Kapitel 12
Selber suchen und finden; freiwillige Pflicht; echtes Klagerecht; Gottes Höhe und Sein Wort dazu.
Der Älteste von Juda stützt die Stirne auf, ein tiefer Seufzer bricht aus seiner Brust. „Was ist?“ fragt Ochnya, „was bedrückt dich denn? „Auch die andern forschen nach des Seufzens Grund. „Der Herr hat uns so reich mit Seiner Gegenwart gesegnet.“ Bloß Samuel bleibt still, er sieht in sich hinein und ist’s ihm leicht, hierbei Gottes Offenbarung zu erkennen.
„Ihr fragt mit Recht, liebe Freunde“, erwidert Khemal auf die Sorge, die ihm zuteil geworden ist. „Gott hat mit euch gesprochen, jeder durfte Ihn befragen; mich hat Er übergangen. Und ich hatte etwas auf dem Herzen, das zu klären mir höchst wichtig erschien. Habe ich nun auch den Segen Seiner Gegenwart erhalten oder – nicht? Ich verneine es. Wenn wir doch bloß sieben waren und ihr sechs durftet reden, warum ich, der siebente, nicht? Also liegt’s an mir; denn GOTT daraus einen Vorwurf machen, wäre mehr als frevelhaft. An mir allein hat es gelegen.“
Jetzt fällt es allen auf, daß Khemal nicht zu Worte kam, nicht extra vor dem Vater seine Bitte niederlegen konnte. Das ,weshalb’ bedrückt sie sehr. Patael ist der erste, der rasch tröstend sagt: „Du darfst dir keinen Vorwurf machen, lieber Khemal. Im Stamm Juda gibt es jetzt niemanden, der so wie du auf Recht und Sitte sieht, überall, zu jeder Zeit den Herrn vertritt. Ich weiß ja nicht, warum du nicht zu Worte kamst“, Patael blickt auf Samuel, der noch in sich gekehrt am Tische sitzt, „das eine aber weiß ich ganz gewiß: du hast den gleichen Segen, die gleiche Liebe, dasselbe Gnadenwort erhalten wie jeder unter uns.
Vielleicht ist’s für uns eine Prüfung, nicht allein für dich, Khemal. Wäre es nicht möglich, daß wir in irgend einer Sache selbst zur Klarheit kommen sollen und du gerade dazu ausersehen bist? Er, der Heilige, hat uns gar vieles kundgetan; doch Er Selber sprach von vielerlei Geheimnissen, da freilich jene Seiner unergründlichen Wesenheit. Doch meine ich, es gibt auch solche, die Leichteren, die Er aus Seiner Güte uns, den Kindern überläßt, damit wir auch die Freude haben, zu suchen und zu finden. Sprich dich also aus, was du bedachtest, dann werden wir ja sehen, ob und wie der Herr auch dir die Antwort gibt.“
Khemal drückt Pataels Hände. „Ich nehme deine Tröstung gern in Anspruch.“ Man schart sich dicht um ihn, er soll fühlen, wie man ihm zur Seite steht. Die Anklage wider sich ist schwerwiegend und — gut. Leicht verklagt der Mensch den anderen ohne Prüfung, ob die Klage auch berechtigt sei. An sich selber sieht man lieber keine Fehler. Khemal tat es umgekehrt. Er belastet sich, auch vor Gott, wie vor seinen Brüdern. Wie hoch ihn das erhebt, das kann er nicht ermessen, und es braucht jetzt nicht zu sein. Einmal wird es ihm erkenntlich, wenn er, wie der Herr gesagt, wieder seinen Lichtstand eingenommen hat, wie jeder Reichsinsasse.
„Gott hat uns in manche Tiefe eingeführt, und wenn wir etwa auch nicht alles ganz verstanden haben, außer Samuel, konnten wir doch Seinen Worten folgen. Er hat die Fragen aufgeklärt, soweit vonnöten war. Nun sprach Er über etwas für mich Unverstandenes. Vielleicht habt ihr Brüder es erkannt. Weil ich es nicht vermochte, darum kam ich nicht zu Wort. Sicher ist es eine heilige Erziehung, weil man dadurch stets das meiste lernt. Wen GOTT erzieht, der mag innigst dafür danken. Ich tue es.
Ich bedenke jene freie Pflichtarbeit. Pflichten sind nicht frei getan, ganz gleich, ob in Fron oder wenn man jemandem zu Diensten ist. In beiden Fällen muß man eine Pflicht erfüllen, von freiem Tun ist dabei keine Rede. Der Herr hat das ‚freie‘ aber allzu sehr betont, worüber ich gestolpert bin. Natürlich hängt es irgendwie mit Gottes Reich und dem zusammen, wie ein Auftrag lautet, wie man dort die Pflicht erkennt und sie auch erfüllt. Immerhin — wo bleibt auch da das freie Tun?“
Jedem wird das Widersprüchliche bewußt. Aller Augen ruhen auf dem Seher, er kann diesen Knoten lösen. Für das weltliche Tun und Lassen wird‘s nicht leicht zu klären sein, aber für das Geistige — ? Gibt es da nicht andere Gesetze, andere Wege, und ein ganz anderes Empfinden, wie es materiell kaum möglich ist? Samuel hebt auf einmal sein Gesicht, die Hände breitet er ein wenig aus, als wolle er die Freunde allesamt umschließen.
Man sieht ihn wieder einmal staunend an, man kennt ihn ja so gut. Sein im Alter faltiges Gesicht wirkt immer lieb. Doch wie oft ist‘s wie ein fremder Schein, der über seine Stirne huscht, ihn so ganz verwandelnd, als ob plötzlich jemand anderer vor ihnen stünde, nicht Samuel, der Mensch.
Eben ist es wieder so. Ein starker Schein erleuchtet die Gestalt, diesmal nicht allein das Antlitz und bleibt doch den Freunden ganz vertraut. Für alle diese, die mit ihm den Lichtweg gehen, ist er stets der Seher Samuel und ein Bote Gottes. Seine Stimme gleicht dem linden Streicheln, ein wenig ähnelnd wie die gute Gottesstimme. Natürlich weltlich bloß bei kleinem. Niemand würde wagen, Samuel am wenigsten, das eigene Sein und Gottes hohe Art auf eine Stufe hinzustellen. Das gibt‘s auch nicht.
„Liebe Brüder, ihr habt, wiederum bewiesen, seit ihr in Amt und Würden steht, ihr von Rama ebenfalls, wie treu ihr mit dem Herrn verbunden seid. Ich sage nicht zuviel: Gott, unser Vater, hat eine rechte Freude über euch; denn Patael hatte recht geahnt, wir sollen selber einmal suchen, selber finden und hilft dennoch Gottes Gnadenwort. Aber weltlich stimmt‘s genau: eine Pflicht ist niemals eine freie Sache, man muß sie tun oder man begibt sich in die Irre. Und ein gedingter Knecht, der die Pflicht versäumt, für die er sogar Lohn empfängt, der wird gestäupt.
