21. Kapitel
Johannes kränkelt lange Zeit. Weniger drückt des Leibes Last, als mehr das Gemüt. Bilder, die er einmal niederschreiben soll, ziehn wie dunkle Schemen innerlich an ihm vorbei. Stilles Seufzen. „Herr, o Herr, muß einst die arme Menschheit all das über sich ergehen lassen? Kannst Du, als liebster Heiland, nicht . . .“ „. . . das Leid in die Barmherzigkeit versenken?“
Nicht nur Gottes Stimme, Er Selber steht im Turmgemach, am Lager Seines Jüngers. „Herr!“ Der Mensch fährt in die Höhe, sinkt auf die Knie, hebt beide Hände und birgt sein Haupt an Gottes Brust. Bloß dies eine Wort; allein welche Sehnsucht, welche Inbrunst liegt in diesem einen Schrei.
„Setze dich“, sagt Gott gütig, wie Er als Heiland stets zu Armen und zu Kindern sprach, „und höre zu.“ Zitternd setzt Johannes sich auf einen Stuhl, Gott gegenüber. „Du hast zwar aus der Liebe und Erbarmung recht, bittend beide Hände hochzuheben, denkst an alle Qual, die einst die Welt durchtoben wird. Denkst du auch an all die Sünden, an die Schlechtigkeit, an das, was man gegen Mich, Meinen Geist, Meine Mühe tut, beinah an das Menschenvolk vergeudet?! Oder meinst du, daß es Meiner Liebe Strafe sei, wo es nichts zu strafen gäbe, um die abgeirrten Kinder zu erziehen?!“
„Ich weiß es nicht, bis auf das eine: Du tust allezeit gerecht nach Deiner Weisheit, auch wenn der Mensch sie nicht erkennt.“ „Du auch nicht, einer Meiner Jünger auf der Welt?“ So ernst gefragt, es drückt und macht Johannes dennoch selig: ‚Der Herr spricht mit mir.‘
„Du hast mich mit Deinem Gnadengeist erfüllt und weiß ich wohl, wie wunderbar Dein Wirken ist. Dazu Deine Mühe! Die wiegt niemand aus! Etwa kommt da nur ein Teilchen auf die Dunkelheit der Seelen, der verirrten Menschen, für die das Nicht-erkennen galt. Du zeigst den Schrecken an wie einstens den Propheten, sogar noch mehr, und ich sehe, wie die Menschheit immer mehr verdirbt. O Herr, nimm das Argste weg, Deine herzliche Barmherzigkeit möge sich erbarmen über die Verwirrten und Verlorenen. Denn sieh, o Herr, die Materie ist der finstere Seelenkerker; wie mögen sie denn sehen lernen, die in ihm gefangen sind?“
„Wer hat sie gefangen? Wer wird den Künftigen heißen, ärger noch zu sein als zu Sodom und zu Ninive?“ Johannes klammert schluchzend sich ans heilige Gewand. „Du brauchst Mir nichts zu sagen“, tröstet Gott, sanft streicht Seine Hand über das gebeugte Haupt, bis des Jüngers Tränenstrom versiegt.
„Dir wird bitter schwer zu sehen, doch dein Geist ist groß, deine Seele stark; und wenn dich auch die Bilderlast darniederwirft — bis zuletzt wirst du Mein treuer Seher sein. Nimm die Last der Schau auf dich und denke dran: ICH trug die Kreuzeslast für die Materie, für die Vergangenen, die Heutigen, die Kommenden. Die Zukunft selber ist nicht arg; denn was Zeit bedeutet, ist ein Anteil Meiner Herrlichkeit. Bloß was der Abfall in ihr tut, das ist jenes ‚Ungut der Materie‘. Es liegt am Menschen, ob er sich dem Ungut oder ‚Meinem Gut des Lebens‘ beugt.
