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Kap. 18 – Nicht Worte, sondern Taten; Beste Selbsterkenntnis

18. Kapitel

Der nächste Tag. Hunderte von Legionären überschwemmen fast den Hafen und das nähere Gelände. Für die Feinde sorgt Johannes durch den Wirt. Sie sollen keinen Hunger leiden, auch werden sie nicht drangsaliert, was manchem sehr zu denken gibt. Nicht Worte — Taten rühren ihre Herzen an.

Als Johannes mittags wieder nach dem Rechten sieht, zupft ihn einer heimlich an. „Du“, raunt er, „warum tust du das mit uns? Wir sollten euch vernichten, gern hätten wir es ausgeführt. Nun — nun sieht alles anders aus. Warum bemühst du dich um uns? Und wer bist du denn? Ein Römer sicher nicht.“

„Nein“, wird ihm erwidert. Auch andere merken auf. „Es würde dir nichts nützen, wüßtest du es, wer ich bin. O“, sagt Johannes extra heiter, „ich bin ein Mensch wie du.“ Der Frager ärgert sich. „Für solche Späße bin ich nicht.“ „Gleichfalls nicht.“ Ernst gesagt, was die Freundlichkeit nicht mindert.

„Du bist hart, kennst kein Mitleid, nicht für Menschen, nicht für Tiere, die wie du die Schmerzen fühlen. Was wäre denn aus euch geworden, wenn wir so wie du und deine Spießgesellen hätten handeln wollen? Lehne dich nicht auf, ihr stündet unter Rom. Genau! Patmos ist ein römisches Gebiet und von Römern wird das Land verwaltet. Du weißt es auch: Römer dürfen in den Schlachten niemals gegen Römer kämpfen. Oder — ?“

„Wir wußten nicht, daß auf Patmos Römer leben. Es hieß: Christen hausten hier. Wie sehen denn die Christen aus?“ „Du hast sie im Amphitheater schrecklich sterben sehen; und du wagst zu fragen, wie oder was die Christen sind?“ „Warum haben sie sich nicht gewehrt, weshalb kämpften sie denn nicht?“

„Mit was?“ Des Sehers Blicke lodern. „Gehst du mit bloßen Händen einen Tiger an?“ Der Frager kriecht in sich zusammen, wendet aber das Gespräch. „Weshalb tust du Gutes und wir bleiben unbeschwert?“ „Das kannst du nicht verstehen, weil du ohne Mitleid bist. Oder regt sich was in dir?“ sticht Johannes in die rauhe Seele. „Ich gebe dir ein schweres Rätsel auf. Du wirst‘s niemals lösen, wenn du bleibst, so wie du bisher warst. Merke auf: Patmos ist die Insel meines Gottes!“

„Neptun, Merkur, oder wer?“ Brüllendes Gelächter. „Mein Gott hat für dich keinen Namen!“ Die Stimme übertönt das Lachen. Verdutzt sieht man sich gegenseitig an und merkt es nicht, daß Claretus sich hinzugesellte. Es dauert eine Weile, bis der Frager wieder spricht: „Bei uns gibt‘s viele Götter, allein als Krieger — Schwert, Schild und irgendwelcher Gott passen nicht zusammen — höchstens Mars.“

„Endlich eine Wahrheit, die du nicht liebst! Wir auf Gottes Insel haben uns verteidigt, mit Waffen, wie ihr welche tragt. Wo immer nötig, darf man sich mit Waffen wehren. Habt ihr euch denn nicht gewundert, weil wir euch erwartet haben? Noch seid ihr in Ängsten, was mit euch geschieht; da haben bessere Gedanken keinen Platz im Hirn. Ich rate euch: versuche keiner zu entkommen!“

Johannes geht. „Oh“, flüstert einer, „der Befehlsgewaltige hat zugehört, da können wir uns gratulieren! Wer aber ist der Mann, der uns geholfen hat und mit einer Donnerstimme sprach?“ Keiner kommt zu einem Resultat. Über das ist man sich einig: man muß warten und hegt die Hoffnung, glimpflich abzukommen, wenn — dieser sonderbare Mann sie schützt.

