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Kap. 4 – Bei Jabin und Sisera; bei Kis-Abda wechseln Licht und Schatten

Kapitel 4

„Was für Nachricht bringst du mir?“ König Jabins Blick und Stimme grollen. Zalman macht den Buckel krumm, sein Gesicht jedoch bleibt ausdruckslos. Er lullt den königlichen Ärger ein: „Sie sinnen auf ein seichtes Wässerchen. Ich will nicht Zalman heißen, wenn du nicht der Sieger wirst.

Israel will seine Truppen selber führen; schnöde will man dich umgehen. Das sagte man natürlich nicht. Sisera soll vom Westen her flußaufwärts in die Karmelwände abgetrieben werden, wo Roß und Wagen schlecht zum Einsatz kommen. Ein Glück — sie ahnen nicht, daß du im Hinterhalte stehst.

Die Streitmacht des, Delajah, dieses Gockels, führt ein Fürst mit Namen Hamer. Ein Fürst Jizri, der die Flügel leiten sollte, lehnte ab; er sei bereits gebunden.“ „Mit wem?“ will Jabin wissen. „Das verriet er nicht.“ „Blödian! Zu was schickte ich dich hin?“ „Wird nachgeholt, wenn ich Antwort bringe.“ Fragt sich bloß wohin, denkt der alte Gauner. „Sei lieber froh; ist Fürst Jizri nicht Delajahs Freund, so nicht dein Feind.“

„Wie sah er aus?“ Jabin denkt bei der Beschreibung: ‚Es ist nicht der, der bei mir war.‘ „Ist ein Junger dort?“ Wer ahnte, daß Debora Barak darum nicht zum Hohen Rat mit gehen ließ, damit Zalman ihn nicht kennen lernte. Dieser sagt: „Kein Jüngerer; ich war in allen Winkeln, wo was zu erlauschen war.“ „Nicht im wichtigsten“, faucht Jabin grob. „Wer auf Jizris Seite steht, der — “ Rasch verschluckt er das geheime Angebot aus Israel. Aber Zalman ist gerissen; was er nicht weiß, reimt er sich zusammen. Er verbirgt ein Grinsen mit der Hand.

Jabin händigt Zalman eine Rolle ein, durch die Sisera den Plan der Israelen und daß er, Jabin, ihnen in den Rücken fallen wird, erfährt; und eine zweite an den Hohenpriester gibt das Wort, daß jeder seine Truppen selber führen kann. Bloß das Kampfgebiet sei einzuhalten.

Der Spion spickt manchen Wink dazwischen, scheinbar gut; er wird also reich belohnt. Jabin ist nicht müßig. Er setzt bereits sein Heer in lauter kleinen Gruppen ab. Das Manöver sieht recht harmlos aus. Trotzdem werden in kaum mehr als etwa einem Tage die Eliten einheitlich zu sammeln sein.

Wie sich der König diabolisch freut, bald sein Ziel erreicht zu haben, so Zalman auch. Er will außer Landes flüchten. Noch Sisera will er schröpfen. Schade, daß er deshalb Silo meiden muß. Aber dort — er spürt‘s genau — lauert die Gefahr, Sisera wird er erst die Rolle lesen lassen und am Gesicht des Lesenden erkennen, wie und wo er einzuhaken hat.

Der Feldherr läßt im Beisein Zalmans seinen Unmut schießen. „Das sieht übel aus“, knurrt er. „Glaubt der König, Israel sei nur ein kleiner Haufen? Man muß gemeinsam kämpfen . . . “ „Marschall, laß dich unterbrechen. Die Beschnittenen“, sagt Zalman zynisch, „haben große Sorgen. Durch den Erlaß des Königs sind sie in der Waffenschmiede weit zurückgeblieben.“

„Mag sein! Um so mehr sind unsere Tapferen zu schonen. Was meint ihr dazu?“ fragt er seine Offiziere. Sie sind außer einem Hauptmann seiner Ansicht. Der widerspricht bedächtig: „Israel kann bloß so tun. Daß sie nicht gegen jene sind, wie sie selber unterjocht, ist einzusehen. Allerwärts sieht man sie förmlich wandern: Moabiter, Amoriter und vor allem Midian. Diese können mit Delajah einen Bund geschlossen haben.“

