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Kap. 2 – Die Palme, ihre Freunde, und was zuerst geschah

Kapitel 2

Ein häßlich trüber Tag schleicht durch das Land. Die Tiere und die Vögel flüchten unter Bäume, die sich bis zum Boden beugen. Manche Hütte ist zerborsten, viele Wege sind verweht. Das Trostlose der Natur legt sich beklemmend auf die Menschen; dazu die Last, fast zwanzig Jahre drückend, in den letzten Tagen noch verschärft. König Jabin, in Hazor residierend, hat eine neue Steuer abverlangt, von den Armen nicht mehr aufzubringen; aber auch den reicheren Leuten fällt es schwer.

Das Synedrion hatte noch, nachdem Fürst Jizri und die Freunde es verließen, über Nebensächliches gestritten. Die Hauptpunkte: Israel unter eine Hand zu bringen, das Joch zu brechen, rissen jedem, der im Rat geblieben war, die Maske vom Gesicht. Nun soll am übernächsten Tag verhandelt werden; denn ohne volle Amtszahl gibt es keinen gültigen Beschluß. —

Jizri hatte angeregt: „Morgen auf zur Palme.“ Den Geheimen ist das Schlüsselwort bekannt. Beritten sind es von Silo bis zur Palme knapp drei Stunden. Doch sie sind zu Fuß, der Weg ist aufgeweicht und harter Sturm zerrt an den Kleidern, wirft sich den Wandernden entgegen, und neue Regenschauer prasseln nieder.

Ungeachtet dessen stapft man weiter, Barak an der Spitze. Jizri, Salthiel, Matthanja, Gibbar, Bichras aus Levi und Elam aus Ephraim folgen. Nach mühseligen Stunden gelangen sie ans Ziel. Ein Hügel zwischen Gilgal und Bethel, von Bergen west-, nord- und ostwärts wie umschirmt, daher mit Pflanzen förmlich überwuchert. Er heißt Palmenhügel, weil an seiner Südseite bis fast hinauf viele schlanke Palmen wachsen.

Unterhalb des Hügelkopfes steht ein schönes Haus. Es ist mäßig groß, doch geräumig, von den Wetterseiten her durch einen dichten Kranz von Bäumen und Gesträuch geschützt. Dorthin streben jetzt die Männer. Der Anstieg aus dem Süden, der den Sturm blockiert, wird leichter. Man atmet auf.

Kaum angelangt, wird die breite Türe aufgetan. Ein dunkelhäutiger Midianiter hilft aus dem nassen Überzeug. Ohne Unterwürfigkeit sagt er: „Die Herrin wartet, und das Mahl ist Zugerichtet,“ „Woher wißt ihr so genau, daß wir heute kommen?“ Elam stellt die Frage. Barak lächelt: „In diesem Haus kein Wunder.“

Am Eingang schließt sich eine Nische an, wo man sich — wie eben jetzt bei bösem Wetter säubert. Durch einen feingewirkten Vorhang gelangt man in die Halle, in der es mehrere Türen gibt. Eine Stiege führt ins obere Geschoß. Schon hier weht jeden Kommenden ein Odem an — woher? — mit welcher Kraft — ?

Inmitten der Halle steht eine edle Frau. Ihre Schönheit strahlt aus ihrem Wesen. Das Schönste an ihr ist die Freundlichkeit. Die sieben Männer neigen sich, als stünden sie vor ihrer Königin. Dem Midianiter Charkros winkt sie zu; er bringt ein silbernes Tablett mit Wein und weißen Broten (1. Mo. 14, 18). Sie reicht den Angekommenen einen Bissen Brot, nimmt selbst ein Stück und trinkt vom goldenen Pokal, den sie vom Ältesten bis zum Jüngsten weitergibt. Erst dann sagt sie:

„Willkommen, Freunde! Mein Haus ist euer. Stärket euch.“ Salthiel sagt gerührt: „Wir danken dir, Debora. Mit Recht nennen wir dich ‚Palme‘. Rein, zum Himmel strebend, fanden wir dich vor. Ich danke unserm Schöpfer, daß Er damals unsere Füße zu dir lenkte, als wir fast zerbrochen wären von der eigenen argen Hadersucht. Wäre diese nicht — niemand könnte Israel besiegen. Aber so — ?“ Er hängt eine wehmutsvolle Geste an.