Etwas wirkt ganz weltlich und ist trotzdem Gottes Schutz. In der Beratung, die Claretus mit Johannes, Sejananus, Cronias, Hermius, Scubatus und den Offizieren führt, die mit ihm gekommen waren, heißt es hart: „Rebellen, Römer gegen Römer, werden stets bestraft. Patmos ist ein römisches Gebiet, durfte so nicht überfallen werden. Die seichten Hintergründe wegen Christen sind auszuschalten.“ Die Römer stimmen zu. Johannes schüttelt leicht sein Haupt.

„Wohl habt ihr recht, liebe Freunde. Trotzdem könnt ihr meinen Rat befolgen. Wenn ihr die Rebellen hart bestraft — mancher wird euch doch entkommen, was werden diese tun? Laßt ihr sie frei, unter der Bedingung, die ich stellen werde, alsdann wird kein einziger jemals gegen euch die Zunge wetzen.“ „Und du meinst?“ fragt ein Oberst. Claretus und die von der Insel sehen ein: Johannes wird das Beste raten.

„Laßt sie mit ihren ramponierten Schiffen fort, helft aber, daß sie keinen Schiffbruch leiden. In Rom können sie verbreiten, ein Sturm wäre über sie gekommen. O, war es denn nicht meines Gottes Sturm? Wie kam es denn“, wendet er sich an die Oberen, „weil wir auf der Insel von dem Angriff wußten, und daß der Duumvir Claretus oben drein zu Hilfe kam?

Jene hüten sich, ihre Niederlage preiszugeben. Sprechen sie von einem Sturm, denkt man lediglich ans Meer. Und bei einem baldigen Regierungswechsel fällt die Sache unterm Tisch. Dann seid auch ihr befreit, weil ihr von euerm Standort abgewichen seid.“

Man einigt sich, den Rat auszuführen. Manche fragen, wie möglich das Johannes vorher weiß; ‚er wäre doch ein schlichter Mann, kein Römer und . . .‘ „Wer sich führen läßt, dem Inneren nach“, sagt der ‚schlichte Mann‘ und lächelt, „der wird erkennen, daß es größere Dinge gibt als das kleine menschliche Gebahren.“ Achselzuckend geht man auseinander. Der Inselmann bleibt aber haften. Mancher von den Römern kommt allmählich zur Erkenntnis, dann zumal, als alles eingetroffen ist, was der Seher Gottes sagte.

Nun bricht der Abend an. Abgesehen von dem Militär, herrscht auf Patmos wieder Friede. Geführt: nur die Freunde kommen in den Turm. Sie sind erleichtert; jetzt kann jeder offen reden. Man weiß doch nicht, wie mancher von den andern denkt. Johannes bestätigt es und nach einer Weile bittet er, zu berichten.

„Weißt du wirklich nichts?“ fragt Gronias. „Mich würde das sehr wundern, wenn . . .“ „. . . du nicht bedenkst, daß ich trotz gnadenvoller Schau ein Mensch geblieben bin wie ihr es seid. Das allgemeine Bild habe ich gesehen; aber wie es sich ergab, soll zu sagen eure Freude sein.“ Johannes zeigt auf Sejananus und Claretus. „Wir“, ruft Skubatus, „wollen auch gern hören, wei euch Gott zusammenbrachte. Denn daß hierbei Seine Allmachtshände wirkten, das steht für mich fest, der Herr bewirkt das Ganze.“ Ein guter Blick belohnt den Glauben.

„Es war so“, fängt Sejananus an, „ich war mit dem Handel ziemlich fertig; noch einen Tag hatte ich zu tun. In einer Straße stieß ich plötzlich auf Claretus. Wie waren wir erfreut“, was jener gleich bestätigt, „und gingen, mit Stefanus im Schlepp, zu einem Wirt, von dem ich weiß, er schenkt einen guten Wein.“ „Wie kam es denn, daß du in Tyrus warst? “ fragt Cronias den Duumvir.

