← Zurück zu „Der Gefangene“

Kap. 16 – Prophezeiungen erfüllen sich; Gott, der Hirte und Arzt

16. Kapitel

Ein halbes Jahr ist vergangen. Aurelius sandte zweimal Kunde. Was Johannes vorverkündet hat, war Wort für Wort geschehen. Der Senator hatte die Begnadigung des Claretus durchgeführt, den ‚Sieg über die Piraten‘ stark hervorgehoben. Claretus mußte eine Siegesfeier über sich ergehen lassen, hielt sich dann jedoch vom Dienst soweit möglich sehr zurück, ging öfter zu Aurelius, bei dem sich heimlich manche Christen trafen.

Man ist auf Patmos hoch erfreut, vor allem, weil ‚wiederum ein Schäflein in den rechten Stall getrottet ist‘, sagt Johannes. Aber um Cornelius macht man sich jetzt große Sorge, der Arzt bemüht sich sehr. „Der alte Hirte fehlt; schade, ich hätte gern von ihm noch mehr gelernt. Ich belachte ihn zuerst, aus Neid, weil er helfen konnte, wo ich total versagte.“

„Erst muß die Erkenntnis dämmern“, tröstet ihn Johannes. „Du warst in euren Schulen, unser Hirte in der unseres GOTTES, und die heißt ‚Natur‘! Da lernt man ungleich mehr, als in den höchsten Schulen dieser Welt. Dir ist alles trotz des Glaubens noch zu sehr Materie. Dabei ist in allem, was du siehst und — was wir Menschen gar nicht sehen können, Gottes Schöpfergeist vorhanden, das Essentielle, ohne welches keine äußere Substanz besteht.

Du ahnst es nicht, was nichts schadet, denkst aber drüber nach und das ist gut — für dich und für das Amt, das Gott in deine Hände legte. Sieh das Beispiel: Gott ist der Hirte (Joh. K. 10) und Er ist Arzt (2. Mo. 15, 26). Ist Er beides, kann die Gabe, manchem Menschen anvertraut, mit Seiner Gnade helfen.

Du hast bedacht, ob nicht der Hirte hätte helfen können, würde er noch leben. Er ist unter Gottes Segen heimgegangen und unser Freund Cornelius“, Johannes muß das Weh der Welt verschlucken um der Liebe willen, „geht heute unter Gottes Segen heim.“ „Schon?“ Der Arzt stützt seine Stirn in beide Hände. „Ich habe es gemerkt; nur wenig Linderung kann ich verschaffen. Er ist ungeheuer tapfer trotz der Schmerzen; ich merke es. Da jedoch die Frage: Cornelius tat stets Gutes, ist ein Christ geworden, hat den Herrn geliebt, hat dich und andere beschützt, ist dem Meister nachgefolgt, warum — ja, warum muß er jetzt leiden?“

„Einfach ist es nicht, zur Wahrheit durchzudringen: ‚Wie kann ein Gott der Güte . . .‘ Man vergißt, daß nicht zuletzt im Leid der größte Segen zu empfangen ist. Allgemein — Ausnahmen gibt es überall — sind reiche weltlich hochgestellte Leute nicht geneigt, sich gläubig zu bewähren durch Opfer.

Nicht der Judenglaube, nicht bloß der herrliche des Herrn, den Er uns lehrte, nein, in jeder Glaubensart liegt die Lehre von dem Opfer, ob meist für die Vertreter einer Lehre, eine Priesterschaft gemeint, so wird mit appelliert, der Armen zu gedenken. Letzteres ist der Hemmschuh für die meisten Reichen, die nur geben, ist ein Gewinn zu heimsen, sei es bloß die Ehre vor der Menge.

Ich komme auf den Kernpunkt deiner Frage, wie das mit Cornelius Schmerzen zu verbinden wäre. Wer solch Leid und Ungemach zu tragen hat, zumal der echte Gläubige, trägt‘s am wenigsten für sich. Es ist Gottes Gnade, wenn dadurch selbst begangene Sünden auszugleichen sind. Vorwiegend werden fremde Lasten ausgeglichen, weil das Leben nicht erst auf der Welt beginnt, wo wir aus der Dienstbarkeit im vorhinein einer armen Seele helfen dürfen.

Das ist der ‚Mit-Opferdienst‘. Deren gibt es viele. Den ‚Haupt Opferdienst‘, den es nur einmal gibt, vom Anfang eines Falles bis zur letzten Seele, die heimzubringen ist, hat der Höchste Selber übernommen und gibt es darin keinen andern Opferträger als einzig Ihn! Allein — für wen tut Er denn das?