Ich erwähnte Ninive. Weißt du, was da war?“ „Nicht genau, Vater, deute es mir bitte aus. Man sprach von des Jona Ungehorsam, doch ich mochte es nicht glauben.“ „Du tatest daran recht, in Hinsicht, weil du die Hände hobst, Mich umzustimmen. Mit dem Unterschied: du möchtest, das Gericht fiele einstens nicht hernieder, während Jona murrte, weil es nicht geschah.
Ich sandte Jona immer wieder in die wilde Stadt, das Gericht zu predigen, zu warnen und — zu rufen. Diese Leute hörten Meine Stimme an und wandten sich von ihrer Bosheit ab. Das ist Meine Güte, die zu allen Zeiten hilft und heilt, selbst wenn es eine halbe Umkehr gibt. Jona wurde jedesmal verspottet, wenn er wiederkam, wenn die Niniveer lau geworden waren. Und zuletzt erbarmte Ich Mich des Propheten und der Stadt (Jona 4, 11).
So erbarme Ich Mich einst auch über jene letzten argen Menschen, gerade, weil das Gericht geschehen wird. Mein Schöpferfeuer! Sage nicht: das Feuer brennt und schmerzt. Mehr als alles andere aus Meiner Wesenheit heut Mein Feuer! Unverstanden, Ich weiß es besser als der Mensch, als auch du.
Willst du weiterhin die Hände bittend heben: ‚O Herr, lasse das Gericht vorübergehen wie einst zu Ninive?‘! Willst du Meines Feuers Glut als Balsam dämmen? ICH schlage keine Wunden, des sei gemerkt! Nicht ICH bringe das Gericht! Nicht die ausgesandten Engel gießen ihre Zornesschalen aus, ob mit ob ohne Meinen Willen — vom Gerichtssinn her betrachtet. Selber richtet sich der Mensch!
Die Materie ist die größte Schöpfungswunde. Gewiß, die Urheberin ist umgekehrt, Golgatha hat sie bezwungen. Allein der ganze Abfall ist noch lange nicht bereinigt, was bloß durch Schmerz und Leid zu säubern ist. Das tue ICH, seitdem das arme Kind vom Himmel fiel; und seither waltet Mein Gericht: auf-, gerade- heimrichtend.
Es wird also nicht erst kommen, es läuft wie des Webers Spule ab. Je näher es dem Ende der Materie geht, um so mehr verdichtet sich das Ungemach, hier dann nicht mehr nur vom Fall des ersten Kindes her. Wäre das, o sieh — da würde bald auf dieser armgemachten Welt das Friedensbanner wehen und die Kinder kehrten unbeschadet in des Vaters Haus zurück, eines wie das andere.
Nein, der Mensch will mehr und mehr sein Leben selbst gestalten, fraglos, ob bloß der Schöpfer es erhalten kann. Rück-Trugbild der Sadhana! Sie wollte ohne Mich ihr Leben meistern. Hebe deine Hände auf; jede gute Bitte mache Ich zu einem Tropfen Meines Segens, den die letzte Menschheit bitter nötig braucht.
Du bist erschüttert, weil Ich als ‚Heiland‘ zu dir kam. Ich kommme oft zu jedem Kind und errechnest du es nie, wie oft Ich dieses tue und. — wie wenige Mein Kommen merken. Dennoch nicht umsonst getan! Ich bin bei euch alle Tage (Matt. 28, 20), was du noch lehren sollt. Dann wird sich vieles für dich ändern. Schweige, daß Ich bei dir war, doch Meinen Segen sollst du offenbaren. Dann sei bereit! Und sei getrost! Ich bin bei dir, Meine Hände halten dich!“
Sonderbar, selten ist Johannes mal allein, jeder will ihm dienen. Wenn er es wünscht, um in Ruhe aufzuschreiben, was das Licht ihm offenbart, da wartet man, bis er ruft. Heute hat er nichts gesagt und doch kam niemand, die hohe Stunde mit dem Herrn zu unterbrechen. Immer wieder stellt der Jünger Jesu staunend fest, wie Gott bis ins Kleinste alles führt.
