20. Kapitel
Den Männern rinnt der Schweiß herab, und Wasser. Heftige Orkane toben. Längs der Küsten, an allen Seiten, rollen starke Brecher übers Land, viel verwüstend. Fischerkähne sind zerborsten und sogar die starken Ketten, mit denen die Cornelia verankert war, halten diesem Sturm nicht stand. Die Galeere wird am dritten Tag mit ein paar Männern abgetrieben.
„Joanus, kannst du nicht helfen? Ich meine — du weißt —“ Atemlos kommt Sejananus in den Turm. Johannes stand am Fenster, kalte Luft erfüllt den Raum. Langsam wendet er sich um. „Für uns ist‘s eine harte Probe; ich weiß nicht, — irgendwo muß das Toben einen Zweck erfüllen. Wer weiß, was damit verbunden war. Gott läßt uns nicht verderben.“
„Zwei Fischer kamen um, und die Cornelia — sechs Männer treiben mit ihr ab. Wir brauchen unser Schiff. Hier können wir kein neues bauen, und ob uns Rom ein anderes liefert — großes Fragezeichen!“ Sejananus starrt hinaus, Land und Wasser quirlen durcheinander. „Wir warten, lieber Freund“, sagt Johannes ruhig, obwohl sein Herz auch heftig pocht; nicht aus Angst, aus Sorge um die Menschen, die dem Verderben preisgegeben sind.
Niemand weiß es: Stefanus ist mit zwei Piraten längs der Küste südlich losgerannt. „Irgendwo muß die Cornelia sein. Hat sich ihr Bug ins Land gestemmt, können wir sie finden.“ Fast einen vollen Tag haben sie sich gegen diesen Sturm gestemmt, dazwischen breite Nebel schwaden, die die Sicht verwehren. Einer von den Männern fällt, sie sind übermüdet. Stefanus hilft ihm hoch. „Kommt, wir müssen weiter, ich geb‘ nicht auf! Es geht doch um uns alle!“ Sie stapfen vorwärts Schritt um Schritt.
Da, da — hinter einer nebeligen Regenwand sieht man einen großen Schatten. „Das Schiff, seht das Schiff!“ keucht Stefanus jubelnd, „unser Schiff!“ Als ob sie neue Kraft bekämen, jagen sie jetzt auf den Schatten zu. Der Bug der Galeere hängt in zwei ganz schmalen Streifen Land. Die Legionäre hatten Ketten, die noch vorhanden waren, an zwei Seiten festgemacht und versuchten, irgendwo am Land sie zu vertäuen. Noch war es ihnen nicht gelungen, als die drei Helfer eilig näherkommen.
Die neun Männer schaffen durch die ganze Nacht, oft verzweifelnd, trotzdem hier der Sturm nicht so gewaltig ist wie auf dem offenen Meer und am Standort ihres Hafens. „Er läßt nach“, meint einer, „wir müssen eine Weile warten. Hält die Verankerung, alsdann können wir zurück und später die Galeere holen.“
Erschöpft, sie haben schon zwei Tage nichts gegessen, bloß Regen tranken sie, als sie endlich wagen, zurückzugehen. Langsam kommen sie voran, sie müssen über viel Geröll hinweg, über aufgerissene Schründe. Es ist später Abend, als sie dem Kapitän und Cronias es melden, die Cornelia sei geborgen.
„Wir machten uns um euch viel Sorge, auch um Stefanus. Joanus war traurig; wir wissen bloß nicht ganz genau, warum. Wieder sah er es voraus, das ‚was‘ kommt. Wir hatten ein so herrliches Gespräch und mir lag viel daran“, sagt Cronias, „über meine Frage aufgeklärt zu werden (S. 222, 6). Und was sagte Joanus? ‚Wir heben es für einen nächsten Abend auf.‘ Mitunter ist‘s nicht leicht, Gottes Walten zu verstehen.“ „Es waltet immer gut“, flüstert Stefanus. Dabei fallen ihm die Augen zu.
