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Kap. 11 – Treue Männer; Gottes gute Stimme; auch eine Anbetung

Kapitel 11

Treue Männer; Gottes gute Stimme; auch eine Anbetung.

„Samuel, was soll werden? „Monde waren hingegangen seit Gottes großer Rede. Die Geschehnisse wurden Samuel bewußt. Mancher Freund hatte ihm auch zugetragen, was die Schau bestätigte. Fürst Chaha war gekommen, während Samuel gerade ruhte. Die innere Ruhe stellte sich nicht ein. Trotz Seherturn war er im guten Sinne volksverbunden und war sein Leiden mit, was den Menschen widerfuhr. Er läßt für Chaha Brot, Wein und Früchte bringen.

„Labe dich und dann berichte.“ Liebevoll bedient er seinen Gast. Nach mühevollem Ritt läßt sich der Fürst am Tische nieder und ißt erst schweigsam alle gute Kost. Samuel weiß oder ahnt es schon, daß wieder wie in all den Jahren, seit er Priester und Prophet geworden war, ein Schweres Israel bedroht, mehr aus den eigenen Reihen, wenn auch ein fortgesetzter Krieg die armen Leute ängsten, ihnen Tod und Verderben bringen.

Als Chaha aufgegessen hat, stützt er seinen Kopf in beide Hände. „Du wirst es aus dem Geiste wissen, Samuel, was sich Saul geleistet hat. Darf ich deine Schau ergänzen?“ „Sprich“, fordert Samuel, „es ist gut, wenn du die Last von deiner Seele wälzt. Manches wird mir kundgetan, von Freund und auch von Feind. Das ist das Ergänzende; denn als Mensch, selbst wenn man eine Sehergabe hat, kann man keine ‚volle Schau besitzen, nicht in Hinsicht all des Widerlichen, was die Materiellen tun.“

„Du bist zu bescheiden.“ Chaha greift nach Samuels Hand. „Du hast uns oft geholfen, konntest du im voraus sagen, was geschieht und noch vieles mehr. Das Wichtigste war Gottes Lehre. Mich und viele hast du fest an Gott gebunden, und das werde ich dir immer danken.“ „Schon gut, mein Freund, danken wir gemeinsam unserm Herrn, der alle unsere Wege lenkt.“

„Auch die der Bösen?“ Ungewiß gefragt. „Da meine ich doch mehr, daß denen ehestens ein Thopheth auf den Fersen hockt, der ihre Wege lenkt. Ha – lenken! Ich denke, diese Bösen gehen mit den Bösen Hand in Hand.“ „So ist es anzusehen“, bestätigt Samuel. „Hier kann man sagen, daß sich gleich und gleich vermählt. Aber sieh, man darf die Teufel, nicht allein mit Schulden, die der Mensch begeht, belasten, auch wenn sie mit am Werke sind.

Ist es nicht der Mensch allein? Kommt es nicht darauf an, wie man sich erzieht? Jeder kann das Gute tun, das Böse meiden, weil das Gewissen unsers Lebens Wegweiser ist. Sehr richtig, daß nicht GOTT den Weg der Bösen lenkt! Allein, Er kann, Er wird jedes Menschen arge Gasse hemmen, zu Seiner Zeit! Denke nicht, warum Gott wartet und bei all der Schlechtigkeit die ,Augen schließt, bis eben Seine Zeit gekommen wäre. So ist das nicht!

Wer eine arme Seele hat, aus eigenem Fall, nie von Gott gegeben, der braucht lang, bis all sein Arg zu Ende geht. Und wieder nicht, als ob Gott warten müßte, um dann der Finsteren Wege gnädiglich zu wenden. Oh, gerade weil Er in Geduld und unmeßbarer Liebe harrt, liegt Seine Führung offen da. Man merkt es nicht, man wähnt, alles sei vergeblich. Du willst mir von ,Saul berichten, deshalb bist du doch gekommen? -, da sieht es freilich aus, als ob der Herr sich ganz vom Volke abgewendet hätte.

Es wäre ungerecht, müßte man des bösen Königs Lasten tragen? Hat nicht mehr denn als neun Zehntel einen König sich gewünscht, des Schöpfers Führung nicht mehr anerkannt? Auch sonst denken viele nur an Reichtum und Gewinn. Ob man dabei seinen Nächsten schädigt, Frau und Kinder leiden müssen, das wird nicht bedacht. Ich war kürzlich auf dem Weg nach Gilgal über einen Markt gekommen. Keiner hat mich gleich erkannt, weil das Feilschen zwischen Händlern und den Käufern schlimm gewesen ist. Wenn du das gesehen hättest –„ Samuel seufzt tief bekümmert auf.

„Habe ich wie oft erlebt“, erwidert Chaha, auch bedrückt. „Ab und zu sah ich auch was Gutes, man handelte ruhig, und ein Händler gab einer armen Frau die Ware ganz umsonst. Gutes gibt es also auch in Israel.“ „Gott sei gedankt, daß es das noch gibt! Ähnliches erlebte ich, wenn es auch durch einen ,Eingriff Gottes’ vor sich ging.“ „Über dich?“ fragt Chaha.

„Ach“, wehrt Samuel ein wenig ab, „der Herr hat sonderbare Wege, daß wir tun, was in Seinem Willen liegt. Ein kranker Mann, dem der Hunger aus den Augen sah, hatte eine Frucht, die vom Verkaufsstand rollte, aufgehoben und man merkte, wie er sich darüber freute. Der Händler rief: ‚Marktbüttel, man hat mir eine Frucht gestohlen!’ Ich stand nahebei, wartete aber ab, was sich ergeben würde, hielt den armen Mann, der natürlich flüchten wollte, fest und raunte ihm ins Ohr: Bleib!, dir wird Hilfe werden.

