Kapitel 19
„Er kommt!“ Jubelnd schwenkt Marita die Depesche. Beocanas haben ihren Sohn erwartet. Nun ist‘s soweit und das ganze Haus gerät in Aufregung. Der Fabrikant ertappte sich dabei, daß er beim diktieren innehält, worüber seine Sekretärin sich verwundert. Was hat der Chef? Man nennt ihn ja die eiserne Konzentration. Jetzt lächelt er sogar und nimmt den Stift dem Mädchen weg.
„Da staunen Sie! Heute muß man Nachsicht mit mir haben, mein Sohn kommt heim!“ „Roberto? ich meine — verzeihen Sie, der Juniorchef?“ Niemand weiß, was ihr der junge Herr bedeutet. Wenn sie ahnte, was zuletzt Herr Wanger mit Roberto sprach, ihretwegen, sie wäre heute gleichfalls nicht imstande, sich zu konzentrieren.
„Die heutige Post kann ich selber fertigen, Sie brauchten sie am Nachmittag nur nachzusehen. Was zu verbessern wäre, würde ich nach Dienstschluß schreiben.“ „Heute nicht, Irina! Ich bin gegen fünf Uhr da. Werde sicherlich nur meinen Namen schreiben brauchen.“ Ein großes Lob und auch erstmals, daß der Chef das Mädchen mit ‚Irina‘ angeredet hat. Welche Freude!
Der Bürovorsteher kommt. „Melden Sie mich!“ zeigt er auf die Tür zum Chefbüro. „Herr Beocana ging nach Hause.“ „Heimgegangen — ? Ist er wieder krank?“ „Nicht, er trug eine große Freude heim.“ „Lassen Sie sich immer alles aus der Nase ziehen?“ ruft Canncia ärgerlich. „Keineswegs.“ Irina gibt sich reserviert. Seine Arroganz verscherzt ihm jede Sympathie. „Der Chef hat sich bei Ihnen wohl nicht abgemeldet?“ Er merkt nicht den ‚Stich‘, den sie ihm mit Recht versetzt. Schimpfend geht er fort.
Der Lehrling schlüpft herein, ein paar Akten in der Hand. „Auch ganz große Klasse, wie Frau Dabbati!“ Erstaunt sieht Irina hoch. „Wie meinst du das?“ „Die Türe war nur angelehnt.“ „Lausbub du!“ zankt die Sekretärin. „Gehorcht wird bei uns nicht!“ „Ich . . .“ „Na gib schon her!“ Sie greift nach dem Aktenstoß. „Die sind nicht für Sie“, grinst der Junge. „Also doch gelauscht!“ „Wirklich nicht mit Absicht“, verteidigt sich der Junge. „Aber wenn das Ekel . . .“ „Pst! Wenn dich jemand hört!“ Fräulein Kingtown hat den Bub genauso gern, wie Frau Dabbati. „Marsch, mein Lieber“, zwinkert sie ihm zu. Da klappt die Türe schon ins Schloß.
Pilot Fallango hat die Privatmaschine startbereit gemacht, um am Hauptflugplatz Roberto abzuholen. Marita trippelt hin und her und macht die Eltern noch nervöser als sie selber sind. „Steh‘ endlich still!“ zankt die Mama. Zum Glück kommt schon der große Vogel und als Erster steigt Roberto aus. Aber was? Er hat einen Negerjungen an der Hand, jenen, den die Schlange biß. Der wollte durchaus mit. Nun darf er bleiben, bis nächstes Jahr Herr Wanger kommt und ihn wieder mit zu dessen Eltern nimmt.
Marita eilt auf den Krauskopf zu. Die Eltern begrüßen ihren Sohn, als wäre er vom Grabe auferstanden. Ein wenig sieht es danach aus. Damals die Gefahr, wenn nicht — Dann die lange Trennung. Nun steht ein reifer Mann vor ihnen, stark, mit hellem Blick. Er schluckt an der Wallung, die ihn durchbraust. Die Eltern, die Schwester, die Heimat, und alles miteinander eine ungeheure Freude. Sie macht fast stumm, diese Freude.
Bald ist man zu Hause angelangt. Der kleine Neger staunt, als er das einstige Kinderzimmer, mit Spielzeug angefüllt, als Eigentum betrachten darf. „Alles mein?“ Die Augen glänzen. „Mal schauen“, meint Marita. „Schnell, waschen, hier, den Anzug ziehst du an, wir wollen essen!“ Sie hilft selbst, weil das Zimmermädchen sich noch scheut, den dunklen Buben anzufassen.
„Das lernen Sie“, sagt Marita zu dem Mädchen. „Er ist sauberer als mancher unsrer Gassenjungen. Der deutsche Arzt der Siedlung hat gut kultiviert, soweit dies nötig war. Überdies, Sie wissen doch, Josepha, daß ich dort gewesen bin und mein Bruder auch drei Jahre. Lernen Sie, den kleinen Krauskopf lieben.“
Man geht zu Tisch. „So, das kleine Anhängsel.“ Der Vater streicht dem Kinde übers Haar. „Na, da hast du was zu tun“, neckt er seine Tochter, „und wer tut deine Arbeit?“ „Keine Angst, Pappino, unsern Kleinen nehm‘ ich mit. Canncia wird Augen machen!“ „Ist er immer noch so stur?“ fragt Roberto. „Viel mehr! Schon mancher von den Leuten hat sich über ihn bei mir beschwert.“ „Getrost, ich werde mit ihm fertig!“ Der Vater atmet auf, sein Sohn wird‘s schaffen.
„Ich bin so froh, daß ich dich wiederhabe, lieber Junge. Marita war ja fleißig, aber sie hat Flausen. Weißt du, was sie will?“ „Ja, ich unterstütze sie. Der Gedanke an ein werkeigenes Krankenhaus ist dir zuwider; doch wenn es steht, Vater, wirst du dankbar sein. Der Urheber dieses Planes ist Onkel Willmut.“
„Will er hier der Doktor sein sage ich gleich ‚ja‘.“ „Nein, er empfiehlt uns gute Arzte. Ich habe mit Marita die Finanzbeschaffung schon besprochen. Bitte, Vater, nicht gleich böse sein! Ich bin mündig und verfüge über mein großmütterliches Erbe. Gibst du deine Zustimmung, dann errichten wir, ich und Marita, ein Krankenhaus, so daß dein Vermögen nicht geschmälert wird.“
„Über meinen Kopf wird nichts bestimmt!“ Beocana schmunzelt dabei ganz verstohlen. Er hat Maritas Plan erwogen und heimlich von der Stadt ein Hügelland gekauft, das sich für den Zweck besonders eignet. Als er die betrübten Mienen seiner Kinder sieht, bringt er es nicht übers Herz. Dröhnend lacht er, nimmt beide fest in seine Arme und sprudelt los:
„Das Gelände, Baupläne und Baumaterial sind gekauft — von mir! Ihr seid mir sowieso schon über meinen Kopf gewachsen“, die Kinder sind größer als die Eltern, „also muß ich ein gehorsamer. . .
„Pappino!“ Marita küßt ihn stürmisch auf die Wangen, Roberto strahlt den Vater an und zerquetscht ihm fast die Hände.
