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Kap. 19 – Ehrgeiz bringt nichts ein; Gedanken vom Kreuz; Euphrat und Meer

19. Kapitel

Goldener Abendsonnenschein bestrahlt das Meer, vom Turmfenster aus zu sehen. So lichtdurchflutet ist Johannes. Die Freunde kommen schon die Treppe hoch. Stefanus hat für Wein gesorgt, der Wirt die Speise zugetragen. Cronias, Sejananus, Ciaretus, Skubatus, Hermius, ein paar Fischer mit Frauen, Horpha unter ihnen, treten ein.

Johannes hat den Tisch gerichtet. „Es ist eine Freude, und wir danken unserm Gott, daß wir ohne Plage wieder beieinander sind. ER hat uns vor großem Leid bewahrt. Laßt uns Ihm erst danken.“ Und er spricht ein Herzgebet. Alle sprechen murmelnd mit, was der jünger Jesu aus der Inbrunst seines Geistes sagt. Keiner ist, der nicht tiefstens mitempfunden hätte.

Claretus bricht zuerst das Schweigen, das eine Weile auf der Runde lag. Das Frühere hat ihn oft bedrückt, besonders jetzt, wo einer, ihm im Range gleich, mit der bösen Absicht kam, gute Menschen zu verderben. Es glimmt in seinen Augen eine Bitte: ‚Vergibt mir heute noch, was ich damals —‘, und er spricht es aus:

„Ich kam auch hierher, um euch zu verderben. Wenn man weltlich etwas ist, möchte man meist immer mehr. Der Ehrgeiz tut, was böse ist. Neben dem, was mich bedrückt, bin ich jedoch voller Dank, daß du, Joanus, mich gerettet hast, meine Seele, zugleich dich selbst samt der lieben Friedensinsel. Nicht genug kann ich dem Heiland danken, Vielleicht . . .“

„. . . war es Gottes väterliche Führung“, unterbricht Johannes. ‚Ja gewiß, du wolltest Böses tun; aber weil du anderen unterlagst, sonst dein Leben gar nicht übel war, darum hat der Herr dich über deinem Übel deinem Übelstand entrissen, seelisch und auch weltlich. Lasse die Bedrückung fahren. Ich verstehe, daß der letzte Überfall dich treffen mußte: ein Bild von dem, was du damals wolltest. Doch gibt es ein Unterschied.

Du warst vom Gedanken absolut nicht frei: tue ich denn recht? Nur vor deinen Leuten wolltest du dich groß erzeigen, weil man dich ob mancher guten Regungen belächelt hat. Verständlich, daß du solche ‚Scharten‘ auszuwetzen suchtest. Gerade diese ‚Scharten‘ hat Gott freundlich angesehen, um deiner Seele willen dich selber auch als Mensch. Du weißt, was geworden wäre, wenn —“ Claretus nickt.

„Deine Scharten, jene guten Regungen, hat der jetzige Duumvir nie besessen. Glaube mir — wenn der Überfall gelungen wäre, niemand hätte er verschont. Auf dem Schlachtfeld voller Toten hätte er laut triumphiert. In Schlachten, die wahrlich auf der Welt nicht nötig waren, hast du dich bewährt; ansonst hast du nicht einmal ein Tier gequält, geschweige einen Menschen.

Als du zu uns kamst, warst du verwirrt. Weißt du, wie das kam?“ Der Duumvir verneint; es ist ein kleines Menschenrätsel. „Du warst reif, ohne es zu wissen. Ein Gefühl sagte dir: ‚es muß anders mit mir werden‘. Das ‚wie‘ war dir so dunkel wie die Nacht ohne Mond und Sterne. Das andere Gefühl war dein Prestige. Durch die ‚zwingende Macht der Gottesliebe‘ war dein Konflikt zu lösen. Das wußtest du natürlich nicht. Welcher Mensch ahnt wohl, daß nicht er sich selbst, sondern GOTT ihn ganz allein befreien kann?!