Man müßte meinen, Debora wäre gleichfalls ernst; auch gäben die Verhältnisse der Trauer recht. Sie lächelt sonnig, nimmt den alten Obmann bei der Hand, und indem sie ihn zur Tafel führt, die im Saale rechter Hand der Halle wartet, sagt sie, ihr Haupt leicht zurückgebogen zu den übrigen:

„Der HOHE brachte uns in Seiner Wunderherrlichkeit zusammen. Das ist zum Freuen, nicht zum Weinen. Denn die Last, um die es geht, ist jener Lichtanteil, von dem man wenig Ahnung hat. Und unsere Oberen? Ja — “, perlt ihr Lachen, „die verstehen‘s nicht. Das Hohe Licht ist aber nicht nur Geber, es will auch etwas haben. Rein vernunftgemäß müßte jeder Mensch bedenken, daß er nicht nur nehmen kann. — Aber stärkt euch erst.“

Beim Essen wird nicht viel geredet, nur Allgemeines, freundliche Fragen an die Diener, die wie gute Kinder ihrer Mutter helfen. Dann befiehlt Debora eine Stunde Rast. Der junge Barak widerspricht; er brennt darauf, das vorzutragen, was er erlebte und erlauschte. Er hat sich ihrer ‚Gottes-Sache‘ völlig hingegeben. Sie dämpft den jugendlichen Eiferer:

„Dem Ehrwürdigen“, sie meint Salthiel, „gebührt die Rast.“ „Dein guter Frauenwille gilt“, lenkt Barak ein. „Es wäre nur“, er zögert kurz, „eine rasche Nachricht abzusenden.“ Deboras Blick geht in den trüben Tag hinaus. „Eine Stunde könnte fehlen, gewiß; doch die Hand des Hohen leitet uns.“ — Man versammelt sich in einem Raum, der Wohlbehagen schenkt.

„Was gab es gestern im Synedrion?“ fragt Debora nach dem üblichen rituell gesprochenen Gebet. Fürst Jizri gibt einen Überblick. Des Hohen Rates Männer sind Debora gut bekannt, deren Sinn und wie sie sich gebärden. Auf den Hinweis, daß wiederum Versammlung ist, sagt sie: „Es wäre gut, Jizri, Bichras, Elam und Matthanja gingen hin, so ihr wollt. Zudem ist das Wetter morgen besser. Es wird mancher Topf zum Sieden, bis zum Überlaufen kommen. Haltet euch zurück; aber haltet nicht den Mund.“

Eigenartig, man läßt sich von der Frau befehlen. Im letzten Jahre hat man aber oft erprobt, wie sicher sie das Volk und dessen Leitung übersah. Ihr, der Männer, gut geschultes Denken blieb gar manchen Schritt zurück. Da erkannten sie: GOTT hat im Unglück ihrer Zeit die Frau gesendet. — Noch ist‘s nicht öffentlich bekannt; aber das ist Gottes Wille.

„Dein Gebot wird gern befolgt“, sagt Elam eifrig. „Es ist kein Gebot. Nur EINER, der Hohe, gebietet uns! Was jemand übermittelt, das soll anerkannt und danach gehandelt werden als sei es ein Gebot des Herrn. Ihr erlebt es bald, liebe Freunde, wie es sich erfüllen wird. Kommt zurück“, mahnt sie herzlich, „ab dem dritten Tag wird allerlei geschehen. Übermorgen habt ihr Zeit, euer Eigenes auf etwa eine Woche zu bestellen.“

„Du denkst an alle und an alles“, lobt Salthiel. „Ah, in meinem langen Leben lernte ich nicht einen Menschen kennen, der so wie du gehandelt hätte.“ Errötend winkt Debora ab. „Ihr seid ebenso wie ich und . . . “ „ . . . durch dich geworden, gute Palme“, unterbricht Fürst Jizri. „So?“ fragt sie erstaunt. „Ich meinte, der HOHE hätte uns erzogen.“ Dem gibt man recht.