„Laßt von eurem Vater noch was übrig!“ Juanita schmiegt sich mit an ihres Mannes Brust. „Hilfe!“ ruft er laut. „Fallango, so helfen Sie mir doch! Diese Übermacht! Warum stehen Sie zur Seite, statt mir beizuspringen?“ Die günstige Gelegenheit nimmt Fallango wahr, sagt jedoch gemessen, fast bescheiden:
„Herr Beocana, wenn ich darf — hm — ich möchte Ihnen immer helfen, nicht nur jetzt in diesem lieblichen Familienkrieg. Sondern — nun ja —“ Er verhaspelt sich. Die Mutter lacht, sie merkte längst, was sich zwischen ihm und ihrer Tochter angesponnen hat. „Ernestino“, sie legt eine Hand auf seine Schulter, „ich bin nicht dagegen, es wäre meine Freude, wenn — — Und was meinen Mann betrifft, brauchen Sie sich nicht zu fürchten. Wenn er seine Tochter nicht verliert, verweigert er das Jawort nicht.“
„Ah, ein Komplott?“ Beocana sieht das Erröten seiner Tochter, die Verlegenheit Fallangos, Juanitas und Robertos strahlende Gesichter. Bloß der kleine Philipp, wie Wanger einst den Negerjungen bei der Taufe nannte, guckt schief und schiebt sein Händchen in die Hand Robertos. „Ein Komplott ist‘s nicht“, klärt Juanita auf. „Du hast nur nichts gemerkt und wir feiern jetzt Verlobung.“ „Was? Marita? und der — der Ernestino?“ Es dauert eine Weile, bis der Vater das verkraftet hat. „So so“, meint er dann launisch.
„Im Flugzeug wird Marita nicht entführt, ansonst reiche ich die Scheidung ein, ehe es zur Hochzeit kommt. Nein, so etwas? Der Junge glücklich heimgekehrt, mein Mädelchen verlobt, und du, Hallunke“, er reißt Fallango an die Brust, „hast mich hintergangen! Na, nun kommt mal beide her, meinen väterlichen Segen sollt ihr haben!“
„Pappo!“ jubelt seine Tochter, und „Vater“, wagt Fallango, „ich hatte keinen Mut, obwohl Bertram, von dem Marita viel berichtete, mir angeraten hat, das ‚Maiglöckchen‘ zu pflücken. Ich hatte nicht gewagt, sie auch nur richtig anzusehen; denn schließlich — ich bin bloß ein Pilot, sie dagegen . . .“
„Schwager“, ruft Roberto, „wir kranken nicht an Standesdünkel.“ „Du und Marita nicht“, erwidert Ernestino, „wie die Eltern dächten, konnte ich nicht wissen.“ „Hm“, höhnt Beocana lustig, „ohne Balken, in der Luft zu segeln, dazu hat er Mut; sich eine Braut zu holen, na, dann wollen wir — “ Er klingelt und befiehlt dem Diener: „Den besten Wein, den von der letzten Ecke!“
Die Freude läßt den Chef vergessen, daß seine Sekretärin auf die Unterschriften wartet. Als er nicht kommt, geht sie nach Büroschluß in die Villa. Sie war selten hier. „O weh, die Unterschriften! Was denken Sie vom Chef, Irina?“ „Es gibt Dinge, die den Vorrang haben, Herr Beocana.“ „Gut geraten, Mädchen! Begrüßen Sie mal meinen Sohn und schauen Sie ihn richtig an, was aus ihm geworden ist.“
Die Stimme klingt gepreßt, als sie ihm zur Heimkehr gratuliert. Und worauf Wanger ihn, Roberto, ‚mit der Nase stieß‘, das wird ihm jetzt bewußt. Eine reizende Gestalt, ein zärtliches Gesicht. Er beugt sich über ihre Hand. Diesmal ist‘s der Vater, der zuerst das feine Fädlein zwischen beiden Herzen sieht.
„Sie bleiben hier, Irina, wir feiern! Die Heimkehr meines Sohnes und Verlobung!“ Ganz weiß wird das Mädchen. Ein Verlust — ? Sie hat die Träume immer abgewehrt. Der Junior und sie, die Sekretärin — ? „Was ist mit Ihnen?“ fragt die Hausfrau ängstlich.
„Ich habe Kopfweh“, redet sich das Mädchen aus. So so, Herzweh, denkt Beocana, dem ist abzuhelfen. „Ja, staunen Sie nur, liebes Kind, schauen Sie sich meine kleine Tochter an, das Küken, die hat sich verlobt mit diesem langen Menschen, der sich ‚seinen Himmel‘ auf die Erde holte!“ „Schwiegervater, das hast du fein gesagt“, freut sich Ernestino.
Irina hätte sich beinah verraten, es lag ihr auf der Zunge: ‚Also nicht Roberto?‘ Geschickt sagt sie: „Die Pille hat geholfen.“ Frau Beocana gab ihr eine. Es wird ein schöner Abend. Viel hat Roberto zu erzählen. Erst über Vilpart. „Er ist ein guter Mensch geworden, fleißig ist er auch und wir staunten, was er alles kann.
Er vergrößerte den Dynamo, legte Kabeln und tat allerlei. Es gab so viele Dinge, um die sich Onkel Willmut absolut nicht kümmern kann, zumal im letzten Jahr. Denn sogar aus einer weit entfernten Siedlung kamen kranke Weiße, und so brauchte er ein zweites Krankenhaus. Es ließ sich eben nicht umgehen, die Weißen und die Neger getrennt zu betten.
Auch als Missionar ist er überfordert. Es ist verwunderlich, wie er jeden leiblich oder geistig zu behandeln weiß. Manchen Weißen brachte er zum Glauben. Vilpart bleibt bei ihm, auch später, falls dieser altersmäßig den geliebten Busch verlassen muß. Er hätte nur zu gern, kämen seine Eltern wieder in ihr Häuschen. Er meint, man würde sie aufs neue achten.“ Sagt der Hausherr rasch:
„Worauf er sich verlassen kann! Nun erzähle, und“, er wirft auf die Verlobten einen Blick, der Bände spricht, „sie werden trotz des Glückes auch mithören.“ „Worauf Pappino sich verlassen kann“, kontert seine Tochter schelmisch. „Hört das Küken“, neckt Roberto. „Bin Braut, also etwas mehr Respekt, mein Herr Bruder!“ „Ich werde mich bemühen.“ Man setzt sich in die Sessel am Kamin. Das Personal, erfreut, weil der Junior gut nach Hause kam, geht nicht schlafen und füllt den Tisch mit guten Dingen.
„Viel ist zu berichten“, fängt Roberto an. Erst erzählt er das Erlebnis Vilparts mit dem Leoparden, rühmt die Umsicht Bertrams, Carols und der Neger, hebt allerdings des Arztes Können stark hervor, der braunen Schwestern gute Pflege, die Sauberkeit der ganzen Siedlung und daß Willmut Doktor, Richter, Missionar, Bürgermeister, eben alles in allem ist.
„Es ist staunenswert, wie sicher er die Dinge meistert und ich glaube es, was der alte Bertram sprach: ‚Er ist von obenher!‘ Man gehorcht ihm auf das Wort. Selten, daß er einmal strafen muß, bloß mit Worten tut er das. Jeder sucht dann seinen Fehler wettzumachen. Selbstredend muß man manches von der Warte dieser Eingeborenen aus betrachten; aber Übeltaten, wie zunehmend in den Ländern der Kultur, wie man die der Weißen nennt, die gibt‘s dort nicht.