Für das hingestürzte Kind, für die Mitgefallenen, für alle, die dem Übel anheim fielen, für alles Weh in der Materie. So hat Isa-i (Jesaja) vor rund siebenhundert Jahren, ehe unser Gott als Heiland auf die Erde kam, geschrieben:

‚Fürwahr, Er trug unsere Krankheit

und lud auf Sich unsre Schmerzen.‘

Und: ‚. . . ist um unsrer Sünden willen zerschlagen.‘ (Jes. 53, 4-5)

Gott braucht für Sich kein Opfer aufzubringen; anders wäre Er kein Gott! Für alle hat Er Pein und Schmerz ertragen, um die Sünder loszukaufen durch die hohe Loskaufsumme GOLGATHA! Allein wie ich lehrte: nicht erst da geschah der Opferdienst, nein — das war vom hohen Gottesopfer jener letzte Teil, der im LUSTRUM alles in sich eingeschlossen hat (S. 178, 5-7). Der Prophet sagt ganz zu Recht das ‚trug‘! Gottes Vergangenheitsform schließt Seine Gegenwart samt Zukunft ein. Und das für uns!

Also kann ein Gotteskind auf seinem Wanderweg für andere Seelen etwas auf sich nehmen [VH23]. Cornelius denkt bei seinem Leiden, wer ihm oft zuwider war und die er in Geduld hätte auch ertragen sollen, sogar den bösen Kaiphas. Den nicht ganz, dazu ist für ihn der Heiland viel zu teuer und er murmelt: ‚O Herr, vergeben kannst bloß du, auch meine Unzulänglichkeit.‘

Jetzt gehen wir zu ihm. Wappne dich, du wirst viel erleben, das Schwere von der Welt, das Heilige des Himmels.“ Hilfesuchend greift der Doktor nach des Sehers Hand. „Was soll dann aus uns werden?“ Johannes dreht sich nach ihm um. „Gott hat uns Cornelius als treuen Freund für diese Welt gesetzt; der beste Freund ist unser HERR! Er nimmt Seine Gnade nicht von uns!“

Sie treten still ins Häuschen ein. Sejananus, Cronias, Scubatus und eine Inselfrau sind zugegen, die den Kranken liebevoll betreut. Unbeholfen stehn die Männer da; sie möchten helfen, aber wie? Jeder spürt, es geht aufs Letzte. Man macht Johannes Platz, der sich beim Lager niederläßt. Cornelius schlägt die Augen auf, darin Schmerz und Freude miteinander kämpfen.

„Wenn ich vor dem hohen Richter stehen werde, wenn Er alle meine Sünden . . .“ Johannes drückt die schwach gewordenen Hände und lächelt lieb. „Magst du die Wahrheit hören?“ „Immer“, kommt es mühsam aus des Kranken Mund. Er versucht, sich aufzurichten. „Bleibe liegen und denke, daß du vor des Richters Füßen kniest. Erst bringe ich dir einen Trost; und fühlst du dich befreit, so wird dein Heimgang voller Licht und Gnade sein. Du weißt, daß du die Welt verlassen mußt?“ Ein kleiner Seufzer.

„Ja, Joanus. Ich bin froh, dann werde ich IHN wiedersehen, der meiner Seele Freude ist. Aber wieviel Unrecht habe ich getan? Und mich plagt: was wird aus euch? O gewiß, der HERR ist unser Hirte (Ps. 23). Denke ich jedoch an Rom . . .“ „Daran denke nicht“, wird er entlastet. „Du hast den guten Glauben aufgebracht, hast mit ganzem Herzen dich dem Herrn ergeben, da geht nichts fehl. Getrost kannst du der Stunde harren, wenn Er kommt, um dich heimzuholen.“

„Mich — ? O Joanus, das hätte ich doch nie verdient!“ „Gott tut Seine Wunder wie Er will, auch wenn wir sie so selten sehen, nicht erkennen, oft erst hinterher. Er hat offene Türen, offene Fenster und — immer eine offene Vaterhand! Diese streckt sich dir entgegen, diese nimm und halte dich dran fest.“

„Welch ein Trost!“ Cornelius klammert sich am Seher an, als wäre es der Heiland selbst, bei dem er oft verweilen durfte, der ihn oft gesegnet hat. Noch geht eine Schmerzenswelle durch den Leib, doch kein Laut kommt über seine Lippen. Johannes legt ihm beide Hände auf. Da ist es plötzlich wie ein Ruck, der gekrümmte Leib legt sich gerade, der Blick wird hell. Cornelius spürt keine Schmerzen mehr; bloß das Gefühl der Krankheit, das Wissen um die letzte Erdenzeit bleibt haften.