„Kommt in die Taverne“, fordert Cronias die Männer auf, während andere Stefanus auf ein paar Felle legen. „Ihr müßt essen, nicht gleich viel“, mahnt er, „damit ihr keinen Schaden leidet.“ Er gibt dem Wirt Bescheid, was zu bringen ist. Sejananus eilt indessen zu Johannes. „Gerettet“, ruft er schon die Stiege hoch. „Ich sah neun Männer kommen; wer war noch dabei?“ „Unser Junge!“ Außer sich vor Freude ist der alte Kapitän. „Und zwei frühere Piraten.“
„Der Sturm hat ausgetobt. Ich habe unserm lieben Herrn gedankt, ER hat geholfen. Wie ich vernahm, waren die zwei Fischer nicht zu retten, obwohl andere es versuchten. Wir stehen den Familien bei.“ Ein tiefes Sinnen und dann: „Immer wieder fordert die Materie den Tribut. Das aber ist das Köstlichste von allen Gaben, die uns Gott beschert, jenes gute Wissen: Ihm geht kein Kind verloren und der Tod erlöst uns allesamt.“
‚Hm‘, denkt Sejananus, ‚ist schon so; doch als Mensch hängt man am Leben. Wer es so verlieren muß wie unsre braven Fischer —’ Der Gedankengang wird unterbrochen. „Ich gehe, man muß die armen Leute trösten und prüfen, was sie brauchen.“ „Gehe nicht allein, noch fegen Böen über uns hinweg.“ „Ich nehme mir Scubatus mit, dir zur Beruhigung.“ Ein kleines Lächeln.
Es kostet Wochen voller Mühe, bis wieder Ordnung herrscht. Sehr schwierig war, die beschädigte Cornelia in den Hafen einzuschleusen. Endlich, man atmet auf — kann man sich versammeln. Johannes hatte tags zuvor die Turmgemeinde aufgerufen, und alle kamen. Getröstet und gestärkt war jeder wieder heimgekehrt.
Die Freunde sind beisammen. Johannes sagt zu Stefanus: „Du warst tapfer und hast Gott vertraut. Was dachtest du denn auf dem Weg?“ „Weiß ich gar nicht mehr genau“, erwidert dieser, „nur das: Lieber Heiland Jesu hilf! Die Anstrengungen löschten oft das Denken aus. Für Gottes Hilfe will ich immer innig danken.“
„Wir alle“, sagt Claretus. „Jetzt das Schönste wieder: die Lehre Jesu! Nach der Mühe mag sich heute für uns Gottes Himmel öffnen.“ „Darauf freu‘ ich mich“, bestätigt Cronias. „Wenn du willst, lieber Joanus, dann möchte ich gern über jenes ‚rasten und doch ewig tun‘ die Aufklärung erhalten.“ Alle wünschen es. Man hatte sich gefragt, ob und wie das auszugleichen wäre.
„Es gibt viele unklärbare Dinge“, fängt Johannes an. Freundlich sind Gesicht und Sprache. „Man hängt sich mehr ans Wort und vergißt den Sinn, der zu ergründen wäre. Nun, bei GOTTES eigenen heiligen Dingen mag ja unser Wissen und Verstand versagen, nicht aber unser Geist. Bis an Seine verschlossene Werkstattpforte kann man kommen, und seid gewiß — so viel Strahlen dringen doch heraus, um uns mit Erkenntnis anzufüllen. Das genügt, um den Weg zu wandeln, der zum lichterfüllten Ende führt.
Wir betrachten nun das Wort, von Mose überliefert (S. 222, 5) Wenn wir an die Ruhe denken, legen wir die Arbeit nieder. Selbst redend braucht der Mensch, weil vergänglich, täglich eine Pause, eben ein Nichts-tun. Überlegt euch, was da ruht. Gewiß, die Hände, auch die Füße. Das Leben, von GOTT erhalten, ist dabei nicht ausgeschaltet, weder die Gedanken, nicht das Herz, noch unsere Lunge, nichts, was unsern Leib erhält.
Rastet denn da eigentlich der Mensch, auch wenn er es nicht voll verspürt? Der Puls geht weiter, steht nicht still. Ja, man prüft, ob eine Arbeit gut gelungen ist, denkt ans Nächste, was auszuführen wäre. Es ruht also bloß das Äußere; das Innere geht unentwegt und pausenlos voran. Jemand, der gern tätig ist, wird sich in der Ruhe überlegen, wie er den nächsten Tag in Angriff nehmen muß, bedenkt den Fortgang und das Ziel.“
„Darf ich unterbrechen?“ fragt Zenturio Hermius. „Aber ja.“ „Ich wollte sagen, mir ist ein Lichtlein aufgegangen, wenn ich‘s auch nicht ganz verstehe. Der Vergleich mit uns — ja, der leuchtet ein und hast es wieder fein erklärt, Joanus. Das Leben ist ein rastlos Ding; und so vielleicht — bloß eben unverstanden – wird es bei dem Schöpfer sein.
