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Kap. 9 – Der HERR der Höhe; Lehre von den sieben Lebensstufen

Kapitel 9

Die sieben Freunde, dazu Kis-Abda, Sallumin, Arthasus und Jedothun sind versammelt. Und die Engel. Unbewußt, ungewollt unterhält man sich im Flüsterton. Etwas Feierliches hat sich ausgebreitet. Geht es von den Engeln aus? oder weil kein Heide unter ihnen ist —? Man verwirft das Letztere. Aber damit ist noch nicht geklärt, warum sie wie versponnen sind.

Debora fühlt die Schwingung, die sie beseligt, die sie ängstlich macht. Sie sieht die Veränderung der Engel. So nahe waren sie den Menschen. Nun ist da eine Wand, ein Unnahbares, das sich zwischen sie geschoben hat. Sie prüft: ‚Liegt es an uns, weil wir Israelen nicht genug an unseren Heidenbrüdern taten? Oder die Verbindung mit dem Heilig unzulänglich ist?‘ Aber Zuriel unterbricht ihr stummes Forschen:

„Es kommt ein Gast.“ Deboras Herz klopft wild. Und die Männer? O — sie überfällt die Last des Schweigens, die Last der Ankündigung des Gastes, von dem sie ahnen möchten: EINER, über allen Menschen stehend! Aber wer — ? Stehn die Engel nicht auch über ihnen, in ihrer Freundlichkeit, in ihrer Hilfe, Reinheit und der Reife ihres Geistes — — ?

Diese glätten ihre Kleider, obwohl da nichts zu glätten gibt. „Was befehlt ihr uns?“ fragt Debora leise. „Befehlen nichts“, wendet Muriel sich um. Mit einmal merken alle, wie anders dessen Antlitz ist. In hehrer Schönheit, einer Strenge, die erdenfern besänftigt und nicht beklemmt, leuchtet das Gesicht des Himmelsfürsten. Und er sagt abermals:

„Befehlen nichts! Wir gehen unserm Gast entgegen.“ ‚Unserm Gast‘ ist unverkennbar so hervorgehoben: ‚Wir sind Dessen Gäste, Der da kommt!‘ „O Brüder“, ruft Debora, „nehmt uns mit, wenn — es möglich ist! Wir bleiben hinter euch; nur dem Gast entgegengehen dürfen, der mein Haus besucht. Mein Haus? Ach nein, es ist das Haus des Hohen Herrn.“

Zuriel führt sie hinaus; den elf Männern winkt er zu. In der Halle wartet Charkros, stets bereit. Ihm gebietet Muriel: „Haltet eure Dienerschaft zurück, nur so, daß sie gerufen werden kann. Du selbst halte uns die Pforte offen.“ Charkros drückt des Engels Kleidsaum an den Mund.

Über Haus und Hügel wölbt sich hoch das unzählbare Sternenheer. Rundum tiefe Stille einer Nacht. Fernab im Osten glüht ein Meteor zur Erde. Oder war es etwas anderes? ein Licht, das keine noch so größte Sonne abzugeben weiß — — Da kommt ein Mann herauf. Sein Mantel leuchtet. Niemand trägt in dieser wirren Zeit nachts einen weißen Mantel. Näher kommend, zeigt sich sein herrlich hoher Wuchs, dessen Würde segnen, auch belasten kann. Und das Antlitz? Es gleicht dem der Engel. Ob es ein anderer ist? Nein, da würden Zuriel und Muriel nicht gar so feierlich den Gast erwarten, als ob — wie wenn — — Aber das Gesicht ist noch nicht anschaubar. Eine gute, unfühlbare Hand deckt zum Heil der Menschen deren Augen zu.

Charkros hat am Hause Fackeln angebrannt, auch im Saal die Lampen frisch mit Naphtha nachgefüllt und wartet, nicht wie die anderen beschwert. Ihn freut es mächtig, daß zur ‚lieben Palme‘ noch ein hoher Helfer kommt. Wie man diesem Gast entgegengeht, muß es jemand sein, gegen den sogar sein allgeliebter Su-el-Kambynos ein Knabe ist. Das malt sich so der treue Diener aus. Und er hört die dunkle Stimme sagen:

„Söhne, Ich bin gekommen, um einzukehren, wo Herz und Haus der guten Sache dienen. Die beste Sache ist der Glaube und der Dienst an Gott! Das soll hier zu finden sein.“ Zuriel und Muriel verneigen sich. ‚Wie reife Halme, wenn der Erntewind sie beugt‘, denkt der Prophet. Die Engel geben Antwort:

„Herr der Höhe, Dich begrüßen wir. Du kommst, Deine Schutzmacht denen zu gewähren, die dem Schöpfer aus der Freiheit ihres Geistes dienen. Hier ist das Haus, das Du auserkoren hast; da wohnen Dienst und Glaube, die Du jetzt beschauen willst. Wir bezeugen aber: Der Herr der Höhe braucht nicht erst zu kommen, um zu sehen, was Er ewig weiß.

Er kommt, um denen anzuzeigen, die von Ihm ausgegangen sind, daß Er ihnen nahesteht, wie ein Mensch kaum fühlen kann. Doch hier ist keiner, der sich verlassen dünkt, ob sie gleich von Nöten überflutet werden. Bitte, kehre ein! Alle kamen vor die Tür; keiner wartete, bis DU eingetreten bist. Es weiß jeder: Gott kommt ihnen sowieso zuvor, Er ist der ERSTE auf dem Plan. Da wollten sie, als Gabe für den Schöpfer, Dir entgegengehen, um Dich als ihren besten Gast ins Haus zu führen.“

„Das gefällt Mir sehr“, erwidert die Gestalt, vor der Debora gern zur Erde sinken würde. Doch die Stimme fesselt. Lauschend harren sie, Debora und die Männer. Der noch unerkannte Gast sagt indessen weiter: „Ja, das ist ein gutes Haus, Ich sehe es; da wohnen gute Menschen drin.“ Dies hören und die Frau stürzt vor, kniet nieder, flehend, bebend:

„Unwert ist das Haus, unwert auch mein Herz, den Herrn der Höhe zu empfangen! Und doch — wir“, zeigt sie auf die Freunde, „sind des Schöpfers Kinder. Darum komm, o hoher Gast; und mit Deiner Einkehr reinige uns alle.“ Die Männer knieen hinter ihr, kaum des Denkens fähig. Nur Alt-Sathiel, gestützt von Bichras, hat den Rücken tief gekrümmt. Die Kniee tragen ihn nicht mehr. Schon aber spricht der Gast:

„Führet Mich ins Haus.“ Er reicht Debora eine Hand, was sie hoch beseligt macht; die andere faßt Salthiel am Arm, dessen Augen überlaufen. „Du führst uns hinein“, murmelt er erschüttert. Voraus die Engel, so geht der Herr der Höhe in das Hügelhaus der Erde. Beim Diener hält Er an:

„Wohl dir, Getreuer! Du hast das Licht behalten; und der Dienst an dieser Stätte ist ein Lohn, im vorhinein bezahlt. Deine Herrin wird es dir erklären.“ Daß auch er ein Wort erhält, reißt Charkros schier entzwei, Stumm, mit angeborener Leidenschaftlichkeit, greift er nach dem Mantelsaum, nach dem letzten Zipfel; mehr anzufassen dünkt ihm frevelhaft zu sein.