„Alles kleine Hunde“, wehrt Sisera ab, „und Midian ist der ärgste Feind von Israel.“ Wer ahnt, daß Midian eine große Rolle spielen wird? Zalman widerspricht dem Hauptmann und schielt dabei Sisera an. Der merkt den Wink. „Gehe in das Zelt für Boten“, befiehlt er ihm. „Wir beraten uns“, winkt er den Offizieren zu. „Du mußt heute Abend wieder fort; deinen Lohn bekommst du, wenn du gehst.“ Zalman muß sich fügen; lieber hätte er die Wüste Zin schon zwischen sich und Kanaan. Bei der Beratung geht es lange hart auf hart. Endlich macht der Feldherr einen Strich. Ein zorniger Befehl: „Morgen hat ein jeder seine Pläne vorzutragen; brauchbare, bitte ich mir aus! Dann ist festzulegen, was wir gemeinsam, notfalls jeder einzelne mit seiner Truppe auszuführen hat.“

„Mein Plan ist“, sagt Agratano, der widersprach, „meine Reiterei nördlich der Ebene Jesreel im Seitental bei Bet-Lahem in Sebulon aufzustellen. Dort wird sie weniger gesehen und kann am schnellsten den bedrängten Truppenteilen helfen. Ich kann auch, wenn es anders käme“, sagt er ernst, „die Reiter retten.“ „Und dich dazu“, spottet einer frech.

Agratano sagt: „Mich mit dir zu messen, unterlasse ich. Bleibst du aber in dem Treffen heil, dann werde ich dich finden, Hauptmann Amolos!“ Spricht‘s und verläßt Siseras Zelt. Dieser zankt: „Euch zu schlagen, fehlt mir noch! Freilich — Agratano spinnt.“ Ein anderer nimmt Partei: „Nicht feige hat er jenes Tal gewählt; ich an deiner Stelle, Feldmarschall, würde Agratanos Plan erwägen.“ „Wir werden sehen.“ —

Am Tag, da dies geschah, amtiert Kis-Abda zu Jerusalem. Barak hatte bei dem Ritt viel Wichtiges mit ihm besprochen. Meist ging es um die Richterin, um Gottes Licht. Der Altrat staunte sehr, was Barak alles wußte, überraschend logisch dachte. ‚Wäre er nicht gar zu jung‘, grübelt jetzt der Oberste, ‚er könnte einer unserer ersten Priester sein.‘

Er gewann ihn lieb, zumal er nur zwei Töchter hat. Aber erst die Palme! ‚Wer hätte je gedacht, daß ich, Altrat dieser Stadt, einem Weib zu Diensten würde?‘ Während der paar Tage hatte er so recht den Unterschied gemerkt: Auf dem Hügel ernste Männer, um eine Frau geschart, alle bis zum Tode treu, und keinesfalls nur für das Israel der Welt. Das stand im Hintergrund, ohne es in ihrer Drangsalszeit zu übergehen.

Um das ‚UR-Reich‘, wie es jener Himmelslehrer nannte, geht es ihnen. Hier dagegen? Man fragte ihn nur über Silo aus. Alles drehte sich um das Weltliche, wie man das letzte Gut vor Jabin retten, sich selber aus dem Kriege halten könne, und noch vieles mehr. Ihm war schon ganz übel.

Welcher Friede war im Hügelhaus, welche Kraft. Vor zwei Stunden war er drauf und dran, wie er ging und stand dorthin auszureißen. Aber nein, sein Weib und seine jungen Töchter — — Er darf sie nicht verlassen, man würde sich an ihnen rächen. Wie wahr er denkt, soll er bald erfahren.

Die Jüngste, Vesthi, meldet ihm, drei Männer stünden draußen. „Wer sind sie denn?“ „Weiß ich nicht.“ Sie schmiegt sich an den Vater an. „Sie haben fremde Kappen auf.“ Da geht er selbst hinaus, um zu sehen, wer die Männer sind. Als er nach ihren Wünschen fragt, sagt der Älteste der drei: „An deiner Mauer fächelt sich im Winde eine Palme. Wir suchen Palmentriebe für ein Hügelland.“ Vesthi, bei dem Vater stehend, funkelt die drei Fremden mit ihren kirschenschwarzen Augen spottend an.

Die Parole. Außer Charkros kennt er keinen, der zum Bund gehört. Vorsicht ist geboten. Im Amtsraum geben sie sich zu erkennen. „Die Palme sendet uns. Du möchtest bleiben, bis sie ruft. Werbe morgen ein paar Diener an, für dich ausgesuchte Leute. Wir kaufen einen Palmentrieb. Verstehst du dies?“ Sehr erfreut drückt Kis-Abda drei braune, feste Fäuste.