Ob Er freilich Seine Hände, Seine Füße nicht bewegt, wenn Er von den Tagen Seiner Arbeit ruht, möchte ich bezweifeln nach allem, was ich bisher von Ihm erkennen durfte. Bloß das ‚wie‘, das ist mir schleierhaft.“ „Dir nicht allein“, sagt Stefanus, „sicher aber ist es gut und wahr, daß wir in dieser Hinsicht vor der Werkstatt Gottes stehn; denn aus Seinem Ruhen kommt für uns Kinder neue Seligkeit heraus. Das stimmt gewiß.
Sagt Horphea, die mit einigen Familien mit im Kreise sitzt: „Nie getraute ich es mir, bis an diese Türe vorzudringen; man wird sie wohl auch gar nicht finden.“ „Genauso dachte ich“, fällt Claretus ein. „Wir können viel erforschen, nicht aber GOTT in aller Seiner Herrlichkeit, in Seinem insgeheimen Wesen, aus dem für alle kommt, was jedermann zum Besten dient.“
„Der Herr hat große Freude über euch“, lobt Johannes. „Ihr habt das, was einst euer Dasein, euer Leben, euere Ansicht war, völlig überwunden. Eure Herzen sind ein Feld geworden, in das GOTT Seinen Samen senkte. Nun ist er aufgegangen, er zeigt bereits viel gute Frucht. Hm, kein Lob, meine Freunde, es ist eben das, was euch der Herr zu wissen tut.
Die Werkstatt Gottes ist nicht zu betreten. Erkennen wir, was Er schaft, dann ist es so, als ob wir wie aus einer Ferne jene Türe sehen dürfen. Doch die andere, von der der Heiland sprach: ‚Ich bin die Tür; so jemand durch Mich eingeht, der wird selig werden, wird ein- und ausgehen und wird Weide finden‘ (Joh. 10, 9), die steht uns offen. Das lege ich hernach noch aus. Erst kommen wir zurück zu dem ‚rasten und doch ewig tun‘.
Bei kleinem wissen wir, der Schöpfer ist der Tat-Impuls, was Sein Tun bedeutet. ‚Er ruhte‘ — übersah die vergangenen Schöpfungstage Seines Tat-UR-Jahres. In diese Ruhe bettet Er Sein Kindervolk. Das können wir nie voll erfassen; mehr nur ein Gefühl ist möglich, daß jeder Kindgeist eine Ruhe braucht, ähnlich der des Menschen nach vollbrachtem Tagewerk.
Jene, die beim Fall des Erstlings treu geblieben waren, hatten ihr ‚immer-bei-Gott-sein‘ geopfert. Sie helfen mit, daß die arme Tochter samt dem Anhang ihren Heimweg findet. O, ‚sie bücken sich, so lange sie im Felde stehn‘, um zu des Vaters Freude jede kleine Ähre, jedes Körnlein heimzutragen. (s. Sankt Sanktuarium S. 30).
Das ist jene mühevolle Arbeit, die man selbst nicht voll erkennt. Beispiel: Die Arbeit der vergangenen Wochen forderten den vollsten Einsatz eurer körperlichen Kräfte. Dabei überstrahlte dennoch der Gedanke ‚helfen‘ alle schwere Mühe, habt sie also nicht genau gespürt. Hernach war die Ruhe bitter nötig.
So, aber unermeßlich höher ist‘s, wenn die Schöpfungsnacht den sechsten Arbeitstag beschließt, wenn der Sabbat auf der Morgenröte Flügel kommt. Gottes Rasten ist kein Niederlegen Seiner Arbeit. Die Treuen ernten ihren Lohn, die Wunden der Gestürzten werden ausgeheilt. Die Lasten der Materie überglänzt des Vaters Willensherrlichkeit.