„Das war des Meisters Hand, die mir geholfen hat“, flüstert der Tribun. Das letzte Stück von seiner Seele fällt in des Himmels Licht hinein. Da geht die Türe auf und zu. Man hört es nicht und sieht auch nichts, aber es sind Schritte, die ans Lager kommen. Johannes beugt sein Knie, die andern tun es nach, und jetzt — sehen sie ein Licht, gleich einer Form. Schauer gehen über alle hin. ‚Er ist‘s‘, jubelt Jesu Jünger still im Herzen, und ‚Er kommt zu mir, der ich doch —‘. Cornelius deckt heftig das Gesicht. „Unwürdig, unwürdig“, ringt es sich aus tiefer Brust.

Die Fischersfrau ist bis zur Tür zurückgewichen, noch sieht sie nur das Licht, der Arzt die Gestalt wie leicht verschwommen. Sind das nicht die Tränen, die aus seinen Augen fließen? Und den Römern geht‘s nicht anders; sie merken gar nicht, daß sie weinen. Nun die Stimme, dunkelsanft, so lieb, heilig, wunderbar erhaben. Kein noch so sanfter Wind kann einen Menschen kosen, wie die Stimme Gottes es vermag. Und ist voll von hehrer Willensfestigkeit.

„Ob du unwürdig bist, Mich zu sehen, das überlasse Mir, deinem Heiland, deinem Gott! Du hast wie wenige des Volks, zu dem Ich kam für alle Völker, Mich hebend in dein Herz geschlossen, hast Mich angebetet und Mir gedient, indem du vielen Armen und Getreuen deine Hilfe gabst, die freilich Meine Hilfe war. Vom Tage an, da du zur Erkenntnis kamst, hast du dich bemüht, das Segensreiche Meiner Lehre zu befolgen.

Einem Menschen wird es auf der Welt nie ganz gelingen. Was aber frage ICH danach?! Ich besehe, wie das Herz beschaffen ist und der Wille. Finde Ich kein Fehl, nach Meiner Huld, so streiche Ich die ‚Mangelware‘ aus. Denke jetzt nicht an den Kaiphas, mit dem du dich vor Mir belasten willst. Der muß seine Sünden selber tragen und es wird ihm bitter schwer, wie andern auch, bis zur letzten Abrechnung zu kommen, die GNADE heißt.

Du hast willig manche Last getragen; nur wähne nicht, daß dein Krankenlager eine Strafe von Mir sei. Nein, Mein Sohn, so wird kein Mensch gestraft! Sieh, Cornelius, manche haben sich ihr armes Lager selbst bereitet. Ich strafe nicht, Ich führe nur, damit die Seele durch den Schmerz geläutert wird. Bedenke, daß ICH es weiß, was jedem Kinde dienlich ist.

Willst du, daß Ich dich erlösen soll?, und daß Ich dich zu Mir erhebe in Mein Reich, von dem Ich zu Pilatus sprach, ‚es ist nicht von dieser Welt‘?“ „Herr, ich weiß nicht, wie mir ist. Du bist zu mir gekommen, der ich erst ein Heide war? Du allein hast mich durch Deinen großen Engel (Gabriel-Simeon) angerührt, und bin noch so oft gestrauchelt, wenn . . .“

„. . . wenn das Unrecht mancher Bösewichte dich geärgert hat, ob zwar mit Ruhe mehr zu helfen war. Die Kraft dazu, Mein Sohn, muß von Mir zuerst gegeben sein, und die gab Ich dir, das weißt du wohl. Wer mit Dankbarkeit die Kraft benutzt, da gilt es dann von Mir aus wie ‚aus sich selbst getan‘. Du hast es vermocht, mindestens im letzten Drittel deiner Erdenzeit. Das sehe Ich dann wie ein ‚Ganzes‘ an. Kann dir das genügen?“

„Meister, tue mit mir, was Du willst. Lasse mir die Pein, bis daß die Seele sich Dir ganz ergibt. Erlöse mich, hole mich ins Reich, alles, wie DU willst und in Deinem Heilsplan für mich vorgesehen ist. In Deine Hände lege ich mein Leben, in den Tod, der an meinem Lager steht.“ Ein wunderbares Zeugnis. Alle sind erschüttert, man wagt kaum zu atmen; denn jetzt sehen sie den Herrn, nach Dem jeder große Sehnsucht hatte — Ihn nur einmal schauen dürfen — —

„Es ist der Lebensengel“, sagt Gott gütig, „Ich kenne keinen Tod! Was am Lebensende als der Tod bezeichnet wird, ist die Wandlung; da geht der Mensch ins eigentliche Leben ein, ins geistige, das vorher war und ewig bleibt. Du brauchst ihn nicht zu sehen, aber er steht da, dein Führerengel, der dich heimholt in des Vaters Reich. Bist du bereit, mit ihm zu gehen?“

„Ja, Herr, nur muß ich erst noch meine Schuld bekennen, dann wird mir leichter sein, mich ihm zu überlassen. DIR, Herr Jesu, befehle ich mich an. Hülle mich in die Vergebung, in Deine Gnade ein.“ Da weint sogar Johannes. Oh, der Freund, der treue, und so herrlich heimgeführt, vom Herrn geholt, und sie allesamt die Gnade, Ihn auf dieser Welt nochmals zu sehen.