„Ach“, winkte dieser ab, „von Kreta wegzukommen war mir gar nicht recht. Ich bekam ein größeres Kommando und sollte, wenn die Order käme, mich ins Jordanland begeben. Was dort werden sollte, war mir unbekannt. Jedenfalls lagen wir schon ein paar Wochen müßig ‘rum und bloß exerzieren lassen — überdrüssig war es mir. Aber als ich Sejananus sah, lachte mir das Herz im Leib. Bloß“, Glaretus wird so ernst, wie sie es in Tyrus wurden, als —

„Der Wirt flüsterte uns zu: ‚Gestern sind im Nachbarhafen fünf Galeeren angekommen, in Eile wurde vollgeladen und sind heute früh in See gestochen.‘ Wohin? fragte Sejananus, dem die Unrast aus dem Auge sah. ‚Nach Patmos‘ hörten wir. ‚Dort gibt es doch bloß kleine Fischernester; was wollen die denn dort?‘

Wir ließen uns nichts merken und gingen ruhig fort. Aber bei der nächsten Ecke setzten wir uns in Galopp, Sejananus zur Cornelia . . .“ „die in einer Stunde fertig war“, sagt der Kapitän, „und ich zur nahen Truppe, die ohnehin für die Galeeren vorgesehen waren, falls eine andere Order käme.

Nun, ich tat wie unser Joanus, nahm die Welt zuhilfe und befahl: ‚Alarm, sofort auf die Schiffe!‘ Die Cornelia war uns schon voraus und ich spornte unsere Sklaven an, versprach Extrakost, fänden wir mit der Cornelia Kontakt. Unterwegs sagte ich zu meinen Offizieren, voraus wären fünf Galeeren mit ganz falschem Kurs und Überfall, wir müßten sie erreichen. Sonderbar war schon, daß keiner fragte, wieso ich das auf einmal wüßte.

Joanus, das war Gottes wunderbare Führung! Denn sonst — wie wäre möglich, Schiffe, einen Tag voraus, einzuholen, standen mir auch größere Galeeren zur Verfügung? Dazu unsere Begegnung, der ‚leere Einsatz‘, der mich so verdrießte, außerdem Galiläa, wo der HEILAND war, und dort Blut, Zerstörung, Brand und Tod?“ Claretus atmet tief, jetzt noch wie befreit.

„Ja“, bestätigt Sejananus, „es war ein großes Wunder.“ „Für uns!“ Johannes nickt den Männern zu. „Doch bei Gott gibt‘s keine großen oder kleinen Wunder, weil alles, was Er aus Seinem Willen tut und ursächlich Seiner Schöpfermacht entströmt, groß und herrlich ist. Was uns Menschen klein erscheint, o seht, die Sonne ist ein Ganzes, Großes; ihre Strahlen und die Funken sind die Teilchen. Aber eben alles das ist Sonne, zugehörig zu dem Ganzen. Wie man es betrachen will, so sieht man auch die Dinge an.

Im menschlichen Empfinden habt ihr recht: Großes hat der Herr an uns getan! Dafür sei Ihm aller Dank gebracht. Wir tuen es, sobald die andern abgerudert sind.“ „Solang bleibe ich; leider muß ich mit der Truppe wieder fort“, sagt Claretus. „Glaubet es: am liebsten bliebe ich für immer hier.“ „Warte eine Weile“, wird er getröstet, „der Heiland wird dich führen, daß du dich noch wundern wirst. Auch groß, Claretus!“

„Herrlich, in der Wunderzeit zu leben!“ Cronias reckt beide Arme aus. „Ist‘s für uns Menschen immer gut?, abgesehen davon, daß nicht überall die Herrlichkeit geschieht. In Rom und sonst . . .“ „Sollst du dich nicht grämen“, fällt der Seher ein. „Wir sprachen ja vom Kleinen und vom Großen. Wo das scheinbar Kleinere geschieht, da ist für die Menschen anderes bedacht; sie würden von den offenbaren Wundern seelisch sehr belastet sein.