Einen nie benutzten großen Stuhl — einst saß Deboras höchster Gast darauf — hat Charkros heute vorgerückt, als hätte man gesagt:

‚Dies ist der Ehrenplatz.‘ Zuriel und Muriel stehen an der Türe wie zwei Wächter. Zum engen Kreis rückt man die Stühle achtsam näher. Schon tönt die tiefe, warme Stimme durch den Raum, des Lichtes Wort an Menschen auf der Welt:

„Ihr seid aufgewühlt; ihr wißt nicht, was Mein Kommen zu bedeuten hat, noch — wer Ich bin. Wartet, was der Abend euch beschert. Ihr fühlt euch rückversetzt, als der Herr mit Abraham und Sara und als Melchisedek an der Grotte mit den Männern sprach [VH8]. Ja — Engel sind gekommen, denkt ihr; doch der HERR? Die alte hohe Gnadenzeit ist längst verweht. — Wir werden sehen“, klingt es lieb, „ob der Herr erst kommen muß, oder ob Er nicht schon bei euch weilt, unerkannt und daher ungesehen.

Gottes Kinder sind in ihren Arbeits- oder Probezeiten nicht von Ihm entfernt. Besser, so ER ist bei ihnen. Er kann auch eben nahe sein. Was meinst du dazu, Tochter?“ Der Gast wendet sich Debora zu. Glührot geworden, möchte sie sich wieder niederwerfen, doch ein Handwink hält sie auf.

„Wenn Ich sitze, kann es jeder tun. Auch die Engel. Oder wie? Müßt ihr im Sanktuarium immer vor dem Schöpfer stehen?“ „Nein“, Muriel gibt ehrerbietig Antwort. „Redet Er zu uns, so sitzen wir vor Seinem Angesicht auf unseren Stühlen (Dan. 7, 9). Nur Befehle werden stehend angenommen. Und sind sie auszuführen, dann fliegen wir, schneller als Gedankenblitze sind.“

„Das lob‘ Ich Mir“, sagt der hohe Gast. An der angelehnten Türe steht der Diener. „Hole ihn herein“, wird Zuriel angewiesen. „Seine Treue macht ihn reif; und die ist besser als ein Wissen, das bloß vom Verstand geboren ist.“ Charkros sieht sich um, wer da wohl zu holen wäre. Als Zuriel ihm winkt, schüttelt er den Kopf: „Drinnen residiert ein hoher Herrscher.“ Erwidert Zuriel: „Wenn der König dich benötigt, muß ein treuer Diener sofort folgen.“ Ungewiß, wie gemeint, kratzt sich Charkros seinen Schopf. „Bis an die Türe“, gibt er zu. „Ich höre wie ein Falke und vernehme den Befehl, sobald der Herrscher mir gebietet.“

Der Hohe zeigt auf einen Schemel. „Setz‘ dich, Charkros, sonst bist du größer als wir alle.“ Da hat ER recht, also — — Der Gast winkt, Debora möge Antwort geben. Die sonst so resolute Frau fängt erst bangend an. Nur allmählich festigt sich die Stimme während ihrer Rede.

„Von kleinauf brachten mir die Eltern jenen Glauben bei, daß der Schöpfer allerorts zu finden, in all den Wunderdingen zu begegnen ist, die eben durch sich selbst als ihres Meisters Werk den Meister loben. Immerhin — ein anderes ist, IHN, dem Sonnen wie die kleinen Hündlein folgen, sehen können wie Dich, Herr der Höhe. So nannten Dich die Engel.

Vielleicht wollte uns der Hohe Herr in DIR begegnen — — ? Wie dem aber sei: Ich glaube, daß der Herr jetzt bei uns ist wie Du, unser wunderbarer Gast. Ob daraus ein ‚mehr‘ ersteht, weil Du gütig vom ‚Geschenk des Abends‘ sprachst, sei dem Hohen überlassen, Dem ich alles in die Hände lege: die Freunde, unsre Sache, mich samt meinem ganzen Haus.“

„Das läßt sich hören! Zuriel, der Weisheit Fackelträger, kann ja noch ein Stichwort geben, was Gottes Kindern auf der Erde dienlich ist.“ ‚Ich habe es befürchtet, daß mein Gedanke hinkt‘, überlegt Debora recht beschämt. Zuriel fegt ihr Bedenken mit seinem guten Hinweis weg.

„Meine Schwester hat für diese Erde gut gedacht. Vom Lichte her besehen kann es freilich heißen: ‚Ich belasse alles in des Schöpfers Hand.‘ Es gibt nichts, was nicht aus Seinen Händen kam; und wieder nichts, was nicht in ihnen bleibt! Wer etwas in sie legen will, müßte es entweder selbst geschaffen oder ihnen vorher eigenmächtig weg genommen haben.

Unabhängig davon, daß keins von beiden möglich ist, können Glaubenslose aus den Schöpferhänden etwas stehlen, allerdings nur das, was in gegrenzter Freiheit zugebilligt wird. Das kann arme Habe oder schwere Last bedeuten. Aber einmal werden diese zur Erkenntnis kommen: Es lag trotzdem in des Schöpfers Hand, sonst hätte uns die Habe samt der Last erdrückt.

Gott läßt sich nichts entreißen! Was einer mit Gewalt zu nehmen sucht, wird ausgehändigt. Das — es entfällt ins siebente Gebot — muß ein Lichtdieb wiederbringen. Ach, wie wird das bitter sein! Er muß Gott suchen, Dessen Bahn er stolz verließ, muß bitten, Seine Hände aufzutun, um anzunehmen, was Ihm ohne Ehrfurcht abgenommnen werden wollte. Fraglich, ob es der Hohe sofort tut. Wenn nicht, dann war die Umkehr unzulänglich und liegt es nicht an Gott, wenn der Bittende vergeblich bittet.