Er hält sich am Gottesmantel fest. Ihn trifft der Blick, den der Herr oft auf ihm ruhen ließ. Selig sind sie alle miteinander. Der Herr neigt Sich indessen nieder. Ist es ein Kuß, der die Stirn des Sterbenden berührt? Ein Augenaufschlag, unendlich beseligt und ein langer Atemzug, der zum Strand des Jenseits eilt.

Der im Geist und in der Wahrheit tapfer kämpfte — friedlich liegt er da. Noch der Tribun und ist bereits das freie Gotteskind, dem die Himmelsfreude das Gepräge gibt. Der Herr wendet Sich und gütig leuchtet Sein Gesicht, daß keiner von den rauhen Männern, noch die Frau, am wenigsten der Seher, ein Schluchzen unterdrücken kann. Sie scharen sich um Ihn, knieend, mancher greift verstohlen nach dem Saum des heiligen Gewandes. Mit sanftem Lächeln sieht der Heiland drein und spricht:

„Ihr seid treu gewesen, wie der Sohn“, Seine Hand zeigt auf den stillen Schläfer, „auch du, Meine Tochter“, die Frau hatte nicht gewagt, ganz nah herzu zu treten, „also will Ich euch am Abend noch ein Wort der Gnade geben. Erst tut, was das Weltliche erfordert und bringt das Äußere des Sohnes an die Friedensstätte, was auch ein Zeichen Meines Reiches ist.

Ihr dürft traurig sein; Cornelius war euch ein treuer Freund, so einer, wie es selten gibt, nur nicht so selten, als daß nicht durch diese Meine Hilfe zu den Kindern der Materie kommt. Wenn sich die Sonne neigt, wenn die Nacht mit ihrem Sternenheer erscheint, dann will Ich wiederkommen, für diese Insel noch einmal. Ich sage dann, warum Ich das betone.“

Man sah nicht, wie der Herr gegangen ist. Das kommt daher, weil der Mensch das höchste Geistige nie voll erfassen kann. Es ist kein Manko; Höchstes bleibt dem Lichtreich vorbehalten. Die Strahlung, die der Materie daraus gegeben wird, ist ein vollgerüttelt Maß an großer, herzlicher Barmherzigkeit.

Die Fischersfrau muß beruhigt werden, es schüttelt sie wie im Fieber. Sie lallt: „Wie komme ich dazu, daß ich . . .“ Sejananus bettet sie an seine breite Brust. „Was du denkst, gilt uns Männern ebenso. Joanus steht nur voran, er ist auch der Seher Gottes. Über ihn war möglich, den Herrn zu sehen, zu erleben, für uns das erstemal. Ich kann es nicht begreifen, es geht nicht in meinen Kopf hinein . . .“ „. . . aber in dein Herz ist es hineingegangen — bei allen.“ Johannes zeigt auf jeden einzelnen.

„Es stimmt, keiner hat den Vorrang, ich gleichfalls nicht. Mit dem, was ich auszuführen habe, hat das nichts zu tun. Und du, liebe Horpha, hast so treu gedient, bist Tag und Nacht bei unserm guten Freund gewesen — ja ja, eine Frau kann das besser als ein Mann, so allgemein, und so hast du dir den Platz beim Herrn verdient.

Nun wollen wir das Letzte tun, dem Freund die Stätte zubereiten, wo das Vergängliche zur Ruhe kommen soll. Hier braucht es nicht zu heißen: ‚Lasset die Toten die Toten begraben‘ (S. 121, 2), weil wir nicht den Tod betrauern, sondern Gottes heilige Lebensart besitzen, Sein Wort, Seine Güte, die Gewißheit, daß die Ewigkeit mit ihrem Leben auf uns wartet.“

Cronias bringt die Rüstung des Tribuns. Man legt ihm diese an und die Waffen, seine Orden legt man auch dazu. Nicht zur armen Ehre dieser Welt getan, es soll die Freundschaftsehre sein. Als solche sieht es auch der Seher an. Scubatus ist indessen losgeritten, hat ein paar Fischer hergeschickt, die am ‚Ort des Friedens‘ Cornelius die letzte Kammer richten. Er reitet weiter. Eine Stunde vor dem Sonnenuntergang will man den Freund zu Grabe tragen.