Ihr denkt noch an die Mühe. Könnt ihr sie noch fühlen? Nein, ihr wißt bloß, wie es war.“ „O ja“, sagt Sejananus, „während all der schweren Wochen hab‘ ich oft geseufzt, der Rücken tat mir weh und die Arme fielen mir herab. Heute — gar nichts spüre ich davon.“
„Der heilserfüllte Sabbattag bringt nebst Ruhe weiteres Dienen“, lehrt Johannes, „denn Gottes Schöpferwille wandert durch das Feld der Tat (Tat-UR-Jahr). Sein Rasten ist der Rückblick auf Vergangenes und wird Sein Jubel unermeßlich sein, in der Innenschau der jahrmillionen Werke! Die Gedankenfülle formt das Weitere, unaufhörlich durch die vier Ströme Seiner heiligen UR-Ewigkeit!
Zu unsrer Feierfreude hat Gott diese Zukunft zugedeckt. Am Morgen der Barmherzigkeit lüftet Er die Decke, die Sein ‚Wirken im voraus‘ verbarg. Ein Bild: Am Tage vor der Taufe hatte Stefanus sich überlegt, was am andern Tag wohl werden würde. An etwas Schönes hatte er geglaubt. Allein an was? In der Nacht beseligte ihn ein Traum, beim Erwachen wußte er nicht viel davon; bloß das Glücksempfinden war vorhanden. Also wird es uns ergehen. Die Nacht zwischen beiden Tagen, dem der Liebe und Barmherzigkeit, wird uns geistig segnen. Am Morgen aber werden wir beseligt harren, was der Vater uns an Seinem und an unserm Sabbattag beschert. Das genüge jetzt und wir wollen lernen, nicht vorauszugreifen. Wie GOTT es führt, ist es allzeit wohlgetan.“
Ein Fischer hebt bescheiden eine Hand. „Rede!“ fordert Sejananus auf. Jener stottert, bis Johannes dessen Hände nimmt. „Hast du vor mir Angst?“ „Nein, nur unsere Römer sind so geistig weit, von dir, unserm Lehrer, ganz zu schweigen, während . . .“ „. . . du nicht niedriger stehst als wir“, beruhigt Cronias ihn.
„Vor Gott gibt‘s keinen Unterschied, so man sich bemüht, so gut als möglich Seine Lehren aufzunehmen, Ihn zu lieben und — wie wir auf der Erde es vermögen — den Bedürftigen zu helfen. Du wolltest deine Kameraden retten, was höher steht als irgend welches Wissen und Erkennen. Nicht wahr, Joanus?“ „Ja, das gilt! Und nun sprich, Pharot, wir hören gerne zu.“
„Du warst traurig, ich spürte es. Einmal hast du uns erzählt, wie der Herr das Meer beruhigte. Mir kam in den Sinn, du hättest gern den Sturm gestillt. Ich meine, du hättest es gekonnt; denn einer, der so nahe bei dem Heiland war und Ihn gewiß am besten kannte, dem wäre möglich, das in JESU Namen auch zu tun. Warum es nicht geschah — wer weiß denn das?“
„Sollte wohl so sein“, sagt Scubatus. „Joanus sollte eben nicht in Gottes Werkhand fallen. Wir ergründen nie, weshalb Gottes Walten unterschiedlich ist. Unter uns Sein Jünger, der bei Menschenstürmen und Naturgewalten helfen kann; und dann wieder so, als ob Gottes Güte abgeschnitten sei.“ Beklommen sieht man auf Johannes, dessen Antlitz große Trauer zeigt.
„Ihr habt recht. Nicht alles kann ich euch jetzt künden; nur das: ich sah schwere Bilder und der Sturm war wie ein Spiegel, was sich einstens auf die Welt ergießt. Die letzten Menschen werden sich ihr Leiden selbst heraufbeschwören. Da mag es Gottes letzte Gnade sein, wenn all dies Weh nur bis zum Himmel steigt (OJ. 14, 20).“ Die Zeit ist dafür noch nicht da, des Jüngers Freundlichkeit bricht wieder durch. „Ich will nun erst von jener Tür sprechen, die immer für uns offen steht.
‚ICH bin die Tür!‘ Ein Gnadenwort. Die Oberen des Tempels hatten unsern Herrn verlacht. ‚Bist du aus Holz?‘ fragte einer garstig. ‚Keine Antwort mag für dich einmal ein Segen sein, wenn — —‘ Jesu wandte Sich dem Volke zu. O, man kann ja fragen, was dieses Wort bedeuten soll. Wie meist, war es ein wunderbares Gleichnis. ER, der Sich als GOTT für uns geopfert hat, ist die Opfer-Pforte, durch die jeder in das Vaterhaus zurückgelangen kann.
