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Kap. 8 – Ein schwieriges Verhör; 10 Gebote, 4 Pfeiler, Fackeln, Rache

Kapitel 8

Ein kühler Tag bricht an; die Regenzeit hat eher eingesetzt. Die Sonne probiert erst ihre Wolkenschleier, bis sie schon am Vormittag darin versinkt. Den Freunden auf dem Hügel macht das nichts, sie haben eine herrlichere Sonne unter sich: Gottes Offenbarung, durch die Lehrer.

Fürst Su-el-Kambynos wird in der Frühe abberufen. Ungern reitet er mit seinem engeren Gefolge fort. Muriel sagt herzlich: „Sei nur getrost und zieh in Frieden deine Straße. Die Meuterer, die sich in deine Truppe, die bei Bezer lagert, eingeschlichen haben, weswegen du gerufen wirst, sind nicht weit her. Ohne Blutvergießen wirst du sie vertreiben.“

„Ohne — ?“ Ständig kämpfend gegen die Natur, die ihnen mancherlei versagt, macht die Wüstensöhne härter als die Leute, die in einem Garten wohnen, wie es Kanaan zum guten Teile ist. Er beugt sich abschiednehmend und — „Ich befolge Gottes Anweisung.“ Der Dank ist im Gegensatz zu seiner regen Art mit ein paar tiefst empfundenen Worten dargebracht.

Muriel und etliche reiten bis zur Handelsstraße mit. Das ist von allem Herrlichen das Schönste, was der Midianiter wie ein Heiligtum in sich verwahrt. — Die Zurückkehrenden begegnen einem sonderbaren Trupp. Laut verflucht ein Mann eine ihn umgebende Eskorte. Es sind Amoriter. Gerade hört man, wie von denen einer sagt: „Die Palme wird sich freuen!“

Unwillkürlich lacht Jedothun. „Kommt, laßt uns helfen; ich dachte auch . . .“ „Das behalte jetzt für dich“, warnt Muriel, „es ist hier ein anderer Fall,“ „Aha, deshalb bist du mitgekommen“, meint Fürst Jizri. „Darum auch; im Vordergrund stand das Geleit der Freunde als eine liebe Pflicht.“

Elam schüttelt seinen Kopf. „Wieso Pflicht? wenn auch eine liebe? ihr — vor Gottes Thron“, flüstert er, „braucht ja nur zu sagen, was geschehen soll. Uns gegenüber habt ihr keine Pflicht; umgekehrt ist es der Fall.“ Man stimmt ihm zu. Der Engel lächelt sanft: „Elam, hebe es dir auf den Abend auf; nun handeln wir.“ Der Gefesselte, sie erspähend, schreit um Hilfe. Die Amoriter, zum Bund gehörend, geben sofort Raum. Der Hauptmann hat die Israelen gleich erkannt.

„Herr“, wendet er sich an Fürst Jizri, „der trug bei sich eine Rolle Jabins, an euern Rat gerichtet. Er hätte sie gefunden — lügt er. Des Lesens unkundig, wollte er sie einem Obersten zur Prüfung bringen. Das ist sicher faul.“ „Wir werden sehen; bring‘ ihn her zu uns“, sagt Jizri.

Man wählt einen von Pinien umsäumten Platz. Zu dem Mann, unsanft hergeschoben, sagt Muriel, der die Verhandlung führt: „Setze dich inmitten unseres Kreises, meinen Augen gegenüber.“ Der Gefangene gehorcht widerwillig. Ob der Gebietende ein Richter ist? Wo gehört er hin? Ihm bleibt keine Zeit, sich eine Rettung auszudenken. Muriel fragt bereits:

„In wessen Auftrag bist du Gänger?“ Gänger waren gekaufte Boten und Spione. „In keinem“, redet sich der Mann heraus. Muriel wird schärfer: „Mir machst du nichts vor!“ „Ich gehöre wirklich niemand an, ich . . .“ „. . . bin bei Jabin, nicht wahr?“ „?“ Da blitzt es in des Gängers Augen auf: „Wenn du eine Botschaft brauchst — “ Er rutscht auf Muriel zu.

„Bleibe dort; du kaufst dich nicht frei! Vor Jahresfrist hast du Israel gegen Jabin ausgespielt, weswegen dann dem Land die unerhörte Härte aufgebürdet ward.“ „Der ist das?“ Wie ein Panther springt der Hauptmann vor. „Tod ihm!“ Seine Wut kann man verstehen; auch die Amoriter wurden sehr geplagt.

„Halte dich zurück“, mahnt Jizri, „unser Richter wird die Sache in Gerechtigkeit entscheiden.“ „Ist ihm anzusehen.“ Der Hauptmann kreuzt die Arme zum Zeichen seiner Unterwürfigkeit. Muriel winkt ihn heran. Ungern kommt er her; fast denkt er wie der Gänger: ‚Da kann man nur gehorchen.‘ Muriel sagt, ohne seine Augen vom Gefangenen zu wenden:

„Sesalab, als Hauptmann taugst du viel, aber etliches fehlt dir noch.“ „Herr!“ Sesalab zerdrückt das Zittern seiner Stimme, „woher kennst du mich? Dich sah ich nie.“ „Ja weißt du, ich komme weit im Land herum; jenachdem, wer es mit mir zu tun bekommt, kann ich mich verwandeln. Du sahest mich noch nicht, aber ich sah dich; schon oft.“ Vor Staunen klappt dem Amoriter der Unterkiefer runter. „Das versteh‘ wer will“, murmelt er. „Später, lieber Freund“, bescheidet Muriel ihn. „Um diesen da“, zeigt er auf den im Kreise ängstlich Hockenden, „brauchst du dich nicht zu kümmern.“ Muriel spricht den Gänger wieder an:

„Bekenne!“ Ein Stottern ist die Antwort, erdfahl ist das Gesicht. Muriel verlangt die Rolle. Einer, sich vor ihm niederwerfend, gibt sie ihm. „Deine Füße sind zum Stehen da“, sagt Muriel. „Ich habe Unterwürfigkeit nicht gern; sie ist ein übles Kraut. Treue, Liebe, wo nötig auch Gehorsam, sind die Zeichen eines echten Mannes, seine allerbeste Zier.“

„Du kannst reden“, sagt Sesalab mit wachsendem Erstaunen. „Das ist eine Lehre.“ „Also sind wir Freunde“, erwidert Muriel, „des gleichen deine Mannen.“ Jeder Amoriter wünscht sich jetzt, an des Hauptmanns Platz zu stehen. Froh lauschen sie der Gerichtsverhandlung, ihnen etwas völlig Fremdes.