Daß er es nicht sofort glaubte, war verständlich. Er wollte mich beim Namen nennen, als er mich erkannte. Ich winkte ab: Sei ruhig und sieh, wie der Herr zu helfen weiß. Er klammerte sich förmlich an mich an, flüsternd: ,Wenn du hilfst, dann hilft mir Gott.’ Mein Sonnentuch hatte ich mir ins Gesicht gezogen; man nahm auch nicht Notiz von mir, bis per Büttel kam.

,Hat der Mann gestohlen?’ fragte er. Ich sagte: Nichts! Nur eine Frucht war durch die eigene Schuld des Händlers weggeroIlt und die hob der Alte auf. Zudem ‚kenne ich den Mann, er ist ehrlich und jetzt krank. Niemand sorgt für ihn, seit Tagen hat er nichts gegessen. Sage, Büttel, ob das vor GOTT gestohlen war oder – auf dem Weg nur aufgelesen. War es nötig, wegen einer Frucht, die der Händler nicht mal wachsen ließ, obendrein die Ware einem Bauern allzu billig abgehandelt hat, dich herzurufen?

,Wer du auch bist’, sprach der Büttel, ,du hast wahr geredet. Nun nehme ich dem Händler soviel weg, daß der Mann für eine ganze Woche satt zu essen ‚hat’ Es gab Tumult, weil plötzlich alle Händler einig waren, ansonst Jeder neidisch auf den andern schielt. Der Buttel rief: ,Das Marktrecht liegt in meiner Hand! Soll ich meine Knechte holen?, die räumen herrlich auf!’ Er sah mich’ fragend an und ich nickte ihm Bestätigung. ,Also, wer von euch Händlern will dem armen Mann freiwillig etwas geben?’

Der Büttel kannte seine Leute, dennoch war es GOTTES Tun. Denn alle brachten eine Gabe, einer sogar einen Korb, damit alles ein­zusammeln war. Gut angerührt, und unser Volk hat viele liebe Leute. Der Büttel blieb mir auf den Fersen, der Mann hatte mir beim Gehen zugeflüstert: ,Dank dir, Prophet des Herrn, durch dich bin ich nun reich gesegnet worden.’ Zu Hause wird er in dem Korb auch noch ein Geld gefunden haben; der Büttel und auch ich hatten etwas heimlich beigelegt. Jetzt –

Wir standen abseits, als jener fragte, wer ich sei, es wäre ihm so ,eigentümlich’ vorgekommen, als ob er hätte handeln müssen, wie es ihm sonst nie im Sinne lag. Freilich, wegen einer Frucht hätte er den Alten bloß verwarnt, den Händler auch; doch ihm war, als ob von mir aus ,etwas ausgegangen’ wäre, er hätte gegen seine eigene Art gehandelt. Ich hatte mein Gesicht befreit und sagte: Ich bin Samuel, von mir hast du sicherlich gehört, wenn du mich auch nie gesehen hast. Da war er ganz bestürzt.

,Du bist Samuel? Israels Prophet, wie es bisher wenige gab? So wundert es mich nicht, wie die Marktgeschichte hier, verlief! Jetzt achte ich darauf, wie ich Armen helfen kann. Mein Amt ist gar nicht leicht, kannst du glauben. Der eine will sein Recht, der andere ringt um seine Unschuld; und vom Hörensagen läßt sich schlecht ein Urteil bilden.’ Das stimmt, sagte ich zu ihm. Nun du aber mehr dem Herrn vertraust, da wird Er dir stets helfen, wenn du Recht und Unrecht unterscheiden mußt.

Er war mir sehr dankbar, seine Augen strahlten, er drückte mir die Hände, und gelobte, Gott zu dienen. Und den Menschen, gebot ich ihm. Er nickte nur und wandte sich dem Markte wieder zu.“ „Ist kein Wunder“, lächelt Chaha, „wo du bist, da ist der Herr.’ „Und sonst?“ Ernst und lieb gefragt, daß es den Fürsten fröstelt. „Du weißt, wie ich es meinte“ , erwidert er, gleichfalls ernst, „ein Seher Gottes wirkt nicht ohne Gott.“

„Gewiß! Doch Er ist der Überall. Oftmals hat Er dir geholfen und ich war nicht dabei. Er ist bei jedem Menscheri, der sich auf Ihn verläßt und – au’ch bei den anderen, die Ihn sogar leugnen. Diese, Chaha, brauchen Seine Hilfe noch viel mehr als wir. Wer sich mit Gott verbindet, ist Seine Kraft stets gegenwärtig, bedarf es extra keiner Führung. Diese liegt schon mit in unserm Glauben, und in der Liebe, in der Anbetung, Gott dargebracht. – Sprich nun, weswegen du gekommen bist. Es geht um Saul, wie du betontest.“

„Und um David.“ „Ihn aufzusuchen wurde ich beauftragt. Er bedarf noch mancher Stütze aus dem Licht, will er halten, was er dem Herrn versprach, was in seinem jugendlichen Wesen lag. Als Mann wird er sich ändern.“ „Ungut?“ fragt Chaha. „Nicht gegen Gott, wird aber manches tun, was sich mit dem rechten Glauben, mit der Liebe und dem Nächstendienst nicht voll verträgt, ja – eigentlich gar nicht. Das ist einst seine Sache, alles abzugelten. Allgemein regiert er besser als es Saul vermag und tut.“

„David beruhigte lange Zeit mit seinem Spiel des Sauls Gemüt, auch noch nach dem Sieg über Goliath. Von da an trachtet Saul, wie er David töten könne. Immer mußte er den Ruf vernehmen: ,Saul hat tausend erschlagen, David aber zehntausend.’ Damit war ja keine  Zahl gemeint. Durch den Fall des Goliath waren die Philister eine zeitlang ruhig, führten jedoch längst schon wieder Krieg. Na, das weißt du alles.