„Ja“, spricht er vor sich hin, „keiner kennt das Höchste Deines Regiments. Darin ruht die Gabe jeder Seligkeit, Deinen Kindern hergeschenkt. Wer mag ihren Wert ermessen?“ Tief versinkt Johannes in: Gebet. Trotz mancher Lasten jauchzt sein Geist dem Höchsten zu; er ist einem Altar gleich, auf den er Dank und Bitten niederlegt — das heilige Gesicht, das er zu kennen meint, und wird doch, wenn die Welt verlassen darf, erschauernd sehen, WER der ist, Der auf Seinem ‚hocherhabenen Stuhl im Heiligtume thront‘ (Jes. 6, 1), nah und herrlichlieb, ein VATER aller Kinder.
Eine gute Stunde ist vergangen, seit der Herr mit ihm gesprochen hat. Er steht auf, um nach Sejananus zu sehen, letzthin seltsam still geworden. Jeder merkte: seine Tage sind gezählt. Noch gab er Stefanus und der Besatzung der Cornelia manchen guten Rat, drückte oft Johannes stumm die Hand, in den Augen jene Frage, die jeder Menschen inne wird, fühlt er sich dem Tode nah: ‚Wo geht es hin? Was wird aus mir?‘
So stumm, in des Lichtes Sprache, sah Johannes seinem Freund ins Auge und war ein Trost, ein wundersam geheimer, der das Herz des Scheidenden erfüllt. Das bedenkend, kommt Stefanus herauf gestürmt, „Joanus, komm schnell, Sejananus hat sich auf sein Bett gelegt und nach dir gefragt!“ Still nickt der Seher Gottes. Schon war Stefanus davon gerannt, diesmal ohne acht, jenem auf der Stiege herabzuhelfen.
Die Freunde sind beim Kapitän versammelt. Der Arzt flüstert: „Es geht rasch, er braucht nicht zu leiden.“ Das sieht Johannes, als er sich ans Lager setzt und nach den kalten Händen greift. Sejananus hatte oft den Tod auf seinen Fahrten neben sich gewußt, ihn tapfer angesehen, früher nach dem Sinn der Welt. Seit er zur Erkenntnis kam, was er nächst Gott dem Jünger dankt, hat er in Not und Sturm dem Herrn vertraut und — geistig zu Ihm aufgesehen, nicht dem Tod ins Auge, wie man sagt. Auch jetzt richtet sich sein Blick empor, als hätte sich der Himmel schon für ihn geöffnet und spricht, mit Freude in der Stimme:
„Der Heiland ruft! Meinen Herrgott will ich um Verzeihung bitten für alles, was ich wider Ihn getan. Möchte gern Maria, Cornelius, Nicodemus und auch andere sehen. Ich werde alle von euch grüßen.“ Er sieht rundum, zuletzt auf Johannes. „Keinen von euch werde ich vergessen. Ob ich wohl ein bißchen helfen darf, unsre Friedensinsel zu beschützen — ? Lebt wohl, Vale . . .“
Und wieder ist‘s, als käme jemand an das Lager und ginge fort, ungesehen und doch spürbar als ein Hauch aus Gottes Ewigkeit. Die Lider sind von selber zugefallen. Lange steht man wortlos da, jeder denkt: Wieder ein Getreuer fortgegangen, der bei Gefahren stets zu helfen wußte. Jene Trauer, die aus der Liebe kommt, darf man haben und die hat die Turmgemeinde, als man am nächsten Tag den ‚Toten, der ewig nun lebendig ist‘, zu Grabe trägt. Man stellt seine Bahre in die Nebenkammer von Cornelius.