Solang einer nicht das Opfer anerkennt, jene Unschuldigen ausgenommen, die eben Gott nicht kennen, bleibt des Lichtes Türe für sie zugeschlossen. Das hat der Herr gemeint. Das ungelehrte Volk hatte sich um Ihn gedrängt; wir mußten für Ihn eine Gasse schaffen, Er wollte weitergehen. Doch wie gerne ließ Er Sich von all den Armen halten; liebreich hat Er sie gesegnet.
Glaubt es, Freunde, wohl unsichtbar, ist der Heiland doch bei uns. Wir durften Ihn erleben (S. 183, 6-185, 4). Er kommt zu allen, die Ihn empfangen, auch zu denen, die Ihn nötig haben. Stets ist Er für jedermann die Pforte; Seine Liebe, Güte, Gnade und Barmherzigkeit sind unser ‚Hephatha‘!
Für die argen Oberen, die Spötter, ist die Tür verriegelt. Ob für immer, sei dahingestellt. Er sagte ja: ‚So jemand durch MICH eingeht‘, wer es tut, ‚der wird selig werden und ein und ausgehen und wird Weide finden‘. Ein- und ausgehen bedeutet jene Freiheit, die in Gottes Willen steht. Denn wer selig ist, wird nie wieder von Ihm weichen. Das habt ihr gut verstanden. Aber wer noch eine Frage hat, so nutzen wir die Zeit.“
„Fragen gäbe es genug“, meldet sich Claretus. „Bei mir mangelt noch so viel. Du lehrtest uns, auch Unverstandenes zu glauben, bis der Geist uns helle macht. Nun das: ‚Machet euch Freunde mit dem ungerechten Mammon‘ (Luk. 16, 9). Einmal hast du es erwähnt. Etwa bin ich nicht der einzige, der diese Nuß nicht knackt.“ Sagt Cronias: „Bei unserm Heiland gibt es viele Nüsse, die wir Menschlein aus uns selbst nicht knacken können. Bin begierig, wie sich dieses Rätsel löst. Den Mammon hat der Herr doch nie geliebt.“
„Es war manchmal eigenartig“, beginnt Johannes. „Zumal anfangs, als wir Ihm folgten, türmten sich die Rätsel für uns auf. Einmal heilig, beinah unnahbar, dann wieder völlig wie ein Mensch, in der Lehre und im Tun. Erst später wurde uns bewußt, was dieser Hinweis zu bedeuten hatte. Er fügte ja hinzu: ‚. . . auf daß, wenn ihr nun darbt, sie euch aufnehmen in die ewige Hütte.‘
Seht an, wenn ein Reicher an die Armen denkt, dann können diese, gehen sie im Glauben heim, des Lichtes Hütte öffnen. Denkt zwar ein Reicher an die Armen, nicht an Gott, ob wissend oder nicht, für den breiten dann die Armen ihre Hände bittend aus und flehen: ‚Vater, hilf und segne ihn, er hat uns auf der Welt geholfen!‘ Das ist das ‚Aufnehmen in die ewige Hütte‘.
Das bleibt lange unverstanden. Der Mensch greift nicht gern hoch noch tief, ihm ist sein Schlängelpfädlein recht, auf dem er ohne Last gemächlich vorwärts trollt, fraglos: was kommt einst? Öffnet man das Herz, dann gibt Gott die Antwort, wie Er sprach:
‚Suchet in der Schrift; denn ihr meinet,
ihr habt das ewige Leben darin;
und sie ist‘s, die von MIR zeuget.‘ (Joh. 5, 39)
Dabei denkt man an die Rollen, die im Tempel liegen. O, überkäme daraus uns das ewige Leben, das der Herr gemeint? Aus den Rollen nicht, die allein den Buchstaben krönen, bloß nicht den Geist, der das Leben ist und gibt!