Da erst die Frage: Stäupt Gott Seine Kinder, die einer Pflicht nicht nachgekommen sind? Und was bedeutet bei Ihm solche Strafe? O, unser Khemal hat es schon gemerkt — die Erziehung! Eine solche kann schon schwer auf einem Menschen lasten, vor allem, wenn er es nicht weiß, nicht wissen will, wie heilsam ein Erziehen ist, was Gott uns damit angedeihen läßt.
So sieht bei IHM die Strafe aus und —“ Samuel sieht wieder wie in weite Ferne, „ — und ich mag nicht forschen, ob die Strafe, die wirklich auf uns allen liegt, weil wir Sünder sind, ER nicht Selber einmal auf Sich läd (Jes.53,5) und es sich zeigt, als ob wir unsere Übeltaten auf Ihn bürden, Er jedoch aus Seiner hehren Gottesfreiheit unser Böses auf Sich nimmt, auf daß wir Frieden hätten und als Geheilte in das Vaterhaus gelangen.
Hier ein Stichwort für die Klärung jener Frage, über die Khemal nicht zur Klarheit kam. Ihr anderen gleichfalls nicht. Erst durch das Leid der Seele, das er in sich trug, seid ihr Lieben aufmerksam geworden, wie wohl Gottes Hinweis über eine freie Pflichtarbeit zu deuten sei. Wir müssen eine strenge Unterscheidung zwischen Licht und Welt, zwischen Gottes Reich und der Materie erkennen und das Weltliche zur Seite schieben.
Materiell gibt‘s keine freie Pflicht, es sei denn, jemand handelt aus dem Geist, wo er zum kleinen Träger hoher Himmelsfreiheit wird, selbst wenn er es nicht wirklich spürt. Das Licht dem Licht, die Welt der Welt, mit der erweiterten Erkenntnis: das Licht auch in die Welt zu tragen, nie jedoch die Welt ins Licht.
Euch ist geläufig, als sich das erste Kind erhob, nicht mehr des Schöpfers freiherrlichem Willen folgen wollte, woraus dann der Fall geschah. Anders bei den Treuen, vorab die Fürsten, von denen heute Gott geredet hat. Auf ihnen lag allein die Pflicht, Gott zu lieben. Er hatte sie zuerst geliebt, und Er hatte Seine Güte ihnen zugesagt (Ps.33,4), Durch den Fall hatte das Verhältnis sich geändert.
Die Getreuen traten vor Gott hin und baten Ihn, für die verirrte Tochter das zu tun, was ihr oblag. Freiwillig legten sie ihr Kindgelübde auf den Herd der Herrlichkeit (Ps.50,14), und völlig frei wollten sie in die Materie niedersteigen, um mitzuhelfen, auf daß einst das arme Kind nach Hause fände.
Gott sprach: ‚Das würde für euch schwer, denn nicht nur sagen, das Tun hängt davon ab. Nicht eben wollen, und später, wenn es eine Last geworden ist, die Arbeit Mir zurückzugeben. Ich warne euch, es wird bitterlich! Glaubet nicht, daß in kurzem alles ausgeglichen sei. Noch könnt ihr diese Zeit nicht übersehen, die an der Pflicht und an der Arbeit hängen wird.‘
Da traten sie herzu, die Fürsten, und die Scharen standen hinter ihnen. Einer sprach für alle, denn sie waren einig vor dem Herrn, ‚Heiliger, der Du bereits als VATER uns begegnet bist und noch um vieles mehr in unfaßbarer Schöpfergüte, hast bloß angezeigt, was und wie es werden kann, wenn wir — ja, Vater, wenn wir freiwillig uns in Deine heilsgewohnten Dienste stellen.
Was wir tun, soll in der Liebe frei geschehen, die wir vom ersten Atemzuge an unser lichterfülltes Leben haben durften. Ist nun die Tochter in der irrgewollten Freiheit aus dem Reich geschieden, so wollen wir dafür in der von DIR gelenkten Freiheit dienen, Dir und also mit dem abgeirrten Kind. Nicht eine Pflicht als Bürde nehmen wir auf uns, keine Arbeit, die von vornherein als Last auf uns zu legen wäre, — nein, wir öffnen unsere Hände, nehmen selber alle die Beschwerden, einen Weg auf uns, ohne noch zu wissen, was sich daraus an Ach und Weh ergeben wird.
Doch ob allem Tun und Lassen leuchtet Deines Himmels Gnade über uns. Aus Deiner hehren Schöpfermacht hast Du die Kinder Dir geboren, hast sie zu Dir erhoben. Hier nicht sofort anheim gestellt, daß wir Mithelfer würden — die einzig wahre Hilfe gibst ja Du allein! —‚ wir treten vor Dich hin und bitten Dich: lasse uns mit helfen, was wir frei aus uns erfüllen können.
Vielleicht — ‘, sprach der Fürst des Willens“ — kann so einmal das Kind kein Widerwort erheben, brechen wir in seine Tiefe ein (Inkarnation in der Materie). Weder gegen uns, am wenigsten gegen Dich, o Heiliger, kann es aufbegehren, auch wenn böse Worte fallen (s. Sankt Sanktuarium 1.Teil), daß damit eines um das andere seiner Wesen aus der Finsternis herauszuholen sind.‘ —
So ist das gewesen“, sagt Samuel, sein Blick kehrt aus des Lichtes Firmament zurück. „Das — im Geistigen — ist die vom Herrn genannte ‚freie Pflichtarbeit‘. Weil die Getreuen einst so handelten, seit eh und je herabgestiegen sind, haben die Materie aufgesucht, gern für lange Zeit die Seligkeit des Himmels aufgegeben, darum gibt es auch auf Erden eine freie Pflicht. An Khemal, der die Schwierigkeit gesehen hat, wollen wir ein Beispiel nehmen.“
„Ich — ein Beispiel?“ Verwundert fragt es Judas Ältester, während seine Freunde es bejahen. Sie wissen, was er leistet. Samuel nickt bedächtig, freundlich lächelnd. ‚Ja, Khemal. Es soll zwar nicht hervorgehoben sein, wie die Menschen sich oft gegenseitig loben und im Innern sieht es anders aus. Das Recht ist aufzustellen, das gilt auch vor Gott.
Du bist der Vorsteher im Rat vom Stamme Juda. Da lastet viel auf deinen Schultern, wenn manche widerspenstig sind. Allein — nicht nur den andern hast du es zur Pflicht gemacht — man geht ihr gerne aus dem Weg — ‚du gehst voran. Du übernimmst nämlich mancherlei, was ein anderer zu erledigen hätte, um bei unserem Herrenwort zu bleiben: dessen Pflichtarbeit.