Die Zeit vom Stall in Bethiehem bis zum Kreuz auf Golgatha ist heilserfüllt gewesen, offenbar noch weite Strahlen streuend, geheim niemals minderer, bis das Dunkle lichtbereit geworden ist. Wann — Liebe Freunde, ich weiß es nicht, bloß wird es lange währen. Bei Gott sind unsere kurzen oder langen Zeiten einerlei. David hatte das erkannt und sang: ‚Tausend Jahre sind vor Dir wie der Tag, der gestern vergangen ist‘ (Ps. 90, 4). Niemals können wir das Gestern nachempfinden; man kann nur wissen, was geschah.

Ebenso ist‘s mit den Wundern. Sie klingen sozusagen ab. Allein, täglich sehen wir die Sonne, die uns Licht und Wärme spendet, oder Regen, der die Fluren netzt. Wir sehen nachts die Sterne ihre Bahnen ziehn und — weil gewohnt — denken nicht mehr darüber nach, welche Herrlichkeiten sie uns zeigen. Dazu die Natur, was sie alles aus der Schöpfermacht beschert, Tag für Tag. Gottes Güte höret nimmer auf! Sind das etwa keine großen Wunder?

Ach, es kommt die Zeit, wo dieses Wunder jemand kaum erkennt! So gesehen: dann wird die Materie leergefegt, weil die Menschen leere Herzen haben und kein Gotteszehnt vorhanden ist, weder in der Zahl der Menge, weit weniger dem Glauben nach. Das wird Gottes Ernte sein und kein Halm bleibt auf dem Schöpfungsacker liegen. Auch das ärmste Körnchen hebt der Herrgott auf und trägt es heim, wie Er als Heiland in dem Gleichnis vom verlorenen Schaf und Groschen sprach (Matt. 18, 12; Luk. 15,8).“

„Ich war ein solches Schaf“, bekennt Stefanus. „Was wäre denn aus mir geworden, hätte nicht der HERR mich hergebracht?“ „Wir alle waren es“, gibt Cronias zu. „Cornelius hat uns viel berichtet, wie der Heiland alle Menschen um Sich sammelte. Für Ihn gab es keine Römer, Heiden oder Juden, für IHN gab es nur Seelen, die aus dem Dunkel der Materie zu retten waren. Und das — ah, als wir Ihn sehen durften, da schlug das Herz mir bis zum Halse hoch; mir war, es müßte brechen.“

„Man kann davon berichten, doch die Gnade zu erfassen gibt‘s kein Wort dafür.“ Johannes nickt jedem freundlich zu. „Glaubt es, liebe Brüder: die Bilder, die ich sagen oder schreiben soll, da weiß ich oft mals nicht, in welche Worte sie zu formen sind. Sie lassen sich ins Weltliche nie völlig übersetzen, weniger, weil es nicht möglich wäre, sondern die Materie-Sprache ist zu ärmlich.

Schon Mensch zu Mensch etwas klar zu sagen, was man spürt, bleibt selbst beim besten Können ein Fragment, mit dem Lichtgeistigen zu vergleichen. Dennoch hat uns Gott so viel gegeben, wir können uns besprechen, einander helfen, was der Grundbegriff der Liebe ist. Nur werdient, der trägt in sich den Funken aus der Licht-All-Liebe. Ebenso mit allem anderen.

Der Schöpfer hat bloß Seine Souveränität für Sich behalten. Das mußte sein. Wie sollte Er ansonst die Schöpfungswerke führen? Aber was Er daraus hob, um es zu offenbaren, wie ich gleich am Anfang meines Evangeliums zu schreiben hatte:

‚Von Seiner Fülle haben wir alle genommen

Gnade um Gnade!‘, (Joh. 1,16)

das hat Er Seinen Kindern anvertraut, es hergeschenkt als Zeichen dessen, daß wir IHM angehören und Er unser Vater ist!“

Niemand merkt, daß sie — noch vom Tage her — von der Belastung völlig abgekommen sind. Kein Gedanke gilt der Welt. Es ist immer so: sind sie im Turm beim Seher, dann ist‘s, als wäre das Gebäude hoch erhoben, dem Himmel nah, dem Weltenkörper fern. Den Gedanken schält Johannes wieder fein heraus.