Davon die Lehre: Sagt nicht, ‚wir gehen unserm Schöpfer alles in die Hände betet nie, und wenn es noch so ehrlich klingt: ‚DIR sei es in die Hand gelegt.‘ Denket, sprecht und handelt so: ‚Vater der Barmherzigkeit, unser Leben liegt in Deinen treuen Händen; was auch sei, wir belassen alles ihnen, die uns immer sorglich lenken, immer unser Dasein segnen.“

O die gute Lehre, so vertraut und — neu. Matthanja, neben Zuriel sitzend, drückt ihm stumm die Hand. Er, der Seher, sieht das hehre Licht. Allein die fromme Seele zittert: Das wäre viel zu viel der Gnade.‘ Debora dankt demütig: „Mein Lehrer, den Gott mir einstens sandte, wies mich in eine neue Stufe ein. Ich hätte sie zwar selber finden sollen, bin aber überglücklich, daß vom Lichte aus die neue Sprosse kam.“

„Die Tochter macht Mir Freude. Allesamt“, betont der Gast, alt der Männer zage Blicke fragen: ‚Und wir?‘ „Matthanja denkt an die zu viele Gnade, wäre Gott wahrhaftig unter euch. Erkläre, was unter zu viel Gnade zu verstehen ist. Ich will dir etwas dabei helfen, ob ein Übermaß, gleich welcher Art, ein gutes sei, vom Gott der Güte kommend.“

Matthanja sieht den Herrn der Höhe an, als brauche er die ganze Hilfe, Inbrünstig braust der Dank aus reiner Seele: „Herr, Du bist gekommen wie einst Gott zu Abraham. Hier der Unterschied: Bei uns ist niemand, der so würdig wäre wie Abraham es war, abgesehen von Debora. Aber die hat GOTT für uns mitten in den wilden Garten dieser Zeit gepflanzt.

Mir steht nicht an, DIR, dem Herrn der Höhe, zu erklären, ob zuviel Gnade irgendwelches Übermaß ergibt. Der Höchste kennt kein solches; nicht des Segens, auch nicht — der Strafe, die immer bei Ihm heilsam wirkt. Gott gibt auch stets, was jeder braucht: Im Licht den Engeln; in der Materie den Menschen; dazu den armen Wesen, die erst zu lernen haben, sich dem Schöpfer-Vater hinzugeben, Dessen Name ‚HEILIGE ERBARMUNG‘ heißt.

Ich kann nur von unserm Standpunkt aus gesehen sprechen; denn zu uns bist Du gekommen, Lichtgestalt aus Gottes hehrem Licht!“ Kaum aus sich sagt das Matthanja. Er weiß selber nicht genau, was sein Geist verkünden darf. Im Bann der Offenbarung wächst jeder Gottes Nähe zu.

„Uns gegenüber ist das Maß der Güte und Gerechtigkeit ein unverdientes Übermaß, weil der Sünder erst Vergebung zu erflehen hat, ehe eine Gabe zu erwarten ist. Darin liegt der Unterschied: Gott, der Geber Seiner Gnade, und der Mensch als der Empfänger. Bitte sage mir, ob ich recht empfunden habe.“ Matthanja streckt bittend beide Hände vor.

„Von deinem Standpunkt aus bestimmt. Nur bleibt zu prüfen, ob der Herr die Gnade spendet, wenn sich zwischen Ihm und euch ein Übermaß ergibt. Ihr würdet dabei überbürdet. Oder nicht?“ „Da ging ja mein Gedanke fehl.“ „Schadet nichts! Ich kam, um euch zu lehren, was kaum nötig wäre, wenn ihr alles wüßtet. Nicht einmal die höchsten Engel“, beide trifft ein heiligwarmer Blick, der den Menschen nicht entgeht, „wissen alles. Und warum?“ „Weil sie sonst kein freudiges Erleben hätten“, entgegnet Muriel.

„Ja! Freude, die der Schöpfer schenkt, gipfelt in dem Wort, das zwischen ihnen wirkt. Leicht einzusehen, daß Gott der Geber ist, ihr aber die Empfänger. Und die Lehre, liebe Menschenkinder, ist das schönste Wort, was jemals Gott zu geben weiß. Doch noch weiteres zu Matthanjas guter Schau.

Jetzt spricht der Vater aber nicht zu allen Menschen, sondern nur zu euch. Da wäre weiterhin zu forschen, ob diesen Falles auch ein ‚unverdientes Übermaß der Gnade‘ wirkt. Was meinst du dazu, Mein Matthanja?“ Selig drückt das ‚mein‘ aufs Herz. Allein die Türe ist noch nicht ganz offen, noch sieht keiner ganz das Licht. Matthanja neigt Sein Haupt:

„Wenn der Herr der Höhe fragt, so gestehe ich: Es ist ein Übermaß dabei, zwar nicht jenes, was ich erst im Auge hatte. Wohl, wir alle dienen “ ‚Dir‘, liegt ihm auf der Zunge, „ — Gott, so gut es unsrer Menschenart gelingt. Wolle Er in Freundlichkeit mit uns zufrieden sein. Aber: Ist in Seiner Freundlichkeit nicht zugleich das Übermaß enthalten?“

„So ja, wie du es sagst, sogar vom Lichte her. Nur geht‘s um höhere Erkenntnis. Ein Unverdient ist stets der Grad, nach dem der Herr die Gabe mißt. Er gibt zuerst die Kraft des Lebens zur Entwicklung und Erkenntnis. Das kann kein Geschöpf aus sich, weil es mindestens im Lebensanfang — ‚zeitlich‘ ist, der Schöpfer aber ‚ohne Zeit‘, ewig in der Macht als LEBENDER !

Doch würde Er vom Standpunkt Seiner Schaffung aus stets sagen: ‚Meine Gnade, Meine Kraft ist es, die euch alles gibt; wo ist ein Verdienst, das ihr MIR weisen könnt?‘, was hätte Er davon? Nichts, oder wenigstens nicht viel. Das Wenige wäre eine Eigenfreude, Seine Werke anzusehen. Aber nicht einmal von diesen käme Ihm der Freude Widerhall, ohne welchen auch das Schönste, in die Kind-Geschöpfe eingezeugt, vergehen kann.

Nein, ihr Meine Lieben: Vom Nur-Verhältnis zwischen Schöpfer und Geschöpf kommt jedes Übermaß, wurzelnd in der Freude an dem Werk! Daraus — merket es — hat der Schöpfer Sich und Seine Schöpfung an- und ausgeglichen. Er stieg zum Werk drei Stufen nieder und hob das Werk drei Stufen hoch. Ewig liegt nur eine Stufe zwischen ihm und Seinem Kindervolk, das Er Sich zur höchsten Freude schuf. Diese eine Stufe bleibt, muß bleiben, Seine Freude zu erhalten, aus der die Seligkeit der Kinder kommt.

Meine Freude schafft die Seligkeit als Widerhall und Echo aus dem Werk, das jederzeit dem Schöpfer Antwort gibt. Auf dieser Basis, sechs Stufen überwunden [VH9], herrscht kein Übermaß und auch kein Unverdient. Der Schöpfer zeugte den Geschöpfen neben einem unbedingten auch das freiheitliche Werden ein. Und vom Letzterem ist zu erwarten, daß die Geschöpfe (1. Mo. 1, 27) auch aus sich die Gabe oder Gnade ohne Übermaß verdienen.

Darüber herrscht die ‚freie Gottesgabe‘, die stets neue Kraft zu neuem Schaffen schenkt. Eben das ergibt die Zwischenstufe, jenes ‚Höherstehen Gottes‘! Diese Gnade ist nicht irdisch zu erkennen, bloß der Geist lernt sie begreifen. Und nichts hat sie mit einem Übermaß noch Unverdient zu tun. Denn:

Wie der VATER aus der Schöpferfreiheit den Geschöpfen dient, so soll das Kind aus seiner Freiheit seinem SCHÖPFER dienen!