Alle Inselleute sind bestürzt, weil mancher ja den Glauben an den Heiland nicht ganz fest besitzt, um vertrauensvoll das Weitere IHM zu überlassen. Sie äußern auch des Arztes Frage: „Was soll aus uns werden?“ Scubatus tröstet, so gut er kann: „Wartet auf den Abend; ihr werdet es erfahren, daß unser Gott nicht von uns geht. Er weiß uns allezeit zu helfen.“

Man sieht dem Reiter nach. „Hm ja“, sagt ein älterer Mann, „seit der Taufe durch den Jünger Jesu hat sich in mir viel gewandelt; und wenn man nicht mit vielem Bösen rechnen müßte — wie wir jüngst vom Duumvir erlebten —‚ gern würde ich aus vollem Herzen sagen: Der Heiland läßt uns nicht allein. Die Gnade hat Er uns verheißen, und was ER verheißt, das hält Er auch!“

Man geht einzeln und in Gruppen hin zur Grabesstätte, wo schon Nicodemus ruht. Geduldig wartet man, bis der Zug der Trauer kommt, wie der Volksmund sagt. Voran geht Johannes, er hat eine Rolle in der Hand. Sechs Legionäre tragen hinter ihm auf einer Bahre den Tribun. Er liegt auf den Leichentüchern, ist aber noch nicht zugedeckt. Jeder soll ihn nochmals sehen, die Bahre als den letzten Gruß berühren, dann erst wird er zugedeckt, für die Welt, aufgedeckt für das Reich der Ewigkeit.

Das ist das Wort des Sehers aus der Schrift. Erst gehn die vielen Leute an der Bahre still vorbei. Die Frauen weinen, nicht wenige Männer räuspern sich, möchten ihre Tränen unterdrücken und tropft manches Naß in einen grauen Bart oder auf die Hand. Mit der Bahre trägt man den Tribun in seine Kammer. Sie bleibt noch geöffnet als ein Zeichen: der Freund wird alles hören, auch die Abschiedsworte des Johannes. Daß er nicht weint, kostet Kraft. Abschied — ? Ach nein, wir sehn uns wieder, sobald Gott jeden in die Heimat ruft. Und er spricht:

„Den Frieden lasse Ich euch, Meinen Frieden gebe Ich euch.

Nicht gebe Ich euch, wie die Welt gibt.

Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“

Der Apostel hält die beschriebene Rolle in der Hand, „Es ist das Letzte“, sagt er, „was ich gestern aufgezeichnet habe von all dem Herrlichen des Heilands-Lebens, was ich selbst gehört und Sein Tun gesehen habe (Joh. K. 14).

Ihr seid bang gewesen, liebe Freunde, weil der treue Hüter von uns ging. Doch der Friede, den der HERR zu geben weiß, der bleibt bei uns, wird niemals von uns weichen, wie wir nicht von Gottes Lehre weichen wollen. Behalten wir Sein Wort in uns (15, 7), dann sind wir in Ihm, in Seiner Hut geborgen, wie Er zugesichert hat.

Ich versteh‘ es wohl und der Heiland sieht es gnädig an, wenn ihr verzagt, weil die Kinder dieser Welt viel Arges treiben. Wir haben es erlebt; allein — haben wir nicht auch die Hilfe unseres Herrn erfahren? Kam nicht sogleich die Hohe Hand, durch gute Freunde, die Er ausgesendet hat? Hat uns bis jetzt ein Arg betroffen? War nicht alles eine gnadenvolle Führung, jene Prüfung, die unsern Glauben, unsere Liebe und die Hoffnung stärken sollten — ? Ihr nickt, liebe Inselfreunde, und ihr tut recht daran.

Oh, der Herr hat Seinen Frieden hergeschenkt, hat uns in ihn wie in einem Mantel eingehüllt. Wenn Er sprach: ‚Nicht gebe Ich euch, wie die Welt gibt‘, so dürfen wir erkennen: kein Reichtum, keine arme Ehre, kein Ruhm, der wie schnell vergänglich ist und von den Menschen fällt, wie im Herbst die Blätter von den Bäumen fallen, hat einen ewigen Bestand. Nichts besitzen wir davon. Dafür aber haben wir des Lichtes Frieden eingetauscht, und der ist ewig, wenn die Welt und ihr Getriebe längst vergangen sind, verweht, wie der Wind das dürre Laub verweht.