Du hast empfohlen, nicht als ein Pensum aufgestellt, jeder von den Ältesten soll in seinem Gau des Monats einmal nach dem Rechten sehen, so Hilfe nötig sei. Zur Freude: mancher tut‘s gewissenhaft. Völlig frei getan, weil das nicht zum Amt gehört. Du inspizierst die Gaue, obwohl die Ältesten dir Bericht erstatten müßten. Dabei tust du es auf solche Weise, daß es keiner merkt, um sie nicht zu kränken. Wirklich gut getan!
Was empfindest du, wenn der Wege Mühsal schwer zu überwinden ist? Es kam schon manches Wetter über dich und bist dennoch deinen Pfad gegangen. Wenn die Leute dich umringten und dir in den Ohren lagen, man sich balgte, weil jedermann zuerst vor dir erscheinen wollte, und so vieles mehr. Sei über meine Kenntnis nicht erstaunt. Nicht bloß aus dem Geiste kann ich euere Mühen sehen, es gibt Zuträger aller Art, teils, um euch zu rühmen, teils auch, um euch bei mir anzuschwärzen. Bei Letzteren gibt‘s manche Not, um die Dick- und Wirrköpfe zurechtzurücken.
Mitunter kam ein Seufzer, lieber Khemal, wenn es gar zu schwierig war und wolltest dennoch nicht die Ältesten belasten. Dann hast du obendrein gemeint, dein Seufzen wäre ungerecht vor Gott, es wäre ja dein Amt, ER hätte es dir anvertraut. Seufzen oder murren sind zwei ganz verschiedene Dinge. Das echte Seufzen hört der Vater an, aber murren kommt aus dem Gedanken: ist mir zuviel, ich will es nicht mehr tragen. Da freilich kann es kommen, daß der Herr ein Weilchen Seine Hände schließt — so für uns gesagt.
Daß der Schöpfer Seiner Werke wegen — wir sind ja Sein liebstes Werk — ‚ nie die Arbeitshände schließt, wissen wir, ansonst würden alle hehren Himmeiswerke und wir mit vergehen. Gerade diesen Unterschied habt ihr Freunde und noch viele der Getreuen nicht geprüft; es gab nämlich für euch nie ein Murren. Daraus entsprang dann etwas anderes, was, als ein Beispiel angesagt, unser Khemal oft empfunden hat: Dank und Freude.
Immer steigt der Dank aus seines Herzens Grunde nach oben, wenn ein Werk gelungen war, ein Weg überwunden, ein Dickkopf umgewendet werden konnte. Und noch: wenn die wirklich Armen seine Hilfe auch mit Dank entgegen nahmen. Alsdann kam die Freude ob des Amtes, das man aus des Herrgotts Hand erhalten hatte. Ah, ist nicht so gewesen, lieber Freund?“ fragt Samuel den Ältesten, wobei sein Blick die andern auch befragt.
Khemal sinnt ein Weilchen vor sich hin, sein edler Sinn will nicht hervorgehoben sein, auch nicht in seinem Amt. Er hat sich immer auf die arme Stufe, die der Bedürftigen gestellt, nach seiner Umkehr nie den Obersten herausgekehrt und auf diese Weise das Vertrauen vieler Leute eingeheimst. Also ist es ihm nun gar nicht recht, von Samuel in den Blickpunkt ihrer Freunde hingestellt zu sein. Langsam schüttelt er den Kopf und sagt:
„Woher du alles weißt, Samuel, braucht man nicht zu fragen und ich denke, daß das Zugetragene das Mindeste von allem ist, was du kennst. Mein Wort — sieht zwar aus, als wolle ich dir schmeicheln, weil du von mir Gutes sprachst — ist keine Schmeichelei. Wir, die wir an deinem Tische sitzen und viele aus dem Volke wissen es, wer und was du bist. Sagen wir für diese Welt: aus Gottes Macht Sein Seher, Sein Prophet! Für uns, die wir eng mit dir verbunden sind, bist du ein Mensch, wie es wenige auf Erden gab und wohl auch in Zukunft wenige geben wird.
Man hat dir Steine in den Weg gelegt, dich bitterlich gekränkt, dir Dinge nachgesagt, die nie in deinem Herzen lagen. Man hat dich beleidigt, du mischtest dich in Dinge, die nicht deine Sache wären und was weiß ich alles noch. Vielleicht — und das weiß ich wirklich nicht — hast du auch geseufzt, wenn man es zu arg getrieben hatte. Das eine haben wir jedoch gemerkt:
All die spitze Pfeile, nach dir abgeschossen, hast du mit Gebet und Flehen für die Feinde aufgefangen; die Steine, dir vor deine Füße hingeworfen, hast du fürbittend für die Werfer aufgehoben und sachte an den Wegsaum hingelegt, daß keiner drüber stolpern sollte. Die Beleidigungen aller Art hast du im heißen Ringen Gott in Seine Vaterhand gelegt und dabei gedacht: hier möge Er einmal die Hände schließen, damit in einer Abrechnung von dir aus keine Klage käme, denn wir wußten das ja ebenfalls:
Gott nimmt nicht oder bloß höchst selten den Verklagten vor, ab gesehen von der Abrechnung, die jede Seele haben muß, ansonst sie nicht gereinigt werden kann. Und wird sie nicht gereinigt, so kann sie in des Himmels Seligkeit nicht aufgenommen werden. Jedoch der Kläger wird verworfen! (OJ.12,10) Weshalb das eigentlich so ist? Wie etwa ist das zu erkennen? Ein uralter Rabbi, er ist inzwischen heimgegangen, hatte es mir so gedeutet:
‚Denke nicht, daß bloß der Verklagte Unrecht hat. Es gibt auch Kläger, die ihr eigenes Böses einem andern anzuhängen wissen. Weiß dann der Richter in der Sache nicht Bescheid, fällt der Verklagte in das Urteil, das dem Kläger anzuhängen wäre.‘ Ob das so stimmt?“ Khemal sieht Samuel fragend an. „Nun ja“, fährt er fort, „habe das mitunter festgestellt, daß ein Angeklagter schuldlos war. Leider nicht sehr oft.“ Jeder sieht auf Samuel, es wäre wissenswert, eine Klarheit zu erhalten, um auch selber Recht zu sprechen, ohne dabei irr zu handeln.
„Der Rabbi hatte eine tiefe Schau“, bestätigt Samuel, „Ich bin ihm mal begegnet und sah in seinem Augenspiel ein gutes Licht. Ja, der Mensch meint zwar, der Angeklagte muß verurteilt werden. Der Kläger wählt sich meistens einen Richter, der ihm zuzustimmen weiß und nicht darauf achtet, was der Angeklagte sagt. Das ist weltlich und wird es häufig bleiben. Allein — es gibt noch ein anderes Recht, das hohe Gottesrecht!! Das steht am Himmel angeschrieben. Ob es jemand lesen kann oder nicht, ob es viele ganz absichtlich übersehen, ändert niemals Gottes Recht!