Schon gleich vom Anfang an hätten seine Neger ohne ein Gebot des nachts gewacht, was sie früher niemals taten. Wenn ich einmal spät in meine Wohnung ging, begleitete mich einer heim. Einer sagte auf Befragen, warum sie dieses tun: ‚Man kann nicht wissen, wilde Tiere oder eine andere Gefahr, die wir Neger eher merken als ihr Weißen.‘ Damit hatte er ganz recht.
Willmut würde es gern sehen, wenn ihr, liebe Eltern, ihn besuchen kommt. Ernestino bringt euch sicher hin und wieder heim. Ich kann auch ein Flugzeug führen.“ Sofort stimmt Fallango ein: „Du brauchst nur die Prüfung abzulegen. Ja“, wendet er sich an die Eltern, „ich hab‘ scharf aufgepaßt, er hat bestens abgeschnitten.“
„Was, du bist geflogen, ohne mich zuvor zu fragen?“ „Alter, zanke nicht“, sagt Juanita. „Er hat‘s nicht ernst gemeint, seine Augen lachten“, fällt Roberto ein. „Morgen fliege ich mit ihm die Runde über unsere Stadt. Zur Beruhigung kommt Ernestino mit.“ „Ich will mit“, lockt die Mutter. „Doch nun weiter, was sich im letzten Jahre zugetragen hat. Das Frühere erzählte uns Marita.“
„Nicht alles, ihr solltet nicht erschrecken. Hast du die Bilder mitgebracht, Roberto?“ Dieser holt einen Pack und zeigt jene vor, wo er und Marita im Freigehege bei den Tieren waren. Wanger hatte angeraten, sie erst zu zeigen, wenn beide Kinder wohlbehalten in der Heimat angekommen sind. Ein guter Rat. Jetzt noch, obwohl man beide vor sich sitzen sieht, überkommt die Eltern eine Angst. „Das habt ihr gewagt?“ fragt die Mutter zitternd.
„Marita war die Tapferste“, berichtet Ernestino. „Zudem ist‘s ungefährlich, sind Carol oder Herr von Wanger mit zugegen. Einmal hat er einen Löwen, der sich sehr verletzte, auch verarztet. Carol hatte nur den Kopf gehalten, der Löwe ließ es sich gefallen.“ „Die Tiere spüren ganz genau, wenn jemand ihnen helfen will“, ergänzt Roberto die Geschichte.
In einer Aufwallung von Stolz sagt der Vater: „Die Bilder kommen in den Werkaushang, alle Leute sollen sie betrachten.“ „Fein“, tut Marita, „das wird besonders Canncia in seine Augen stechen!“ „Wir wollen Willmuts Lehre nicht vergessen, man soll einem Feind nichts Böses gönnen.“ „Du wirst es merken, verteidigt sich die Schwester, „wie eklig er geworden ist. Ich bedenke nur, daß er mehr Respekt gewinnt. Er behandelt mich wie einen Lehrling, wenn ich ihm allein begegne. Und das ärgert mich.“
Roberto aber sagt: „Wenn einer merkt, daß man sich ärgert, hat er den Triumph, der seiner Seele schadet. Selber wird man frei. Das hab‘ ich Willmut abgelauscht. Natürlich kann ich‘s nicht so gut wie er. Er lehrte mich das ‚Schauen‘, zumal wegen Canncia, den er sofort einzustufen wußte. Na, warten wir es ab.
Über Vilpart ist noch einiges zu sagen. Woher er all das Können hatte, verriet er mir, nachdem er aus dem Lazarett entlassen war. Er gestand, er hätte bei dem Meister viel gelernt, habe sich nur dumm gestellt. ‚Weißt es ja‘, sagte er, ‚wie sehr ich Arbeit haßte. Im Gefängnis, als ich durch Herrn Wangers Hilfe besser stand, ließ ich mir dann Bücher kommen und studierte weiter. Der Direktor unterstützte mein Bemühen.‘
Willmut sagte, als ich‘s ihm erzählte: ‚Ich habe es gewußt. Man braucht natürlich bei der Schau, die eine Gottesgabe ist und kein eigenes Verdienst, die Sache nicht genau zu wissen, was menschlich meistens auch nicht möglich ist. Immerhin — um was es geht und wie ein Mensch veranlagt ist, das ist zu erkennen.
Die freiheitliche Handlung ist nicht auszuschalten, kann jedoch vom Lichte her geleitet werden, weil die Menschen keine unbegrenzte Freiheit haben. Leben samt ein menschliches Vermögen stehen immer unter GOTTES HAND! ER hat uns erschaffen, und als unser Schöpfer steht Sein freiherrlicher Wille über all den Lebensdingen Seiner Kindgeschöpfe, im Lichte, überall und in der Materie.‘
Nun wußte ich, wie wunderbar die Führung war, daß gerade wir ihn kennen lernen durften. Einmal hatten wir auch beinah ein Malheur. Willmut, Bertram, Carol, Vilpart, ich und noch zwei Neger besuchten einen Nachbarstamm. Bertram krauste seine Stirne, sagte aber nichts, er wollte mir die Freude nicht verderben. Dabei lernte ich, daß gar manches Heidentum nicht zu verachten ist.
Krieger dieses Stammes hatten uns schon einmal überfallen. Es gab bei uns zu viele Dinge, die die Begehrlichkeit erweckten. Nun, dank unsrer Wachsamkeit mußten sie das Feld verlassen. Ihr Häuptling war verwundet worden und Willmut hatte ihn betreut. Es war dann Friede zwischen uns. Um für späterhin das Band zu festigen, falls einmal ein anderer Arzt die Siedlung übernehmen müßte, wollte Willmut eben diesen Stamm besuchen. Daß die Fahrt nicht ‚ohne‘ würde, hatte er wie Bertram vorgeschaut. Es bestätigte sich dabei, daß eine Schau auch einmal bis ins Kleinste reichen kann.
Die Hinfahrt war sehr schön, durch eine wunderbare wilde Flora. Unterwegs teilte Willmut an uns Pillen aus, wir sollten diese nehmen, bevor wir ein Getränk bekommen würden. Über das ‚warum‘ ließ er sich nicht aus. Er war auch sehr ernst.
Ein guter Braten wurde aufgetischt, am Spieß geröstet. Dann kam der Clou. In Hörnern, außen nett verziert, wurde uns der ‚Trunk des Friedens‘ dargereicht. Auf ein geheimes Zeichen Willmuts nahm jeder von uns mit dem ersten Schluck die Pille ein. Keiner von uns hat ein Horn geleert, was dort Sitte ist, soll der Gastgeber nicht beleidigt sein, was Morden oft zur Folge hat.
Bertram zog ein Ding hervor. Zwei gekreuzte Knochen, daran zwei Steinchen hingen. Das gilt sowohl als Amulett wie auch als Zeichen der Versöhnung, die man gegenseitig bietet oder angenommen wird. Und Carol hatte plötzlich meine kleine Spielpistole in der Hand. Willmut und die andern zeigten ihre Waffen her. Nur ich und Vilpart hatten keine, wir waren gänzlich ahnungslos.
Bertram stand erhaben da und sprach mit einer Grabesstimme: ‚Du Häuptling, als dir von unserm Arzt die Wohltat widerfuhr, dich und deine Kranken aufzunehmen, obwohl ihr uns ganz rechtlos überfallen hattet, was hattest du geschworen? Was gabst du mir zum Zeichen, deinen Eid zu halten?‘ Dabei hob er die gekreuzten Knochen hoch, vor dem sichtlich alle Feindlichen erschraken.