Jedenfalls wollte Saul auch Jonathan ermorden, weil er zu David hält, den Sohn, der er liebt. Der hat ein besseres Gemüt als Saul. Ein guter Junge, habe schon mit ihm geredet. David ist wie oftmals  ausgewichen, nach Engedi, Saul ihm nach mit großer Truppe. Es sieht ungut aus.“ Forschend blickt der Fürst auf Samuel, der seine Augen fest geschlossen hat; ins Innere sehend, denkt Chaha, daraus der Herr uns helfen wird.

Als ob der Seher die Gedanken kennt, aus des Geistes Schau, sagt er nickend: „Ungut ist, weil Israel so sehr verweltlicht, freilich nicht bloß dieses. Es wäre ungerecht, es allein zu nennen. Wo man auch lebt, neigt man sich nach Unten. Nach Oben aufzuschauen könnte jedes Volk, jeder Mensch, ob er den einen Gott erkennt oder nicht, von Ihm weiß oder niemals etwas von Ihm hörte. Das Innere, unsere Seele kann und sollte sich nach Oben recken, nach gutem Denken,    guten Taten, was mit und ohne Gott geschehen kann.“

„Ohne Gott? So etwas sagst du, der Prophet des Herrn? „ Chaha ist verwundert wie noch nie in seinem Leben. Samuel hat stets für Gott gewirkt, allzeit darauf hingewiesen, daß man ohne Ihn, ohne Seines Geistes Lenkung nichts vermag, ansonst das Leben ganz vergeblich sei und man einmal jenseits bitterlich bezahlen müßte, wenn – Auch dazu nickt der Seher, ihm sind die Gedanken seines besten Freundes unverhüllt.

„Glaubst du, ich würde wegen aller Sorgen auf einmal andere Lehre bringen? Du kannst es selber ahnen, was mit ,auch ohne Gott’ gesagt sein sollte. Wir haben ja genug davon gesprochen, aus der Ebene des Volkes; daß die andern Stämme, weil sie Heiden wären oder sind, die Urheber alles Bösen seien. Von sich selber sagt man so was nicht! Es gibt viele Leute, die ihre Seele nicht allein vor Gott, auch vor sich verbergen, statt ihre Fehler einzusehen, womit sie doch auf dem besten Wege wären, mindestens im ,Umgewendet’, und die hohe Richtung eingeschlagen.’

Allerdings – die Völkergruppen um uns her, in und um Kanaan  herum gelagert, wären allesamt imstande, den EINEN zu erkennen, sich Ihm und Seinem Willen hinzugeben, womit viel Streit und Leid, viel Menschenelend unterbliebe, jetzt, und einmal sogar bis in fernste Zeit. O ja, später wird es noch um manches ärger sein.“ Es ist wie­der, wie Chaha abermals bemerkt, der Blick in uferlosen Fernen, der am Seher wahrzunehmen ist.

„Die Einstigen, die sich gläubig nennen, sehr unterschiedlich, aber doch vom einen Schöpfer wissend, werden ihre Kriege führen und grausamer, als es jetzt geschieht. Heute sterben oft an einem Tage hundert, bei uns, bei den anderen, die man Feinde nennt, und haben doch das gleiche Leid, gleiches Ungemach und gleiche Last wie wir zu tragen. Einst wird man die Toten eines Tages nicht mehr zählen, so viele werden sinnlos hingerafft. Weh o weh! Was wird aus dieser Menschheit werden?!“

Nach einem langen Atemzug, dem der Kummer innewohnt, ändert sich auf einmal das Gesicht des Sehers. Er ergreift des Freundes Hände, drückt sie liebevoll und man merkt ihm die Befreiung an, als er weiterspricht: „Und doch – dennoch hält der große Gott, eben jener EINE, die Hände über all die Menschen ausgebreitet, so wie einst, wie heutzutage, also auch in jener fernen schweren Zeit. Je toller sich die Weltlichen gebärden, je ärger Schmach und Elend wird und ,man’ nicht mehr weiß, was noch zu erdenken wäre, um dem mensch­lich-höllischen Gebaren eine böse Krone aufzusetzen, um so mehr wird Gott Sein Regiment beweisen.

Ja, man wird denken – vom menschlichen Verstande aus berechtigt, ohne Glaube und Vernunft bleibt er stets arm -, wo des Herrgotts Walten bliebe, wenn die Bosheit überschäumt. Aber dann wirkt der ,heimliche Rat des Herrn’, der sich offenbart, weil man ihn nicht offen anerkennen will.

Gerade in der Gottes-Heimlichkeit (OJ.3,3; 16,15) wird Er Sich als Helfer, als der Herr der rettet, zeigen. Ob und wie die Menschheit es erkennt oder etwa leugnet, ändert nichts an Seinem heilig-hehren Plan! Stehn die Weltlinge auf ihrer tiefsten Stufe, gibt es einst kein Halten, weltlich keine Rettung mehr, dann – oh, gerade dann enthüllt sich des Allmächtigen Herrlichkeit!

Nicht so, daß die Materie aufgerichtet würde, als ob das Leben auf der Welt in Glanz und Gloria erscheint. Niemals! Das sinkt ja alles in das Grab der Auflösung hinein, das verweht, wie der Wind die Wolken von dem Himmel jagt. Der Himmel ist stets einzig Gottes Reich, wir nennen es das Jenseits, und die Sonne an dem Himmel ist der Herr, von den Gläubigen angebetet und geliebt, von den anderen, in ihrem eigenen Fall verstrickt gewesen, zuerst gefürchtet und mit Grauen anerkennen müssend. Hernach wissen sie, was sie verschuldet haben, und sie merken: ER ist!