Der angegebene Himmel ist das Gewissen. Das sagt dem Kläger samt Beklagten, ob man Unrecht hat, ob man die wohlverdiente Strafe auf sich nehmen muß. Oft ist es freilich gut, so für unsere Welt, wenn Bösewichte abzustrafen sind. Doch wäre mit der Strafe eine Zucht, die Erziehung anzuwenden. Strafe ohne jede andere Mühewaltung hilft sehr selten, einen Übeltäter auf den rechten Weg zu bringen. Nun sehen wir es einmal anders an, nicht vom Standpunkt unserer Welt, sondern von der hohen Gotteswarte aus. Gerade hierin hatte dieser Rabbi wahr gesprochen.
Wo gibt es einen Menschen ohne Sünde? ohne Fehler?’ der von sich sagen könnte: ich bin rein vor Gottes Angesicht? Solche werden wir auf dieser Welt nicht finden, es sei denn: GOTT SELBER käme auf die Erde wie ein Mensch, um alle zu erlösen (als Heiland)! Er allein könnte vor dem falschen Forum hoher Weltlicher sagen: ‚Wer kann MICH einer Sünde zeihen?‘ (Joh.8,46)
Allerdings, wenn Gott um irgend eines Werkes willen käme — und Er wird es einmal tun —‚ dann ist ER ohne Sünde! Bloß würden viele sagen: Kunststück, Du bist auch Gott! Wissen wir jedoch, wie der Herr Sich geben würde, ob Er auch Menschliches auf Sich nähme, um zu beweisen, daß der Mensch, mindestens so gut als möglich, aus bestem Willen rechtlich leben kann? Unser Volk hat dafür Tatsachen aufzuweisen und meine ich, es wird auch anderwärts so sein, daß die ‚Leuchten des Himmels‘ für andere ihre Pfade wandeln, um beispielhaft voranzugehen.
Ich will nebst Abraham nur einen nennen: Henoch! Wir wissen, daß Gott Selber von ihm sprach: unsträflich hat er gelebt, weshalb von ihm die Rede ist, ein ‚ganzes Leben‘ ausgefüllt zu haben. Es steht geschrieben: er lebte 365 Jahre (1.Mo.5,23), so viele Jahre, als ein Weltjahr Tage hat.
‚Unsträflich‘! Heißt das ohne Sünde sein? Seht, weil sich Henoch ganz in Gottes Führung gab, Seinem Willen nachgekommen war und in jeder Weise recht gehandelt hat, seine Leute gläubig führte, darum wurden seine sicher wenigeren Sünden ausgestrichen, es bedurfte keiner Strafe, die bei Gott ‚Erziehung‘ heißt. Es sieht in dieser Moserolle so geschrieben:
‚Dieweil er ein göttliches (gerechtes) Leben führte, nahm Gott ihn hinweg, und er ward nicht mehr gesehen!‘ (V.24)
Wer verklagt, der sollte sich streng prüfen, ob und wo es bei ihm selber mangelt. Es ist gut, Übeltäter, die böswillig stehlen, andere verleumden (2.Mo.20,17), jemanden beraubt oder sogar tötet, der gerechten Strafe zuzuführen. Da bedarf es weniger der Klage, als mehr des Beweises; und ein ordentlicher Richter kann das Urteil fällen. Bei GOTT sieht es natürlich wieder anders aus. Er weiß es ja, was wir für ein Gemächte sind (Ps.103,14) und wie manches Leben bitter zu ertragen ist.
Wo eines Menschen Seelenkraft durch Last und Bürde überfordert wird, mag alsdann vor den Höchsten hintreten wer da mag (Hiob Kap. 1 u.a.), der Heilige wird jeden dieser üblen Kläger kennen und von Seinem Angesicht verweisen, bis sie zur Einsicht kommen und sich selbst verklagen.—
Genug: Der Vater hat uns suchen und auch finden lassen, dafür wollen wir ihm dankbar sein.“ Der Prophet stimmt ein großes Loblied an, und die Männer fallen ein. Er hat es sie einmal gelehrt, ihre starken Stimmen hallen weit hinaus ins Land, gehört und ungehört, in jeder Hinsicht aber voll des Segens.
„Laßt uns nun besprechen, wie wir weiterhelfen können, damit das Volk nicht ganz zugrunde geht. Saul muß gebändigt werden, und der David ist zu schützen. Ob wir selber es vermögen?“ Selbst Samuel ist jetzt ungewiß, die Härte Sauls ist allzu groß. Allein, das legt er auch dem Herrn in Seinen Willen, ER wird es führen, doch noch ein gutes Werk zu tun.
„Du willst nach Engedi, in die Wüste, um David aufzusuchen? Das ist viel zu schwer für dich“, sagt Ochnya und jeder stimmt ihm zu. „Schon bis zur Wüste ist‘s gefährlich; Sauls Schwärme greifen jeden auf, von dem man meint, es wäre Davids Freund. Zieht zudem jemand in die Richtung, fällt er diesen Fängern in die Hand. Gehe nicht, Samuel, bitte, gehe nicht!“
Lang währt das Schweigen, das sie sonderlich bedrückt. Niemand wagt, es zu unterbrechen. Samuel Sitzt ohne Regung da. Ob er die Bitte seiner Freunde überprüft? Fragt er Gott, wie er jetzt handeln soll? ER hatte ja geboten, ihm in Freundlichkeit anheim gestellt, nötigenfalls auch sein Leben einzusetzen, um der Willkür Sauls zu steuern. Kann er als Mensch denn wirklich helfen? Darf er verzagt und mutlos sein? Alles Fragen, die sein Herz durchpflügen wie mit einer scharfen Schar am Pflug.
Horch, da ist‘s wie eine Stimme: „Tue, wie du willst; vergiß nur nicht das gute Wort des Herrn!“ O wie schämt sich Samuel, bloß ein paar Augenblicke lang zu zögern, Gottes Willen auszuführen. Ehe er darüber reden kann, hören auch die Freunde diese Stimme: „Wer Gott vertraut, der mag ins Höllische der Menschen niedersteigen, er kommt nicht darin zum Fall! (Dan.K.3 u. K.6 u.a.)
Gibt der Höchste ein Gebot — sagt an, wer will dawider sein? Hat ER nicht ungezählte Engel, daß einer unter ihnen tut, was der Mensch versäumt? Warum verzaget ihr, die ihr des Vaters Worte hörtet, Ihn gesehen habt, Er euch Seinen Segen gab? Und hat stets geholfen!
Ihr Freunde bangt um Samuels Leben; wollt ihr ihm jedoch den Weg versperren, zwar liebevoll getan? Liegt nicht euer aller Leben in des Höchsten Hand? Wer will mit Ihm rechten, was besser sei, ob der Herr zu viel verlangt, ob und ach so vieles mehr, was der Mensch an Argumenten vorzubringen weiß. Wollt ihr Wunder sehen, wo schon euer Leben eins der höchsten Gotteswunder ist?