Deshalb kannst du nun das Bild begraben. Ich wußte es, war aber gut, dich noch nicht davon zu lösen. Durch die Gefahr, die uns bedrohte, wurde eigentlich der Rest des Menschlichen aus dir ganz ausgekehrt. Jetzt — du darfst es glauben — ist dir voll vergeben worden; und getrost kannst du dich selbst zum Heiland wenden, im Gebet, in der Bitte und im Dank.“

„O Joanus!“ Claretus rollt tatsächlich eine Träne aus dem Auge. „Wie hast du mich befreit! Ja, hebe nur die Hand: GOTT hätte es vergeben, hätte mich erlöst! Aber — über dich, Seinen Jünger. Nebst dem Dank an Gott vergesse ich dir nie, was du an mir getan.“

„Das kann jeder von uns sagen“, bestätigt Cronias. „Wir alle sind durch Joanus dem Schlund der Welt entrissen worden, weil er mit dem Heiland fest verbunden ist. All die Jahre, seit er auf die Insel kam, habe ich wie oft gedankt, daß mein Leben eine große Wendung nahm, eine Umkehr auf der Achse, wie man sagt. Ist‘s nicht also?“ fragt er mit einem Blick die anderen.

Jeder spricht von seiner Umkehrzeit. Zeugnisse der Hilfe Gottes. „Laßt uns jetzt zum Thema kommen“, sagt Johannes, „es ist nämlich äußerst wichtig, was Sejananus zu fragen hatte. Nun — was war es denn?“ O, immer wieder diese große Freundlichkeit, die des Jüngers Antlitz überstrahlt. Nicht zu hoch gegriffen: ein Widerschein der unermeßlich hohen Freundlichkeit des Herrn! Man ist jedesmal davon berührt, fühlt sich wie eingehüllt, fortgehoben von der Welt mit aller ihrer Niedrigkeit. Sejananus spricht verhalten:

„Weiß ich denn, ob vor Gott die Frage gelten darf?“ „Gewiß, sie gilt! Kann ein Kind nicht seinen Vater alles fragen? Ein rechter Vater wird das Kind nicht von sich weisen, selbst wenn der kleine Frager eine volle Antwort nicht versteht und also das erfährt, was dem Kindverstand entspricht. Nun ist‘s aber so: Dein Bedenken gilt uns allen, Gottes Antwort ebenso.“

„Da will ich‘s mir vom Herzen lösen. Der Heiland — unser Gott! Seine Worte an Pilatus sind ein Zeugnis Seiner Göttlichkeit. Er nahm als Mensch den martervollen Tod auf Sich; und nun heißt es bei den Christen: ‚An unserer Statt!‘ Vielleicht ist mir das viel zu hoch, daß ich das nicht ganz begreife. Man weiß, was man vorher sündigte und Arges tat. Für all das könnte Gott uns strafen; es wäre pur Sein hohes Recht.

Ob dann freilich stets ein solcher Tod — ein Kreuz — o Joanus, es ist die größte Grausamkeit, die man sich erdachte! Denn das ‚für uns‘! Gott ist doch allmächtig. Hätte Er da nicht auf anderem Wege die Erlösung bringen können? Ich fröstele, denke ich daran: für mich das Kreuz mit aller Schmach und allen Schmerzen! Davon komme ich nicht los!“ Der Kapitän deckt sein Gesicht mit beiden Händen zu. Johannes zieht sie sachte wieder weg.

„Freund, sieh mich an! Du hast dich dem heiligen Erlöserwillen Gottes hingegeben, und ich sage dir: ich fühle so wie du. Etwa noch ein wenig mehr. Ich stand ja unterm Kreuz, sah die Wunden, sah das Blut, wie es am Körper niederrann, sah das Leid in Jesu Augen und sah: dieser Schmerz galt niemals Seinem Körper, wollte er auch absolut bewußt empfunden werden — für uns tatsächlich!

Die Schmerzen unserer Seelen lagen in den Augen Jesu. Mit unserm bösen Tun verwunden wir uns selbst. Der Mensch erkennt es seltenst an; er meint, wenn er jemand übel tut oder sogar tötet, dann hätte er den anderen getroffen. O ja, das auch, genau so, wie der Herr am Kreuz gelitten hat. Allein — wie bei Ihm das Leiden durch die Bösen bloß dem Körper galt, so für die anderen. Für uns prägte sich der Schmerz im heiligen Antlitz aus.

Wohl zwar im kleinsten Maßstab gilt das auch den Menschen unter sich. Was man dem andern Arges tut, betrifft zwar dessen Leib; für sich selbst betrifft‘s die eigene Seele. Eben diese Wunden hat der Herr auf Sich genommen. Durch das Kreuz, dem Hoheitszeichen Seiner Liebe, heilt Gott ‚an unserer Statt‘ den ganzen Fall!