Johannes spricht über Tod und Leben, der Leibestod sei der ‚Wieder-Anfang unseres Lebens‘, vom Schöpfer ausgegangen, verankert in dem Rhythmus Seines Willens, der Veränderungen, aber kein Vergehen kennt. Johannes geht hernach ans Meer, er bleibt dort sitzen, bis die kühle Nachtluft über Patmos streicht.
Stefanus, Cronias, Scubatus, Hermius, Claretus und viele Fischer samt den Frauen kommen nach, wartend, bis der Jünger sich erhebt. „Wir legen unsern Schmerz dem Vater in die Hand“, sagt er, „ER weiß zu trösten. Später will ich euch verkünden, was Gottes Stimme mir in Auftrag gab. Manches müssen wir besprechen, denn bald muß unser Stefanus nach Tyrus. Es wird dir nicht ganz leicht, diesen Posten auszuüben. Doch unter unserm alten Kapitän hast du viel gelernt. Traust du dir zu, allein zu steuern?“
„Der Heiland wird mir helfen, wie Er Sejananus half.“ „O, die beste Antwort, die du geben kannst, lieber Junge.“ Zwei Fischer treten vor und einer sagt: „Unsere großen Söhne können ohne uns die Fische fangen, wir dienen Stefanus und . . .“ „. . . ich auch!“ Der Duumvir wendet sich demselben zu. „Bin oft zur See gefahren und bin bereit, wo Hilfe nötig ist.“
Johannes dankt den Männern, er ist froh, daß ‚sein Junge‘, wie er Stefanus noch manchmal nennt, die beste Hilfe hat. Man kehrt zur Station zurück. So gehen ein paar Tage hin, bevor die Cornelia ihre nächste Fahrt beginnt. In Tyrus wird sie vollbeladen, aber nicht bloß Waren birgt das Schiff.
Zehn junge Christen, darunter vier Mädchen, sind an Bord. Einer von den Fischern, der spät zurück durch eine dunkle Gasse ging, fand sie eng gedrängt in einem Mauerbogen. Er sah gleich, daß da was nicht stimmt, ging hin und fragte, warum sie sich verbergen. Die junge Schar, sehr verängstigt, wollte fliehen, doch der Fischer sprach: ‚Ich handele mit Fischen, und der Fisch ist ein geheimes Zeichen (damals der Christen). Ob ihr es wohl kennt?“
„Bist du — bist du ein Christ?“ forscht eine Stimme leise. „Ja!“ bekennt der Mann von Patmos. „O hilf uns doch!“ fleht ein Mädchen. „Seit Tagen werden wir verfolgt.“ Der Fischer winkt: „Kommt!“ Die Nacht ist dunkel, er kommt mit seiner Schar im Hafen an, ohne daß Verfolger etwas merken. Auch der Hafenmeister schläft. Stefanus und Claretus sind schon an Bord. Welche Freude, wieder arme Menchen sind errettet.
„Morgen gibt der Hafenmeister ‚freie Fahrt‘.“ „Wenn die Verfolger aber kommen?“ fragt ein Junge bang. Claretus beruhigt ihn „Ich bin Christ und römischer Duumvir. Sind es Römer, so gilt mein Befehl; andere haben bei uns nichts zu suchen. Nur geht lieber unter Deck, da findet ihr ein Lager.“
„Der Heiland hat uns wunderbar geführt“, flüstern sie einander zu, als sie ein zwar rauhes aber sicheres Lager finden. Mit der Fracht kommt die Cornelia in Patmos an. Die Jugend zeigt sich willig, sie gibt gute Helfer ab, zu der noch manche Christen kommen, Römer und auch Griechen. Bei jeder Fahrt werden welche aufgelesen und gerettet. —
Die Zeit eilt hin. Es ist ein Erinnerungstag, als der Herr nach Seiner Auferstehung die Jünger von der Angst befreite. Alle Sondertage hat Johannes treu verzeichnet und stets an ihnen ein besonderes Wort gelehrt. Die Turmgemeinde ist versammelt, Teils setzt man sich ins weiche Gras, teils bleibt man stehen, weil auch der Seher steht. Und er hebt an zu sprechen:
„Meine Lieben, manch gute Freunde sind dahin gegangen, äußerlich, ihr Andenken haben wir bewahrt. Wir wissen, wo sie sind. Und wir —? Wir folgen ihnen fröhlich nach; denn die Straße führt nach Hause. Die Jugend und ihr andern alle, die der HERR gerettet hat, seid im Glauben an den einen Gott, den wir lieben und verehren, wunderbar gefestigt.