Die Völker dieser Welt stehen auf und sinken ab, ihre Herrscher fallen allesamt ins Grab. Auch euer Israel! Klammert euch nicht allzu sehr daran, trotz eures guten Sinnes, den Gott, der Heilige, mit Seiner Freundlichkeit besieht. Nichts bleibt auf dieser Welt bestehen, außer zeitlich, was jedem Ding gegeben ist — vom Schöpfer der Unendlichkeit! Überlegt es, wie ihr handeln oder gegen Gottes Willen euch erheben wollt.
Sein heilsgewohnter Wille wirkt auch jederzeit bei denen, die sich sperren; da erfüllt er sich nur anders als bei dem, der sich freudig Seiner Führung anvertraut. Ich sehe euer schwer gebeugtes Herz, ihr seufzt zu Recht: warum haben wir – – ? Diesmal ist sogar das Murren angebracht, weil wider euch gerichtet und bringt‘s da einen extra Segen ein; denn dabei ist der Mensch schon vollstens auf dem Umkehrweg.
Bei euch in Hinsicht eurer Bitte, Samuel möge ‚diese Löwengrube‘ meiden, die Gefahr, die mit dem Weg verbunden ist. Merkt auf: Über jederlei Gefahren steht des Schopfers Hilfe! Und wenn ein Mensch sein Leben läßt, das äußere, das ohnehin einmal verweht, so geht des Geistes Leben nie verloren. Tauscht nicht das Weltvergängliche euch ein und verliert dabei fur lange Zeit das Leben in und aus der Gottes Ewigkeit‘
Laßt Samuel allein, kommt zurück, sobald der Herr euch ruft. Das geht nicht an euch vorbei, ihr seid ans Himmlische gebunden, so wie es auf der kargen Welt meist wenige vermögen. Aber schon ein dünnes Bändchen hält der Vater fest, die Seelen gehn Ihm nicht verloren. Habt ihr bereits ein starkes Band, so müht euch trotzdem weiter, auf daß es immer stärker wird, ein Seil, an das ihr manche kranke Seele auch mit heften könnt.
Wenn ihr wüßtet, wieviel Seile aus dem Lichte kommen, ihr würdet staunen und euch freuen, obwohl wenige es sehen. Das Unsichtbare ist die Wirklichkeit, das Sichtbare, was vor euren Augen gaukelt, ist schon in sich selbst vergänglich. Ihr fühlet es, was euer Herz bewegt, sehen könnt ihr es nicht! Geht ihr eurem guten Führer nach, dann habt ihr Gottes Unsichtbares gegen alle noch so schöne Welt, Reichtum, Glanz und Ehre aufgenommen, habt dafür den ewigen Gewinn erzielt. Den haltet fest, den lasset nicht mehr los, hütet ihn wie ein köstlichsten Besitz; denn er ist von Gott die höchste Gabe mit, den Menschen, allen Kindern hergeschenkt!
Nun nehmt den Segen eures Vaters in Empfang, den ich euch bringen soll, und Seine Kraft und Seine Hilfe. Behaltet das Vertrauen und ihr behaltet Gott! Seid getrost!“ Es ist das Wehen aus dem Geist, das von der allgemeinen Menschheit seltenst mal beachtet wird. Doch immer wieder gibt es Leute, und diese hängen wohl an jenen Seilen, von dem das ‚Wort‘ gesprochen hat, jedenfalls eben dann und wann des ‚Lichtes Lüfte‘ spüren.
Genau so geht es Samuel und seinen Freunden. Es dauert eine gute Weile, bis sie sich besinnen können. Einer nach dem anderen steht auf, still verlassen sie den Raum, in dem Samuel voll innerlicher Regung sitzen bleibt. Sie begeben sich in Abelaes Haus, das ein paar Wegminuten außerhalb des Ortes steht. Da sind sie ungestört. Auch hier lassen sie sich wortlos nieder, bis der Hausherr einen Wein kredenzt, der endlich ihre Zungen löst.
Lamuor von Gad sagt verhalten, als wolle er noch immer jenes Wort nicht stören, als dürfe Gottes Segen nicht vermindert werden. „Es war wunderbar! Wer auch die Botschaft brachte, man braucht es nicht zu wissen, es war GOTTES WORT! Es klang, als wäre Er es Selbst gewesen, der uns zurechtgewiesen und obendrein getröstet hat. Ich frag‘ mich selbst, wie wir dazu gekommen sind, Samuel von seines Lichtes Pflichten abzuhalten.
Gewiß, es wurde uns zum Guten angerechnet, es war unsere Sorge um den Seher. Denn glaubet, Freunde: manchmal ist es mir, als wenn mit Samuel, wird er abberufen, auch unser Volk verloren ist, daß es niemals wieder einen echten Weg nach oben findet. Sicher werden nach ihm andere Himmelshohe kommen, sonst wären nicht die vielen Seile angedeutet worden. Es mag dann welche geben, unserem Seher ebenbürtig an Licht und Kraft, am Vermögen, Gottes Wort und Heil in die armselige Welt herabzutragen.
Ja, ich weiß, Ochnya, gehörst ja mit zu unserm Ort, zu Benjamin, die Erde ist vom Schöpfer reichlich ausgestattet worden. Wenn man bedenkt, was jedes Jahr die Ernten bringen und des Wunderbaren viel, David soll es schon besungen haben: ‚Die Erde ist voll der Güte des Herrn‘ (Ps.33,5), da kann man bloß noch danken und immer wieder danken, ein Leben lang.
Ich meinte nicht die Erde, die GOTTES ist, sondern was einst aus dem Fall entstand und mit Welt bezeichnet wird, die Weltlinge, die dem Diesseits frönen. Deren gibt‘s in Israel genug. Immerhin — was kommt nach Samuel? Und David—? “ Lamuor hebt die Schultern. „Er mag ja tüchtig sein, besser als Saul jedenfalls. Ob er so bleibt, wenn die königliche Macht und Pracht, vor allem das Regieren ihn umgarnt? Vielleicht bleibt er dem Volke gegenüber gut, ob stets in seiner Nähe, im eigenen Tun und Wollen?“ Ein Atemzug, der die Frage in die Länge zieht.
„Im Letzteren gewiß“, stimmt Patael zu. „Man sieht‘s an all den Herrschern, soweit wir diese kennen, und die Vergangenen, wie die Kunde aufzuweisen hat. Erst sind die meisten treu, wollen besser handeln als die Vorderen; sind sie dann im Regiment, sinkt das gute Wollen in das Grab. Nun — warten wir es ab, ändern können wir die Zukunft nicht; sie ist dem Heiligen überlassen, Sein herrliches Regiment hört niemals auf. Welch ein Trost für uns, für die ganze Menschheit bis in ihre letzte Abendzeit!