„Diese Rolle hatte ein gewisser Zalman.“ Die Israelen wundern sich, wie dieselbe, die Zalman ihrem Hohen Rate bringen sollte, in andere Hände kam. „Der Gänger schloß mit Zalman einen Pakt“, klärt Mund sie auf, „nur ist Zalman viel gerissener und ließ ihn dort hin gehen, wo es ihm zu brenzlig war. Er ist schon über alle Berge, mit einem dicken Beutel, Delajah, Jabin und Sisera abgelockt. Aber ihn trifft auch sein Los.“

„Aha, bloß ein kleiner Hund“, meint Sesalab, „man kann ihn laufen lassen.“ „Nein“, entgegnet Muriel, „nur Zalman gegenüber ist er ein Wicht. Es ist nicht gut“, belehrt er gütig, „einen Menschen, auch einen Übeltäter, mit einem Tiere zu vergleichen. Wer das tut, an dessen Seele bleibt von dem genannten Tier — weil als ein Schimpf mißbraucht — dann etwas haften.

Machen wir es kurz. Aus dir ist nichts herauszuholen, du bist von Angst gehemmt. Um deine bösen Taten aufzuzählen, die Abrechnung nicht einbezogen, müßte sich der Mond am Himmel zweimal runden. Du gehst als Tagelöhner, bist jedoch der — ach, du fällst um? Hauptmann Sesalab, laß ihn stützen, er soll seine Augen offen halten, denn er schloß sie nie bei allem, was er an Verbrechen tat.“ Sesalab rennt selbst mit einem Amoriter hin, und trotz Verbot fällt ab und zu ein derber Puff.

„Du hast frohlockt, ich deckte dich nicht auf, weil ich dich dem Zalman gegenüber Wichtlein nannte; ja — jener steckte dich und Jabin in die Tasche. Andere auch mit.“ Muriel spielt auf Delajah an. „Du kannst auch lesen, denn du bist des Jabins Schreiber, der geheime außerdem.“ Alle schrecken hoch. Ist das die Möglichkeit — ? Muriel bestätigt es:

„Er trägt das unegale Dreieck Milkom‘s, Ammons kinderfressender Götze. Darum stehn die Ammoniten auf des Jabins Seite, der einzige Stamm flußauf- und ab des Jordanlandes. Nur Syrien und Philistrien halten mit zu ihm. Zieht ihm seine Kleider aus, ohne Püffe“, mahnt Muriel, „ihr findet dieses Zeichen (OJ. 13, 16) eingebrannt auf seiner Brust.“

Ein Bündel Elend liegt im grauen Staub. Das Mal! Was ist hier zu tun? Jabins Schreiber einfach umzubringen ist nicht gut, ihn laufen lassen noch viel schlechter. Jizri faßt sich am ehesten. Welch eine Führung, daß ein Himmelslehrer bei uns ist! Dankbar fragend, wie es weitergehen soll, sieht er Muriel an. Der befiehlt: „Laßt ihn sich bekleiden.“

Nachdem der Schreiber zitternd und in Schweiß gebadet trotz der Kühle seine Sachen überwarf, rechnet Muriel ab. „Neben schwersten Übeltaten hast du zwanzig Unschuldige, davon drei Frauen, selbst gemordet, hast rundum viele Leute bitterarm gemacht; denn was dein arger Jabin nicht an Schlechtigkeit erfinden konnte, das hast du ihm eingehaucht.

Diese Rolle wolltest du Delajah bringen, die gefälschte. Es ist unentschuldbar, weil du jene Lücken fülltest, die dein Jabin offen ließ. Sisera liegt in deiner Waage. Er ist zwar kein Guter, doch erträglicher als einer deiner Sorte. Denn nur du hast deinen Jabin angestochen, seinen Feldherrn zu vernichten. Mal sehen, wer zuerst vernichtet wird!

Südlich Elath wohnt ein Stamm. Diese Leute töten nicht; aber kein Gefangener kommt jemals los. Soll ich dich zu Jabin oder dorthin bringen lassen?“ Ein markerschütternder Schrei, einer, den der Mann wie oft und ohne jede Regung von den Opfern hörte, die er Milkom ausgeliefert hatte. Da stirbt einer in des Götzen Rachen tagelang — gnadenlos — —

Ein unbekanntes Mitleid hat Muriels Gesicht verwandelt. Zwischen diesem Himmelsmitleid und der mageren Weltgerechtigkeit steht der Mensch. Das Licht strahlt stärkend seine Segnung aus. Einer nach dem andern flüchtet sich hinein, herzflehend, das Grauenvolle möge unterbleiben, obwohl die Menschhyäne die Erbarmung nicht verdient. „Wähle, unsere Zeit ist abgelaufen und — deine ebenfalls.“ Der Mann bringt keinen Laut heraus. Da steht Jizri auf und sagt, ganz der Engelsführung hingegeben:

„Richterfürst, bitte, lasse mich für ihn entscheiden. Du meinst den Aelanitenstamm am gleichnamigen Gewässer, wo er sein Zelte hat. Er soll ein Rest aus der Noah-Katastrophe sein und hätte sich von denen, die daraus nichts lernen wollten, abgesondert. Sende ihn dorthin; denn wußtest du von diesem Stamm, so ganz gewiß, warum es besser wäre, ihn dorthin zu bringen.“

„Dir dankt das Licht.“ Jizri wird es wundersam zumute. „Ach du Himmelswächter“, flüstert er, „was tust du mir? Du dankst, während —“ „Gib dich zufrieden“, klingt es an sein Ohr. „Heute Nacht haben wir, Debora und der alte Stamm, heilig gute Stunden.“ Weiter sagt er laut:

„Fürst Jizri hat entschieden. Ich bestätige das Urteil kraft des Amtes als Beauftragter meines Königs. Sesalab“, der Hauptmann beugt sein Knie, „du bringst ihn, ohne Drangsal, bis nach Beth Harem, wo ein Teil der Eueren lagert. Dort begegnest du zwei fremden jungen Rittern, die dich nach dem ‚Manne mit dem Male‘ fragen werden. Ihnen lieferst du ihn aus und hast deine Pflicht getan. Hernach kehrst du zur Palme auf dem Hügel um; da wirst du und deine Mannen in den Haupttrupp eingereiht.“

Zwar aus guten Gründen ist Sesalab jetzt so stumm wie der Spion. Vieles wälzt sich durch sein Hirn, nur kein Wörtlein über seine Zunge. „Macht nichts“, klopft Muriel ihm auf die Schulter. Er grüßt die Amoriter mit guten Wünschen und segnet wortlos den Gefangenen. Die Leute reiten ab. —

Auf dem Rückweg wird geschwiegen. Das Erlebnis hat die Israelen aufgewühlt; weniger des einen Bosheit, als weit mehr des Himmels Handlung. Erst bergauf murmelt Bichras: „Unverständlich ist‘s, daß ihm geholfen wurde. Nun, was wissen wir — ? Wenn es um eine Seele geht, führt der Hohe Herr oft Pfade, die uns Würmlein erst im Licht erkenntlich sind.“ Lächelnd, wie die Art der Himmelssöhne ist, sagt Muriel:

„Solche Würmlein, die fraglos Gottes Herrschaft anerkennen und hieraus — nicht leicht — den Widerschein der göttlichen Erbarmung walten lassen, sind dem Hohen lieb und wert. Des Bösen Löseweg wird bitter sein; und Jabin ist seines ‚zweiten Gehirns‘ beraubt, wie er seinen Schreiber nannte. Der hat ihn im Höllenwesen diabolisch unterstützt. Es galt, dem Topheth einen Asmodi zu nehmen. — Jetzt versteht ihr es, was vorgegangen ist.

Ich hätte euch das sagen können; aber Gott ist‘s wohlgefälliger gewesen, daß Bichras zu des Herzens Ausruf kam. Auf euch fällt daher der ‚besondere Segen‘, von dem bereits die Rede war (S. 33, 3).“ Sie sind indessen oben angelangt. Freudig begrüßt, erzählen die zu Haus Gebliebenen, daß jene Diebe, die des Freundes Garten stehlen wollten und hierorts Haß und Lüge auszustreuen suchten, abgefangen wurden und „nach Philistrien in Marsch gesetzt“. Die ließen sich gewiß nie wieder blicken.

Viel ist noch geordnet. Bald kann Debora vor dem ganzen Volk als Richterin erscheinen. Seitdem die Lehrer wirkten, liefen Strahlen durch das ganze Land. Man wird wach, nicht bloß, weil es mit Jabin auf des Messers Schneide steht; allgemein steigern sich die Wünsche nach gerechter Führung. Jizris jahrelange Mühe wurde von Delajah heftig sabotiert.

Nach einer Mahlzeit berichtet Bichras von dem Schreiber. Debora sagt: „Ich sah die Otter sitzen; aber sie beim Schwanze fassen, war gefährlich, wartete deshalb, wann mit Gottes Hilfe der Skorpion zu töten war. Nicht der Mann“, fügt sie schnell hinzu, als einige ihr Erstaunen zeigen, „nur den Stachel meine ich.“ Sie hebt betend ihre Hände hoch:

„Allmächtiger, Heilig-Hoher, der Du uns in pure Liebe eingebettet hast, Dir danken wir! Als VATER handelst Du an uns. Herrlich hast Du, die zusammenfinden wollten, in der schweren Zeit geführt, hast uns an die liebe Hand genommen, den Abgrund, der zwischen uns und andern Völkern gähnte, durch Deine Gnade überbrückt. Hierher hast Du uns gestellt, eins im Denken, eins im Handeln; früher Freund und Feind, — jetzt Deine Kinder!

Deine allzeit ausgeteilten Gnaden sind ja nicht zu zählen; doch uns genügt, daß DU die Zahlen weißt. Unseres Lebens Anfang und das Ziel hältst Du in Deiner Allmachtshand; und wiederum genügt, wenn wir Schritt um Schritt der Richtung und des Laufes wissen, DU aber beides übersiehst. Dir, Herr, Heilig-Hoher, sei Dank, Lob, Preis und Ehre dargebracht.“

Debora hat die Umwelt im Gebet vergessen. Jeder ließ sich davon tragen. Sie wundern sich hernach, daß die Engel harrend an der Türe stehen, die Hände auf der Brust gekreuzt, die Gesichter überglänzt. Ihre Andacht ist so erdenfern, daß niemand redet, bis sie wieder an die Tafel kommen.