„Die Weltlinge nennen Türme die Bastion, wo sie sich vor Feinden schützen. Sie werden extra hergestellt und ist‘s auch schwer, sie einzunehmen (damals). Bald nach Noahs Zeit wollte ein Geschlecht sich einen Namen machen, eine feste Stadt und einen Turm zu bauen (1. Mo. 11, 1-5). Das hätte man gedurft, wäre nicht der Hochmut über sie gekommen, ‚bis in den Himmel‘ aufzubauen, was bedeutete: den Schöpfer — damals schon — zu sich herniederzwingen. Er sollte sein wie sie und sie wie ER!

Jesu deutete darauf hin, wer einen Turm erbauen will, die Kosten überschlagen müsse (Luk. 14, 28). Das war unverstanden und lag doch sonnenhell vor uns, die das Gleichnis hörten, daß Er keinen Weltbau meinte, sondern ob man seelisch sich nicht allzu hoch vermesse wie die Babelleute taten.

Wir sollen nicht das Höchste auf die Welt herniederziehen. Kommt Gott zu uns, sichtbar oder unsichtbar und wir fühlen, wenn Er bei uns ist, so nehmen wir mit Dank entgegen, was und wieviel Er gibt. Er Selber ist der Turm, in welchem wir die Licht- und Lebensgaben schützen können, wenn der Feind, die Finsternis, uns Gottes Kleinod rauben will.

Es ist zwar ein äußerliches Zeichen, trotzdem auch von Gott für uns schon lange zubereitet, weil wir uns in einem Turm versammeln können, vom Weltlichen befreit, dem lichte nah. Unser Turm, der innere und äußere (Hes. 10, 3-5), soll niemals in den Himmel ragen; aber — öffnen wir das Tor, oben, unten, innen, außen, oh Gottes Herrlichkeit kehrt bei uns ein!“

„Joanus!“ Alle übermannt es wieder. So vieles ist noch aus dem Heilandsleben aufzunehmen, und denkt keiner an die vorgerückte Nacht. Endlich sagt Scubatus: „Das mit dem Turm ist mir ins Herz gegangen. Unser alter Hirte, der so vieles wußte . . .“ „Von dem ich noch gar manches hätte lernen mögen“, unterbricht der Arzt, der immer in der Runde ist, „. . . gab uns Christen einen rechten Namen: ‚Turmgemeinde‘! Er hat viel mehr gewußt, als was jemals über seine Lippen kam.“

Johannes lächelt in Gedanken an den alten Mann. Naturklug war er, mit viel Geistigem dabei. „Er hatte sich nicht taufen lassen, doch er hat das nicht gebraucht. Daß es nur einen Schöpfer gibt, hat er aus der Natur erkannt, und so war sein Glaube eigentlich die echte Taufe. Seht, wer davon keine Ahnung hat, ist aber wesensgut und handelt gegen jedermann nach dem Prinzip des Guten, dessen Geist ist lichtverbunden, dessen Seele läßt sich durch das Wesensgute ihres Geistes formen. Ein solcher Mensch braucht keine äußerlichen Zeichen. Wer aber weiß, was Gott uns offenbart, der kann, der soll auch danach tun.“

Man bespricht das eine und das andere, besonders aus der Lehre Jesu. Es naht der Morgen. Weit draußen auf dem Meer, vom Turm aus zu erkennen, färbt sich die Kimm schon rosenrot; doch bald ziehen graue Wolken auf. Der Kapitän steht auf. „Zeit, daß wir noch ein Stündchen schlafen gehn, obwohl ich gar nicht müde bin. Hätte auch noch eine sonderliche Frage, bloß würde sie ein längeres Gespräch ergeben, eine Lehre, die wir durch unsern Joanus erhalten können. Wie steht‘s damit?“

„Hebe es für heute Abend auf. Wir stellen nachher die Bedingung und werden sehen, wie man sich verhält.“ Nach kurzem Schlaf und Frühmahl gehen sie zur Gruppe. Legionäre und die Fischer hatten sie bewacht. Zwei werden vorgeschoben, die entfliehen wollten. Man hat sie festgebunden. Claretus löst die Fesseln.

