← Zurück zu „Das Richteramt“

Kap. 3 – Spionage; Delajahs Unduldsamkeit; einer wandelt sich

Kapitel 3

In der Versammlung herrscht Gemurmel. Jizri, Bichras, Elam und Matthanja sitzen von der Allgemeinheit sichtlich isoliert. Für das Geflüster haben sie nichts übrig. Allein die Mienen sind Verräter dessen, was man zu verbergen sucht. Außer ihnen und den Priestern vom Synedrion sind der Stadtmann Jedothun aus Sichem und der Altrat Kis-Abda von Jerusalem, sowie zwei den meisten unbekannte Männer anwesend.

Was die Freunde von den Fremden denken und was die Städter hier im Priesterrate wollen, besteht zu Recht. Matthanja sagt: „Die sind halt ins Netz gefallen.“ Das konnte jeder hören. Sofort dreht man sich Matthanja zu. „Ah, wer ist wem ins Netz gefallen?“ bellt Hattus bissig.

Bichras grinst: „Endlich aufgewacht?“ „Ich fragte“, droht Hattus überheblich. „Bin ich dein Knecht, der Antwort geben muß?“ erwidert Bichras. Hattus streitet, Kis-Abda will vermitteln, doch da tritt Delajah ein. Oberflächlich grüßend sagt er ohne Einleitung: „Laßt uns beginnen.“

Das ist leicht gesagt. Delajah wähnt, man würde gleich mit Fragen kommen; aber ihm begegnet Schweigen. Da bringt er jene Dinge vor, die letzthin offen blieben und leitet später auf den Brennpunkt der Versammlung über. Es war von ihm ein Stichwort über die Revolte gegen Jabin ausgegeben worden. Nachdem man eine volle Stunde über Nichtigkeiten diskutierte, fängt Delajah mit dem Wichtigsten der heutigen Beratung an.

„Wir brauchen eine neue Satzung“, ist das Stichwort und bedeutet volkseigene Führung. „Die alte, die den Fortschritt hemmt, ist aus unserm Buche auszumerzen.“ Das gilt Jabin. Einige stimmen Delajah zu. „Schlagt vor, was ihr für richtig haltet. Wir können über dies ganz offen reden“, er zeigt auf beide Unbekannte, „denn diese Boten stehen fest und treu zu uns. Einer hat uns schon einen großen Dienst geleistet.“

Es tritt allmählich Spannung ein, und man ergeht sich über Jabins Joch. „Werde ich gewählt, dann ist es meine Ehre, uns zum Sieg zu führen“, sagt Delajah. „Weißt du, wie man Kriege lenken muß?“ spottet Paros ungeniert.

„Als Hoherpriester [VH3] bin ich mit Gottes Geist verbunden, der mir sagt, was ich zu tun und was ich zu unterlassen habe, also auch, daß ich von nahe oder ferne führen kann.“ ‚Den Geist möchten wir gern kennen lernen‘, flüstern sich die Freunde zu. Doch Delajah spricht schon weiter:

„Es war Gottes Eingebung, daß Artham, ich und Hattus nach Sichem reisten. Wir boten Jabin unser Bündnis an; es sollte ihn aus seinem Fuchsbau locken. Nephath, der Getreue“, zeigt er auf den jüngeren der Fremden, „überbrachte dieses Angebot. Und seht her“, frohlockt Delajah, eine Rolle schwenkend, „da die Antwort unseres Herrn! Nicht des Jabin, nein — Gott, der Israel aus Ägypten führte! ER wird die Faust der Feinde lockern, daß sie fahren lassen muß, was sie an die zwanzig Jahre raubte. Höret zu, was er auf unsere schlauen Pläne schreiben läßt.“

‚Wenn sonst nirgends in der Welt, passen Gott und schlaue Pläne hier zusammen. Ist Nephath ein Spion Delajahs, so der andere ein Jabinese. Und da faselt man von Gottes Geist! Nur gut, daß wir die Palme haben. Man müßte helfen, weil sie blind in ihre eigene Grube tappen . . . ‘, dachte Jizri. Delajah liest bereits die Rolle vor. Kaum zu Ende kommend, geht es tumultuarisch zu. Nach heftig vorgebrachtem Für und Wider, wobei Jizri merkt, wie sich der alte Fremde diebisch freut, sagt Arthasus:

„Ohne Zweifel hat Delajah gut gehandelt. Doch was gilt die ganze Rolle? Stern oder Sand? ist‘s denn sicher, daß der König uns nicht überfährt?“ „Fraget Nephath“, sagt Delajah, „der weiß, was Jabin denkt.“ Ungern kommt die Antwort; Hazor war jenem zum Kinderschreck geworden. Doch Delajahs Münzen haben solchen reichen Klang, daß er überzeugend tut:

„König Jabin möchte Frieden und mit Israel — wie angeboten — die Stämme einheitlich regieren.“ „Zusammenhauen!“ ruft Bichras hart dazwischen. Delajah wütet: „Zu allem, was beraten wurde, habt ihr fein geschwiegen, Jizri und Genossen; also schweigt auch jetzt, wo es um unser Wohl und Wehe geht!“

„Wir können schweigen“, erwidert Jizri, „ob zu eurem Wohle, sei dahingestellt. Erst am Berge stehend, und du denkst, du bist schon oben. Übrigens kann in der offenen Versammlung jeder seine Ansicht äußern. Oder nicht?“

„Ihr verneint, was ich für richtig halte“, zürnt Delajah. „Was wollt ihr also reden?“ „Was wir für gut befinden“, sagt Matthanja sachlich, „dazu sind wir nämlich da.“ „Ich dachte, bloß zum bösen Wetter machen“, stichelt Bezai. „Das sei dir überlassen“, weist Elam ihn zurecht, „und das Horchen denen, die nichts bei uns zu suchen haben.“ Nephath will sich daraufhin entfernen,

Delajah hält ihn rasch zurück. „Letztwillig entscheide ich! Du hast meinen vollen Schutz.“ ‚Wer weiß‘, denkt der Spion. Wie böse er behandelt worden war und seine Ahnung, des Königs Rolle wäre falsch, behält er klug für sich. Das Lob, das er erhält, man hätte ihm so viel zu danken und er sei den Israelen wie ein Bruder, ist ohne jeden Wert.

Jedothun schlägt vor, mit einem Dank an Jabin das Ersuchen zu verbinden, daß sie ihren eigenen Feldherrn haben möchten, was bei diesem Kriege besser sei. Es wüten harte Wortgefechte, bis Fürst Hamer meint, man müsse erst den Feldherrn haben. Nur wisse er noch keinen; Israel wäre jetzt ein ‚leeres Haus‘. Delajah lächelt, aber seine Augen warnen scharf.