Deboras Blicke fragen sie: ‚Ist es Wahrheit, wie ich zu verspüren glaubte?‘ Ernst nicken beide Lehrer, dazu ein von wenigen erkanntes Wort: „ER war hier!“ Da bedeckt sie das Gesicht mit ihrem feinen Schultertuch. Es bleiben noch zwei Stunden bis zum Abendbrot und Zuriel beginnt aufs neue:

„Gibbar gedachte der zehn Jahre, bevor Debora in die Himmelslehre kam. Sie war jung; niemand hätte sie nur angehört, geschweige denn ihr Wort gewogen. Zudem war die Zeit nicht reif. Der Hohe wartet gern. Manchmal zieht Er Seine Hand vom Türgriff wieder weg, ob sich vielleicht doch einer wendet, ehe Er ein selbstverdientes Schicksal walten läßt.

Matthanja meint, Gott wüßte ja, wann ein Schicksal auszugießen wäre. Darüber herrschen soviel Lehren, als die Menschheit Schritte macht. Die Erde ist ein Stock im Weinberg Gottes. Mitunter setzt ein Mensch schon eine Beere an. Eine Traube gleicht den Sippen oder Völkern. Gott sendet Seine Engel, die die Trauben, sogar jede Beere einzeln holen, alles, was sich im Licht der Gotteswahrheit reifen ließ.

Manchmal werden angereifte Beeren dennoch schlecht und sind viel Herlinge (Jes. 5, 2) bei der Ernte vorzufinden. Eben darum drückt der Ernteherr die Klinke nicht gleich nieder; Er läßt noch einmal Seine Gnade scheinen, unverdient, wie man es nennt und auch so ist. Nur legt der Schöpfer in das Unverdient ein Ziel, dessen Herrlichkeit kein Mensch erträgt, weder Seine Gnade noch das Verzögern Seiner Abrechnung. Das genüge euch vorerst zu wissen. Auch hat sich Gibbar etwas Gutes ausgedacht

Dieser hat wie Elam heiteren Humor. Er feilt manche böse Spitze damit ab. Auch eben sagt er heiter: „Ich hab‘ es besser als Freund Elam; er mußte selber überlegen, obwohl er neben einem Lehrer stand. Wenn das, was ich bedachte, schon zuvor als gut bezeichnet wird, so schneide ich bestimmt nicht kläglich ab.“ Elam droht, die andern lachen und Zuriel sagt:

„Humor ist eine Gabe, mit der jeder, der sie keinem Sinnesrausch und Taumel opfert, vieles Gute stiften kann. Früher hast du, Elam, wie so üblich auf der Welt, diese Gabe falsch verwendet. Dafür wird die junge Seele nicht bestraft, wenn sie, wie Gibbar, Elam und auch andere, sich späterhin an Gottes Weinstock reifen lassen. Doch nun fange an.“

„Liebe Freunde“, sagt Gibbar, „mit dem jungen Mädchen stimmt‘s genau. Welcher Alte hätte sich von solchem etwas sagen lassen? Der Herr ersieht die beste Zeit. Zehn Jahre aber drückten mich. Hätte unsere Palme in der Jugend nicht verdorben werden können? Habt es ja von mir gehört, daß ich mitsamt Humor ein Herling war und jetzt erst reife; obendrein bloß aus der ungezählten Gnade nach Deboras herrlichem Gebet.

Ich bedachte, als Mose Sinai bestieg, um von Gott die Zehn Gebote zu empfangen. Etwa, meinte ich, hat Debora Jahr um Jahr ein Gesetz erlebt, von des Hohen väterlicher Hand geführt, und durch das eigene Veredeln ihrer Seele. Ich stoße oft auf Dinge, die eine Gottes- zahl verkörpern, prüfe aber streng, ob es stimmt. Bisher blieb mir kein Exempel offen. Selbstredend keine Nebensachen; nur was in heiligen Zusammenhang zu bringen ist, was der Schöpfer durch Sein Werk, durch die Natur, uns offenbart.

Ich lasse es mir gern bestätigen“, Gibbar sieht die Engel dankbar an, „daß die Zehn Gebote auf die Wartezeit entfallen. Wir hätten somit den Beweis, daß in unsrer bitterarmen Zeit als bisher völlig Ungewohntes eine Frau ans Ruder kommt, höchst selbst von GOTT dazu erwählt.

Noch sei angefügt: Ein Junger, der sonst bei einem Mann in Amt und Würden wenig gilt, Barak, war der Erstling, der die Straße zu Debora finden durfte, ihren Geist erkannte und sich kopfüber in die ‚Lichtflut‘ stürzte. Er hat bewiesen, daß er darin schwimmen kann und brachte uns, die Älteren, ans rechte Ufer. Auch dafür sei dem Heilig-Hohen unser Dank.“

Man tauscht sich über das Gehörte aus. Die Wartezeiten mit den Zehn Geboten zu vergleichen, nennen mehrere gewagt. Es sei ungut, meint Fürst Jizri, das Geistige zu sehr ins Weltbild einzufügen. Zu letzt hofft jeder, daß die Himmelslehrer die Erklärung geben werden. Und Muriel erläutert:

„Allgemein ist Weltliches keiner Offenbarung anzupassen. Leider nehmen Menschen die Berührungspunkte viel zu wenig wahr, die vom Licht in kleinste Nebensachen dringen. Was aber ist beim Schöpfer eine Nebensache? Sicher das, was diese Welt betrifft, was mit dem Erdentod versinkt und einer Seele nicht ein einzig Krümchen Brot beläßt. Sie kommt im Jenseits hungrig an, weil sie alles Sein und Leben bloß natürlich sah.

Im Himmel ist kein Ding, von dem nicht wenigstens ein Strahl in die Materie gesendet wird. Verlaufen auch die Strahlen — den Welten angepaßt — wie dünne Fädchen, deren Herrlichkeit und Stärke nur die lichterwachten Menschen spüren, so sind sie dennoch eurer Sonne zu vergleichen, deren Licht und Wärme ohne Unterbrechung fluten, ob ihr dies merket oder nicht.