Daß Er das Übelste vom Argen auf Sich nahm, werden wir auf dieser Welt nie ganz ergründen, was dem Heilsplan inbegriffen ist. Würden wir das Gottesopfer voll erkennen — es gäbe für uns immer nur zwei Dinge: der Gläubige müßte unter dieser Last begraben werden, etwa ewig ohne Löse; die Leugner würden sich den Tod vom Fall bereiten, den die Gottheit durch ihr Lustrum aufgehoben hat.

Das geschah im Anfang, als die Gottheit ohne Vorbestimmung sah, was ein freier Weg der Kindgeschöpfe mit sich brächte. Hier schuf Gott das Zweierlei: Kinder ohne freien Willen, wo zwar kein Fall geschehen konnte, jedoch auch keine Seligkeit; freie Wandlungsfähigkeit, mit dem Hochziel ewiger Beglückung, dabei wohl das Mögliche, vom Wege einmal abzuweichen.

Gott wählte Sich das Zweite. Unter Seiner Herrschaft gab Er jedem Kind die Wandlungfähigkeit im Sinne eines freien Willens, in dem Grenzraum Seines Willens! Das sind Geheimnisse, die sich nach dem Weltweg völlig offenbaren werden.

Dahingehend hatte Gott Sein Opfer vorgesehen, sollte sich ein Kind vom Ihm entfernen. Das war geschehen! Das Kreuz von Golgatha ist nicht der Ausgangspunkt, es ist der Schlußstein jenes Opfers, das die Gottheit für ihr Volk getragen hat — wenn eben — ! Jetzt versteht ihr es, daß das ‚an unserer Statt‘ ein urgeheimes Walten ist, Hingabe für die anderen (Joh. 15, 13).

Selbst wir aller himmlischen Erkenntnis noch so fernen Menschen sind befähigt, für einander eine Last zu tragen. Hermius brachte es sogar als Knabe fertig.“ „Wieso?“ „Hast es wohl vergessen? Weißt‘s nicht mehr vom kleinen Bruder, zu Streichen stets bereit? Drohten schwere Strafen, dann sagtest du: ich bin‘s gewesen. Und der Kleine war befreit. Später hat er es bereut. Als er starb, jung in einer Schlacht, ließ er dir melden: ‚Schmählich habe ich gehandelt‘ und er hätte dich sehr lieb.“

„Oh, daß du auch solche Dinge weißt?“ „Eine Gabe Gottes! Man kann mitunter in die Aura eines Menschen sehen: Vergangenes. Zukünftiges ist seltener offenbar, zum Schutz der Menschen. So sah ich vorhin dieses Bild und mich freute, weil es stimmt. Allerdings auf anderer Höhe, unermeßlich hoch, ist es doch ein Spiegelbild: wie Hermius sich für den kleinen Bruder opferte und die Strafe auf sich nahm, so der Heilige für das hingefallene Kind und seinen Troß, wozu auch unser Ungenügend mit gehört und alle unsere Sünden.“

„Das war selig!“ Sejananus drückt Johannes beide Hände. Wie gut, werden solche Seelenlasten ausgeglichen. Man redet eine Weile über dieses Hohe, bis Johannes auf jeden einzelnen zeigt; er lächelt dabei leise vor sich hin.

„Als ich den Argen drohte, sie würden überwacht (S. 224, 3), habt ihr das nicht ganz verstanden. Es schadet nichts, wenn am Geistigen noch ein paar Sprossen fehlen. Bei mir auch. Es ist kein Wunder. Meine Drohung, die so empfunden wurde, war eine gute Mahnung. Von dieser kommen sie nicht los. Natürlich macht Gott meine Worte wahr und ein Engel kann sie überwachen. An sich ist der harte Wächter ihr Gewissen. Ungern erinnern sie sich dessen, was bei uns geschah. Das hilft, ihre Lippen zuzuhalten.“

„Vielleicht überwacht Cornelius, er hat zu seinen Römern besseren Kontakt.“ „Dachtest nicht daneben, Hermius, es kann so sein. Über allem steht der Herr! Gern aber läßt Er Kinder über Kindern wachen und zwar Große über Kleine. Cornelius war schon vor der Weltgeburt ein Wachender. O, ein Bild!“ Johannes Augen wandern, wie schon oft, in weite unbekannte Fernen.