„Wir brauchen uns kein schlechtes Zeugnis auszustellen. Du wirst die Hauptmacht führen.“ Hamer tut, als böte man ihm Galle an. Außer Jizri und den Seinen stimmen alle zu. „Nun“, kehrt jener vorsichtig den Feldmarschall heraus, „alsdann senden wir durch Nephath unsern Dank, und er wird . . . “ Dessen Mienen drücken unverkennbar aus, daß er sich mit allen Vieren sträubt. Delajah rettet wiederum sein Spiel und bedauert:

„Heute nicht, lieber Nephath; doch du wirst belohnt, als wärest du gegangen. Ungut“, doziert er weise, „dich abermals zu senden. Wir haben ja den anderen aus Helaph, der — Jabin unbekannt in diesem Falle besser wirkt. Ist mit dir zu rechnen, Zalman?“ Er hebt einen dicken Beutel hoch.

Zalman ist schon alt, dennoch rüstig und gewandt. Er steht gleich auf. „Mir ist dieser Auftrag recht. Gegen Alte sind die Jabanesen nicht so scharf.“ Er sieht Nephath hämisch an. „Ich kann es besser wagen. Morgen reite ich.“ Delajah nickt erfreut. „Die Hälfte dieses Beutels wirst du mit der Rolle haben, die andere, sobald du Antwort bringst.“ Er denkt, man wäre nun in allem mit ihm einig. Jizris Leute zählt er nicht. Den Blicken, die ihn warnen wollen, weicht er standhaft aus.

Nachdem die zwei Spione fortgegangen sind, weist fast jeder seine Stacheln vor. Kis-Abda zweifelt: „Können wir uns decken? Ich traue nicht! Sisera hat viel Kriegsvolk angeworben. Da er nicht richtig löhnen kann, ist zu befürchten, daß er der Armee viel Plündergut verspricht.“

„Versprechen! Ob er es auch hält?“ fragt Jedothun. „Du meinst, ob er es halten kann“, berichtigt Hamer und skizziert den Plan, den er sich bereits gebildet hat. „Nicht übel!“ muß man anerkennen. Nur Kisjath sagt zu ihm: „Du bist gewiß der rechte Mann; besser aber wäre, wir hätten deren zwei. Wie nun, wenn wir Fürst Jizri hierzu wählten?“ Kisjath hat unbewußt und ungewollt Delajah in die Hand gespielt, den Fürst herauszufordern und — — Ja, was alles kann in einer Schlacht passieren — —

„Zugestimmt“, sagt Delajah übereifrig. „Er kann die Flanken oder unsre Nachhut übernehmen.“ Jizri schweigt. Ihn trifft es nicht, mit der Nachhut wenig Ehre aufzustecken, wie nicht, daß die Flanken nur der Prellbock sind. Elam spottet fein: „Ganz trefflich ausgedacht! Man muß schon einem Kalbe gleichen, um nicht zu wissen, was das Ganze soll.“

„Wieso?“ tut Hamer ärgerlich. „Ich gönne Jizri jede Ehre in dem Kampf. Oder will er etwa nicht?“ Des Angegriffenen Augen blitzen auf. Noch bezähmt er sich, doch das Grollen des Beleidigten hört man heraus, als er erwidert:

„Ich schweige oder rede, wie für mich die Zeit gekommen ist. Dein Angebot, frech und schmutzig, geb‘ ich dir zurück, Delajah. Kannst dich selbst damit befassen! Warum ich vorhin schwieg, das habt ihr nicht erkannt, so blind seid ihr gewesen. Deine Nachhut kannst du besser führen, aus der Ferne, da wird deine Haut geschont, — wenigstens zunächst.

Ich rede“, winkt er, in des Raumes Mitte tretend, Delajah heftig ab, als dieser unterbrechen will. „Du bist zwar im Rat der Oberste der Priester, ich aber jener für das Volk. Und das ist mehr! Deine Blindheit und nicht Gottes Geist hat dich verführt. Dein Ehrgeiz, deine Skrupellosigkeit, sind Stempel deines Wesens. Der Wicht, den du Zalman nanntest, hätte gern gelacht, hätte er sich dadurch nicht verraten, wer er wirklich ist, als du deinen ‚schlauen Plan und deinen Gott‘, — nicht den unseren des Lichtes — ‚ in den Topf der Dummheit warfst.

Du siehst es nicht. Ich will mein Fürstenrecht verlieren, wenn Zalman nicht ein Jabinese ist.“ Zu Hamer sagt er hart: „Du mußt‘s wissen, ob zwei Flanken so zu leiten sind, um dem Ganzen Halt zu bieten. Besser ist, du bleibst der Feldherr derer, die dir folgen werden.“ „Ah“, schwirrt es durcheinander, „ein feiger Fürst!“ „Er zieht sich aus der Schlinge!“ „Der Reiche bleibt zu Haus, der Arme muß heraus!“ Jizri kocht; er atmet schwer, drückt aber mit Gewalt die Galle nieder.

„Wo ich bleibe, das ist meine Sache. Ich bin ‚Jemandem‘ verbunden und schlage los, wann das Volk mich braucht. Nicht ihr genießt den Schutz; nur Israel, das ihr in großes Unglück stürzt. Du glaubst mir nicht, Delajah? Ich weiß, daß Jabin sich die Hände reibt. Allesamt seid ihr verloren!“

„Du nicht mit deinem Jemand?“ ruft Arthasus gehässig. „Nein! Wir stehen außerhalb!“ Das klingt so ernst, daß mancher Mann erbleicht. Wieder ruhig, redet Jizri weiter: „Doch wir stehn nicht außerhalb des Volkes; merkt es euch! Artham, der mich feige nannte, zeige ich beim Richter an.“

„Das laß bleiben“, fällt der Altrat ein. „Wir müssen uns vor einen Wagen spannen. Streit zerbricht die Räder, bevor man sie zum rollen bringt.“ „Sehr wahr; und sei versichert“, Jizri gibt Kis-Abda eine Hand, „wäre die Beleidigung nicht hier gefallen, — ich hätte rasch mit Artham abgerechnet. Zudem währt das beim Richter keinen ganzen Tag.“ Er geht zu seinem Platz zurück.