Etwas steht uns näher, wenn Samuel geht, ich gehe mit. Ihr seid sicher auch dabei? “ „Selbstverständlich“, ruft Rashi aus, „es wäre ja auch viel zu schnöde, blieben wir zu Hause und ließen unseren Gottesmann allein des Weges ziehn. Man würde uns das schlecht vermerken. Wer von unsern Stammestreuen Samuel die Straße gehen sieht, und die meisten wissen es, um was es heute geht, da hängen sie wie Trauben ihm an seinen Fuß.“
„Das wäre sogar gut“, meint Khemal, „Sauls Bewaffnete könnten gar nichts ausrichten. Hunderte können sie nicht niederstoßen. Sind wir dabei, wir müßten dann voraus und neben unserer Gruppe bleiben, und beritten sein, um rasch einzugreifen, wo es dringend nötig wäre, so halten sich die Schergen ohnehin zurück, gegen Sauls Gebot. Denkt nicht, daß die alle treu zum König stehn. Ein Wort — und sie kehren ihre Spieße um —‚ gegen Saul und dessen Wenige, die dann noch zu ihm halten werden.“
„Ist meine Meinung auch“, bestätigt Ochnya. „Es sind schon lange etliche bei mir gewesen, geheim und sogar mit Angst. Sie befragten mich, ob nicht Khemal oder ich ein König werden wollten. Auf David könnten sie nicht bauen, er sei zu jung und fraglich, ob er recht regieren könne. Hingegen wir, die Ältesten — — Nun ich wehrte ab, daß wir als Älteste zwar mancherlei vom Regiment verstünden, aber David ward gesalbt, nicht wir, erklärte ich dem Mann, der möge ja beruhigt sein, er und auch die vielen anderen, die bald auf einen Umschwung warten.
Vielleicht — sprach ich die Hoffnung aus, käme alsbald eine Änderung, verriet ihm aber nicht, daß Samuel zu David gehen soll. Wir wissen es bereits, hat sich nur hinausgezögert, weil David in den letzten Monden oft die Bleibe wechseln mußte, um Saul auszuweichen.“ „Wenn er plötzlich losgeschlagen hätte“, überlegt Abelae, „ob nicht doch die meisten Männer sich um ihn geschart und somit Saul schon längst erledigt wäre?
„Hm, möglich schön. Man sah Davids Jugend noch als Hemmschuh an. Auch mußte erst das Volk erleben, daß der von ihm gewünschte, der erzwungene König absolut nicht brachte, was man ersehnte: Ansehen vor den Feinden, Reichtum, besseres Leben und das ‚harte Joch der Ältesten‘ abzuschütteln war. Nun weiß man es, daß unser Joch kein hartes, immer ein gerechtes ist, dank noch vielem, was Mose und auch Josua uns hinterlassen haben.
Ich denke an die Richterin Debora (Bibel) von Gott erwählt, so wollen wir auch an den Herrn uns halten.“ „Ja, Khemal! Samuel sagt sicher, was ihm heute an Gnade widerfahren ist.“ Sie trinken ihren Wein, ein paar Worte hin und her, und auf einmal ist es so, als ob jemand sie von ihren Stühlen höbe. Sie überkommt ein starkes Drängen: auf, zu Samuel!
Dieser blieb in sich gekehrt, mit nagenden Gedanken, weshalb er nicht gegangen sei, ob nicht die Angst ihn hinderte, Gottes Worten nachzukommen. Wie er noch so sinnt, berührt ihn eine Hand. Beinah erschrocken sieht er auf, er fühlte sich verlassen wie noch nie in seinem Leben. Das bezog er bloß auf sich, auf sein Versagen, seine Fehler: Gott gegenüber. O sieh — ein Licht!
Aus ihm tritt die Gestalt heraus. Ach — die Abrechnung. Die ist aber Gottes Sache ganz allein. Samuel kniet nieder, fast fällt er hin, greift nach dem Kleidersaum, um sich anzuklammern, murmelnd: „An den Kleidern ist nichts fest, sie bieten keinen Halt. Allein — Gottes Saum — ? Der ist eine starke Stütze.“
„Samuel, Ich habe keinen Grund, mit dir abzurechnen, wie du zwar in guter Demut denkst, weil du Mein Lichtgebot ein wenig übersehen hast. Welchem Menschen widerfährt das nicht? Sind Meine Kinder auf dem Weg durch die Materie oft sehr belastet, hinzu, daß sie von vornherein an Meinem Herrschaftsstuhl die Würde, ihre Seligkeit, ihre längst erworbene Kindschaft aufgegeben, MIR zurückgegeben hatten, wodurch sie eigentlich ganz ‚leer‘ die Finsternis betraten, wie sollte Ich es nicht ermessen, wenn ein Schritt, der Gehorsam und ein Werk daneben gehen?
Gewiß ist‘s besser, wenn man Mein Gebot befolgt, ohne Frage: was wird werden? Fragen darfst auch du, Mein Sohn und Seher. Weil du die Frage MIR in Meine Hände legtest, Mich in schweren Weltendingen walten läßt, daher brauchst du nicht betrübt zu sein, wenn nun ein bißchen Weitzeit dir verloren ging, nicht Mir, Samuel!
Kann Ich denn keinen kleinen Fehl geradebiegen? Sollte Mir nicht möglich sein, den getreuen Kindern immer wieder aufzuhelfen, daß sie ihr Opfersoll erfüllen, um einst ihr Segenshaben zu erhalten? Du bejahst es gern, wohl mit einer kleinen Einschränkung, die Meine Güte gern betrachtet: ein Ausgleich zwischen Soll und Haben wäre ohne Meine Güte, Gnade, Liebe und Barmherzigkeit nie möglich. Ganz recht! Bedenke aber das:
Diese vier, wie zudem jede andere Wunderfülle Meiner Wesenheit für allesamt, haben in Gerechtigkeit zwei Grade, jenachdem für wen und um was es dabei geht. Der erste Grad ist immer lichtbedingt, in diesem liegt auch kein Verzeihen, wie es an sich der Materieweg sowohl für die Getreuen wie für die Hingestürzten aus der Finsternins allseits bedingt. Wo ein Sohn oder eine Tochter sich Mir willig anvertraut, sich unter Meinen segensvollen Willen stellt, wie sollte denn ein kleines Unvermögen, ein Versehen auf dem schweren Mithilfsweg gewogen sein?
Sicher — es wird alles abgewogen, von Mir eben auch mit zweierlei Gewicht, was keinesfalls bedeutet, daß Meine Güte, Meine Gnade, Meine Hilfe zwei verschiedene Grade haben: für die Getreuen einen reichen, für die Verirrten einen kargen oder keinen Lohn. Natürlich richtet sich der Lohn nach einer Arbeit, sonst würde Meine Grundgerechtigkeit nicht stimmen.