Das von Gibbar fein gezeichnete Zehn-Jahr-Symbol betrifft die Zehn Gebote, was Debora späterhin erkannte. Wenn jemand, wo immer er auch sei, in hohem Amte steht, so führt er es bloß dann zum Segen durch, wer als Grundlage für sein Tun und Lassen das Gesetz vom Musa gilt. (Musa = Gesetzesberg von Sinai)

Fraget nicht erst, ob die Zehn Gebote überall zu walten haben. Ich sage euch: Im Lichte werden sie gehalten! Dort braucht man freilich keins ‚Du sollst nicht töten‘. Da lautet es: ‚Du sollst dich nicht von Deinem Schöpfer-Vater trennen.‘ Denn ohne Seinen Geist, ohne Licht, ist ein Lebewesen ohne jenes Leben, das aus Gott allein die Ewigkeit verbürgt. —

Nun kann Elam‘s Fackel leuchten, die an den ‚vier Ecken von des Schöpfers Erde brennt‘ (OJ. 7, 1). Keine Schrift gibt bisher einen Anhaltspunkt, aus dem sich etwas dafür schälen läßt. Für das Fehlen sei ein Hinweis angezeigt; denn schließlich soll Freund Elam keinen Schiffbruch leiden.“ Heiter fällt ein Midianiter ein: „O ihr guten Lehrer, über die ich bis zu meinem Tode grübeln muß, rückt uns so nahe, sogar mit eurer Art. Schiffbruch! Ah, das klang — hm — auch nach Humor.“

Muriel geht darauf ein: „Euere Epoche verleitet euch zu Schwermut und Bedrückung. Besser wäre, statt der Schwermut echten Ernst, für Bedrückung vertrauende Gelassenheit in allem auszustrahlen. Dadurch werden eure Lasten leichter und sie drücken nicht zu sehr. Ja, mit Ernst, Gelassenheit und Gottvertrauen findet man ein Viertes: Die Bemeisterung der Last.

Schwermut trübt den Blick; Gottvertrauen macht die Augen hell, die Vernunft, mit der man handeln soll. Doch nun komme, Elam, du stehst gern an meiner Seite.“ „Jawohl“, er segelt mit drei langen Schritten durch den Saal, „in der Erkenntnis, daß mich dein Licht auch dort erreicht, wenn ich an einer der vier unbekannten Ecken stünde, wo die Fackel brennen soll.“ Für die Erkenntnis drückt Muriel ihm die Hand und Elam sagt:

„Davon, wie die Welt beschaffen ist, wissen wir nicht viel; vom Licht-All noch weit weniger. Wie dem aber sei: Es walte Ernst und Gottvertrauen. In Gelassenheit, rechtzeitig anzuhören, was zu wissen nötig ist, damit lernen wir das Fehlende bemeistern. Stimmt das so, Freund Muriel?“ „Genau!“

„An Muriels Hand finde ich ja die vier Ecken und die Fackel. Die wunderbarste Fackel (Sach. 4, 2) ist mein Gott, mein Herr, der Heilige und Erlöser. So nannte Mose Ihn (5. Mo. 32, 6; Jes. 63, 16). Die Erlösung — mag jeder glauben, was er will — geht einzig um die Seelen, die sich einst vom Schöpfer-Vater wendeten und dann in ihre arme Tiefe stürzten.“ Lichterloh brennt Elams Flamme, und keiner, der sich nicht von ihr beleuchten läßt.

„Man sagt“, fährt er atemholend fort, „unsere Erde hörte hinterm Meere auf. Mich kümmert‘s nicht! Einen Rand hat sie bestimmt, in Zeit und Sein, wie der Mensch am Rande seines Lebens steht, wenn der Totenengel winkt. Die Welt, soweit erforscht, zeigte aber nirgends eine Ecke, von der man sagen könnte: Hier hört sie auf, dort fängt sie an.

Wir hörten: Anfang und Ziel in GOTTES Hand; Richtung und Lauf als unser Weg. Das sind vier Ecken unseres Lebens. Doch es sind vier andere Pfeiler, auf denen — wenn ich‘s recht erkenne — Gottes Fackel brennt. Sie heißen Machtgedanke, Wort, Tat und Folge. Diese stehen soweit auseinander, soweit eine Schöpfung reicht. Auf ihnen brennt die eine Fackel, [VH6] die ER SELBER ist. ER, der hehre Brand, der Sein Werk durchglüht, beleuchtet und belebt und es dadurch in der eigenen Hand behält.

Auch uns bestrahlt die Fackel, hegt uns ein in die vier Gottes Pfeiler. Ungezählte Gnade, sagt Debora, und ich füge an: Ungezählte Werke, die zwischen den vier Ecken stehen. Es kommt darauf an, daß wir im Herzen eine Hütte bauen (2. Mo. K. 26), in der Gedanke, Wort, Tat und Folge zu einer wahren Bundeslade werden mit den vier Ecken und dem Feuer-Ariel darauf. ([Siehe7]

Dann sind wir mit dem Heilig-Hohen Gott verbunden und ist keiner da, der uns aus dem Gehege (2. Mo. 19, 12) reißt. So eingeschlossen in des Schöpfers Werke, schließen wir auf diese Weise unsern Schöpfer in die Herzenshütte ein, hergestellt aus Vertrauen, Liebe, Ehrfurcht und aus Glauben. Möge unser Vater der Barmherzigkeit dazu Seinen Segen geben.“

Woher kam Elam diese tiefe Schau? Die Engelsaugen funkeln hell vor Freude, weil ein Mensch sich dem Geheimnis Gottes naht. Debora ist es zwar nichts Neues, aber glücklich nimmt sie Elams Hand und sagt: „Gottes Fackel hat dich überstrahlt. Du hast alles wunderbar erklärt.“ Das bestätigt Muriel. Auch über dieses Thema diskutiert man eine Weile.