Hier“, Johannes deutet auf den Schläfer in der Kammer, „haben wir das heilige Symbol: der Leib der Welt, vergängliche Materie, kann sich nicht mehr regen, nichts mehr tun; doch der Geist samt Seele sind schon auferstanden, als unser Freund die Augen schloß. Wenn es nicht so wäre — wie hernach hätte wohl der HERR des ewigen Lebens einen Toten abgeholt — ?

Im Reich des Lichtes gibt es keinen Tod, bei dem Schöpfer aller Lebensfülle gibt es kein Vergehen. Da gibt‘s auch keinen Schlaf, in dem der Geist nichts von sich wüßte. Schon ein Hiob, in der alten Zeit, ehe Gott als Heiland auf die Erde kam, hat es bekannt:

‚Ich weiß, daß mein Erlöser lebt!‘ und:

‚Nachdem diese meine Haut zerschlagen ist,

werde ich ohne mein Fleisch GOTT sehen!‘ (Hiob K. 21)

Wir erlebten es: denn als Cornelius unter Gottes Hand die Augen schloß, sah er plötzlich anders aus. Alle konnten es erkennen, daß das menschlich alt gewordene Gesicht nun jung erscheint, so schön, wie ein Mensch auf Erden gar nicht ist. Das ist das Zeichen ewiger Lebendigkeit und ist sogar oft bösen Menschen aufgeprägt, wenn auch nicht so rein, wie rein auch Nicodemus anzusehen war. Auch er sah jung und freundlich aus. Er war ganz verändert in das ‚Haus des Vaters‘ eingegangen.

Das ist unser großer Trost: wir brauchen keinen Tod zu fürchten, außer unsrer Herzenstrauer brauchen wir uns nicht zu grämen. Unsere Tränen sind das Band der Liebe zu dem Heimgegangenen. Die Trennung für die Welt ist bloß ein Hauch, ist wie ein Abendwind, der uns in den Schoß von segensvollen Nächten führt.

Das sind GOTTES Nächte, angefüllt mit Seligkeit und hoher Wonne. Wir wollen unsere Trauer, wenn Gott sie auch gesegnet hat, nicht mehr dem Freund in seine letzte Erdenstätte tragen. Denkt an den Frieden, den der Herr verheißen und gegeben hat, daß er immer bei uns bleibt, wie Sein WORT in uns und wir in IHM!

Nehmt den Abschied von der Welt, behaltet unsern lieben Freund in euerem Gemüt, und ich bin gewiß: Das Amt, das der HERR ihm in die Hände gab, euch und viele wie auch mich zu schützen durch die Kraft des Herrn, ist noch nicht vorbei. Aus dem Jenseits wird er baldigst manchmal bei uns sein, auch wenn wir ihn nicht sehen, nicht bemerken; doch an dem, was für uns noch auf der Welt geschieht, werden wir die Hilfe unseren Hohen Herrn erfahren.“

Johannes tritt als Erster an die Gruft, berührt die Bahre und die Hände des Entschlafenen und sagt leise: „Ich grüße dich!“ Einer nach dem andern tut es nach, jeder murmelt still: ‚Ich grüße dich!‘ Scubatus fällt es bitter schwer, die Leichentücher zuzuschlagen, auch den Fischern, die die Gruft verschließen. Der junge Stefanus läßt sich nur mit Mühe von dem Ort entfernen. „Er war stets gut zu mir“, weint er laut, „ich will bei ihm wachen!“

Sejananus nimmt sich seiner an. „Komm! Bloß der Körper liegt im Grab, du brauchst nicht zu wachen. Cornelius wäre traurig, wenn du nicht folgst. Hast du nicht gehört, der Heiland will noch zu uns kommen?“ Endlich geht der Junge mit. Die Sonne ist wie meist goldrot in den Saum der See versunken, und doch meint man, sie hätte selten so wie heute wundersam erstrahlt. Ganz deutlich: ein letzter Strahl huscht über das Gewässer, trifft die Friedensinsel wie einen Gruß aus ferner Ewigkeit. —

Nun steht man im Gehege, das beim Turm errichtet ward, weil der Turm nicht alle faßt, wenn Johannes eine Andacht hält. Unter Gottes hehrem Himmelsdom, wo das Sternenheer herniederleuchtet, herrscht eine Ruhe, wie die Welt sie allgemein nicht kennt. Bloß die ferne Brandung ist zu hören wie ein Wiegenlied, sanft und gut. Und als man sich versammelt hat, kommt vom nahen Hügel, auf dem meist die Küstenwache steht, das LICHT herab, in der Gestalt, wie sie am Lager des Cornelius erschien.