Ihr fragt nach der Bedeutung dieser sieben Stufen und warum sechs beseitigt würden. Der Schöpfer hätte Seine Werke etwa gleich auf die besagte Mittelstufe stellen können. Nun, wir befassen uns erst mit dem zweiten Frageteil, weil die Antwort auf den ersten hieraus leichter zu erkennen fällt.

Nach der Lehre sieht man ein, wie gut die erste Stufe ist, eben jene der Entwicklung. Da wieder: Im Nur-Schöpferwillen stehen alle Werke unverrückbar auf der Stufe ihres Werdens und braucht es dabei keinerlei Veränderung, kein Hinaufheben und kein Hinablangen, weil die Werke aus des Schöpfer-Vaters Heiligkeit ‚geheiligt‘, das heißt vollendet sind (1. Mo. 2, 1).

Anders sieht der Zweck der Werke aus. Hier ebenso die Frage: Was hätte wohl der ewig Schaffende davon, wenn die Werke in gegebener Vollendung schon von allem Anfang an vollkommen wären wie ER SELBER ist? Nichts, als in ihnen nur Sich Selbst zu sehen! Aber Er bedarf des Spiegels nicht, um zu wissen, wer und was Er ist! Vom Zweck sei folgendes gesagt:

Das Zweckprinzip ist die Entwicklung, das bedingte Werden in der geschöpflichen Struktur. Ich wies auf jene erste Stufe hin, auf der grundsätzlich jede Schaffung steht. Ohne diese würde sich sogar das Leben im Geschöpf in seinem Quell verlieren, von wo es ausgegangen ist. Bloß der Ewige ist keinerlei Entwicklung unterworfen; Er kann Sich ja nicht Selbst SICH unterwerfen, noch einem Grundprinzip, das in Ihm wirkt.

Soll ein Werk lebendig bleiben, ist es auf die Bahn beweglicher Entwicklung, die auch die ‚freie‘ heißt, zu stellen. Dabei erneuert sich das Leben beinah aus sich selbst, zumal es in der Schöpferhand verbleibt. Nichts ist seliger als das Gefühl des Lebens, allerdings im Geist-Zustand. Doch der Mensch kann auch zum wesentlichen Teil die Lebensseligkeit genießen.

Von dieser Warte aus betrachten wir das Weitere. Die Geschöpfe wurden drei Stufen emporgehoben. Das Erschließen dieser Stufen geht vom Schöpfer aus, die Eroberung vom Geschöpf. Die ENTWICKLUNG als die für das Kind-Geschöpf primäre Stufe lenkt der Schöpfer zu zwei Drittel.

Nicht willkürlich, wie Bichras denkt. Das geschieht aus Gottes heilsgewohntem Willen. Ein Drittel von allem Tun und Lassen, vom Bedingten und der Freiheit, bleibt den Geschöpfen vorbehalten, in welchem sie sich hin zum Lebensmittelpunkt entfalten oder fern vom Schöpfer vegetieren können. Was Letzteres mit sich bringt, braucht nicht erklärt zu werden.

Die dritte Stufe, vorgezogen, hat einen tieferen Sinn. Diese und die erste gleichen ebenfalls zwei Dritteln, vom Schöpfer übernommen. In der dritten, die LICHTVERBINDUNG heißt, muß die Vorherrschaft der Führung wirken, doch aus dem Verdienst, das die zweite Stufe mit sich bringen kann. Dort stehen sich zwei Kräfte gegenüber: der freiheitliche Wille und die freiheitliche Unterordnung. Letztere ergibt den Drang zum Mittelpunkt. Mit diesem ist die dritte Stufe aus der Werkentwicklung, ganz besonders aus persönlichem Antrieb zu erreichen.

Wer die Gottesferne wählt, wird — ob freiwillig oder nicht — durch die Gesamtentwicklung mitgenommen, wenn er auch in seiner kleinen Lebenszelle seine eigene Vollendung hemmt. Denn der Schöpfer wartet nicht, bis solche zur Vernunft gekommen sind, wenn in dessen alle Werke, herrlich und geheiligt, die ‚vollendete Vollkommenheit‘ der Schöpfungstage übernehmen können.

Zeit brauchen sie wohl auch, wie Freund Elam richtig ahnt. Nur wißt alle, daß des Geschöpfes kleine Zeit in eines Schöpfungstages Raumzeit noch viel weniger ist, als das minimalste Sandkorn dieser Erdwelt gegenüber einer Sonne ersten Größegrades. Ihr braucht also keineswegs besorgt zu sein, wie der Schöpfer solcherlei durch Seine Ordnung einrangiert.

In der zweiten Stufe herrscht die FREIHEIT vor. Vertraut sich ein Geschöpf dem Höchsten auf der Stufe der Entwicklung an, so wird‘s ihm leicht, die Freiheit ordnungsmäßig anzuwenden; andernfalls wird sie mißbraucht. Was die Freiheit aller Kindgeschöpfe im Prinzip der Schöpfer-Werk-Verbindung ist, dazu fehlt euch für das Erdendasein noch ein Offenbarungswort.

Materiell verstrickt, meint der Mensch, sie sei das Privilegium alles Tuns und Lassens und sei keine Rechnung abzulegen. Denn — sagt er — hat ein Schöpfer dem Geschöpf die Freiheit eingeimpft, so kann Er schlechterdings sie nicht beschränken und für Handlungsfreiheit keine Abrechnung verlangen.

Doch er weiß, was gut und böse ist, daß eine Abrechnung erfolgt. Daher ist es besser, gerade aus der Freiheit, die zuerst Erkenntnis schafft, das Gute zu erstreben um des Guten willen und zuletzt erst aus der Sorge um die Abrechnung, auf gleiche Weise auch das Böse zu vermeiden aus jener Ethik, die als reicher Schöpfer-Anteil dem Geschöpf gegeben ward.

Schält sich jemand aus den werkbedingten Dritteln und dem eigenen heraus wie ein Schmetterling aus seiner Larve, so wird er — wie das Tierchen — zu dem reinen Nektar fliegen. Die Falter schwirren frei umher, aber nach dem Triebe ihrer kleinen Wesenheit. Also kann ein Kind, das durch die Werkentwicklung sich entwickeln ließ, in aller Freiheit edle Lebensdinge suchen als da sind die Liebe und das Dienen, wie noch anderes, das sich mit dem Licht der Göttlichkeit verträgt.

Die dritte Stufe vollendet das Geschöpf zum ‚Vaterkind‘. Damit fängt die eigene Entwicklung an. Das ist nicht in der Materie zu erreichen, wohl aber jene eine Sprosse auf der ‚Jakobsleiter‘, die zwischen der Materie und dem Lichtreich steht. Das Verharren auf der Sprosse hängt zeitlich vom Materieleben ab, jenachdem, ob sich ein Mensch, auf eurer und auf andern Welten, dem Lichte zu-, von selbem abgewendet hat.