„Ich lade euch zum Mahle ein.“ „Nicht, das fällt auf. Du wirst bespitzelt; euer Erster denkt, du ließest dich von Jizri fangen. Darin sollst du ihn bestärken, ohne ihn herauszufordern.“ „Dank euch, ihr Getreuen. Und kommt ihr zu den Freunden, dann auch diesen meinen Dank, zumal der Richterin.“

Sie gehen wieder in den Garten, wo sein Weib Eldaa und die Töchter Lea und Vesthi weilen. Die Mädchen kichern, als die Fremden einen Steckling kaufen. Um sie auszusöhnen, bringt Eldaa einen Wein. Nach ihrem Weggang prustet Vesthi lauthals los: „Diese Schnorrer! Können überall umsonst die Dinger haben. Warum kommen sie zu uns?“ „Wenn ich das wüßte!“ Absichtlich lacht der Hausherr mit. „Nun, unsere Palme hat halt schöne volle Fächer; möglich, daß sie deshalb bei uns fragten.

Ich habe eine Freude“, lenkt er seine ‚Mädchen‘, wie er Frau und Töchter nennt, vom Thema ab. „Der Nachbar hat sein Haus samt Hof verkauft. Nun wird es bei uns eingehegt; und Lea, meine Kluge, und Vesthi, meine wilde Hummel, kriegen es.“ Stürmisch wird er abgeküßt. Bloß Eldaa murrt bißchen:

„Wer soll die viele Arbeit leisten?“ „Schwierig, was“, scherzt Kis-Abda, während er im Herzen sorgt und sinnt. „Wir müssen noch zwei Diener haben“, bestimmt die Frau. „Ja, gewiß“, beruhigt er sie schnell. „in der Frühe reite ich nach Gibea zu meinem Freund, dem Herbergswirt, er wird sicher welche wissen.“ Wieder in dem Amtsraum sitzend, will er weitergrübeln. Doch man stört ihn abermals. Der Knecht sagt an:

„Herr, da ist einer, der mir nicht gefällt. Er kommt vom Obersten der Priester, Hach, priesterlich sieht der nicht gerade aus.“ „Nun, nun“, wird der Knecht beschwichtigt, „also bleibe in der Nähe. Im übrigen, Heman: Wir glauben doch an unsern Herrn!“ Die treue Haut wispert: „Mitunter denke ich, Gott ist weit weg; da schützt man sich am besten selbst.“

„Nein, es kommt darauf an, ob wir Ihm fernestehen.“ Heman wiegt bedenklich seinen Kopf. „Soll er herein?“ „Höflich“, befiehlt der Rat, „sonst heißt es gleich, ich behandele die Leute schlecht.“ Ein untersetzter Mann schiebt sich herein, stark an Gliedern, ungewissen Blickes und ärmlich angezogen.

„Was bringst du mir?“ Kis-Abda streckt die Hand nach einer Rolle aus. „Mündlich“, sagt der Bote dreist. Der Altrat übergeht die Art und fragt nach seinem Namen, „Brauch‘ ich nicht zu nennen“, ist die freche Antwort. „Wie du willst, Also ?“ Der Versuch, den Rat zu reizen, mißlingt durch dessen Ruhe, die keinen Anlaß gibt, wie der Mann ihn haben muß, um — —

„Der Hohepriester ist ungehalten. Sollst morgen auf Befehl nach Silo kommen, er will — das heißt“, bremst sich der Bote selbst, „du hast viele Männer aufgewiegelt und bist mit Moabitern einig, dich dem Jabin anzuschließen. Dafür soll dann deine Sippe aus dem Spiele bleiben, wenn Jabin uns nicht mehr provinzial regiert, sondern das, was übrig bleibt, in seiner Volkschaft untergehen läßt. Diese und noch andre Punkte hat der Hohe Rat wider dich zur Klageschrift gemacht.“

„Weiter?“ Kis-Abda horcht in sich hinein, ob sich Angst und Ärger melden. Nichts! Er bezähmte sich ja immer gut; doch war jemand gar zu widerlich, so blieben harte Worte auch nicht immer aus. ‚O gute Palme, das ist unsers Gottes Segen, der über dich zu mir geflossen ist.‘ Ein stummer Dank quillt zum Himmel hoch. Dahinein sagt der Bote, dreister werdend:

„Langt das nicht, die Not so auszunutzen, um den eigenen Bauch zu retten? Am besten, du kommst gleich mit mir, denn . . . “ „So so! Klug bist du nicht, hast dich schwer verraten, was gegen mich gesponnen worden ist. Delajah hätte einen Besseren senden sollen, dann wäre ich gekommen; aber nicht — “seine Stimme härtet sich, „ — weil ich muß! Ich berate mit Fürst Jizri, was wir, nicht nur ich — merke auf — ‚ unternehmen werden. Bis dahin hat die Sache Zeit. Geh, und richte dieses aus.“

„Ich warte“, grinst der Fremde, „war obendrein so anbefohlen, nur mit dir zu reisen.“ „Ach!“ Lächelnd klingt es, wie verwundert. „Nur mit mir? Schade! Weißt du, du gefällst mir nicht. Überdies suche ich mir selber den Begleiter aus, wenn ich einen brauche. Du bist entlassen — geh!“

Jähzornig springt der Bote auf. Dreißig Silberlinge, der gültige Verräterlohn, sagte man ihm zu, wenn er Kis-Abda lebend oder tot nach Silo brächte. Lebend war Delajah lieber. „Du mußt“, zischt er unterdrückt. „Und willst du nicht — “ Blitzschnell zieht er seinen Stecher. Doch genauso rasch wird er von hinten angepackt. Stöhnend stürzt er nieder.

„Höllenhund!“ Hemans Fäuste würgen ihn fast ab. Der Altrat, erst betäubt, springt hinzu. „Halt! In meinem Amtsraum gibt es keinen Mord! Hole Stricke, Wasser und Wein für ihn!“ „Das fehlt gerade“, schimpft der Knecht, „diesem Buben wieder aufzuhelfen und unseren Wein . . . “ „Tue, was ich befehle; du weißt es nicht, wie nötig ich ihn brauche. Dich ebenso, wenn du horchtest.“ „Und ob“, schielt der Graukopf hoch. „Denkst du vielleicht, ich lasse dich ins Unglück sausen?“ „Hm hm, bist mein braver Knecht. Nun den Strick, bevor er sich erholen kann.“

Sallumin, informiert, kerkert den Verbrecher ein. Nun erst merkt der Altrat, wie es in ihm pocht und stürmt. „Siehst du“, sagt Heman stolz, „hätte ich nicht aufgepaßt!“ Nach einer kleinen Weile sagt Kis-Abda herzlich: „Heman, Gott ließ mich dich einst finden, abseits von dem Ebodaer Brunnen, wo du wie verschmachtest lagst. Du hast die Rettung bis zum heutigen Tage treulich abbezahlt, und jetzt eben hat der Herr mich durch dich retten lassen. Siehst du Seine wunderbare Führung ein?“

„Du hast immer recht, bist ja auch ein Altrat“, stammelt Heman und wischt sich seine Stirne ab. „Nun sind wir quitt“, fährt jener fort. „Von heute an bist du kein Knecht, son . . .“ „O“, unterbricht der selbe, „das tue mir nicht an! Soll ich aus dem Hause weg, wo ich über zwanzig Jahre ehrlich diente?“ Ganz fassungslos starrt er den Hausherrn an.

„Aber nicht doch, Heman! Du bist nun mein Freund. Verstehst du das?“ „Nein, Herr; ich bin den Dienst gewohnt. Niemals hast du nur den Herrn herausgekehrt; und was immer du befahlst, war recht und gut. Warum soll das nicht so bleiben?“ „So schlage ein!“ Kis-Abda gibt ihm seine Hand. „Bewache meine Lieben. Morgen kommen noch zwei Treue. Halte Frieden mit den Männern, wenn sie auch andern Blutes sind. Ich weihe dich noch ein, was vor uns liegt. Am Abend gehe ich zum Richter; du gehst jetzt und berichtest ihm, was sich bei mir zugetragen hat.“

Sallumin nennt die Sache einen heißen Brei. Erweist sich, daß es Delajah angestiftet hat, kann man — wie die Zeiten sind — kaum etwas unternehmen. Kis-Abda möchte es Fürst Jizri überlassen, der würde mit Delajah fertig. Allein, später leugnet es der Priester, und der Inhaftierte schweigt. —

Eine Woche ist verstrichen. Der Altrat hat zwei Midianiter unterm Dach. Wohin er geht, haben welche ‚auch den gleichen Weg‘. Jizri brachte Artham vor den Richter. Nun scheint es, als verlaufe alles friedlich, ehe sich die Schwerter töten. Doch unterm Volke gärt und brodelt es. Ein Teil ist für, der andere gegen einen Krieg, — für Delajah, wider ihn.