Artham ist betroffen. Der Richter zu Jerusalem ist unbestechlich. Er fängt an zu stottern, ihm wäre das im Zorn herausgerutscht; es hätten ja auch andere . . . Der Fürst winkt lässig ab. Wieder ist‘s Delajah, der zu retten sucht, was möglich ist. Hamer einen Blick zu werfend sagt er schnell:

„Ich schließe mich dem Altrat an: Persönliches ist abzutun. Ich schlage vor, daß Fürst Jizri die gesamte Truppe führt. Mir sagt Gottes Geist, so sei es das Beste.“ Er greift bereits zum Pur, als der Fürst ihn hindert. „Diese Mühe spare dir! Ich bin nicht blind und hab‘ dein Mienenspiel durchschaut. Du bist ein Priester dieser Welt, keiner für des Himmels Licht. Das ist keine Kränkung; Wahrheit will stets helfen. Auch sagte ich, daß ich schon verpflichtet sei. Was ihr beginnen wollt — ich wiederhole es — ‚ ist ein Weg in Not und Tod.“

„Du zeigst Mäuse“, sagt Jedothun, der geheim zu keinem Priester steht. Ihm geht es nur um Israel. „Warten wir, was Zalman uns für Kunde bringt. Ist er beritten, kann er in drei Tagen wieder bei uns sein; und unsern Nephath könnten wir . . .“ „. . . wohin senden?“ fragt Bichras herb.

„Kunde holen“, ergänzt Jedothun, „wieviel Sisera Truppen hat und wer unter seiner Fahne kämpft.“ Matthanja lacht, obwohl er lieber weinen möchte. „Man soll sich der Spione nicht bedienen; sie sind keine guten Menschen. Doch mir tut der Nephath leid, ihr werdet ihn kaum wiedersehen.“ „Lüge!“ kreischt Delajah wütend, „er hat sich mir verbürgt!“

„Mag sein. Zalman, der Skorpion in eurem Nest, klagt ihn bei dem König an. Ich geb‘ ihm keine lange Lebensfrist.“ „Also müssen wir ihn schützen, denn er diente uns.“ Das meint Hamer gut. „Es ehrt dich, Fürst“, sagt Elam, „nur könnt ihr keinen schützen, den Jabin über seine Klinge springen läßt.“ Delajah kaut an seinen Lippen. Ah pah, davon hängt das Schicksal Israels nicht ab. Gehässig greift er Jizri weiter an:

„Ihr setzt nur Widerpart! Gibbar, Salthiel und Barak versäumten die Versammlung. Zwei arge Dinge. Mach‘ deine Sache bei dem Richter wegen Artham ab, dann — “ eine drohende Gebärde, „ — richtet euch der Hohe Rat, weil ihr im Angesichte der Gefahr und unseres Willens zur Befreiung keine Hände regt. Denn euer ‚Jemand‘ scheint mir eine Nebelfrau zu sein.“

Die Freunde hätten fast gelacht. Nebelfrau! Die Palme, hinter der der JEMAND steht, vor Dem sie sich in Ehrfurcht neigen. Jizri sagt verhalten: „Der Nebel weicht, die Gestalt wird bleiben! Willst du richten“, seine Augen funkeln, „so wird der HERR dich richten!“ Da ist‘s, als ginge durch den Raum ein großer Schatten und ist nicht abzuschütteln, daß ‚etwas‘ war. Nur Delajah stößt als erster diesen Schatten von sich fort. Aber nicht nur Stolz und Trotz, auch eine zugedeckte Trauer wühlt in ihm.

„Gott richtet mich? Ja, ich bin ein Priester dieser Welt, Fürst Jizri. Die Pflicht ist zu erfüllen, Israel zu helfen.“ „Hast du die gute Gasse eingeschlagen?“ forscht Matthanja ernst. „Denn man kann die Weltpflicht auch vom Lichte her erfüllen. Selten hörte ich von dir, mit GOTT alles zu beginnen, mit Ihm zu führen, mit Ihm alles zu vollenden.“

„Hände heben und Gebete sprechen haben wenig Wert“, verteidigt sich Delajah. „Ich habe oft gerungen, nicht stumm, wo der Väter Gott geblieben sei. Warum richtet Er die Heiden nicht, die Sein Israel versklaven? Unter Mose gingen unsre Ahnen durch die Wüste, und GOTT führte sie. Nun sitzen wir in Kanaan, das Er uns verheißen hat; ER aber ist gegangen, ER ließ uns allein. Da muß man mit dem Weltsinn selbst den Weg erkämpfen. Ist es falsch, — warum hindert Gott mich nicht?“

Erstmals, daß sich diese Seele öffnet. Auch Jizri ist erstaunt und — erfreut. Ein Körnlein Licht! Freundlicher als sonst erwidert er: „Dein Seelenkampf ist schwer; er wäre aber leicht, wenn du Gott als treuen Richter anerkennst. Was dein Argument betrifft, da muß ich freilich widersprechen.

O, vergangen wäre Israel, mit und ohne Gott, wenn du es so haben willst. Mose schloß den Lichtring um das Volk und — — bat ständig in den Ring den HERRN hinein. Wie konnte also Er, von alters her ein Vater (Jes. 9, 5), diesem ferne bleiben? Nicht allein aus Seiner Gegenwärtigkeit, nein — gern ließ Er Sich rufen und offenbarte Sich sogar dem ganzen Volk.

Mit dem Stabe ‚Liebe‘ leitet Er die Herde. Auf der Weide können sich die Schafe tummeln, Er pflockt nicht jedes einzeln an. Ja, Er gab uns einen freien Willen, mit dem wir innerhalb der Hürde uns bewegen, dies und jenes schaffen oder unterlassen können. Du aber hast gedacht: Der Herr ist ungerecht, weil Er uns dem Spott der Heiden überläßt.

Israel hat schlecht gehandelt. Eigenwillig hat es lange Zeit die Heiden unterdrückt und ausgeraubt, mit dem Schwert erschlagen. Sag‘ mir nicht: Das war Gottes Wille, wir sollen alle Heiden töten. Wenn dies, alsdann brauchte sie der Schöpfer nicht erst in die Welt zu setzen. Alle Männer habt ihr umgebracht, die Frauen euch geholt, um mit ihnen euer Blut durch Kinder zu vermehren. Ist das gerecht? So schaut, wie ihr mit dem freien Willen, dafür ohne Gott die Zukunft meistern werdet!