‚Du hast darauf gewartet‘, sprach Bertram, ‚deiner Niederlage wegen dich zu rächen. Selbst unser höchstes Zeichen der Versöhnung war dir nicht im Wege, einen Boten uns zu senden, euch im Frieden zu besuchen. Nun, wir sind friedlich hergekommen; denn die Waffen galten für den Weg und nicht für euch. Dazu sind wir Wenige. Unsere weißen Freunde‘, er meinte mich und Vilpart, ‚sind ahnungslos, was ihr für Friedensbrecher seid!
Wisse: dein Giftanschlag, um unsre Siedlung einzunehmen, mit der ihr sowieso nichts anzufangen wißt, außer alles zu zerstören, ist verfehlt! Unser Doktor, der ohne solches Zeichen‘, er hob es wieder hoch, ‚allein von seinem Gott, mit dem er oft verkehren kann, es im voraus ersah, was du gegen uns im Schilde führtest, gab uns eine Medizin, die dein arges Gift zunichte macht. Daß wir entgegen jeder friedlichen Gebärde wenig tranken, mußte es dir sagen, daß unser Doktor dich durchschaute, ich auch, noch ehe wir die Reise hierher angetreten hatten.
Ich nahm dein Zeichen mit, um es dir vorzuhalten. Aber mehr: Wir hatten aus der weißen Garnison Besuch, viele Männer. Die sind uns nachgefahren. Die Soldaten haben euren Ort umstellt, und bloß ein Geringstes, was du gegen uns zu unternehmen wagst, kostet dich das Leben und allen deinen Leuten!‘
Eine Kompanie Soldaten drang schon vor, die Gewehre schußbereit. Willmut hatte mit dem Obersten vereinbart, nur in höchster Not zu schießen, um ein Blutbad zu vermeiden und den unfriedfertigen Stamm zu zähmen. Das war gelungen. Wieder ein Beweis, wie Willmut mit Gottes Ewigem Licht verbunden ist.
Er nahm das Amulett, an das die meisten Neger glauben, hielt es in der Form des Christenkreuzes hoch und sprach: ‚Häuptling, schwöre bei dem Zeichen, endlich Frieden einzuhalten! Du hast abermals erlebt, daß ich vorher alles weiß. Merke noch: es kann geschehen, ihr werdet alle krank. Wer soll euch alsdann helfen, wenn nicht ich in meinem Lazarett?‘
Der Oberst der Soldaten polterte los: ‚Wagt ihr noch einmal, die unter unserm Schutze stehende Siedlung anzugreifen, dann ist‘s um euch geschehen!‘ Willmut mochte nicht dawiderreden, weil wir die Hilfe der Soldaten brauchten, die äußerliche. Denn auch diese sendet Gott. Ich habe ähnliches zu oft erlebt.
Die Kompanie begleitete uns heim. Bertram zwinkerte mir zu: ‚Paß auf, da tut sich was!‘ Ich dachte an den weiteren Schutz. Aber es kam anders. An der Tafel sprach der Oberst: ‚Herr von Wanger, Sie sind weit und breit als ein berühmter Arzt bekannt. Was ich bisher aber niemals glaubte, wurde mir an diesem Tag bewußt. Sie sind ein Friedenscäsar, der ein Imperium leiten kann. Mag man mich belächeln, das tut nicht weh; mir kommt nämlich vor, daß Sie — nun ja — über Ihren Glauben und Ihren Bertram hat man in der Garnison gelacht. Jetzt bin ich belehrt. Es gibt wirklich Dinge, die man auf keinen materiellen Nenner bringt.
Ich hätte diesen Stamm, der uns öfter Unbequemlichkeiten machte, gern kassiert, wenn Sie nicht zuvor mir eingetrichtert hätten, daß mit Nachsicht vielmehr zu erreichen wäre als mit Pulver und mit Blei! Na prosit — dieser Stamm wäre heute aufgerieben worden, zumal ich von der hiesigen Regierung die Erlaubnis hatte. Die Burschen sind verschlagen und somit eine ständige Gefahr. Ich . . .’ Willmut unterbrach den Obersten:
‚Verzeihen Sie, wenn ich . . .‘ ‚Geschehen‘, winkte jener ab. ‚Man wird nicht mehr rebellieren, der Hinweis auf die Krankheit hat sie erschreckt. Ich tu‘ das niemals gern. Mit Androhungen bessert man die Leute nicht! Manchmal ist es angebracht, will man es im guten Sinne tun. Sagt man es im bösen Sinn, so erweckt man Widerstand und Groll, was mehr Schaden bringt, als der Handel Wert besitzt. Ich meine hier den ethischen.
Sie, Herr Oberst, haben nun erlebt, wie man mit Glauben, mit der Menschenliebe handeln soll: Damit ist dann ein Imperium zu gewinnen — das der Seele! Sie haben unter Ihren Leuten manchen, der heimlich seine Hände faltet, nur dürfen sie nichts merken lassen. Wenigstens ein Glück, daß das Kirchengehen nicht verboten ist. Die es tun, werden allzu oft gehänselt.
Sie können dieses Übel bannen. Schließlich darf ein jeder Mensch sich selbst das ‚Brot des Lebens‘ holen: Gottes Wort, den Glauben, mit dem ein Friede zu erreichen und auch zu bewahren wäre, der die gesamte Menschheit, die in einem Chaos steht, erretten würde. Im gewissen Umfang, obzwar im kleineren, geht über wahrhaft Gläubige die Rettung aus. Doch für die gesamte Menschheit — ?
‚Sie haben recht, Friedenscäsar‘, unterbrach der Oberst, und ich staunte, in welcher kurzen Zeit sich einer wandeln kann, noch dazu bei den Soldaten. ‚Die Übeltaten greifen ärger um sich als die Pest im Mittelalter. Ist ein Übler hinter Schloß und Riegel, stehen schon zehn andere auf. Nun glaube ich: nur die Religion kann noch die Menschheit retten. Freilich — Sie verzeihen mir ein offenes Wort, Herr von Wanger, weil Sie doch selber Priester sind: Was bieten uns die Kirchen an?
Ich dachte über manches nach und kam zu keinem Resultat, weil es zuviel Widersprüche gibt. So nur einer: Man predigt einen Gott der Liebe, Der dem die ewige Seligkeit verheißt, der an Ihn glaubt und seine Feinde liebt. Auf die Feinde greife ich zurück. Übeltäter und die Gottesleugner sind doch Gottes Feinde; und von denen lehrt die Kirche, Gott verdamme sie in Ewigkeit.
Wo bleibt dann Seine Feindesliebe? Man nennt Ihn den Barmherzigen und zu gleicher Zeit den Gnadenlosen. Solches machte mir die Religion zu einem menschlichen Gewächs, das die Weltmächtigen der früheren Jahrhunderte benutzten, um die Armen, die von ihrer Weltherrschaft Geknechteten, völlig in der Hand zu haben.
jetzt ist man aufgewacht. Die Fehler waren abzustellen, wenn man kirchlich einen Mut dazu besessen hätte, da man den alten Fehlermachern nachgehumpelt ist. Die Heutigen sind nicht verantwortlich für das, was die Früheren aus ihrer Gnadenlosigkeit als ‚heiliges Mittel zum Zweck‘ zum festgefrorenen Dogma machten. Doch den Heutigen ist anzurechnen: Festhalten am unhaltbar Gewordenen und der eingeführten Widersprüche in der Bibel, im Wort Gottes, von dem ich glaube, daß GOTT kein Dogma kennt.