„Ich bin an der Reihe.“ Salthiel steht würdig auf. „Bleib‘ nur sitzen“, Jizri schiebt dem Alten seinen Stuhl zurecht, „bin schon begierig, was die Rache bringt. Mir liegt sie nicht, wenn Gott auch sprach: ‚Die Rache ist Mein, ICH will vergelten‘ (5. Mo. 32, 35).“ „Das ist etwas anderes“, erwidert Salthiel, „ich will nur über die des Menschen Lamech reden.“

Er nickt vor sich hin. „An Gibbars und Elams Reden erfreute sich mein altes Herz. Zur meinigen brauche ich des Himmels Hilfe, weil man das Menschliche meist weltlich auszugleichen sucht. Das ist ein Abgrund, in den Verstehen, Liebe und Verzeihen fallen können. Es sei mit des Hohen Kraft begonnen.

Die Alt-Geschichte möchte ich nur kurz erwähnen. Kain war, soweit bekannt, der erste Mörder. Wohl hat er seine Sünde eingesehen und bereut; bloß war die böse Tat mit seiner Reue nicht beseitigt. Aus jener, also Kains schuldbeladener Linie, kommt Lamech, das fünfte Glied, der ob seiner Rachsucht soviel von sich reden machte, daß es aufgezeichnet ward.

In Hinsicht auf den Mörderahn ist seine Rache falsch, zumal er ein ihm zugefügtes Unrecht nicht in gleicher Art vergilt. Er verfällt der Schuld des Kain. Lamech war weltlich angesehen, ein Herr über viele Menschen, Länderei und Vieh, was ihn überheblich machte. Er wollte unantastbar sein; jeder sollte es erkennen, jedermann sich vor ihm furchtsam beugen. Am meisten wurmte ihn, wenn vor seinen Weibern etwas ausgetragen ward.

Einer hatte ihn geschlagen; ob rechtlich, sei dahingestellt. Der Sohn half mit und fügte Lamech eine Beule zu. Für das Unbedeutende schlug Lamech Sohn und Vater tot. Aus verletzter Eitelkeit! Doch nicht genug damit. Er benutzt das Wort des Herrn nach Kains Reueakt (1. Mo, 4, 13-15) und vervielfältigt seine Rache nach der Zahl, die der heiligen Vergebung gilt. (Matt. 18, 21-22). Hier bestätigt sich die Ansicht Gibbars vom Symbol der Zahlen, die der Himmel auch für die Materie prägt.

Mag sein, daß Lamech einen starken Wesenszug vom Ahn besaß. Würden wir das aber in ein Vorfeld rücken, dann könnte jeder Lump, jeder Dieb und Mörder sagen: ‚Ich kann nichts dafür, meine Ahnen taten so,‘ Man müßte es ja mitbedenken, sonderlich bei jungen, ungereiften Menschen, die man noch erziehn und biegen kann, freilich mehr mit Liebe und Geduld, als mit Härte, die junge Irrgegangene kopfscheu macht.

Doch Lamech war ein reifer Mann, alt genug, um verantwortlich zu sein für alles, was er tat. Ihn kümmert jedoch nicht die hohe Lehre Gottes, jenes Recht, mit dem der Herr dem Brudermörder dessen Schuld vergab, während dieser Lamech wegen ein paar Beulen gleich zwei Menschen niederschlug.

Das Alte soll begraben sein, nicht aber das, was daraus geworden ist. Was — ? Dem Nächsten gleiches tun? oder gar noch siebenfältig nach der Gotteszahl — ? Nein, ungezählt wird heutzutage eine Rache ausgeübt. Ich schließe Israel nicht aus, das wegen eines Mannes oft ein ganzes Volk verdarb, wenn es da auch heißt, GOTT hätte das befohlen (4. Mo. K. 31 u.a.).

Ein nur der Welt Verhafteter mag das böse, ungerechte Widerwort geredet haben. Aber ob alsdann gerecht, daß für ein böses Wort Midianiter einen Todesstreich erhielten, wird Gott am besten deuten können, auch Seine Engel“, zeigt der alte Mann auf diese, „von Ihm zu unserm Heil gesandt.

Nun kommt wiederum ein schwerer Wendepunkt. Zwanzig Jahre hat uns Jabin unterjocht. Viel Blut ist in den Sand gesickert. Israel will Rache üben, und wir scharen uns. In der Jabinzeit sind tausende von Menschen umgekommen, unsere Leute und andere auch. Welche Rache wäre also auszuüben? die des Lamech? die im menschlichen Empfinden ungezügelte Vergeltungssucht — — ?

Nachts erwog ich es: Ist Blutvergießen zu vermeiden? Kaum; es sei denn“, wie bittend fleht es Salthiel. „GOTT zöge vor uns her! Und wollen wir das Gute, — Jabins Horden schonen keinen. Erfaßt aber wie ein Wildgewässer, das um so gewaltiger wird, je mehr es in die Tiefe tost, die Rache Volk um Volk, wachsen diese, wie seit Ägypten wir an Zahl gewachsen sind, o — wann wäre eine Rache aufzuhalten? Wann jemals könnte man statt solcher Rache die Vergebung, statt Haß die Freundlichkeit, statt Vergeltungssucht des Himmels Liebe üben? Wann — frage ich — — ?