Da gibt es raumzeitmäßig keine eigentliche Grenze. Sie umfaßt das Leben insgesamt, auf jede Schöpfung übertragen, die hinwiederum die Träger der Geschöpfe sind. Das gibt das Unendlichkeitsprinzip des Schöpfers. Wie wenig Seine Tage auszuschöpfen sind, so wenig alles Leben Seiner Kinder, so wenig die Entwicklung, die die ‚Muttermilch‘ des Lebens ist!

Die raumzeitmäßige Entwicklung der primären Stufe bezieht sich nicht auf einen Zyklus, den allein der Schöpfer kennt. Denn in einem solchen unterteilt Er Seine Schöpfungstage, damit gleichfalls auch das Einzel einer kindgeschöpflichen Entwicklung. Und diese wird in jedem Schöpfungstag durch die demselben hochgesetzte vollendete Vollkommenheit bedingt. — Wir schieben“, der Gast lächelt, „eine kleine Pause ein; da könnt ihr allen euren Fragen freien Spielraum lassen.“

Die Lehre läßt wohl ahnen: ‚So kann nur der Schöpfer reden. Die Engel brachten Hohes; jetzt — ? Ist‘s aber nicht vermessen, anzunehmen, GOTT säße unter uns? Dann gnade uns das Licht!‘ Allein es brennt. Es brennt so stark, daß nichts anderes mehr hilft, als den Bann zu brechen.

Bloß wäre besser, das ginge auch vom Schöpfer aus. Weiß denn der Mensch, ob und wann er die Barriere überspringen darf? Baraks und Deboras Blicke kreuzen sich, und — Ein Feuer treibt sie vor. Ohne es zu wissen, fassen sie sich an den Händen, sind fast sprunghaft bei dem Herrn der Höhe angelangt. Aus der Lohe knieen sie und legen ihre Stirnen auf die Füße Dessen, Den ihr Geist erkannt und nur ihr Menschentum nicht nennen mochte. Wie eines schauen sie empor, wie eines sprechen sie:

„Herr, vergib, wenn wir irrig sind. Du bist der Hohe Selbst! Deine Güte kam in Deiner Herrlichkeit! Nun verstehen wir, daß Deine Engel Dich den ‚Herrn der Höhe‘ nannten. O wir Toren! Mußte uns das Herz nicht brennen (Luk. 24, 32), als wir diesen Namen hörten? Wer kann sonst des Namens Träger sein? Deine freie Gottesgabe hat uns diese Nacht beschert.

Herr, aus Deines Odems Ewigkeit können wir Dich sehen, wie einen Menschen nah und wundersam. Vater, wir vergehen, wenn Du uns nicht hilfst, diese hehre Lichtlast zu ertragen!“ Sie Verstummen; stumm auch, aber in den Augen heller Fackelbrand, sehen alle andern auf den Herrn. Und Er spricht:

„Meine Kinder!“ Seine Hände ruhen segnend auf Baraks und Deboras Häuptern, segnen jeden, der an Seinen Lippen und — an Seinem Herzen hängt. „Ich wüßte nicht, was Ich euch vergeben soll. Weil ihr Mich erkanntet? oder aus gerechter Ehrfurcht nicht sogleich? Ich hätte euch ja sagen können, wer Ich bin; und ein Bangen um die Wahrheit wäre unterblieben.

Dann jedoch“, Er lächelt mild, „hätten weder Ihr noch Ich erlebt, wie der Vater auf die Kinder wartet, die aus Entwicklung, Freiheit und aus Lichtverbindung selig ihren Weg zum VATER gehen. Meint ihr nicht, daß dem eine Zeit zu opfern war? eine kleine Zeit, die großen Segen bringt?“

„Ja!“ jauchzt Matthanja und stürzt vor, so die letzte Schranke niederreißend. Der Heilig-Hohe wird umlagert. Alle knieen, bei den Engeln auch der Diener Charkros. Debora lehrte ihn den Einen Gott erkennen. Man holte ihn herbei. Nicht minder wie auf jedem ruht auf ihm der milde Blick, gilt ihm die ausgereckte Segenshand. Indessen sagt der Seher:

„Erbarmungsvolle Liebe! Die kleine Zeit hat uns befähigt, Deinen großen Segen zu empfangen. Jubelt, jubelt, all ihr Engel, die ihr eingetreten seid! Wir noch nicht zum höchsten Heil Entwickelten sind umringt vom Glanz des Ewigen. Wie hast Du, o Vater, alles trefflich vorbereitet. Und nun ist die Welt versunken; nur DU bist da, Dein Licht und Deine Gnade!

Herr, das Vollendet im Vollkommen eines Schöpfungstages fehlt uns noch. Bitte, lehre uns den zweiten Teil der sieben Stufen; und laß mich fragen: Kann ich im Himmelsstand DICH lieben, wie mir auf der Erde nicht gelingt? Dich zu Deiner Freude lieben, wäre meine höchste Seligkeit.“ In jedem glüht derselbe Wunsch. Salthiel kann ob vieler Tränen fast nichts sehen; und nur Arthasus erwägt, sich nicht sehr hervorzutun. Wenn er seiner Priesterzeit gedenkt und der Herr ihn danach fragen möchte — —

„Also gut, behandeln wir den zweiten Teil, was möglich ist, wenn Arthasus sein Hindernis beseitigt, Sallumin die Richterrollen nicht verbrennt und Jedothun jetzt nicht an Sichem denkt, weil er dort mit Ungetreuen treulos war. Charkros braucht den Wollkopf nicht zu schütteln; er gehört genausogut zu Mir. Und hierbei stelle Ich die Frage: Gibt es andere Geschöpfe außer denen, die der Schöpfer Sich erschuf?“

Teils bedrückt, weil die Gedanken aufgeblättert wurden, teils beseligt, weil väterliche Güte ihren Graben überbrückt, sehen alle auf und ihrem guten Hohen Herrn ins Auge. Im Eingespanntsein einer schweren Frage merken es die Menschen nicht, daß mit derselben Gott in weiser Güte ihr Bedenken nahm. Wer jedoch gibt Antwort? Da sagt Charkros plötzlich:

Ich begreife nicht, daß GOTT, den man den Heilig-Hohen nennt, zu uns wie — ja, wie jeder andere kommt. Gleich dacht‘ ich mir, daß Du ein großer König bist. Leider bin ich nicht geschult, und was ich weiß, verdanke ich der Herrin. Aber meine Antwort ist: Es gibt nur Geschöpfe, die der Schöpfer schuf; und das freut mich sehr, daß ich auch dazu gehören darf.“ Verstohlen wischt er sich den Schweiß von seiner Stirn.