Dennoch zeugt auch diese Schrift von Gott. Wer des Geistes Stimme walten läßt, wird das ‚Mammon‘-Wort verstehen. Ihr Römer habt mit euerem Vermögen oft geholfen und Cornelius hinterließ sein Hab und Gut den Armen, den Verfolgten. Er besitzt freilich seine eigene ewige Hütte und nimmt auf, wen der Vater zu ihm führen läßt.“
Hermius seufzt sehr tief und Stefanus tut‘s ihm nach. „Wer kann das erreichen? Ich niemals!“ „Meinst du, Hermius?“ fragt Johannes. „Wir brauchen das noch nicht zu wissen; eines aber ist gewiß: Wer glauben kann, wer Gutes tut, letzteren Falles sogar jene mit, die nie vom Heiland etwas hörten, der geht in die ‚ewige Hütte‘ ein, auch wenn einer lang im Jenseits wandern muß.
Tun sich uns die Augen auf, über unsere eigene Unzulänglichkeit, und wir können diese überwinden, das hilft, unsere Himmelsleiter hochzuklimmen. Mögen zwar die unteren Stufen mager sein, wird uns doch die Freude überkommen: wieder eine Schlacke abgebrannt — durch Gottes Güte und Sein Opfer, für uns getan.
Laßt also nicht die Köpfe hängen, liebe Freunde, gebt euch euerem Vater hin. Ich wie ihr muß vorwärtsstreben, alles überwinden, bis man sich dem Willen Gottes fügt. Ob wir wie Cornelius sofort eine eigene Himmelshütte haben oder nicht, mindert nie die Seligkeit, die auf uns wartet.“ (Hütte: Obhut, Behütung, Stiftshütte)
Heute sind zwei Legionäre mit dabei, die sich damals auf die Insel schmuggelten und seither die Nähe des Johannes suchten. Gern ließ er sie gewähren, hielt sich aber noch zurück. Beide noch so rauhe Burschen und dann plötzlich — es war ein Greis, den sie niederstechen wollten. Der stand aufrecht da, hob die Hände und sah sie an. Weiter nichts.
Sein Blick traf sie mitten in ihr finsteres Gemüt. Ihre Waffen sanken nieder und der Alte sprach: ‚Ihr findet einen andern Weg!‘ Sie konnten fortan nicht mehr fechten. Man sah sie schon verächtlich an und sie mußten fliehen, einige von ihnen mit. Denn sonst — das Feldgericht wäre über sie gekommen.
Einer sieht bittend auf Johannes. „Was hast du auf dem Herzen?“ „Ich weiß nicht, ob ich‘s richtig äußern kann. Habe viel von dir gehört, was du gepredigt hast und war mir alles neu. Manchmal wurde mir ganz warm ums Herz, wenn ich deine Stimme hörte. Du und meine Vorgesetzten“, er meint Cronias und die Hohen, „habt euch einem mir früher unbekannten Gott ergeben.
Aber ich — o weh! Nie werde ich zu eurem Gott gelangen, höchstens daß Er mich verdammt. Es wäre dann zwar aus mit mir; aber wie? Ich habe mich noch nie gefürchtet, in keiner Nacht, in keiner Schlacht und Gefahren waren mir ganz recht. Jetzt überkommt mich manchmal eine Furcht, was einmal aus mir werden wird, wenn — wenn es dieses Jenseits gibt und — und eine Abrechnung.“
„Sector, diese Furcht ist der Anfang eines neuen Lebens. Jeder braucht die Furcht, um zu erwachen. Angst brauchen wir vor Gott, dem Vater, nicht zu haben; Angst verzehrt die Seelenkraft. Furcht ist der Vorraum vor der Ehrfurcht! Du hattest dich gewundert, weil ich dich und deine Kameraden selten angesprochen habe; das darum: ihr solltet euch ob euerer früheren Argheit selber wenden. Jeder Mensch braucht sein eigenes ‚Kehre-um‘!
Nun habt ihr euch gewendet und die andern warten in der Klause. Du kannst ihnen dann das Lichtlein bringen, es ist nicht mehr allzu klein. Der Herr hat Seine Hände ausgestreckt und eure winzigkleine Flamme angehaucht, damit sie nicht erstürbe. Sage deinen Kameraden: ‚Kommt und folgt dem Heiland nach, auch wir sind Gottes Kinder!‘ Er hat zwar lang auf euch gewartet, bloß nicht so, daß ER abseits stand und dachte: ‚Sie müssen kommen!‘
Das natürlich auch. Wie könnten wir Ihn finden, wenn wir nicht die Sehnsucht haben: ‚Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehn?‘ (Luk. 15, 18-20). Es sei euch erklärt. Der Sohn bedeutet alle, die wie ihr und viele andere mit Absicht Böses taten, wenn auch durch Lebensumstände teils auf einen argen Weg gedrängt. Doch jeder Mensch besitzt die Stimme des Gewissens. Ihr kanntet sie, habt sie aber immer unterdrückt.