„Wie dachtet ihr euch das? Mit was wolltet ihr denn fort?“ „Mit einem Kahn“, sagt einer trotzig. „Na“, meint Hermius, „schau‘ den Himmel an; ihr wäret nicht sehr weit gekommen.“ „Lieber wären wir ertrunken, als . . .“ „Wartet, was mit euch geschieht.“ „Wisset ihr, was eurer wartet, richtet der Senatshof über euch?“ Das weiß man allerdings, und man duckt sich nieder.

„Ihr müßt nach Rom zurück, schon der Schiffe wegen. Was wollt ihr melden?“ Schweigen. „Was sagts du, Oberster?“ wendet sich Claretus an Johannes, als hätte dieser höher zu befehlen. Der Leute wegen ist es angebracht. Dieser tut, als müsse er sich alles überlegen. Man sieht ihn forschend an. Daß ‚er ein ganz anderer‘ ist, merkt selbst der Hartgesottenste.

„Ja“, sagt Johannes streng und große Liebe füllt sein Herz, „es bleibt nichts anderes übrig: ihr müßt zurück!“ Unversehens greift er einen älteren Mann heraus. „Dich wähle ich als Führer statt des Duumvir, der sich leider selbst gerichtet hat. Nein!, rede nicht dawider“, als der Mann sich drücken will, „du bist befähigt, warst schon mehrmals beim Senat und hast deinen Mann gestanden.“

„Woher weißt du das?“ „Des kümmere dich nicht; ich weiß nämlich mehr, als was du ahnst. Ihr seid in römische Gebiete eingebrochen und habt einen ‚Sturm‘ erlebt, der euch in Kürze niederwarf.“ „Hm, ein Sturm ist hier gewesen“, gibt jener kleinlaut zu. „Wie ich das verkraften soll, das weiß ich nicht. So oder so würden wir bestraft, schon der ramponierten Schiffe wegen. Wenn — wenn — Oberster, kannst du uns helfen? Du siehst zwar keinem Römer gleich, immerhin — etwas Oberhaftes ist an dir, das hab‘ ich gleich erkannt. Was — ich frage nicht danach.“

„Sehr gut für jeden, der nicht danach fragt. Ich stelle euch ein Ultimatum: wollt ihr nicht gerichtet werden, dann tut, was ich ge biete. Wollt ihr das versprechen ohne Wissen, was es ist, dann seid ihr frei — auch in Rom. Vorhergesagt: ihr werdet überwacht, ob ihr euer Eidversprechen halten werdet. Brecht ihr das, so seid gewiß: alle fallen dem Gericht anheim!“

Johannes denkt dabei allein an ‚seinen lieben Herrn‘, ER hat die besten Wege, jeder armen Seele aufzuhelfen. Der erwählte Mann gibt zuerst sein Wort, und Johannes wird gezeigt, daß es jener hält. Da geloben es die anderen Johannes und Claretus in die Hand, zu tun, was ihnen anbefohlen wird. Der Seher sagt:

„Ich sprach vom ‚Sturm‘, der auf der Insel über euch gekommen ist. Ihr könnt also sagen, daß ein Sturm das Unternehmen scheitern ließ. Kein Mensch wird fragen, wo der Sturm gewesen wäre. Handelt es sich um Galeeren — man sieht, daß sie angeschlagen sind —‚ denkt man allein ans Meer. Man ist sogar froh, die Schiffe heimgebracht zu haben.