„Was Delajah anbelangt“, spricht sie weiter, „habt ihr ihm recht guten Widerpart gesetzt. Laßt ihn noch am Ruder bleiben, aber nicht allein. Er soll zeigen, was er kann, richtiger: was ihm nicht mehr möglich ist. Dann wird sich alles wenden.  über Jahr und Tag sieht es im Volke anders aus.“

Salthiel murmelt: „Wir ertrugen Jabin zwanzig Jahre; das letzte wird des Fluches Hefe sein.“ „Es ist kein Fluch“, besänftigt ihn Debora. „Was das Volk sich selber setzt, muß abgegolten werden. Eine bittere Geburt, wo es um Tod und Leben geht! Doch sie haben‘s so gewollt, die Dünkelhaften, das sture Israel. Kein Wunder, wenn sie der eigene Fluch verwirrt.

Einsicht kennt man nicht; die Schuld wird andern aufgebürdet. Hat man keinen, dann dem Herrn! Obzwar nicht voll bewußt, so denken viele: Er kann‘s ja tragen, Er ist der Allmächtige. Ihm tut‘s nicht weh! —— Diese Narren, diese Häute! Innen hohl und leer, so schwätzen sie dahin, Gott wird es ihnen zeigen. Wartet in Geduld. — Was gab es aber noch?“ wendet sie die Rede.

„Nichts nennenswertes“, berichtet Bichras. „Sie wollen durchaus Krieg.“ „Der kommt eher als sie denken, nur nicht zu jedermanns Gunsten. Der Hohe hilft nicht ihretwegen.“ „Ich bin immer froh“, sagt Bichras, „wenn ich zum Palmenhügel komme. Doch des Volkes Not, die Übergriffe des Synedrions, — o Debora, welche Lasten! Du nennst sie Lichtanteile, die man allgemein nicht ahnt, zumal die Oberen, wie du sagtest. Doch ich muß gestehen, daß mir die Symbolik auch noch nicht geläufig ist.“

„Das ist nicht schwer“, mengt sich Barak ein, der, seiner Jugend wegen, sich sonst lieber fragen läßt. „Wie meinst du es?“ fordert Salthiel ihn auf. Man hört Barak gerne zu. Seine Stimme klingt männlich, meist gehalten, manchmal sogar kindlich. Er redet nicht belehrend, als er sagt:

„Gottes Güte gibt den Lichtanteil, den wir hier wie Lasten tragen dürfen, die zumeist vom Ungehorsam der Geschöpfe kommen, die sich einst vom Schöpfer abgewendet haben, aber auch von Menschen. Leicht wäre Ihm, alle Lasten Selbst zu tragen. Ja — Er sammelt sie zu einem Zeichen (Kreuz), das — einst aufgerichtet — alle Last der Sünden auszugleichen weiß (Hebr. 9, 12).

Doch als Bürde läßt der Schöpfer jenen Teil, der sich durch das Böse selber weiterpflanzt — was die Bösen aber nicht entlastet — von den Treuen tragen (S, 134, 2 – 136, 1), die Gott dienen und durch Welten wandern, um auf solchem Opferweg von jener Last soviel als möglich aufzulesen. Das ist der Lichtanteil, durch den die Last zum Ausgleich kommt. Man trägt sie still in sich; denn nur so wird sie ein Gnadenteil und -mittel für Gefallene.

Nur durch den Geist geheiligt kann man beten: ‚Gott-Vater, Du weißt, für wen es gelten darf. Decke es mit Deiner Hand und laß den Anteil DIR ein Opfer sein.‘ So, aus eigenem Geist, wird jede Bürde leicht und jede Last zum Segen werden.“ „Fein!“ lobt Debora. „Für jetzt genügt dein Wort; es kann daraus in jedem Herzen eine Ähre und ein Fruchtbaum wachsen.

Nun wollen wir die Bürden tragen; und der HOHE läßt uns in Sein Heiligtum — innen, meine Freunde, einstens in der Wirklichkeit des Reichs, das wir Menschen Himmel nennen. Erzähle, Barak; nun wir von den Lasten hörten, wird mancher Seufzer unterbleiben, der dem Hohen nicht gefällt. ER hilft, die Last in echter Dienstbarkeit zum Segen umzuwandeln.“

Barak steht unwillkürlich auf. Was ein paar Wochen sein Begleiter war: Verantwortung und Kühnheit bis zum Todesmut, bricht sich auf diese Weise Bahn. Die Palme lächelt, wie ein Wind, der des Waldes Wipfel kost. „Setz‘ dich“, sagt sie so sanft, daß Baraks Seelenkrampf sich löst, der ihn plötzlich überkam. Er tut es, und nach tiefem Atemzug beginnt er zu berichten.