Bis zum halben Tagritt nördlich des Palmenhügels, wie ein Strich von Ost nach West, mehren sich die Wanderzüge, von denen weder Jabin noch Delajah wissen, zu wem sie stoßen wollen, falls sie sich in diese Wirrnis wagen, die wie der Leviathan (Hiob 40, 25) über Kanaan gekommen ist. Die eigene Schuld sieht keiner ein. ‚Der andere hat angefangen‘; ‚Wenn der andere mir entgegenkommt, dann — ’. Wer trägt zum Frieden bei, indem er bei sich selbst die Fehler sucht oder gar dem andern ohne Rache, ohne Groll vergibt? Das ist die Wurzel jener wirren Zeit. —

Kis-Abda wird gerufen. Die Midianiter bereiten ihm die Reise vor und — ein leises Wort: „Wir bleiben hier; am Weg nach Gibea findest du Begleiter.“ Sie satteln ihm zwei flinke Pferde. „Zwei?“ fragt der Hausherr. „Du wirst sie brauchen.“ Der Abend schleicht sich in das Land, als der Rat das Tor passiert. Nicht weit abseits lagern fünf Berittene.

„Wohin?“ fragt einer. „Nach Norden“, weicht Kis-Abda aus. „Zum Kison?“ wird zurückgefragt. „Ach, dort gibt es wenig Palmen“, sagt ein zweiter. Kis-Abda springt vom Pferd. Noch eine Frage: „Wißt ihr, wo die Richterin des Landes wohnt?“ „Wir sind auf dem Weg zu ihr.“ Entlastet begrüßt der Altrat seine Wächter. Bald traben sie, zwei und zwei, schweigend in die Nacht hinein, die ein noch schmaler Mond erhellt.

Der Morgen naht, als sie zum Palmenhügel kommen. Seit geraumer Weile stellt Kis-Abda fest, daß längere Zeit kein Fuß, kein Huf den Pfad gekennzeichnet hat. Um so mehr ist er erstaunt, als er bei Debora eine Menge Menschen findet, Israelen, und ein buntes Durcheinander vieler Fremder.

„Wann kamen all die Gäste an?“ fragt er höflich nach dem Gruß die Richterin. „Diese Nacht.“ „So? Welchen Weg sind sie gekommen?“ „Du fandest keine Spuren, was? Ich muß dafür sorgen, daß Delajah nicht zu früh erfährt, was hier vorbereitet wird. Mit wenig Mühe sind die Fährten wegzuwischen, zumal es trocken ist. Auch deine Spur ist schon getilgt.“

Nachdenklich streicht Kis-Abda seinen Bart. „Ist das nötig, wo es jetzt ums Ganze geht?“ „Es geht nicht so rasch, wie Jabin will, wie Delajah sich‘s erträumt“, sagt Debora schwer betont. „Es wird alles aufgeboten, Israel zu schützen.“ „Warum uns besonders“, fragt aus dem Kreis der Männer eine Stimme, die Kis-Abda aufhorchen läßt. Der Jerusalemer Richter. Da schau her, wer hätte das gedacht? Er setzt sich neben ihn.

Salthiel gibt indessen Antwort: „Die Gegner wissen nicht, zu wem die Helfer stehen und ob überhaupt zu jemandem. Und wir sind bei Delajah durchgefallen.“ Allseits heiteres Gelächter. „Die Vorsicht ist vonnöten. Aber bald — ach“, unterbricht er sich, „das kann die Richterin verkünden. Wir werden heute vieles hören.“ Dazu nickt Matthanja sonderlich.

In drei Räumen sind die Tafeln aufgedeckt. Zwischen dies und dem erzählt der Fürst die Sache bei Kis-Abda. Jemand fragt, was den Gefangenen erwartet. „Ich weiß es nicht“, zögert Sallumin. „Wegen unserm Oberpriester — er ist es nun mal noch ist leider nicht viel anzufangen.