Der zweite Grad fundiert auf Meiner ewigheiligen Erlösung, die Ich längst bedacht, längst vorgesehen habe (Hebr.9,12; Jes.63,16), die Ich wirken ließ, bevor ein Fall geschah. Das verstehst du jetzt noch nicht, die höhere Erkenntnis dafür ist dem Lichtreich vorbehalten, wenn die Arbeitskinder ihre Heimkehr haben. Bloß das eine sei gedeutet:
Als SCHÖPFER sah Ich es voraus, was ein bedingter freier Wille, selbst innerhalb des Raumes Meines Herrschaftswillens, mit sich bringen könnte, wenn Ich eben freie Kinder haben wollte. Als VATER inbegriffen GOTT-und PRIESTERwesenheit wirkte Ich zuvor, damit in einem schwersten Fall kein Kind verloren ginge. Noch sind ihrer viele aus der armen Tiefe fern, noch geht mancher von den Treuen auf den Wanderwegen irr, strauchelt, oder tappt in eine Falle, die der Abgewichene zu stellen weiß. Jedoch alles, Samuel, ist in die Erlösung eingebettet.
Wer hat Mein Volk aus Meiner Herrlichkeit herausgehoben? Das war ICH allein! Steht ihm demnach nicht zu jeder Zeit des Vaterhauses Türe offen, sobald nur jemand ernstlich strebt, sie zu suchen und im rechten Augenblick zu finden? Bin Ich ein verborgener Gott, nur von ferneher (Jer.23,23), wie gar mancher es sich wünscht: O wäre Gott recht weit entfernt, um nicht zu sehen, was da vor sich geht! oder bin Ich stets ein Gott der Nähe? ! Wo ist für Mich Selber denn ein Nah, ein Fern — ?
Bist du je allein gewesen, Sohn aus Meinem Ordnungsstrahl? Frage: wieviele Menschen in der Mühsal still des Weges ziehn und weltlich einsam sind. Gerade diese sind in Meine Nähe eingeschlossen, ob sie es merken oder nicht, das bleibt sich gleich.
Du bedenkst mit großem Dank: nie wärest du allein gewesen, Meine Nähe hätte dich zu jeder Zeit beseligt, erst recht in Dingen, die sich nicht gleich lösen wollten, wenn du verkannt und angefeindet wurdest, wenn man jeden guten Willen, jedes bessere Tun verleumdet hatte und dir Fälschlichkeiten unterstellte.
Also wirst du auch die letzte Strecke, die mancherlei Gefahren birgt, weder ohne Mich noch ohne deine Freunde überwinden. Und das Blutvergießen unter Brüdern, wie du befürchtet hast — da warte ab, ob nicht Meine Rechtshand aus dem Willen Meiner Schöpfermacht am Werke ist, jene Macht, die jederzeit die Hilfe bringt, geistig und auch weltlich, wie es für jeden nötig ist.“
„Vater, darf ich wieder fragen? Mir liegt sehr viel am Herzen: die Freunde, die Widerwärtigen, das Volk, und auch Saul, der Deine Gnade bitter braucht, freilich wie wir alle, Deine Menschen auf der Welt. Mir geht es mit um David. Du hast ihn auserkoren und noch bin ich in dem Wissen nicht ganz sicher, weshalb Saul zu salben war. Er kam in einen schlimmen Schrund.
Hast Du es gewollt, daß er König wurde, mußtest Du es wissen, in welch Verderben er gefallen ist. Belehre mich, lieber Vater. Zudem David? Ihn mußte ich in Deinem Auftrag vorerwählen und noch steht‘s nicht fest, was einmal aus ihm wird.
Wegen seiner Jugend wird er wenig anerkannt. Einige seiner Lieder (Psalmen) habe ich gehört. In ihnen schwingt ein tiefer Glaube, das Hochrecken nach der Gnadenhilfe. Bleibt er so, dann wäre diese Wahl für Israel ein Sondersegen. Sie stünde allerdings zur Wahl des Saul wie Tag und Nacht. Das hatte mich bedrückt.“
„Und noch mehr“, sagt Gott so freundlich, daß Samuel sein Augennaß nicht hemmen kann. „Wegen David mache du dir keine Sorge, ganz ‚ohne‘ geht es bei ihm auch nicht ab. Der Weltglanz blendet, wobei die Frage wiederum berechtigt ist, warum Ich, Der ja der Menschen Weg vom Aufgang bis zu ihrem Niedergang ersieht, die Wahl der Könige bestimmte, mindestens es duldete, und weiß, daß sie an ein falsches Ruder kamen. Achte auf, Mein Seher!
Keiner braucht der Könige wegen Mich zu fragen: Warum hast Du …? um MIR es anzukreiden (1.Mo.3,12), als Allwissender hätte Ich es sehen müssen, was für ein Übel daraus wird. Jetzt frage Ich: Habe ICH für Israel wie für jedes Volk die Könige bestimmt? Ganz gewiß ist‘s gut und in Meiner Ordnung, wenn ein Volk oder eine Sippe sich von jemand leiten läßt, der mit starkem, gutem Geist das Recht bewahrt und ein Unrecht auszumerzen weiß. –
Sinnbild dessen, wie Ich Mein Lichtvolk lenke, das Gute und das Recht bewahre, das Unrecht — wie bei jedem Kindesfall — zur Läuterung hinausgewiesen habe. Nie zum Verderb, Samuel, einzig und allein zur Rettung der Verirrten! Welcher Menschenlenker auch so handelt, ist von Mir erwählt. Anders hier bei Israel.
Du weißt doch, was in Silo vor sich ging. Ließ man gelten, ob es in Meinem Willen wäre, da Ich der oberste Regent von allen bin? Ob Mein Tun für jeden gleich zur Wirkung kommt, liegt an ihm selbst. Aufhalten kann kein Mensch Mein Tun! O, man forderte mit häßlichem Geschrei, es soll ein König kommen wie die Heiden hätten und nennt sie schimpflich so. Wie diese vor MIR stehen, ahnt man nicht (OJ.14,6; 21,42 u.a.). Man sieht auf sie herab und stellt sich durch die Forderung auf ihre Volkschaftsstufe.
Du bist Mein Seher und kannst es doch nicht wissen, wie Ich Meine Willenswege wandele und ob Ich — unverständlich auch für dich — auf der ewiglich geraden Willensbahn auch Bogen gehe, für Unverbesserliche, für die falschen Fordernden, die das echte Fragen und das gute Bitten längst verlernten. Wundert es dich noch, wenn sich aus der Forderung der Menschen bloß ein Ungut zeigt?
Einen weltlich König wollte man. Den hat das Volk erhalten, ohne Meinen Willen, wohl aber — und das zum mißverstandenen Heil — nie zur Verderbnis. Geht dabei ein Volk für diese Welt zu Grunde, dann verweht, was aus der Weltmaterie entstanden ist. Ewig bleibt der GEIST, Meine Macht, und unter diesen jedes Kind, gleichgültig, ob es sich spreizt, Gehörsam Mir zu leisten. Weißt du, was Gehorsam zu bedeuten hat?“ (1.Sam.15,22; 1.Petr.1,22 u.a.)