„Ich ging nach Sichem und da . . .“ Kann man Fragen stellen — wenn du es für richtig hältst“, wendet Gibbar sich Debora zu. „Hier ist kein Synedrion, wo es weniger um Klarheit als mehr um Zwischenrufe geht. Frage jeder, wem es angebracht erscheint“, sagt sie wie immer freundlichen Gesichts.

„Warum hast du ihn allein in dieses Schlangennest gesandt? Oder hast du außer uns noch andere Getreue?“ „Die habe ich“, gibt Debora zu. „Wir trafen keine bei dir an; stets waren wir nur sieben und die Heimlichen vom Volk.“ „Ganz recht! Ihr seid die Wurzel. Die ‚fremden Freunde‘ kommen meist bei Nacht, zu euerm und zu ihrem Schutz. Was das Schlangennest betrifft, werdet ihr ja hören, was sich in ihm zugetragen hat.“

„In Sichem ging ich in das angegebene Haus“, erzählt Barak. „Ich fragte nach dem Kison; der Hüter hob die rechte Hand, als scheuche er ein Tierchen fort. Das Zeichen für die fremden Freunde. Drinnen saßen Sichems Älteste und manche, mit denen man durch keine Wildnis geht, Artham, Hattus und Delajah unter ihnen. Als sie mich sahen, verbargen sie den Schreck. Gelegen kam, daß es eine Karawanenschenke war; nicht nur für mich“, klingt es wie leiser Hohn, „denn Delajah fragte gleich:

‚Wo kommst du her? Wolltest du dich auf dem Wege stärken wie wir auch?‘ Er trank seinen Becher hastig aus. ‚Wir müssen weiter‘, sagte er. ‚Willst du nach Silo, so schließe dich uns an; noch bist du zu jung, um allein zu reisen.‘ Ich sagte nebenher: ‚Vielen Dank! Ich besorge etwas für die Muhme; nur familiäres, was ich zu verrichten habe. Und hier bei uns, wo die Obersten geordnet handeln, braucht man auf dem Weg nicht bang zu sein.‘ Da zogen sie die Hälse ein wie Tiere, wenn es donnert.

Sie blieben aber; Sichems Erster lud sie ein. Ich ging, um nicht aufzufallen. Der Hüter warnte mich; und bald kam einer nach. Erst fern der Stadt blieb er zurück. Dann kam ein Midianiter, der — wie ich — nach dem Bache Kison fragte. Demnach ein getreuer Schatten. Er führte mich ins Herbergshaus des Sichemer, wo ich des nachts vernahm, was man beschloß. Ach Debora und ihr Freunde, hätte ich das nicht mit eigenem Ohr gehört, ich glaubte nicht, hätte man es mir erzählt.

Sie beschlossen, Jabin eine Kriegsverbindung anzutragen, mit ihm gemeinsam alle Stämme auszurotten, Hab und Gut, die Weiber und die Kinder aufzuteilen, zwei Drittel für den König, ein Drittel für Israel, natürlich für die Obersten. Fünfzig Jahre soll das Bündnis Geltung haben. Man hatte auch schon einen Gänger (Spion), der am andern Tag zu Jabin reiten sollte.

Er heißt Nephath, ein Mischling, dreißig Jahre alt. Man hatte ihn danach gefragt. Und dann klirrte Geld; jemand zählte lang in einen Sack hinein. Der Midianiter, Diener bei dem Obersten von Sichern, holte mich bald ab.“

„Hast du Midian auf deiner Seite?“ Fürst Jizri fragt Debora. „Du weißt — “ „Israel hat schlecht an diesem Volk gehandelt; es wäre zu verstehen, gebrauchten sie das falsche Wort: Aug‘ um Auge, Zahn um Zahn! Sie tun es nicht. Ich war bei ihrem Fürsten vor zwei Jahren, am Aelanitischen Gewässer. Ihr solltet jetzt davon erfahren, wenn Barak ausgeredet hat.“ Dieser sagt:

„Der Diener brachte mich zu einer Hütte, von wo ich unbehelligt weiterkam. Das geschah, bevor die Sonne aufgestanden war. Anderntags traf ich in Endor ein. Dort brodelt es; man weiß kaum Freund und Feind zu unterscheiden. Und Spione sitzen da; nur sitzen sie nicht fest, wenn größere Beutel winken. So hörte ich, daß Nephath schon nach Hazor aufgebrochen sei.