Johannes sieht sie so, wie der Heiland durch die Lande ging, und doch ist anderes dabei. Ist‘s heiliger zu nennen? Oder — hatte Gott in Seinem Heilandswesen nur das Heilige bedeckt, damit die Menschen im Vertrauen zu Ihm kommen konnten? Oder — ist Johannes geistig so gewachsen, daß er Gott sieht, wie Er Sich Seinen Lichtkindgeistern zeigt? Schon steht Er mitten unter ihnen.

„Niemand hat größere Liebe denn die,

daß er sein Leben läßt für seine Freunde!“ (Joh. 15, 13)

Heilig wunderbar, so sanft und doch so stark, wie eine tiefe Glocke läutet Gottes Stimme und rührt die Menschen bis zu hellen Tränen an. Ach, Cornelius, der Freund, der treue, bis zuletzt hat er sich für alle aufgeopfert und war auch ein ‚Lebenlassen‘, eine Hingabe bis in den Tod. Nun, noch erregt vom Gang zur Gruft, dringt Gottes Wort in ihr Gemüt. Es ist keiner, auch nicht die rauhen Fischer, dessen Seele nicht erschauernd zittert. Und Gott spricht:

„Meine Kinder! Ihr seid noch bedrückt, weil die Stütze, die der treue Freund euch war, von hinnen ging; und so wäret ihr ganz ohne Schutz. Verständlich, wenn ihr menschlich denkt. Habt ihr nicht erkannt, daß über alle Welt und ihrem argen Tun ein VATER steht, der jederlei Geschick in Seinen Händen hält?

Hat Mein Apostel“, Gott zeigt auf Johannes, der nahe steht, „euch nicht gelehrt, daß ICH in allen Dingen doch zu helfen weiß? Ob Ich Meine Hilfe Selber bringe, ob Ich sie durch die Getreuen leite —: ICH bin der treueste aller Freunde, denn ICH gab Mein Erdenleben hin, um jeden zu erlösen, jedem seine Heimkehr zu bereiten, wenn die letzte Stunde für ihn auf der Erde schlägt.

Darum wählte Ich das Wort, das Johannes gestern mit dem von ihm gewählten niederschrieb und sind beide Meines Kreuzes Worte. Das Kreuz von Golgatha sichert euch den Frieden zu, hier als ein Symbol für alle Welt, damit trotz Finsternis und Seelenhärte, in der die Menschheit noch befangen ist und lang darin verbleibt, es trotzdem Licht und Frieden gibt, den Ausgangspunkt für Meine Liebe, für Mein Wort, für Meinen Segen und den Frieden.

Denkt nicht, ihr wäret vor den anderen bevorzugt, die um Meines Wortes willen leiden. Das Schwere und das Leichte, Freude oder Leid sind Dinge, die Ich zu einem GANZEN webe, aus dem die Wege aller Meiner Kinder gehn. Ihr hörtet es, die ihr am Lager eures Freundes standet, daß Ich sagte: ‚Ich strafe nicht, Ich führe nur, damit die Seele durch den Schmerz geläutert wird‘ (S. 184, 4).

O, wird mancher fragen: wenn den Bösen keine Strafe widerfährt, wo bleibt die göttliche Gerechtigkeit? Sollen nicht die Guten ihren Lohn empfangen, der Seligkeit verheißt?, die Argen durch die Strafe jenen Lohn, der sie in die Finsternis verbannt?! Seht ihr das nach euerem kurzen Denkvermögen an, dann habt ihr recht, eben, weil die Gerechtigkeit gut und böse abzuwiegen weiß.

Ihr seid trotz Glaubens noch von dieser Welt befangen, was Ich nicht auf Meine Ordnungswaage lege. Mit dem Entwicklungsweg, der für jedes Kind bereitet ward, im Licht zu hoher Freude und zur Freiheit im Gehege Meines Schöpfertums, nach dem Fall durch die Materie zur Sühnung dessen, was jedermann sich selber aufgeladen hat, habe Ich den Ausgleich vorbereitet, auf daß jede Handlung, ja, auch jedes Wort, es sei böse oder gut, in sich selbst die Strafe und den Segen hat, allein mit jenem Unterschied:

Der Segen, den sich ein Wanderkind durch Mühe, durch Hingabe an Mich und Mein Werk verdienen kann, kommt über allem Soll und Haben einzig und allein aus Meinem ‚Gut‘, aus Meiner hohen Wesenheit! Ich fügte das von Anfang an zusammen: zuerst aus Mir — alles! —‚ dann aus dem Geist des Kindes, und abermals zuletzt von Mir hinzugegeben, weil nur so das Kind sich Mir ergeben kann.