Und dann“, sein Blick geht sinnend zu Debora hin, „dich kenne ich noch keinen ganzen Tag; nur der Fürst erzählte mir: ‚GOTT hat diese Frau gesandt!‘ Ich versuchte ja dem Recht zu dienen; aber schwer gelingt es dem, der unter keiner Himmelsführung steht. Ich erkenne dich als Richterin des Volkes an und will mich nicht mehr Richter nennen, weil . . .“

Der Prophet hebt eine Hand: „Laß dich unterbrechen. Erstens: Daß du Debora als von GOTT gesendet anerkennst, ist dein Privileg der Ehrlichkeit, Treue und des guten Willens, in der Schicksalsstunde dieses ganzen Landes — nicht nur unsers Volkes — auf des Heilig- Hohen rechte Seite hinzutreten. Wir kämpfen nicht, nur um Jabins Fesseln abzustreifen; wir wollen allen armen Menschen einen neuen Aufstieg bringen: den Morgen der Erkenntnis, des Glaubens, der Gott- und Menschenliebe (3. Mo. 19, 18).

Zweitens: Du versuchtest, und es gelang dir auch, die Gesetzesbrecher zu ‚behandeln‘. Du versagtest nicht, obzwar die Stricke manchmal rissen. Drittens und viertens sei Debora überlassen.“ Aller Augen richten sich auf sie. Man ist im großen Saal versammelt. Meistens bleibt Debora sitzen, wenn sie redet; heute tritt sie an die Seite Sallumins und sagt:

„Besser ist es, wenn man nicht die Himmelsführung spürt[VH5]. Du wunderst dich, mein Freund? Der Mensch verdirbt sich oft das Licht durch seine Weltlichkeit; er sieht sich gern erhoben, um angebetet und bestaunt zu werden. Wohl nicht so, was unserm Hohen gilt, doch es wird ein Götzenkult. Solcherlei Gefahr bedroht den Menschen, der des Lichtes Führung immer merken will und zu fühlen glaubt. Nicht das jedoch allein.

Höret alle: Es gibt eine ständige Verbindung zwischen Licht und Mensch, die umso offenkundiger sich zeigt, je mehr der Mensch sie wirken läßt, unabhängig vom ständigen Darandenken. Wir sind nicht nutzlos auf die Welt gekommen, wo man — jenachdem — eine Arbeit zu erfüllen hat, die das Licht in Auftrag gab. Aber nebenher geht unser eigenes Leben, das wir genauso zu vollbringen haben, wie den Dienst aus Gottes Hand.

Wohl ist der Dienst, der sich auf und für die Welt bezieht, für allerlei, was von der Welt zum Geistigen zu bringen ist, von jenem, den wir für uns verrichten, streng zu trennen. Nicht derart, daß bloß eins von beiden gültig wäre. Denn der Lichtdienst ist nicht zu bewältigen, wenn man die Arbeit an sich selber übergeht. Wer das erkennt, verliert sich nie im eigenen Gestrüpp der Überheblichkeit, sobald er merkt, daß er wegen eines Dienstes eine Himmelsführung hat.

Ein Beispiel dient: Der Patriarch! Er war vom Tage der Geburt bis zur Stunde, als er seine Augen schloß, ein ‚Lichtgeführter‘ ersten Ranges. Doch nur mit GOTT sprach er davon. Sein Leben war ein Dienen für die Seinen, für die Völker. Ein guter Dienst! Da ging es öfter um das Dasein dieser Welt, ihm aber um den echten Glauben an den Schöpfer, seinen Gott.

Mit beiden Händen, vordringlich die geistigen gemeint, sorgte er für innere und äußere Vollendung derer, die Gott ihm anbefohlen hatte. Uns bleibt es anbefohlen, ebenso zu handeln, wenn gleich im kleinen Maßstab gegenüber jenem großen eines Abraham.“

Ein Midianiter, der Kämmerer seines Fürsten, über dessen Kommen sie sich wunderte, sagt zu ihr: „Hohe Richterin, natürlich ist das Leben eures Patriarchen euch bekannt. Doch ein gewisser Kreis von uns weiß viel von ihm. Darum habe ich dich gut verstanden. Wer so handelt, bewahrt sich vor dem Hochmut und dem Fall. Ich persönlich danke dir.“ Debora gibt ihm ihre Hand und erwidert in bekannter Freundlichkeit:

„Das ‚hohe‘ lasse bitte fort, das gilt einzig unserm Gott. Auf Erden brauchen wir die Titel, ich nicht meinetwegen, nur daß Gottes Herrlichkeit sich offenbart.“ Sie zieht in einen Kreis die Israelen und die Heiden. „Wie der Kämmerer Dalphon eben jetzt des Lichtes Lehre anerkennt, so hat er auch die Himmelsführung angenommen, ohne daß er selbst es weiß. Hier gilt nicht das Wissen; es gilt Gottes Weisheit, die uns allen dienlich ist.“