„Sehet an“, sagt der Herr zu Seinen Engeln, „wie groß der kleine Bruder denkt.“ „Er ist kein kleiner Bruder mehr“, ereifert sich Debora, „er ist mein treuer Hausgenosse. Du weißt, mein Vater, daß ich keinen, der im Dienste steht, geringer achte als die Freunde, noch mich selbst.“

„Ruhe, liebe Tochter! Ich sehe, wie des Himmelslichtes Flamme in dir loht. Es sollte nur ein Hinweis sein, daß es vor Mir in mancher Hinsicht keine Kleinen, keine Großen gibt. Daraus suchen wir den Weg zur weiteren Erkenntnis. Charkros hat im Sinne einer Schöpfung wahr gesprochen, ohne ihre volle Wahrheit zu ersehen, und mancher von euch nicht genau.“

„Darf ich etwas sagen?“ fragt Kis-Abda. „Gewiß, Mein Sohn. Deine Rede kann die Schlinge sein, wo der Haken einzuheften ist.“ „Das weißt Du am besten, Hoher Herr; und — für den ‚Sohn‘ sei ewiglich bedankt.“ Der Altrat räuspert sich erstmal. „Ich denke auch: Vom Ganzen aus betrachtet kam alles aus dem Schöpfer und wird ewig aus ihm kommen.

Aber es gibt Gute und gibt Böse; ich meine nicht, die notfalls zu ertragen sind, wie Du mich lang ertragen hast. Vom Schöpfer kommt nur Gutes! Wo kommt das Böse her? Dies beziehe ich nicht bloß auf Menschen. Es gibt böse Wesen und Ungeheuer als Gedanken oder sonst in einer Form. Dann verzehrende Gewitter und solche, die die Lüfte reinigen; Regen, der die Au befruchtet, und Wolkenbrüche, die die Welt ertränken.

Genug des Beispiels. Alles Gute kommt von Gott (Jak. 1, 17)! Wer aber dann das Böse ausgebärt, ist mein anderer Frageteil. Den wir Asmodi oder Topheth nennen, ist zwar der Inbegriff des Bösen. War er jedoch einstens rein — denn auch er muß seinen Ausgang aus dem Schöpfer haben — ‚ so ist es etwa nur die Kraft, die als Topheth gelten kann. Damit bleibt für mich noch ungeklärt, woher die bösen Menschen oder Wesen kommen.“

„Gut gesponnen! Jetzt schmieden wir das Häkchen, das zu deiner Schlinge paßt.“ Fragt Jizri: „Darf ich ein bißchen Blei zu diesem Haken geben?“ Gottes Lächeln spiegelt sich im leisen Lachen bei den Menschen. „Bringe Mir dein Blei, Mein Sohn; etwa wird noch Gold daraus.“ „Ja!“ Ein Jubellaut. „Wenn DU, o guter Herr, mein Blei in Deine Hände nimmst!

Ich dachte oft an den von Dir Gewichenen. Wir brauchen nicht zu wissen, wie der Fall geschah. Es genügt die Sicht, daß Satan während seines Falles, der viel Zeit verschlungen haben muß, sich Wesen schuf, ihm untertan. Die erst guten Kräfte kamen allesamt von Dir; und in diesem Sinne ist zu sagen, daß für alle Kindgeschöpfe Deine Schöpferkräfte walteten.

Personhaft kamen aus dem Asmodi die Bösen. Die Naturgewalten aber sind — im Gesetz der Ordnung — einem Ablauf unterstellt, unabhängig davon, daß der Heilig-Hohe Herr das Gute und das Böse weisheitsvoll verwendet. Deshalb ist kein Regen, kein Gewitter und dergleichen bös zu nennen. Böse ist nur das, was bewußt gesagt, getan oder unterlassen wird. Das entfällt jedoch auf die mit Verstandes- und Vernunftkraft ausgestatteten Geschöpfe.

Ich stellte mir einst Deine Werke vor, fand nur weder einen Anfang noch ein Ende. Ich fragte mich, wieso ich lebe, ohne eigentlich zu wollen. Denn der Wille, der zum Leben neigt, gilt allgemein als das Erleben, nicht das LEBEN selbst, zumal kein Mensch sich einem Tod entreißen kann. Nachts sah ich auf zum Firmament der unzählbaren Sterne.

Und da, im Anblick dieser fernen Herrlichkeit, da wußte ich, was Gottes Schöpfung war: Das UNENDLICH, eine Größe ohne Maß!, und in sie hineingestellt wir kleinen Dingsel, um die Gott Sich große Mühe macht (Jes. 43, 24). Mich übermannt die Gnade, den Schöpfer unter uns zu wissen.“ Ließe sich die Rührung steigern, so durch Jizris letzten Satz. Jedem pocht das Herz in freudigster Erregung, deren Grund die Ehrfurcht ist.

„Du hast das Häkchen fein geschmiedet und außerdem das Gold dazu geliefert. Allerdings“, ein Segensblick trifft alle, „trug jeder etwas bei, weil aus der Entwicklung jeder sich in schöner Freiheit guten Werken hingegeben und demgemäß die Lichtverbindung angetreten hat, nach Jizris Maß, das er Meinem Schöpfermaß entnahm und dem:

Ich bin bei euch!

Nun betrachten wir die Stufen, die Ich aus Meinem UR-Sein zu den Kindern niedersteige. Beachtet das: Mein Niedersteigen ist nicht so, wie wenn ein Reicher sich zu einem Armen bückt, der im Staub der Gasse liegt. Gnade, Jedothun, ist kein Gnädigsein. Gesagt, weil du dachtest, es sei einerlei.

In eurer dritten Stufe dominiert der Wunsch, mit dem Vater eins zu werden. In der ersten Stufe streue Ich den Samen aus auf jedes Land, das seine Schollen Meinem Licht und Segen öffnet. Hat es dann den Samen aufgenommen, so erfährt es durch den Regen als die Gnade die Entwicklung und strebt dem Lichte, Meiner Güte zu. Dann ist‘s des Kindes Werk, seine Halme hochzutreiben und zur körnerschweren Ähre zu machen.

Dies entspricht der Freiheitsstufe, aus der die Lichtverbindung möglich ist. In dieser Folge wirke Ich von oben her in einer hehren Wechselwirkung, die ihr jetzt noch nicht versteht. Zuerst gilt Mein GESETZ! Im Lichte ist die letzte Stufe die Barmherzigkeit. Fraget aber, ob Mein Gesetz, den Geschöpfen zur Entwicklung dienend, der Barmherzigkeit entbehrt.

Sucht und prüfet, wie ihr wollt: In jedem Meiner Dinge wirken alle Meine Dinge, in jeder Eigenschaft die anderen. Mein Gesetz hat als Grundstück die Barmherzigkeit. Sallumin hat sich kleiner Diebe oft erbarmt und sie laufen lassen. Ein guter Zug, der ins Bereich der Freundlichkeit gehört. Nur ist Barmherzigkeit der Grundstrahl Meines Vaterwesens, Erbarmung bloß der Ausfluß der Verzeihung! Dieses zur Berichtigung. Aber weiter:

Gesetze stehen auf dem Fundament der Ordnung, die ihren Ausgang aus der Allmacht Gottes nahm. In der ersten Stufe regt der Wille die Entwicklung an; denn der Impuls des Willens ist der UR-Erreger alles Werdens. Die Ordnung wiederum hält dessen Maß und Wege ein; sie ist der Richtungsweiser, dem Bilde nach das Bett des Stromes, durch das das Wasser fließen kann.