Natürlich ist es schwer, das gesamte Dogma aufzuheben, nur sollte man es reinigen, die dürren Äste und die Wucherung beseitigen. Das wäre möglich. Oder nicht? Ich bin nicht kundig, um der Kirche einen Rat zu geben.‘ Dabei lächelte der Oberst vor sich hin. Willmut drückte ihm die Hand.
‚Ich, selbst ein Priester, kann gleichfalls keinen Rat erteilen. Das heißt: ich habe es getan. Weil ich bloß ein Kleiner bin, hat man mein Bedenken nicht erwogen. Immerhin – man befaßt sich schon damit, das Kirchentum zu reinigen. Es geht bloß langsam und das muß den Kirchenführern gutgeschrieben werden.
Gläubige und Ungläubige würden bei einer plötzlich umfassenden Erneuerung, womit viele alte Thesen auszumerzen wären, sagen: Da seht die Kirche, die die Unfehlbarkeit durch Jahrhunderte für sich in Anspruch nahm, die begnadigte und verdammte, sie muß jetzt ihren Irrtum einbekennen. Man braucht gar nichts mehr zu glauben. Wer soll uns denn die Wahrheit bringen — ?
Dieses Argument zerbräche vielen echten Glauben. Allein — Gottes Wahrheit bliebe unberührt! Wer nicht nur ein Kirchengänger ist, der würde eine Religions-Erneuerung begrüßen und unterstützen. Ich wage sogar zu behaupten: gerade dadurch würde unsere oder jede andere christliche Gemeinschaft auf der Welt erwachen. Gott würde dies besonders segnen, daß die gesamte Menschheit von allen ihren Übeln auferstehen könnte.‘
‚Kann es, soweit kommen? Ich glaube nicht daran.‘ Der Oberst war direkt betrübt. ‚Auch ich glaube nicht daran, was als umfassend zu bezeichnen wäre‘, gab ihm Willmut recht. ‚Was aber wissen wir von Gottes Wegen? Was ahnen wir von Seiner Herrlichkeit, die sich immer anders offenbart, als wir Menschlein dies erwarten oder wünschen? Als Heiland gab Er kund: „Die Welt vergeht!“, womit Er ebenso die Erde wie die Menschheit, die Materie meinte.
Die Materie ist vorübergehendes Produkt, um den gesamten Abfall auszumerzen. Gemerkt: das, nicht die Üblen! Gott hat Sein Golgatha der Übeltäter wegen dargebracht. Kann ein Gottesopfer jemals ohne hehre Folge sein?! Er betonte es: „Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht“, und Er rief die Schafe beider Ställe heim!
Was gilt Gottes Wunderherrlichkeit die kleine Welt, wenn sie auch die Trägerstelle der Erlösung ist? Was sind Ihm unsere Zeiten? Er kann schaffen, was Er will! Muß Er tun, was wir für gut befinden?
Sind wir, der Materie Verhaftete, fähig, das göttlich Gute zu erkennen und danach zu tun? Wir sind es nicht, nicht in jenem Maße, dessen Prädikat die GÜTE ist!
Doch man kann dem Guten dienen, insoweit man den Geist, von GOTT empfangen, walten läßt: die Vernunft, die Stimme des Gewissens, das Ewige Licht! Rückt man die Vernunft ins Vorfeld des Bedenkens, tötet man die Stimme des Gewissens nicht, so kann jeder eine Rettungsinsel sein, zu der die Schiffbrüchigen der Materie gelangen, mit Gottes herzlicher Barmherzigkeit.‘
Da stand der Oberst plötzlich auf und sprach tiefbewegt: ‚Herr von Wanger, Sie sind eine solche Rettungsinsel und ich — ich durfte heute auf ihr landen!‘ Danach ging er rasch hinaus, sammelte die Kompanie und fuhr davon, ohne sich zu wenden. Gewiß suchte er bloß seine Tränen zu verbergen.
Auch wir gingen still davon, Vilpart gestand mir noch: ,Nun weiß ich‘s auch: ich durfte zu der Rettungsinsel schwimmen, obwohl die Wogen meiner armen Seele mich in ihren Abgrund ziehen wollten. Beinah wäre ich ertrunken. Und nun — ‘ Wie unser Oberst ging er rasch hinaus. Das war ein Tag unter
GOTTES EWIGEM LICHT !“
Roberto schweigt ein Weilchen. Alle sind bewegt, als hätten sie das miterlebt, Marita sagt: „Den Oberst hätte ich geküßt.“ „Auch als meine Braut?“ fragt Ernestino. „Ein Ehrenkuß wäre es gewesen, oder — freilich lieber Onkel Willmut.“ Der Vater schaut auf seine Uhr. „Hm, bald Mitternacht. Bist du müde, Roberto?“ „Es geht. Darf ich morgen meine Arbeit schwänzen, so will ich noch erzählen, was als Folge jenes Tages gilt.“ „Wer ist einverstanden?“ Beocana sieht auf seine Frau, die im Sessel sitzt, als wäre sie nach gutem Schlaf erwacht. Sie nickt ihm zu: „Ich höre weiter.“ Roberto streichelt ihre Hände und erzählt:
„Nach zwei Wochen kam die Botschaft: Willmut, Vilpart, Bertram, ich und wer mitkommen will — wurden von dem Oberst eingeladen. Er bat sich einen Sonntag aus. Das war eine Freude! Am liebsten wären alle Neger mitgekommen. Willmut wählte Bertram, Carol, zwei Pflegerinnen und einen Assistenzarzt aus, der sich dem Glauben zugewendet hatte, Lazarett und Siedlung konnten nicht allein gelassen werden. Das sah jeder ein und gab es keinen Neid bei denen, die zu Hause bleiben mußten.
‚Wir muten unserm Oberst eine Invasion nicht zu‘, sagte Willmut. Der zweitnächste Sonntag wurde vorgesehen. Die Boten fuhren heimlich grinsend fort, was mir eigentlich zu denken gab. Na, es gab auch eine Überraschung, die selbst einen Willmut beinah umgeworfen hätte. Der Sonntag kam.
Wir brachen sehr früh auf, es war noch Nacht. Wir hatten mit den Jeeps zwei Stunden Fahrt, weil es bis zur Garnison eine ziemlich gute Straße gab. ‚Weg‘ muß man sagen. Immerhin, er ließ sich leicht befahren. Wir trafen ein, als ein Weckruf die Soldaten alarmierte. Der Oberst begrüßte uns sehr freundlich, und auch die uns noch unbekannten Offiziere gaben sich sehr freundschaftlich. Das Kasino war festlich vorbereitet worden.
‚Da staunen Sie, lieber Doktor!‘, rief der Oberst und befahl, daß aufgetragen würde. Ich muß schon sagen: das Frühstück war perfekt. Das war die erste Überraschung, dann folgte eine zweite und noch eine dritte. Ja, wir staunten alle, Willmut auch. Vor der Kaserne war die gesamte Mannschaft angetreten, in Schmiß.