„Ich sehe einen hohen Stuhl, da herum viel Lichter in Gestalten, vier im heiligen Quadrat (OJ. 21, 16; 5, 6). Eine darf ich deutlich sehen, es ist — ist — Cornelius. Eine Stimme spricht: ‚Er ist einer von den ersten Gruppen, hat auf der Welt sein Amt treu ausgeführt.

Ihm ist’s noch unfaßbar, hat jedoch wie alle Heimkehrkinder manche Stufe zu durchwandern. Das ist kein Fehl, obwohl manches aufzuholen ist, was in der Materie verloren ging. GOTT hebt das auf! Der Sohn gehört zur vierten Gruppe, den Befehlsengeln.

Forschet aber nicht, solang ihr auf der Erde weilt, was wohl jeder einstens war. Kann nicht vielleicht auch einer aus dem Dunkelteil gekommen sein, hat das Licht erkannt, ist dann umgekehrt nach jenem Gleichnis: ‚Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehn?‘ Wer heimgekommen ist und es dient zur Offenbarung, da kann sich wohl einmal der Schleier lüften. (Luk. 15, 18)

Du bist ein Seher unseres Gottes, und dir wird offenbart, was mit zum Schlußstein der Erlösertat des Herrn gehört, ein Ausgangspunkt für jene letzte halbe Zeit (OJ. 12, 14), in der das Letzte aus dem Fall gereinigt wird. Willst du etwas fragen, so frage mich.‘ Es ist eine mächtige Gestalt, die vor mir steht. Ich bin so klein vor ihr, ein Nichts vor all der Herrlichkeit, die mich umgibt.

Darf ich wissen, wer unser Nicodemus war? Er war uns ein lieber Freund und er liebte unsern Herrn. ‚Das stimmt! Seine Liebe hat er aus dem Lichtreich mit zur Welt genommen; selbst in seiner Jugend hatte er die Liebe nicht verloren; hat sie nur falsch angewendet, was seiner Jugend zuzuschreiben war. Nun sieh!‘

O, wie herrlich! Die Entrückung des Johannes von der Erde ist ihm deutlich anzusehen. „Ich fliege fort, jemand hält mich fest; denn sonst — Ah, nun habe ich den Boden wieder unter mir, doch ist es nicht die Erde, es ist ein Stern. Freundliche Gestalten kommen mir entgegen. Alle tragen helle Kleider, auf ihren Stirnen funkelt es wie eine Krone. So wunderbar!

Einer gibt mir die Hand und fragt: ‚Kennst du mich?‘ Woher sollte ich solch lichte Wesen kennen? Aber da — Bist du Nicodemus? Der Lichtgeist nickt. ‚Einst durfte ich den Stern betreuen‘, sagt er, ‚und nun darf ich‘s wieder tun. Manchmal ist noch aufzuholen, was ich auf der Welt versehen habe. Das ist ein Segen ohnegleichen. Erst wenn man es erleben darf, kommt die Erkenntnis über uns. Dann weiß man bloß zu danken.‘ Darf ich wissen, wie du jetzt heißt?

‚Mein Name ist Diadjar (s. Ruf aus dem All S. 53-54). Allein ein Name ist zwar eine Präge, steht aber nie im ersten Rang. Ein Name hat allein den ersten Rang: GOTT! Nur was unter Seinem Gnadenbogen steht, das gilt in Ewigkeit!‘ Ich frage nicht“, sagt Johannes, „ob ich einstens etwas war.“ ‚Daran tust du recht; wir warten bis sich alles offenbart. Nun lehre deine Freunde weiter, der Herr hat sie dir anvertraut.‘ Er hat auch mich SICH anvertraut und danke, danke sehr für allen Segen.

‚Auch daran tust du recht. Für dich kommt eine stille Zeit, die du nötig brauchst, um das letzte Großbild der Materie zu sehen.‘ Und dann? ‚Warte auf das Heil des Herrn!“ Das Himmlische ist wie weg gewischt. Wie aus einem Traum, so erwacht Johannes aus der Schau und dauert es ein Weilchen, bis er sich zurechtgefunden hat.