Unbemerkt fragt sie, weshalb er kam. Ein Augenwink. Lichte Röte überzieht Deboras Wangen. Wenn er käme — es wäre eine Stütze für die Ihrigen, die trotz Mut und Treue immer wieder seufzen: sie — so gut wie waffenlos; Jabin mann- und waffenstrotzend. Sie dreht sich dem Jerusalemer Richter aber wieder zu und sagt:

„Nicht wahr, Sallumin, nun weißt du, daß du eine Himmelsführung hast. Welche?“ „GOTTES!“ In echter Demut neigt der Mann sein Haupt. „Demnach brauchst du deine Rechtsarbeit nicht aufzugeben“, fährt Debora in der Rede fort. „Von Gott ist dir‘s gegeben und Er fragt dich einst, ob du dieser Arbeit bis zum letzten Tage deiner Kräfte nachgekommen bist.

Nicht in jedem Fall sind Richter auch des Volkes Oberste, wie es Josua befohlen hat. Du bist des Rechtes Richter, weit und breit der beste. Das Richteramt ist etwas anderes, und das überlasse ich dem Hohen Herrn! Tut Er es durch meinen Geist, den ER mir gab, so ist es Seine Sache, wie sich meine Führung offenbart. Bleibe also das, was du bisher gewesen bist.“

Sallumin atmet auf. Es stach, das Liebgewordene dranzugeben. Sie lächelt und will gerade etwas sagen, da meldet Charkros neue Gäste an und — einen Toten. „Ein Toter?“ „Wer kommt heute noch?“ schwirrt es durcheinander, „Ein hoher Gast“, heißt es. Die Spannung steigert sich, abgesehen bei Deboras sieben Freunden, die ihr Stamm gewesen sind. Schon allzugut geschult, warten sie es ruhig ab, wie sich Kommendes entwickelt.

Ein Vornehmer tritt mit zwei Begleitern ein. Strahlenden Auges verneigen sich die Midianiter. Debora geht ihm entgegen und Charkros bringt Brot und Wein, jenes übliche Begrüßungsmahl: das geheiligte Symbol, kein Ritual der Welt. Still und feierlich nimmt der Gast es an. Danach sagt die Richterin, während ringsum leises Ah und Oh geflüstert wird:

„Sei gegrüßt, Fürst Su-el-Kambynos. Du hast viel für Israel, das deinem Vater widerlich geworden war, getan. Du übtest keine Rache aus; du legtest Kohlenglut auf unser Haupt. (Spr. 25, 21-22). Gottes Segen ist mit dir und deinem Volk.“ Jedermann begrüßt den Fürsten freudig; denn Amoriter, Moabiter wie alle Verbündeten erwarten sich von Su-el-Kambynos die Rettung. Nach dem ersten Freudenrausch sagt der Fürst:

„Laßt uns des Toten noch gedenken. Ich habe keine Ahnung, wer er ist. Vielleicht kennt ihn jemand?“ Man geht hinaus, Fürst Jizri und Matthanja erkennen in ihm Nephath, obwohl er Wüst zerschlagen ist. „Wo wurde er gefunden?“ „Nördlich Hesbons“, gibt Su-el-Kambynos Bescheid. „In Elath hat sich von mir ein neuer Trupp gesammelt, dem ich von Dibon bis Bozra entgegenzog, um ihn sofort einzusetzen und zu prüfen, ob er die Waffen brächte, die mir von Ägypten zugebilligt worden waren.“

„Was? Wie? Waffen? Ägypten?“ Kein Wunder, daß manchem Mann die Tränen kommen. Es geht nun einmal ohne Waffen nicht. Nur die hier geeinten Israelen möchten statt derselben ‚Gottes Licht‘ in ihre Hände nehmen. Su-el-Kambynos wehrt würdig ab. „Sagt mir, wer der ist“, zeigt er auf den Toten, „Ein Spion zwischen Jabin und unserm Oberpriester — leider“, klärt Jizri auf. „Ich habe mir gedacht, daß er noch andere Wege geht; nun hat das Schicksal zugeschlagen. Über Hesbon wollte er gewiß bloß seine Spur verwischen.“ „Wohin?“ fragt der Midianiter.