Anders sieht es bei der Strafe aus, die dem argen Tun entspringt. Kein Mensch in der Materiezeit, der nicht mindestens einmal die Regung spürt, die ihm das Gute offenbart. Diese, von Mir sorglich eingeführt, hat die Kraft, sich aufzuraffen, um aus dem Argen einer Seelenfinsternis herauszutreten, was durch Meine Hand geschieht. Das ist dann die Führung, weil nicht ICH zu strafen brauche. Die Strafe liegt im Selber-Tun. (Joh. 12, 47)

Seit euch Mein Johannes taufte, habt ihr euch bemüht, euerm Leben eine Wandlung abzuringen und seid auch gut vorangekommen. Was noch fehlt, deckt die Barmherzigkeit gern zu; ihr werdet es erreichen, wohl nicht alles auf der Welt, und das schadet nichts.

In euerm Vaterhaus gibt‘s Zeit und Weg genug, um das Versäumte nachzuholen. Wer sich auf dem Weltenweg bemüht, so gut als möglich seine Seele, sein Gemüt zu reinigen, sich emporzuringen, wo Glaube, Liebe, Wahrheit, wo das Gute thront; dem fehlt nicht allzu viel, was aufzuholen wäre. Und dies — zu Meiner Vaterfreude — ist euch zu offenbaren.

Da helfen jene Freunde mit, über die Ich Meine Hilfe sende. Wenn so, dann zur Freude dessen, der sein Herz Mir ganz geöffnet hat, wie Cornelius es tat. Darum war er jener treue Freund, der bis zur letzten Erdenstunde bloß an euch gedacht und nicht an sich, außer in dem einen Punkt, ob und wie er Mir begegnen darf. Nun, er weiß es schon und sein Geist hat Mich gesehen. Voll heilsgewohnter Freude geht er erst den Weg zurück zu jenes Lichtes Ort, von wo er einstens ausgegangen ist und wo er viele wiederfindet, die mit ihm den Weg gegangen sind, um bei MIR zu sein, wann Ich die Welt zur Löse aller Finsternis betreten würde.

Das Höchste ist die Dienstbarkeit, sich für andere einzusetzen. Ihr gleich ist jener Dank, der dem Dienenden zu gelten hat. Ich bin der Höchst-Dienende; denn nicht umsonst wählte Ich das Wort, wer sein Leben läßt für seine Freunde. Hier gemeint für alle Kinder, die auf ihrem Wanderweg gestrauchelt oder sogar hingefallen sind.

Dankesworte können Mich erfreuen, kommen sie aus vollem Herzen und wenn jemand aus dem armen Lebensstand nicht durch Taten danken kann. Dankestaten sind die Himmelsleiter, auf der ein Kind sehr leicht ins Licht gelangt.

Wer jedoch mit einer Tat zu danken wüßte und es nicht tut, dem geht sein Stieg hinab in seines Wesens Finsternis, hingegen eines Armen Dankeswort von Engeln bis zu Meinem Herrschaftsstuhl getragen wird. Seht die Tochter Horpha an, die Cornelius betreute. Sie ist weltlich arm und kann keine Gaben bringen; doch ihr Tun stand unter Meinem Strahl. Sie hat gemeint, sie wäre es nicht wert, Mich auch zu sehen, Mir ganz nah zu sein. Dieses Denken war ihre Dankestat.

Nun freut euch mit dem Heimgekehrten, dessen Geist voll Jubels ist. Freuet euch vor allem, weil Ich gekommen bin und halte es ein jeder bis zu seinem Erdenende fest: GOTT war bei mir, ER hat mich gesegnet, ER hat mich erlöst! Behaftet ihr das fest im Glauben, in der Liebe, in der Hoffnung bis zu jedermannes Heimkehrzeit, dann habt ihr Mich, den Vater, allezeit bei euch, auch wenn ihr Mich nicht seht, nicht mehr so die Worte hört wie eben jetzt. In euch, Meine Kinder, spreche Ich zu jeder Zeit!

Seid gesegnet! Haltet Meine Worte, Meinen Frieden fest; und wenn noch manchmal Stürme euch bedrohen, so wißt: ICH bin euer höchster Freund, Ich helfe euch zu jeder Zeit!“ Gott geht durch die Menge, jedem legt Er Seine Hände auf, alle sinken nieder wie die reifen Halme, die die Sichel streift, um als Ernte in des Himmels Scheuer einen Ort auf Ewigkeit zu finden.

Die Nacht ist vorgerückt; viele Sterne, wie man es nicht immer sieht, leuchten nieder. Die Stelle, da Gott stand, ist vom hellsten Licht erfüllt. Es währt lang, bis die Menschen sich zerstreuen, bis jeder tief versunken heimwärts strebt.

← Zurück zu „Der Gefangene“