Ich sehe: die Friedensinsel Patmos wird noch lange unbeschadet bleiben. Was später kommt, sei der Zukunft überlassen. Gar manche von euch, die vom Heiland viel erfahren haben, fragen, weshalb der Herr bloß ein paar Jahre sichtbar über diese Erde ging, so daß im Verhältnis wenig Menschen Ihn erleben konnten. Ihr fragt mit Recht! Ja, nach der Kreuzigung des Herrn, auch nach Seiner Auferstehung, sogar noch nach der Himmelfahrt, fragten wir, die Jünger, ganz das gleiche.
Aus Seinem Gnadengeist hatten wir jedoch den Trost empfangen:
‚Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende‘,
was bedeutet: Ob wir Ihn mit unsern Leibesaugen sehen oder nicht, mindert nicht die Heilszusage als Vermächtnis Seiner heiligen Allgegenwart. Für uns Menschen ist‘s zu unserm Heil gegeben, auch wenn man das nicht ganz versteht, daß man den ‚Geist der Wahrheit und der Heiligkeit‘ höchst selten sehen soll.
Sein Heilandsleben war die Umbruchzeit für die Materie. Zuerst trieb ihr Beherrscher das Äußerliche hoch hinan, im Vergleich: der Mensch wächst, wird stark, bis zum Höhepunkt des Lebens. Dann kommt die Wende, wo Kraft und Können wieder schwinden. Diese Wende, die des Menschen, die der materiellen Schöpfung, ist ein ungeheurer Gnadenakt, der erst im Jenseits voll erkenntlich wird. Das aber ist daran zu merken: es geht äußerlich zurück, geistig führt der Weg dorthin, wovon der Heiland sprach:
‚In des Vaters Haus sind viele Wohnungen; wäre es nicht so,
Ich ginge hin, euch die Stätte zu bereiten!‘
Oh, die Stätte war vorhanden, schon vor dem ewigen Lebensanfang für das Kindervolk bedacht. Dort sind wir zu Hause, dorthin führt das Ziel, dort werden wir IHN ewig sehen, der unser Licht und Leben ist. Darum eben ist Er bei uns alle Tage, Seine Augen wachen über uns, über allem, was Er sich erschuf. Es gibt nichts, was nicht aus Seinem heilsgewohnten Willen kam!
Jene Schau, an der das äußerliche Auge keinen Anteil hat, ist das eigentliche Sehen, das man haben kann. Es liegt an uns, ob wir die innere Sicht erlangen. Das kommt vom Glauben her, vom unbedingten Wissen: GOTT sieht auf uns, wir sind IHM nicht fern. Allein — ob wir Ihm ferne stehen? Nun, wir sind von uns aus auch mit Ihm verbunden. Wir lieben Ihn, Seiner Lehre geben wir uns hin, wir sind durch Ihn getröstet; und das, du liebe Turmgemeinde, ist die wahre Schau des Geistes.
Wir bedürfen keiner äußerlichen Wahrnehmung; unser Geist, Herz, Seele und Gemüt hat die festeste Verbindung, womit Er immer bei uns ist, Tag für Tag, sowie bei allen Kommenden, die Gott lieben, die Seine heiligen Gebote halten. Deshalb sagte ich, die Zukünftigen überlassen wir der Zukunft. Denn Gottes Regiment hört niemals auf! Darin liegt der Urgrund Seiner heiligen Allgegenwart.