Jizri hebt die Schultern. „Schwer zu sagen. Nordöstlich des Jabbok lagern Ammoniter. Etwa wollte er zu denen.“ „Begrabt ihn fern des Hügels“, befiehlt Debora. „Hoffentlich wird er nicht uns zur Last gelegt.“ „Ich hätte ihn nicht mitgebracht“, sagt Midians Fürst, „und die teuren Totenkräuter gern gespart; doch ich ahnte, daß er uns ein Zeiger sei. Du hast recht, Fürst Jizri. Mir wurde es gemeldet, daß der Ammon bei dem König schwänzelt. Ammon glaubt, Jabins Heere seien nicht zu schlagen.“

Man geht wieder in das Haus. Jizri dankt im Namen aller für die Treue, mit der Midian zur gerechten Sache steht und fragt, wie die Wehrbelieferung zustande kam. Debora holt erst einen Imbiß für die neuen Gäste und für die andern einen leichten Wein. Nach dem Mahle rückt sich Su-el-Kambynos zurecht, sichtlich triumphierend; und das gönnt man ihm.

„Hohe Richterin“, fängt er an, wird aber unterbrochen, sie liebe nicht das ‚hohe‘. Er wedelt mit den Armen. „Es bleibt dabei: Hohe Richterin! Ich habe dich bei mir geprüft; allen Fragen wurdest du gerecht. Das bewies, daß du ‚wer anderes‘ bist, als man allgemein von bedeutungsvollen Menschen denkt.

Zu dem, was du angeschnitten hast, sage ich: Euer Volk konnte in das Angestammte kommen und war genügend Raum, daß alle friedlich unter einem Dache, dem des Himmels, leben durften. Natürlich bietet das Gemisch der Stämme immer leichten Anlaß, der zu Streit und Krieg verführt. Aber Israel handelte anders als sein Patriarch. Hätte es wie er getan, würde jeder kleine Stamm gehorchen, wie es bei dem Patriarchen war.

Heute hat sich das Gegebene gewandelt. Selbst das Joch ertragen müssend, merkte man, was man den anderen getan. Nur gibt es viele Führende in Israel, die für sich die Freiheit wollen, für die andern Unterdrückung. Mit Freuden hätte jeder Midianiter dem widerlichen Jabin seine Hand geboten, um Israel zu züchtigen, daß es ferner nicht mehr muckt.

Zugleich brach unter euch was anderes auf.“ Su-el-Kambynos sieht Debora dankbar an. „Ehrlicher und lichtdurchglühter Wille wuchsen nach der Art des Patriarchen hoch. Einsichtsvolle Freunde breiten an der ‚hohen Palme Israels‘ die Wedel aus, um unter ihrem Schatten einzusammeln und zu hegen, was zerstört am Boden liegt, was der Kanaaniter ganz zerbrechen will. Darum habe ich mich dieser edlen Sache hingegeben.

Der Haß, den man mit Blut und Tod in alle Stämme trieb, ist nicht mit unsrer Sache auszurotten. Solltet ihr mal wieder den Tyrannen machen — ich sage es aus Trauer, weil dabei das Werk der Richterin in die Vergessenheit gerät‚ wird Midian der erste sein, der Israel besiegt (6, 1). Genug davon! Ihr Anwesenden könnt nichts dafür, wie ich es nicht verhindern könnte, wenn die treue Freundschaft zwischen uns zerbricht.“

Ein Lächeln vertreibt das Bittere. „Nun höret an, wie ich zu den Waffen kam. Auf einem Treffen fand ich mich mit Pharao zusammen. Er bot mir seine Hilfe an, wann immer ich sie brauchte. Vorigen Jahres erinnerte ich ihn an sein Angebot, und zehn Karawanen brachten, was ich mir erbat. Die Kamele gingen allerdings nicht leer zurück. Auch hierbei macht mein Herz kein Hehl. Wäre nicht die edle Richterin gekommen, — sie galten Israel, mit und ohne Jabin. Nun aber — —

Midian, Israel, Moabiter, Amoriter, Hethiter und wer zum Bund gehört, — in einer Stunde werden wir als Wall aus Leibern und aus Schwertern gegen Jabin stehen, der wider Recht, Wahrheit, Freiheit und den Frieden ist.“

Taumelnde Freude. Debora schleppt einen Silberkelch mit dunklem Wein herbei, läßt den Midianiter trinken, nimmt einen Schluck und reicht ihn dann von Hand zu Hand, von Charkros immer nachgefüllt. Am Ende trinkt die Dienerschaft. Erst allmählich tropfen Fragen und Gespräche durch die Stille, die entstanden war.

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