Ihm sofort nachzufolgen, dagegen hatte unser Hoher einen Riegel vorgeschoben. Eine Woche später ritt ich auf Kedes zu. Überall, wo nötig, tauchten unsere fremden Freunde auf. Wandernde gehen nur in Schwärmen, da einzelne und Grüppchen überfallen werden. Sisera hat die Leute schlecht in Zucht. Auch viel Gelichter macht sich in der Gegend breit.

Vor Kedes umdrängten mich vier Reiter. Geliefert, dachte ich; und hinterher: Hat der Hohe mich erwählt, die Palme mich gesandt, wer ist wider mich? Ich ritt weiter, als sähe ich sie nicht. Endlich sagte einer: ‚Palmen habe ich am liebsten.‘ Da wußte ich Bescheid und nickte ihnen zu: ‚Besonders jene auf dem Hügel.‘ Wir ritten bis zum Runden Platz in Kedes. Manch scharfes Auge lag auf uns, mancher Schatten folgte nach. Vom Herbergshof führte ein Begleiter unsere Pferde fort.

Wir bekamen einen Raum für uns. Der älteste der Begleiter sagte mir, es sei vorgesorgt. Als ich nach dem Auftraggeber fragte, lachte er mich aus: ‚Du kommst von ihm; wie magst du fragen?‘ Daß welche lungerten, auf uns zu passen, war mir gewiß; nicht aber, wie wir die Verfolger abzuschütteln hätten.

Der Alte holte neue Mäntel, mit denen wir wie Jabins Offiziere wirkten. Durch Winkel und durch Höfe ging der Weg. Wir landeten in einer Schenke, die allein für Jabins Höchstbedienstete und — für Spione offen war. Die Königlichen sprachen ungeniert. Da vernahm ich folgendes:

Drei Tage mußte Nephath warten, ehe Jabin ihm die Antwort gab. Fragen nach dem Inhalt schwirrten durcheinander. Einer grinste:

‚Man hört‘s fast auf der Gasse. Ich war dabei, als der König jene Rolle schreiben ließ, er nähme Israels Gelöbnis an, zwar nicht gleich auf fünfzig Jahre; er könne ja nicht wissen, ob sein Partner dann noch lebt. Klar‘, rief der Schwätzer, ‚der Schafbock sieht den nächsten Frühling nicht.‘

Man rief, dies sei dem widerlichen Israel ganz recht. Jabin hat befohlen‘, fuhr jener höhnisch fort, ‚sich in drei Monden längs des Kison einzufinden, sein Feldherr würde alle Schlachten leiten. Die vorgesehene Teilung sollte gelten, ihm zwei, und Israel, wenn es das Treffen überlebt, ein Drittel. Sisera würde mit dem Truppengros am ‚Knick‘ des Kison stehen, Israel sollte südlich Sunem geschlossen darauf zu marschieren.‘

‚Die Falle klappt! Jabin riegelt nord- und ostwärts ab. Will man entweichen, wenn man den verbrannten Widder riecht, bleibt nur der Übergang vom Kison. Doch die Regenperiode füllt um diese Zeit den Fluß, linksseits hemmt das Nordgeklüft des Karmel jede Flucht. Da werden wenige entrinnen. Ha, wir freuen uns auf diesen Tag!‘ riefen sie voll argem Hohn und Haß, und die Becher wurden auf den Sieg des öfteren geleert.

Nun wußten wir genug. Wir tranken mit, wir schwenkten auch die Becher. Abseits Kedes blieben wir drei Tage. Einer brachte frische Pferde und auch anderes Gewand. Das war sehr nötig. Immer wieder kamen welche, teils aus Delajahs, teils aus Jabins Lager, um uns auszuhorchen, was wir trieben.