Letzthin sind noch manche Fragen aufgetaucht, die wir heute mit bedenken. Hermius meinte, wenn Gott alle Tage bei uns ist, und unser Freund hat nicht daran gezweifelt, wieso sprach Er dann von einer Wiederkunft? Man kommt wieder, wenn man vorher fortgegangen ist. Menschlich! Weil man so denkt, deshalb sprach der Herr von einer Wiederkunft. Es sollte für uns und für alle, die da glauben, Trost und die Gewißheit sein, daß Er allzeit für uns sorgt und uns immer Seine Hilfe angedeihen läßt.
Dennoch gibt‘s Sein Wiederkommen und zwar für jene, die nicht an Ihn glauben, nicht gemeint, die von Gott noch niemals etwas hörten. Diese stehn im Gnadenbund, bevor es eine Ferne gab. Doch für die Wissenden: es gibt den Schöpfer aller Lebensdinge und dann trotzdem leugnen aus welchem Grunde immer, die mit Absicht Böses tun und so ihr eigenes Leben bis zur Grenze der Vernichtung bringen, für diese kommt Gott wieder!, bei der jähen, bitteren Erkenntnis: zu spät für meine Seele! Nicht von GOTT aus; denn darüber hinaus kann Er wohl noch anderes tun. Das bleibt IHM ewig vorbehalten!
Haben wir das Gnadenteil empfangen, so ist zu wünschen, daß es eben den Verirrten auch gegeben wird. Ein unmeßbarer Segen! Ob das uns gegebene Heil des Glaubens nicht aber auch ein unmeßbarer Segen ist? Sind beide Teile unterschiedlich, dann pur in Gottes heiliger Gerechtigkeit, in der Rechtshand Seines Schaffens. Das wurzelt in dem zumeist unverstandenen Wort:
‚Was ihr euren Nächsten tut, das tut ihr Mir!‘
Können wir dem Schöpfer etwas geben, was wir nicht zuvor von Ihm erhalten haben (Röm. 11, 35)? Dennoch bleibt das Herrenwort zu Recht bestehn. Tun wir einem Nächsten Gutes, im Wort, im Werk, so bringen wir dem Höchsten eine Freude dar. Diese nimmt Er an, Er macht sie zu einem königlichen Schatze Seines Hohen Hauses. Das ist damit gemeint. Beim Böses-tun schreibt Gott für uns — nie für Sich — den Anteil von den Schöpfungswerten ab.
Wir sind Anteilnehmer Seiner Werke, Seiner nimmermüden Gnade, bei gutem und bei bösem Tun. Das entspricht dem Gleichnis mit den Pfunden (Luk. 19, 16-20). Vermehren wir das Pfund, so mehren wir für uns den Schöpfungswert. Tun wir es nicht, alsdann bleibt der Anteil aus des Reiches Herrlichkeiten aus. Was dann? Wir sind nicht bei Gott; Herz, Seele und Gemüt sind ohne Licht. Der Geist bleibt frei!
Scubatus denkt, Gott hätte das ‚bei uns alle Tage sein‘ bloß der Jüngerschar vermacht, nicht der Allgemeinheit, man also Gott nicht sehen könne. Bruder, wir betrachten deine mehr in Angst gestellte Frage. Du willst eng mit Gott verbunden sein. O sieh, du brauchst nicht erst zu wollen, du bist, wie wir alle, bei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit!! Wohl hat dieses Abschiedswort der Herr uns Jüngern anvertraut, aber in dem ‚euch‘ sind alle eingeschlossen, die noch in der Materie ihre Wanderwege gehn. Er sagte nicht: ‚bei euch Jüngern‘; euch, wie alle, ist ein Zahlwort ohne Zahl.