Willmut mußte mit die Front abschreiten. Gegen zehn Uhr dortiger Zeit marschierten die Soldaten geschlossen in die Kirche. Sie ist herrlich eingerichtet. Obzwar katholischen Eigentums, durften doch die Evangelischen darin ihre Gottesdienste halten. Sie sind eine Minderheit und können sich kein eigenes Gotteshaus errichten, Ich fand das fabelhaft.
Die Priester beider Konfessionen kamen, auch der Bischof war zugegen. Er begrüßte uns, Willmut besonders herzlich und sprach: ‚Der Herr Oberst hatte mich gebeten, verehrter Herr von Wanger, daß Sie heute einen Gottesdienst für die Soldaten halten. Zivilisten sind auch genug vorhanden. Die Kirche ist zum Bersten voll. Erlauben Sie mir, daß ich neben Ihrem Pastor zelebrieren darf? Und Sie, Herr von Wanger, übernehmen dann die Predigt.‘
Willmut wehrte ab: ‚Ohne jede Vorbereitung, Eminenz? Ich bin nur Missionar und . . .‘ Da fiel der Oberst ein: ‚Sie werden zeigen, was Sie können! Einer, der mich an einem Tage umgewandelt hat, braucht keine Vorbereitung. Überdies — ein Teil meiner Truppe ist dem Befehl zur Kirche gern gefolgt, der andere muß erst heute angesprochen werden. Das — na ja — wir werden sehen.‘
Da veränderte sich Willmut, so daß der Bischof stutzte. Es war wie ein Glanz, der ihn umschwebte, und Bertram nickte mir bestätigend zu. Indem fingen alle Glocken an zu läuten und ein paar Nachzügler stürzten förmlich in die Kirche. Uns waren vorn im Schiff die Plätze reserviert, während Willmut mit den mitamtierenden zwei Priestern die Sakristei betrat. Eine gute Orgel war vorhanden und der Organist verstand sein Fach.
Trotz der großen Menge war es still, als ob Herrliches geschehen würde. Viele sahen vor sich hin, manche falteten die Hände, andere sahen still nach vorn, als der Bischof und der Pastor, Willmut in der Mitte, dem man ein Ornat geliehen hatte, vor den Altar traten. Die sonst streng katholische Zeremonie ward vom Bischof bestens abgewandelt, so daß jeder Glaubensteil auf seine Kosten kam. Dann jedoch die Predigt!
Unmöglich, sie zu wiederholen! Der Bibeltext, der auf das Gebet des Priesters und des Arztes paßte, war jener: ‚Kommet her zu Mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. ICH will euch erquicken!‘
Eine Weihe griff an jedes Herz; die Sprache, dieser volle weiche, ernste Ton war ein Hineinfassen in das Tiefste aller Seelen.
Der Bischof sah zur Kanzel, auf der Willmut stand, ein Prophet aus längst vergangener Zeit. Hie und da hörte man ein Schluchzen mancher Frauen, das Räuspern mancher harter Männerkehlen; und die Priester, die versammelt waren, sahen voll Verwunderung auf ‚jenen Mann‘, der mit einer Gottesstimme seine Predigt hielt. Ach, es war gar keine Predigt, sagte nach dem Gottesdienst der Bischof, der den Schluß der Feier übernahm. Seine Worte waren:
‚Heute ist GOTT bei uns eingekehrt und hat Selbst gesprochen! War es auch ein Menschenmund, der das Schönste aller Heilandsworte uns verkündete — GOTT hat durch ihn gewirkt, GOTT hat gezeigt, daß Er noch immer bei uns Menschen ist und Sich wirklich offenbart. Wir wollen Gott, dem Höchsten, dafür danken.‘
Es wurde ein Gebet, spontan aus Priesterherzen aufgestiegen über uns hinweg zu Gottes Thron. — Wenig ist‘s, was ich hiervon zu sagen weiß. Man muß es selbst erleben und nie werde ich den Tag vergessen, an dem ich Willmuts Gottesworte hören durfte.
In der Sakristei wurde Willmut — was der Bischof ganz bestimmt zum erstenmal tat — umarmt und sagte wörtlich: ‚Es war ein Himmelszeichen, Ewiges Licht, das uns heute überflutet hat. Wie bin ich froh, weil es hierorts eine Kirche gibt. Wohl meine ich das Haus, aber mehr das innere. Mir ist so, als hätte unser Herrgott meine Kirche, der ich vorzustehen habe, heute Selbst geweiht.
Es kostete großen Kampf, als ich vorstellig wurde, die Evangelischen brauchten einen Ort für ihren Gottesdienst. Endlich wurde es erlaubt, meine Kirche freizugeben. Damals tat ich es zum Zeichen, wir Katholiken wären tolerant. Heute bin ich überzeugt, daß dies eine Gottesführung war, und ich werde öfter kommen, wenn die andern Glaubensbrüder ihre Dienste halten.‘
‚Das will ich auch, Ehrwürden, wenn Sie es erlauben‘, sagte unser Prediger. Solch wundersame Harmonie zwischen beiden Kirchenteilen, die so schwer zusammenkommen, bleibt gewißlich eine Seltenheit. Doch gerade diese gibt den größten Lichtstrahl ab und Willmut sagte später, er glaube, es käme noch zur Einigung, mindestens zu jener Toleranz, daß jeder ‚an des andern guten Glauben glaubt‘. Wörtlich so gesagt.
Doch Weiteres von unserm Aufenthalt. Alle, die den Gottesdienst besuchten, warteten vor der Kirche auf uns, auf Willmut. Als er kam, knieten viele nieder; und es war auch so, als ob sie abermals gesegnet würden. Der Bischof hob nicht seine Hände, wie es das Ritual verlangt. Willmut tut es nie, denn das wäre ‚Gottes Sache‘ und bedürfe keiner menschlichen Gebärde.
Als wir zum Kasernenvorplatz kamen, standen die Soldaten wieder aufgereiht. Ein Zeichen und sie durften gehen. Da kam mindestens die Hälfte und baten Willmut um ein Wort. Kein Wunder, für jeden fand er einen Spruch. Wir hörten später, immer mehr Soldaten gingen sonntags in die Kirche. An der Mittagstafel wurde lebhaft diskutiert. Bei der Abfahrt sagte noch der Bischof: ‚Herr von Wanger, ich danke Ihnen sehr! Nur das Wenige sei bekundet, aber es sitzt tief in meiner Brust. Bin ich einmal krank, dann soll man mich zu Ihnen bringen.‘ Das war ganz ernst gemeint.
Als wir die Jeeps besteigen wollten, waren sie mit vielen Gaben überfüllt. So brachten uns Soldaten heim, die vollen Kutschen hinter uns einher. Das war anderntags noch eine Extrafreude, als jeder ein Geschenk bekam. Ja — so etwas muß man erleben, dann erst weiß man, was unser Weltweg zu bedeuten hat.“
„Es ist spät, laßt uns schlafen gehen“, mahnt die Mutter. „Ich bringe Fräulein Kingtown heim“, erbietet sich Roberto. „Sie sind müde“, wehrt sie ab. Sie hätte gern bejaht, sie liebt ihn ja seit damals, von Wanger heimlich angerührt. Heute gab er ihr so viel, während des Erzählens hat sie ihren Lebensweg bedacht, wieviel sie umzulernen hätte, um auch — —
Er unterbricht den Gedanken. „Ich bin nicht müde. Kann ich deinen Wagen haben, Papa? Meiner . . .“ „Kannst du; deiner ist in Ordnung, ich ließ ihn fertigmachen.“ „Danke, heute nehm‘ ich deinen.“ Der Abschied von dem Mädchen ist sehr herzlich und Marita meint: „Sie sind wie eine liebe Schwester, wollen wir in Zukunft welche sein?“ „Oh!“ Etwas zögernd kommt es aus Irinas Mund. Sie gehört nicht zur Familie. ‚Noch nicht‘, ist‘s wie eine leise Stimme. Oder war dies bloß ihr Wunsch — —
Auf der Heimfahrt sind die jungen Menschen stumm. Beim Abschied küßt Roberto ihre Hand. „Darf ich Sie Irina nennen? Und — darf ich einmal eine Frage stellen?“ Stets bewußt, in welchem Rang sie sich befindet, zieht das Mädchen ihre Hand zurück. „Fragen Sie erst Ihre Eltern, dann — “ Sie schlüpft schnell ins Haus. Hm, kann ich machen, nimmt sich Roberto glücklich vor.