Jeder fühlte sich wie mit entrückt, wie dem Himmel nah. Über das Gesicht des Sehers huscht des Lichtes Seligkeit. Dabei erkennt ein jeder, daß es absolut nicht einfach ist, als Mensch wie außer seinem Leib zu sein. Um so tiefer gräbt sich das Erlebnis in die Seelen ein, um so höher steigt der Dank, um so mehr ergeben sie sich Gott. Der Seher weiß es nicht genau, ob er laut gesprochen hat. Auf seine Frage sagt Ciaretus ehrerbietig:

„Alles haben wir gehört, Joanus. Du hast uns mit hinaufgenommen, dorthin, wo ich noch nicht hingehöre. Ein wunderbares Band hast du um uns geschlungen und mit Gott verknüpft. Einmal habe ich euch angesehen“, seine Hand macht einen runden Bogen, „jeder hatte seine Augen fest geschlossen. Ich ja auch. Bloß war mir zwischendurch so sonderbar zumute, da wollte ich mich vergewissern, ob ich noch am Leben bin.“ Der junge Stefanus bestätigt es für sich.

„Es ist ein Geheimnis, und wir wollen es für uns behalten; aber daß Cornelius — vor Gottes Stuhl — oh, wie muß ihm wohl zumute sein, wenn er nun so hoch da droben — und Nicodemus — einen ganzen Stern zu seinen Füßen? Ich kann es gar nicht richtig fassen.“ Sejananus hat es mehr gemurmelt als gesprochen.

„Niemals wird es möglich sein, die Schau mit unsern armen Worten darzutun. Denkt euch die Sonne noch so wunderbar, ein Flackerfunke ist sie gegen jenes Licht, das aus dem Stuhl der Gottheit kam, ihn umgab und in eine Schöpfungsweite strahlte, dessen Grenzen nie ein Auge sieht. Bloß GOTT allein! Er hat ja keine Grenze, Er ist der und das Unendlich! Aus Seiner Grenzenlosigkeit der Allmacht gab Er Sich das Zentrum Seiner Herrlichkeit. An diesem Ort schuf Er Sich Sein Kindervolk. Freunde, und wir gehören mit dazu! Wer mag das richtig fassen — ?

Allein — wir sind Sein Eigentum, das ER zu behüten weiß. Er lenkt jedes Kind nach seiner Art, getrost können wir uns leiten lassen. Denn seht: das Überwältigende — ich dachte, ich käme nicht nochmal zurück zur Welt. IHM war ich nahe und war wie in die grenzenlose Ferne eingehüllt, war — nicht mehr ich. So vielleicht erging es unsern beiden Freunden, als sie die Welt verlassen durften, als sie ihren Ort erkennen konnten, von dem sie ausgegangen sind.“ Skubatus hat in dessen, sehr gut getan, die Becher wieder vollgeschenkt, das Brot zu rechtgerückt und bittet:

„Denkt nicht, ich wäre unberührt gewesen. Weil wir auf Erden unsere Pflichten zu erfüllen haben, dürfen wir das Leibliche bedenken. Joanus hat den Auftrag übernommen, uns zu lehren. Ich muß noch vieles lernen, bin nur — hm, ein kleiner Bach, der mit einem kurzen Schritt zu überqueren ist. Joanus kommt mir wie der Euphrat vor. Den habe ich zwar nie gesehen, doch gehört, er wäre breit. Große Schiffe führen auf ihm auf und nieder.“ Ein liebes Bild. Man ißt und trinkt und Johannes lehrt aus diesem Bild.

„Du willst mich ehren, Skubatus, weil du mich den Euphrat nennst, dich hingegen einen Bach. Um der Demut willen darf dein Beispiel gelten, nicht in Hinsicht von uns beiden. Das Meer, der Urquell alles Lebens, ist der Schöpfer der Unendlichkeit. Sehen wir es schon als Beispiel an, dann fließt noch stets aus Gott das Lebenswasser in den Raum und in die Zeit hinein.

Von Eden, aus seiner Quelle, kamen die vier Ströme. Symbolhaft ist der Pison unser Schöpfer, wird er ja zuerst genannt. Der Gibon ist der Priester, der Hiddekel ist die Verbindung zwischen Schöpfer und Geschöpf und nennen wir Ihn unsern Gott. Der vierte Strom, der Euphrat, symbolisiert den Vater, den die Liebe als der Heiland der Materie nahebrachte. (1. Mo. 2)

Geistig kamen aus den Strömen dann die Flüsse und bedeuten hier die Engelsfürsten und die ihnen nahe nachgeordneten Gruppen. Ihnen folgten dann die Kinderscharen, die Bächlein. Solang wir Menschen unsern Wanderweg zu gehen haben, wollen wir uns allesamt als einen Bach betrachten, auch wenn da einer mehr erkennt oder mehr zu sagen weiß. Es kommt alles einzig und allein aus jenem ‚schöpferischen Meer‘, dem Urquell alles Seins und Lebens.