Das ist die weiteste Entfernung zwischen Schöpfer und Geschöpf, zugleich der Spannungsbogen, dessen beide Enden Meine Schöpferhände halten. Unter diesem, geschaffen nach der Noah-Flut im Zeichen der Erbarmung, wird es leicht, die weitere Verbindung, sagen wir: das ‚Näherkommen‘ herzustellen. Es erfolgt vom Schöpfer aus auf Seiner zweiten Stufe abwärts und für das Geschöpf in dessen zweiter Stufe aufwärts.

Lichthaft sind sie Liebe und Geduld, weil des Schöpfers Vatertrieb von Oben her den Pfad zu Seinen Kindern bahnt. Aber für sie alle steht der Freiheit Meine hohe priesterliche LEHRE gegenüber, deren Grundprinzipien Ernst und Weisheit sind. Ja, liebe Tochter, sprich nur aus, was du dir freudig denkst.“ Deboras Augen strahlen immer heller und sie sagt:

„O Du unser lieber Hoher Herr! Deine Lehre ist so herrlich; und daß wir sie erkennen konnten, darum hast Du uns zuvor zwei Lehrer zugesandt, die Träger Deiner Weisheit und des Ernstes. Das ist ganz wunderbar: Geduld und Liebe zügeln unsern freien Willen; jedoch Lernen, nie die Freiheit zu mißbrauchen, darum herrscht bei Dir als Zweites aus der Weisheit und dem Ernst die Lehre vor. Ist das recht erkannt, o Vater-Gott?“

„Sehr ordentlich!“ Gott läßt Seine Hände eine Weile auf Deboras Schultern liegen. „Also — der Zusammenhang zwischen Meinen Lehrern und der Lehre ist gegeben, es kann ein jeder daraus noch auf eine Sonderarbeit schließen. Allgemein erkennt ihr sie. Das Einzel ist euch überlassen, das Ganze bleibt in Meiner Führung zu euerm Heil, zu Gunsten Meiner Werke fest verankert.

Steigt daher hurtig auf in eure dritte Stufe; denn Ich stehe für euch längst bereit auf Meiner dritten. Auf ihr, wo die Verbindung wirkt, sind Ernst und Weisheit jenes Reflexivum, das im Wechsel und Prinzip als Geduld und Liebe die ERLÖSUNG zeitigt. So heißt Meine dritte Stufe.

Ihr seht die ‚ferne Herrlichkeit‘, wie Jizri sprach, stets näher kommen als ein Licht, das eure Herzen und den Raum erfüllt. Gesetz, Lehre und Erlösung, gegenüberstehend die Entwicklung, Freiheit und Verbindung sind die Schalen an der Waage. Ob sie auszugleichen sind, ergibt die Mittelstufe, die nach diesem Lehrbild Meine und auch eure vierte ist.

Wir betrachten die Erlösung näher. Gibbar ist der Ansicht, sie sei leichter als Gesetz und Lehre zu verstehen, da der Mensch sie nötig braucht. Dahingehend hast du recht, Mein Sohn. Des Falles wegen, den wir ja erörtert haben, bezieht sich die Erlösung ersten Ranges auf Befreiung von der Finsternis, von Sünde, Seelentod und Gottesferne, alles, was im Kindfall inbegriffen und nebst für euch natürlichen Erscheinungsformen grundsätzlich die Materie ist. Denn Materie heißt Erstarrung.

Ein Beispiel diene: Nachts suchen alle Tiere ihren Unterschlupf, abgesehen von dem Nachtgelichter, das ein Sinnbild des Verderbens ist. Und nachts auch schließen sich die Blumen, bleibt das Wachstum stehen, kurzum: das Natürliche fällt in die Starre. Das läßt sich so auf Sünde, Seelentod und Gottesferne übertragen, und ohne weitere Erklärungen versteht ihr das.

Die Erlösung ist sogar, weil Mein Wort euch Menschen gilt, auf der Basis der Materie anzusehen und erstreckt sich das auf eure dritte Stufe, während Meine ja noch anderes bewirkt. Natürlich steht von Mir aus die erlösende Befreiung ganz im Vordergrund, um auch alle Abgeirrten Meinem Lichte zuzuführen. Aber das erlösende Prinzip in Meinen Werken, dazu völlig unabhängig von dem Kindesfall, bedeutet folgendes:

Mein schöpferisches Tun und väterliches Denken gilt der Seligkeit, die nicht erst nach Befreiung auszuleben ist, sonst hätte Ich zuerst den Abfall schaffen müssen. Das wäre widersinnig! Seligkeit hängt von der Lichtentwicklung ab. Ja, auch ein Lichtkind muß sich bilden durch das ihm eingeborene Vollendet zur Vollkommenheit des eigenen Ich, was in Meinem Infinitum mit dem Fortschritt Meiner Schöpfung gleichgeschaltet ist.

Mein Herrschaftswille machte Meine Kinder Mir zum Ebenbild; er zeugte ihrer Art entsprechend einen Anteil freiheitlichen Willens ein. Der Entwicklung, die der Schöpfer leitet, ist nach gewonnener Erkenntnis über Zweck und Ziel jedweden Schöpfungswerks gegeben, daß sich die Kinder fortentwickeln können. Doch setzt hierbei eine Freiheitskreuzung ein. Wohin — ?

Das abgestürzte Kind nahm seine weitere Entwicklung selber in die Hand, nachdem die schöpferische Lenkung bis zur Freiheitskreuzung führte. Diese zeigt den Weg zur Grunderlösung an, nur im Lichtreich gültig, damit auch den ersten Schritt zur Seligkeit. Entgegen aber jenem einen haben alle Lichtgeborenen an der Freiheitskreuzung ihre Freiheit, dazu ihren Eigenwillen, in den Herrschaftswillen Meiner Schöpfer-Wesenheit zurückgelegt.

Höhere Selbstentwicklung gibt es nicht! Die Lichtgetreuen ließen sich von ihrem freien Willen ‚lösen‘, um im ‚heiligen Verband mit ihrem Schöpfer‘, unter Seinem Willen, ihres Lebens Seligkeiten zu erlangen. LEBEN und Erleben, LÖSEN und Erlösen, sind die Gegensätze zwischen Empyreum und Materie.

Nun noch weiteres von Meiner dritten Stufe. Richtig heißt sie LÖSE, doch für die Materie Erlösung, weil durch die Himmelslöse jene aus der Finsternis geschieht. In der erstrebten Lichtverbindung, in der Ich zu eueren Gunsten keine Zwischenstufen schuf, liegt das Sich-lösen-lassen aus der Willensfreiheit, wodurch der vorgenannte ‚heilige Verband‘ erfolgt. Was dieser mit sich bringt, offenbart die vierte Stufe.

Sie gilt Mir und euch. Salthiel bedenkt, Ich hätte sie als die Barriere zwischen uns erklärt. Im Schöpfer- und Geschöpf-Verhältnis bleibt sie das, weil durch sie alle Werke bleiben; anders löste sich das Universum auf. Doch gibt es andere Verhältnispunkte, die trotz Barriere ihre Innigkeit besitzen, zu welchem ja der heilige Verband gehört.