Auf diese Weise sprecht ihr keine Lüge aus. Es gibt auch Stürme auf dem Land, wo schon mancherlei verwüstet ward. Überdies werden die Galeeren so intakt gesetzt, daß ihr am Abend segeln könnt. Bis dahin wird das Meer beruhigt sein; ohne Fährnis könnt ihr fahren. Achtet aber nochmals auf: ihr werdet überwacht, jeder einzelne!“

„Wir sind viel zu froh, du hast uns gerettet. Den ‚Sturm“, lacht der Mann, „hast du uns bestens in den Mund gelegt. Wer“, wendet er sich an die Schar, „denkt und handelt so wie ich?“ Keiner ist, der nicht erleichtert sagt: „Wir sind billig weggekommen.“ Johannes bespricht die Einzelheiten mit Claretus. Emsig wird geschafft, noch ist die Sonne nicht am sinken, werden die Galeeren aus dem Hafen ausgeschleust. Man winkt sogar zurück.

„Daß du den richtigen Mann erwähltest“, sagt der Kapitän, „ist für mich kein Wunder, und nicht eigentlich, das Ganze ihnen mundgerecht gemacht zu haben. Ob aber keiner schwatzt?“ „Ich glaube nicht“, meint Cronias, „die sind heilfroh, dem Schlamassel zu entrinnen, der sie unweigerlich bedroht, würden sie berichten, wie, wo und was der ‚Sturm‘ gewesen ist.“

„Hast recht.“ Johannes nickt Cronias zu. „Sejananus hatte eben an sich gut bedacht, ob es richtig sei, die Sache zu umschreiben. Hätten wir denn helfen sollen oder können, wenn kein Umschreiben möglich war? Du weißt‘s am besten, was jedem blüht, würde dieser Überfall gemeldet. Noch dazu: vom Senat war kein Befehl ergangen und der Kaiser wußte nichts; sondern wieder mal ein ‚anderer‘, der sich mit der ‚Aktion auf Patmos‘ hochzuschrauben suchte. Das wissen diese Leute aber nicht, wußte bloß der Duumvir. Darum hat er sich entleibt.

Gott gab uns Vernunft, die weniger aufs Äußerliche sieht, ob und wie zu richten sei. Sie kann prüfen, wo ein Ausweg zur Errettung eines Menschen, einer Seele möglich ist. Allein diesen Ausweg, um der Hilfe willen, sieht Gott gnädig an und diesen habe ich gewählt — wählen dürfen, meine Freunde.

Es lag in Gottes Hand, uns abermals zu retten, womit die Rettung dieser Schar verbunden ist. Es ist nicht immer leicht, ‚lichtgerade handeln‘. Gott erkennt es an, um so mehr, wenn man für sich selbst nicht sorgt, mindestens nicht zuerst. Stets muß der andere im Vorfeld stehn, ihm die erste Hilfe gelten; dann kann die eigene Hilfe auch mit angeschlossen sein.

Ein Ausweg, für die andern nötig, ist aufs äußerste zu prüfen. Man neigt zu leicht dazu, Ausreden zu gebrauchen, vor allem für sich selbst. Manchmal ist es besser, wenn es unterbleibt, muß ein Mensch der Seele wegen strenger angestoßen werden. Das freilich weiß der Herr allein und — etwa der, dem Er es zu wissen tut.“ „Wie immer dir“, fällt der junge Stefan ehrerbietig ein.

Johannes streicht ihm übers Haar. „Schon recht, mein Junge. Gibt man der Vernunft die Oberhand, kann jeder dessen inne werden, was am besten auszuführen ist. Nun — gestern, nein, schon heute früh ist‘s spät geworden und der Tag war auch nicht leicht. So laßt uns heute ruhen; morgen nehmen wir dann vor, was Sejananus auf seinem Herzen liegt.“ Es ist jedem recht. Die rasche Fahrt übers Meer, die Aufregung, das Gefecht — der Mensch braucht seine Ruhe, die der Herr zu segnen weiß.

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