Doch“, Samuel kommt zurück aus seiner Schau, ,Jetzt geht es um heutige Zeit. Hier ist viel zu sorgen, viel zu tun, um noch zu retten, was zu retten ist. Wohl sieht’s dem Äußeren nach so aus, als wären uns die Hände zugebunden, als ob nichts mehr zu machen sei. Innerlich, lieber Chaha, ist mit Wunsch-und Bittgedanken, mit ernstlichem Gebet ,so manches aufzuhalten. Deshalb suche ich jetzt David auf.“

„Nein, das tue nicht!“ Fünf Männer stehen an der Tür, die sie leise öffneten. Sie hatten Samuels Rede mit gehört, waren nur nicht eingetreten, um ihn nicht zu stören. Aufgeregt treten sie nun näher und wehren ab, Samuel solle ja nicht wandern, nicht ins gefährdete gebiet. Es sind die Ältesten Khemal, Ochnay und Rashi aus Benjamin, Sebulon und Juda, endlich umgekehrt und hatten sich für Rama abge­sprochen. Die Nachbarn Lamuor und Patael sind mit dabei, beide gute Sprecher für viele aus der Stadt und rundum vom Land. Sie wollten hören, ob nicht Saul zu bändigen sei.

Samuel hatte nicht gemerkt, als die Männer in das Haus gekommen waren; sein Geist war bloß noch nebenher auf der Welt, indessen Chaha, ganz im Bann der Worte, auch nichts hörte. Nun sehen beide auf, hoch erfreut; denn der Treuen, Zuverlässigen, gibt es leider wenige, wenn auch mancher Mann allmählich spürt, wohin man mit dem ‚königlichen’ kommt. „Warum soll ich meinen Weg nicht gehen, den der HERR befohlen hat?“

Samuels Blicke künden festeste Entschlossenheit; denn was Gott gebietet, ist für ihn ein Wort, dem er nicht entgeht, selbst wenn er es aus leicht verständlicher Bangnis wollte oder – dürfte. Was der Herr ihm offenbart, steht für ihn felsenfest. Daran wird nicht gerüttelt. „Wenngleich es mein Verderben wäre“, spinnt er an dem Gedankengang, „was schadet das? Nicht ich stehe auf dem Spiel, nicht bloß Israel, GOTTES WILLE gilt allein!“

Patael hebt die Hände auf. „Bedenke, Samuel, du bist alt geworden und bist in deinem Leben helfend weit umher gewandert; bei Engedi lauert die Gefahr. Wir werden dich begleiten, wenn du willst. Allein gegen Sauls ungezügelte Scharen würden wir sogar mit einem großen Haufen unterliegen. Wer bloß von David spricht, da geht des Königs Jähzorn durch; er läßt einfach alles niederwalzen. Wenn wir dich verlieren, dann haben wir …“ „ … noch immer unsern Gott! Wollt ihr euch Ihm nicht anvertrauen?“

Ein dritter Nachbar war gekommen und hat das Letzte mit gehört. Er fällt ein: „Wir vertrauen ganz gewiß dem Herrn, obgleich manch Weltliches das Vertrauen überrennt. Du weißt am besten, wie jetzt das Leben ist: ungewiß, voll böser Taten; und mancher Obere gibt dem Volk kein Beispiel ab. Es ist wirklich nicht ganz leicht, Gott allzeit neben sich zu wissen.“

„O Freund Abelae, über allen Trümmern dieser Menschheit leuchtet Gottes Geist! Wäre dieser nicht – die Welt stünde längst in Flammen, was kommen kann.“ Letzteres hat der Seher leise angefügt. „Gottes Geist! Was wissen wir von Ihm? Ist Sein Geheimnis auszuschöpfen? Nein, ihr Freunde, und wir brauchen das auch nicht. Sogar der Geist des Menschen, aus dem Ewigen empfangen, hat eine lange Lebenszeit; und ist nicht zu übersehen, wann der Geist der Lichtgeborenen zum eigenständigen Leben kam.“

„Bei dir ist zu erkennen, daß du ein alter Geist gewesen bist. Ob zwischen alt und jung die Unterscheidung aber zu erkennen ist? Ich denke, nicht.“ Ochnya stellt die Frage. Man debattiert darüber, nur kommt man nicht zum wesentlichen Schluß. Samuel läßt die Freunde reden. Alt – hat er einen alten Geist? Ja, Gott der Schöpfer aller Lebensdinge hat allein den alten, einen ersten, jenen einen Geist (Dan.7,9). Für sich und seine Freunde macht er kein Exempel. Das sagt er ihnen auch.

„Ich widerspreche“, ruft Patael, der innerlich Samuel am nächsten steht, etwa so, wie Johannes auch dem Herrn am nächsten stand, ohne daß er sich hervorgehoben hätte. „Du bist Gottes Seher. Kannst du uns so Hohes offenbaren, wie wir immer von dir hörten, so muß dein Geist viel älter als der unsere sein. Ich meine auch, das schadet nichts, wir sind trotzdem Gottes Kindgeschöpfe. Vielleicht ist’s ähnlich wie auf Erden: die Ahnen würden, lebten sie hier noch, die allerältesten sein, danach die anderen, die aus jedem Stamm, aus den Sippen und Familien hervorgegangen sind. Demnach wären wir in dieser Zeit die Jüngsten.“

Samuel lächelt fein. „Bin also ganz der Euere, in diese Zeit so jung wie ihr hineingeboren. Ein paar Menschenjahre zählen nicht. Hast’s gut herausgestellt, Freund, und so sind wir alle eben Gottes Kinder. Lasset es dabei bewenden. Ungut ist, wird jemand gar zu sehr hervorgehoben, selbst wenn’s der Arbeit wegen gilt, die der Herr in Auftrag gab.“

Der Sebuloner Älteste sagt bedächtig: „Ganz recht, bist zudem lebensklug, was man in vielen Richtersachen allzu oft ersah. Denke ich daran, was Widerliches vorgetragen wurde und man wußte nicht, wer hat recht, wer nicht, da hast du gerichtet, als ob der Herr im Richteramte saß. Zwischen uns und einem Seher gibt es Grenzen. Ich möchte heute unseren Herrn nicht fragen, wie das auszudeuten sei. Doch vielleicht …“

Rashi hält in seiner Rede inne. Da ist an der Türe ein Geräusch, und  der Vorhang wird bewegt. Beinah wie in Gottes Hütte, wenn Er kommt. Ob unsichtbar oder bloß im Wort – war das immer deutlich wahr­zunehmen? Man sieht nichts, eine Stimme klingt im Raume auf, wie aus tiefstem Brunnen steigend, aus einer Brust, deren Umfang nicht zu messen ist. Und ist ein sanfter Hauch, wie ein Lüftchen, das die heißen Stirnen kühlt.