In jenem Greis begegnete euch Gott! Ihr habt seine Worte nicht vergessen, jene unverstandene Verheißung: ‚Als der Sohn noch ferne war, machte sich der VATER auf und ging ihm entgegen.‘ Noch könnt ihr davon das Tiefste nicht verstehen, das aber wohl: Gottes Hilfe brachte euch hierher, zum ‚Ort des Herrn‘.
Nun kennt ihr Seine Lehre, habt ja heimlich zugehört, wenn ich zur Gemeinde sprach. Ihr hieltet euch versteckt, ich wußte es, und Gott sprach zu mir: ‚Die Schäflein haben schon den Stall gefunden, nur die Türe kennen sie noch nicht.‘ Jetzt steht die Türe für euch offen und ihr seid Gottes Eigentum.“
„Wir — ? o Joanus, unmöglich!“ Cretios ruft es aus. „Du bist dem Cäsar gleich, ich dem letzten Legionär.“ „Nehmen wir dein Bild zu Hilfe, dann wäre GOTT der Cäsar, wir alle Seine Truppe.“ „Da gibt es aber Oberste und Unterste“, entgegnet Sector. „Ich hörte einmal, daß vor Jahren ein Cyrenius mit regierte; ein alter Offizier konnte sich auf ihn besinnen. Denke also, daß du bei Gott soetwas bist, einer von den Obersten.“
„So bei kleinem hast du recht“, erwidert Sejananus, „ich meine nicht von dieser Welt, lediglich vom Reich, das wir kennen lernen werden — nach der Welt.“ Horpha wagt zu sagen: „Es wird gewißlich stimmen; doch soweit ich unsern lieben Lehrer kenne, wird er dies verneinen. Er liebt Hervorgehobenes nicht.“
Johannes legt eine Hand auf ihren Arm. „Ihr dachtet euch das Gute aus, Horpha sich das Beste. Ihr wisset, es gibt Engelsfürsten, die zuerst aus Gottes Machtfülle, aus Seiner Schöpfer-Herrlichkeit zum Leben kamen. Fragt ihr diese, was sie sind, dann erwidern sie: ‚Des Vaters Kinder!‘ So bleibe es auch unter uns bestehen; denn über jeden wirken Gottes Vaterhände.“
Sector hebt fahrig beide Hände hoch. „Du hast Gottes Wesenheit erklärt und wie Er zu erkennen sei, ähnlich wie wir Menschen. Hat Er ebenfalls zwei Hände, wie mag Er denn die ganze Schöpfung führen, und jedes kleine Menschenkind dazu? Das begreife ich niemals!“ „Du wirst‘s begreifen lernen“, sagt Johannes. „Die uns älteste bekannte Niederschrift über Gottes anschaubares Wesen lautet: ‚Er schuf den Menschen IHM zum Bilde; zum Bilde Gottes schuf Er ihn‘ (1. Mo. 1, 27), ‚beide, einen Mann und ein Weib.‘ Also hat der Schöpfer auch zwei Hände, mit denen Er erschafft, erhält, trägt und leitet, ganz nach Seinem schöpferischen Wohlgefallen. Aber das:
Eine Sonne zu erschaffen, läßt Er große Kraft durch Seine Hände gehn; für ein Kindgeschöpf nimmt Er Seinen väterlichen Segen, um es durch Sein Schöpfertum an Sich zu binden — in Barmherzigkeit. Nun bedenket noch ein Gras, ein winziges Insekt. Da ist die Macht zart abgestimmt, da weht aus Seinem ATMA bloß der feinste Hauch, um auch diese kleinen Werke zu gestalten, zu erhalten, eben zur Vollendung ihrer selbst zu bringen.