Der andere Morgen. Es ist eine Stunde später, als der Chef mit beiden Kindern die Fabrik betritt. Sogar Irina hatte sich verspätet und bekam vom Bürovorsteher einen Rüffler, obwohl sie ihm nicht untersteht. Sie nimmt‘s gelassen hin. Recht hat er da, der alte Griesgram. Doch sie war so müde und es war schon zwei Uhr nachts, ehe sie im Bette lag.
„Wo ist der Chef?“ fragt Canncia. „Eine Wirtschaft ist das jetzt! Wenn ich nicht alle Augen offenhalte, dann . . .“ „. . . gehn die Werke pleite! Guten Morgen allseits.“ Beocana war unbemerkt gekommen und hatte alles mitgehört. „Damit wir uns verstehen, Herr Canncia: Wenn sich der Chef aus einem Sondergrund verspätet, müßte ich Sie um Verzeihung bitten?“ Die Ironie versetzt Canncia einen Magenschlag. Ausgerechnet! Er dienert tief.
„Verzeihen Sie, Herr Beocana, Sie waren nicht gemeint. Fräulein Kingtown . . .“ „. . . brachte gestern noch die Post und sie blieb bei uns. Wir feierten die Heimkehr meines Sohnes.“ „Oh, der Junior ist zurück? Meinen Glückwunsch!“ „Sie können ihn hernach begrüßen. Ah, eines noch“, wird Canncia zurückgehalten, der enteilen will, „meine Sekretärin ist nur mir verantwortlich, sie braucht von keinem einen Rüffler, wie Sie anzubringen wußten.“
Hinaus ist er, blau im Gesicht. Der Lehrling schlendert durch den Korridor. Canncia keift: „Hast du keine Beine? Verflixter Bursch!“ Wie oft, will er den Jungen strafen. Wieder hat er Pech. Roberto taucht gerade auf. „Hier gibt‘s keine Prügelknaben, Herr Canncia! Überdies — guten Morgen. Wie geht es Ihnen? Ist alles in der besten Ordnung?“ Er wendet sich dem Kleinen zu. „Ich nehme dich in mein Ressort; magst du das?“ Verlegen nickt der Junge.
„Wann hat er ausgelernt?“ fragt Roberto den Bürovorsteher. „Im nächsten Monat, Juniorchef.“ „Dann klappt es ja.“ Jede einzelne Büroabteilung atmet auf. Der Junior ist da, mag der Griesgram also zanken. „Master“, sagt der Junge, „ich danke Ihnen! Wissen Sie, Herr Canncia . . .“ „Schwamm! Warum sagst du ‚Master‘?“ „Das habe ich in einem Buch gelesen und nahm mir vor, Sie immer so zu nennen.“ „Dann tue es, hoffentlich wirst du nicht ausgelacht.“ „Das schadet nicht, ich lache dann zurück.“ Eine zeitlang war Roberto ‚Master‘.
Man ist begeistert, als man die Bilder aus dem Busch betrachten darf, die jungen Chefs zwischen Löwen und den Elefanten. Ein alter Meister sagt: „Dunnerlitzchen, Marita und der Junior! Da lacht mein altes Herz.“ „Hätten Sie sich das getraut?“ fragt ein Schlosser. „Ne, mein Junge, hätt‘ ich nicht! Du vielleicht?“ Der schüttelt nur den Kopf. Auch Canncia beschaut die Bilder. Insgeheim bewundert er die Kinder Beocanas, tut aber nebenher: „Der Wärter und auch der“, ‚komische‘ schluckt er hinunter, „Arzt sind ja dabei, da konnte wohl auch nichts passieren.“
Der Meister, auf den Beocana große Stücke hält, stichelt: „Haha, Sie hätten trotz der Wärter nicht den Mut besessen, sich zwischen Löwen hinzusetzen, als wären es zwei zahme Kätzchen.“ Canncia geht wortlos fort. So ist‘s, wenn einer bei den andern Mängeln sieht, bei sich selber aber nichts, der verliert die Achtung und die Freundschaft seiner Nächsten. Es mag als Beispiel gelten, wie man niemals handeln soll.
Zwei junge Paare fanden sich: Roberto und Irina, Marita und der Ernestino. Sie haben sich erbeten, an einem Tag getraut zu werden. Wanger depeschiert, er käme und wolle beide Paare trauen. Dem Ersuchen an die Kirche wurde stattgegeben. Beocanas Werke stehn an diesem Tage still, die Belegschaft darf mit feiern. Wie sehr solch gute Handlung Segen bringt, soll der Chef in Zukunft merken. Noch mehr das, was am nächsten Tag geschieht.
Vier junge Menschen, glaubensfroh, die Gemeinsamkeit aus Gottes Händen nehmend, knien sie vor dem Altar, an dem ihr bester Freund amtiert. Auch Fallangos Eltern sind gekommen und erfreuen sich am Glück des Sohnes. Für sie gibt‘s eine Wandlung. Sie gehörten zu den Lauen, die zwar Gott nicht leugnen, aber keinen ‚Herzensbund‘ besitzen. Die Predigt rührt sie mächtig an.
Das Nur-Ritual wird von Willmut Wanger weise übergangen. Man hört nur seine Stimme. Erst spricht er allgemein, wie bitter nötig es die Menschen hätten, sich der Gottesführung hinzugeben, alles „aus des guten Vaters Händen nehmen“, und über aller Wege strahlte dann das Ewige Licht!
„Das, ihr jungen Leute, die ihr euch gegenseitig anvertraut, Hand in Hand das Leben meistern wollt, das könnt ihr täglich euch von Gott erbitten. Es ist nicht leicht, ‚auch Leiden zu ertragen; denn wäre unser Leben purer Sonnenschein — niemand würde jenen Weg des Lichts beschreiten, der zu Gottes Vaterherzen führt!
Euch kann mancher Sturm erschrecken, manche Sorge kann an eurem Lager stehn. Wisset ihr, daß die Prüfung eure Seelen stählen, euch glaubenstreu erstarken lassen soll, so läßt sich alles überwinden. Wie hinter dicksten Wolken doch die Sonne scheint und sie vorhanden ist, nicht anders steht ‚Das Ewige Licht‘, als Gottes Vaterliebe, hinter allem Ungemach der Welt!