Alle sind betroffen, selbst Samuel wagt nicht, nach der Stimme hinzusehen. Er erkennt das WORT. In sein stilles Dankgebet nimmt er seine Freunde mit hinein. Erst hört sich’s an, als ob ein hoher Geist im Auftrag Gottes kam, doch im Lauf der Rede ist zu merken: es ist der HERR!

„Gott sieht wohlgefällig auf euch nieder, euer Dienst befriedigt Ihn. Gewißlich denkt ihr recht, noch vieles wäre abzulegen, und das Vertrauen sei sehr mangelhaft. Das stimmt! Doch der Ewige bedenkt das Leben auf der Welt; und was es da an Hindernissen gibt, setzt Er in Seiner freundlichkeit von Schulden ab, hat kein böser Wille sie hervorgerufen.

Weiß Er nicht bestens, ob und wie ein Sohn, eine Tochter, hier zu kämpfen hat?, gegen Dinge, die das Leben auf dem Kampfweg mit sich bringt, gegen Feindliches, was auch mit dem Volk zusammenhängt, wie bei allen Völkern? O, es geht zwar um das Eigene des Seelenteiles, aus dem Finsteren herausgehoben, den die Lichtkindgeister auf sich nehmen, um das arme Rückbringstück einst froh und hochbeseligt in des Vaters Hand zu legen.

Euere Fragen sind nicht müßig, wenn ihr jetzt gar meint, unnötig war, über einen alten oder jungen Geist zu sprechen. Die gibt es in der Tat, und bei kleinem wisset ihr, wie des Lichtes Volk geworden ist: aus den Ersten jene Zweiten, aus diesen dann die Dritten und so fort; und in diesem Sinne gibt es wirklich alte und auch junge Geister. Allein —„

Ach, die ewige Stimme voller Gnade und des Heils, des Friedens, voll des unerhörten Segens. Da fallen sie auf ihre Kniee, in die Bärte rollen rasche Tränen. Keiner schämt sich ihrer; und könnten sie es sehen, wie Gott die Tränen sammelt, wie sie in Seinen Händen fangen an zu glänzen – oh -! Und wieder ist das Wort der Macht und Kraft gleich einem linden Streicheln.

„Meine Söhne, zwischen euch und Samuel zu unterscheiden ist ganz gut, was kein Höher- oder Niederstellen mit sich bringt. Das steht auf der Ebene gegenseitiger Dienstbarkeit. Besonders hier für diese Welt, dem Kernstück des Verlorenen, habe ICH die Großen samt allen Kleinen Meines Reiches eingesetzt, wo jeder an dem andern lernen soll, sich durch ihn mit zu ergänzen.

Die Kleinen, zwar in Hinsicht eines Ablaufs der Geschehnisse die Kleinen bleibend, ungeachtet dessen, sich von einem Schöpfungstag zum anderen vollenden müssend, stehen in der Dienstbarkeit mit auf gleicher Stufe wie die Großen, weil alle Meine Kinder einen Funken Geist aus Meinem Geist erhalten haben. Sie sollen lernen, sich den Größeren zu unterordnen, im Gefüge Meines Rechts, das jede Schöpfung bis zur eigenen Vollendung führt. Und Große müssen lernen, sich auf die Stufe ihrer Nachgeborenen zu stellen, wenn sie auch ein höheres Arbeitsamt besitzen.

Das ist die ,gesegnete Gegenseitigkeit’, zuerst im Licht gewesen und mit auf einen Opfergang herab getragen. So wird durch die über Meinem Opfergang die Finsternis erlöst. Samuel, schüttele nicht den Kopf, nie könne ja ein Kind, und sei es gleich der Ersten eines an dem Gnaden stuhl des Schöpfers, erlösend sein. Ich allein wäre der Erlöser! Genau, Mein Sohn! Soll Ich aber Meinen Kindern nicht die Freude schenken, dienend mitzuhelfen? Das hat mit der Grunderlösung nichts zu tun; denn gewißlich bin bloß ICH der ewige Erlöser, und das zudem von alters her (Jes.25,1; 63,16 u.a.).

Ich bin der Alte, der Erste, der ewigliche Letzte (Offb.1,11)! Ich eröffne Meine Tage, Ich beschließe sie! Gebe Ich einem Meiner Ersten einen Schlüssel, um für Mein Volk die Tagestüre auf- oder zuzuschließen, ist und bleibt es MEINE HAND, die dieses tut. Es ist alles ausgewogen, um die Seligkeiten Tag für Tag, von einem Lebens­sein ins andere zu erhöhen, was ja letzten Endes bloß im Reich des Lichtes möglich ist. Denn von dorther seid ihr ausgegangen, dorthin kehrt ihr auch zurück.

Wollt ihr erwägen, wer für des Lichtes freie Pflichtarbeiten vorn oder weiter hinten steht? Bei Mir gibt’s derart weder vorn noch hinten oder eine Mitte. Alle Dinge, vorab Meine Kinder, stehen auf dem einen Weg, den Ich aus Meines Bornes Tiefe schöpfte und ist’s nicht abzusehen, zu euerm Heil und Segen so getan, wie es auf eben diesem Pfad den Anfang und das Ende gibt.