Überlege es, Delajah, schiebe nichts zur Seite. Wir kamen, um zu helfen.“ „Es sieht nicht nach Hilfe aus“, wühlt Hattus weiter. Er freut sich diabolisch, wenn es kracht. Das ist ihm wie ein schlimmes Feuer. Der einzige ist Kis-Abda, der bedenklich wird. Und er sagt aus seinem Sinnen:

„Delajah, schließe die Versammlung; zwecklos, sich gegenseitig anzufeinden. Der Feldherr bleibt Fürst Hamer, er kann in einer Woche seine Pläne fertig haben. Wir rufen unsere Männer auf und beraten dann, was werden soll. Um die Bewaffnung mache ich mir Sorgen. Wir kommen gegen Jabins Kriegsmacht so nicht auf, da — Er unterbricht sich selbst:

„Ich gehe nach Jerusalem. Ist jemand dieses Weges, wäre es mir recht.“ Keiner meldet sich. Die meisten gehen grußlos fort. Vor der Synagoge tritt Jizri auf den Altrat zu. „Kannst du dir einen Tag entgehen lassen? Morgen ginge jemand mit.“ „Willst wohl eilig deine Sache vor den Richter bringen?“ grollt jener böse. Jizri schüttelt mit dem Kopf:

„Artham hätte es verdient; ein anderer ginge mit.“ „Wer?“ fragt der Altrat. „Barak.“ „Der — ?“ Kis-Abda geht gemessen weiter, aber Jizri bleibt an seiner Seite. „Hm — er ist noch jung. Wenn er aber will — und auf einen Tag kommt mir‘s nicht an“, brummt es Kis-Abda vor sich hin. Des Fürsten Freundlichkeit vertieft sich noch, als er entgegnet:

„Abgemacht! Allein — Barak ist kein Junge mehr. Du wirst es kaum bereuen, daß er dich begleitet. Überdies — wo nächtigst du?“ „Weiß ich noch nicht. Bei Delajah mag ich heut‘ nicht bleiben, da wird bloß alles nochmal durchgekaut.“ „Willst du, so könnte dir der Tag noch eine Freude bringen. Komm‘ mit uns, wir sind beritten. Leihe dir ein Reittier auf dem Markt; bist ja bekannt. Ich auch“, fügt er schalkhaft an.

„Das will ich meinen.“ Der Altrat fühlt sich angesprochen. Wenn er überdenkt, was die Versammlung brachte — — Der Fürst und seine Freunde wurden ihm zum Rätsel. Heute unterschied er zwischen Ernst und Rederei. Warum ließ er sich vom Hohenpriester fangen? Freilich, freilich — — Abwarten, erst einmal sehn und hören; nachher kann er sich entscheiden.

Der Fürst unterbrach den Gedankengang des anderen nicht. Auf dem Marktplatz wählt Kis-Abda sich ein Tier. Südlich geht es über Hügel und durch Täler, von langem Ungewitter trostlos anzusehn. Doch die Sonne trocknet nun die Wege, daher geht das Reiten gut voran. Sie reden über allerlei, bloß nicht über die Beratung. Einmal sagt der Oberste, und es soll lustig klingen, er will das ihn bedrängende Gefühl verbergen:

„Bin gespannt, wohin man mich verschleppt.“ „Angst?“ fragt Bichras gleichen Tones. „Viere gegen einen? Und dann noch Mut?“ Der Altrat kichert, wird aber ernst, als Matthanja feierlich erwidert: „Wir wissen, wer du bist. Ab heute geht dein Weg hinauf.“ „Hinauf — ?“ Die ungewisse Frage eines Mannes, der zu wissen glaubte, wo er sich befindet. Der Seher deutet hoch:

„Zu Gottes Wahrheit! Durch die dir aufgetischten Lügen ging sie dir verloren. Sie wird dir neu und rein gereicht. Aber“, Matthanjas Augen glänzen, „da man sich nur innerlich ins Lichtreich schwingen kann, hat Gott ein äußerliches Mal gesetzt, daran wir Seine Bahn erkennen können. Sieh“, deutet er voraus, „da, der Hügel, wir haben ihn umritten und kommen aus dem Süden zu ihm hin; dort hinauf führt unser Pfad.“

Kis-Abda kennt das Land die kreuz, die quer und merkte, daß sie von der Straße Gilgal-Bethel abgewichen waren. Das Engtal ist ihm unbekannt. Droben, von der Sonne hell umflutet, lugt zwischen Grün ein Haus hervor. „Wer wohnt da oben?“ In der Frage hallt das Pochen seines Herzens wider.

„Delajahs Nebelfrau“, sagt Jizri. „Willst du mich hänseln?“ wird der Altrat barsch. „Wirklich eine Frau!“ „Ein Weib?“ „Frau!“ betont Matthanja. „Einerlei!“ Kis-Abda ärgert sich. „Hätte ich das bloß gewußt“, brummt er weiter. „Ich wundere mich über euch. So schön abseits, — freilich, da kommt selten einer her und keiner sieht, was hier getrieben wird.“

Die Freunde sind entsetzt ob der argen Denkungsweise. Schon gibt Jizri einen Wink, den Altrat einfach stehen zu lassen. Da greift Elam ein, Streng sagt er zu Kis-Abda: „Sieh uns an, ob wir dessen fähig sind, wessen du uns wortlos zeihst! Ein offener Verdacht kann eine Frage sein, einer Antwort würdig. Was du dachtest, ist — gemein und verdient kein Widerwort.

Willst du weiter, bringe ich dich auf den Karawanenweg, daß dir kein Übel widerfährt. Wir sagen nicht, was du versäumst, du hast uns allzu arg verdächtigt.“ Elams Wort verfehlt die Wirkung nicht. Kis-Abda schüttelt über sich sein Haupt. Was fuhr ihm bloß heraus? War er denn nicht froh, als sei ihm eine Last genommen, die die Jahre auf ihn lud? Er ist tief beschämt, jedoch frei von dummem Stolz, aus dieser Scham die Brücke abzubrechen. Jedem gibt eir seine Hand und bittet:

„Verzeiht mir den Gedanken; wer weiß, woher er kam. Ihr seid vom Rat stark abgerückt, habt euch an Landesfragen kaum beteiligt, und man sagt, ihr hättet euch an Heiden hingeworfen. An welche? wußte keiner. Das und nun ins Ungewisse — ‚ versteht ihr, wenn ich einen Arg bekam?“

„Wohl; darf die Kränkung aber nicht ergeben.“ Bichras untermauert den Verweis des Elam. „Meinetwegen, es sei vergessen; hier, meine Hand.“ „Meine auch“, streckt Elam seine Rechte hin. Matthanja tut es wortlos nach. Bloß Jizri zögert eine Weile. Kis-Abda bittet ihn zum zweiten Mal, ihm zu vergeben. Da legt ihm jener beide Hände auf die Schultern:

„Ich trage dir nichts nach, war mehr verwundert als verletzt, daß du verurteilst, was du nicht kennst. Du merktest, welch ein Haß in Silo wirkt. Kann da Licht und Wahrheit wohnen? Mir war, du freutest dich, bei uns zu sein. Jetzt sah es aus, ich hätte mich getäuscht; in dir — Kis-Abda.“