Gott hat aus Seinem urgeheimen Wesen alles Leben ausgehaucht, bis zum kleinsten Rinnsal der Materie, vom Fall hervorgerufen. Aber Er nimmt alles wieder in Sich ein, ohne jemals das bewußte Leben Seiner Kinder aufzuheben. Vielleicht — wir werden es erst einst im Licht erfahren — hat der Schöpfer das Geheimnis wunderbar verhüllt und jetzt ein wenig offenbart.

Wir atmen Luft in unsere Lungen ein, sie verwandelt sich in uns; das Gute kommt ins Blut, der Rest wird ausgeatmet. Ebenso nimmt der Schöpfer all Sein ‚Gut‘ wieder in Sich ein. Bei Ihm gibt‘s nur das Gute, die Güte, das Wertsiegel Seiner Arbeit, wie es heißt: ‚Und siehe da, es — was Er schuf — war sehr gut‘ (1. Mo. 1, 31). So gehen umgekehrt die Bächlein in die Flüsse, diese in die Ströme, diese in das Meer der urgewaltigen Schöpfermacht.

Die großen Schiffe auf dem Euphrat besagen noch: Wer sich Seinem Schöpfer anvertraut und zu Ihm, dem Vater, kommt, kann mit allen seinen großen oder kleinen Lasten zu Ihm gehen. Sein Heilsgewässer trägt die Schiffe, unsere Lasten, freilich auch, und das sicher um so lieber, unsere Willigkeit, die Liebe, unsern Dienst, so gut wir es mit echter Willenskraft vermögen.

Skubatus denkt, er hätte dennoch recht mit seinem Bild, er, der kleine Bach. Es gibt breite Bäche, die man durchwaten oder nur mit einem Steg passieren muß. So sind wir auf der Welt die Bäche, die schmalen oder breiteren, letztere, die etwas lehren dürfen. Bach bleibt aber Bach, Kind bleibt Kind im Sinn der Offenbarung Gottes: was ist ER, was sind wir. Zufrieden?“

„Ich kann nicht widersprechen, du deutest zu genau. Gott als Meer bis herab zu uns, dem Rinnsal auf der Erde, und hier umgekehrt, das Rinnsal findet seinen Weg ins Meer, wenngleich von einem Fluß, dann von einem Strom zurückgetragen. Ach Joanus, wenn wir dich nicht hätten!“ Dazu gibt jeder gern sein ‚ja‘.

„So?“ fragt Johannes, „möchtet ihr nicht lieber sagen: wenn wir GOTT nicht hätten?“ Sagt plötzlich Horpha: „Trotzdem hat Skubatus recht. Gott stellte dich uns bei, damit wir Ihn erkennen lernten. Es ist Seine Gnade, weil du bei uns bist. Von vielem hast du uns befreit. Und so hast du uns das Heil, das Gnadenlicht aus deines — unseres Gottes Gnadenhand gebracht.“

„Seht an die Horpha!“ Sejananus reibt sich die Hände. „So ist es auch. Lasse dir gefallen, Joanus, daß wir dich verehren, womit selbst redend alle Ehre Gott allein gebührt. War ich auf den weiten Wassern, kam mir schon früher der Gedanke: der Mensch ist bloß den Tropfen gleich. Als ich später Gottes Wort empfing, war von da an Gott das Meer — vergleichsweise, meine ich.“

„Ihr hattet alle einen Lichtimpuls in euch“, sagt Johannes, „der war nur zugedeckt, teils durch die Weltgeburt. Doch er war da, ein Anteil eures Daseins vor der Welt. Den wird stets der Geist in uns bewahren, selbst wenn er einmal nicht zum Durchbruch kommt. Gott führt wundersame Wege; dabei ist das Licht aus euch hervorgebrochen, obgleich der HERR den Anstoß dazu gab. Einige durfte ich durch Seine Kraft berühren.