O Engel Gottes“, ruft der Alte zitternd und erregt, „saget an, ob und wie man trotz der Schwerter ohne Rache, ohne Haß den Ausgleich sucht! Kann man Jabin lieben, der Liebe weder kennt noch will? Möge uns der HERR bewahren, daß wir nicht aus Kains Totschlag Schlachtenmörder werden, noch aus Lamech‘s ungerechter Rache Unterdrückung und Vergeltung säen, daraus das Wildgewässer einst die ganze Erde überschwemmt.“

Er kann nicht mehr. Angst und Not vor neuer Schuld, in die die Völker fallen, nachtlang durchgekämpft, brach aus ihm heraus. Nun ist seine Kraft erschöpft. Schon bettet Zuriel den Alten an sein Herz. Salthiel richtet sich allmählich wieder auf. „Verzeihung“, flüstert er, „ich habe euch erschreckt.“ „Aber nein“, wehrt Gibbar herzlich ab, „du hast uns aufgeschreckt; und das war nötig, das war gut.“

Ja — an alles dachte man im besten Sinn; allein an die Gefahren seelischer und körperlicher Art, die ein Krieg aufs neue mit sich brächte, dachte niemand, Debora ausgenommen. Daher wollte sie wohl auf dem Hügel bleiben. Sie springt bestürzt zu ihrem väterlichen Freund, birgt ihr Gesicht in seine Hände, wortlos schluchzend. Da begibt sich Muriel inmitten aller, und man sieht ihn dankbar an wie Sinkende, denen unfehlbare Rettung winkt. Er sagt richterlich, ein Freiurteil verkündend:

„Freunde, edel ist der Kummer, der Wille dessen, dem die arge Welt zuwidersteht. Habt ihr an den Krieg gedacht, an die Fessel, die ihr rechtlich abzustreifen sucht, so rang sich mancher Seufzer aus der Brust. Jedoch wenn GOTTES Hilfe zu euch kam, meint ihr nicht, daß trotz des Welttributs das Schwerste abzuwenden wäre? Ihr habt im Priesterrat erlebt, was einer von uns kann, um der Gerechtigkeit den Sieg zu geben. Ohne Unrecht ward der Schlimmste ausgesondert und für ihn zwei gute Männer angerührt.“ Muriel meint Arthasus und Jedothun.

„Du aber, meine Schwester“, er hebt Debora auf, die halb knieend lauschte, „sollst am wenigsten bekümmert sein. Das Gemüt von edlen Frauen ist empfindungsfähiger als das des Mannes — hier auf eurer Welt, was auch mit einem heiligen Symbol zusammenhängt. Bruder Salthiel hat aus Angst um eine ganze Welt gerungen; darum ist sein Wort vom Licht gesegnet worden und wird sich zeigen, was der Segen mit sich bringt.“

Man drängt sich um die Lehrer, wie Lämmer um die Hirten. Zuriel sagt: „Nun bringt Arthasus zu seiner Frage gleich die Antwort mit.“ Salthiel bittet noch: „Muriel nennt mich Bruder; ich dachte, schon als Freunde wären wir durch eure Hilfe gut vorangekommen, wie es in den Tagen möglich war. Das ‚Brudersagen‘ gilt doch nicht für diese Welt. Wir — ich — “ Zuriel erwidert:

„Muriel nennt Debora Schwester, da könnt ihr Männer unsre Brüder sein, oder nicht?“ „Debora ja, die ist reif; wir oder ich hingegen haben noch zu lernen.“ „Solang du lernst, Salthiel, so lange wächst die Seele, und der Geist herrscht über sie. Der Mensch — wenn er will — lernt das Viele in der Jugend, das Bessere im Alter. Letzteres fängt nach dem Erdentod erst richtig an.“ „Darauf freut sich meine Seele“, dankt Salthiel.

Arthasus, seit dem Abgang aus dem Hohen Rate schlichte Kleidung tragend, wollte sich belehren lassen, statt dessen — — Ihm bleibt keine Zeit zum Prüfen, er wird schon aufgerufen. Er geht wie Elam eilig an des Engels Seite hin. Dort verspürt er eine Wärme, die ihn sanft umweht. Sicherheit kommt über ihn, ein Dank dafür im Herzen, und er beginnt:

„Der Hinweis, Gottes Engel unter uns zu haben (1. Mo. 32, 2-3), kam rechtzeitig zur Entlastung dessen, was uns drückt. Mir ist‘s eine Leuchte, eben angesteckt. Mich hat geekelt, als Artham voller Haß vom Engelsritter sprach, mit dessen Hilfe Jericho verwüstet worden wäre (S. 71, 5).

Die Historik zeigt das an; ob den wahren Grund und weshalb ein Engel ausgesendet wurde, war mir längst ein Stein im Weg. Soll man nicht den Nächsten wie sich selber lieben (3. Mo. 19, 18)? Wenn man einen Nächsten tötet, so gleichfalls das Gebot, richtiger den Segen des Gebotes für sich selbst. Hatte GOTT befohlen, mit des Engels Hilfe Jericho zu richten, dann muß die Stätte reif gewesen sein, ihrer Bosheit wegen das Gericht zu überkommen, wie das bei Sodom und Gomorra war.

Josua mag ich nicht gewesen sein, der das Schwert des Patriarchen trug, vielleicht ein gleiches, wie es Muriel besitzt.“ Eine seltsame Bewegung nimmt man an diesem wahr. Mehr erschrocken als erstaunt sieht man ihn an. Doch es zeigt sich nur die feine Güte, die man an beiden Engeln liebt. Arthasus spricht nach einer kleinen Stockung weiter:

„Nun denke ich mir so: Wenn — wie bei Josua, im Abglanz auch bei uns — Gottes Engel kommen, um ein Gericht zu bringen, dann sind die Menschen frei von der Verantwortung, die sie sonst als Handelnde zu tragen hätten. Aber der Gedanke hat ein großes Loch. Es kommt ja darauf an, ob die Menschen nur die Ausführenden des Gottesurteils bleiben, oder ob sie in der Freiheit ihrer Handlung Gottes Rechtsmaß überschreiten.