Der wehrt ab: „Weil ihr von einem Weibe — ‚Frau‘ sagt ihr, — ist dasselbe — ‚ ach, ich bin ganz durchgedreht.“ „Sieht man“, bestätigt Bichras, „du bist wie aus der Bahn geschleudert. Der Unterschied ist dieser: ein Weib, nur seinen Ich-Kreis kennend; eine Frau, die außerhalb desselben steht. Handle aber frei, auch wenn ich sage: Komm und sieh!“ (Joh. 1, 46) Kis-Abda bittet:

„Ich will mit hinauf. Nachdem das Böse mir entronnen ist, fühle ich mich wie gewaschen. Ob das stimmt — ? Ich weiß es nicht, weiß aber nun: ich werde es erfahren.“ Das ist ein Bekenntnis! Matthanja sieht den Steig hinan. Um den Jerusalemer aufzulockern, neckt Elam ihn: „Dein Bekenntnis hätte das Synedrion gekränkt.“ „Bitte, jetzt nicht das; schweigt von dem, was hinter mir versinkt.“ Mehr als das Bisherige hat dieser Satz die Freunde überzeugt, sich im Vertrauen nicht geirrt zu haben. Auch wird Debora tiefer blicken und ihn zu ihrer Sache lenken.

Sie steigen zur Erleichterung der Pferde ab. Die letzte Krümmung gibt den Blick zum Hause frei, vor welchem ein für Kis-Abda Fremder steht. ‚Wie gut‘, denkt er, ‚daß ich mitgekommen bin; endlich klärt sich das Getuschel auf.‘ Charkros wartet. Seine Augen strahlen, als er die Angekommenen begrüßt. Kis-Abda achtet aufs Geringste, stellt aber fest, daß der Diener gegen ihn nicht minder freundlich ist, als zu den ihm Bekannten.

Auch heute hält Debora Brot und Wein bereit. Beides reicht sie ihnen dar wie jedesmal, wenn gute Gäste kommen. Kis-Abda starrt sie lange an, fasziniert, ungläubig, schon irgendwie begeistert. O, das ist eine Frau! Als Debora ihn begrüßt, neigt er sich so tief, wie nie in seinem ganzen Leben. Sie gehen in den Speisesaal. Da sitzen außer Barak, Salthiel und Gibbar noch zwei Männer. Kis-Abda wundert es, man verschweigt seinen Namen und den Stand. Es heißt nur: ‚Ein Wandersmann, der Obdach sucht.‘ Was steckt dahinter? Er soll nicht lange grübeln.

Nach dem Nachtmahl, das man zeitig nimmt, erzählt Salthiel: „Die Fremden stammen aus Jabnes, in Philistrien, und sind kürzlich nach Ramathaim umgezogen. Sie behaupten, daß ihre Väter Israelen waren. Vor Ramathaim liegt ein großer Garten, nutzbares Land. Es gehört einem Manne mit Familie. Dieser, der zum Stamme Ephraim gehört, war schon hier.

Sie sagen“, Salthiel meint die Fremden, „ihre Ahnen hätten einst das Gartenland besessen und wissen, wer es vorher inne hatte, Kauf und Verkauf; kurzum, es sieht so aus, als ob die Sache stimmt. Nun begehrten sie den Garten, unentgeltlich. Der Eigentümer weiß nicht mehr, wohin der Verkäufer zog, hatte aber sechzig Stater und zwei Goldgulden für das Land bezahlt.

Die zwei behaupten, der Grund sei doppelt soviel wert. Vielleicht jetzt, ob aber seinerzeit beim Kauf?“ „Das ist festzustellen“, gibt der Fürst sein Wort dazu. „Etwa hat der jetzige Besitzer erst ein gutes Land daraus gemacht.“ „Richtig, weshalb die Männer mit dem halben Garten sich zufrieden geben wollen.“

Allmählich neigt die Waage sich den Fremden zu. Debora schweigt. Kis-Abdas Augen wandern öfter zu ihr hin. Sie wartet wohl auf einen Stich, um dann — Doch was weiß ein Weib — ach so, ‚Frau‘ korrigiert er sich — ‚ von Recht und Handel? Kauf, Verkauf oder Erbe? Debora lächelt fein; ihm ist‘s, als lache sie ihn aus. Verstohlen reibt er sich die Stirn.

Matthanja vertritt den Besitzer. „Ich bin nicht dawider“, sagt Salthiel, „nur selbst zu Ephraim gehörend, bleibe ich neutral.“ Die Fremden glauben schon an ihren Sieg und bitten um Bescheid, wo eine Richterrolle zu bekommen wäre. Jetzt greift Debora ein. Sie redet ruhig; wer sie aber kennt, sieht das blanke Feuer tief innen in den schönen Augen.

„Einen Richter könnt ihr haben“, sagt sie gelassen, „müßt aber eure Ahnenrolle bringen, die — wie? — durch Feuersbrunst verloren ging? Möglich! Nur wundert mich, daß ihr sie nicht wieder schreiben ließet; denn nichts wird mehr als sie gehütet. Könnt ihr sagen, wie das Brauchtum sie verwahrt?“ Perplex starren beide Männer drein und stottern, ihre Ahnen wären unter Josua schon ausgewandert, er hätte sie zurückgesetzt.

„Machen wir es kurz“, winkt Debora ab. „Der Gott unserer Väter hat mich zur Richterin von Israel bestellt, ihr seid also an dem rechten Platz. Bringt die Rolle, — eine echte bitte ich mir aus — “, warnt sie streng, „und bekundet uns jetzt Israels Familien- und ebenso den Sippenbrauch.“

Mühsam deckt Kis-Abda sein Gefühl. Um ihm Zeit zu geben, sich zu fassen, bespricht Matthanja sich mit ihm. Der ältere der Männer krümmt den Rücken. Es ist nicht zu übersehen, daß dies kaum die Achtung tut. Sein Gesicht verfärbte sich. „Wir gehen, um solche Rolle, wie benötigt, anzuschaffen.“ Sie wollen fort, doch die Richterin hält sie zurück.

„Was ihr ohne Rolle wissen müßt, sei gleich gesagt. Zu leicht ist unser Brauchtum zu erfahren, das ihr sicherlich nicht kennt. Auch ist‘s Nacht geworden und ungut, fortzuwandern.“ Sie ruft den stets bereiten Diener her. „Sorge gut für eine Unterkunft und für alles Nötige.“ Wenn die Fremden wüßten, was dieses ‚Nötige‘ besagt, sie verwünschten den Besitzer, um dessen Grund es geht und der sie hierher verwiesen hat.