Der Entwicklungszeit gemäß sind mehrere Verhältnispunkte nicht zu nennen[VH10]; aber einer schon: ‚Vater-Kind‘! Von diesem aus ist jenes schwierige Exempel zu verstehen: bleibende Barriere, trotzdem heiliger Verband. Der Sohn Elam denkt: ‚Da halte ich mich nur ans Letztere.‘ Gar nicht so übel! Immerhin‘, Mein Elam, ein wenig wirst du wohl die Ansicht revidieren müssen. Und da sei noch das Folgende vorausgesagt:

Das Schöpfer- und Geschöpf-Verhältnis auf der Basis de Barriere ist das festeste Gefüge, auf dem das LEBEN steht! Höret alle: Von diesem aus ist wahrlich jeder andere Verhältnispunkt gegeben, ganz besonders der vom Vater-Kind! Und nun betrachten wir denselben auf der vierten Stufe. Diese heißt

VERMÄCHTNIS !

Ihr seid dessen ganz gewiß, daß Ich ein solches geben kann, auf jener Mittelstufe, die zu betreten ihr euch nicht einmal im Herzen wagt. Allerdings — betreten könnt ihr sie auch nicht; doch ihr könnt sie sehen, könnt ihren hehren Zweck erkennen und ihre reichen Gaben nehmen. Mein Vermächtnis gilt im Vergleich den Kindern, wie da ein Mensch den Anverwandten ein Vermächtnis hinterlassen kann.

Mein Vermächtnis für das Kindervolk ist aber nicht erst aus dem Kindesfall entstanden; doch Ich habe letzteren mit einbezogen, wie die Erlösung der Materie in Meine hehre Himmelslöse. Und wie lautet das Vermächtnis? Hat es nebst dem inneren auch einen äußerlichen Wert? Daß sich ein solcher nicht aufs Weltliche bezieht, ist ohne Hinweis einzusehen.

Zwar ist es einfach kundzutun: Ich vermachte Meine Liebe, einst und zu jeder Zeit. Mein Vermächtnis nahm aus allen Eigenschaften einen Wesenszug; denn im Lichte hatten — abgesehen von den nachmalig Gefallenen — die Treuen jenen Reifegrad erreicht, der sie später auch von sich aus, nicht bloß durch Meine Schöpfer-Vater-Tat, mit Mir sich verbinden ließ.

Damit war der heilige Verband getätigt. Doch ich hatte ihnen nicht nur Meine Liebe zugebilligt, sahen und erstrebten sie in Meiner Art nicht bloß die eigene Verbindung, — o nein!, vermacht hatte Ich dem Kindervolk den hehren Sabbattag. Er braucht jetzt nicht erklärt zu werden, dazu fehlt der Zeit die Reife. Aber selbst auf dieser Welt wird es einmal Kinder geben, denen eine große Leuchte angezündet werden kann[VH11].

Mein Vermächtnis galt, bevor ein Kind zum Leben kam. Das war eine Gottheits-Sache, unabhängig davon, ob nur ein Auf oder einmal auch ein Ab geschah. Denn hätte ich hernach das Vermächtnis festgelegt, konnte es vielleicht so lauten: ‚Die Abtrünnigen bleiben unbedacht oder nur zum Urkeimteil, weil sie als solcher gleichfalls aus dem UR-Licht stammen.‘

Gewiß, Mein Barak, sehe Ich, wie sich jeder Tag gestalten wird, aber — Ich bestimme nichts voraus! Trotz Herrschaftswillens, lieber Bichras. Merkt: Mein Wille wollte nichts vorausbestimmen! Darin lag das euch freilich ewig unverständliche Prinzip des Schöpfers, allen Werken Aufbau, Richtung, Lauf und Ziel zu geben. Und alles in der Freiheit Meines Willens, dessen kleiner Abglanz auf das Kindervolk entfiel.

Hier hilft Weisheit, den Willen Mir zu unterordnen (Matt. 7, 21), die Barriere als die Stütze anzusehen, die das Geschöpf dem Schöpfer anvermählt. ER wird es wissen, wie Seine Kinder selig zu regieren sind, und sie dabei im Grenzraum ihrer Freiheit gehn und handeln läßt, wie jedes will.

Das ist ein Vermächtnispunkt, dessen Herrlichkeit Ich einbehalte; sonst wäre ja die Seligkeit vorweggenommen, die dem Sabbattage vorbehalten ist. Noch das eine — aber mißversteht dies nicht: Auch die Kinder haben ein Vermächtnis aufgebracht, an MICH! Ihr glaubt es kaum, sogar Debora, die es wissen könnte. Die Welt nimmt viel vom Licht; und das ist gut für jene, die mit euch zusammentreffen, ohne eure Reife zu besitzen.

Kann MIR jemand was vermachen, was er nicht zuvor von Mir erhalten hat (Röm. 11, 35)? Nun — das Vater-Kind-Verhältnis läßt es zu. Ein Bild: Einer hat dem Freund in dessen Not geholfen, beim Hausbau, auf dem Acker oder just ein Tier zu suchen, das verloren ging. Das sind gute Taten, die ins Bereich der Freundlichkeit gehören.

Der Jemand hat dem andern eine Hilfe angedeihen lassen, hat sie ihm vermacht, und der ehrliche Empfänger ist bereit, wenigstens zu einem Teil, wieviel ihm möglich ist, einmal einen Rückhilfsdienst zu leisten, zu machen, oder eben zu vermachen.

Liebe, Glaube, Dienst und echter Wille, Mir sowie dem Nächsten dargebracht, ist das Vermächtnis, das auf der Mittel- (Mittler-)stufe steht. Dort begegnen sich durch Mein Vermächtnis und euer Rückvermächtnis der Schöpfer und das Geschöpf im himmlisch heiligen Verband — im Vater-Kind-Verhältnis.

Auf dieser Stufe herrscht Mein UR-Verhältnis, für Mich und Meine Kinder! Die Rückgabe des Freiheitswillens ist das höchste Stück vom Kindvermächtnis und macht ihn zu keiner Illusion. Nein!

Die Vermächtnisstufe ist ein ewiger Garant,

– für Mich im Hinblick Meiner Werke,

– für Mein Volk im Hinblick auf Mich Selbst!

Nun, Meine Kinder, rate Ich, daß ihr erst das Ganze überdenkt. Und am zweiten Abend will Ich wiederkommen, wo Ihr Mir, was euer Herz beschwert, manches auch aus guter Flamme, anvertrauen könnt. Mein Segen ist euch überkommen, als Ich eingetreten bin; und Mein Friede bleibt bei euch, wie Ich — obzwar ungesehen — bei euch bleibe.“

Da stehn sie auf, da wird der Herr umdrängt; man will Sein Gewand erfassen, Seine Hände, Füße streifen, und der Hohe läßt es lächelnd zu. Wortlos geht der Dank der Herzen hinter Gott einher als wundersamer Schein, den nur ER und Seine Engel sehen.

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