Ihr habt während des vergangenen Sturmes mit den starken Kräften schaffen müssen; doch beim täglichen Gebrauch wendet ihr die Hände ganz verschieden an. Wollt ihr eine Frucht vom Baume nehmen oder auch ein Blümlein pflücken, da haltet ihr die starke Kraft zurück, sonst verderbt ihr mehr, als ihr gewinnt. Bildlich so: Für jedes Ding, ob groß, ob klein, hat Gott zwei Hände, wie wir auch. Seine Hände wirken immer unterschiedlich. Verstanden, lieber Sector?“
„Insoweit, ja“, bestätigt dieser, „doch das Eigentliche, das pur Göttliche, ist nie gänzlich zu erfassen. Es sind wie man so sagt — doch Wunder, die uns Menschen unverständlich bleiben. Schon das Gras, das du erwähntest, ist ein solches. Man kann es schneiden so oft man will, es wächst immer wieder nach wer weiß wie oft. Aber erst am nächtlichen Gezelt die Sterne! Niemand sieht, wo sie irgend ange bunden wären. Vielleicht sind es bloß kleine Lichterfunken und da könnte man verstehen, daß sie wie ein Käfer schwirren, das auch nicht ‘runterfällt und hat so winzige Flügel, man sieht sie kaum. Aber wie das bei den Sternen ist — ?“
„Du dachtest“, lächelt Gottes Seher, „ob sie gleichfalls Flügel hätten und deshalb frei im Raume schweben könnten. Solche Flügel wie ein fleißiges Insekt hat keine Sonne, keine Welt, kein Stern. Dennoch dürfte man an solche denken. In den Psaltern König Davids werden diese oft erwähnt. Ich nenne eine Stelle: ‚Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer‘, mit dem wunderbaren Zusatz: ‚. . . so würde mich doch daselbst Deine Hand führen und Deine Rechte mich halten (Ps. 139, 9-10).
Flügel der Morgenröte — das Vorwärtsstreben nach dem Anfang eines neuen Lebens oder neuerer Erkenntnis. Lassen wir dieselbe walten, gehen wir ihr nach, dann fliegt unser Geist, von GOTT gegeben, in die Höhe, dann sind wir frei vom ‚äußersten Meer‘, was im Symbol bedeutet, wir haben uns von unserm weltlichen Ich befreit, was uns von Gottes Licht und Liebe trennt.
Fern von IHM sind wir wie ein WURM, der bloß kriechen kann; mit IHM ist die Welt zu überwinden. So, Sector, können wir die Sterne, jene Lichtgebilde, auch betrachten. Unsere Welt, ihr wißt es nicht, schwebt wie ein Stern im Firmament; und alle diese ‚Flügel‘ sind die Macht des Schöpfers, der Sein Wunderwerk erhält und trägt.
Bei des ‚Morgenrötes Flügel‘ wird Gottes ‚Hand‘ und ‚Rechte‘ mit erwähnt, was bestätigt, daß Seine Hände unseres Lebens Halt und Segen sind. Man muß im Geistigen die Wirklichkeit, in dieser Gottes Geist erkennen, der uns aus Seinen Werken immer überkommt. Symbole, Hermius, weil du so denkst, sind nichts Abstraktes; sie geben uns die Möglichkeit, das rein Göttliche zu erkennen.
Nun gehen wir zur Ruhe, wieder geht die Nacht vorbei. Wir haben in den nächsten Tagen viel zu tun, mit Schiffbrüchigen. Laßt diese wieder ziehen, sobald ihr Schiff in Ordnung ist. Sie kommen von weit her und sind uns wesensfremd, sind aber brave Menschen.“
„Gut, wenn man das weiß“, sagt Claretus, „man verfährt zu leicht oft falsch.“ „Gewiß; doch ihr fühlt es schon, wie zu handeln ist, freundlich, auch mal streng, aber ohne Härte.“ „Hm“, brummt Cronias, „von dir gelernt.“ „Von GOTTES Lehre!“
Nach wenigen Tagen fischt man die Gestrandeten auf, teils noch auf dem halb zerborstenen Schiff, teils auf Planken angeklammert, dem Tode nah. Ihre Sprache kennt man nicht, obwohl Sejananus und Claretus, weit umher gekommen, manches Volk und deren Sprache kennen, mindestens insoweit, um sich zu verständigen. Hier muß die Zeichensprache helfen, und es geht ganz gut.
Die Zeit enteilt, angefüllt mit vielem gutem Menschenwerk, das gesegnet ist; denn wo man seinen Nächsten hilft, daselbst wirkt
‚Gottes Hand und Seine Rechte‘.
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