Barak gibt absichtlich einen Wink; auch Debora stellt die Fragen so, daß man eine rechte Antwort finden könnte. Die Männer wissen nichts. Daß Debora sich als ‚Richterin von Israel‘ bezeichnet hat, stört den Jerusalemer sehr. Allerdings — er gesteht sich ein: ihre Klugheit und Gerechtigkeit sind nicht zu überbieten. Ja — wäre sie ein Mann — — ! Das Synedrion wird sie nie als Richterin des Volkes anerkennen. Und er selbst — — ?

Ihm stürzen Welten ein. Nur wie hinter Wolken schiebt sich zaghaft eine neue Welt hervor. Sähe er die Fluoreszenz (Lichtausstrahlung) dieser Frau, er würde ihr zu Füßen fallen. Gut ist es, daß er nichts sieht, — noch nicht. Wie sie mit den Männern umgegangen ist, ah — einzigartig. Delajah hätte hier versagt; und der denkt, wer weiß wie richterlich begabt zu sein.

„O Palme“, begeistert Barak sich, „herrlich, wie du denen ihre Felle abgezogen hast! Die türmen!“ „Dagegen ist gesorgt“, erwidert sie. „Doch ich liebe keine bösen Worte. Weltlich hast du recht; im Licht besehen sind sie arme Seelen, denen Hilfe werden muß, freilich dahingehend bloß, daß ihr Verbrechen unterbunden wird.“ „Verzeih“, bittet Barak, „mir ist das eben so . . . “ herausgerutscht“, lacht Elam lustig.

„Kann passieren.“ Debora wendet sich Kis-Abda zu. Dem steigt das Blut bis in die Stirne, als sie sagt: „Du wolltest prüfen, Altrat von Jerusalem, nur geht dir vieles gegen deinen Strich, Verständlich! Du bist keineswegs der einzige, der sein ‚Pferd‘, den guten Willen, vor einen neuen Wagen spannen muß. Wenn du nicht zu müde bist und wenn du willst, dann schütte dein Bedenken aus; und sei versichert: Hier hast du Männer, die sich dem Werk des Heilig-Hohen hingegeben haben.“

Kis-Abda schluckt, bevor er fragt: „Hast du bloß Midianiter als Dienerschaft? Midian hält mit Jabin üble Freundschaft.“ „Von einer solchen ist mir nichts bekannt.“ Das klingt sehr bestimmt. „Weißt du, Altrat, was unsre Vorderen — nicht allzu lange her — den Heiden taten, einem wie dem andern Stamm? Nein“, wehrt sie ab, „komm‘ mir nicht mit abgeschmackten Reden des Delajah, sie hätten auf Befehl des HERRN gehandelt!

Hätten wir die Heiden samt und sonders auszurotten, unabhängig davon, daß wir wegen stetem Abfalls von dem Herrn nicht höher als die Heiden stehen, dann nimmt es wunder, daß eben Gott uns gar so oft in ihre Hände gibt — und — geben wird, findet Israel die wahre Lebensstraße nicht.

Noch einmal nein“, hält sie die Geste eines Widerspruches auf. „Du wähnst, in den seit Josua vergangenen zwei Säkula hätten wir uns erst in Kanaan behaupten müssen. Schön, vergiß nur nicht, daß in eben dieser Zeit bloß hie und da ein echter Richter kam, weil Israel durch seine üblen Taten — o wie oft — den wahren Weg verloren hatte (Ri. K. 1 u. 2).

Es war angezeigt, die angestammten Völker richtig zu betreuen, wie Abraham es tat. Macht und Beute aber lockten (1, 28). Daher wurden jene, die das Land vor Abraham besaßen, Fremdlinge an ihrem eigenen Herd. Auch Midian, das jenseits an dem Jordan wohnte, wurde arg von uns geplagt.“

„Zugegeben; nur längst vorbei! Israel wird lernen, Gottes Willen auszuführen.“ „Bist du dessen so gewiß?“ fragt Salthiel. ‚Ja‘, will Kis-Abda sagen. Da fällt ihm die Versammlung ein. ‚Gar nichts war vorhanden, kein guter Wille. Die geben ihre Richtung an, und das Volk tappt hinterdrein.‘ Man läßt ihn den Gedanken spinnen. „Ach“, gesteht er endlich, „die Gewißheit dafür ist mir heut‘ zerbrochen worden. Doch der Wunsch — Israel wird selig werden, wenn es seines Herrn Gebote hält — ?“

„Das wünschen wir“, sagt ‚Jizri. „Hm, wir werden — “ „Vierzig Jahre opferte sich Mose förmlich auf, um das Volk zum JESURUN [VH4] zu machen. Daß es nicht geschah, lag nicht an ihm und nicht an Gott! Du kennst den Kampf des Josua (Jos. 24, 14-16). Fast siebenhundert Jahre sind seit Abraham vergangen, in denen jene hohe Wurzel unserm Volk des Lichtes Nahrung gab.

Doch es verwertete die Himmelsnahrung nicht. Es wuchs auf, ein Stamm im Sturm der Welt! Vielleicht, daß in letzter Ferne, die sich heute nicht errechnen läßt, ein Zweiglein von dem Volksstamm übrig bleibt und vielleicht — aus der Geschichte seines abgestorbenen Stammes lernt.“

„Wenn dem so wäre — “, ein Seufzer. „Du denkst gut“, tröstet man den Altrat, „darum kamst du auch zu uns.“ „Delajah ist nicht böse“, will jener mildern. „Nicht eigentlich; allein, für seine Ehrsucht opfert er das Volk und — mordet.“ „Morden? Nein, er will nur Israel erretten“, widerspricht Kis-Abda.

„So?“ fragt Debora. „Dazu gehört Vernunft; die gibt er aber dran für seinen Plan. Er tut, als hätte er bereits gesiegt. Solch einer verspielt jedoch von vornherein. Wir hingegen sind mit . . . “ „. . . wem verbunden?“ Weit vorgeneigt, das Geheimnis zu erfahren, stößt Kis-Abda diese Frage aus.

Ein Atem, prall gefüllt mit unnennbarem Druck, der den Fragenden belastet. Feierlich sagt Debora: „Mit unserm HOHEN!“ Kis-Abda sinkt in sich zusammen, Allein — er braucht nicht lang zu grübeln, um zu wissen, daß keine andere Antwort kommen konnte. Nur bleibt offen, ob das Volk — ausgepreßt und auch gedankenlos — genauso denkt oder mit Gewalt Jabins Kette zu zerreißen sucht. Man will durch Waffen die Befreiung sehen, aber nicht — und sei er noch so stark — durch puren Glauben. Nach der Erkenntnis derer auf dein Palmenhügel ist das eine Utopie.