Ihr versteht es nicht genau, dennoch ruht in eures Geistes Grund, Meiner heilserfülIten tiefe etwas angepaßt, das ewige Empfinden. Es sei so gesagt: Ewig, wie ICH ewig bin, seid ihr als Kindgeschöpfe nicht. Aber euer Geistanteil besitzt ein Ewig, weil ihr als Meine Lichtgedanken, in Mir geruht, voll Leben waret. Anders hättet ihr sonst nie zu einem personaliten Sein, zu eurer lebendigen Erweckung kommen können.

Wähnet nicht, da wäret ihr Mir völlig gleich, Geist von Meinem Geist, als Gedanken aus dem nie zu schauenden Quell der Mitternacht enthoben. Schon daß Ich sagte: ,nie zu schauender Quell’ kann euch die Leuchte setzen, welch großer Unterschied besteht, wie etwa, für euch im Gleichnis dargestellt, der Himmel von der Erde aus nicht zu erreichen ist. Und könntet ihr in eine höchste Ferne steigen – es käme für euch niemals eine Grenze, wo ihr sagen könntet: hier fängt der Himmel an, hier hört er auf.

Die hochgewaltige Unendlichkeit bin Ich! In Meinem Schöpfertum gibt’s vielerlei Geheimnisse, wie so das unzugängliche Licht weder zu betreten, noch weniger vom Kinde aufzunehmen ist. Meine Kinder können bis zum Rand des urewigen Lichtes kommen; und was sie da erschauen, aus dem Rand, wird sie immer in den für sie unzählbaren Schöpfungstagen so beglücken, daß sie gar nicht fähig sind, mehr aufzunehmen. Vollgefüllt werden sie am Abend aller Tage sein; und diese Fülle ist jeweils der Anfang einer weiteren Epoche. Wollt ihr mehr? Könnt ihr mehr ermessen?“

Samuel benutzt die kleine Redepause. Anbetend breitet er die Hände aus. „Herr, O Vater“ Gott, was Du heute offenbarst, übersteigt unser Denkvermögen. Doch im Gefühl ist wohl ein Raum vorhanden, um das Gesagte aufzunehmen, obwohl bloß das Ufer eines unermeßlich hehren Meeres unser Fuß betreten kann. Ja, Vater aller unserer Liebe, das ist von uns nicht zu begreifen, und ein ,mehr’ kann es für uns nicht geben. Wohlgetan – nach dem Maße Deiner väterlichen Güte, die das Maß für alle Kinder hat.

Du hast uns in die Höhe Deines Lichts gehoben, gewiß nur aus der Ferne anzusehen. Was aber ist das alles, da DU bei uns bist? Ist das nicht das Herrlichste von allen Deinen Herrlichkeiten?, ist das nicht das Ewigste von Deinen unzählbaren Ewigkeiten? Können wir einst seliger werden, wenn wir – von Deiner guten Hand geführt – zum Brunnenrand, der heiligen Geheimnisse gelangen, als jetzt, da wir Deine Stimme hören und Du uns sichtbar bist?

Das ist auch ein Wunderweg: erst hörten wir Dein Wort; und als wir unsre Seelen gänzlich aufgeschlossen hatten, nahmst Du Deine Hülle weg und sichtbar stehst Du mitten unter uns. Wie das vor sich geht, ist für uns das Heiligste von allen heiligen Geheimnissen, so wundersam, so ganz – ganz – -„ Samuel stockt, aus der überfülle des Gefühls versagt die Sprache, um auszudrucken, was das Herz zum überfließen bringt.

Gott öffnet Seine Hände einem Becher gleich, die Stimme steigert sich. Nicht im Laut, nein – im Wesen, das ER allein besitzt. „Ich sammele euer überfließen zu Meiner hohen Schöpfer-Vater-Freude. Wenn sich so die Kinder um Mich scharen, offenbare Ich Mich stets in höherer Art. Nicht wie Abelae eben denkt, ob Ich darauf warte, wie die Kinder sich um Mich versammeln, ob und wie sie ihre Herzen öffnen, um Mir nah zu sein.

Nein, Mein Sohn, von Mir aus braucht es weder eine größere oder kleine Offenbarung. Samuel hatte es ja recht erkannt, daß Ich eine Hülle fallen ließ, auf daß ihr Mich erblicken und nicht allein Mein Wort vernehmen konntet. Ja, ihr werdet staunen: Ich habe so viel Hüllen als Ich Kinder habe — unzählbar, wie alle Meine Dinge nicht zu zählen sind. Selbst Meine Namen bleiben für die Lichtgeborenen ohne Zahl, habe sie jedoch in dem einen Namen (OJ.19,13 u.a.) einge­fügt, damit die Kinder wissen:

Ich bin der eine Herr !

Davon wißt ihr nun genug und langt für eures Lebens Rest, bis sich einst das Himmlische euch öffnet. Bedenkt, was Ich erwähnte: Wäget nicht, wer für des Lichtes freie Pflichtarbeit vorn oder weiter hinten steht, unabhängig davon, daß ein Sohn, eine Tochter aus den erstgeborenen Reihen schwerere Arbeit leisten kann, womit für die Kleineren ein Anteil mit geleistet wird. Das hebt die Größeren nicht hervor. Und kann Ich nicht auch eines von den Jüngsten einmal in die vordere Reihe stellen? (s. Karmatha).

Recht und billig ist, wer es erkennen und auch anerkennen will, wenn die geführten Kinder mit den wenigeren Pflichten sich gern den höheren unterordnen, sie lieben und ihnen dankbar sind, weil sie ihre Mühe walten lassen. Samuel hat also einen größeren, sagen wir – älteren Geist als ihr anderen. Frage aber: seid ihr weniger be­seligt als Mein Prophet? Habt ihr weniger aus Meinem Wort, aus der Offenbarung jetzt empfangen? Hier steht ihr sieben wie ein Ring um Mich, wie Meine sieben Fürsten in der Arbeit um den Allmachtsstuhl sich stellen.“

Patael wagt die Hände auszustrecken, mit seinen Worten fließen seine Tränen. „O Herr, Vater übergroßer Güte und Barmherzigkeit, Du hast uns allesamt in Deines Lichts Gefilde hoch erhoben, wir können gar nicht mehr erfassen, als was die Fülle aus dem Gnadenborn zugemessen hat. Wüßten alle Menschen, wollten sie es dankbar aner­kennen, daß DU für jedes Kind die Fülle bist und gibst! Der Mensch ist leider allzu unzufrieden, und sogar auf geistigem Gebiet glaubt er, er könne immer mehr verlangen.