Ihr atmet auf, ihr dankt für diesen Segen. Ja, danken, das soll keiner von uns je vergessen, wie einst David sang:
‚Danket dem Herrn, denn Er ist freundlich;
und Seine Güte währet ewig!‘ (Ps. 106, 1)
Sejananus fragte etwas, als Cornelius noch bei uns war. Leicht ist es nicht zu klären, es gehört ein Übersinn dazu, aus einem Wort den Sinn herauszuschälen, wie das Samenkorn aus einer Frucht. Er bedachte jenen Unterschied von Vater und Sohn. Mitunter sprach der Heiland von Sich als dem ‚Sohn des Vaters‘, hinwiederum vom ‚ICH‘! Unmißverständlich in der Einzahl einer Gott-Person.
Wir wissen um die Wahrheit. Später wird man daraus harte Dogmen formen, ungeprüft, was der Herr, warum, wann und zu wem Er das vom Sohn oder aber das vom ICH geredet hat. Man muß die Unterscheidung kennen, um dem Geist die Vorherrschaft zu geben.“ Johannes sieht ein Glaubensbild. Er wendet es in der Erklärung an, obwohl es erst für spätere Zeiten zur Bedeutung kommt.
„Gottes Grundgebot, in dem alle anderen Gebote ihre Reflexion, ihren hohen Niederschlag besitzen, lautete, durch Mose kundgetan:
‚ICH bin der Herr, dein GOTT,
du sollst keine andern Götter haben neben Mir!‘
Unter Göttern war der Götzendienst gemeint, nicht bloß allein die Abweichung vom einen Gott, sondern alles Tun und Lassen, was zu des Menschen Schaden, gegen das gerechte Leben führt.
Israels Propheten, von Gottes Geist berührt, verkündeten die Lehre von dem einen Gott ! Nie sprachen sie von einem ‚Wir‘, was auf zwei oder mehrere Personen auszudeuten wäre. Heute führte es zu weit, all die Stellen anzugeben; doch ich schrieb sie nieder. Später“, Johannes übergeht die Eigenschau, daß die liebgewordene Gemeinde ohne ihn sich einstens weiterbilden muß, „werdet ihr sie alle kennen lernen.
Nur zwei aus Isai (Jesaja) hebe ich hervor, in denen jene andern wurzeln, die den ‚Ein-Gott‘ überleuchten:
‚ICH bin der Herr, und ist außer Mir kein Heiland!‘
‚Ich bin der Erste und der Letzte,
und außer MIR ist kein Gott!‘ (43, 11; 44, 6)
Ist in Gottes Grundgebot vom ICH und MIR die Rede, kann es keine mehreren Personen in der Gottheit geben, von denen etwa eine sagt, was geschehen muß, eine andere dafür einzustehen hätte.
War trotzdem eine ‚Rute‘ und ein ‚Zweig‘ genannt (Jes. 11, 1), so besagte es, daß Gott für die Gesamtmaterie einen Geist aus Seiner Siebenzahl entsenden wird (Eigenschaft Liebe), was der Prophet sehr deutlich kündet, nämlich auf welchem, dem Zweig, wird ruhen
‚der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn!‘
Damit sind die sieben Eigenschaften Gottes in dem EINEN wundersam gedeutet und gibt es keine Spaltung, keine Nebenpersonifikation, wie schon manche meinten, der Heiland wäre auch bloß ein Prophet gewesen (Matt. 16, 14); und viele Leute werden später Ihm die Kleider Seiner Heiligkeit entwinden wollen, um Ihn nicht als GOTT zu sehen. Welche Armut, welche Irrung!