„Meinst du?“ Debora blättert den Gedanken auf. ‚Prophetisch ist sie extra noch‘, denkt der Oberste bestürzt. Ihm entgeht der feine Schimmer, der ihr Antlitz überglänzt. Um sich männlich zu erweisen, erwidert er: „Zweifelsohne hilft der Glaube; doch mit bloßen Händen läßt sich hier nichts tun. Mit Waffen und mit Glauben — ja; aber ohne Waffenzeug — —

„Der Glaube ist das oberste Gesetz“, sagt Gibbar ernst. „Ist der vorhanden, so gibt uns Gott die Waffen, die vonnöten sind.“ „Ich wollte, ich hätte einen solchen!“ „Das liegt an dir. Wer will, der findet. Gott stellt ihn oft vor unsre Füße. Manche stolpern drüber und vergessen, sich danach zu bücken. Bücke dich, und du hast, was wir besitzen.“ Ein leises Stöhnen quillt aus der verkrampften Brust des Obersten.

Er kennt nicht die Kräfte, die ihn überstrahlen. Noch sind Wunsch und Wille nicht ganz ausgeglichen, als er bittet: „Reihe mich in deine Streiter ein. Was noch dunkel in mir ist, wird der Heilige erhellen. Ist es euch recht, so mag es weitergehen. Ich will morgen innerlich gewappnet reisen.“ Freudig stimmt man zu. Und den Blick, mit dem Debora ihn belohnt, wird er nie vergessen. Sie greift nach seinen Händen:

„Die nächsten Wochen werden schwer, Kis-Abda. Wir brauchen feste Männer, nicht nur Krieger; deren haben wir genug, son . . .“

„Genug Krieger?“ unterbricht der Oberste verdutzt. „Wer dem Volke etwas vorposaunt, dem rennt man ohne Überlegung nach. Delajah nutzt das bei den Leuten aus, und dahingehend wird er Israel in hellen Haufen bei sich haben.“

„Von deiner alten Warte aus gesehen“, sagt Gibbar. „Ich verwette keinen Groschen, ob er soviel Männer haben wird, wie er zu finden glaubt, von den Waffen noch zu schweigen. Man rennt ihm nach; aber nicht sehr weit. Sie sehn das Schlachtfeld unter Hamer nicht!“ „Und die Befreiung? Ach — —“

„Altrat, kannst du glauben, daß mir diese Sache übergeben worden ist?“ Debora steht hoch aufgerichtet mitten in der Männerschar. „Ja — ich — das heißt — — “ stottert er verwirrt, „keine Frau besaß ein Richteramt. Daran rätsele ich herum.“ Ihre rechte Hand liegt leicht auf seiner Schulter. „Darum fragte ich. Zu deinem Besten wirst du jetzt nur das erfahren, was du in Kürze wissen mußt. Das aber ist schon viel.

Dir folgten Späher. Meine Midianiter lenkten sie von deiner Fährte ab.“ „Woher — “ Ihm bleibt das Wort vor Staunen stecken. ‚Delajahs Hunde. Der soll mich kennen lernen!‘ Doch das Ärgernis ebbt wieder ab. „Erkläre mir“, bittet er, „auf welche Weise dich der Herr zur Richterin berief.“ Feine Röte bedeckt Deboras Wangen. Sie erzählt, was ihre Freunde wissen.

„Vor zwanzig Jahren zeigte mir der Herr ein Buch (Jos. 1,8) darauf stand ‚GOTTES RICHTERAMT‘. Jedes Wort floß wie ein Wassertropfen in mich ein. Der Traum geschah dreimal, je nach sieben Wochen. Nach derselben Wochenzahl — es war an einem Morgen, den Gott eben aus der Nacht herausgehoben hatte — ‚ kam ein Mann. Ich flechte ein: Meine Eltern waren heimgegangen und ich war allein im Hause zu Beth-Semes. Nie öffnete ich einem Mann. Damals — —

Erlasse mir, IHN zu beschreiben. Nur das: Ich fiel vor Seine Füße nieder, ehe Er gesprochen hatte. Er hob mich auf und setzte Sich auf meine Arbeitsbank als wäre Er ein Mensch. Wer Er war — es hätte mich sonst nicht so hingeworfen — ‚ merkte ich, nachdem Er mich verlassen hatte. Er sprach:

‚Sei gesegnet, Tochter aus dem Licht! Du trugst ein Amt aus Gottes Richteramt herab. Dreimal sahst du es im Traum.‘ Kis-Abda, nicht allein die Sprache, die kein Mensch, kein höchster Engel hat, — die Beschreibung meines Traumes, den ich tiefst in mich verschlossen hatte, zeigte mir die Wahrheit an. Er sprach: ‚Der Heilig-Hohe hat dir deinen Weg gesegnet zubereitet. Noch mußt du warten und viel lernen; dann ist‘s soweit, eines Richters Amt zu übernehmen. Und sei stets getrost: Niemand wird dich treffen können; die Hand des Heilig-Hohen ist mit dir.‘

Ich verstand die Worte, aber nicht den tiefen Sinn. Er drückte mich ans Herz, bevor Er ging. Wie mir da zumute war, bleibt ewig unbeschrieben. Ich sann unentwegt, kam mir selber fremd und wie ein neues Wesen vor. Ihn abermals zu sehen — es bleibt ein unlöschbarer Brand. Ihm die Anbetung für Seinen Segen darzubringen, hätte ich gern nachgeholt.

Nach Tagen kam ein Freund der Eltern und bot mir einen Tausch. Wie geführt, willigte ich ein. Den Hügel, der ihm der Seinen wegen zu abseits lag, bekam ich für mein Erbe. Ich war‘s zufrieden. Von den Eltern hatte ich noch Geld und manchen guten Wert. Davon baute ich das Haus und Grundstück um.

Zehn Jahre wartete ich auf die Verheißung. Statt dessen kam ein Midianiter, der sich — von Unseren verfolgt — zu mir durchgeschlagen hatte. Er war verwundet, sein Zeug zerfetzt, zu Tod er schöpft. Ich pflegte ihn und kaufte ein Gewand. Sein Dank war dieser, daß mehr Midianiter, Hethiter, Moabiter und andere kamen, die als Verfolgte bei mir Rettung suchten.

Zur selben Zeit besuchte mich ein junger Fürst. Er nannte nicht sein Land und ich fragte nicht. Ich liebte ihn sofort; o, nicht wie ein Weib, nur wußte ich es nicht, was es für eine Liebe war. Heute weiß ich es. Das ist die ‚Liebe aus dem Licht‘, auf unserer Welt meist unbekannt.

Der Hohe Gast belehrte mich in der israelischen Geschichte, dann weiterhin in jener aller Völker, die bis heut‘ die Erde sah. Zuletzt enthüllte er mir wundersam das Himmlische. Und wieder war es so, als ob Wort für Wort wie Wasser in mich tropfte. Hinterher stellte er die Weltgeschichte der Himmlischen gegenüber. Hierbei erlernte ich das Richteramt.