Bis in Ewigkeiten werde ich all das, was Du heute schenktest, nie vergessen. Ewig werde ich an diese Stunde denken. Und ob ich einmal bloß von fern Dich sehen, ob in gnadenreicher Nähe bei Dir stehen darf – niemals kann ich mehr erhalten, als was jetzt das Herz er­hielt, in den Geist vergraben habe. Eingegraben, lieber Vater, Du mein Herr, auf daß einst ein weiterer Same daraus keimen mag, Dir zur Freude, mir zur Seligkeit, und möchten viele Deiner Kinder auch die Seligkeit und Freude daran haben. Ist Dir das so recht, unser Heiliger von Israel?“

„Sehr recht, Patael. Da sei noch ein Wort gedeutet: Du hast im guten Sinn ans Volk gedacht und für diese Welt mag’s gelten. Israel aber ist das Volk des Lichtes! Nur den Namen habe Ich geeliehen, um dem Verlorenen, der sich abseits stellt (Sadhana-Luzifer), den Weg ins Vaterhaus zu zeigen. Er muß es hören und er spürt es auch, doch er verhärtet noch sein Wesen.

Um seinetwillen ward die Welt, wurde die Materie geschaffen, um seinetwillen euer Volk gesetzt. Was sich daraus für die ganze Welt ergibt, wißt ihr selbst. Man erhärtet sich, man will wenig Liebe üben, was auch ein Zeichen für den Hingestürzten ist. Heute sollt ihr wissen – später wird es sich noch tiefer offenbaren -, daß der Name eures Volkes ein geborgter ist.

Erkennet es, daß sich in der Materie wohl manches spiegelt, was im Reich des Lichtes ewige Beständigkeit besitzt. Wenn ihr euch in einem Wasser spiegelt, könnt ihr euch zwar sehen, wie ihr seid, das Bild des Wassers aber seid ihr nicht. Also ist’s mit all den Dingen, die Mein Licht in die Materie fallen läßt. Und das einzig und al­lein – wie gesagt – zum Heil der Abgestürzten, damit ebenfalls zu einem Heil der Menschen dieser Weit und anderwärts, beiden Arten, die von oben ihre Mithilfswege gehen, die von unten, daß sie die Erlösung finden.

Es hat also nicht bloß euer Israel erhalten, wie ihr von Abraham es wißt, Stern und Sand: Kinder aus dem Reich, Seelen aus der armen Tiefe. Die Menschheit hat von beiden Arten einen Teil. Jedes Volk hat eine Möglichkeit, sich vom bösen Machtwahn zu befrien. Ob man es freilich tut, ist eine Sache ganz für sich; und das seht ihr ja, an euerm Volk, wie man sich gebärdet.“ Absichtlich fügt Gott wieder eine kleine Pause ein, in welcher Ochnya es wagt, zum Herrn etwas näher hinzutreten.

„O Herr, wahrlich unser bester Vater, wie Samuel uns lehrte, wie und was Du bist. Dir danke ich für alle Deine Güte, mit der Du uns so reich gesegnet hast. Ich habe es erkannt, daß der Name unserm Volke nicht gehört. Auch meine ich, daß einst alle Völkernamen wie ein Spinngewebe verwehen wird.

Das aber ist mir herrlich aufgegangen: Das Volk des Lichts, Deine Schar, ist das von Dir geheiligte Israel. Da dieser Name hier auf Erden keinen guten Klang besitzt, wir haben vielmals selber Krieg geführt und neben manchen guten Leuten gibt es leider viele arge, verstehe ich es nicht ganz recht, daß er im Himmel gelten soll als von Dir gegeben. Oder – „Ochnya sieht Gott fragend an, im Blick die Bitte: Herr, erleuchte uns.

„Das will Ich tun“, blättert Gott die Bitte auf. „Sprach Ich von Meinem Volk – und es gibt in Ewigkeit nur dieses eine, wie Ich der EINE bin -, dann sollte Israel, euretwegen, auch aber für die Zukunft aller Menschen, es erkennen, wenn es wollte, daß all die Namen dieser Welt wie die Materie vergänglich sind. Richtig heißt die Kinderschar MEIN! Ich schuf sie Mir zur väterlichen Schöpfer­freude; das Volk ist Mein, und bedarf es ewig keines andern Namens. Wenn schon, für euch verständlich, so sei der Name umgedeutet in das heilige JESURUN (5.Mo.32,15; Jes.44,2 u.a.).

Mose hatte es als Ehre angesehen, würde Israel entsprechend leben. Es war jedoch ein Hinweis auf das Ewige. Spätere, nach Mose, nahmen an, Ich hätte damit euch gemeint. Wie Ich aus Meinen unzählbaren Namen einen Mir ersah, in welchem alle Meine Werke ruhn und den ihr noch nicht kennt (UR), so auch Meine Kinder. ­

Ihr habt noch Fragen, die ihr Mir stellen möchtet, doch denkt Rashi, es sei übergenug der Gnade, die ihr erhalten habt. An sich richtig, lieber Sohn. Ich gebe niemals wenig, auch wenn es einmal kurze Worte sind, mit und ohne Schau, wenn mitunter sich bloß euer Herz bewegt, als würde sich Mein Odem darin regen, ihr nennt es eine Eingebung, und es stimmt.“ Gott legt Rashi eine Hand aufs Haupt, Er sieht aber jeden aufmunternd an.