Das, ihr jungen Paare, festgehalten, und ihr wandelt bis ans Ende eurer Tage treu und stark mit Gott vereint. ER führt euch an Seiner Hand, ER segnet eure Wege, ER hilft euch allezeit. Was ihr Gutes tut an euren Nächsten und den Armen, das tut ohne Lohn und denket nicht wie viele wähnen, es müßte euch nur Gutes widerfahren. Wer einen Lohn erheischt, der hat ihn schon im vorhinein vergeudet. Gott nimmt im Geben und Er gibt im Nehmen! Sein Wohlgefallen, Seine Gnade, läßt Er allen Kindern angedeihen im Himmel und im ganzen Weltenrund — im Geben und ebenso im Nehmen!
Denkt daran, Marita, Ernestino, Irina und Roberto, ihr geht nicht nur für euch den Weg. Ihr habt viel Verantwortung auf euren jungen Schultern liegen. Ein paar tausend Leute brauchen eure Hilfe, eure Liebe, brauchen eure Anleitung. Ihnen sollt ihr immer und in allen Stücken ein gutes Vorbild sein.
Bleibt auch euren Eltern treu, lasset sie in ihrem Alter nicht allein. Wenn ihr selber Kinder habt, so denkt daran, daß ihr dennoch Kinder bleibt. Das ist die gleiche Liebespflicht zwischen Ahnen, Kindern und den Enkeln. Wer das tut, dem baut sein Vater jederzeit ein Haus, und der Mutter Segen macht es hell.
Nun kommt! Vor dem Höchsten sollt ihr eure Einigung erhalten.“ Sie knieen nieder und der Priester steckt jedem einen Ring an ihre Finger, indem er vorher sie an seine Stirne hebt. Das ist so wundersam, ist wieder wie ein hehres Wehen. Marita und Irina weinen still. Das — oh — ist eine Weihe, so köstlich und so schön; ja, nur ‚ihr‘ Willmut kann so handeln.
Er gibt danach in kurzer Rede manchen Hinweis, nicht bloß für die Neuvermählten. Er betont des Lebens Freude und den Ernst, den Anfang einer Ehe, Richtung und den Lauf, gemeinsam zu vollbringen bis ins hohe Glaubensziel hinein. Das macht seine Worte wahr, dringt bis ins Tiefste ihrer Seelen und niemals werden sie vergessen, was sie als ein reichster Segen heute überkam. Die Belegschaft hat sich voll versammelt und zwei altgediente Meister leiten beide Paare zu den reichgeschmückten Wagen hin.
Die Gäste fahren in die ‚Meeresmuschel‘. Als Willmut kommt, küßt Marita ihn auf beide Wangen, was mehr als Dankesworte gilt. Irina fragt schüchtern: „Darf ich auch?“ „Freilich, liebes Mädel“, nickt Wanger. Von den Ehemännern wird er umarmt, Juanita küßt ihn auch und jeder schüttelt ihm die Hand, Wanger denkt: ‚Mein Vater, Der Du mir geholfen hast, den jungen Leuten einen guten Gang zu zeigen; ‚und daß andere auch mit eine Umkehr fanden, muß ich Dir noch extra danken.‘ Die Sprache seiner Seele ohne Worte.
Nebst den Intimsten danken Pedro und Juliane ganz besonders herzlich, sie mit Tränen in den Augen. Der Minister, um seine Rührung zu verbergen: „Ich möchte dir wie Pluto danken, trompetend, damit alle Welt erwachen würde, und dem ‚Licht‘, das du, Getreuer Gottes, für uns alle angezündet hast! Wie lange bleibst du denn? Du kommst doch mit zu uns!“
„Nein, ich muß schon übermorgen wieder fort. Nächstes Jahr habe ich dann Ferien.“ „Schade, ich — na ja, immerhin, drei meiner Herren sind sozusagen auf den ‚Geschmack‘ gekommen. Lache nicht, großer Arzt und Priester! Sie ließen sich bekehren und warten jetzt auf dich. Leider halt‘ bloß drei und keine Kirche voll“, klingt es recht bekümmert.
Willmut hakt ihn unter. „Freund, wenn es nur einer wäre, so wäre dieser wichtiger als eine ganze Welt! Jede Seele gleicht ja für sich einer Welt, einem Licht in Gottes großer Herrlichkeit. ER hat dein Tun gesegnet. Noch ist pure Neugier bei den dreien, mich zu sehen; also ist es gut, wenn sie noch ein Jährchen warten. Das dient zur Festigung. Brauchst es ihnen aber nicht zu sagen.“ „Wäre eigentlich ganz gut. Nun, ich denke, daß ich ihnen weiterhelfen kann.“ „Das gelingt dir ganz bestimmt!“
Es wird eine schöne Feier. Man ist ganz Ohr, als Wanger aus dem Busch erzählt. Zum Schluß, man dehnt die Feier nicht hinaus, dankt Beocana für „deine wunderbare Kirchenfeier, für dein Kommen, für alles, wie du in allem mir geholfen hast. Möge Gott dich lang erhalten zum Segen deiner Wirkungsstätte, für uns zum Segen, und daß du wieder zu uns kommen kannst.“
Der Missionar steht auf. „Liebe Neuvermählte, Freunde, Gäste, ich danke auch für eure Freundlichkeit, die mir allseits zugetragen worden ist. Mit einem reichen Herzen kehre ich zu meinen Schutzbefohlenen zurück. Lichtfreude will ich‘s nennen, daß vier junge Leute ihre Wege wandeln treu zu Gott, treu zu sich selbst. Ist sich jemand selber treu, so kann er es in allen Stücken sein. Welch gutes Lebensbrot, das sie sich erworben haben!
Doch auch wir Älteren sollten jeden Tag im Glauben wachsen, und seid gewiß: wer das tut, der ist ein Diener an der ganzen Welt! Man braucht davon nichts zu sehen, selten hängt‘s an der bewußten großen Glocke; aber es ist da — von GOTT gesegnet, Der am besten weiß, wie, wann und wo Er es als Segen offenbaren wird.
Mancher denkt, nur wenn etwas öffentlich geschieht, hat es einen Wert. Manchmal schon! Doch wie ein Samenkorn, verborgen und bedeckt, sich regt und keimt, ebenso das meiste unsrer Handlung unter Gottes Segenshand. Und wie das Samenkorn zu seiner Zeit das Land durchstößt und sichtbar wird, so und nicht anders jeder Lichtgedanke, jedes insgeheime Wort, jede zugedeckte Tat.
Je mehr man aus dem Äußeren ins Innere geht, um so mehr wird das Verborgene enthüllt. Das sind Gottes Wunderwerke im gesamten All. Wir wissen nur zu wenig von des Schöpfers Schaffen, wir übersehen noch zu viel, und die Köstlichkeit des Lichts geht uns zum Teil verloren. Wir, die wir Gott erkennen durften, wollen nun zuletzt an diesem reich gesegneten Hochzeitstag zur Freude unsrer jungen Paare uns erheben, ihnen nochmals alles Gute wünschen, das der Herrgott ihnen geben mag.
Euch, ihr jungen Paare“, Wanger nimmt vier Hände in die seinen, „wünsche ich von Herzen Gottes ‚Ewiges Licht‘; es erleuchte euch, es soll euer Tun und Lassen allzeit unter Gottes Gnadenborn behalten.“ Jeder hatte sich erhoben, und obwohl ein Glückwunsch schon geschehen war, allgemein wie üblich — ‚ jetzt findet jeder noch ein Herzenswort, angestrahlt von jenem reichen eines Priesters, welcher völlig mit dem Herrn verbunden ist.
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