Der Fürst hielt lange Pausen ein, prüfte aber stets, was ich vom Empfangenen behalten hatte. Am Ende wiederholte er es wörtlich, was einst der Heilig-Hohe Selber zu mir sprach und bestätigte, daß es GOTT gewesen sei. Ich schluchzte laut, ich sei doch bloß ein Weib und nicht würdig, solch ein hohes Amt zu übernehmen. Er verwarnte mich sehr ernst:

‚Wen Gott würdig macht, hat in Demut diese Würde anzunehmen. Und bloß ein Weib?‘ Er wischte meine Tränen ab. ‚Die Schranke, die die Menschen bilden, anerkennt der Schöpfer nicht! Im UR-Reich, über das gesamte Universum waltend, gibt es kein hoch und nieder, kein zurück noch vor. Dort gibt es IHN, den KÖNIG, und bloß ein einzig Volk! Natürlich gibt es großen und auch kleinen Dienst; aber alles fließt zusammen, weil dort nur das Ganze gilt, dem das Einzel dienen darf und willig dient.

Genau so ist es zwischen Israel und denen, die ihr Heiden nennt. Heidnisch, willst du an dem Ausdruck hängen bleiben, ist jeder, der die Gott-Gebote kennt und nicht befolgt, ebenso die Lauen. Es gilt für alle Menschen nur das wahre Wort, die treue Tat! Israel nennt sich ‚Gottes Volk‘, aber viele sind von Gott entfernter als euere Welt dem Himmel ist. Richte nach der Wahrheit und Barmherzigkeit, und du richtest recht!‘

Er führte Zeiten und auch Taten an; daraus paarte er von Wissenden und Törichten gut und falsch getan. Solche Unterscheidung lehrte mich, wie eine Richterin zu handeln hat. Nach und nach wirst du in alles eingeweiht, wenn du — vom Heilig-Hohen eingesetzt — dein Amt verrichten kannst.“

„Ich habe doch ein Amt“, widerspricht der Altrat, als Debora, die Becher füllend, innehält. „Ich meine so“, er verbessert sich, „Gott verlieh mir ja ein Amt.“ „Dir wohl“, bestätigt sie ihm freundlich. „Nur bedenke, wie viele heute Ämter haben, bloß aus Eitelkeit und aus Gewinnsucht angestrebt.

Sie rennen an dem Eckstein an, ohne Ahnung selbst gesetzt. Aber so wirkt Gottes Schöpferwort: ‚Die Lebensgaben sind von Mir! Wer sie zum puren Eigennutz mißbraucht, dem setze ICH die Zeit, wann er das Errungene verlieren soll! Nur ein Niederbruch kann solche Seele aus dem Bann der Welt erlösen. Wer es erkennt, der findet heim; wer nicht, den wird die Fremde darben lassen, bis er zur bittervollen Umkehr kommt!‘ (Luk. 15, 18)

Du hast dein Amt mit Fleiß errungen, nur war das Band zum Lichte sehr gelöst. Oder nicht?“ Kis-Abda gibt dies kleinlaut zu. „Wegen deines guten Willens“, wird er entlastet, „kehrte Gott in deinem Herzen ein. Also wird dir nun das Amt als ‚Gabe Seines Lichtes‘ neu gegeben. Das tut Sein Segen, der besonders über jene kommt, die Ihm aus Erkenntnis dienen wollen.“

„Wenn ich das erst fertig brächte.“ Leis gesagt. „Heute ging mir eine Leuchte auf, daß mir — o — wievieles fehlt.“ Salthiel beruhigt ihn: „Sehr viel fehlt dir nicht, sonst wäre deine Zeit noch nicht gekommen. Gewiß hast du ein außerordentliches Heil erhalten, doch wir alle ebenso. — Aber nun ist‘s spät geworden und die Ruhe tut uns not.“

„Bitte noch“, sagt Kis-Abda, „den ‚besonderen Segen‘. Ist Gottes Segen unterschiedlich? Das ist mir schleierhaft“. „Nicht, wie du es denkst“, erklärt Matthanja. „Gottes Segen bleibt sich gleich. Aber wenn dich dürstet und du bist bei jemand, der nicht kargt, wird man dir den Becher so oft füllen, so oft du deinen Wirt um neue Labe bittest. Logisch, daß du mehr bekommst, als wer mit einem halben Trunk zufrieden ist. Die Quelle ist dieselbe, doch die Quantität ist das besondere. Wer sich demnach von dem Heilig-Hohen viel erbittet, der wird viel erhalten.“ (Matt. 21, 22)

„Wunderbar!“ Kis-Abda übergeht die Müdigkeit. „Auf welche Weise kam der Mann, um dessen Grund es geht, hierher? Die beiden könnten ja im Rechte sein.“ Bichras verneint. „Als Israelen mußten sie die Antwort auf die Fragen wissen. Hörtest du das Tappen vor dem Hause nicht?“ „War das nicht der Wächter?“ „Sie sahen sich durchschaut und rissen aus. Mit Hilfe unserer Diener fing sie Charkros ab. Der richtige Besitzer ist ein Verbindungsmann von uns.“ „Ach so“, sagt der Altrat langgedehnt.

Debora tippt ihn an: „Die Parteinahme wäre so kein Wunder?“ „Es liegt nahe“, gibt Kis-Abda zu. „Etwa können — “ Ah, es sieht ganz anders aus. „Jawohl!“ Die Richterin bestätigt den Gedanken. „Laß die zwei von einem Doktor untersuchen, und der sagt dir, was sie sind.“ Hm, hm, dann allerdings — —

„Ist dein Lehrer fern geblieben?“ „Leider.“ Weltlose Trauer fühlt Debora, sagt jedoch: „Der Heilig-Hohe wird ihn senden, wenn wir ihn benötigen. Dann . . . “ „ . . . werden wir ihn kennen lernen“, ruft Barak rasch. „Ob ich — “ „ — dabei sein darf?“ ergänzt Gibbar des Altrats halbe Frage. „Ich zweifle nicht daran.“ „O, ich gleichfalls nicht“, lacht Debora und klatscht in die Hände:

„Endgültig Ruhe! Barak, du weihst unsern neuen Freund morgen auf dem Wege weiter ein. Vergiß das Kennwort ‚Palme‘ nicht.‘ Dankbar geht man auseinander. Die Nacht ist kurz geworden, doch der Friede dieses Hauses schenkt die Kräfte wie durch einen langen Schlaf.

← Zurück zu „Das Richteramt“