Aurelius wird es später schreiben; dann merkt ihr, daß es stimmt.“ „Ich bitte dich“, ruft der Kapitän, „wir brauchen keine Schrift, um zu glauben, was du siehst!“ „Schon recht“, winkt Johannes freundlich ab, „aber besser ist, wenn ihr die Kunde hört. Bis kurz vor Kreta geht die Rückfahrt gut, doch haben sich aufs neue die Piraten vorgewagt und überfallen eure Schiffe, bevor man Kreta sieht. Die Küstenwache merkt es also nicht und kann nicht zu Hilfe kommen.
Allein — hier herrscht die andere Hilfe vor. Sie müssen sich zwar bitter wehren, manch einer wird ins Meer geworfen, ein Schiff gerät in Brand, doch die Räuber werden überwunden. Einer der Tapfersten ist Claretus. Zwei Piratenschiffe hat er selbst geentert.
Auf beiden Seiten sind Opfer zu beklagen. Die Räuber werden mitgeschleppt samt Schiffen. Ich erzähle es, als wäre es bereits geschehen; aber erst nach Tagen guter Fahrt spielt es sich ab. Und nun das Wichtigste, was uns am Herzen liegt: Ist der Duumvir zu retten?, als Mensch, vor allem seine Seele — ?
Sind sie dann gelandet, sind die Meeresdiebe eingekerkert, werden da vier Häscher mit kaiserlicher Siegelrolle stehen: ‚Der Duumvir ist mit Schimpf nach Rom zu bringen!‘ Weiter sage ich es so, als ob es jetzt geschieht: Aschfahl steht er da, aber stolz und wagt noch nicht, Aurelius zu bitten, für ihn zu sprechen. Das tut nicht not. Dieser nimmt die Kaiserliche Rolle ab und sagt zum Hauptmann, der die Rotte führt:
„Claretus steht seit Patmos unter meinem Schutz. Und das: er hat den Kampf gewonnen. Die Schurken hatte er zuerst entdeckt und auch erkannt, stand mir brav zur Seite, hat mich vor einem Fall bewahrt, hat mit den Brand gelöscht und viel getan. Ich berichte es. Bis ein anderer Befehl des Kaisers kommt, bleibt der Duumvir ungeschmälert — auf der Insel. Ihr bleibt zu seinem Schutz als seine Wächter da. Es sind Neider des Claretus mit am Werk gewesen. Ich segele morgen ab; meine Schrift und was ich mündlich zu berichten habe, wird die ganze Sache wenden.“
„Nimmst du auf deine Schulter“, fragt der Hauptmann, „wenn wir dem Befehl nicht nachgekommen sind?“ „Ihr seid frei!“ Staunend steht der Duumvir daneben, läßt keinen Blick von seinem Retter. Bloß die Sorge ist noch da, ob der Tribun es meldet, wie er — Claretus — ihn behandelt hat. Abscheulich! Als er am gleichen Tag noch mit Aurelius zusammen sitzt, fragt er ihn, ob der Senator das von Patmos melden wird oder — ob es Cornelius tut.
Aurelius spricht ihm ins Gewissen, würde aber nur berichten, daß die Kontrolle ordnungsmäßig vor sich ging. Und Cornelius —? „Er ist längst ein echter Christ geworden, er würde gegen jedermann den Übergriff verschweigen.“ Cornelius nickt heftig: „Nein, so was tue ich auch nicht! Weshalb? Dann kommen höchstens andere her, um die ‚Kontrolle zu kontrollieren‘!“
Sagt Cronias: „So kann es werden.“ Johannes kündet weiter:
„Noch fragt Claretus meinetwegen. Aurelius steckt ihm eine Leuchte auf, bis jener ernstlich bittet: ‚Hilf mir durch diesen Gott, den die Christen JESU nennen, den Heiland und Erretter und an Den, ich habe es gemerkt, du glauben lerntest.
Ich bleibe da, bis du meine Sache ändern kannst. Gelingt es dir, dann — will ich an den JESU glauben.‘ ‚Erst dann?‘ wird gefragt. Es dauert eine Weile, bis Claretus zur Besinnung kommt. Das Geschehen, seine Angst, nicht zuletzt, was er bei uns erlebte, wenden ihn zum Guten um. Er wird bekennen: ‚Nicht erst dann, ich möchte gleich zum Glauben kommen.‘ Wie wird sich da Aurelius freuen, und er kann nun selber aus Gewißheit, die ihn überkommt, versprechen, dem Duumvir zu helfen. Das, ihr meine lieben Freunde“, schließt Johannes seine Schau, „wird ganz genau geschehen.
Jetzt ist eine große Umbruchzeit. Seitdem Gott als Heiland auf die Erde kam, ward der letzte Riegel von der Finsternis zerbrochen, das letzte Tor geöffnet, damit jene Seelen, die noch in ihrem selbst gebauten Kerker leben, herauszuholen sind. Denkt nicht, erst mit Jesu wäre diese oder eine Umbruchzeit gekommen. O nein! Es ist die letzte, die Gott aus Seiner heiligen Erbarmung hob.
Gott setzte nach dem Fall die Umbruchzeiten ein, so lautet es: ‚Er, der HEILAND, von alters her‘ (Jes. 43, 11; 63, 16). David nennt Ihn auch den ‚König von alters her‘ (Ps. 74, 12). Der Austrieb des Gefallenen durch des Ernstes Fackel war die erste Umbruchzeit und war so gegeben, daß sich auf freier Bahn der Hingestürzte hätte wenden können. Danach kamen mehrere.
Auf einer Welt (Mallona) mit Umkreis gab es viele Umbruchzeiten bis zur Auflösung des schönen Sternes. Auf unserer Erde durch die Inkarnierung hoher Lichtkindgeister. Eine war mit Adam hergeschenkt. Zwischen dieser und der des Herrn gab es viele Perioden, wenn die Fürsten in Erscheinung traten, wie durch Hiob es geschah [VH22], wo die Geduld um Satans Seele rang.
Der letzte Umbruch kam mit unserm Herrn und gibt es keinen andern mehr. Was als ‚letzte Zeit‘ zu nennen ist, ist der Ausklang der Erlösung. Das ist für alle Kinder und die armen Seelen eine ‚lange Zeit‘, bei dem Schöpfer-Vater aber nur die ‚halbe‘ (OJ, 8, 1; 12, 14); jedoch nicht die halbe Gnade! Ach nein! Alsdann offenbart sich Gottes Güte ganz!
Dann strömt des Lichtes Fülle über alles Werk, dann gibt‘s Gottes ‚ewigen Himmel‘, der für uns der ‚neue‘ ist (OJ. 21, 1), was bedeutet:
wir sind in Erkenntnis neu und himmelsreif geworden, wir sehen, was Gott in Seiner großen herzlichen Barmherzigkeit geschaffen hat, dem gesamten Kindervolk zum Heil, zum Segen und zum Frieden.
Daran, liebe Freunde, laßt uns ohne Wanken glauben, daran halten wir uns fest. Immerdar sei mit euch, mit uns allen
‚Die Gnade und der Friede von Dem, Der da ist
und Der da war und Der da kommt!‘ (OJ. 1, 4)
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