Wir erkennen, daß der Herr unser Gott und Vater ist. Sagte Er der Menge wegen, die nicht das Göttliche an Ihm verstehen konnte, von Sich als ‚Sohn‘, so erklärte Er es uns, als wir elf Jünger bei Ihm waren: ‚Merket auf! Ich bin der Sohn, die Versöhnung, Aussöhnung der Übeltaten, die durch den Fall hervorgerufen worden sind. Käme Ich in Meiner vollen Gottheit auf die Welt — o Ich sage euch: zwei Dinge konnten bloß gegeben sein! Durch Meine Bedingungen wäre alle Welt, alles Leben sofort aufgelöst gewesen im Augenblick, da Ich Meinen Fuß auf diese Erdwelt setzte — des Falles wegen! Was hätte das für einen Sinn gehabt? Oder:
Ließe Ich zufolge Meiner Macht die Lebensfreiheit walten, wären zweifellos zwar allesamt erlöst gewesen, aber ohne Eigenkraft des Glaubens. Alle wären ‚Exemplare Meiner Schöpfermacht‘ geworden. Keine Eigenheit, kein persönliches Ich, und kein Widerhall Meines Vatertumes konnte bleiben. Meine ungeheure Vorarbeit, Mir ein liebes Kindervolk heranzubilden, Mein Anbild ihnen zu verleihen, mußte in ein Nichts versinken. So wäre es gekommen, wäre ich als ‚Gottheit‘ aufgetreten, ohne gnadenvolle Decke.
Allein in Mir verborgen, dennoch zu erkennen, wer zur Erkenntnis kommen will, trage Ich die ‚Fülle‘ in aller Meiner Herrlichkeit (Kol. 2, 9), bloß eben mit dem Kleid der Menschlichkeit bedeckt. So ging Ich für das Fallkind diesen Weg, um dadurch Mein Kindervolk auf ewiglich zu Mir emporzuheben, zuerst jene, die die Opferstraße gehen, die anderen zumal, die der Aufhebung bedürfen, allesamt bis ans Ende der Gesamtmaterie!‘
Des Herrn Wort läßt es erkennen, untermauert durch das Zeugnis der Propheten, daß Er doch Gott Selber war. Von Sich sagte Er als ‚Sohn‘ in Gegenwart der Pharisäer; nie zu Seinem Schutz, den nicht ER benötigte. Ihr Spott wäre jener harte Absperrwall geworden, über den sie erst nach einer Ewigkeit und aus hohem Gnadenheil gekommen wären, ehe sie aus weiter Ferne unsern Schöpfer-Vater würden sehen können. Um die unauswägbar schwere Bürde ihnen zu ersparen, darum war Er für sie nur der Sohn. Wiedergutmachungen bleiben ihnen nicht erspart, keinem, der je ungut handelt.
Sejananus und Cornelius hatte ich‘s gedeutet. Cornelius hat es ohnehin gewußt, er hatte ja so oft den Herrn erlebt, er, der tief im Glauben an den ‚Gott als Heiland‘ stand. Sonderbar, es gab viele Römer, die den Herrn erkannten und Ihm als Tribut ehrfurchtsvoll begegneten. Denkt stets daran: es ist ein Gott und kein anderer neben Ihm! Der Heiland hatte es bekundet in dem Wort: ‚Niemand kann zwei Herren dienen!‘ Wir neigen uns vor Gott, dem Schöpfer des gesamten Universums. Ihm sei Preis, Ehre, Lob und Dank in Ehrfurcht, Liebe und in Anbetung gebracht!“
Alle neigen sich, im Gebet versunken. Hoch erheben sie die Herzen, und sie spüren: Gottes ATMA weht sie an und bleibt haften. Damals, fast ganz unbekannt, ist es die treueste Gemeinde; die einen geistig festen Halt der Menschheit gibt — auch unerkannt. Aber GOTT bewirkt das Wesen!! Macht, Kraft, Gewalt und Stärke strömen durch das All, unaufhörlich in den Herrlichkeiten Seines segensvollen Tuns. Nichts gibt es, was nicht aus Gottes Allmachtshänden kommt, nicht zurück in diese Hände fließt, äonenmal Aon.
Still geht man auseinander und doch hoch beglückt. Keiner weiß, daß es die letzte große Predigt des Propheten war, des
Sehers Gottes, des Johannes.
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