Rashi muß sich fest zusammen nehmen, um nicht umzusinken, so groß ist seine Wonne. „Herr der Liebe, ich kann nur wiederholen, daß wir heute mehr empfangen haben, als was unser Leben füllen mag. Du hast gesagt, wir könnten niemals mehr erhalten, als was an diesem Gnadentage uns zuteil geworden ist. Du hattest offenbart und Samuel hat es auch gelehrt, daß sich die Seligkeiten steigern, zumal, wenn wir die Welt verlassen haben.

Wie könnten wir als Menschen Deines Lichtes Reichtum je ertragen? Schon jetzt, Du siehst’s genau, drückt mich die ,Bürde Deiner Güte’ nieder. Hätten wir nun schon für alle Ewigkeit Dein höchstes Maß bekommen? Was erwartet uns dann einst im Reich? Freilich, an ein ,noch mehr’ läßt sich kaum denken, wenigstens vom Standpunkt meines weltlichen Empfindens aus betrachtet.“

„Gut besonnen! Ein wenig dachtest du, es wäre wie ein Widerspruch: heute alles, später einmal nichts, oder was der Mensch sich vorher nicht errechnen kann. Es ist kein Widerspruch. Bedenket das: Was Ich in der Offenbarung, in den Gnadengaben aller Dinge gebe, Meinen Kindern zubedacht, gibt es ewig aus Mir Selbst ein Höchstes, also weder mehr noch weniger.

Doch für jederlei Entwicklung angepaßt, gibt es Steigerungen und ist es wie mit Meinen Hüllen – unzählbar in ihrer Zahl. Daher ist für jetzt gesagt, daß ihr nicht mehr erhalten könnt; denn in jedem Meiner Worte liegt ein WERT der Ewigkeit! Wenn ihr das, was heute über euch gekommen ist, einst in das Lichtgefilde bringt, so wird’s euch sein, als ob in dem ,nicht oder auch noch mehr’ die Zunahme ewiger Seligkeiten aufzunehmen ist.

Ihr habt Mich gesehen nach dem Maße euerer Erkenntnis, aus dem Geist mitsamt der reifen Seele anschaubar. In euch wird das Anbild haften bleiben. Ihr werdet Mich dereinst nicht anders sehen als in der für euch gesetzten Gnadenzeit. Und dennoch – dann, vor Meinem Herrschaftsstuhl, dann wird euch sein, als hättet ihr Mich nie vorher gesehen, nicht während eures Wanderweges in der Materie. Alsdann habt ihr auch den alten Stand des Lichts zurückerhalten.

Werde Ich hernach’ ein heiligeres Gesicht besitzen?, werden Meine Hände anders sein?, wird sich die Gestalt verändern? O nein! Denn unwandelbar, wie es Mein Herrschaftswille ist, bin Ich Selbst in Meines Schöpferwesens Herrlichkeit!

Ich weiß, das versteht ihr nicht so leicht; doch sind eure Seelen lichtbereit, und was noch hie und da dem Dunkel gleicht, hat euer Geist in größerer Erkenntnis aufgenommen. Das verarbeitet er wie eine Speise, aus der die Seele ihre Kraft entnehmen kann. – So, nun hat Lamuor ein Wort zu sagen, und es kann das letzte sein, was euch weiterhin mit Mir verbindet.“

Wie freut sich Samuel, weil seine Freunde, einer wie der andere, vom Herrn so lieb gerufen werden, jeder ein Gespräch mit Gott, dem Vater, haben kann. Lamuor hat sich, beim nähertreten, hingekniet. Gleich tut es jeder nach. Mitsamt dem Herrn ist ein Ring geschlossen worden, wie es selten auf der Welt geschieht.

„Heilig – liebevollster Vater, mir bleibt keine Frage offen. Nur die Danksagung, Anbetung, die Hingabe an Dein Herz, Deine Führung, an das, was Du der ganzen Kinderschar zu jeder Zeit bereitest, will ich Dir bieten. Ich bin gewiß, daß all die Güte, die uns zuteil geworden ist, nicht allein uns sieben gilt. Bist Du ewig Herr und Gott, sind Deine Worte Ausdruck Deiner Werke, so ist auch der Segen aus der Offenbarung dem gesamten KindervoIk geweiht; und der Segen der Erlösung allen Armen.

Wer weiß, wieviel Ungezählte sich um uns – nein – um DICH versammelt haben, anteilig der herzlichen Barmherzigkeit. Es hat gewißlich die gesamte Schöpfung Dein hehres Gnadenwort erhalten. Darum lasse uns Dir danken, Dich loben, preisen, ehren, in Ehrfurcht, Liebe und in Anbetung. Ist einmal unser Tagwerk auf der Welt vollbracht, dann führe uns mit Deinem heilsgewohnten Willen in das Licht der Ewigkeit, ins Reich, um daselbst Dich anzubeten, wie es unser Geist vermag. Dank, Herr, o Dank!“

Auch Lamuor geht es wie den Freunden: das Herz quillt über, die Sprache ist versiegt. Allein im Innern jubelnd, still und stark, so drängen sie sich immer enger um den ,vielgeliebten Herrn’. Dieser hebt die Hände auf und segnet Seine Söhne. Er schenkt ihnen Kraft und Zuversicht. Auf Samuel ruht ein Blick, als ob es heißt: ,Bald komme heim!’ Der Seher spürt es auch. Statt irgend welcher Worte küßt er den Saum des heiligen Gewandes.

Lange knieen sie mit tiefgesenkten Augen. Nicht einmal der Seher nimmt es wahr, daß der Herr gegangen ist, in der Anschauung; nicht mit Seinem Segen, nicht in Seiner heiligen Allgegenwart. Als sie sich erheben, bleiben sie im Ring, wortlos Hand in Hand. Es ist ein Treuegelöbnis ganz besonderer Art, ihrem Schöpfervater dargebracht, und auch für das Volk, für alle Menschen.

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