Endlich konnte ich es wagen, zum See Meron aufzubrechen, Meine Wächter ritten bis vor Hazor mit. Der Alte blieb bei mir, die andern sorgten allerorts für meinen Schutz. An Jabins Hof wimmelt es von Fremden: Perser, Syrer und Philister und noch andere. Einige sahen den Chaldäern ähnlich, hatten aber einen fremden Laut, wenn sie miteinander sprachen.“

„Das sind Sumerer“, klärt Debora auf. „Ich lernte welche bei Fürst Su-el-Kambynos in Midian kennen. Sie sind seine Horcher. Nur ein Rest des einst tüchtigen Volkes existiert. Es war teils die Wurzel der Chaldäer.“ Barak berichtet weiter: „Jabin suchte schlau, mich zu verwirren. Als er hörte, daß mein Auftrag mündlich auszurichten sei, schoß sein Zorn wie eine Mähre fort. Mit Vertrauten beriet er sich; dann forderte er mich unter schwerster Todesstrafe auf, meine Kundschaft darzutun.

Als er sie hörte, rief er hämisch: ‚Noch ein Zug von Israel!‘ Ich spürte ja, wo hinaus er wollte, ob ich etwas davon wüßte, fragte deshalb ruhig: ‚Wieso noch ein Zug? Ich versteh‘ dich nicht, König Jabin.‘ Er nahm mich fest in seine Zange; doch die Kraft des Hohen war bei mir.

Zu der Botschaft lachte er, Debora. Er nahm an, daß, wenn ich das erste Angebot nicht kenne, so auch mein Auftraggeber nicht. ‚Hier kann ich mir die Rolle schenken. Sage deinem Auftraggeber: In drei Monaten befolge ich den Rat, den du ausgerichtet hast. Allerdings wird möglich sein, daß ich dann einen Rat erteile, der wirklich zu befolgen ist. Denn aus deiner Kunde höre ich die Warnung und — ein Gegenspiel. Verstanden?‘

Er ließ mir sogar eine Gabe überreichen. Da er dachte, ein Mann hätte mich gesandt, war es diese.“ Barak entnimmt seinem Reisesack ein ziseliertes goldenes Trinkgefäß, mit Silber ausgegossen. „Ich bedankte mich und durfte gehen. Hinter mir erscholl ein häßliches Gelächter.

Ich irrte durch Gemächer und hörte wieder jenes Lachen, das mir nachgeschmettert worden war. Hinter einem Vorhang hing ein Relief mit einem schmalen Schlitz und — ich sah des Königs Kabinett. Ein Lauscherplatz für unsichtbare Zeugen. Allein, hier stand ich mit dem Tod auf du und du. ‚Doch ist der Heilige mit unserer gerechten Sache‘, und ich blieb, ‚dann hat ER mich ja hierher geführt.‘ Eben sagte Jabin:

‚Hihi, die Esel alle miteinander! Einer hebt den andern aus, der despotische Delajah und der Geheimnisvolle. Aber beide schütten wir in einen Sack! Ha, was gilt‘s? Der Wind von Hazor weht sie weg. Der Wind bin ich!‘ schrie er wütend, ‚ihr habt mir zu helfen, unbequeme Hengste abzuhalftern.‘ Letzteres bezieht sich auf Sisera mit, denn er sagte weiter:

‚Sisera soll sie hauen. Ist dessen Mannschaft dann vom Marsch und Kämpfen müde, werden meine Schwärme‘, so nennt Jabin seine eigene Elite, ‚ausgeruht das Letzte tun. Die Männer kennen jeden, der auf Sisera schwört. Und diese fallen alle! Wer kann im Schlachtgewühl behaupten, ob der Tod von rückwärts kam? Ein Becher sei auf meinen Sieg geleert!‘

Nun nichts wie ab, dachte ich. Ein Wunder, wie ich fortgekommen bin, ohne daß man mich zu Jabin schleppte. Die Stadt verließ ich unbehelligt. Ich fand meine Freunde wieder und erzählte ihnen das Begebnis. Der Alte hob, wie in Sichem jener Hüter, seine Hand, als jage er ein kleines Tierchen fort. Aber in den Augen aller lohte tiefer Feuerbrand.