Ich wähle jetzt ein Gleichnis, wie Jesu meistens welche wählte. Und immer waren sie so lebensnah, daß Sein Wort begreiflich werden konnte. Ich sah ein Bild von Josua. Teils kennt ihr die Geschichte Israels, wie Mose es einst aus Ägypten führte, zurück zum Land des Patriarchen Abraham, selbst aber vor dem Einzug seinen Weg beendet hatte. Durch seine Treue, seine Liebe und viel Mühe, Tag für Tag, vierzig Jahre lang erfüllt, da durfte er den ‚hohen Einzug‘ halten in des Himmelsvaters Haus.

Josua führte Israel nach Kanaan. Als er den Mithilfsweg beendet hatte, sah ich, wie er mit sich unzufrieden war. ‚So wenig‘ konnte er Gott in die Hände legen. Er sah nur ein Körnlein oder zwei, eine arme Ähre. Diese ward alsbald zur ganzen Garbe, die er zur höchst eigenen Verwunderung in Händen hielt. (s. PHALA-EL-phala, 4. Teil).

Gott hält für jedes Kind in Seiner rechten Hand, was ‚zu Seinem Recht‘ bedeutet, ein Samenkorn bereit. Das bleibt stets Sein hohes Eigentum. In der linken Hand, nahe Seinem Herzen, liegt ein zweites Korn, dem Kind vermacht. Man kann es achtlos von sich werfen kann‘s in sich vermodern lassen, kann es auch ins Erdreich stecken. Das Erdreich ist da die Erkenntnis: Gutes tun und Böses meiden, so weit der Mensch es fertig bringt.

Wir brauchen nicht zu fragen, was wir als Heimbringgut dem Vater übergeben können. Wer sein eines Körnlein mit dem besten Willen um einige vermehrt, daraus macht der Schöpfer leichtlich eine Ähre, damit wir volle Seligkeit genießen. Seine großen Kinder haben jene Liebespflicht, für die Kleinen viel mit heimzubringen, nicht eben bloß für sich allein.

Gottes Korn in Seiner rechten Hand ist jener Segen, durch welchen jeder auch ein Samensträger werden kann. Das Schöpfungsfeld besät der Schöpfer; die Äcker, die als Sphären auszudeuten sind, hat Er Seinen lieben Großen anvertraut; die Gärtchen gehören uns, da kam sogar aus unserm Tun von einem Körnlein eine ganze Ähre werden. Das bedeutet wieder:

Macht unter Menschen keinen Unterschied, wenngleich einer etwas mehr zu geben weiß. Wir sind alle Gottes Kinder; und mehr bedarf es nicht. Weil ihr mich aus echter Liebe ehren wollt, vor allem in der Ehrfurcht vor dem Wort des Herrn, das ich bringen darf, so mag‘s in dieser Hinsicht gelten. Denn eine jede Arbeit ist wohl ihres Lohnes wert. Wer jedoch sich vorher seinen Lohn errechnet, der hat ihn ehestens verspielt, kehrt sehr bitterarm ins Licht zurück und hat vielleicht sogar sein eines Korn vertan. Dann muß er zur Erkenntnis kommen: ‚Ich habe mich verirrt!“

Der Duumvir steht auf, was man bei Gesprächen selten tut, er redet leicht vibrierend, seine Seele ist ganz aufgewühlt. „Joanus, was du heute lehrtest, ist ein Stück wahres Himmelsgut. Ich bekenne offen: Hätte man mir einstens mit solch Beispiel etwas sagen wollen, ich hätte gar nicht hingehört. Hirngespinste hätte ich‘s genannt.

Nun zeigen mir die Bilder tiefste Wahrheit an und ich verstehe warum der Heiland Seine Lehren in sie hüllte. Die Hohen hätten Ihn verstehen können; sie wollten nicht. Das Volk jedoch verstand, es erntete daraus den Segen Gottes.

Du gabst mir die ‚Predigt auf dem Berg‘ (Matt. K. 5-7) zu lesen. Erst hatte ich den Kopf geschüttelt, sie kam mir gar zu einfach vor. Beim zweiten Lesen merkte ich: nicht das Wort, der SINN ist zu beachten. Dieser war mir ja verborgen, bis ich nach und nach das Tiefere erkennen lernte. Anschließend daran hätte ich noch eine Frage.“