Ist GOTT jedoch der Lenker des Gerichts und wirkt obendrein ein Engel sichtbar für die Menschen mit, wie könnte dann ein Übergriff geschehen? Da fehlt die feste Meinung, weil es das menschlich böse Tun betrifft. Jene, die das Richten Gottes übersteigern, gegen das Gebot der Nächstenliebe handelnd, werden an sich selber das Gericht des Herrn erfahren.

Bei Josua lautet es: ‚Ich, der Herr, habe Jericho in deine Hand gegeben.‘ Demnach wollte Gott nicht Selber strafen wie einst Sodom und Gomorra, die für alle Weltzeit unter Wasser liegen werden. Aber Jericho wurde wieder aufgebaut und die gerettet — wie damals Lot und seine Töchter —‚ die vom Patriarchen her noch fromm und gläubig waren, die keinem Milkom, keinem Kamos opferten. (Kamos, Hauptgötze der Moabiter).

Hätte Gott mit eigener Hand gestraft, wäre Jericho nicht wieder auferstanden, nie ein Volk aus ihm hervor —‚ nie eines in es hinein gegangen, auch wir Israelen nicht! Darum ließ Gott nach der Güte Seiner Art nur soviel des Gerichtes walten, als in eines Menschen Hand zu legen war.

Welche Gnade, daß der Engel Gottes kam! Nicht zur Ausrottung der arg verdorbenen Stadt, — nur damit Josua das ihm gegebene Rechtsmaß anzuwenden wußte. Nicht mehr, vielleicht wohl auch nicht weniger. Darüber kann ich nicht befinden und weiß nicht, ob die Übeltaten Wenigeres zugelassen hätten. Doch der Himmelsfürst bewahrte die Gerechtigkeit.

Niemand kann behaupten, daß ein Mensch den andern richten und verderben darf im ‚Auftrag Gottes‘, nur um ihn zu verderben, daß er töten dürfe — für Artham sogar mit und ohne Engel. Dem ist das gleich, ich kenne ihn. Mich wunderte, daß Artham nicht mit Hattus gehen mußte; er ist genauso schlecht. Freilich“, Arthasus räuspert sich, „ich war auch nicht gut, obwohl mir manches Tun im Priesterrate sehr zuwider war.

Ich bin so froh, daß mich Gott auf diesen Hügel führte; auch ein Sinai, auf dem Er Sich in väterlicher Güte offenbart. Seine Engel brachten uns Sein Wort. — Was noch Tieferes zu sagen wäre, möchten beide Lehrer übernehmen. Ich füge noch die Bitte an: Möge Gott uns Seine Gnade schenken, Seine Waltung zu verstehen, wenn über manches unsere Binde nicht gleich weichen will. Ehrfurcht, Liebe, Glauben und Vertrauen seien immer die vier Pfeiler an der Bundeslade unsrer Herzen; dann kehrt der Hohe gerne bei uns ein, und wir sind bei Ihm in Seines Lichtes Heiligtum.“

Das war gut geredet. „Es fehlte wahrlich nichts“, sagt Zuriel mit reiner Himmelsfreude. „Wohl gibt es einen heiligeren Grund, der die Frage klärt, warum der ‚gute Gott‘ manchmal bis zu einem Untergange straft, wie zur Noah-Flut (1. Mo. K. 7), oder wie bei Sodom und Gomorra ausgeführt.

Auf dieser Welt geschehen viele Dinge, die den Menschen niemals voll zu offenbaren sind. In die Materie inkarniert, fehlt der eine Sinn, mit dem Irdischstes auch geistig anzusehen ist. Es kann sich aber jeder ein ‚Gefühl‘ erwerben, das für die Erdenlebenszeit bei weitem reicht, um solche Dinge bestens zu erkennen, soweit es eben möglich ist.

Das habt ihr erreicht und seid hierin fast zur letzten Sprosse in der auf Erden möglichen Erkenntnis aufgestiegen. In diesen Tagen habt ihr viel gewonnen, mehr, als ihr es ahnt. — Aber nun, Debora, lasse eine Tafel richten, deine Gäste und auch deine Dienerschaft sind hungrig.“

Sagt ein Moabiter Oberster: „Immer wieder überrascht ihr uns mit eurer prächtigen Natürlichkeit. Ich schäme mich, nach diesem hohen Herzensmahle an den Leib zu denken, gestehe aber . . . “ „ . . . hungrig?“ lacht Barak. „Wenn es die Lehrer sagen, brauchen wir uns nicht zu schämen.“ Fürst Jizri lobt: „So ist‘s recht, mein Junge; darum auf und nutzt die Zeit.“

Kaum abgegessen, kommt ein Kurier. Su-el-Kambynos bittet die verfügbaren Männer, sich südlich des Jabbok hinter dessen Höhenzug zu sammeln. Keine Israelen, läßt er sagen, Ammon hätte sich vom Jarmuk abgesetzt und dränge längs des Hügelkammes südlich vor. Im übrigen bäte er um Anweisung, falls die hohen Lehrer und die Palme andern Sinnes seien. Über dreißig Männer sind aus den Stämmen da. Muriel sagt auf Befragen:

„Reitet gleich. Nehmt aber von den Wegewarten nur die Hälfte mit. Jabin wagt durch Ammon einen Vorstoß, um die ‚Herumlungernden‘, wie er euch nennt, zum Osten abzuziehen, um dann das entblößte Israel zu schlagen. Er ist ungewiß, ob die Lungernden nicht doch zu Israel sich halten. Die Plänkelei ist unbedeutend; aber Su-el-Kambynos braucht die Verstärkung, weil sein Haupttrupp abseits in der Wüste lagert und nicht rasch genug zur Stelle ist.“

„Herrlich, solche Helfer haben!“ Bichras seufzt aus frohem Herzen auf. Mit einem Segenswort der Engel und mit Grüßen an die Freunde überm Jordan drüben ausgerüstet, galoppiert die Schar davon. Man hört noch lang das helle Hufgeklapper.

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