Wir ritten links am Jordan bis zur Höhe von Ramoth Gilead. Einer blieb bei mir, die andern strebten Phunin zu an Edoms Grenze, wo Fürst Su-el-Kambynos mit dem Haupttrupp seiner Männer lagert. Mein Weggenosse sagte, sein Fürst warte längst auf diesen Funken, da er mit Jabin etwas abzurechnen hätte. Auch mit Israel wären böse Übel auszugleichen; doch der ‚Palme‘ wegen — das sagte er in glühender Verehrung — hätte Midian den Groll begraben. Und ein Totes rührten sie nicht an.“

„Hatte dein Begleiter kurzes Haar und an der rechten Wange eine Narbe?“ fragt Debora. „Ja; kennst du ihn?“ „Gut! Die Narbe trug er für mich davon. Su-el-Kambynos befahl ihm, mich zu begleiten. Wir ritten nachts; die Wüste Pharan flimmerte bei Tag vor Hitze. Da fiel ein Raubtier meine Stute an. Der Midianiter tötete es mit bloßer Hand, abgesehen von seinem Stecher, den er in der Eile ziehen konnte. Mein Pferd und ich blieben unverletzt; doch der Retter blutete aus vielen Wunden.

Zum Glück witterten die Pferde Wasser, und ich schleppte ihn zum nahen Brunnen. Dort blieben wir, bis er sich erholte und mich bis Silo bringen konnte. Er ist der Mittelsmann zwischen mir und seinem Fürsten. Jeder Midianiter“, sagt Debora zu den Freunden, „der das Handzeichen macht und irgend etwas Gutes über Palmen spricht, ist unser Freund.“

„Du hast mehr geleistet, als wir ahnten“, sagt Fürst Jizri. „Nun kennen wir die fremden Freunde. Nur daß Delajah noch am Ruder bleiben soll, sagt mir nicht zu. Das kostet vieler Brüder Blut. Wenn es zu vermeiden wäre, diese blöde Metzelei! Ich frag‘ mich oft, warum man sich bekriegt, warum Volk und Land verwüstet. Nachher baut man wieder auf, — bis zum nächstenmal.“

„Das fragt jeder, der Vernunft und Herz zu paaren weiß“, fällt der alte Obmann ein. „Die Vernunft wird unterdrückt, das Herz wird eingesargt, weil man Geld gewinnen will. Doch das zerrinnt“, eifert er, „ehe es zum Segen wird! Und was ein Krieg gewinnen hilft, das zerstört der kommende. Wir sehen es an Israel, und an anderen Völkern auch. Wer viel Blutverlust heraufbeschwört, sinkt in die Grube des Vergessens oder an den Rand der Zeitgeschichte, die das Auf und Ab gebiert.“

Gibbar beruhigt ihn: „Wir wollen helfen! Wir“, deutet er wie eine unsichtbare Menge an, „möchten ohne Blutvergießen einer Zeit die Türe öffnen, durch die Licht und Friede auf die arme Erde strömt. Nur glaube ich, daß . . .“ „. . . dies nicht mehr möglich ist“, ergänzt Matthanja, der Prophet.

„Das in der uns bekannten Zeit vergossene Bruderblut hat sich in den Sippen, Stämmen und in Völkern festgefressen. Der Strom wird immer breiter, wilder, wie ein Wasser, das die vielen Rinnen, Bäche und die Flüsse sammelt, doch dann als Strom im Meer sein eigenes Ich verliert.

Abel war ein Rinnenblut. Heute sind die Kriege schon wie Flüsse angeschwollen. Wehe aber einer Zeit, wenn der Strom zum Meere wird (OJ. 8,8), die Welt bedeckend, die wir noch nicht völlig kennen.“ Stille herrscht; ein Schauer überfliegt die Lauschenden. Verhalten fügt Debora an:

„So wird es werden. Ein Rinnsal wäre leicht zu stopfen, auch ein Bach, notfalls noch ein Fluß, der vielen Schaden bringt. Man könnte helfen, dächte man an die Gefahr, die die Völker überflutet. Doch man will erst aus dem selben Wasser schöpfen, das Freund und Feind zum Fallstrick wird.

Schon nimmt ein Krieg fast eines Stromes Stärke an, reißender, gewaltiger als der Euphrat ist. Weh der Zeit, den Menschen, da ein blutgefülltes Meer die Völker überrast!“ (OJ. 16, 3-4; 18, 9-24) Debora strafft die Schultern. „Wir suchen zu verschonen, wenn sich Jabin und Delajah zu vernichten trachten. Mehr können wir nicht tun. Wolle unser Hoher Herr uns helfen, Licht und Frieden in das ganze Kanaan zu bringen, — wenigstens für eine Zeit.“ Ein allgemeines ‚Amen‘ ist die Antwort.

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