„So genau, wie DU ihn setztest, kann ich es nicht wissen, lieber Vater. Was fehlt, wirst Du mir wo nötig noch erklären. Aber eines ahne ich: Der Gehorsam ist die freie Liebe Deiner Kinder, die sich Deinen Händen allzeit unterstellen und somit unter Deinen Wegen, Deinem heilsgewohnten Willen stehn.
Unterwürfigkeit, wie sie die Mächtigen der Welt verlangen, gibt es bei Dir nicht. Du hast von Anfang an, als damals die Entscheidung fiel, es allen Kindern freigestellt, bei Dir zu bleiben oder mit dem Hingefallenen sich abzuwenden.
Gerade diese Freiheit war die höchste Bindung an Dein ewighehres Ich. Die Vielzahl aller Lichtgeborenen waren ja bereit, bei Dir zu bleiben, frei, dennoch herrlich angebunden an die Offenbarung Deiner heiligen UR-Wesenheit. Das war wohl der richtige Gehorsam. Diesen aufgenommen und man ist im Grenzraum Deines Willens, frei im Geiste unserer eigenen Person. Gilt das ungefähr?“
Samuel schlingt die Arme um die Hüften Gottes, erstmals, daß er dieses tut. Ein wonniges Gefühl geht durch den Körper und er weiß es doch: es ist der mit Gott verbundene Geist, die Seele, das Gemüt und Lebensherz, ‚Kind aus Gott‘, das solches spüren kann. Selig, o selig ist der Mensch schon hier auf Erden! Gott legt wieder eine Hand aufs Haupt des Sehers.
„Bis auf einen Strich bist du der Wahrheit nah gekommen, und Ich sage dir: dieser ist kein Manko, er ist von allen Seligkeiten stets der Teil, der dem Lichte vorbehalten bleibt. Ein Mensch, der sich Mir ergibt, kann viel aus der Geheimnisquelle schöpfen, aber alles nie im Gang durch die Materie. Das, Samuel, habe Ich so vorgesehen und bestimmt: Kommen Meine Wanderer zurück in ihre Heimat, in ihr Vaterhaus, dann sollen sie die Vielzahl aller Herrlichkeit erleben. Oder sollte Ich zu ihnen sagen:
Leider habe Ich nichts für euch aufgehoben, Meine Lade, in der Ich eure Kindschaft aufbewahrte, ist ganz leer. Mit dem, was ihr bisher erhalten habt, ist für den Rest des Liebetages auszukommen. Wie arm wäre Ich, der nichts mehr geben, nichts mehr schenken könnte. Was auf den Wanderwegen sich erringen läßt, ist das, was ein Mithilfskind zuvor besaß, ehe es in die Materie ging, um in einem Mitopferweg zu helfen. Zusätzliches des Opfers wegen.
Du sagst, man könne allen Ernstes Mir nicht helfen, ansonst wäre Ich kein Gott. Ja, Mein Sohn! Jede Hilfe, die ihr leistet, dient den Verirrten und Verwirrten, den absichtlich Bösen, die in ihrem Falle triumphierten, man hätte MIR den Widerpart gesetzt. Oh, das taten sie, nur merkten sie es nicht, daß sie damit für sich selber widerpartlich waren; denn so hatten sie von sich aus die Verbindung mit dem Schöpfer aufgegeben.
Das tat Israel, indem es sich den König dieser Welt erzwang. Wenn du meinst, es hätte Mich gereut (1.Sam.15,11), so wegen jener, die vor Freude heulten, man hätte Mich bezwungen. Und heute —? Darüber geht dir eine weitere Leuchte auf, weil mit dem erst erzwungenen Herrscher gar nichts anderes folgen konnte, als immerzu ein Regiment der Welt. Bloß darum sandte Ich dich aus, gnädig einen Besseren zu wählen, als Saul es ist. Ob mit dem ‚Besseren‘ es wirklich besser wird, erlebst du nicht; doch geht es dir schon durch den Sinn: gar nichts wird besser werden, weil, wenn sich ein Berg bewegt, er nicht mehr aufzuhalten ist.
Ob Meine Macht nicht einzuschreiten wüßte? O, kein ärgster Berg der Dämonie, und wenn er scheinbar alles unter sich zermalmt, hält — MEINE GNADE — auf! Das sei gemerkt! Wie sich diese zeigt, danach frage niemand! Aber eines kann ein jedes Kind, das Meinen väterlichen Willen in Gehorsam anerkennt: es kann dieser Gnade glauben! Wer das tut, der hat stets den Segen aus der Gnade!
Noch eines sei erwähnt, dann kommen deine Freunde, und Ich rate dir: laß sie tun, was sie sich vorgenommen haben; auch sie stehen in und unter Meinem Gnadengeist.“ „Du, geliebter Vater, rätst das Beste“, dankt Samuel, „ich möchte immer Deinen Rat befolgen.“
„Schon recht, darin lag auch mit, weil du Meinen Saum erfaßtest, meinend, er wäre eine starke Stütze, obwohl Kleider so in ihrer Art nichts Festes bieten. Bedenkst du, was den Körper deckt, dann stimmt‘s; da ist nichts Festes dran außer nur ein Gürtel, der Kleid und Mantel hält. Alles Materielle ist wankende Materie.
Anders ist bei den Kleidern, die man im Empyreum trägt. Wohl sind sie gleichfalls weich, weicher als die schönste Seide, die man schon zu weben weiß. Bei Mir im Lichte gibts nichts Hartes. Jedoch alles das, was zur Freude und sogar zum Nutzen dient, ist in der Ewigkeit konstant, unvergänglich, wie nichts in der Materie jemals unvergänglich ist.
Du tatest also recht, dich am Kleidsaum anzuhalten, anzuklammern in der fröhlichen Gewißheit: habe ich den Saum des heiligen Gewandes in der Hand, dann habe ich ein Stück von meinem Gott in Händen. Und IHN halte ich ganz fest. Ja, schon Mein Saum, das, was die Kinder aus der Gottesheiligkeit ertragen können, ist so viel, daß ihr nie es übersehen könnt! (Jes 6,1)
Wenn du im Tempel zu Licht-Heilig stehst, wirst du seinen Umfang sehen, innen und auch außen. Hebst du aber deine Augen auf zu Mir, so offenbart sich schon im Saum das Unendlich Meines Wesens, dazu jene Fülle, die Ich der Kinderschar bereitet hatte, als sie noch in Meinem UR-Geist schlummerten. Genug!
Viel hast du gehört, und übermittele es deinen Freunden samt dem Segen, den Ich auf euch lege, und die Kraft, den nicht leichten Pfad zu überwinden. Meine Gnade ist zu jeder Zeit mit euch!“ Wieder merkt der Seher nicht, als Gott geht und ist Sein heiliggutes Wesen doch im Raum geblieben.
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