Die Nacht ist schon heraufgestiegen, in das Fenster blinken ein paar Sterne. Traulich ist‘s im Raum. „Frage“, nickt Johannes, „Nun“, beginnt Claretus, „meine Umkehr kommt mir wie ein Wunder vor, und was ich erfahren habe, vor allem, was der Heiland tat — Wunder über Wunder! Es wird unser Leben überhaupt ein Wunder sein. Aber ob so nach und nach der Herr vergessen wird? Ob die Menschen später nicht mehr an die Wunder glauben? Sie würden bitterarm, wenn das hehre Wirken unseres Herrn versiegt. Das bedrückt.“

„Mich auch.“ Johannes sieht ins dunkle Firmament hinauf. Ist die Zukunft ebenfalls so dunkel, die Welt bedeckend, daß man — — O ich Kleingläubiger! Wieviel Licht hat mir der Heiland hergeschenkt! Die Sterne, unermeßlich fern, sie leuchten uns, sind auch das Wort des Herrn! Nie versiegt die Güte, niemals die Barmherzigkeit, mit der Gott Sein Kindervolk bedenkt — im Himmel, auf der Erde, überall. Er zieht Claretus an das Fenster, dabei sagend:

„Schau, Gott hat die Sterne für uns angezündet. Wie ewig diese strahlen, so ewig sind die Wunder, die Gott uns angedeihen läßt. Es mag kommen, daß sich die Menschheit allgemein vom Licht und von der Wahrheit löst, an keine Wunder glaubt, an jene, die Gott wirklich tut. Man klammert sich dafür an anderes an, etwa manches brauchbar, läßt Gott es gnädig gelten. Allgemein wird ein Dunkel herrschen. Mein Freund, nicht dieses“, zeigt der Seher in den hohen Himmelsdom, „nein, die Seelenfinsternis, die Torheit, das ‚ohne Gott‘ ist der Weg in das Verderben.

Du meinst, der Mensch wird bitterarm, wenn das hehre Wundertun des Herrn verweht. Genau! Nur der Unterschied: Gottes Tun versiegt niemals! Er ruht und rastet nicht, sonst würde all Sein Werk, die Schöpfungen vergehn. Seine Macht und Kraft sind die Impulse alles Lebens. Jedes Seiner Werke ist in sich das LEBEN!

Wer Gott auf die Seite schiebt, Ihm den Rücken kehrt, für diese hört das Wunderwirken auf. So gemeint: sie öffnen ihre Hände nicht, sie schließen ihre Herzen zu; so geht der Segen aller Herrlichkeit für sie verloren. Nicht für Gott! Er kennt kein Verlieren, alles geht in Seine Hand zurück. Und wer weiß — ? Er kann ihn für die Armen aufbewahren, weil sie, zwar nach mühevollem Seelenweg, doch einmal ins Vaterhaus gelangen, als Heimfindlinge, wo sie ohne Seligkeit nicht leben könnten.

Wir wollen, wir dürfen nicht errechnen, ob ihre Seligkeit geringer ist als die der Wanderer, die die Heimkehrkinder sind. Nur der Vater sieht den Unterschied, den die Barmherzigkeit bedeckt, für den nächsten Schöpfungstag, den man den ‚Himmelssabbat‘ nennt oder so wie Mose schrieb: ‚Und Gott ruhte an diesem Tag von allen Seinen Werken, die Er machte‘ (1. Mo. 2, 2-3).“

Cronias sagt, bevor man auseinander geht: „Das war auch ein Teil vom Sabbattag, so viel Segen haben wir geerntet. Da wäre aber eine Frage, was am Sabbattag geschieht. Mir leuchtet ein, was uns Joanus verkündet hat: Gott ruht und rastet nie, die Schöpfung würde sonst vergehn. Was aber dann, wenn Gott an diesem siebenten Tag, von dem man keine Ahnung hat, dennoch ruht? Da komme ich nicht mit, dieses auszugleichen. Ob du noch etwas lehren willst?“ Bittend sieht der Hauptmann ihren Lehrer an, wie er Johannes oftmals nennt.

„Wir heben das für einen nächsten Abend auf. Es ergibt vielleicht ein längeres Gespräch und die Nacht neigt sich dem Ende zu.“ ‚Hm, unbescheiden“, zankt Cronias mit sich selbst. „Verzeih!“ „Es gibt nichts zu verzeihen. Hungernde soll man speisen, Dürstende tränken; bei der geistigen Kost ist ein Maß mitunter einzuhalten. Überdenkt erst alles, was ihr heute hörtet; das Weitere kann folgen — durch die Güte unseres lieben Herrn.“

Man wünscht sich gegenseitig eine gute Nacht.

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